Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle AttssteUnngs-Aachrichtett.
zwar nicht mit Unrecht, läßt sich also trotzdem einen ganz über
wiegenden Theil ihres Bedarfs an handwerksmäßig gebildeten
Arbeitern durch die Handwerker der kleinen Städte und Dörfer
des ganzen Landes ausbilden. Somit spart die Berliner Volks
wirthschaft hier ganz erheblich an Ausbildungskosten auf Rechnung
des Landes, und das mag für die Berliner Finanzmänner ein
gelinder Trost sein gegenüber dem Gedanken, das; Berlin einen
so überaus bedeutenden Theil der gesammten preußischen Stcuer-
summe allein aufbringen muß.
Vergleichsweise die meisten Lehrlinge haben die künstlerischen
Betriebe für gewerbliche Zwecke aufzuweisen sein Viertel aller Ar
beiter), demnächst der Maschinenbau, die Jnstrumentenfabrikation
und die Druckereien sein Sechstel der Arbeiter). Das sind über
wiegend größere Betriebe mit schwieriger Technik, bei denen sich
eine große Zahl von Lehrlingen rechtfertigt. Diese Zahlen geben
keinen Anhalt dafür, daß in den Berliner Handwerken allgemein
eine systematische ungesunde „Lehrlingszüchterei" zu Hause ist. In
einzelnen kleinen Specialbranchen und bei den kleinsten wirth
schaftlich zurückgehenden Betriebsgrößen findet sich dieser Mißstand
bekanntlich auch in Berlin, aber, nach der Statistik zu urtheilen,
doch durchaus nicht so allgemein, wie viele annehmen.
Die Berliner Arbeiter sind keine zusammenhanglose, rein
äußerlich zusammengewirbelte Masse, deren Vereinigung nur durch
ihr Arbeitsverhältniß und ihren Wohnsitz hergestellt wird. Sie
haben allgemein ein lebhaftes Gefühl von der Bedeutung ihres
Standes, den Wunsch, ihre Wichtigkeit für das Berliner Gewerbe
in ihren Arbeits- und Lohnverhältnissen immer besser zum Aus
druck zu bringen, und das Verlangen, sich nach Gewerben und
Anschauungen in feste Gruppen zusammenzuschließen. Daraus
ergiebt sich diejenige Seite der Berliner Arbeiterverhältnisse, die
am meisten an die Oeffentlichkeit tritt und die dem fremden
Beobachter vor allem in die Angen springt: ihr Vereinsleben.
Der weitaus größte Theil der Berliner Arbeiterschaft zählt sich
der „modernen Arbeiterbewegung" zu, die politisch in der Social
demokratie, wirthschaftlich in der Gewerkschaftsbewegung ihren
Ausdruck findet. Nur die letztere ist eine reine Arbeiterbewegung
und kommt in unserem Zusammenhange in Betracht. Die
Organisation der Arbeiter sindet in der Berliner Gewerk
schafts-Commission ihren Mittelpunkt, zu der nach dem letzten
Bericht die Arbeiter und Arbeiterinnen von 84 Gewerbezweigen
in öffentlichen Versammlungen dieser Gewerbe ihre Delegirten
wählen. Die Gewerkschafts-Commission wird von den Arbeitern
als ihre oberste Vertretung bei Lohnbewegungen, Aussperrungen,
Boycotts, Wahlen zu den Gewerbegerichten und ähnlichen Be-
wegungen anerkannt. Das Bureau der Commission gewährt
Rechtsauskünste und bearbeitet die gewerkschaftliche Statistik.
Für die Arbeiter jedes einzelnen Gewerbes besteht der Regel
nach eine gewerkschaftliche Organisation, die zwar bei
weitein nicht alle Arbeiter des Geiverbes umfaßt, aber doch einen
festen Stamm der rührigsten und einflußreichsten, die bei ein
tretenden Lohnkämpfen die andern leicht nach sich ziehen. 46 400
Männer und 3000 Frauen sind jetzt in Berlin gewerkschaftlich
vrganisirt, das sind von den beschäftigten Männern 13, von den
Frauen 2—3 auf Hundert. Diese 50 000 organisirten Arbeiter
sind mithin immer noch nur ein kleiner Bruchtheil aller, doch ist
ihre Zahl und ihr Einfluß gegenüber den früheren Jahren er
heblich gewachsen. Ane weitesten ist der Zusammenschluß in den
graphische» Gewerben, der Buch- und Papierindustrie, gediehen,
ivv er genau ein Drittel der Arbeiter umfaßt. Es folgen die
Holzindustrie mit einem Fünftel, die Metallindustrie mit einem
Sechstel, das Baugewerbe mit einem Siebentel u. s. u>.
Doch ist die Organisation der Gewerkschaften keineswegs
einheitlich. Auch die Berliner Arbeiter sind von dem Bestreben
nicht frei, immer gleich zwei concurrirende Einrichtungen in's
Leben zu rufen, wo gerade nur eine Einigung Erfolge erzielen
kann. Hier ist der größere Theil der Arbeiterinneu, gewöhnlich
als „Fachverein" bezeichnet, Theile von umfangreichen, ganz
Deutschland umfassenden Organisationen des Gewerbes. Die
anderen, die sich gern „Freie Vereinigungen" nennen, sind lokale
Organisationen und bekämpfen die bei den ersteren durchgeführte
Centralisirung. Früher hatten die ersteren in der Streik-Control
Commission (der Vorgängerin der Gcwerkschafts-Coinmissio»), die
letzteren hauptsächlich in dem Bauhandwerker-Cartel ihren Stütz
punkt. Jetzt ist mit Beseitigung des Cartels der Zwiespalt
äußerlich beseitigt, aber noch bei der Vorbereitung des demnächst
in Berlin tagenden deutschen Gewerkschafts-Congresses ist er
wieder zum Durchbruch gekommen.
Nebeir den Gewerkschaften besteht noch eine ganz lose Organi
sation der Gewerbe durch den „Vertrauensmann" oder, wie
man jetzt auf Betreiben der Frauenrechtlerinnen vollständiger, aber
nicht schöner sagt: „die Vertrauensperson". Diese „Person"
wird in öffentlicher Versammlung gewählt und tritt jedesmal in
Action, wenn in einer Sache das ganze Gewerbe, nicht nur die
Organisation, interessirt werden soll oder wenn durch Anschneidung
politischer Fragen ein Conflict mit dem Vereinsgesetz droht. In
politisch oder wirthschaftlich bewegten Zeiten sind solche Vertrauens-
Personen täglich mehrfach an allen Litfaßsäulen als Einbcrufer,
Referenten u. s. w. zu finden.
Neben den Gewerkschaften sind auch die Gewerkvereinc
unter den Berliner Arbeitern mit nicht unbedeutenden Zahlen ver
treten. Die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine schließen principiell
Socialdemokraten von der Mitgliedschaft aus. Sie zählen in ganz
Deutschland ca. 70 000 Mitglieder, zumeist Maschinenbauer, dem
nächst Tischler, Kanfleute u. a. Die Vereine treten öffentlich
entfernt nicht so hervor wie die Gewerkschaften, zeichnen sich aber
durch gute Einrichtungen für Arbeitslosen- und Wanderunter
stützungen und andere Hilfskasseneinrichtungen aus. Sie sind
auch in Berlin nicht unbeträchtlich vertreten, namentlich halten sich
Vorarbeiter, fiskalische Arbeiter und sonstige besser bezahlte An
gestellte gern zu ihnen.
Alle diese Vereine üben auf ihre Mitglieder einen ganz über
wiegend vortheilhaften Einfluß aus. Sie ziehen in ihren zahl
reichen Aemtern eine Menge von Arbeitern zu Verständniß und
Leistungsfähigkeit für die Thätigkeit in öffentlichen Angelegenheiten
und in behördlicher Verwaltung heran. Wer sich über die Berliner
gewerblichen Verhältnisse genau und unparteiisch informiren will,
der darf es nicht versäumen, den Arbeiterverbänden und ihren
Führern näher zu treten. Er wird sehen, daß in den Vereinen
allermeist die Leitung und der Einfluß in die Hände von etwa»
älteren, erfahrenen und über die Zustände ihres Gewerbes vor
züglich unterrichteten Männern liegt. Er wird in diesen Führern,
denen gleichzeitig auch die Verwaltung der Kranken- und Hilfs
kassen, der Arbeitsnachweise, sowie die Theilnahme am Gewerbe-
gericht zufällt, Leute finden, die von dem Bewußtsein der Wichtig
keit ihrer Stellung, aber auch von einem starken Verantwortlichkeits
gefühl und von dem Ernst ihrer Pflichten durchdrungen sind, den
wissenschaftlichen und technischen Studien über ihr Gewerbe ein
lebhaftes Interesse entgegenbringen und ihre reichen Erfahrungen
und Fachkenntnisse in gescheiter, klarer und objectiver Form
mittheilen, (Uebrigens wird der Ausstellungs - Besucher, der die
Berliner Jndustrieverhültnissc stndiren soll, die gleiche Einsicht und
das gleichartige Entgegenkommen auch bei den meisten Führern der
Innungen und Gewerbevereine und bei vielen Großindustriellen
finden, am wenigsten noch in manchen auf der Grenze zwischen
Handwerk ynd Fabrik stehenden kleineren Betriebe, bei deren In
habern der ungemein scharfe Kampf um's Dasein oft jeden Sinn
für das Gemeinsame und jede Neigung zu nninteressirter Höflichkeit
durch Arbeitslast und Mißtrauen erstickt hat.) In den Verkehrs
formen kann man zwischen den Gewerkschaftern und Gcwerk-
vereinlern bei eingehenden Studien einen bemerkenswerthen Unter
schied wahrnehmen. Die letzteren haben ein starkes Bestreben,
ihren Verband in der wissenschaftlichen und Zeitungsliteratnr
stärker betont zu sehen, und lassen deutlich merken, daß mit der
Untersuchung und Beschreibung ihrer Lage auch ihnen ein Gefallen
geschieht. Die Gewerkschafter dagegen finden es nur natürlich,
daß alle Welt sich mit ihnen beschäftigt, und ihr Verhalten läßt
deutlich, freilich in nicht aufdringlicher und für den Eingeweihten
in nicht unsympathischer Form, merken, daß sie der Meinung sind,
mit jeder ihrer Mittheilungen der Wissenschaft und Pnblieistik
eine» großen Dienst zu erweisen. Eine Rücksichtnahme ans diese
Eigenheiten kommt beim Herausholen näherer Mittheilungen sehr
zu statten.
Die Löhne und Lebensbedingungen der Berliner Arbeiter
waren in den letzten Jahren in Folge der gedrückten Erwerbs-
Verhältnisse allgemein heruntergegangen. Erst seit Jahresfrist bc-
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