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Periodical volume Nr. 74, 30. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Äusstellungs-Nachrichten. n 
Zu den interessantesten Gruppen im zweiten Saal ge 
hört die Vitrine der Wollenspinnerei A. F. Dinglinger, 
welche die V olle in allen Stadien der Zubereitung zeigt, 
zuerst die Roh-Wolle in ihren verschiedenen Arten und Ei 
genthümlichkeiten. Die holländische präsentirt sich lang, 
kraus and weiss, die serbische lockig, aber verfilzt und 
schmutzig gelb. Von der sehr schmutzigen Buenos-Aires- 
Woll? stiebt das reine gelblockige Haar der Yorkshire-Schafe 
angenehm ab. Beim Kämmereiproeess ist von diesen Unter 
schieden zunächst nn. noch in der sortirten Wolle etwas zu 
merken, die Kammzüge zeigen schon alle die gleiche, weiche, 
seidenartige Masse. Der Färbereiprocess weist dagegen wie 
der Unterschiede auf. Während die bedruckte Wolle weich 
und haarig bleibt, wird die gefärbte vollkommen glatt, auch 
die englische und französische Zubereitung weichen in ihren 
Resultaten bedeutend von einander ab. Die langen eng 
lischen Strähnen liegen ganz glatt, Faden bei Faden, die kur 
zen französischen sind rauh und augenscheinlich sehr weich. 
Bei der zum Verweben fertig gewickelten Wolle bemerkt man 
mit Erstaunen, dass gerade zu den dicksten Stoffen die fein 
sten Fäden benutzt werden. 
In derselben Weise wie Dinglinger die Wolle hat A. Her 
mann die Entwickelung und Behandlung der Jute vom Sa 
menkorn bis zum gehechelten Faden ausgestellt. Die Sei 
denspinnerei vonC. Jacques Nathansohn bringt die Seiden-* 
cultur durch den Eichelspinner, einen sehr schönen, gold 
braunen Schmetterling, zur Schau. Wagner & Wolfs füh 
ren die Verarbeitung der Baumwolle zu Watte vor. Die 
Berliner Jute-Spinnerei zu Stralau hat ihre Koje mit ge 
färbter und zu Teppichgarnen und fertigen Stoffen verarbei 
teter Jute gefüllt. Die farbenschöne Chenillensammlung 
der Gebrüder Rath sei gleichfalls nicht vergessen. 
Was von den ausgestellten Sachen sonst noch übrig 
bleibt, wendet sich mehr oder weniger an die Damen und 
man darf wohl kühn behaupten, die Damen werden ihren 
Beifall nicht versagen. Fleiss!ge Stickerinnen finden bei 
Baer & Sohn eine übersichtliche Auswahl aller zur Zeit ge 
bräuchlichen Stickgarne, von denen die neu eingeführte nor 
dische Wolle sich bald der allgemeinen Gunst erfreuen dürfte. 
Sie zeigt nicht nur hervorragend schöne saftige Farben, son-' 
dem giebt auch verarbeitet einen guten Stich. Junge 
Bräute und solche, die es werden wollen, (die letzteren über 
wiegen wahrscheinlich) mögen bei Seiht & Co. die Muster zur 
künftigen Ausstattung wählen. Die feinen Damastgedecke 
mit bunten Mustern dürften jedem Wäscheschrank zur Ziere! 
gereichen. Eine entzückende Baby-Ausstattung hat neben 
verschiedenen Kinderkleidern Felix Lande ausgestellt. Von 
letzteren sei nur eins hervorgehoben. Aus lichtblauem Tri 
cot hergestellt, hat es als Garnirung ein gelbseidenes lose 
über die Brust fallendes Westchen und hellblaue Band- 
rüschen. Was die Damen indessen bei der Gruppe von Ru 
dolf Glaubitz fesseln dürfte, ist ein vollständiges Wiirter- 
costüm aus bordeauxrother Wolle — gehäkelt. Das origi 
nelle Kleid hat durchaus modernen Schnitt: dicke Puff- 
ürmel und eleganten englischen Rock. Als Besatz dient 
schwarzer AVollkrimmer. Ein Krimmermuff und Mätzchen 
vervollständigen den schneidigen, für das Eis ganz unüber 
trefflichen Anzug. 
Ebenso elegante Wintertoiletten in Plüsch findet man 
bei Paul Salomon. Eine goldfarbige, mit braunem Pelz gar- 
nirte Strassentoilette ist geradezu entzückend; durchaus apart 
aber wirkt ein aus dunkel-lila gestreiftem Plüsch gefertigter 
Mantel mit doppeltem Kragen und breiter Watteaufalte. 
Ebenfalls für den Winter oder doch wenigstens für den 
Schutz bei kaltem Wetter haben Anton und Alfred Lehmann 
mit ihren Schlafdecken gesorgt. Von den vielen ebenso ge 
schmackvollen, wie winterlich molligen Mustern sei besonders 
ein imitirter Hermelinpelz erwähnt. Auch die mufflonartigen 
langhaarigen Decken in rosa und weiss oder hellblau und 
gelb sind sehr schön. 
Zu längerem Verweilen ladet wieder die Strumpfgruppe 
von Kühl und Norden ein. Wenn unsere Grossmütter sehen 
könnten, was aus ihrem einfachen, wollenen Strickstrumpf 
geworden ist, würden sie staunen. Die schwarz-roth changi- 
renden Seidenstrümpfe mit roth gestickten Tupfen sind noch 
sehr einfach,, eleganter scheint schon ein schwarzer. Strumpf 
mit eingewirkten goldgelben Oehrchen oder zart-lila Wein 
blättern und Trauben. Das letztere Muster erinnert an 
Spitzengewebe; in weisser Seide mit schwarzen Blättern ist 
es noch aparter. Wundervoll wirken schwarze Strümpfe mit 
Rosenguirlanden oder eingestickten Sternblumen; geradezu 
phantastisch aber sind solche mit Windenranken, deren Blü 
then mit Perlen und Flittern ausgestickt sind. Originell ist 
ein anderer schwarzer Strumpf, über dessen Spanne vier 
grosse buntschillernde Schmetterlinge ihre Flügel breiten. 
Bei Liebes und Zapp findet man sogar Strümpfe mit Malerei, 
karrirte Strümpfe und solche mit moireeartig gewirkten 
Mustern. Auch die kunstvoll durchbrochenen Ränder des 
vorigen Jahrhunderts tauchen wieder auf. 
Mehr dem Putz als den praktischen Bedürfnissen hat 
die Firma R. Kerb Rechnung getragen. Von all' den ent 
zückenden Nichtsen und Nichtigkeiten, die hier der Eitelkeit 
der Frauen schmeicheln, seien nur die köstlichen Sorties de 
bal hervorgehoben. Aus weisser, offener Seide, Wachsperlen, 
Schwanenpelz und Stickerei zusammengesetzt, wirken sie bei 
nahe märchenhaft. 
Dass die Berliner Shawles- Weberei hinter der berühmten 
persischen nicht zurückgeblieben ist, zeigen die Ausstellungen 
von Lange und Jacoby sowie Besser und Co., die in Wolle 
wie in Seide ganz prächtige Gewebe auszuliegen haben. 
Zum Schluss sei auch, noch die Vitrine von C. W. Oehme 
erwähnt, in der neben herrlichen Seidenplüschen sehr schöne 
seidene Velpelhüte und prächtige Sammetblumen den Be 
schauer anlocken. 
Der Niederösterreichische Gewerbe-Verein in 
der Ausstellung;. Die Wiener Gäste, welche etwa 120 
an der Zahl am Sonntag Abend um 9 Uhr 58 Min. in Berlin 
angekommen sind, um die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1890 
und einige grosse industrielle Etablissements unserer Reichs 
hauptstadt zu besichtigen, trafen Montag um 10 Uhr Vor 
mittags in der Ausstellung ein, wo sie von dem Empfangs- 
Comite in herzlichster Weise begrüsst wurden. Im Hör 
saal des Chemiegebäudes hielt Herr Commercienrath Kühne 
mann in warmen, herzlichen Worten die Willkommrede, in 
der er die vielfachen Beziehungen zwischen Deutschland und 
Oesterreich in politischer, gewerblicher und künstlerischer 
Hinsicht hervorhob und der Hoffnung Ausdruck gab, die 
Berliner Gewerbe-Ausstellung werde auf die Wiener In 
dustriellen einen guten Eindruck hervorbringen. In Ver 
tretung des erst heute eintreffenden Präsidenten des Nieder- 
östei\-Gew.-Vereins Ritter von Matscheko dankte der 
Verwaltungsrath des Vereins Herr Asphalt-Fabrik- 
Besitzer Schefftel herzlich für die liebenswürdige 
Aufnahme und betonte, dass — dem Rufe der Berliner In 
dustrie entsprechend — die Erwartungen auf’s höchste ge 
spannt seien; von vornherein seien alle Wiener überzeugt, 
an Neuheit und Grossartigkeit Unübertreffliches vorzu 
finden. —- 
Unter den Klängen der Musik begaben sich die Herren 
dann in das Haupt-Industrie-Gebäude, durch welches sie 
unter Führung der Gruppenvorstände einen Rundgang, 
machten. Besonderen Beifall fanden in der Bekleidungs 
gruppe die Pavillons der Firmen Gerspn, Hertzog, Dorndorf, 
Spindler, die Trachten-Ausstellung, die musterhafte Herren- 
Kleider- und Sport-Ausstellung von Herrn. Hoffmann etc. 
Nach etwa zweistündigem Aufenthalt verliessen die 
Wiener Gäste das Hauptgebäude und machten in zwei 
Extrazügen 1er elektrischen Rundbahn eine Rundfahrt bis
	        
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