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Periodical volume Nr. 74, 30. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
Bau- und Ingenieurwesen. 
[Abdruck untersagt.] 
II. 
Das stattliche Freihaus und der schmucke Ehrenhof der 
Baugruppe, die w ir vor wenigen Wochen schon in flüchtigen 
Linien gezeichnet haben, heute stehen sie in allen Theilen 
vollendet da, ein hübsches Beispiel dafür, was auch unter 
schwierigen Verhältnissen sich erreichen lässt, wenn tausend 
fleissige Hände sich zu gleichem Werke rühren. Trotz der 
wandelbaren Geschicke des Entwurfes, der- in allmählicher 
Ausreifung der Ideen im wesentlichen nach den Skizzen 
des Architekten Hermann Krause durch den Vorsitzenden 
der Gruppe III Regierungsrath Platz unter Mitwirkung der 
Architekten Kopp und Adlet zur Ausführung gelangte, 
ist eine unmuthige und vornehme, in sich geschlossene An 
lage entstanden, die den Vergleich mit anderen Gruppen 
sicher in keiner "Weise zu scheuen braucht. Den Ehrenhof 
umschliesst jetzt ein reiches Architektin bild, zu dessen bes 
serer Würdigung durch das Publikum eine directere Ver 
bindung mit der grossen Industriehalle und dem Haupt- 
portal sicher viel beitragen dürfte. —- 
„Wir hatten gehaltet ein stattliches Haus“, so können 
befriedigt alle heute singen oder sagen, die zu einem ge 
deihlichen Gelingen unter vielen 'persönlichen Opfern beige 
tragen haben. In geschicktem Auf bau und in malerischem Heize 
der Silhouette nimmt das Freihaus mit den offenen Ar 
kaden des anstoßenden Zierhofes die Kordseite dieser Anlage 
ein, während die Langseiten vortrefflich componirte Back 
steinarchitekturen kirchlichen Charakters nach Otzen’sehen 
Plänen bezw. eine geschickte Anlehnung an die prächtigsten 
m äikischen A r c h i t e k t uren des' Mittelalters (nach 
Skizzen von Krause) darbieten. Was hier in dem schön 
sten Ziegelmaterial unter Verwendung glasirter Formsteine 
•releisfcet wurde, ist mit vielem Danke hervorzuheben, weil 
fiese Arbeiten gerade in ihrer überraschenden Kunstform 
eine Eigenart, unserer Gegend sind und der grosse Auf 
schwung in dem gesummten Bauwesen Berlins zur Fortent 
wickelung diesei bedeutsamen Technik das meiste beigetra 
gen hat. — Lehnin und Stendal, Chorin und Tangermünde, 
das sind die sagen umworbenen Orte, an die man hier er 
innert wird. Und die Werke, die uns die vortrefflichen 
Steine formten, sind die Ullersdorf er, die Siegersdorfer und 
Andere. Auch die tüchtige Arbeit von Held und Franke 
ist rühmend zu erwähnen. Im Gegensatze hierzu finden 
wir eine Auswahl anderer ebenso schöner Materialen an dem 
Freihause selbst, wie beispielsweise die glänzende Verklei 
dung der Vorhalle mit geschmackvoll zusammengestellten 
Platten von norwegischem Marmor (R. Hankow), während 
C. E. Kelch den Belag des Marmor-Fussbodens übernommen 
hatte. Hierbei sei daran erinnert, dass unter dem Einflüsse 
Friedrichs des Grossen der Marmor seit der Erwerbung von 
Schlesien in unserer Baukunst eine sehr grosse Rolle spielte, 
so dass er im Xenon Palais und bei den Schmuck bauten des 
Parkes von Sanssouci bereits in grossen Mengen verwendet 
und unter Friedrich Wilhelm II. bei Errichtung des Mar 
morpalais durch Carl von Contard benutzt wurde. Seit 
dem sind auch andere Arten, wie der italienische, der bel 
gische und der tiroler Marmor sehr in Aufnahme gekommen. 
Bemerkenswerth ist ferner noch der Saalburger Marmor, 
von welchem in den verschieden gefärbten und geaderten 
Kantinen der Querhalle einige gute Proben gegeben sind. 
Marmor von schöner Färbung und interessanter Zeichnung 
bietet daneben E. Albrecht an dem Modell eines Hauptpfei 
lers der Hohenzollerngruft im neuen Dom, der bei tiefgrünem 
ernstem Grundton l-öthlichviolette und belle braungelbe 
Feldervertiefungen erhalten wird. 
Beim Eintritt in che feierlich wirkende Haupthalle des 
Freihauses legen sofort die glänzenden Säulenschäfte aus 
Stuckmarmor ein sprechendes Zeugniss ab für die Leistungen 
der Hauer’sqhen Werkstatt, während die Wandflächen und 
Pfeiler des stimmungsvollen Raumes durch A. Möller in 
fTeliolith ausgeführt wurden. Die Mosaiken des F’uss- 
Vns Ivan L Odorier), die in .wirkungsvoller Manier dort 
den Kaiserlichen Adler zur Geltung bringen, beweisen, wie 
sehr neuerdings das Mosaik in Aufnahme gekommen ist; ein 
fernerer Beweis dafür ist die Zunahme von Vertretungen der 
artiger Ateliers in Berlin, von denen hier wegen der schönen 
Arbeiten für die Gnadenkirche und KaiserWilhelm-Gedächt- 
nisskirohe vor Allem die Dortmunder Mosaikfabrik (Leist 
etet') genannt sei. Sie hat in der Längshalle der 
Gruppe III eine grössere Zahl von Skizzen für kirch 
liche und monumentale Zwecke ausgestellt, die durch! 
.Professor Vollmer, Baurath Schwedt teil und Maler 
Seliger entworfen sind. Die Wiederaufnahme echter 
römischer Thonmosaiken, wie sie dort angestrebt wird, 
hat zu bemerkenswerthell Versuchen auf dem. 
Gebiete der Fachbildung älterer Arbeiten geführt. — Dies 
Stücke werden mit Metalloxyden durch und durch gefärbt, 
dann bis zur Härte vom Topas gebrannt und durch neu eon- 
struirte Stoffmaschinen form gemäss zerkleinert. Für rei 
chere ornamentale und figürliche Theile werden diese 
dauerhaften Mosaiken von namhaften Architekten empfohlen. 
Aus Joh. Odorier»'s obenerwähnten Werkstätten gehen 
auch gute Glasmosaiken hervor, für deren Erzeugung in, 
eigner Weise seit einiger Zeit Wiegmann, Puhl und Wag 
ner in Rixdorf-Betlin (s. Gruppe VI) eine grössere Betriebs 
stätte eingerichtet haben. 
Sehen wir uns in. dem Freihause, an dessen Schwelle 
als besonderer Schmuck Bronzefiguren von tüchtiger Arbeit 
aufgestellt sind, etwas weiter um, so fallen die für die ästhe 
tische Durchwärmung des Raumes so wichtigen decorativeu 
Malereien der Wände (von Bodenstein) auf, sowie die far 
benreichen Glä.rfenster der breiten Schildbögen. Hier 
wie im oberen Geschoss sind mit grösseren Darstellungen 
mehrere Ateliers für Glasmalerei vertreten, von denen u. A. 
genannt seien: die Münchener Glasmalerei von M.Auerbach 
u. Comp., Didden u. Busch, mit einem Chorfenster für dieJ 
Garnisonkirche in Thorn, Spinn u. Sohn, E. Engel, Hugo 
Jaeckel (Spandau) mit dem Hauptfenster der Vorderfront, 
An Technik und Wirkung sind dieselben naturgemäß sein- 
verschieden, indem die einen der Farben und Formen der 
Renaissancezeit sich bedienen, andere dagegen moderner an 
klingen oder in der tieferen Kraft der alten ächten Töne dem 
gothischen Zeitalter nahe gehen. Darstellungen des ersten. 
Menschenpaares weck seht dabei mit der "Wiedergabe der An 
betung der drei Könige, mit grossen FiQ'ureii-Compositioneni 
und beachtenswerthen ornamentalen Theilen. 
Die Glasmalerei als solche ist bis um die Mitte dieses 
Jahrhunderts nur wenig hier gepflegt worden; Friedrich 
"Wilhelm IV. machte mancherlei Versuche, die decorative 
Ausstattung der Kirchen zu heben; seine Zeit war eine 
etwas schüchterne Vorläuferin der heutigen, und die Auf 
gaben für monumentale Glasmalerei blieben von beschränk 
tem Umfange. Als staatliche Anstalt besteht in Oharlotten- 
burg das Königliche Institut für Glasmalerei unter Direetor 
Bernhard, das im Schulgebäude, wie auch in der Heilige 
Geistkirche (in Alt-Berlin) mir. älteren Fenstern aus den Do 
men zu Stendal und Havelherg vertreten ist. Innerhalb den 
Baugruppe seihst hat sich die Firma Heinersdorf u. Comp, 
mit einer umfangreichen Auswahl figürlicher und ornamen 
taler Fenster hervorgethan, die den Hauptschmuck der Ein- 
trittshalle vom Hauptgebäude aus bilden. Die grösseren 
niehrtheiligen Fenster zeigen gute, kräftige Töne und eine 
geschickte Führung der Contouren. Hervorzuheben ist ein 
in der Farbe gut wirkendes Stiftungsfenster des Kammer 
herrn Grafen Griebenow und eine Auswahl tüchtiger Ent 
würfe, die auf einen erfahrenen und vielseitigen Künstler 
Schliessen lassen. Andere Aussteller für Glasmalerei sind 
alsdann noch u. A. J. Schmidt mit einer grösseren Com Po 
sition für dar. Treppenhaus der Villa Grisebach, L. Fessel, 
Böhme und R. Ganter. 
Die eigentliche Bau-Industrie für die Verarbeitung von 
Stoffen jeder Art zu Baueonstructionen hat in Berlin ganz 
rapide Fortschritte gemacht, sc dass die Stadt in Folge ihrer 
günstigen Lage für Verkehr und Verfrachtung eine Art 
Centrale für das ganze Reich zu werden im Begriffe steht. 
Auch das Freihaus bietet in .grosser Zahl neuere Construc-
	        
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