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Volume Nr. 72, 28. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle AussteHungs- Nachrichten. 
hell, sondern unheimlich voll, denn die Menschen umdrängten 
das Orchesterpodium, von welchem herab die „Karlsruher 1 * 
ihre M eisen ertönen lassen wollten. Doch endlich hatte ich 
denn auch hier einen freien Stuhl gefunden. Meine Um 
gehung war freilich keine sonderliche, obgleich ich kein 
„Streber“ bin und nur Grafen, Barone etc. um mich zu 
sehen wünsche. Aber eine Cigarre, welche mir eine Nach- 
kommin der „berühmten“ Strassburger zu sein schien, be 
nahm mir derartig die Lust zum Sitzenbleiben, dass ich 
schleunigst, noch bevor ein „Page“ an mich herangetreten 
war, meinen Platz verliess. 
Fast war ich aus dem Regen in die Traufe gekommen, 
denn eine alte Dame mit einem grossen Hörrohr hatte das 
Vergnügen, mich zu ihrem Nach,bar zu bekommen. Wohl 
hatten mich die beiden hübschen Nichten, denn etwas an 
deres konnten die Backfische neben der alten Dame nicht 
sein, über manches Unbequeme hinwegsetzen können, aber 
ich wollte doch schon wieder meinen eilenden Fuss weiter 
setzen, da ich mit dem Hörrohr nicht Bescheid wusste, die 
alte Dame mich aber fortwährend etwas fragte. Zum Glück 
für mich begann aber die Kapelle eine Ouvertüre, und Tante 
und Nichten verschwunden. Dafür aber war mein Nachbar 
zur Linken so liebenswürdig, mich mitten in der Ouvertüre 
um etwas Feuer zu bitten und den Versuch zu wagen, mich 
in ein Gespräch zu verwickeln. Das Letztere lehnte ich höf 
lichst ab, dem ersteren Wunsche entsprach ich. Aber mein 
Genuss an der Ouvertüre war hin, ich war wieder gestört 
worden. Dafür tröstete ich mich mit der folgenden Musik- 
Piece, deren Componist wohl den schönen Namen Ochs führt, 
trotzdem aber dem Worte „Nomen est omen“ ein böses 
Schnippchen schlägt. 
Im Stile der verschiedenen Componisten von J. 8. Bach 
bis R. Wagner wird das kleine Volkslied „Kommt ein Vogel 
geflogen“ vorgeführt. Es ist äusserst interessant, die ver 
schiedenartige Auffassung der grossen Tonkünstler zu be 
obachten, mir war dies aber nicht möglich, denn fortwährend 
traten Störungen ein. Dann kamen zwei junge Elegants 
und meinten wegwerfend, „solche Stücke solle er nur lieber 
nicht hier zu Gehör bringen“, dann nahten wieder zwei 
anscheinend Musikverständige, welche einander auf die 
Schönheiten des Musikstücks aufmerksam machten. Sogar 
zwei alte Matronen, denen man auf zehn Schritte die Kaffee- 
schwestern anmerken konnte, unterhielten sich ziemlich leb 
haft — aber nicht über Concert, sondern über die nächste 
Bummelfahrt in den Grunewald. 
Nun war meine Geduld erschöpft. Concert hin, Concert 
her, ich entfloh. Aber Zeit hatte ich trotzdem noch, Lange 
weile auch, deshalb setzte ich, mich hin und schrieb eine 
ungezwungene Plauderei aus Zwang, denn Müssiggang ist 
aller Laster Anfang. ' Hans Schacht. 
Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Die häusliche Krankenpflege und ihre zweck 
mässige Gestaltung. 
Die Krankenpflege ist eigentlich ein Amt des Arztes. 
Von Rechtswegen sollte jeder Kranke seinen eigenen Arzt 
haben, oder umgekehrt jeder Arzt nur einen Kranken zu 
ein und derselben Zeit behandeln. Unsere socialen Verhält 
nisse gestatten die Erfüllung dieser idealen theoretischen 
Forderung nur in den allerseltensten Fällen, bei sehr hoch 
gestellten oder vermögenden Leuten, die sieh, den Luxus eines 
„Leib“-Arztes gestatten können. Ans der anderen Seite 
aber z. B. in den Hospitälern, kommt ein Arzt immer erst 
auf eine sehr grosse Zahl von Kranken. Der Arzt kann also 
bei dem einzelnen Patienten immer nur einen geringen 
Bruchtheil der 24 Stunden des Tages verweilen. In der 
übrigen Zeit bedarf er der Vertretung. Die Umgebung 
des Leidenden, seien es Angehörige oder Wartepersonal, muss 
demnach in gewissem Maasse mit dem vertraut sein, was der 
Dienst aga Krankenbette erfordert, 
Wie gross aber im Publikum die Unkenntniss auch der 
elementarsten Begriffe der Krankenpflege ist, und was hier 
häufig noch für Fehler gemacht werden, das konnte man dem 
Vortrage, den Privatdocent Dr. med. Martin Mendel- 
söhn am Freitag in der Ausstellung hielt, entnehmen. So 
manchem Zuhörer und so mancher Zuhörerin wird ein kleiner 
Schimmer von der Grösse seines bisherigen Sünden-Re 
gisters aufgegangen sein. Schadet auch nichts, wenn nur 
die Predigt den Erfolg gehabt hat, dass dasselbe von jetzt an 
nicht weiter vermehrt wird. 
Gehen wir gleich, in medias res. Zunächst müssen wir, 
wenn in der Familie eine Erkrankung entsteht, uns fragen: 
Wohin mit dem Patienten P Da ist denn stets daran 
fest zu halten, dass das beste, hellste, grösste Zim 
mer für den Aufenthalt des Kranken gerade gut genug ist. 
Es ist dies durchaus nicht immer das Schlafzimmer. Gerade 
in den Berliner Wohnungen lässt ja bekanntlich dieser Raum 
an Licht und Luft sehr viel zu wünschen übrig. Noch besser 
ist es, wenn man über zwei nebeneinanderliegende Zimmer 
verfügen kann, von denen abwechselnd das eine als Kranken 
zimmer dient, während das andere gelüftet wird. 
Ohne weiteres ist indess auch das schönste Wohnzimmer 
als Krankenstube nicht brauchbar. Alles unnütze Polster- 
w v. r k, sowie Teppiche, Bettvorleger, sind unbedingt 
zu entfernen. Denn alle diese Sachen sind Staubfänger par 
excellence und stehen somit der Reinlichkeit im Wege. Für 
das Belegen des Fussbodens mit Teppichen könnte ja allen 
falls ein Grund sprechen: die Dämpfung der Schritte. Al 
lein diese kann ebensogut durch zweckmässiges Schuh,werk 
(Filzschuhe u. dgl.) erreicht werden. Auch Nippes Sachen 
aller Art sind herauszunehmen, da auch sie, ohne einen sonsti 
gen Sinn zu haben, nur als Staubfänger dienen. Ebenso 
sind die sonst so beliebten Hausthiere : Katzen, Schooss- 
hündehen, Vögel im Krankenzimmer von Uebel. Auf 
dem Lande ist es noch vielfach Sitte, Taubenzu dem Kran 
ken zu bringen. Die Leute glauben, dass dies zur Genesung 
beiträgt. Die Wissenschaft ist anderer Ansicht. 
Man darf nun aber auch nicht in das andere Extrem ver 
fallen, und das Zimmer zu einem kahlen und unfreund 
lichen viereckigen Kasten machen. Denn der ganze Ein 
druck, den die Umgebung auf das Seelenleben und weiter 
hin auch auf da «Wohlbefinden des Kranken macht, darf nicht 
unterschätzt werden. Die geringsten Kleinigkeiten sind, auf 
seine Stimmung von Einfluss. In der Unthätigkeit, zu der 
er verdammt ist, zählt er die Fliegen an der Wand, studirt 
jeden Fleck, stellt Betrachtungen über das Tapetenmuster 
an : er sucht sich auf jede Weise zu unterhalten. Eine fein 
fühlende Krankenpflege muss nun in zarter, unaufdringlicher 
Weise das Bemühen des Patienten, das ewige Einerlei 
zu bekämpfen, unterstützen. Man sorge dafür, dass sein. 
Blick auf Bilder fällt, die man von Zeit zu Zeit gegen an- 
flere vertauschen muss; eine Uhr darf ebenfalls nicht ver 
gessen werden. Gerade der Kranke zählt jede Minute. Ein 
Schlagwerk darf indessen nicht vorhanden sein, und wo es da 
ist, ist es abzustellen, denn es könnte ihn erschrecken. Das 
Zifferblatt der Uhr muss, ebenso wie die Zeichnung der Bil 
der, gross und deutlich erkennbar sein. 
Die Hauptsache in einem Krankenzimmer sind indess 
frische Blumen. Ihr Anblick, ihr Duft erfreut den Patien 
ten. Es ist nach Dr. Mendelsohn's Ansicht ein Irrthum, zu 
glauben, dass duftende Blumen für den Kranken schädlich 
sind. Noch einen besonderen Zweck erfüllen grüne Blatt 
pflanzen; sie nehmen der Luft die schädliche Kohlensäure 
und verarbeiten sie zu Sauerstoff. 
Der Kranke soll Ruhe haben. Damit ist nicht gesagt, 
dass die Ruhe des Todes um ihn herrschen soll. Inmitten 
verkehrsreicher Centren dürfte ein vollständiger Abschluss vor 
dem Strassenlärm auch kaum ausführbar sein. Das ist auch 
gar nicht erforderlich. Hier muss in jedem Falle auf die 
individuellen Eigenthümlichkeiten Rücksicht genommen wer 
den. Kann doch der Müller nicht einschlafen, wenn er seine 
Mühle nicht klappern hprt. Im allgemeinen merke man sich, 
dass man jede übermässige „Leisetreterei“, im eigentlichen 
Sinne des .Wortes* jede Lispelei und Geheimnissthuerei in
	        
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