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Periodical volume Nr. 72, 28. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
aus 43 Herren, unter welchen sieh sehr gute Solisten be 
finden. Fast jedes Programm bringt mindestens eine So 
listennummer ; am Freitag Abend hörten wir sogar einen Czar- 
das mit Cymbal-Solo, gewiss eine Seltenheit in Militärkapel 
len. Die Besetzung ist zum Theil ganz eigenthümlich. 
Ausser den sonst in solchen Kapellen üblichen Instrumenten 
bemerkt man nämlich vier sogen. Saxophone. Es sind 
dies sonst nur in Frankreich, Belgien, Spanien, Italien ge 
bräuchliche eigenartige Instrumente, deren Charakter ein 
Mittelding zwischen Blech- und Holzblasinstrumenten ist. 
In der H auptsache ist es ein Blechkörper, der aber mit Klappen 
wie bei den Holzblase-Instrumenten versehen ist; das An 
blasen erfolgt durch ein Clarinetten-Mundstück. Der Er 
finder ist der berühmte belgisch-französische Instrumenten 
tambour Adolphe Sax (geb. 1814), der die nach ihm be 
nannten Instrumente (8 verschiedene Gattungen) seit etwa, 
1840 construirt. Sie erregten schon damals bei den bedeu 
tendsten Tonsetzern wie z. B. Hektar Berlioz das grösste 
Aufsehen. Interessenten machen wir übrigens darauf auf 
merksam, dass sich im Hauptausstellungsgebäude (Gruppe 
XII, Musik-Instrumente) ein von der renommirten Firma 
Moritz ausgestelltes Contrabass - Saxophon in Es von 
ziemlich grossen Dimensionen befindet. Dort kann man die 
merkwürdige Construction eines solchen Saxophons näher 
kennen lernen. Wir begrüssen die Einreihung der Saxo 
phone in eine Militair-Kapelle mit Freuden. Der Timbre 
dieser Instrumente ist von ausgesprochener Weichheit, we 
nigstens in den hoch tonirenden Exemplaren; er ähnelt dem 
des Englischen Horns, ist aber etwas näselnd. Ganz vorzüglich 
lassen sich mit diesen Instrumenten gewisse sanfte Orgel 
register imitiren. Im Massenkörper des Orchesters ver 
schwinden sie freilich etwas ; doch sind sie da, wo sie als 
Solo-Instrumente gelegentlich hervortreten, von unbeschreib' 
lieber Wirkung. Dies zeigte sich auch wieder am Freitag 
in einem Schlacht- und Dankgebtet aus dem 30jährigen 
Kriege, einem stimmungsvollen Tonstücke, in welchem übri 
gens auch ein Englisches Horn und 3 Bass-Clarinetten Verw en 
dung fanden. Sonst bemerken wir noch des Interesses hal 
ber, dass im Orchester keine Cornets, wohl aber statt dessen 
I'Tügelhörner (in B) vorhanden sind. Die Clarinetten stehen 
nur in Es, sind demnach kurz und scharf im Ton. Die Bässe 
werden ganz vortrefflichrepräsentirt durch 4 Basstuben, theils 
in B, theils in F stehend, ein Contrafagott, und der besseren 
Tonbindung wegen auch durch einen Streichbass. Selbst 
verständlich sind auch für historische Stücke die jetzt so 
beliebten Heroldstrompeteu (6 bis 8) vertreten, deren Ean- 
farengeschmetter eine glänzende Wirkung erzielt. Als 
Eigenthümlichkeit erwähnen wir, dass diese alten Trompeten 
überall mit der linken Hand heim Blasen gehalten werden. 
Dies erklärt sich vielleicht daraus, dass die Ventile hei diesen 
Instrumenten, welche reine Naturinstrumente sind, fehlen. 
Dadurch ist die rechte Hand freigeworden. Die versehie- 
denen Töne erzeugt der Bläser nur mittels besonderer Lip- 
P'-nStellungen. — Gelegentlich ertönt auch in der Capelle 
Gesang, der bis zum feinsten Pianissimo abgedämpft wird. 
Die Programme sind sehr sorgsam ausgewählt; sie', 
weisen die besten Hummern auf. Am Freitag spielte man 
z. B. Stücke von Wagner, Weber, Beethoven, Rubinstein, 
Goldmark, Brüll, Recznicek und anderen. Interessant war 
die Instrumentation des ersten Satzes der Sonate pathetique 
von Beethoven. Xur hätten wir die wuchtig accentuirte 
grandiose Einleitung langsamer im Zeitmaass gewünscht, 
damit das Pathetische schärfer betont wurde. Das Bedeu 
tendste indessen ist die jedesmal am Schlüsse des Tages- 
Programrnes befindliche ,,historische Abtheilung“. Hierin 
hat sich Boettge unbestreitbare Verdienste erworben. Er 
holte die hochinteressantesten Märsche und Lieder der alten 
Zeit aus den Archiven, bearbeitete sie für seine Zwecke ganz 
vortrefflich und erweckte damit wieder das heim Publikum 
längst verloren gegangene Verständniss für die Musikepoche 
der vorangegangenen letzten Jahrhunderte. Am Freitag 
war uns heschieden, einen ,,Wormser, Marsch gespielt heim 
Pfeifergericht“ (ca. 14—15 Jahrhundert in Deutschland) 
Zu hören. Dieses interessante Tonstück ist dem Wormser 
Stadtarchiv entnommen und gehört übrigens zu den Lieb 
lingsmärschen unseres Kaisers. Die vorletzte Nummer des 
Programms brachte ,,Laetare Germania“, Gesänge, best 
und Kriegsmusik zu Deutschlands Ruhm and zur Erinne 
rung an Freund und Feind (13.—19. Jahrhundert), zusammen 
gestellt von Boettge. Das war etwas für Kenner; die er 
labten sich daran. Unter anderem kommen vor : Der alte Sie 
gessang : Wilhelmus van Nassouwen, das älteste Volkslied:] 
Hildebrandslied, Marsch von Friedrich dem Grossen, Alt 
deutsches Lied: „Liebeshoffnung“ von W. Tappert gesetzt, 
Mantellied, Signale, Schlacht-, Siegeshymnen. 
Die Kapelle concertirt noch bis zum 5. 1 uli, 
wir machen das Publikum hiermit darauf besonders auf 
merksam. Paul Ertel. 
Eine Viertelstunde Concert. 
Ungezwungene Plauderei eines Gezwungenen. 
[Abdruck untersagt.] 
„Gezwungen ? Nun, lieber Herr, wer zwingt Sie denn 
dazu, Plaudereien zu „dichten?“ 
,Wer? Niemand! Habe ich das etwa schon behauptet? 
Ich lasse mich überhaupt nicht zwingen, nicht einmmal von 
meiner — doch Pardon, Schwiegermütter gehören nicht 
hier hinein. Aber gezwungen worden hin ich doch, und 
zwar auf die einfachste Weise von der Welt, durch die 
Langeweile. Fröhlich und wohlgemuth wandert’ ich junges 
Blut am Neuen See hin, um in die „Girandola“ zu gelangen, 
jenes Riesenfeuerwerk, welches ganz Berlin ausser sich 
brachte, d. h. ganz Berlin, soweit es für dergleichen Genüsse 
Interesse hegt. Aber leider — ich hatte noch plenty, nicht 
money, aber time, denn die Herumschiesserei der einzelnen 
Schiffe und das Explodiren den verschiedenartigsten Minen 
hab’ ich mir schon soviel mal angesehen, das ich mir das füg 
licherweise schenken konnte. Also an den Neuen See! 
Aber wohin? 
Wieder war ich im Zweifel! In der Nähe des Haupt- 
Restaurants gab’s Ohrenschmaus genug, aber keinen reinen 
Genuss, denn die Töne der „officiellen” Kapellen konnten mich 
dort bequem erreichen. Also zur Abfahrtstelle der Gondo 
lieri und der Motorboote. Gut! Ein Stuhl nahe dem Wasser 
ist frei. Lqider sind einige derselben nur für recht schmäch 
tige Personen oder vielmehr Persönchen eingerichtet, und 
gerade einen solchen hatte ich orwischt. Doch das schadet 
weiter nichts, dachte ich mir, denn ich zog in Betracht, dass 
ich ja nicht ein halbes Jahr oder länger auf dem Stuhl hocken 
sollte. Ausserdem brachte das philharmonische Blas- Or 
chester gerade einen Nachruf an C. M. v. Weber zu Gehör, der 
mich irdische Unbequemlichkeiten vergessen liess. Aber 
aus meinem Hinübertiräumen in eine andere Welt schreckte 
.mich eine sanfte, liebliche Stimme auf. 
Hämische Menschen werden nun behaupten, U ’.i hätte 
die Aufmerksamkeit einer Blumenverkäuferin (ich soll be 
kanntlich „Glück bei b rauen“ haben) auf mich gezogen, aber 
nein, es war das zierliche Stimmchen eines Pagen vom Stuhl- 
Verleih-Institut, der mich höflich fragte, ob ich im Besitze 
eintis Fahr- ■— nein, „Sitz“-scheines sei. Unmöglich konnte 
ich doch dem Jüngling, der mir höflich kam, die mir zwar 
ui:angenehme, aber von seinem. Standpunkte berechtigte Stö 
rung übelnehmm. Ich zeigte also meine Dauerkarte, denn 
in der Ausstellung muss man als täglicher Besucher sich 
immer nur Dauerkarten zulegen, und mützelüftend entfernte 
sich der „Knappe“. 
Mittlerweile hatte aber das Orchester auch eine neue 
Nummer fast beendigt, und nach einem Blick auf meine 
„Officiellen“, nämlich „Ausstellungs-Nachrichten“ bemerkte 
ich, dass eine neue Abtheilung am anderen Pavillon vor sich 
gehen werde. Mit den schönen Reuter schern IVorten : „Dat’s 
all so, as dat Ledder is“ und helpt dat nich, so helpt dat 
nieli“ machte ich mich auf und wanderte auf die andere Seite, 
des Neuen Sees. 
Hier war’s beinahe unheimlich, nicht weil die elek 
trische Beleuchtung noch nicht brannte, es war noch recht
	        
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