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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. n 
Sein Stern hatte ihn getäuscht. Im Musterstall war sie 
nicht. Auch in der Sport-Ausstellung .nicht. Jetzt sank 
ihm der Muth. „Der Dinge von sportlichem Interesse sind 
hier so viele, dass der Suchende kaum weiss, wo damit an 
fangen. Eilig hastete er weiter. Bei dem Eifer des Suchen» 
kam er zum zweiten Mal an den Musterstall. Eine innere 
Stimme sagte ihm jetzt: „Hier ist sie“. 
Und hier war sie auch. Aber nicht allein. An ihrer 
rechten Seite ging Papa einher, an ihrer Linken ein junger 
Mann. 
„By Jove!“ rief Lothar. „Almansor!" 
„Ja, er war es ! Nämlich der Beiter vom Wasserthurm. 
Jetzt kamen die Drei auf Lothar zu. Sonst nicht feig 
-— in diesem Moment blieb ihm das Herz stehen. Li via 
freudestrahlend. Papa frohgelaunt und der Beiter vorn 
Wasserthurm im eifrigen Gespräch' mit Li via. 
„Ah! Herr von Eisenberg!” staunte Li via, die den 
schönen Lothar schon längst 'gesehen. „Sie hier?“ 
„Zu Befehl!“ stammelte Lothar. 
„Herr von Lavalliere!" stellte Livia ihren linken Be 
gleiter vor. 
„Angenehm“ lispelte Herr von Eisenberg und machte 
Miene, weiter zu gehen. 
„Kommen Sie denn nicht mit?” meinte Livias Papa. 
„Bedauere,” stotterte Herr von Eisenberg. „Muss sofort 
zurück.“ 
„So eilig?“ lachte Livia und sah'Ihn schadenfroh an. 
„Ja, meine Gnädige!“ erwiderte er. „Meine Mission ist 
hier zu Ende,“ und empfahl sich. 
„Der arme Tropf!“ sagte Livia, als er ausser Hörweite 
war. „Das giebt ihm den Best.“ 
Der „Musterstall“ war sein Yerhängniss und „Almansor“ 
der Todtengräber seines Glückes. Nora. 
Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.j 
Die Photographie in natürlichen Farben. 
Es ist ein eigenthümliches Gefühl, das jeden be 
schleicht, der sein wohlgetroffenes Conterfei vom Photogra 
phen erhält. Man zeigt immer der verehrten Mitwelt sein 
liebes Ich auf dem Bilde von der besten Seite. Der Photo 
graph hat sich ja auch Mühe gegeben, unsere kleinen 
äusserlichen Mängel möglichst zu verwischen, und wenn 
wir das Bild betrachten, müssen wir sagen, dass wir — uns 
selbst ganz ausserordentlich gefallen. Aber wie würden wir 
uns und unseren Freunden erst gefallen, wenn das Bild 
nicht eine schwarzgraue Photographie, sondern ein lebens 
volles, in den natürlichen Farben wiedergegebenes Portrait 
wäre! Wahrheit der Photographie und Farbe des Lebens 
wären hier auf’s Schönste vereint — das wäre erst die rechte 
Lebenswahrheit, denn die farbige Uebermalung einer Pho 
tographie bietet als Wiedergabe der Natur doch nur einen’ 
dürftigen Ersatz. 
Das wissen die Photographirten und die Photographen, 
und darum ist das Streben, Photographiern! in natürlichen 
Farben herzustellen, durchaus nicht neuen Datums. Schon 
in der vorigen Hälfte unseres Jahrhunderts, kurz nachdem 
die ersten photographischen Aufnahmen gelungen waren, 
fing man an, die Mittel zu suchen, die den Weg zur Farben- 
Photographie weisen könnten. Wie jede neue Erfindung 
die Phantasie anregt und zahlreiche sanguinische Hoffnun 
gen erweckt, so glaubte man, kaum dass es gelungen war, 
den photographischen Positivprocess zu entdecken, dass zur 
Entdeckung der Farbenphotographie nur ein kurzer Schritt 
sei. — 
Aber Jahre und Jahrzehnte sind hinweggegangen, und 
das Problem, dessen Lösung man so naheliegend glaubte, 
blieb noch immer unlösbar. Es fehlte im Laufe der langen 
Zeit allerdings nicht an theoretischen Anregungen und 
praktischen Versuchen, aber ein positives Resultat war nicht 
zu erzielen. Hie und da tauchte das Gerücht auf, dass der 
Eine oder dev Andere ein Negativ in natürlichen Farben er 
zeugt hätte. Trat man aber den Dingen näher, so erwies 
sich die Entdeckung als eine schöne Illusion. 
Da wurde im Jahre 1892 die wissenschaftliche Welt 
von der Nachricht überrascht, dass es einem Pariser Photo 
techniker, dem Dr. Lippmann gelungen sei, Negative in 
natürlichen Farben herzustellen. Diesmal beruhte das 
Gerücht auf Wahrheit. Lippmann hatte ein besonderes 
Verfahren gefunden. Hinter Platten von sehr feinem Korn 
der Emulsion stellte er eine Quecksilbersäule, einen Queck 
silberspiegel. Eine Aufnahme mit dieser Anordnung in der 
Dauer von zwei, drei und auch vier Stunden ergab nun in 
der That ein Negativ, das in auffallendem Lichte die natür 
lichen Farben des Spectrums oder einer Landschaft und 
dergleichen zeigte. Für den Copirprocess freilich, also zur 
Herstellung von Positiven, war die Platte absolut werthlos- 
Aber die Herstellung einer solchen Photographie bot noch 
andere Schwierigkeiten. Es war fast unmöglich, die Zeitdauer 
der Aufnahme festzulegen. Hatte man Glück, so traf man 
zufällig den Moment, in dem sich die Farben natürlich und 
schön abbildeten. Meist aber war dies nicht der Fall, denn 
sobald Unter- oder Ueberexposition eintrat, war das Bild 
werthlos. Andererseits liess sich durchaus nicht feststellen, 
welchen Zeitraum man als die normale Dauer der Aufnahme 
bezeichnen könnte. 
Die Folge dieser grossen Unsicherheit — man möchte, 
eigentlich sagen, der Unkenntnis» des Zusammenwirkens 
des natürlichen Lichtes mit dem von Quecksilberspiegel re- 
flectirten Licht — war, dass es nur sehr wenigen Experimen 
tatoren gelang, solche farbigen Photographieen herzustellen. 
In Paris glückte es den Brüdern Lumiere, einige Aufnahmen 
nach Lippmann's Verfahren zu machen, in Wien gelang es 
Herrn Valent», in Dresden Herrn Krone und in Berlin brachte 
es der in der photographischen Welt sehr bekannte Herr 
Dr. B. N e u h a u s s zu Stande, eine grössere Anzahl farbiger 
Bilder aus der Camera zu erhalten. 
Diese an sich sehr interessanten Producte der wissen 
schaftlichen Photographie führte nun Herr Dr. Neuhaüss 
in einem sehr anregenden Projectionsvortrage über „Die Pho 
tographie in natürlichen Farben“ im Hörsaale des Chemie 
gebäudes vor. In seinen Erläuterungen zu den Bildern be 
tonte er besonders, dass ihm in der letzten Zeit keine Auf 
nähme nach diesem Verfahren recht glücken wolle, da sich 
der Moment der Unterbrechung der Aufnahme, vorläufig gar 
nicht bestimmen lasse. 
Um so interessanter waren die weiteren Demonstrationen 
des Herrn Dr. Neuhauss. Hatte schon das Verfahren Lipp- 
mann’s seiner Zeit grosses Aufsehen erregt, so war man noch 
mehr überrascht, als es zu Anfang dieses Jahres hiess, Herr 
Dr. Seile aus Brandenburg a. H. habe einen Positivprocess 
der Photographie in natürlichen Farben gefunden. lind es 
war wirklich Wahrheit. Zwar in der Art, wie sich der Laie 
die Sache vorstellen mag, nämlich die Uebertragung eines 
Bildes von der Platte auf das Papier in natürlichen Farben, 
ist das Verfahren nicht. Es ist ziemlich eomplicirt und er 
innert im Grundgedanken und in der Ausführung sehr stark 
an das von Professor Dr. G. W. Vogel schon vor mehreren 
Jahren erfundene Verfahren, Photographieen in Naturfarben 
für den Druck herzustellen. Dieses Druckverfahren ist be 
reits vielfach eingeführt, und es liefert — besonders für illu- 
strirte Zeitschriften — Bilder von grossem, farbigen Effect. 
Gleichwohl kann man die Arbeiten des Herrn Dr. Seile 
als durchaus selbstständig und geradezu bahnbrechend be 
zeichnen. Mit dem Seile'sehen Verfahren beginnt in der Ge 
schichte der Photographie ein neuer Abschnitt. 
Herr Dr. Seile macht für jedes Bild drei Aufnahmen. 
Er bedient sich selbstverständlich falbenempfindlicher Plat 
ten und der sogenannten Farbenfilter in Both, Grün und Blau. 
Der Process vollzieht sich nun in folgender Weise: Das 
Objectiv ist schärf eingestellt. Herr Dr. Seile macht von 
demselben Object drei Aufnahmen hintereinander, in der Ge- 
sainnitdauer von etwa 30 Sekunden. Fon jeder der drei Auf 
nahmen wird nun ein oder beliebig viele Abzüge auf farben 
empfindliche Gelatinehäutchen gemacht. Die Häutchen sind 
nämlich so nränaiirt, dass z, B. von den drei Aufnalunen das
	        
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