Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

OfsteirUe AnsstcUnugs-Aachrichten.
11
Feierabend.'
Die Arbeiter, wie am Morgen, drängen, hasten nun dem
Ausgang zu mit vergnügten Augen, den Wochenlohn in der Hand
wiegend, plaudernd, pfeifend, trällernd!
„Gut' Nacht!" „Gut' Nacht!"
Die Sonne taucht unter.
Aus der nebligen, kältedüstern Dämmerung heben sich zwei
unförmige, in erdfarbenen Loden gewickelte Gestalten ab, die
träge und schwer dahertrotten. An einander vorüberschiebcnd,
nicken sie sich zu:
„Morsen!"
„Morsen!"
Was das Theater Alt-Kerlin will.
Bon Alfred Holzbock.
Aus all' den zahlreichen Ausstellungs - Unternehmungen
theatralischen und unterhaltenden Charakters ragt das Theater Alt-
Berlin hervor durch seine künstlerische und literarische Physiognomie.
Sein Repertoire wird in gewissem Sinne auch eine Ausstellung
bilden, an deren Durchführung sich Vertreter unserer verschiedensten
literarischen Richtungen betheiligen werden. Während der Inhalt
der großen Jndustriehalle eine möglichst vollendete Revue über
Berlins Gewerbe geben lvird, taut das, was das Theater Alt-
Berlin bietet, als eine, wenn auch natürlich nur oberflächliche
Revue über Berlins dramatische Production betrachtet werden.
Autoren, als deren ständiger Wohnsitz Berlin gelten darf, werden
das Repertoire beherrschen, und der von dem geschüftsführenden
Director Paul Blumenreich angeregte, und mit Energie realisirte
Gedanke, in dem Ausstellungstheater nicht einen Dramatiker, sondern
Schriftsteller aller Richtungen zu Worte kommen zu lassen, hat
zum Mindesten den Vorzug der Eigenart für sich.
Brandenburgs, Berlins und der Hohenzollern Geschichte soll
auf der Bühne des Theaters Alt-Berlin veranschaulicht werden.
Sein Thema wird behandelt, und an der Ausführung dieses
Themas betheiligt sich ein Dutzend Schriftsteller, die in ihren An
schauungen sich nicht ergänzen, sondern entfernen. Die Frage, ob
durch diese Behandlung eines Stoffes der Geist des Einheitlichen
erreicht werden kann, hat Berechtigung; aber dieser Stoff umfaßt
Jahrhunderte mit ihren wechselvollen Ideen, Ereignissen und
Menschen, die von einander verschieden sind, und darum ist die
Idee, Autoren aller Richtungen für die Bewältigung dieser Auf
gabe heranzuziehen, vielleicht nicht nur eigenartig, sondern auch
künstlerisch. Durch Zeit und Handlung abgeschlossene Ereignisse
werden den gewaltigen historischen Stoff illustrircn, und da jedes
dieser dramatisirten Ereignisse ein unabhängiges Ganze bildet, so
erscheint auch der Charakter des Einheitlichen trotz der verschie-
schiedenen Autoren gewahrt. Die einzelnen Dramen sollen natür
lich auch den Geist der Zeit, in der sie sich abspielen, widerspie
geln, und gerade die Gegensätze, die sich in der Zusammenstellung
der Verfasser offenbaren, lassen den Schluß zu, daß eine jede
Zeit ihren berufenen Schilderer finden, daß jeder Dichter bemüht
sein lvird, aus seiner Individualität und aus dem Geist der von
ihm zu behandelnden Epoche heraus Ereignisse, Älen scheu und
Sitten zu erfassen und zu charakterisiren.
Carl Bleibtreu und Adalbert von Haustein, Conrad Alberti
und Axel Dclmar, Ernst von Wolzogen und Julius Keller,
Alexander von Roberts und L. Herrmann, das sind die Hanpt-
autoren von Alt-Berlin, die in gewissem Sinne unsere literarischen
Gegensätze rcprüsentiren. Und die letzteren werden sich hier be-
rühren, die Romantiker und die Realisten, die Meister des feinen
Humors und die der lustigen Posse, die Wahrheitsfanatiker, die
nur das Wahre für schön halten, und die Schönheitsschwürmer,
für die nur das Schöne als Wahrheit gilt.
Das künstlerische Programm des „Theaters Alt-Berlin"
steht nunmehr endgiltig fest, allein die definillve Ausführung in
der jetzigen Gestalt hängt von den Entschlüssen des Kaisers ab.
Dem Monarchen sind die zur Aufführung bestimmten Einzel
dramen in einem Prachtband überreicht worden, die kaiserliche
Entscheidung wird klarlegen, ob die in den Werken als handelnde
und sprechende Personen auftretenden Mitglieder unseres Herrscher
geschlechtes auf der Bühne des Theaters Alt-Berlin verkörpert
werden dürfen. Da alle Schöpfungen ein warmer, patriotischer
Hauch belebt, da iu ihnen die Liebe zum Hohenzollernhause be
geistert und begeisternd zum Ausdruck gelangt, so dürfte auch eine
Verkörperung der einzelnen Hohenzollcrnfürsten die kaiserliche
Billigung finden.
Die unserem Kaiser überreichten Werke sind die folgenden:
„Die Wen de »tau sc" von Carl Bleibtren, „Tic schwere Noth"
von Ernst von Wolzogen, „Die Büßerin" von Conrad Alberti,
„Märkisches Ringel stechen", „Der Meister von Berlin"
von Ulrich .Hartmann, „Gvtzkowsky" von Adalbert von Haustein,
„An mein Volk" von Axel Dclmar, „Unsere Victoria"
von A. C. Strahl, „Heimkehr" von Alexander von Roberts,
„Fiddicke und Sohn" von Keller und Herrmann.
Jedes der hier genannten Bühnenwerke wird einen scenischen
oder decorativen Effect enthalten, der das Theater Alt Berlin
auch als ein modernes, die Schaulust iu höchstem Grade an
regendes Ausstattungs-Theater characterisiren soll.
Zu einer ausführlichen Inhaltsangabe lvird sich noch Gelegen
heit finden, heute sei nur kurz angedeutet, um was es sich in den
einzelnen Dramen handelt. „Die Wendentaufe" befaßt sich mit der
Schildhornsage: die Ausstattungseffecte in dem Bleibtren'schen
Drama bilden eine ans dem Wasser sich abspielende mimisch-
dramatische Scene „Nixenkampf", sowie eine 35 Meter lange Waudel-
decvrativn, durch welche die Havellandschaft in ihrer ganzen Schön
heit veranschaulicht wird. „Die schwere Noth" ist ein Berliner Leit
bild aus dem Jahre 1348 und bringt als grandioses Schluß-
tableau den Brand von Berlin. „Die Büßerin", die in einer .Halle
im alten kurfürstlichen Schloß sich abspielt, behandelt das Schicksal
von Anna Sydone, das „Märkische Ringclstechcn" ein Turnierfest
ans der Stechbahn unter der Regierung des Kurfürsten Johann
Georg, das Ringelsteche», bei dein ein großartiges Massenaufgebot
und eine glänzende historische Pracht entfaltet werden sollen, dürften
in decorativer und scenischer Hinsicht die piöce de resistance des
Ganzen werden. Jin Mittelpunkt des Meisters von Berlin steht
Schlüter; das Drama schließt effektvoll mit dem Zerschlagen
der Lchmfvrm nitd dein geglückten Guß des Denkmals für den
großen Kurfürsten. Gvtztvivsky ist jener patriotische Berliner
Bürger, dessen Energie, Klugheit und Opfcrwilligkeit es zu danken
lvar, daß die Russen Berlin verschonten: auch hier lvird für
scenischen Reiz durch eine lebendige, malerische Wiedergabe von Friedrich
des Großen ivintcrlichem Feldlager bei Meißen gesorgt werden.
Mildem Bilde „An mein Volk", in dem die Hauptgriippirnng
sich an Blcibtrcu's berühmtes, gleichnamiges Gemälde anlehnen
lvird, erfolgt der Ucbcrgang zu den neueren historischen Ereignissen.
Ans 1813 folgt 1814 mit einem Bilde „Unsere Victoria", das die
Enthüllung der von Blücher den Franzosen lvieder abgerungenen
Victoria behandelt. „Heimkehr" spielt 1871, und diese Jahres-
zahl verräth zugleich den Inhalt des Bildes, das mit dem Ein
gang unserer Sieger durch's Brandenburger Thor und durch die
via triumphalis seinen herrlichen Abschluß findet.
„Fiddicke u. Sohn" lvcrdcn uns das heutige Berlin zeigen, ivic
es lacht und scherzt. Ein Bild des großen Ereignisses, das Alles
erstehen ließ und belebt, eine Wiedergabe der Ausstellung mit all
iyren architektonischen, landschaftlichen und Wasser-Schönheiten,
eine von buntem Leben, von glänzender Farbenpracht durchzogene
Huldigung für das moderne, für das denkende lind schaffende
Berlin wird den Aufführungen des Theaters Alt Berlin ein
wirkungsvolles und charakteristisches Finale geben.
*
Zn einem für alle Theile befriedigenden Resultat
kam es bezüglich der von uns letzthin erwähnten Differenz in einer
sehr stark besuchten Versammlung der Vergnügungspark - Aus
steller in Treptow, welcher seitens des Arbeits-Ausschusses
Herr Geheiinrath Goldberger, Herr Architekt Hvfsacker, Herr Ober-
gärtner Hampel, sowie Mitglieder der Verkehrs- und Fest-
commission der Berliner Gewerbe-Ausstellung beiwohnten. Herr
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