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Periodical volume Nr. 7, 14. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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OfstrieUe A«ssteU«ngs-Uachrichte»t. 
der Bautischler, der Jalousiefabrikailten, der Fournierschneidercien, 
der Fraisereien und Dampfschneidereien. 
Einen besonders günstigen Effect wird die Aufstellung von 
großen Verbindungspvrtalen aus Holz machen, welche, wie die 
Kojeneinfassungen in gelblich - braunen Tönen gehalten, mit ein 
gesetzten rothen Wandslachen versehen und durch reiches Sctznitz- 
werk geziert sind. 
Alle diese Arbeiten sind soweit gediehen, daß mit der Auf 
stellung bereits Mitte Mürz begonnen werden wird. 
Dr. L. Abels. 
Sonnabend. 
Ein Stimmungsbild aus dem Treptower Park 
von Emil Weißenturn. 
<» llhr Morgens. 
Aus der nebligen, kältediistern Dämmerung heben sich zwei 
unförmige, in erdfarbene Loden gewickelte Gestalten ab, die trüge, 
schwer, wie im Halbschlaf, dahertrotten. Den von Motten und 
Wetter arg zerfressenen Fuchspelzkragen hochaufgeschlagen, den 
zerklüfteten Hut tief in die Stirne gedrückt, den „Nasenwärmer" 
zwischen dem eisbedeckten Schnurrbart, den derben langen Stock 
unter dem Arm, gleichen sie staubbedeckten Schneemännern, die 
von übermütigen Jungen in den „Neuen See" geschoben werden, 
um dort nach kurzem, freudelosen Dasein der „Auslösung" an 
heimzufallen. Eine kurze Wendung, da stehen sie einander gegen- 
über vor der — Cantine; und als ob aus der angelehnten Thüre 
neuer Lebensodem ihnen entgegenströmte, geht ein wohliges Zittern 
durch ihren Körper, sie dehnen, recken und strecken sich, und ein 
gemeinsames Ahhh! Ohhh! Jeehhh! entringt sich ihrer Brust! 
„Morsen!" 
„Doch!" 
„Int jeschlafen?" 
„Atz!" 
Ohne viele Complimente drücken sich die beiden Nacht 
wächter durch die Thür ein den langen, schmalen, niedern Raum. 
Der undurchdringliche Rauch, der ihn erfüllt, berührt angenehm 
ihre Sinne, ist er doch ein untrügliches Zeichen, daß für baldige 
Erwärmung gesorgt ist, und bis dahin — 
„Georg! Eenen!" 
„Zwee!" 
„Drei? Schön!" 
An dieser kurzen und doch so deutlichen Unterhaltung Hütte 
selbst Freund Lykurgos ehrlich Freude gehabt, wenn er sie erlebt 
hätte. 
Durch die Rauchwolken kämpft sich der tapfere Georg mit 
drei mächtigen Nordhänscrn; da fängt auch der Eine — er ver 
zeihe mir, daß ich seinen Namen verhohnepieple, aber — Dis- 
cretion Ehrensache — also mein Freund Krähhahn, nachdem er 
sich das Halstuch gelockert, fängt zu singen an: 
„Es leuchten drei freundliche Sterne 
Dem Wächter mit strahlendein —" 
„Gluck!" hieß es da variirt, als der „Rachenputzer" seinen 
Beruf erfüllte. 
„Prost, Herr Nachtrath!" erlaubte sich der Schankbnrsche 
Georg. 
„In Dein'm Koppe roocht et woll?" meinte nun Krähhahn 
niit wohlwollendem Verweis. 
„Nee, aber die Sonne kiekt durch 'n Schlot —“ 
„In Tein Hirn, oller —" 
„Herr Geheimer Hofcvntrollnhrsecretair —" fährt Georg 
empor. 
„Noch eenen!" 
Die Pflicht erstickt bcn weitern Erguß des gekränkten Gany 
med, noch einen Blick wirft er ans seinen Gegner, und ihm ein 
geringschätziges „Bong" zuwerfend, enteilt er, das Verlangte zu 
holen. 
Da pustet, pfaucht und donnert es in der Nähe. 
„Zug 6.22. Nu kommen sie an, und wir könne» jehn", meint 
der Nachtrath zufrieden gähnend. — „Morjen!" 
„Macht diese Woche 86 Pfennige", rechnet Georg. 
„Stimmt! Morsen!" 
„Bei Ihnen 96." 
„Stimmt! Morjen!" 
„Gut' Nacht!" 
„Gut' Nacht!" —- 
Auf dem kleinen Bahnhof Treptow wird es lebendig. — 
Die Züge folgen einander in kurzen Pausen. 6 Uhr 22 Minuten, 
6.26 — 6.32 — 6.40 — 6.52 — 6.56; alle bringen eine große 
Zahl einander begrüßender, lachender, gähnender, drängender, schwer 
fälliger, hastender Kameraden, so verschieden in Kleidung und Aus 
sehen, ein wahrer Schatz von Charakterstudien, und doch so gleich 
in dem Bestreben für Pflicht, in dem Bewußtsein, einer großen 
Sache zu dienen, die überdies ihnen und den Ihrigen die nächste 
Zukunft sichert. 
Ich sage: In dem Bestreben für Pflicht! Dies ist keine 
Phrase! Wo in aller Welt findet man sonst bei einenl Unter 
nehmen, welchem tausende fleißige Hände dienen müssen, eine solch 
ausgedehnte Freiheit in Thun und Lassen jedes Einzelnen wie hier? 
Ueberall giebt es Kontrole beiin Kommen und Gehen, bei 
den Pausen für die Mahlzeiten — hier aber — 
Ich zog Erkundigungen ein: 
„Wann müssen die Leute antreten?" 
llm sieben — halb acht — je nachdem — alle kommen 
pü nktlich." 
„Welche Pausen sind ihnen gestattet?" 
„Je nachdeni — wie viel sie benvthigcn — für Mittag ge 
wohnlich eine halbe Stunde." 
8 tthr Bormittags. 
In dem Hauptgebäude, das mit seiner mächtigen und doch 
zierlich schlanken Construction schon jetzt einen gewaltigen Ein 
druck macht, in diesem Gewirr von Leitern, Brettern, Balken, 
Latten, Ziegeln, Bohlen, Fässern, Stangen, Röhren, Klammern, 
Stuck, Gips, Mörtel, eisernen Trägern, Dielen, Leinen, Rohr- 
matte», Cement, Karren, Schrauben, Sägen und zahllosem Hand 
werkszeug rührt es sich wie in einem Bienenkorb. In allen Ab 
theilungen, Zellen, Gängen, Galerien, tief in einem Schacht ver 
schwindend, oder hoch in den Lüften schwebend, wie an den Mauern 
klebend, hämmernd, sägend, nagelnd, messend und vergleichend, ab- 
und zutragend, werfend, auffangend, in kurzer Rede und Gegen 
rede das Wollen erfassend, das Können vollbringend, in ziel 
bewußter Ruhe arbeitet eine stattliche Zahl Künstler und Arbeiter 
gemeinsam den: Werden, dem Vollenden zu. 
Und das Gerüst in der Kuppel! 
Ein hölzernes Netz tausendfach mit eisernen Maschen in ein 
ander geschlungen: wie sicher und ruhig, fast unhörbar die Arbeiter 
drunter und drüber hinweggleiten, als wäre es der beste Tanz 
boden: das Scharren der Säge, das Hämmern der Zimmerleute, 
das Pochen der Klempner ist die Musik, die hier ununterbrochen 
zum Reigen aufspielt. 
Mittags! 
Von den luftigen Höhen, von den Bauplätzen kominen die 
Leute plaudernd, wie im Spaziergang streben sie der Cantine zu; 
andere ivickeln ihre Stullen aus Tüchern und Papier, hocken nieder, 
wo sie gerade die Kelle oder den Spaten hingelegt, einer von ihnen 
geht mit einem Flaschenkorb, um einen erfrischenden Trunk für die 
Kameraden zu holen, jene tvieder weilen an der Arbeit, bis die 
Andern „ abgefuttert" oder Mutterms blaues Kopftuch sichtbar, das helle 
Jauchzen des Sprößlings hörbar wird. — Da sitzt die Familie 
beisammen, er auf einem Balken, während sie ein Cementfaß, es mit 
einem Tuche bedeckend, zu einem Tische herrichtet, das „Jähr" 
schaukelt auf seinen Knieen und würde ihm die besten Happen 
wegpappen, wenn Mutter beiden nicht wehrte. 
„Laß doch!" meint er, „iS ja doch eejal!" 
„Soll ich Dich denn holen?" fragt sie schüchtern. 
„Heit nich!" meint er zögernd, „weeßt — Sonnabends — 
sieht aus, als ob De — weeßt — von wegen'm Lohn — als 
ob De Furcht hättest, daß ich in die Budike — nee —" er küßt 
das Kind — „ich komme direktemang. — Na — an der Straßen 
ecke meintwegen, kannst warten, — Nu — adjes! —" 
Ohne sich umzusetzen, geht er an die Arbeit
	        
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