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Periodical volume Nr. 70, 26. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

10 Officielle Äusstellungs-Nachrichten. 
bar, die Feuchtigkeit in der Luft schwächte die Intensität der 
Scheinwerfer. Jetzt traf die Peripherie des Lichtkreises von dem 
Schiffe, welches man voraus hatte, die vordersten Boote; es war 
ein Wachtsehiff des zweiten Gürtels, welcher zu durchbrechen war, 
ehe man das Gros angreifen konnte; somit gingen die vordersten 
Boote mit voller Kraft voraus. Jetzt fiel der Lichtkegel auf die 
Boote, im Nu ein Blitzen, ein Krachen und Knallen auf Eisen 
theile, Flammen von crepirenden Granaten, dann ein furchtbares 
donnerndes Getöse, eine thurmhohe feuerrothe Wassermasse, die für 
einen Moment grell einen massigen Schiffsrumpf beleuchtet, Schreien 
and Lärmen auf demselben, und weiter stiebt die wilde Jagd. 
Der erste Torpedo war lancirt — das Wachtsehiff versank spurlos 
in die Flutheu. 
Weiter geht es zum nächtlichen Gemetzel in voller Fahrt. 
Von allen Seiten bestrahlen grelle Lichter die kühnen Angreifer, 
doch ein Zurück giebt es nicht trotz des mörderischen Granat 
feuers. Die erste Linie der Boote ist bis auf etwa 
400 Meter heran; die feuerspeienden Kolosse, sie entsenden 
ihre Torpedos mit tödtlicher Sicherheit, die zweite und 
dritte Linie folgt und thut ein Gleiches. Doch auch die feindlichen 
Torpedojäger sind nicht müssig, mit unheimlicher Geschwindigkeit 
jagen sie umher, dort ein Boot in den Grund bohrend, ein anderes 
durch Geschützfeuer zum Rückzug nöthigend. Wie Blei lagert der 
Pulverdampf bei der schwachen Brise auf dem Wasser und minuten 
lange Pausen treten ein. Da plötzlich erneutes Brüllen der Ge 
schütze, Raketen und Leuchtkugeln steigen empor; es sind die aus 
der Elbe ausgelaufenen Boote, welche zu rechter Zeit eintreffen und 
dem Feinde den Todesstoss versetzen. Doch wenig ist bei der 
herrschenden Dunkelheit von dem grausigen Drama zu sehen. Der 
Donner der Kanonen, das Aufleuchten der Schüsse und der dumpfe 
Schall eines explodirenden Torpedos wird unterbrochen von dem 
schrillen Signal der Dampfpfeife, das den Rückzug der Angreifer 
anzeigt. 
Nach allen Richtungen der Windrose stieben die Boote aus 
einander, hinterdrein die Torpedojäger des Feindes, welche die 
dunklen Schatten jagen, die geisterhaft über das Wasser gleiten, um 
sich in Sicherheit zu bringen ; noch flammt es dann und wann auf 
in der Ferne, der Regen fällt in Strömen auf die weite Wasser 
fläche .... Dann bricht der Tag an und tiefe Stille herrscht jetzt 
über dem Wasser. Der nächtliche Feberfall war geglückt, alle Umstände 
waren günstig gewesen. Der Schlag war für den Feind furchtbar, 
die Verluste sind in absehbarer Zeit nicht zu ersetzen. Wie es 
sich später herausstellte, war die Hälfte seiner besten Schiffe 
gesunken, ein anderer Theil stark havarirt, und nur mit Mühe 
gelang es, sie zu repariren. 
Die Blockade der deutschen Häfen musste aufgegeben werden, 
der Verkehr in den Seestädten belebte sich wieder, das ganze Land 
athmete auf. — Ein grosser Erfolg! Aber auch die Opfer waren 
dementsprechend. Von den Torpedobooten war kaum die Hälfte 
zurückgekehrt, der Rest in den Grund gebohrt oder durch Geschosse 
vernichtet, auch diejenigen, die sich gerettet hatten, wiesen enorme 
Verluste auf. — Grässlich sah es an Bord des einen Aviso aus; alle 
Schrecken des modernen Geschützkampfes hatten unter der unglück 
lichen Besatzung gewüthet. Nach Dutzenden zählten die Opfer jener 
Geschosse, welche glatt durch die Schiffswand geschlagen und dann 
explodirend minenartig gewirkt hatten. Die Geschütze waren von 
ihren Lafetten geworfen, Achsen, Räder, Holzstücke, Leichen alles 
durcheinander und mit Blut getränkt. Noch abschreckender sah es 
im Kesselraum aus. Ein Geschoss war in den Kessel geschlagen 
und hatte ihn gesprengt, und der überhitzte Wasserdampf hatte die 
unglücklichen Heizer verbrannt. Sie glichen aufgequollenen Fleisch 
massen, denen das Fleisch von den Knochen fiel, als man sie 
hinausschaffen wollte. Nur bei wenigen waren die qualverzerrten 
Züge, auf welchen sich die entsetzlichen Leiden des Todeskampfes 
wiedergaben, kenntlich. 
Doch genug von diesem grausigen Bilde und zurück zur 
Wirklichkeit. Gemessen wir den Frieden, der uns hoffentlich noch 
lange erhalten bleibt; seien wir aber eingedenk der Worte: »Si vis 
pacem, para bellum«. v. C. 
Elegante Wäsche. 
[Abdruck untersagt,] 
Mit dem Worte „Wäsche” verbindet man gewöhnlich, 
den Begriff des Leinen oder des billigeren, aber durchaus 
zweckmässigen und praktischen BaumwoUgewebes. Heute; 
dürfte das nicht mehr ganz zutreffend sein. 
Ton Alters her war ja der wohlgefüllte und nett geordnet^ 
Leinen- oder Wäscheschrank der Stolz der deutschen Haus 
frau. Da lag Dutzend auf Dutzend die Leih-, Tisch-, Haus 
und Bettwäsche sauber zusammengebunden, mit Initialen 
und laufenden Nummern kunstvoll gestickt. Wenn eine 
Wäsche-Ausstattung oder irgend eine Neu Anschaffung in 
Wäsche Anspruch auf Solidität machen wollte, so musste na 
türlich Alles „ Bein Leinen" sein. Anders thaten es un 
sere Grossmütter nicht. Ein Hemd aus baumwollenem Stoff 
wurde nicht für voll angesehen. Leinen jedoch, das galt für 
die Ewigkeit, zum Vererben auf Kindeskind geschaffen. 
Aber die Zeiten und Ansichten ändern sich. 
So ganz nach und nach fingen die verschiedenen Baum 
wollengewebe an, auch ihren Platz zu erobern. Man stellte 
Versuche mit Batistwäsche an und kam schliesslich dem von 
Hertzog und Jordan zuerst eingeführten sogenannten Hem 
dentuch freundlich entgegen, das mit ihrer grossen Haltbar 
keit und gutem Aussehen, eine enorme Ersparnis« bedeutete.. 
Jetzt hat man auch Batist für die Bettwäsche acceptirt. Als 
Tischwäsche behauptet allerdings das Leinengewebe in gross- 
artigster und schönster Vollkommenheit noch immer seinen 
ersten Platz. Die Eintheilung der Wäsche ist in den letz 
ten Jahren auch anders geworden, früher gehörten viele, 
viele Dutzende zu einer „anständigen Ausstattung”, ganz 
gleich, oh einige davon jahrelang unbenutzt liegen blieben. 
Aus dem praktischen Amerika kam die Neuerung, nicht zu 
viel Wäsche auf einmal anzuschaffen, da die Mode auch hie 
rin Wechsel brachte, und die Amerikanerin das Geld lieber 
Zinsen tragen lässt, als es in Wäsche anlegt. 
Welche Dame hätte wohl früher ein einzelnes Stück 
Wäsche oder „eine Garnitur” gekauft? Da kannte man nur. 
„dutzendweise”, wenn’s auch nur ein halbes Dutzend war. 
Seit einiger Zeit wurde man der eintönig weissenWäsche. 
überdrüssig. Da Alles so bunt und lustig wurde in der Da- 
men-Toilette, so meinte man, könne die Wäsche nicht zurück 
bleiben, und es erschien zuerst die zartfarbige Baristwäsche, 
die so duftig und hübsch aussah im Schmuck zierlicher, 
Spitzen, bis «ich endlich als letzte Neuheit die seidene Leib 
wäsche für Damen an’s Licht rang. Diese Batist- und Sei 
den-Wäsche erstand zuerst in „Garnituren”, welche in Hemd, 
Beinkleid, Nachthemd, Unterrock und Untertuch bestehen, 
Alles übereinstimmend in Farbe, Stoff und Ausschmückung. 
Letztere besteht meisteutheils aus Spitzen, die in wahrhaft 
verschwenderischer Fülle über die Wäsche ausgestreut er 
scheinen; man sieht einfache Klöppelspitze oder imitrifte 
Spachtelspitze, aber man erblickt auch die köstlichsten und 
theuersten Valenciennes und echten Points. Ein kaum 
glaublicher Luxus wird augenblicklich in der Damenwäsche 
entfaltet. Es ist selbstverständlich, dass die zur Wäsche ver 
arbeitete Seide durchweg waschbar und waschecht ist. 
Ein Haupterforderniss der Wäsche, die für elegant und 
schön gelten soll, ist die Handnäherei, die wieder hehr zu 
Ehren gekommen ist und sehr anerkannt wird. Ausserdem 
wäre es ja auch gar nicht möglich, mittels der Maschine 
dieses duftige Spitzengekräusel an der zarten, oft wie aus 
Spinnwehfäden gewehten Wäsche anzubringen. 
Welche reichhaltige Auswahl bietet in dieser Beziehung 
der verständnissvollen Damenwelt z. B. der Pavillon der 
Firma Heinrich Jordan. 
Mit glänzenden Augen betrachtet das Kind der neuen 
Zeit die geschmackvoll geordnete Wäsche, kopfschüttelnd* 
che ehrsame Frau der alten Schule. „Das sieht ja Alle« so 
windig aus”, hörte ich eine alte Landfrau sagen, „das soll 
Wäsche vorstellen? Gott behüte !” Mit Wonne mochte sie 
wohl in der Gluthhitze dieser Junitage ihr „eigengewebtes” 
hartes Leinenhemd tragen und mächtig unter seiner Schwere
	        
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