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Periodical volume Nr. 70, 26. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Öfficielle Ausstellungs- Nachrichten. 9 
wässer, welche aus dem schmelzenden Eis zusammenflössen, 
längs des Eisrandes in Ströme zusammen. Als die Eis 
massen noch den Haupttheil des norddeutschen Flachlandes 
bedeckten, konnte sich nur ganz im Süden ein Strom bilden, 
der längs des Eisrandes von der Oder bei Breslau westlich 
verlief, das heutige Elbethal bei Wittenberg erreichte und bis 
Magdeburg innehielt, dann aber durch das Oker- und Aller- 
Thal in die heutige Wesermündung lenkte — der nordwest 
deutsche Er ström. Als der Eisrand weiter zurückwich und 
dadurch mehr Platz wurde, bog die Oder bei Breslau in ihre 
heutige Richtung ein, die sie bis Glogau verfolgte; dann 
wandte sich der Strom westwärts zum Spreethale, das bei 
Lübben erreicht wurde, dann über Brandenburg zur Elbe, die 
jetzt bereits ihre heutige Mündung gewann und sich von der 
Weser emancipirte — dies war der erste norddeutsche Er 
strom. Dann drang die Oder in ihrem heutigen Thale noch 
weiter, bis oberhalb Frankfurt, nachdem sie von Osten her 
von Warschau an durch die (Bzura und Obra die Weichsel 
als Nebenfluss empfangen hatte ; dann ging das Wasser längs 
des heutigen Friedrich-Wilhelm-Kanals in die Spree und 
über Berlin und Havelberg zur Elbe — der zweite nord 
deutsche Erstrom im Berlin-Warschauer Hauptthal. In der 
folgenden Zeit lenkte die Weichsel bei Warschau bis Thorn 
in ihr heutiges Thal, dann westlich durch die Netze und 
Warthe zur Oder, die nur bis zum Finow-Kanal ihr heutiges 
Bett besass, dann weiter durch diesen zur Havel und durch 
den Rhin-Kanal zur Elbe —- dies der dritte Norddeutsche 
Erstrom im Thorn-Eberswalder Hauptthal. In noch späterer 
Zeit, als das Eis aus Deutschland ganz verschwunden war, 
und sich die Küste der Ostsee zu bilden begann, wurden 
dann auch, Oder und Weichsel selbständig und gewannen ihre 
heutigen Mündungen. Jetzt Hiesst seit langem in der Spree 
hei Treptow und bei Berlin kein Tropfen Oderwasser mebr. 
Dr. E. T. 
Klar Schiff! 
[Abdruck untersagt.] 
Markerschütternd dringen die Töne der Sirene, das bekannte 
Zeichen zum Beginn der Marineschauspiele, von dem stolzen Bau 
der »Hohenzollern« zu uns herüber; wir beeilen uns, ein gutes 
Plätzchen uns zu sichern, um dem interessanten Schauspiel noch 
einmal beizuwohnen. Wie elegant, wie sicher ist diese kleine 
Flotte in ihren Bewegungen, und welche Fülle von Anregung ver 
mögen diese stets wechselnden Manöver auf der blinkenden 
Wasserfläche dem Denkenden zu geben. In unserer Einbildung 
lassen wir die zierlichen Modelle heranwachsen zu mächtigen 
Schlachtschiffen, Ausfallcorvetten, Kreuzern, Kanonenbooten, flinken 
Torpedojägern u. s. w., bevölkert mit vielen Hunderten lebens- und 
kampfesfroher Männer, stets bereit, ihr Leben für Kaiser und 
Reich zu lassen. 
Der freundliche Leser möge uns folgen auf jenes unbegrenzte 
Gebiet der regen Phantasie, uns folgen im Geiste zu unseren Küsten 
und hinaus auf die wogende See zu Kampf und Sieg Der 
Krieg nach langer Friedenspause ist erklärt. Der Enthusiasmus, 
der mit seinen vielfachen Ausdrucksformen Jung und Alt 
unwiderstehlich mit fortgerissen hatte, war dem Ernst des Augen 
blicks gewichen. Ein Jeder war davon überzeugt, dass der Ent 
scheidungskampf auf dem Lande ausgekochten werden würde, dessen 
ungeachtet erwartet das deutsche Volk auch Thaten von seiner 
seit dem letzten Kriege so mächtig herangewachsenen Flotte. 
Die überseeischen Interessen zu schützen, die Blokade unserer 
Handelsemporien zu verhindern, sind die wichtigsten Aufgaben 
unserer Marino; gewiss keine leichte Mission einem so mächtigen 
Feinde gegenüber wie Frankreichs an glorreichen Traditionen reiche 
Flotte. 
Schnelle feindliche Kreuzer und Avisos waren bereits in der 
Nordsee oder kreuzten auf der Höhe von Skagen, um über die 
Bewegungen der deutschen Schiffe Nachrichten zu sammeln. Durch 
ihre diplomatischen Vertreter hatte die Republik den fremden 
Mächten die Blokade der deutschen Ost- und Nordsee-Häfen mit 
Eintreffen ihrer Geschwader daselbst angezeigt. 
Unterdessen nahm die Einberufung unserer Reserven sowie 
die Mobilmachung der ganzen Armee ihren geregelten Verlauf. 
Eine fieberhafte Thätigkeit zeigte sich in den Kriegshäfen; Zug 
auf Zug rollte heran, zahllose Seeleute, Heizer, Soldaten 
mit sich fahrend; alle voll Kampfeslust wurden sie an Bord der 
für sie bestimmten Schiffe oder Küstenbefestigungen vertheilt. Nicht 
zu beschreiben ist das Leben und Treiben auf den kaiserlichen 
Werften. In den Bassins und Quais liegen die verschiedenen 
Kriegsmaschinen. Hier der massige, starre Bau eines Schlacht 
schiffes gleich einer schwimmenden Bastion, dort ein Panzerkanonen 
boot, dessen Vordertheil ein einziges gewaltiges Geschütz mit com- 
plicirtem Bädergetriebe trägt. Weiterhin Torpedojäger mit eigen 
artig gewölbtem Deck, Avisos, deren schlanke, gefällige Linien auf 
grosse Schnelligkeit Schliessen lassen, auch ein Kreuzer mit turm 
hoher Takelage. -— Jeder Platz an den langgestreckten Quais ist 
besetzt und, gleich einem Schwarm Ameisen, eilt ein Trupp von 
Menschen über die Laufplanken an Bord und zurück nach den 
nahegelegenen Magazinen, um immer neue Gegenstände von dort in 
die Räume des Schiffes zu bringen. Da, wo Menschenkräfte nicht 
ausreichen, helfen gewaltige Krahne, deren Riesenarme die schwersten 
Gegenstände emporheben und von Land au Bord befördern. 
Sobald ein Schiff seine Ausrüstung an Bord hat, fährt es nach 
dem Quai, wo die Nahrung der nimmersatten Maschinen, die Kohlen, 
in grossen Haufen aufgestapelt sind. Hunderte von Arbeitern sorgen 
hier für den gierigen Schlund der Oefen und viele tausend Körbe 
werden gefördert, bis ihm genügt. Die Nacht unterbricht nicht die 
Arbeit, elektrische Lampen ersetzen das Tageslicht und frische Träger 
lösen die alten ab. Doch auch im Innern des Kolosses wird es 
lebendig, dichte Rauchwolken entsteigen dem Schlot, der letzte 
Korb Kohlen ist übergenommen, die schweren Ketten, die den 
Dampfer an den Quai fesselten sind los geworfen, die Maschine 
setzt sich schnaufend und pustend in Bewegung und langsam 
gleitet der Koloss durch die offene Schleuse hinaus auf die Rhede — 
Dort wird die Scene von Stunde zu Stunde lebhafter. Die Zahl 
der Schiffe vermehrt sich; Dampfbarkassen eilen hin und her, 
Feuerschiffe Bojen und Tonnen, welche das Fahrwasser bisher 
markirten, werden eingeschleppt und durch andere nur dem Ein 
geweihten bekannte Zeichen ersetzt. 
An Bord der Schiffe finden täglich Gefechtsübungen statt, 
um die Kenntnisse der einberufenen Mannschaften wieder aufzu 
frischen. Endlich ist Alles bereit, sämmtliche Streitkräfte sind 
mobil. Es ist aber auch die höchste Zeit, denn die Vermuthung, 
dass das Gros des feindlichen Geschwaders bereits in der Nordsee 
angelangt ist, wird durch die von einzelnen Avisos unternommenen 
Recognoscirungen bestätigt. Der Wunsch unserer Blaujacken, sich 
mit dem Feinde zu messen, wird immer lebhafter und die allgemeine 
Aufregung in den Hansastädten steigert sich zu ihrem Höhepunkt. 
Da plötzlich läuft von Helgoland per Kabel die Meldung von dem 
Erscheinen einer zahlreichen Panzerflotte ein. Da die Witterung 
vorherrschend trübe ist, wird ein Ausfall der Torpedoboote geplant, 
es soll versucht werden, unter dem Schutze der Nacht und der 
Aprilnebel den Feind zu überrumpeln und zu vernichten. 
Aus Elbe, Weser und Jade sollen die verschiedenen Schooner. 
begleitet von zwei Avisos, gleich nach Mitternacht aufbrechen; es 
war nicht unmöglich, dass der Feind, auf einem Punkte alarmirt, 
seine Aufmerksamkeit dorthin richten würde, und dass cs alsdann 
den anderen Schwärmen gelingen würde, unbemerkt dem feind 
lichen Geschwader sich zu nähern. 
Gleich nach Mitternacht passirte die Jade-Division die äussere 
Fahrrinne; unter Führung eines zuverlässigen Lootsen dampften die 
Boote gegen die nördliche Dünung an; der feine, nasse Nebel war 
zum Staubregen geworden, das Barometer zeigte auf schlecht 
Wetter — um so besser. Da plötzlich ein Aufleuchten von 
elektrischen Scheinwerfern in weiter Entfernung, gleich darauf ein 
Aufblitzen der Schüsse, und nun folgt Krach auf Krach, , und 
wie in weiter Ferne das Rollen der Revolverkanonen. Es sind die 
feindlichen Wachtschiffe, welche die aus der Weser kommenden 
Boote bemerkt haben mussten. 
Unbehelligt setzten unterdessen die Jadeboote ihren Weg fort, 
sie waren nicht entdeckt worden. Gegen zwei Uhr nahmen sie 
ihren Cours auf Helgoland. Fast eine Stunde ging es so fort mit 
18 Meilen Fahrt. Den ersten Gürtel der Wachtschiffe hatte man 
eben unbemerkt passirt, da wurden abermals Licktscheine sicht-
	        
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