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Periodical volume Nr. 69, 25. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 11 
zu erbeben. 1363’lösten die Markgrafen Ludwig und Otto 
ilire sämmtlichen Mulden, die sie dem Rath versetzt hatten, 
wieder ein. 
Als die Bürger sich gegen Friedrich Eisenzahn em 
pörten, verlor die Stadt mit vielen anderen Vorrechten auch 
die Mühlen, die Eigenthum der Landesherren wurden und 
seitdem geblieben sind. 
Ein eigenes Amt, „Der Mühlenhof“, der gleich anderen 
Aemtern unter der kurmärkiscb/en Kammer stand, diente 
später zur Verwaltung der Mühlen und hatte die Gerichts 
barkeit über den Mühlendamm und die Fischerbrücke, auch 
die daselbst wohnenden Eigenthümer und Einwohner standen 
unter seinem Gerichtszwange. Ferner hatte es die Gerichts 
barkeit über die Oberspree — der übrige Theil unterstand 
dem Hofgerich,t — wie auch über alle in und um Berlin be 
findlichen Mühlen, ja sogar über sieben Dörfer der Um 
gegend. 
So mussten sich Fischer, Schiffer, Brauer, Bäcker u. s. w. 
in gewissen Fällen dem Königlichen Mühlenamt stellen, 
um sich zu verantworten oder ihre Klagen vorzubringen. 
Jeden Mittwoch und Sonnabend wurde in der Gerichtsstube, 
die sich auf dem Mühlenhof befand, von Morgens 9 Uhr ab 
Recht gesprochen. Otto Krack. 
Die Musik des Khedive. 
fAMrnck untersagt] 
Eine mächtige Zeltrotunde, hoch überragt von schlanken 
Dattelpalmen, bildet den Mittelpunkt des grössten Platzes 
in der Ausstellung Kairo, sowie den Sammelpunkt aller Be 
sucher dieser originellen Darstellung des Nilbecken- Orients. 
Hier steht man nicht nur inmitten des bewegten Treibens 
dieser Hunderte von - braunen und schwarzen Gestalten in 
ihren malerischen Trachten, sondern die Rotunde ist auch 
der ständige Aufenthalt der uniformirten braunen Musiker, 
die als „Hofkapelle des Khedive“ schon vor der Eröffnung der 
Ausstellung von sich reden machten und deren Thätigkeit 
nun Tag für Tag einen der Haupt - Anziehungspunktes 
bildet. 
Nicht mit Unrecht. Dass die musikalischen Leistungen 
dieser braunen Söhne des Orients auf einer so ausserordent 
lich künstlerischen Höhe ständen oder das sie mit einer un 
serer guten Militairmusikkapellen siegreich concurriren könn 
ten, wird freilich Niemand behaupten wollen. Nur damit 
liesse sich etwa ein Vergleich anstellen, denn schon äusser 
lich tritt ja auch diese egyptische Hofknpelle als Militair- 
musik auf: in einfachen blauen Uniformen, mit goldenen 
Litzen als Auszeichnungen für die Sergeanten, Unteroffi- 
ciere und Feldwebel auf den Armen, den Säbel an der Seite, 
den nationalen rothen Fez auf den charakteristischen Araber 
köpfen. Wenn man aber bedenkt, dass die Einfjuhrung, 
dieser Musik in Egypten als Merkzeichen europäischer Cul 
tur noch sehr jung ist, erst nach wenigen Jahren zählt, so 
muss man doch bewundern, was eiserner Wille, unermüd 
licher Fleiss und unerschütterliche Ausdauer bei diesen 
Wüstensöhnen erreicht haben. 
Erst der jetzige junge Khedive, Abbas II. Ililmi, hat 
den Beschluss, in Egypten auch eine völlig europäische Musik 
einzuführen, zur Reife gebracht und mit Energie durch 
geführt. Keine Vorgänger waren von grösseren Cultur-Auf 
gaben derart in Anspruch genommen, dass sie sich mit der 
zwar ausserordentlich charakteristischen, jedoch mehr als 
primitiven arabischen Nationalmusik begnügten. Mehemed 
Ali, der Begründer der bedingten egyptisch,en Selbstständig 
keit, war auch völlig Orientale, aber auch seine unmittel 
baren Nachfolger Abbas I. Pascha (1848—54) und Said 
Pascha (1854—63) waren noch europäischer Cultur abhold, 
obwohl Abbas wenigstens die Bedeutung des Dampfrosses 
erkannte und die erste Eisenbahn von Alexandria zum Nil 
eröffnete.. Erst Ismail Pascha (1863—79), dem Grossvater 
des jetzigen Khedive, gelang ein weiterer Schritt zur ägyp 
tischen Selbstständigkeit, denn er setzte 1873 die Erblichkeit 
der Iwgentenwürde in seiner Familie durch und öffnete der 
europäischen Cultur die Thore des alten Pharaonenlandes. 
Und sein Sohn Tewfik Pascha (1879—92) folgte den Bahnen 
des Vaters und sendete seine Söhne, sogar zur Erziehung in, 
europäischer Weise nach Wien. 
Hier hat denn Abbas II. Hilmi auch die Liebe zur 
Musik eingesogen, und als es, noch nicht achtzehn Jahre 
alt — er vollendet am nächsten 14. Juli erst sein 
22. Lebensjahr — die Regierung Egyptens über 
nehmen musste, wendete er auch der musikalischen Kunst 
seine volle Aufmerksamkeit zu. Unterstütz«, wurde er 
dabei wesentlich durch seinen Bruder, den Prinz,,in Mehemed 
Ali Pascha, welcher sich in Wien auch zu einem ausgezeich 
neten Clavierspieler ausgebildet hat. In Herrn Faltis, 
welcher die Kapelle in der Ausstellung leitet, fand er in Kairo 
selbst den geeigneten Mann, welcher die Pläne des Fürsten 
für die Musik mit vollem Verständniss durchführte. 
Vincenz Franz Faltis wurde 1856 zu Iglau in 
Mähren geboren und machte seine musikalischen Studien 
auf dem Conservatorium in Prag. Nach Vollendung der 
selben und nach Absolvirung seiner Militairzeit im Vater- 
lande begab er sich auf die Wanderschaft und ist äls Musiker 
in aller Herren Ländern thätig gewesen; in Russland diente 
er sogar eine Zeit lang bei der Garde. Echtes Musikant,en- 
blut kann ja ein Stück Zigeunerthum nie verleugnen. Im 
Jahre 1891 kam er nach Egypten, und hier zog er die Auf 
merksamkeit des Khedive in einem so hohem Grade auf sich 
dass er den ebenso ehrenvollen wie bedenklichen Auftrag er 
hielt, die egyptische Musik zu organisiren oder vielmehr rich 
tiger: mit eingeborenen Elementen eine egyptische Musik 
nach europäischem Muster zu schaffen. Trotz aller Bedenk 
lichkeit nahm Faltis den Auftrag an und führte ihn, da die 
nöthigen Mittel reichlich gewährt wurden, mit grösster Be 
harrlichkeit aus. 
Dass nicht die preussische, sondern die Organisation dei 
österreichischen Militairmusik die Grundlage bildete, ist 
selbstverständlich Die Firma Czerveny in Königgrätz lie 
ferte auch, alle in der österreichischen Militairmusik ge 
bräuchlichen Instrumente, von deren Natur und Gebrauch die 
eingeborenen Araber natürlich nicht die geringste Ahnung 
hatten. Die ganze Sache musste also mit den primitivsten 
musikalischen Elementen begonnen und langsam aufgebaut 
werden. Dass unter solchen Umständen ein Resultat nur 
mit eiserner Strenge und unerschöpflicher Geduld zu erzie 
len war, liegt auf der Hand, und man darf Hin. Faltis, wel 
cher, um seinen Leuten gegenüber auch die erforderliche 
Autorität zu haben, den Rang eines Majors bekleidet, die 
höchste Anerkennung seines Organisationstalentes nicht ver 
sagen. Das musikalische Talent der Araber ist noch keines 
wegs so weit entwickelt, dass sie die Geschichte etwa so leicht 
begriffen, es muss vielmehr jedem Einzelnen seine Stimme 
besonders einstudirt werden, es muss ihm stellenweise sogar 
vorgesungen werden, damit er sieh nur überhaupt hinein 
findet u. s. w., und so hat Herr Faltis eine Arbeit, von der 
sich unsere Kapellmeister gar nichts träumen lassen. 
Dennoch hat er alle diese enormen Schwierigkeiten über 
wunden und eine Kapelle organisirt, die im ganzen aus 115 
Köpfen besteht, von denen 58 zur Ausstellung nach Berlin com- 
mandirt sind. Aber nicht genug damit, hat Faltis seit zwei 
Jahren unter nicht minder „grossen Schwierigkeiten“, auch 
eine arabische Cavalleriemusik in’s Leben gerufen, und seit 
etwa einem Jahre auch eine „Sudanesenmusik“, welche mit 
Ausnahme zweier Araber ausschliesslich von echten Sudan- 
Negern gebildet ist. Allen Respect vor der unsäglichen Ar 
beit, welche damit verbunden sein muss, und alle Achtung 
vor den verhältnissmässig tüchtigen Leistungen der hier an 
wesenden Kapellen, für die wir Herrn Kapellmeister Faltis 
nur unsere vollste Anerkennung aussprechen können.
	        
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