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Periodical volume Nr. 68, 24. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officieile Ausstellungs - Nachrichten. 
oder ein kleines Scepter vorstellte. Am oberen Ende sitzt? 
ein Vogel als Krönung und drei weitere Vögel sitzen auf drei 
um den Stab gmppirten Cap teilen, an diesen sind dann wie* 
der drei bewegliche Gehänge angebracht. 
In dieser Zeit erscheinen wiederum, wie bei Homer, die 
ersten Gegenstände aus Eisen, auch finden wir hier die ersten 
Fibulae, jene Sicherheitsnadeln, die auf's Haar den engl eichen, 
die heute unsere Chirurgen benutzen. Bald mehrt sich das 
Eisen und aus Kupfer oder Bronze werden nur noch Geräthe 
und Schutz Waffen, aber keine Angriffswaffen mehr herge 
stellt. Während der Käme und die Race des Volks in den 
Kupferzeit noch ins Dunkel gehüllt ist und die Arier-Theorie 
vorläufig nur eine Theorie ist, können wir die 
Mykener nunmehr als echte Griechen erkennen, denn ihr 
Alphabet ist das griechische. Mit dem Eisen kommt die; 
graekophönicische Kunst, und wie in der Bronzezeit Cypern 
durch seine Waffen hervorragte — der berühmte Panzer 
Agamemnon s stammt dorther — so auch in der Eisenzeit 
Aus dieser Zeit sind uns eine Menge Fundstücke erhalten, 
neben anderen Stücken ein äusserst kunstreiches Schwert, 
das Alexander der Grosse zu tragen pflegte. 
Dr. Ohnefaisch-Richter hat in der Ausstellung Kairo, 
und zwar gegenüber der Kaid-Bey-Moschee, eine Sammlung 
der von ihm ausgegrabenen Alterthümer aufgestellt, die 
einzig in ihrer Art ist. Sie wird in diesen Tagen dem 
Publikum zugänglich gemacht werden und dürfte bei allen, 
Archaeologen das höchste Interesse hervorrufen. 
Karstensen. 
Sie Mitglieder des Handelskammerbezirkes 
Reichenberg in Böhmen, des gewaltigsten Industrie 
bezirkes der gesammten österreichischen Monarc/hie, sind 
gestern Abend in Berlin zu einem mehrtägigen Besuch ein 
getroffen. Sie werden nicht allein die Ausstellung sehen, son 
dern auch verschiedene industrielle Etablissements und 
städtische Anlagen besuchen. Das Fernbleiben der Indu 
strie des Reichenberger Handelskammerbezirks von der Lan 
desausstellung für das Königreich Böhmen in Prag erregte 
vor einigen Jahren ausserhalb Oesterreichs zwar Aufsehen, 
war aber gerechtfertigt, weil die damalige Ausstellung als 
czechisches Unternehmen bei den gut deutsch gesinnten 
Kordböhmen auf Sympathieen nicht rechnen durfte. Die 
Ausstellung war in Folge dessen thatsächlich auch keine Lan- 
des-Ausstellung im richtigen Sinne des Wortes, weil die be- 
deutensten Industriellen Kordböhmens fehlten und in Folge 
dessen gähnende, klaffende- Lücken vorhanden waren. Un 
ausgesetzt sind die Czechen bemüht, in dieser rein deut 
schen Gegend Fuss zu fassen, aber die Deutschen sind auf 
dem Posten, wenn sie auch nicht verhindern können, dass 
czecjhische Verwaltungsbeamte hergesandt und hier und 
da czechische Schulen gegründet werden. Sie machen 
aus ihren freundschaftlichen Gesinnungen gegen das deut 
sche Reich kein Hehl und der Besuch der deutschen 
Reichishauptstadt und ihrer Ge werbe-Aus 
stellung ist'dafür ein neuer Beweis. — Die In 
dustrie des Reichenberger Bezirks ist sehr vielseitig. 
Voran steht die Textil-Industrie mit ihren vielen Fabriken 
in Reichenberg selbst und in dessen Umgebung. Wer ein 
mal die Thäler des mächtigen Isargebirges mit ihren wild 
rauschenden Gewässern durchwandert hat, ist gewiss er 
staunt gewesen, auch in den abgelegensten Seitenthälern 
Spinnereien uüdWebereien zu finden. Die Branchen der Ax- 
minster-Teppichweberei und der Velvetfabrikation, die in 
Berlin die Weberei eigentlich repräsentiren, sind auch dort 
stark vertreten, namentlich in und bei Reichenberg, in 
Rumburg und Schluckenau. Weltberühmt ist die Kattun- 
weberei und Druckerei von, Josefsthal-Kosmanos, die Tuch 
weberei und Stoffweberei Reichenbergs, die Flanell- und 
Baumwollstoffweberei von Warnsdorf, die Möbelstoffweberei 
von Rumburg, Schönlinde, Kreibitz, Grottau etc. Grosse Spin 
nereien finden wir in der Gegend von Trautenau und Rei 
chenberg. in Bodenbach, Tetschen, Franzensbad, Warnsdorf, 
Kreibitz, Böhm. Kaunitz etc. Fast in jedem bedeutenden. 
Industrieorte stösst man auf Fachschulen, oft wahre Pracht 
bauten, die sehr gut dotirt sind. Aus den Fachschulen zu 
Rcichenberg, Warnsdorf, Rumburg, Schönlinde, Schluckenau 
etc. gehen sehr tüchtige Musterzeichner und Webermeister 
hervor. Haupülndustriezweige des Bezirks ‘sind auch die 
Glasfabrikation, Glas-Raffinerie, -Malerei, -Aetzerei,-Schleife 
rei, die ihre Fachschulenin Haida und Steinschönaubesitzt, fer 
ner die Fabrikation von Steinnuss- und Metallknöpfen in 
Nixdorf und Hainspach, die Bandweberei in der Gegend von 
Lobendau, die Fabrikation musikalischer Instrumente in 
Rumburg, die Billardfabrikation von Reichenberg und' 
Schönlinde, die Fabrikation von Glasperlen in Gablonz, die 
grossartige Möbelfabrikation in Niemes, die Grossgerberei 
von B. Leipa, Schluckenau, B. Kamnitz etc. und ausser vie 
len Anderen auch noch die böhmische renommirte Gross 
brauerei. Alle diese Industrieen haben Vertreter hierher ge 
sandt, um sich darüber zu informireh, wie es um diese und 
andere Fabrikationszweige bei uns steht. Mögen sie Befrie 
digung finden und die Versicherung mit in das herrliche 
Böhmenland nehmen, dass uns ihr Besuch ehrt und freut, 
dass ihnen auch im Deutschen Reiche die Herzen ihrer Bun 
desgenossen warm entgegenschlagen, und dass es ehrlich und 
aufrichtig gemeint ist, wenn wir ihnen heute zurufen :i 
„Grüss Gott in Berlin, willkommen in der 
Ausstellung!” 
V 
Der Sonntags-Gottesdienst in der Ausstellung. 
Wir erwähnten in unserem Bericht über den ersten Sonntags- 
Gottesdienst in der Ausstellung, dass sehr wenig Angestellte 
an der Feier theilgenommen hätten. Wir erhalten nunmehr 
folgende Zuschrift in dieser Angelegenheit: „ Dem 
Personal ist weder der Wunsch der Kaiserin officiell bekannt 
gegeben, noch die Erlaubn!ss zum Besuch des Gottesdienstes 
ertheilt worden. Es wäre aber auch wirklich ein bischen 
viel gewesen, dem Personal als Entschädigung für den 
gleich einem Wochentage der Arbeit gewidmeten Sonntag 
eine, freie Stunde für den Gottesdienst zu gewähren. So bleibt 
nun alles, trotz der Kaiserlichen Fürsorge, beim Alten, 
wenn sich nicht die Presse der in der Ausstellung Angestellten 
annimmt; denn Ihrer Majestät der Kaiserin kann sonst der 
wahre Sachverhalt nie bekannt werden. — Vielleicht, wenn 
wir etwas Freiheit betreffs des Gottesdienstes gemessen, er 
innern sich die Herren, die die Ausstellung in’s Leben geru 
fen und den Berliner Chefs die öftere Beurlaubung ihrer An 
gestellten zum Besuche der Ausstellung anempfohlen haben, 
dass es auch unter den Angestellten der Ausstellung Leute 
giebt, die sich letztere gern einmal ansehen möchten, und 
genehmigen ab und zu einen oder einen halben Tag in der 
Woche zur Besichtigung der Ausstellung. 
Hochachtungsvoll 
F. M.“ 
V 
Für die zweite orientalische Nacht, welche heute 
in Kairo stattfindet, sind die umfassendsten Vorkehrungen 
getroffen, um den Eindruck noch prachtvoller zu gestalten, 
als am ersten Abend. Dadurch, dass die Leitung der Illumi 
nation in den Händen eines als tüchtig bekannten Künstlers, 
des Malers Lehmann ruht, ist die Garantie gegeben, dass 
etwas ganz Eigenartiges, mit dem Stile Kairos völlig Har- 
monirendes geboten wird. Alle diejenigen Beleuchtungs- 
effeete, welche in der Vorwoche als besonders wirkungsvoll 
sich erprobt haben, wurden noch bedeutend verstärkt. So 
haben alle Häuser längs des Daches und der Mauervorsprünge 
an Giebeln und Altanen reiche Guirlanden von Illuminations 
gläsern, meist in blauer und gelber Farbe erhalten, wodurch 
die charakteristischen Gontouren der Baulichkeiten reizvoll 
hervorgehoben werden. Ueberdies sind an den Thürmen,
	        
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