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Periodical volume Nr. 66, 22. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Äusstellungs- Nachrichten. u 
net werden kann, sowohl die Moschee wie der Katalog-Kiosk 
und wollte grade losorgeln, als Tante Lina und Ottilie zu 
rückkehrten. 
„Schon?“ fragte ich. 
„Ueber eine Stunde ist genug,“ antwortete Tante Lina. 
„Blos Geld verfahren, dazu hat man es nicht.“ 
„Und wie gefällt Ihnen das neue Berlin?“ 
„Berlin?” fragte sie nach. „Man sieht ja nichts von 
Berlin. Nein, ich kann nicht sagen, dass ich was von Berlin 
gesehen hätte.“ 
„Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum ge 
fahren ?“ 
„Das glaube ich nicht.“ 
„Und Du Ottilie, Du freutest Dich doch so furchtbar 
auf die Fahrt. War sie. denn nicht entzückend?“ 
„0 ja,“ antwortete sie, als wäre das Ja eine Gummi 
strippe. 
„Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten 
und bei Wrangeln und den übrigen Monumenten ?“ 
„Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt,“ sagte 
Tante Lina spitz. „Es ist Alles Betrug. Für’s Halten kann 
man doch nichts bezahlen ?“ 
„Welche Uhr?“ 
„Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau 
Acht gegeben, nicht wahr, Ottilie?“ 
„In einem fort.“ 
„Bis es mir zu theuer wurde, da musste er umwenden.“ 
„Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen?“ fragte ich 
erregt. „Blos auf den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts 
und nicht links. Da huben Sie ja völlig nutzlos im Wagen 
gesessen!“ Für mich fügte ich hinzu: „Was sagt Berlin zu 
solchen Kunden ?“ 
„Immer wurden es zehn Pfennige mehr,“ warf Tante 
Lina mir vor. „Wie sich das ansummt.“ 
„Man wendet kein Auge von dem Zeiger,“ suchte Ottilie 
sich zu entschuldigen, die meine Entlastung merkte, „ob 
man will oder nicht.“ 
„Gewiss,“ sagte ich, „dazu sind die Zähldroschken extra 
erfunden. Das nächste Mal nehmt Ihr keinen Weisslackirten, 
sondern einen einfach Schwarzen. 
„Und dann fahren Sie mit,“ brummte Tante Lina, „und 
zeigen uns Alles, damit ich zu Hause erzählen kann, wie Ber 
lin eigentlich aussieht. Die Zwei Mark vierzig heute sind 
rein weggeschmissen. Gut, dass Oberlehrer Kranz das nicht 
erfährt, der immer behauptet, Frauenzimmer können nicht 
rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie giebt 
viel zu Unnöthjges aus; ihr Vater machte bankerott; das 
Geld lag*in der Ofenröhre, und wer was brauchte, nahm wel 
ches, das konnte nicht bestehen. Und mehr als knappe Aus- 
s-teuer brachte sie nicht mit. Kranz giebt ihr nie über drei 
Mark, aber die Leute sagen, sie lässt aufschreiben. Er hätte 
sich besser mit Viedt’s Tochter gestanden, Viedt’.s stehen sich 
breit-... 
„Bitte, entschuldigen Sie mich ; ich muss in die Küche.“ 
-— Halb verzweifelt rannte ich in’s Comptoir. 
„Was ist? Was giebt’s?“ fragte mein Karl bestürzt, 
als ich, dem Weinen nahe, auf das Canapee sank. 
„Viedt,“ stöhnte ich. 
„Armes Weib. — Nicht weiter.“ 
,)Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf, 
Architektur müsste sie Umstände halber verzichten. Aber 
spotte nicht. Ich bin so mürbe, so mürbe.“ 
„Minchen, weist Du 'was ? Wir Beide ganz allein machen 
hinaus nach Treptow. Ich habe im Weinhäus’l einen vor 
züglichen Tropfen ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.“ 
„Ja, mein Karl. Sicherer wäre am Ende nach dem 
Grunewald. Aber wie Du willst.“ 
Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes 
Wort. 
Die Postkarte wird wohl schon in Ihren Händen sein. 
Mit der vorzüglichsten Hochachtung 
ganz ergebenst 
W i 1 h e 1 in,' i n e B u c h h o 1 z, 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt,] 
Die Bedeutung] der Pilze im Haushalte der Natur 
Wenn die zahlreichen Damen, die dem Vortrag des 
Herrn Professor Dr. L. K ny, Wilmersdorf, anwohnten, ge 
hofft hatten, zur Berreicherung ihrer kulinarischen Kennt 
nisse vielleicht etwas über giftige Pilze oder die schmack 
hafteste Zubereitung der essbaren zu hören, so stehen sie -sich 
cehr enttäuscht, denn der Vortragende hielt sich so streng 
wissenschaftlich an sein Thema, dass er absolut nur vom 
Pilz im Haushalt der Natur, aber nicht etwa davon sprach, 
welchen Werth derselbe für den Feinschmecker im mensch 
lichen Haushalt hat. 
Herr Professor Kny ist bekanntlich ein grosser Gelehr 
ter und bewie.ss dies auch diesmal wieder, indem er seinen 
Vortrag so sachlich wie nur immer möglich hielt und auch 
nicht einen Augenblick den Ton der populairen Plauderei 
anschlug, der auch dem Laien ein wissenschaftliches Thema 
geniessbar macht. Es soll dies natürlich kein Vorwurf für 
den gelehrten Redner sein, der jedenfalls von seinem Stand 
punkt aus vortrefflich und mit eingehenster Sachkenntniss 
sprach — aber es soll uns entschuldigen, ‘wenn wir die Aus 
führungen des Herrn Professor, die dieser mit zahlreichen 
Zeichnungen an der Tafel erläuterte, nur ganz im Allge 
meinen wiedergeben. Der beschränkte Raum unseres 
Blattes gestattet uns nicht, dies so eingehend zu thun, dass 
es den wissenschaftlichen Fachmann interessiren könnte und 
für den Laien mag es genügen, wenn wir mittheilen, dass 
Herr Professor Kny in vollständig freier Rede, erstens den 
Nutzen der Pilze im Haushalte der Natur und zweitens 
deren Schädlichkeit erläuterte. Der Redner führte zu 
nächst die nur mit bewaffnetem Auge sichtbaren Spaltpilze 
(Bakterien) und Sprosspilze, dann die wichtigen, in Gestalt 
von Flocken -sichtbaren Schimmelpilze vor. Er erläuterte, 
wie bei allen Pilzen eine der wichtigsten und originellsten 
Eigenschaften das Fehlen des grünen Farbstoffes, des so 
genannten Chlorophylls sei und legte dar, welch eine bedeu- 
volle Rolle das Grün im Haushalte der Natur spiele. Das 
Grün führt in seiner chemischen Zusammensetzung der 
Pflanze die nothwendigen Lebenssäfte zu und die zer 
störende Eigenschaft der Pilze besteht hauptsächlich darin, 
dass sie sich diese Säfte als gefrassige Parasiten anders wo 
her holen müssen. Anderseits spielen die Pilze - wieder bei 
der Bildung der so wichtigen Humussubstanzen eine höchst 
bedeutungsvolle Rolle und repräsentiren auf diesem Gebiete 
einen directen chemischen Eingriff, dejf.‘ die Lebensbedingung 
für zahlreiche Pflanzen bildet. Wir erfahren, welch einen 
wichtigen Factor der Pilz >bei der Zubereitung zahlreicher 
Speisen und Getränke (Brot, Käse, Essig, Bier, Wein etc. 
etc.) bildet und dass et hier eine Thätigkeit, entwickelt, die 
ganz besonders in der Milchwirtschaft eine so Bedeutungs 
volle Rolle spielt, dass wir ihrer absolut nicht entbehren 
können. Neu und hochinteressant dürfte auch für den Laien 
die Mittheilung sein, i welchen Werth die Pilzebildung für 
die Fermentation (den Schwitzprozess) des Tabaks hat und 
dass man sogar die minderwertigen'Tabakssorten dadurch 
veredeln kann, dass man Reinculturen von Pilzen feinerer 
Sorten auf sie überträgt. Die Schattenseiten der Pilze be 
leuchtend, erging sich Herr Professor Kny ausführlich über 
den so sehr schädlichen Kartoffelpilz. Er schildert, wie sieb 
derselbe, wenn er nicht mit allen Mitteln bekämpft wird, von 
Jahr zu Jahr weiter fortpflanze, und wie man früher die 
Ausbreitung desselben dadurch wesentlich förderte, dass man 
der Ansicht huldigte, diejenigen Kartoffeln, die zu schlecht 
zum Essen, ja selbst zur Viehfütterung geworden seien, 
wären immer noch gut genug für die Aussaat. Heute weiss 
mau ganz genau, dass man nur die besten Knollen für diese 
benutzen darf, wenn man dem Umsichgreifen des Kartoffel 
pilzes steuern will. Freilich müssen zu diesem Zwecke 
sämmtliche aneinander grenzende Landwirthe diese Vorsicht 
gebrauchen, da, wenn nur einer schlechte Saatkartoffeln 
pflanzt, diese den Krankheitsstoff auch auf die gut bestellten 
Felder übertragen. Auch die Erkrankung de» Getreides
	        
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