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Volume Nr. 7, 14. März 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Ofstciellc AussteUungs-Uachrichtett. 
viertel Million Menschen in Berlin und Vororten einquartirt 
werden könnten. Wo eine solche Flille von Unterkunftsräumen 
vorhanden ist. kann es keine Wohnnngsnoth geben, wo das An 
gebot viel größer als die Nachfrage ist, können keine exorbitanten 
Preise entstehen. 
Berlin ist nicht beliebt im Reich, und es giebt Organe der 
Tagespresse, welche jede Gelegenheit wahrnehmen, der Reichs- 
Hauptstadt irgend etwas am Zeuge zu flicken. Jedenfalls ver 
sündigen sich aber die Gegner Berlins entschieden an der Wahr 
beil und Gerechtigkeit, wenn sie verblümt und unverblümt behaupten, 
die Berliner beabsichtigten, die Fremden, die zur Ausstellung 
kommen, auszuplündern. Wir wollen um des lieben Friedens 
willen nicht die Zeitungen nennen, die mit einem gewissen Behagen 
daraus hinweisen, wie die Berliner Bevölkerung sich gewissermaßen 
schon den Schnabel wetzt, um sich an den Besuchern der Aus 
stellung zu bereichern. 
Nie ist eine ungerechtere, unmotivirtere Behauptung in 
die Welt gesetzt worden. Berlin wird keine Theuerung haben, und 
der Besucher wird alle seine Bedürfnisse sich hier für denselben 
Preis schaffen können, den er sonst bei einem Besuch in Berlin 
zahlte, für einen Preis, der bei weitem niedriger ist als die Preise 
in anderen Weltstädten. Daß etwa die Restaurateure und Hoteliers 
mit ihren Preisen für Essen und Trinken aufschlagen könnten, wie 
dies in ganz ungeheuerlicher Weise in anderen Städten bei Ver 
anlassung großer Menschenansammlungen geschehen 'st, dürfte voll 
ständig ausgeschlossen sein. Ebensowenig ist anzunehmen, daß 
durch künstliche Machenschaften, durch Ausnützung der Verhältnisse 
eine Vertheuerung der Waaren bei Bäckern, Schlächtern, Kauf 
leuten u. s. w. eintritt. 
Sollte der thörichte Versuch gemacht werden, eine solche 
Theuerung künstlich in's Werk zu setzen, so würde sich die ge 
summte Berliner Presse, deren Einfluß in Berlin ein ganz kolossaler 
ist, wie ein Mann erheben und gegen eine solche Speculation 
Protestiren. Sie würde mit diesem Protest einen durchschlagenden 
Erfolg bei der Berliner Bevölkerung haben, denn die Einwohner 
schaft Berlins ist zu klug und zu praktisch, um nicht zu wissen, 
daß eine Theuerung der Nahrungsmittel am schwersten den Ein 
heimischen selbst trifft. Das böse Beispiel von Wien belehrt uns 
ja, daß die Vertheuerung der Lebensmittel mit deni Schluß der 
Ausstellung nicht aufhört, und daß die Einwohnerschaft Berlins 
es Jahrzehnte zu büßen Hütte, wenn sie während der kurzen Zeit 
der Ausstellung eine Theuerung künstlich insccniren würde, um 
die Fremden zu schröpfen. 
Außer der Presse und der Berliner Bevölkerung würden aber 
ganz entschieden die städtischen und staatlichen Behörden, wenn 
auch aus ganz verschiedenen Motiven, der künstlichen .Heraufschrau 
bung der Preise entgegentreten. Alle die Gäste, die uns während 
der Zeit der Ausstellung besuchen wollen, mögen also überzeugt 
sein, daß unter keinen Umständen eine Vertheuerung der 
nothwendigsten Bedürfnisse eintreten wird. Die Gäste 
werden finden, daß man in Berlin gut und billig auch als 
Fremder leben kann, wenn man nur die richtigen Lokale aufsucht. 
Es wird den Fremden aber nicht schwer fallen, diese richtigen 
Lokale zu finden, denn eine ganze Legion von gedruckten Fremden- 
sührern wird den Besuchern Auskunft über alles Wissenswerthe 
geben. 
Eine der größten deutsche» Zeitungen hat sich vor wenigen 
Tagen ans Berlin Artikel schreiben lassen, in denen die Trink 
gel derfragc in einer höchst unverständigen Weise behandelt und 
erörtert ivnrde. Wenn ein harmloses und etwas ängstliches 
Menschenkind diese Artikel gelesen hat, so muß es annehmen, daß 
der Fremde in Berlin allein ein Vermögen für Trinkgelder aus 
zugeben hat. Gerade eine derartige unmotivirte Beängstigung 
des Publikums, ivie durch die Trinkgeldfrage, ist am meisten zu 
verdammen. Man merkt auch hier die feindselige Absicht gegen 
die Reichshauptstadt; es soll den Lesern durch solche Artikel ge 
sagt werden: „Ihr werdet schon sehen, wie Ihr hineinfallt; 
äußerlich scheint alles in Berlin billig, aber hintenrum knöpfen 
sie Euch das Geld ab, z. B. durch kolossale Trinkgelder." 
Nun muß es eigentlich jeder verständige Mensch wissen, daß 
Trinkgelder von keinem Gaste zwangsweise eingetrieben werden 
und daß die Höhe des Trinkgeldes ganz in das Belieben des 
Gastes gestellt ist. Daß man natürlich in Berlin, wo leider fast 
ausnahmslos sämmtliche Kellner kein Gehalt bekommen und nur 
auf Trinkgelder angewiesen sind, etwas höhere Trinkgelder zahlt 
als z. B. in München, ist selbstverständlich. Wenn aber dieses 
„Mehr" von Trinkgeldern für manchen Ansstellungsbesucher 
20 bis 30 Pfennig pro Tag beträgt, so sollte man doch nicht 
die Trinkgeldangelegenheit zu einer Staatsaktion in Zeitungs 
artikeln aufbauschen: dafür zahlt man in Berlin auch nur an 
einen einzigen Kellner Trinkgeld und nicht wie in Wien besondere 
Trinkgelder an den Zählkellner, an den Speisezuträger, an den 
Piccolo u. s. iv. Auch derjenige, der gar kein Trinkgeld giebt, 
hat nicht zu befürchten, daß er etwa todtgeschlagen oder insultirt 
wird. Unsere Ausstcllungsgüste können also auch wegen der 
Trinkgcldfrage beruhigt sein und dürfen uns auf's Wort glauben, 
daß cs Niemandem in Berlin einfällt, den Besuchern der Ge 
werbe-Ausstellung durch Nebenspesen und unvorhergesehene Be 
rechnungen gewissermaßen „hintenrum" Geld abzuknöpfen. 
Die Beförderungsmittel sind in Berlin billiger als in 
jeder anderen Großstadt. Eine Uebcrvortheilung der Fremden ist 
ausgeschlossen, wenn sie Stadtbahn, Pferdebahn und elektrische 
Bahn benutzen: aber auch weitn der Fremde Droschke fährt, kann 
er sich sehr wohl gegen Uebervortheilung schützen, wenn er die 
Taxameter-Droschken benutzt, deren Apparat den Fahrpreis, den 
der Fahrgast nach Benutzung der Droschke zu zahlen hat, genau 
anzeigt. Zur Ehre und zum Lobe aller unserer Droschkenkutscher, 
die nicht Taxameter-Wagen fahren, sei aber ausdrücklich angeführt, 
daß es in Berlin fast nie vorkommt, daß ein Kutscher von 
einem Fahrgast eine zu hohe Taxe fordert. Unsere 
Droschkenkutscher sind ebenso wie unsere Dicnstmünner und wie 
alle diejenigen Persönlichkeiten, die mit Fremden zu thun habe», 
durchaus vertrauenswürdige, ehrliche Leute, Ausnahmen 
bestätigen nur die Regel. 
Zum eisernen Bestand englischer und amerikanischer Blätter 
gehört es, immer die Mär von der „Polizei-Chicane" zu ver 
breiten, welcher der Fremde in Berlin ausgesetzt ist. Wenn man 
in den englischen und amerikanischen Blättern die Expcctorntionen 
über Berlin liest, müßte man glauben, daß der Fremde, der auf 
der Straße nur mit den Augen zwinkert, sofort von der Polizei 
ergriffen, an 'Leib und Leben mißhandelt und in ein Burgverließ 
geworfen wird. Wer Berlin kennt, weiß, wie thöricht dicje Be 
hauptungen sind. 
Wer sich hier anständig betrügt, bleibt nicht nur unbehelligt, 
sondern hat sich des größten Schutzes der Polizei, vor Allem 
aber auch der Einwohner zu erfreuen. So wenig entgegenkommend 
der Berliner sonst gegen Fremde ist, zeigt er sich doch sehr hilfs 
bereit, freundlich und wohlwollend gegen Fremde, die irgend eine 
Auskunft wünschen, die in Verlegenheit sind, die sich nicht zu 
helfen wissen. Ja, der Berliner besitzt ein so tiefes Rechtsgefühl, 
daß er mit aller. Energie sofort intervenirt, wenn er findet, daß 
irgend einem anderen Menschen, sei cs Einheimischer oder Fremder, 
von irgend einer Seite das geringste Unrecht geschieht. 
Die Ausstellungsbesucher wollen aber nicht nur Sicherheit 
und Befriedigung der natürlichsten Bedürfnisse, sie wollen 
auch außerhalb der Ausstellung in der Stadt selbst Ver 
gnügungen finden. Auch dafür ist in ausreichendem Maße 
gesorgt, ja, man kann wohl behaupten, daß mit Aus 
nahme von Paris noch nie eine Ausstellungsstadt in 
der Ausstellungszeit derartige Vergnügungen geboten hat, wie 
man sie in diesem Jahre in Berlin finden wird. Alle Bühnen, 
auch die Königlichen, bleiben den ganzen Sommer geöffnet! Die 
Theater und Vergnügungs-Etablissements haben Vorbereitungen 
getroffen, um dem Publikum das Beste zu bieten; für Genüsse 
aller Art ist gesorgt, auf jede Geschmacksrichtung Rücksicht ge 
nommen worden. Auch daß in allen Vergnügungen eine gewisse 
Solidität herrscht, daß Berlin vielleicht sogar einen Mangel an 
sogenannten „Vergnügungen" aufweist, die ein anständiger Mensch 
kaum ohne Erröthen besuchen kann, gereicht der Stadt nur zur 
Ehre und muß den Fremden eine gewisse Beruhigung einflößen. 
Die Gäste wollen in Berlin aber auch höchstwahrscheinlich 
Einkäufe machen, und unsere Geschäftsleute rechnen sogar sehr 
stark darauf, daß die Fremden in der Absicht hierher kommen, 
um einzukaufen, weil Berlin in dem wohlbegründeten Ruf steht, 
reelle, billige und doch gute Einkäufe zu ermöglichen. Auch 
unseren großen Geschäftsfirmen fällt cs nicht etwa ein,
	        
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