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Periodical volume Nr. 65, 21. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
9 
Oie Königliche Blindenanstalt auf der Berliner 
Gewerbe-Ausstellung. 
[Abdruck nntersagil 
In dem Hause, das die Gruppen XVIII und XIX, Wohl 
fahrt*- und Schuleinrichtungen, enthält, finden wir zur ebe 
nen Erde neben Helen Sehenswürdigkeiten auch die Arbeiten 
von den Blinden der Königlichen Blinden-An- 
st& 11 in Steglitz. Staunende Menschen umstehen die 
in gefälliger Form ausgestellten Gegenstände. „Ist es mög 
lich, dass Blinde so etwas machen können P Man sollte es 
kaum glauben; die Leute können doch nicht sehen.“ Die 
Besichtigung der Anstalt in Steglitz, die jedem gern gestattet 
ist, würde jeden Zweifel zerstreuen, wenn wir nicht zugleich 
auch aus zuverlässiger Quelle mittheilen könnten, dass seitens 
der Direetion von vornherein jede nicht vollständig von Blin 
den hergestellte Arbeit von der Ausstellung ausgeschlossen ist. 
Doch sehen wir uns die Arbeiten genauer an ! Die Mitte 
wird ausgefüllt von Korbwaaren aller Art, vom Waschkorb 
aufwärts bis zum zierlichsten Füllhorn, Markt- und Messer- 
körbe, Wasch- und Sßhlüsseikörbe, Jonrnalmappen, Noten 
ständer etc. Das Geflecht ist fast meisterhaft zu nennen und 
bei Berücksichtigung des Umstandes, dass lichtlose Arbeiter 
die Hersteller sind, als ausserordentliche Leistung zu be 
trachten. Hechts und links davon, an Etageren hängend, 
sind Seilerwaaren allrir Art vertreten: Bindfaden, 
Schnüre, Stricke, Taue und in ihrer Verwerthung gezeigt an 
Turnapparaten. Alles vorzügliche und gediegene Waaren! 
Und auf den Etageren stehen Modells rar beiten von Schul 
kindern, die Zeugniss ablegen von der Geschicklichkeit der 
Hände und von dem gewonnenen Verständniss und der Rich 
tigkeit der''Vorstellungen. Gegenstände aus allen Gebieten 
sind gewählt: geometrische Körper, Ketten, Blätter, Früchte, 
Schuhe und Pantoffel, Spaten und Hacke, der menschliche 
Fuss und die Hand, der Huf des Ein- und Zweihufers, Tassen, 
Teller, Gläser und Karaffen, das Huhn, der Hund und der 
Kuckuck u. v. a. An der linken Seite sind' Bürstenwaaren 
jeder Preislage vertreten, Handfeger und Haarbesen hängen 
im Glasscbjrank und laden durch ihre saubere Ausführung 
zum Kauf ein. Selbst für Bestellungen ist Sorge getragen; 
ein vorgedruckter Block nimmt den Auftrag an und der Brief 
kasten überliefert ihn der Anstalt. Weibliche Handarbeiten 
birgt der rechte Glasschrank und theilweise die linke Front. 
Wir wundern uns über die exacte Ausführung und stimmen 
vielleicht in den Ruf vieler Besucher ein: Ein Glück für 
die armen Blinden, dass ihnen eine Stätte geboten ist, so «*» 
was zu erlernen ; wieviel Elend wird da nicht gelindert!“ Ja, 
das kann aber auch die Anstalt nur in ihrer harmonischen 
Ausbildung der Zöglinge, wo eine Thätigkeit die andere stützt, 
hebt und fördert; auch hier gilt»: „Eins muss in das andere 
greifen; eins durch,’s andere blühen und reifen!“ Da sieht 
man, wie schon die Kleinen der Vorschule, 5—7jährige Kna 
ben und Mädchen, angehalten werden, ihre Hände zu prak 
tischer Thätigkeit zu gebrauchen. Fröbelarbeiten verschie 
dener Stufen liegen unter den Glasfenstem der linken Seite 
friedlich neben kunstvoll gehäkelten und gestrickten Tüchern, 
als wollten sie sagen: „Wir haben den Grund gelegt zu 
Eurer Vollkommenheit.“ Ein Smyrna-Teppich, von einer 
•Bewohnerin der Heimstätte gearbeitet, findet den besonderen 
Beifall der Damenwelt, und still hört die Umgebung zu, wenn 
die Nächjststehende den kleinen Zettel liest, der erklärt, wie 
die Blinde cs anfängt, solche Muster in verschiedenen Farben 
zu fertigen. Jäckchen, Decken, Tücher, Mützen, Kissen, 
Puffs, Strümpfe u. a. m. geben von der Manniehfaltigkeit 
der Arbeit Zeugniss. 
Die oberen Fächer der vorderen Schränke sind angefüllt 
mit Schriften, links solche, welche christliche Frauen und 
Jungfrauen aus Liebe zu den Blinden selbst geschrieben ha 
ben, rechts solche, welche blinde Mädchen selbst gedruckt ha 
ben. Von ersteren besitzt die Königliche Blindenanstalt 
nahezu 1400 (Bände, eine grossartige Leistung, wenn man be 
denkt, wie mühsam jeder einzelne Buchstabe, oft aus 5 Punk 
ten zusammengesetzt, herzustellen ist. Trotzdem aber wett 
eifern Damen selbst der höchsten Stände geradezu in diese' 
mühsamen Arbeit, um den Lichtlosen Licht in ihr dunkle! 
Dasein zu bringen und ihren Geist mit bildender Nahrung v.\ 
versorgen. Wie die Druckschriften hergestellt werden, is 
an einigen Tagen der Woche in der Ausstellung selbst zr 
sehen, indem in liebenswürdiger Weise von dem Directo' 
Herrn Wulff dafür Vorkehrung getroffen ist, das ein blinde; 
Mädchen dort an einer Druckmaschine arbeiten darf. Des 
gleichen wird von einem blinden Knaben das Korbflechter 
gezeigt. 
Dass die Königliche Blindenanstalt Anerkennung füi 
ihre Leistungen errungen hat, das beweisen die Diplome ver 
schiedener Ausstellungen, die ebenfalls — und das unsere: 
Erachtens mit vollem Recht — dort aufgestellt sind. Wie 
uns mitgteheilt wird, sind hier nur die neuesten — Chjcagc 
189-3 und Lübeck 1895 — vertreten. 
Alles in allem eine grossartige Leistung, die gewiss ihre 
Anerkennung und Berücksichtigung an maassgebender Stellt 
finden wird. Ist’s schon ein für jeden Menschen erhebende? 
Gefühl, in die Schranken des Wettbewerbes eintreten zu 
dürfen, wieviel mehr für einen Blinden, dem noch am Beginn 
unseres Jahrhunderts als „geborenem Bettler“ mit Nichtach 
tung' begegnet wurde, wenn er seiner Hände Arbeit in die 
Wagschale werfen darf, und siehe da, sie wird als voll gütig 
und gleich werthfg mit der seiner sehenden Genossen gefunden '. 
Der Blinde hat der Welt den Beweis, seiner Leistungsfähig 
keit erbracht, verschaffen wir ihm die Absatzgebiete, nehmen 
wir ihm die gefertigten Waaren ab, dann braucht der Blinde 
nicht zu betteln, er kann vom Erwerb seiner Hand leben. 
Mit diesem Vorsatz, dahin wirken zu wollen, schieden- 
wir von diesem Theile der Ausstellung, C. G. 
Puppen. 
[Abdruck untersagt] 
Wenn man in früheren Jahren 20 kleine Mädchen 
fragte, was sie sich wünschten, war man gewiss, von 
wenigstens 15 die Antwort zu hören: „Eine schöne) 
Puppe.“ Heut dürfte die Zahl der „Puppenwünsche“ kleiner 
sein. Mit der Frauenfrage scheint es gekommen, das man 
schon bei den kleinen Mädchen anfängt, sie gleich den 
Knaben zu erziehen, wie die Frauen sich an allen Berufs- 
artWn, an allem Sport der Männerwelt zu betheiligen wün 
schen. Ich wette, wenn man heut an 20 kleine Mädchen diese- 
Frage richtete, es würden nur 10 hei der Puppe bleiben, 1(1 
würden ein „Rad“, „Schlittschuh“, eventuell ein „Pferdchen“ 
und „Reitunterricht“ begehren. — Und doch giebt es eigent 
lich kein schöneres und lehrn scheres Spielzeug für das kleine 
Mädchen, als die Puppe. — Es ist geradezu Staunenswerth, 
r.vas speciell in Berlin seit den letzten 15 bis 20 Jahren auf 
dem Gebiete der Puppen-Fabrikation und -Confection ge 
leistet wird. Wenn man bedenkt, wie einfach noch in den 
sechziger Jahren die schönste Puppe construirt war, abge 
sehen von den manchmal wirklich monströsen Lefler- 
geschöpfen mit dein glatten, blanken Porcellangesicht, 
dem auch die blanken, schwarzen, über die nicht vorhandenen 
Ohren gekämmten Scheitel nicht fehlen durften, die unsere 
Mutter noch von ihren Kindertagen aufbewahrt hatte, 
Lederbälge, die allen anatomischen Regeln Hohn sprachen, 
hatten nun zwar unsere Puppen auch, (und diese Bälge hat 
ten den Vorzug, dass sie unverwüstlich waren) aber sie hat 
ten, und das war zu .'Anfang de v siebziger Jabre, Köpfe von 
sogenanntem Bisquitporzellan, die oben auf der eingesetzten. 
Korkplatte eine von, Angora-Wolle fein in vielen zierlichen 
Löckchen frisirte Perrücke .batte, Grellaugen von Glas, und 
dieser Kopf, der nicht fest am Halse sass, hatte eine Feder 
und konnte sich drehen. Diese Köpfe waren zuerst aus Paris 
eingeführt, und wer solch eine Puppe aus Paris besass, war 
stolz — ich auch, als ich Weihnachten 1870 solche Puppe 
unter dem Christbaum fand. Ferner gab es auch die jetzt 
noch unverändert üblichen kleinen Gelenk- oder „Pup 
penstuben “-Puppen und sogenannte „Schreipuppen“ und 
„Lockenpuppen“, die Köpfe von Papiermache hatten und
	        
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