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Periodical volume Nr. 64, 20. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
deutscher Architekten und Ingenieure, etwa 1000—1200 Mitglieder 
stark, gedenkt an einem noch näher zu bestimmenden Termin, 
seine diesjährige Wanderversammlung auf dem Ausstellungsterrain 
abzuhalten. 
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Der Wasserverkehr in der Ausstellung hat sich 
in letzter Zeit sehr gehoben. Das »Gondeln« gehört jetzt in das 
Programm der meisten Ausstellungsbesucher. Für die Ausstellungs- 
Seeen besitzt die Motor-Boots-Gesellschaft das alleinige Recht zur 
Personenbeförderung auf den Ausstellungs-Seen, und zwar: Station 1: 
am Haupt-Ausstellungsgebäude; Station 2: am Haupt-Restaurant 
von Adlon & Dressei; Station 3: bei Alt-Berlin, Bureau der 
Motor-Boots-Gesellschaft am Karpfenteich; Station 4: Pavillon 
Sarotti; Station 5: Ausstellungs-Bahnhof resp. Kairo. Ausserdem 
ist von dem Pavillon Sarotti eine Fähre nach der Kolonial- 
Abtheilung eingerichtet, die Heberfahrt kostet 10 Pfennige. Die 
Heberfahrt nach den sonstigen an den Ausstellungs-Seeen befind 
lichen Punkten resp. Special-Ausstellungen kostet 20 Pfg., die 
Durchfahrt vom Ausstellungs-Bahnhof bis nach dem Haupt-Industrie 
gebäude kostet 40 Pfg., ebensoviel kostet auch die Rückfahrt. 
Rundfahrt auf einem See kostet 30 Pfg., auf beiden Seeen 50 Pfg. 
Sämmtliche Boote können auch zeitweilig gemiethet werden. 
Boote zum Selbstrudern pro Stunde 1,50 Mk., grössere 2,00 Mk. 
Kinderbillets sind immer 10 Pfg. billiger. Auch elektrische Boote 
können auf Zeit vermiethet werden und zwar kommt in diesem 
Falle die Anzahl der Plätze in Anrechnung. .. . Ein Boot mit 12 
Plätzen würde demnach pro Stünde 6 Mark kosten bei einer 
Rundfahrt um beide Seeeii, bei einer Rundfahrt um einen See 
3,60 Mk. Elektrische Boote können auch auf '/ 2 Stunde ver 
miethet werden, der Preis ist dann ebenfalls nach dem Fassungs 
vermögen derselben zu berechnen. Die genannte Gesellschaft hat 
auf den Seeen im Ganzen bis jetzt 50 Fahrzeuge in Betrieb gesetzt ! 
und zwar: 27 echt venetianischeGondeln, wozu auch die Gondoliere j 
aus Venedig engagirt worden sind; ferner zehn elektrische Boote, j 
wozu die Accumulatorenfabrik Actiengesellschaft Hagen i. Wests, 
die Accumulatoren-Batterieen geliefert hat. Ferner zwei kleine 
Dampfer und elf diverse Ruderboote. Neuerdings sind weitere 
zwölf Gondeln und Gondoliere bestellt worden. 
V 
Der Verein der Berliner Volksküchen verabreicht 
seit Kürzern in’ einem Seitehabtheil des Aüsstellungsgebäudes für 
Erziehung und Wohlfahrt von Mittags 12—1 Uhr Köstgaben an 
Ausstellungsbesucher. Eine Anzahl Berliner Damen versehen hier 
den Ehrendienst und schöpfen mit zarter Hand Gemüse, Kartoffel 
suppe etc. in die Prozellannäpfe; Würstchen, Eier oder Fleisch- 
portionen werden ebenfalls dazu servirt. Wer kennt sie nicht, die 
Berliner Volksküchen mit ihren grossartigen Kocheinrichtungen, 
ihrer peinlichen Sauberkeit und ihren vorzüglichen Darbietungen 
bei geringen Preisen. Es sind auch Modelle von Kochkesseln, 
Kücheneinrichtungen etc. ausgestellt, ferner trockenes Gemüse, Con- 
serven etc., wie sie in den Volksküchen verwendet werden. Vor 
züglich ist der 6acao, von dem man beinahe */* Liter für fünf 
Reichspfennige erhält. Die Besucher sind meist fachkundige' Leute 
und Kritiker, welche die Proben sehr ernsthaft nehmen, eine An 
zahl Ausstellungsbeamte aber sind treue Stammgäste geworden. 
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Bin neues Fenster. Es giebt Dinge, bei denen nicht 
bloss der Laie, sondern auch der Fachmann meint, dass sie 
den Gipfel der Vollkommenheit erreicht und nicht mehr ver 
bessert werden können. Um so frappanter wirkt dann die 
Thatsache, wenn ein erfinderischer Geist das scheinbar voll 
kommene System durch einen neuen Gedanken vollständig 
erschüttert. Die eleganten Fenster in unseren Strassen, 
können wohl in kleinen Aeusserlichkeiten, wie, Fenstergriffe, 
Verschlüsse und durgl. verbessert resp. verschönert werden, 
aber es erscheint auf den ersten Anblick absurd, das bisherige 
Fenstersystem von Grund aus verändern zu wollen. Freilich 
haben unsere. Fenster manche Debelstände. Das Putzen, 
namentlich der oberen Scheiben, ist beschwerlich, ja sogar, 
lebensgefährlich ; die Fenster Schliessen nicht dicht, so dass 
in der kalten Jahreszeit durchWollcylinder, Moos oder dergl. 
ein dichter Verschluss erzielt werden muss. Die Möglich- 
ikeiti etwas Bessqres zu schaffen, war also für den Erfinder 
vorhanden und sie ist in der That Veranlassung zur Gon- 
structioii eines Fensters geworden, das man als Idealfenster, 
und Fenster der Zukunft ohne Uebertreibung bezeichnen 
kann. Herr A. Possekel in Berlin ist der Schöpfer eines 
Fenstersystems, welches alle Nachtheile des bisherigen he-> 
zeitigt. Das Fenster ist derartig construirt, dass es um einej 
horizontale, verstellbare Achse vollständig gedreht werden, 
kann. Will man dasselbe reinigen, so dreht man vom Boden 
aus die inneren Scheiben, so weit man reichen kann. Darauf 
wird das Fenster nach Bedarf um sich gedreht und die 
Scheiben werden ohne jede Mühe und ohne jede Gefahr ge 
reinigt. Soll das Fenster benutzt, d. h. geöffnet werden, so 
dient hierzu eine zweite, verstellbare, ungefähr im oberstem 
Viertel angebrachte Achse. Das Fenster lässt sich mittels 
derselben in jede Lage bringen, um ein bequemes Hinaus 
sehe» zu gestatten. Da hierbei gleichzeitig der obere Theil 
des Fensters sieb öffnet, so findet ein Abzug der schlechten^ 
oberen Zimmerluft statt, so dass also eine bequeme Ventila 
tion ein weiterer Vorzug des neuen Fensters ist. Eigen 
artig sind auch die Fensterrahmen construirt, die einen luft 
dichten Verschluss des Fensters gestatten. Demselben, 
Zweck des guten Verschlusses dient das federnd eingerichtete 
Fensterbrett. Das Fenster wurde, von dem Erfinder in dei\ 
letzten Monatsversammlung des Vereins Patentschutz vor 
gelegt find von dieser sachverständigen Versammlung lo 
bend anerkannt. In diesen Tagen wurde es einer Versamm 
lung von Fachleuten, Architekten, sowie von Rectoren und 
Schulleitern vorgezeigt, die dasselbe einstimmig für einen 
ausserordentlich, praktischen Fortschritt erklärten. Binnen 
kurzem wird auf der Gewerbe-Ausstellung im Schulgebäude 
das grosse Publikum das neue Fenstersystem kennen zu 
lernen Gelegenheit haben. 
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An einem Ideal-Viererzug in der Sporthalle sind 
mehrere patentirte Erfindungen zur Geltung gebracht, die, wenn 
sie sich in der Praxis bewähren, berufen scheinen, im Wagen- und 
Geschirrhau einen Umschwung herbeizuführen. Ein Jagdsportwagen 
ist mit einer Moment-Bremse, einer sogenannten Radnaben-Stahl- 
band-Brenise, versehen. Dieselbe ist durch einen Fusstritt vom 
Kutscherbock aus oder durch einen Handgriff der Insassen sehr 
leicht zu handhaben und die Regulir-Vorrichtung ermöglicht sowohl 
langsame Drehung der Räder, als auch vollständigen Stillstand. 
Hölzerne Bremsklötzchen, welche leicht durch andere ersetzt 
werden können, machen Heisslaufen oder Abnutzung der Stahl 
bänder unmöglich. Die Hebelvorrichtung der Bremse ist 
im Kutscherbock angebracht und die Stange schmiegt 
sich an die Hinterachse an, wodurch eine Umänderung der Wagen 
form nicht bedingt wird. Ferner sind an dem Wagen die 
patentirten Kautschuk-Gorinleder-Pneumatic-Räder angewandt. Auf 
der zweitheiligen Holzfelge oder dem Eisenreifen liegt ein auf acht 
Atmosphären Druck geprüfter Gummireifen. Die äussere Kaut 
schukhülle ist mit einer doppelten Corinleder-Unterlage durch ein 
gleichfalls: patontirtes Verfahren innig verbünden. Die elastischen 
Reifen erleichtern dem Pferde das Ziehen und wirken im Verein 
mit den Federn schützend gegen Erschütterung und Stoss. Als 
wichtigste Neuerung präseritiren sich jedoch die patentirten frei 
tragenden elastischen Stahlrohr-Federzugstränge mit selbstthätiger 
Entkuppelung vom Geschirr und Deichsel. Deichsel, Vorhang, 
Schwengel, Ortscheit, Aufhalter werden dadurch überflüssig. Die 
Federzugstränge, die auch mit einer Spiralfeder-Vorrichtung zum 
elastischen Ziehen und leichten Pariren versehen sein können, 
lösen sich beim Sturz des Pferdes an der Spreng- 
waage automatisch aus, doch nur der eine Strang, während der 
andere im Verein mit der Stahlbandbremse hemmend auf den 
Wagen wirkt; das Pferd kann sich leicht wieder erheben, worauf 
einige'Augenblicke genügen, um den herabgefallenen Federzugstrang 
wieder in die Kuppelung einzuheben. Noch bessere Dienste leistet 
diese Neuerung bei etwaigem Durchgehen der Pferde. Vom 
Kammdeckel, wo der Federzugstrang durch Bolzen am Geschirr 
befestigt ist, führt zum Kutscherbock ein Riemen, den man nur 
anzuziehen braucht, um die Bolzen zu heben und so die voll 
ständige Trennung von Geschirr und Wagen zu ermöglichen. 
Selbst dem Laien leuchtet die Zweckmässigkeit dieser Construction
	        
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