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Periodical volume Nr. 64, 20. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Zucker. 
Trotz des sehr zweifelhaften Wetters, welches am Don 
nerstag herrschte, hatte sich dennoch im Chemiegebäude ein 
recht zahlreiches Publikum, unter dem viele Damen zu be 
merken waren, eingefunden, um den allgemein interessiren- 
den Vortrag des Prof. Herzfeld über Zucker anzujhörn. 
Der gewöhnliche Zucker, den man gemeinhin im prak 
tischen Leben .verwendet, ist Rohr- oder Rübenzucker und 
war schon zur Zeit Alexanders des > Grossen in Europa be 
kannt. Auch Plinius berichtet bereits über die Einführung 
des Zuckers aus Indien. Die Darstellung desselben erfolgte 
aus dem Zuckerrohr, welches die Araber zuerst im südlichen 
Spanien und Portugal einführten. Im Jahre 1570 finden 
wir dasselbe bereits in Sicilien, und nun verbreitete es sich 
sehr bald auch über die Neue Welt. Die Aufspeicherusg des 
Zuckers im Zuckerrohr ist eine oberirdische. Erst im Ja'hre 
1773 wies der Apotheker Marggraf nach, dass in verschiede 
nen fleischigen Wurzeln, namentlich der Runkelrüben (Beta 
vulgaris) in reichlicher Menge Zucker enthalten sei. Durch 
allmähliche Veredelung der Runkelrübe in Form und Aus 
sehen ist es seither gelungen, den Zuckergehalt derselben auf 
17 bis 23 pCt. zu bringen, während das Zuckerrohr (höchstens 
16 bis 17 pCt. Zucker enthält. Damit war das Zuckerrohr 
endgültig- in Europa von der Herstellung des Zuckers ver 
drängt. 
Die erste Fabrik, welche den Zucker aus der Runkel 
rübe herstellte, war die von Achard in Kunersdorf in Schle 
sien am Ende des vorigen Jahrhunderts errichtete. Seit 
dieser Zeit hat der Anbau der Runkelrübe und die Herstel 
lung des Zuckers aus derselben in einer Weise sich ver 
größert, dass in der Gegenwart einzelne Fabriken während 
der sogenannten Zucker - Campagne täglich 25- bis 50 000 
Centner Rüben verarbeiten. 
Die Weltproduction an Zucker aus Rohr und Rüben fa- 
brieirt, beträgt jetzt 6 900 000 to (1 to = 20 Ctr.), von denen 
allein 3 700 000 to auf den Rübenzucker fallen. Was 
den Consum des Zuckers betrifft, so kommt beispiels 
weise in England auf den Kopf und das Jahr 35 Kilo 
Zucker, während in Deutschland nur 10,39 Kilo Verbraucht 
werden. 
Die Reindarstellung des Zuckers ist natürlich durch 
den Fortschritt der Chemie und der Technik zu einer 
ausserordentlichen Vervollkommnung gelangt. Allgemein 
wird jetzt die Rübe nach dem Diffusionsverfahren behandelt, 
welches von Dubrunfaut vorgeschlagen, von Robert praktisch 
ausgearbeitet wurde und in einer systematischen Auslaugung 
der Rüben besteht. 
Durch die hierbei stattfindende Dialyse erhält man einen 
viel reineren tsaft als früher, da die Colloide wie Ei weiss und 
Gummi zurückbleiben. Die weitere Reinigung des Reben 
saftes wird durch Saturation mittels Kalk erreicht, der das 
Eindampfen des Saftes in Vacuumapparaten folgt. Durch 
das Eindampfen im Vacuum wird dem eingedickten Saft eine 
viel hellere Farbe gegeben, während sonst durch den Zutritt 
des Luft-Sauerstoffs durch Oxydation eine starke Bräunung 
sich bemerkbar machte. — 
Ueber die Güte des Zuckers entscheidet lediglich die 
gröbere oder feinere Körnung desselben, und es ist ein Irr 
thum, dem namentlich unsere Hausfrauen verfallen, wenn 
man glaubt, dass grobkörniger Zucker, weil krystallinischer, 
reiner und besser sei als feinkörniger. 
Je reiner ein Zucker ist, desto klarer ist eine concentrirte 
wässerige Lösung desselben, während bei minderwerthigem 
die Lösung mehr oder weniger stark getrübt ist. Dies rührt 
von der Gegenwart von Milch- oder Buttersäure- Fermenten 
her, was namentlich bei der Verwendung des Zuckers zu Con- 
seiven die Haltbarkeit derselben sehr in Frage stellt. 
Der Zucker gehört, chemisch betrachtet, zu der grossen 
Klasse der Kohlehydrate, einer Gruppe von Verbindungen, 
welche im Molekül stets sechs Atome Kohlenstoff oder ein 
I reifliches dieser Zahl enthalten neben Wasserstoff und 
Sauerstoff, die in demselben Verhältniß wie im Wasser vor 
handen sind (2:1). Diese Zusammensetzung, ffemonstrirte 
der Vortragende durch das Verhalten des Zuckers zu concen- 
trirter Schwefelsäure, welche bekanntlich die Eigenschaft 
hat, wasserentziehend auf andere Körper zu wirken. Zucker 
mit dieser Säure bei gewöhnlicher Temperatur behandelt, 
bräunt sich sehr bald, bis bei plötzlich eintretender Reaction 
unter starker Wärme-Entwicklung, welche sich durch Ent 
weichen von Wasserdämpfen dem Zuschauer bemerklich 
macht, reine schwarze Kohle zurückbleibt. Diese 
Zuckerkohle, welche aus der Melasse, dem Zuckersyrup, im 
Grossen hergestellt wird, dient zur Fabrikation der Stiefel 
wichse. 
Der Vortrag wurde sehr belebt durch stark vergrößerte 
Darstellungen, welche, auf eine weisse Wandfläche geworfen, 
den Zuhörer über die allmähliche Veredelung der Runkelrübe 
und die Darstellung des Zuckers im Grossbetriebe in an 
schaulicher Weise belehrten., Der interessante Vortrag 
schloss mit einem lichtvollen Experiment, indem ein Ge 
menge von Zucker und chlorsaurem Kalium durch concen 
trirte Schwefelsäure zur Explosion gebracht wurde. 
Dr. E. I. 
Dem Arbeits-Ausschuss ist folgendes Schreiben zuge 
gangenen : 
Kabinet Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin. 
Berlin C., Königliches Schloss, den 14. Juni 1896. 
An den Arbeits-Ausschuss der Berliner Gewerbe-Ausstellung, 
Treptow. 
An Ihre Majestät die Kaiserin und Königin ist die Bitte heran 
getreten, ob eine Möglichkeit vorhanden wäre, innerhalb des Aus 
stellungsparks, etwa in dem Hörsaal des Chemiegebäudes für männ 
liche und weibliche Angestellte der Ausstellung, auch -der Restau 
rationen, sowie auch eventuell für Besucher der Ausstellung, während 
der Frühstückspause von 10—11 Uhr am Sonntage eine gottes 
dienstliche Feier von 20—25 Minuten zu veranstalten. 
Den geehrten Arbeits-Ausschuss soll ich demgemäss ersuchen, 
wenn irgend angängig, diesen Wünschen zu willfahren und mir 
gütigst sobald als möglich Nachricht zu geben, damit eventuell 
schon am nächsten Sonntage die Gottesdienste beginnen können. 
Freiherr von Mirbach. 
Darauf hat der Arbeits-Ausschuss per Telegramm am 17. Juni 
geantwortet: 
Excellenz Herrn Freiherrn von Mirbach, 
C., Königliches Schloss. 
Dem Wunsche Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin ent 
sprechend stellen jeden Sonntag den Hörsaal im Chemiegebäude 
zwecks gottesdienstlicher Feier zwischen 10—11 Uhr Vormittags 
zur Verfügung. 
Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. 
Der Arbeits-Ausschuss. 
Kühnemann. Feilsch. Goldberger. 
Nach den im weiteren Verlauf dieses Schriftwechsels 
ergangenen Mittheilungen hat der Generalsuperintendent von Berlin 
die Versorgung der Andachten übernommen und wird selbst die 
erste Andacht am Sonntag, 21. d. M., im Hörsaal des Chemie 
gebäudes Vormittags 10 Uhr halten. 
N 
Ausstellungs-Gäste. Die Mitglieder der Handels- und 
Gewerbekammer in Reichenberg i. B. haben den Arbeitsausschuss 
benachrichtigt, dass sie am Dienstag, 23. d. M., Abends 7 Uhr, 
in corpore zu einem zweitägigen Besuch der Ausstellung in Berlin 
eintreffen. Die Herren werden Mittwoch früh wahrscheinlich im 
Hörsaal des Chemiegebäudes von der Fest-Commission empfangen 
und begrüsst werden, worauf die einzelnen Gruppenvorstände am 
24. und 25. d, M. deren Führung durch die Ausstellung über 
nehmen. — Für Mitte August haben sich bereits der Verband 
österreichisch-schlesisch er gewerblicher Genossenschaften 
und der Gewerbe-Verein Troppau angesagt, und auch der Verband
	        
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