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Volume Nr. 63, 19. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
men. Nach diesen kleinen Beitragen zur Biologie und 
Classification der „Gröbenunfuger” machte dann Dr. Koss- 
maiin, eine Mittheilung, die einige Sensation erregte. Er 
hat vor drei Wochen in Monaciterde eine neue Edelerde 
gefunden, die für die Herstellung von Glühkörpern wesent 
liche Vortheile bietet. Sie findet sich zunächst häufiger als 
Thorium und ist in ihren Herstellungskosten billiger. Das 
kosmiunioxyd — so nennt der Entdecker es — giebt ein 
braunes Oxyd und ein braun-weisses Nitrat. Der Strumpf 
ist braun, giebt aber ein schönes weisses Licht. II o f r a t h 
Bunte warnt vor allzu enthusiastischen Hoffnungen und 
mahnt zu allergrösster Vorsicht bei öffentlichen Mittheilun 
gen über solche Erfindungen, aber Kossmann ist seiner 
Sache gewiss und sagt, dass sie wissenschaftlich und ana 
lytisch bewiesen sei. 
Es wird hierauf noch Einzelnes debattirt und dann schil 
dert Director Merz-- Cassel die neue Gas anst alt in 
Cassel mit besonderer Berücksichtigung des 
Betriebes von Oefenmit geneigten Betörten. 
Cassel besass im Jahre 1893 eine Einwohnerzahl von rund. 
80 000 Köpfen, für welche ein Höchsttagesverbrauch von 40 000 cbm, 
d. h. 100 cbm Gasverbrauch, pro Kopf und Jahr angenommen wurde. 
Das Grundstück, auf dem das neue Werk erbaut ist, hat ungefähr 
die Form eines gleichschenkeligen Dreiecks, umfasst eine Fläche von 
6>/s ha und liegt an der tiefsten Stelle des Stadtbezirks. Eine eigene 
Geleisanlage verbindet die Gasanstalt mit dem Bahnhof. 
Der Geleisanlage entsprechend ist das Ofenhaus mit Kohlen- und 
Cokesschuppen angeordnet. Die ankommenden Kohlenwagen ge 
langen auf dem Zufuhrgeleise direct in den Kohlenschuppen. Durch 
einen Zwischenflur entstehen zwei übereinander liegende Kohlenlager 
räume, die die Ausnutzung der von den Feuerversicherungs-Gesell 
schaften vorgeschriebenen Höchstschütthöhe von 2,50 m bequem zu 
lassen. In einer Ecke dieses Schuppens befindet sich das Kohlen 
brechwerk mit zwei Becherwerken, welche die gebrochenen Kohlen und 
die neben dem Brechwerk in die Becherwerke fallenden Nusskohlen und 
sonstigen Kleinkohlen in die Kohlenkasten des Ofenhauses bringen. 
Jedes Becherwerk hat eine Förderleistung von 100 t Kohlen inner 
halb acht Stunden. Der Antrieb dieser Kohlenaufbereitungs 
anlage erfolgt durch einen löpferdigen Deutzer Gasmotor, 
dem als Aushilfe eine löpferdige Dampfmaschine beigegeben ist. 
Im Ofenhause selbst befinden sich zwei Ofenblöcke mit je fünf Gene 
ratoröfen nach Hasse-Didier mit je neun unter 32" geneigten 
Betörten und mit je einem Ofen mit sechs wagerechten Retorten. 
Die letzteren beiden Oefen besitzen jedoch bereits Gewölbe zum 
Einlegen von je neun geneigten Retorten. Jeder Ofen hat einen 
eigenen vorliegenden Generator, desgleichen eine eigene Vorlage 
mit Drory’schem Theerabgang. Jeder Ofenblock hat einen gemein 
samen Ranchkanal mit einem Schornstein von 31 m Höhe. Die 
sechs Abgangsrohre der Vorlagen münden je in ein 400 in weites 
Sammelrohr. Diese beiden Sammelrohre werden in einem Kreuzstück 
vereinigt. Unter diesem Kreuzstück scheidet sich der Theer und das 
Ammoniakwasser in einem Sammelkasten ab. Das Gas geht in einem 
schmiedeeisernen Rohre nach dem Kühl- und Waschraum, dem sog. 
Apparatenhause. Die aus den Retorten herausfallende Coke 
gelangt nach der Unterkellerung in bereitstehende kleine Coke- 
wageu, wird darin theilweise gelöscht und dann auf einem 
Schienengeleise unter die in der Mitte des Ofenhauses stehende 
Cokeablöschvorrichtung gefahren Die bei der Ablöschung entstehenden 
Dämpfe gehen mittels eines Blechrohres direct unter den grossen 
Abzugssclilot des Dachstuhles. Ist die Coke vollständig abgelöscht, 
so wird sie mittelst eines Dampf-Fahrstuhles und weiterer Geleise- 
anlagen in den zweistöckigen Cokeschuppen gebracht und daselbst 
gelagert bezw. aufbereitet. Längs des Cokeschuppens ist eine fahr 
bare, mit Gaskraft versehene Cokebrech-, Sortir- und Lade-Anlage 
aufgestellt. In dem Apparatenhaus theilt sich das von dem Ofen 
haus herkommende Rohr in zwei Betriebsrohre, entsprechend zwei 
durch Umgänge mit einander verbundenen Betriebssystemen 
zu je 20 000 cbm Höchsttagosleistung. An die Giubelseitc 
schliesst sich eine offene Durchfahrt an, und an diese das in 
der Mittelachse des Grundstück-Dreiecks liegende Kessel 
haus. Im Innern zerfällt das Apparatengebäude in drei Theile: den 
Kühler- und Wäscher, den Gassauger- und den Pumpen- und 
Dynamoraum. Die in diesem Gebäude befindlichen Apparate sind 
folgende: 1. Je zwei schmiedeeiserne Wasserröhren-Kühler mit je 21 
schmiedeeisernen senkrechten Kühlröhren; 2. je zwei Wasserkühler, 
System Beuther, bestehend aus 7 Abtheilungen mit 143 wagrechten guss 
eisernen Kühlröhren ausserdem mit Berieselungsvorrichtung versehen; 
3. je 1 Theerschnider nach Pelouze-Audouin mit Umgangsklappen; 
- .4 ■ je 1 Glassaugor für 900 chm stündlicher Leistung bei 80 Um 
drehungen in der Minute, direct gekuppelt, mit einer liegenden Dampf 
maschine; 5. 1 Gassauger, genau wie vorstehend, als Aushilfesauger 
•für beide Apparatensysteine; 6. je 1 Dessauer Umlaufregler; 7. je 
1 Umlaufklappe um jeden der drei Gassauger und 8. je 1 Eedig’scher 
Etagen-Wascher für 25000 cbm Gasdurchgang in 24 Stunden mit 
7 Etagen. Nach dem Ledig-Wascher geht das Gas durch zwei 
Leitungen nach den zwei Reinigungssystemen. 
Für beide Systeme gemeinsam befinden sich im Apparatenhause noch 
sechs Theertöpfe zur Entwässerung der Rohrleitung und Apparate. 
Sie führen durch Gussrohre den Theer und das Ammoniakwasser in 
die vor dem Apparatengebäude liegenden fünf Gruben. Längs des 
ganzen Apparatengebäudes liegen die Gruben für den Theer und das 
Ammoniakwasser. In die Gruben münden die Saugrohre der Theer 
und Ammoniakpumpen. Das Kesselhaus ist 15 m lang, 14,70 m breit 
und 6 m hoch und ausgerüstet mit zwei Zweiflammrohr-Comwall- 
Kesseln zu je 50 qm Heizfläche für 8 Atm. Ueberdruck. Die Feuerung 
ist eine einfache Schrägrost-Vorfeuerung ohne Gebläse, eingerichtet 
zur Verwendung eines Gemisches von */a Braunkohlen und V.i Coaksstaub. 
Aus dem Apparatengebäude gelangt das Gas in die 2 Reiniger-Systeme, 
die in vier Räumen untergebracht sind. Die beiden Regenerirräume be 
finden sieh innen, während die Reinigerräume an den Außenseiten 
liegen. In jedem Reinigersystem befinden sich 4 gusseiserne, auf 
Säulen stehende Beiniguiigskasten. Das Ein- und Ausschalten der 
einzelnen Reiniger geschieht mittels eines von dem Reinigungsraum 
luftdicht abgeschlossenen Weck’sehen Wechslers. Von dem Reinigungs- 
gehiiude führen wiederum 2 Röhreiileitungeii nach dem Uhren- und 
Reglergebäude. In diesem Hause befinden sich 2 Stationsgasmesser, 
1 Sicherheits-Umgang zwischen Gasuhr und Stadtdnickregler und 
2 Stadtdruckleger mit Wasserbelastung. Die Aufspeicherung des 
Gases geschieht in 2 einfach teleskopirten Gasbehältern von je 14 000 cbm 
Inhalt. Die Heizung der Tassen dieser beiden Behälter geschieht 
mittels Körting’scher Dampfstrahlapparate, während die Wasserbehälter- 
Heizung je ein Röhrenkessel mit Coakschaehtfeuerung bewirkt. 
Die in den letzten zehn Jahren gebauten Gasanstalten haben sich 
die verbesserten Apparate im Ofenbetrieh zu Nutze gemacht, entweder 
durch Benutzung von Lade- und Zieliiuaschinen oder durch An 
wendung geneigter Retorten. Die Zieh- und Lademaschinen gehen 
mit ihrer verwickelten Bauart sehr leicht zu Ausbesserungen Ver-' 
anlassung, die meist nicht einfacher Natur sind. Dagegen zeigt sich 
die geneigte Retorte als die natürliche Zieh- und Lademaschine ohne 
maschinelles Beiwerk. Sie erleichtert ausserdem dem Arbeiter die 
Arbeit , vor den Oefen und bringt neben einer Ersparniss von Kohlen 
eine Unabhängigkeit vom Willen geschulter Arbeiter. 
Gegen die Herabsetzung der Zieh- und Lademaschine zu 
Gunsten der geneigten Retorten wandte sich Ingenieur 
S cliimming-Cliarlottenburg in einem längeren Referat über die 
Erfahrungen, die er in der Gasanstalt II zu Charlottenburg mit 
den Lade- und Ziehmaschinen gemacht hat. Er hebt hervor, dass 
die geneigten Retorten wohl weniger Mechanismus verlangen, dass 
sie aber andererseits in hohem, und den Betrieb störendem Maasse 
von der Gieicligewichtsgrcnze abhängen. Die Zieh- und Lademaschinen 
verlangen erst hin und wieder Reservemannschaften, aber neben dem Vor 
zug der Billigkeit haben sie auch den einer sicheren Lagerung der 
Kohlen. Er zieht sie den geneigten Retorten unbedingt vor. General- 
director von 0 c.chel haeuser ergänzt die interessanten Ausführungen 
der Redner dahin, dass weder dem einen noch dem anderen 
Princip unbedingt der Vorzug zu gehen sei. Er weist auf die 
vielen kleinen Gasanstaltsbe.triebe hin und erläutert aus den 
mancherlei Arten von Betrieben, die ihm als General director der 
Continental Gas-Company unterstehen, die verschiedenen Bedingungen, 
die uns bald diese, bald jene Methode praktisch empfelilenswerth macht. 
Es erhält dann das Wort Hofrath Professor Bunte-Karlsruhe 
zu einem Bericht über Nebenproducte und Hilfsstoffoder Gas- 
industrie. Bunte ist ein Redner von eminenter Gewandtheit und 
Eleganz des Vortrags, dazu ist er der berufenste Kenner der Theorie 
der Gaserzeugung und so ist es begreiflich, dass das Auditorium 
seinen Ausführungen, nachdem es sie mit ungewöhnlicher Spannung 
verfolgt hatte, lauten und begeisterten Beifall spendete. Wir ent 
nehmen ihm Einzelnes und verbinden das mit den Ausführungen, die 
derselbe Redner gestern Abend spät noch vor einem zahlreichen 
Publikum im*Hörsaal über dasselbe Thema bot. 
Die Gasanstalten haben in den letzten Jahrzehnten eine grosse 
Umwälzung erfahren, indem einentheils mancherlei Concurrenten ihnen 
erwuchsen und indem andrerseits der Commerzielle Werth des Gases ' 
fiel, während der Werth der Nebenproducte stieg. Von den Neben- 
producten sind die Hauptsächlichsten: Coaks, Theer, Ammoniakwasser 
und auch Cyan. Die Bedeutung des Coaks wird vielfach noch unter 
schätzt. Er ist überall anzuwenden, giebt bei denkbarst geringer Rauch 
entwickelung und bei einer Heizkraft, die der der Kohle nicht nachsteht, 
eine Ausnutzung des Materials, welche die der Kohle übertrifft. Anstatt 
deshalb das Hauptaugenmerk auf eine Rauchverzehrung zu richten, 
soll man lieber für eine Verbesserung der Coaksöfen mehr sorgen als 
bisher. Das Ammoniakwasser hat durch den Import von Chilisalpeter 
eine Zeit lang einen Preisrückgang erlebt, ist dann aber parallel mit 
ihm im Preise stetig gestiegen. - Seine ersten Preise werden allerdings 
wohl nicht wiederkommen, und so werden wir uns bei ihm mit einem 
bescheideneren Nutzen begnügen müssen. Nach der ursprünglichen Form 
hat sich die flüssige Form eingebürgert. — Man verwendet 
es hauptsächlich zur Düngung. Aiieh das Cyan hat seinen höchsten : 
Preisstand nicht wieder erreicht und es ist ihm für die Gasindustrie 
ein günstiges Prognostikon kaum zu stellen, denn als es theuer 
wurde, versuchte man, nicht ohne Erfolg es in seinen gebräuchlichsten 
Verbindungen, (Cyankalium) durch künstliche Synthese darzustellen. 
Von Hilfsproducfen kommen wesentlich Benzol und Petroleum in 
Betracht zur Besserung des Lichtes. Bedauerlich ist, dass das 
Benzol lediglich dem Speculatioiishaiidel dient, während der Bezug 
des rohen Petroleums durch die Zollgesetzgebung, die ihm dieselbe Taxe 
auferlegt, wie dem laffinirten Petroleum, erschwert wird. Diesbezüglich»
	        
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