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Periodical volume Nr. 62, 18. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
ihrerheutigenEntwickelung und das allmähliche Steigendes Consutns, wie 
es die aufgestellte graphische Darstellung für einige Städte ergicbt, 
so kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass ausser der Er 
kenntniss der wirthsehaftlichen und hygienischen Vortheile der Wasser 
versorgung die Erleichterung der Beschaffung von Geldmitteln, 
wie sie die letzten Jahrzehnte den Communen sieh geboten hat, und 
die Möglichkeit der zinstragenden Anlage von Privatmitteln darauf 
mit von Einfluss gewesen ist. 
Nöthig dafür war aber auch ein technisches Personal. Wenn wir 
in den ersten Jahren gezwungen waren, eine Anleihe in England zu 
machen und den Specialisten und Capitalisten dieses Landes manches 
zu überlassen, so hat sich sehr bald doch bei uns dieser Zweig der 
Technik in örtlich fortschreitender Richtung andauernd entwickelt. 
Heute, und schon seit längerer Zeit, können unsere Wasserwerke 
mit all ihren Detail-Constructionen jeden Vergleich mit den Leistungen 
anderer aushalten und der deutsche Sinn für Speeialisirung und Ver 
tiefung in die jeweilige beste Lösung hat nur, unterstützt durch den 
bei uns so regen Sinn für die Mittheilung und den Austausch persön 
licher Erfahrungen, darin wesentlich gefördert. 
In dieser Beziehung ist der Verein Deutscher Gas- und 
Wasserfachmänner und sein Organ bislang von ncht zu unter 
schätzender Bedeutung gewesen und wird es auch ferner sein. Der 
Verein ist seit 26 Jahren ein Bindeglied für die betheiligten Fach 
männer, wie solches sich England erst im vorigen Jahr geschaffen 
hat. Die Versammlungen des Vereins geben zur persönlichen Be 
rührung der Fachleute und zum Heranziehen neuer Kräfte in’s Fach 
eine ebenso reiche Gelegenheit, wie zu Einzelarbeiten und Zusammen 
arbeiten in Commissionen. Dadurch wurde das Fach gefördert und 
die so erworbenen Erfahrungen wurden Allgemeingut. 
Wir sehen in der Wasserversorgung der grossen Städte oder 
überhaupt des ganzen deutschen Reiches die mancherlei Erfahrungen, 
die so gewonnen wurden, in die praktische Wirklichkeit übersetzt. 
Redner geht in eingehender fachmännischer Darstellung auf technische 
Verhältnisse der grössten Wasserversorgungscentralen in den Haupt 
städten ein. Er verweilt dann noch längere Zeit bei der Schilderung 
der Wasserversorgung in den Industriegebieten des Rhcinlandes und 
Westfalens und erläutert an der Hand eines reichlichen und vorzüg 
lichen Kartenmaterials die örtliche Anordnung und Lage der Leitungen. 
Es ist uns bedauerlich, dass wir aus technischen und anderen Rück 
sichten es uns versagen müssen, den brillanten Grahn’schcn Vortrag 
in toto wiederzugeben, er würde aber in jeder Weise über den Rahmen 
unseres Blattes hinausgehen. 
Als der Redner geendet hatte, dankte ihm Generaldirector 
von Oechelhaeuser für seine interessanten Ausführungen und hob 
besonders hervor, dass der Verein ihm für seine aussergewöhnliche 
und erfolgreiche Thätigkeit zum grossen Theil die bis jetzt erzielten 
Erfolge verdanke. 
Ihm folgte in der Reihe der Vortragende Ingenieur O. Smreker- 
Mannheim mit einem Referat über den Einfluss der Wasser 
gewinnungsanlagen auf die Bodenfeuchtigkeit. 
Die Frage, ob Forstculturen oder überhaupt Anpflanzungen jeder 
Art eine Benäehtheiligung in ihrem Gedeihen erfahren, wenn in ihrem 
Bezirk grössere Wasserabnahmen angelegt werden, ist von hohem und 
schwerwiegendem Interesse nicht allein für Wasserfacbmänner, sondern 
auch für Forstmänner, Landwirthe und Botaniker. Die Pflanzen 
wurzeln hängen naturgemäss bedingungslos von der Bodenfeuchtigkeit 
ab und ein zuviel oder zu wenig von Wasser ist immer entscheidend 
für das Gedeihen jeglicher Vegetabilien. Die Drainage ist im Grunde 
nichts anderes, als eine Wasserentnahme grossen Stils. Bei einer 
systematischen Entnahme von Wasser handelt es sich im Allgemeinen 
nur um das Grundwasser. Dieses Grundwasser erreicht die Wurzeln 
selbst nicht, sondern es wirkt auf sie unmittelbar in der über dem 
Niveau des Grundwassers befindlichen Bodenfeuchtigkeit. Das Grund 
wasser gehorcht den gewöhnlichen Gesetzen der Hydraulik, für die 
Bestimmung der Bodenfeuchtigkeit aber sind besondere, ziemlich 
Domplicirte Methoden anzuwenden. Die beste Methode ist die, dass 
man die Feuchtigkeit, welche die im Boden befindliche Luft angenommen 
hat, misst. Sie entspricht fast genau der wirklichen Bodenfeuchtig 
keit. An zwei Experimenten demonstrirte Redner diese Methode. Das 
eine zeigte die Wasserentnahme auf dem Marchfelde bei Wien, das 
andere dasselbe bei Mannheim in ihrem Verhältniss zur Bodenfeuchtig 
keit. In einem Erdschacht wird hierzu ein Richard’sehes Haarhygro- 
meter eingeführt. Es ist verbunden mit einem automatischen Registrator, 
so dass die Temperatur der umgebenden Atmosphäre gemessen 
und graphisch festgehalten werden kann. Die Ablesungen 
erfolgten alle acht Tage. Die vorgezeigten Diagramme zeigen, dass 
die Bodenfeuchtigkeit vollständig unabhängig ist von der absoluten 
Höhenverringerung des Grundwasserspiegels und von den Ver 
änderungen die die Entnahme von Wasser herbeiführt. Wissen 
schaftlich ist festgestellt, dass der Pflanzenwuchs durch Brunnen 
anlagen, oder überhaupt durch Wasserentnahme nicht beeinträchtigt 
wird, immerhin aber dürfte doch wohl noch ein reicheres Beobachtungs 
material zu weiterer Bestätigung dieser Thatsache für den Forscher von 
Nutzen sein. 
Auf dem mit grossem Beifall aufgenommenen Referat Smrekcr’s 
berichtete sodann Oberingenieur Bindley-Frankfurt a. M. im Namen 
der Commission für Wassermesser-Normalien. 
Mährend einzelne Mitglieder es unternahmen, weitere Versuche 
mit VV assermessern verschiedener Oonstructionen anzustellen, um die 
r läge der neu vorgeschlagenen Kintheilung nach Durchlassfähigkeit 
zu prüfen und Material für die in Aussicht genommenen Fest 
stellungen zu sammeln, wurden gerade in den Jahren 1894*95 die 
Scheiben-Wassermesser in Deutschland eingeführt. Es schien un 
bedingt nöthig, auch auf diese Wassermesser-Construction, die sich 
in Amerika bereits in grossem Maassstabe bewährt batte und die sich 
für den allgemeinen Gebrauch mit dem Flügelrad - Wassermesser 
parallel stellen lässt, bei der Normalisirung Rücksicht zu nehmen. 
Die Versuche wurden deshalb auch auf dieselben ausgedehnt. Zur Frage 
der Eintheilung der Wassermesser nach Durchlassfähigkeit und der Fest 
stellung von Normalabmessungen und der Aichung derWassermesser wurde 
beschlossen, die Anschauungen sowohl der Wasserwerksverwaltungen 
wie der Fabrikanten durch einen Fragebogen zu ermitteln und durch 
denselben gleichzeitig die weiteren Anhaltspunkte zu sammeln, die 
für die Bildung eines abschliessenden Urtheils und für die Aus 
arbeitung der bezüglichen Vorschläge nöthig erschienen. Aus den 
Antworten ergab sich eine grosse Verschiedenheit der Durchlass 
fähigkeit der Wassermesser verschiedener Systeme von einem und 
demselben lichten Durchmesser der Röhrenansätze, ferner die That 
sache, dass vielfach Wassermesser von einem und demselben Fabri 
kanten mit verschiedenen Lichtweiten die gleiche oder nahezu die 
gleiche Durchlassfähigkeit besitzen und schliesslich überhaupt die 
Regellosigkeit, die in dieser Beziehung herrscht. Dieses bestätigt 
von Neuem, dass die bisher übliche Eintheilung der Wassermesser 
auf Grund des lichten Durchmessers der Röhren ausätze für die An 
stellung von Vergleichen irreführend ist, und dass entweder die Fest 
setzung einer bestimmten Durchlassfähigkeit für jeden Durchmesser 
oder aber eine neue Eintheilung nach Durchlassfähigkeit unbedingt 
ein dringendes Bedürfniss genannt werden muss. 
Die Commission hat demnach beschlossen, ihre Arbeiten zunächst 
auf die Wassermesser bis zu jener Durchlassfähigkeit zu beschränken, 
welche den \Yassermessern mit 40 mm Durchmesser der Ein- und 
Ausströmungsöffnung entspricht, d. h. bis inel. 20 cbm Durchlass 
fähigkeit pro Stunde bei 10 m Druckverlust im Messer, und die 
etwaige Eintheilung und Normalisirung der Wassermesser von 
grösserer Durchlassfähgkeit einer späteren Arbeit vorzubehalten. 
Ausserdem entschied man sich einstimmig und mit Zustimmung 
der Fabrikanten dafür, die neue Eintheilung der Wassermesser nach 
Durchlassfähigkeit durchzuführen und derselben folgende Abstufung 
zu geben: 2 cbm, 3 cbm, 5 cbm, 7 cbm, 10 cbm pro Stunde. 
Sie sollen neben einem Pfeil, welcher die Durchflussrichtung an- 
giebt, lediglich die Bezeichnung der Durchlassfähigkeit: 2 cbm usw. 
deutlich sichtbar aufgegossen erhalten, und deren Benennung im Ver 
kehr als Zweier-, Dreier-, Fünfer-Wassermesser u. s. w. wird empfohlen. 
Bezüglich der Aichung der Wassermesser kam die Commission zu dem 
Entschluss, dem Verein Anträge, die Wassermesser für aichfähig zu 
erklären und Schritte, zu thun, deren amtliche Aichung, sei es obli 
gatorisch, sei es facultativ, herbeizuführen, keinesfalls zu empfehlen. Im 
Gegentheil, sie empfiehlt die Weiterfühning der Prüfung der Wasser 
messer in bisheriger Weise mittels eigener unter der Verwaltung der 
Wasserwerke befindlicher Prüfungsstationen. 
Nachdem dann noch Director Beer-Berlin in sachlichen und 
klaren Worten über Einbau von Ventilen in die Haus 
leitungen vor den Wassermessern verschiedene interessante 
Einzelheiten auseinander gesetzt hatte, erhielt das Wort Ingenieur 
Giebeler - Charlottenburg zu einem Vortrag über älteste 
Wasserleitungen und deren Beziehung zu den neuesten. 
Waren die Zuhörer durch die Reihe der Verhandlungen und durch die 
Diseussion etwas abgespannt, so fanden sie in dein erfrischenden 
und fesselnden Vortrag Giebeler’s neue Anregung. Was Giebeler 
von malten Wasserleitungen der Griechen und Römer und von dem 
eigenthümlichen Zusammentreffen dieser ehrwürdigen Oonstructionen 
mit unseren neuesten Erfindungen plauderte, war so originell, dass 
wir es uns nicht versagen wollen, in kurzen Umrissen einzelnes 
davon wiederzugeben. 
Es ist lange Zeit, Besonders in den 70er Jahren, Mode gewesen, 
anzunehmen, dass von den alten Culturvölkern die Römer allein dem 
Ausbau künstlicher Wasserleitungen ihre Aufmerksamkeit zugewendet 
hätten und in einem grossen französischen Werke aus dieser Zeit war 
diese Annahme mit einer gewissen Geringschätzung der sonst hohen 
griechischen Cultur ganz direct ausgesprochen. Es hatte dies im 
Gefolge, dass mehrfach für neue Städtewasserversorgungen solche 
nach römischem Vorbilde gewünscht, resp. vorgeschlagen worden 
sind und z. B. in Berlin, Nürnberg und Wien auch in mancherlei Be 
ziehungen zur Ausführung kamen. Diese Annahme ist eine nicht 
richtige. Die Römer haben hierin, wie in vielen anderen Ein 
richtungen ihres Staatslebens auf überlieferten Formen weiter gebaut. 
Es ist aber nicht möglich, von allen Orten Stücke vorzuführen. 
Zunächst möchte ich eine, kurze Mittheilung machen über eine Wasser 
leitung, die vor etwa vier Jahren von Beamten des Siemens’schen 
Kupferwerkes in Kedabeg (Gouvernement Elisabethpol, Trans- 
kaukasien), von den Herren Dr. Belck und Ingenieur Sester, gefunden 
wurde. Dieselbe Leitung ist etwa 70 Kilometer lang und kommt 
vom Warrak Dagh in der Nähe des Arrarat herab. Auf ihrer ganzen 
Ausdehnung ist sie mehrfach von Inschriften auf aufgestellten Steinen 
und an Felswänden begleitet, welche von der Wichtigkeit und Grossartig 
keit des Werkes und von dem Ruhm der Erbauer und Könige des 
Landes erzählen sollen. 
Das nächste Beispiel einer ältesten Wasserversorgung sind zwei 
Rohre aus Cendschirli im nördlichen Syrien, die in Fortsetzung 
der Forschungen Schliemanns gefunden worden sind als Ueberreste 
der Cultur eines Volkes, von dem uns bisher geschichtlich so gut wie 
nichts bekannt ist. Es sollen diese Baureste ganz eigenthümlicher Art vor
	        
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