Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

14 Gf-cielle AnssteUirngs -Nachrichten
erblickt, man von der Hand des Malers auf Leinewand gezaubert,
bald Küstenlandschaften mit Hütten und Landhäusern, bald Wal
der und Berge, dann wieder weite Ebenen, die sich scheinbar in
unabsehbare Fernen verlieren; und über alle diese Gegenden spannt
sich der tropische Himmel mit seinen wunderbaren Lichtcffectcn
und satten Farben. Im Vordergründe setzen sich die Ansichten
in plastischen Nachbildungen von Plantagen, Hütten, Hausern,
Schiffen und einem malerischen Durcheinander von Erzeugnissen
des Bodens, des Handwerks und der Kunst der Eolvnie-
bcwohner fort.
' Inmitten des freien Platzes zwischen de» beiden eben er-
ivahnten Gebäuden erhebt sich der Bau des Auswärtigen Amtes.
Hier wird die Negierung eine Uebersicht über alles das biete»,
was das Reich und seine Beamten in den Eolonien schon ge
schaffen oder projectirt haben. Modelle von Verwaltnngshänsern,
von Lazarethen, Hospitälern, Pläne von Eisenbahnbauten, eine
reiche Sammlung von amtlichen Berichten u. s. w. sollen die
Thätigkeit der Colvnialvenvaltung veranschaulichen. Rings um
das Haus ziehen sich gärtnerische Anlagen, zumeist tropische Ge
wächse, die nur irgend in unserem Klima gedeihen können, andere
Pflanzen unserer Eolonien sind in großen, mit Heizanlagen ver
sehenen Gewächshäusern zu besichtigen. Webe» der Wissenschaft
lichen Halle befindet sich die Ausstellungshalle für den Import
nach den deutschen Eolonien. Hier werden die bedeutendsten
Firmen, die in Ost- und Westafrika, sowie in Nen-Gninca Handel
treiben, die Bedarfsartikel der Eolonien, als Gewebe, Mannfactnr-
tvaarcn, Bekleidung, Nahrnngsmtttel u. s. w. n. s. >v., ausstellen.
Nur die Maschinen-Industrie, welche für den colonialen Export
arbeitet, hat ihr eigenes Heim in unmittelbarer Nähe der Colonial
halle. .Allerlei Kraftmaschinen, Fabrikanlagen, Maschinen für
Ackerbau und Gewerbe iverden hier zumeist in voller Thätigkeit
vorgeführt.
Einen malerischen Anblick dürste der in der Längsachse des
Platzes hinter dem Gebäude des Auswärtigen Amtes ausgeschachtete
^ee gewähren, auf dessen seichtem Grunde tropische Wassergeivächsc
angepflanzt iverden. Zn diesein Zwecke tvird das Wasser durch
die Röhren einer DampfhcizungSanlagc künstlich erwärmt. Am
Ufer des Tees konnnen mehrere Kioske für deit Verkauf von
Cigarren, Blumen, Selterwasser :c. zu stehen. Einen ziemlich
großen Platz nahe der Halle für den Import hat sich
die hiesige bekannte Firma für Ausrüstung nach über
seeischen Ländern von Tippclskirch £ Co. rescrviren lassen. Die
Firma will in lebensgroßen Figuren und allerlei plastischem Bei-
tverk die Rast einer europäischen Karawane darstellen. Auch die
Zuckerfabrik von Al eher in Tangcrmünde, welche den Zuckerexport
nach den Eolonien betreibt, wird in einem architektonisch geschmack
vollen Pavillon ihre Erzeugnisse zur Schau stelle». Den Hinter
gründ des Platzes in seinem Längsdnrchschnitt nehmen die Restau
rants ein, die Alitte das große Hanptrestauraut, links das Weiß
bierlokal und das Cafe, rechts das Weinrestaurant. An der nörd
liche» Längsseite läuft das Terrain in einem viereckigen Seiten
zipfcl aus; hier wird von der Colonialverwaltnng des Reiches
eine Hhgiene-Ansstellnng für die Tropen und die Errichtung von
Concurrenzbarackcn beabsichtigt. In diesem Theil plant auch
Hagenbcck ans Hamburg eine Reitbahn für Elephanten, doch
schweben in Bezug auf diese beiden Projecte noch die llnter-
handlungen.
Sämmtliche Gebäude werden in zanzibar-arabischem Stil er
baut. Die einstöckigen Häuser, mit flachen orientalischen Dächern,
den tonnenartigen Kuppeln über dem rundbogige» Eingangsthvr,
den großen, hallenartigen Arkaden und den kleinen, vergitterten
Haremöfenstern werden äußerlich in den blendend hellen Farben
gehalten, die Veit Städten des Orients ein so eigenartiges
Gepräge verleihen. Die Fenster und Arkaden scheinen einen Ein
blick in das Innere zu gewähren, sind jedoch in Wirklichkeit mit
Mauerwerk oder Stoffen verkleidet, und das Licht des Tages
fällt durch Lichtfenster auf den Dächern in die Räume. Um-
gebeir von diesen ganz den afrikanischen Charakter tragenden Bau
werken, von den tropischen Pflanzen u. s. >v., wird man sich in
der That in eine Stadt an der afrikanischen Küste versetzt
glauben. Vielleicht werden die Ausstellungsbesucher auch eine
Fahrt auf der Tropenbahn rings um die ganze Colonial-
Ausstellung unternehmen können. Allerdings ist das Project
einer Laugen'schen Schwebebahn, die wäbrend der Rundfahrt
ans der Höhe herab einen llebcrblick über das ganze Terrain
bieten sollte, wieder gescheitert, doch hofft man in den betheiligten
Kreisen, doch noch einen Unternehmer für eine derartige Vera»
staltnng gewinnen zu können. Alle Baulichkeiten, welche theils in
Drahtpntz, theils in Gips und Cement hergestellt werden, dürsten
in ca. 14 Tagen soweit fertig sein, daß mit der Jnnendecvrntion
begonnen werden kann. Jedenfalls ist schon heute als sicher an
zunehmen, daß die Eolvnialansstellnng sich am Erössnnngstag als
ein Ganzes im Fcstkleibe tadelloser Vollendung präsentirc» wird.
Gegner und Freunde deutscher Colvnialpolitik unter den
Ansstellnngsbesuchern dürsten einträchtig unsere Eolonien am Ge
stade des Karpfenteiches aussuchen, und das Verständniß für die
deutschen Colvuialbestrcbnngen wird zweifellos durch die Aus
stellung in iveitere Kreise getragen werden. Nicht nur der
Schaulust, sondern auch dem ernsten Studium, dem Handel und
der Industrie soll die ganze Veranstaltung dienen, und darum ist
ihr ein volles Gelingen ganz im Sinne ihrer eifrigen Förderer
und Gönner zu wünschen.
Die Ausstellung der Nolksmalfen-Ernüstrung.
„Die Masse mcicht's" — ist die Devise, welche die Veranstalter
dieser Ausstellung leitet, das bekannte und in der Gegenwart viel
fach mit großem Erfolg angewendete Princip, durch Herbeiziehung
einer möglichst großen Zahl von Consnmenten einen möglichst billigen,
ja erstaunlich billigen Preis zu erzielen. Im Hinblick aus das Wohl
unbemittelter Volksklassen verdienen die Institutionen für Volksmassen -
Ernährung eine eingehende Beachtung, und mit Recht ist von dem
Arbeitsausschuß dem Verein der Berliner Kinder-Volksküchen zur
Ausführung seiner Pläne ein Terrain von 2000 Quadratmetern kosten
los zur Verfügung gestellt worden.
Ueber die Ansstellnngs-Objecte dieser Abtheilung ist bereits daS
Nöthige mitgetheilt ivordeu. Von dem bedeutenden praktischen
Werth der einschlägigen Vorführungen läßt sich heute bereits ein
umfassendes Bild geben.
Gegenüber der Haltestelle der Dampfer, unmittelbar am Spree-
ufer erhebt sich ein geräumiger Bau mit langen, in Hufeiscnfvrm
angelegten Glashallen; dort soll neben der Allsstellung verschie
dener Nahrnngsniittel ein kolossales Speisehaus Platz finden,
in loetchem täglich -,000 Personen für den Durchschnitts
preis von 10 Pfennig pro Speise ihren Hunger stillen
können. In einer großen Küche mit Riesenkochtöpsen ivird vor den
Augen des Publikums die entsprechende Quantität von Nahrungs
mitteln hergestellt werden; Fleisch. Gemüse, Butter?c, iverden vor
her dein Besucher vorgezeigt, um zu beweisen, daß das beste
Material auch das billigste ist, weil cs am »leisten „ausgiebt", sich
am wenigsten einkocht; auch über de» Nähriverth der einzelnen
Speisen wird das Publiklun belehrt werden, sowie endlich über die
Geheinuiisse schniackhafter Zubereitung.
In den Glashallen siild 1000 Tische aufgestellt, an denen, wie
erivähnt. ca. 5000 Personen Platz finden. Die Speisen muß
Jedermann sich selbst holen. Man erhält Suppen, Gemüse, Fleisch,
Mehlspeisen; dniin Fisch, Würste, Brödcheu mit diversem Belag:
von Getränken: Milch, Kaffee, Thee, Ehocolade; Bier nicht!
Der Durchschnittspreis beträgt 10 Psg. für die Portion, Suppe
nnd Bouillon sind mit 5 Psg. berechnet.
Der eminente praktische Vortheil dieser Einrichtung springt in
die Allgen: Alle die weniger bemittelten Personen, welche event,
deic Eintrittspreis für die Gewerbe-Ausstellung erschwingen könnte»,
aber die Spesen der Beköstignng fürchten, können in diesem Speise
hails für einen geringeren Preis sals zu Hause ihre Mahlzeiten
einuehmeu. lind der schöne Treptower Park wird infolge dessen
hoffentlich von dem Schmuck der fettigen Zeitungsballen verschont
bleiben, in welche der biedere Berliner seine obligaten belegten Stullen
einwickelt, nni sic nach vertilgtem Mahl mitten in beit Weg, in die
Park- oder Waldanlagen zu werfen. — Den Fremde» würde durch einen
derartigen Anblick eine bedenkliche Meinnng über die Lebensart des
Berliner Großstädters beigebracht werden, während ein Massen
Speisehans ein durchlveg interessantes Ausstellungsobject bildet. *■
Auch das „Hier könne» Familien Kaffee kochen" soll nicht ver
gessen werden. Große Kannen mit 8 bis 10 Portionen iverden
erhältlich sein, mit Zucker, Milch und Brödcheu -> Portion 10 Pfg.
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