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Periodical volume Nr. 61, 17. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officieüe Ausstellungs-Nachrichten. 15 
nachbarlichen Disput durchführt. — Die männlichen Besucher 
der Ausstellung »wenden sich mit Grauen« von diesen Scenen ab, 
um die Tänze und Kriegsspiele der Togo und Massai zu betrachten, 
während die Jugend ihr Hauptvergnügen darin findet, die sonderbar 
geformten bunten Gesichtsmasken, Kopfbekleidungen und Schmuck 
sachen der Neger anzusehen, welche an einer Hütte am Ufer des 
Karpfenteichs zur Schau gestellt sind. 
S 
Einfall-Lichtgitter mit weissen Glasschuppen- 
Einlagen für Kellerbeleuchtung (Musterschutz No. 11 276) hat 
in der Nähe der südlichen Wandelhalle die Finna Jul. Staehr, 
Berlin, ausgestellt. Diese Gitter verdienen eine ganz besondere 
Beachtung wegen ihres ausserordentlichen Lichtdurchganges, der 
sogar bei trübstem Wetter noch ganz vorzüglich ist und als Ersatz 
der bisher üblichen Kellergitter, sowie der inneren Keller 
fenster dient. Die »Glasschuppen« sind, da oberhalb linsenförmig, 
leicht zu reinigen. Sie verdienen den Vorzug vor Kellerfenster- 
Anlagen mit Vergitterungen oder Abdeckungen mit viereckigen 
Rohglasplatten, welche wenig Licht in die dunkelen Kellerräume 
einlassen. Die Gitter werden in Grössen angefertigt, welche durch 
acht theilbar sind und die Schuppen in beliebigen Mustern 
eingeführt. 
V 
Für einen Nickel! Billig-! Billig! ist die Losung. 
Welch eine Fülle von Genüssen bieten sich dem Aus 
stellungsbesucher für einen Nickel, wenn er es nur versteht, 
ein gewisses System in die Nickel Verwendung zu bringen. 
Gegen Hunger und Durst spendet der nickelgierige Auto 
mat bald ein belegtes Butterbrod, bald ein Stück 'Küchen, 
und befriedigt das Gelüst nach Näschereien mit Bonbons 
und Chocolade . Der Durstige versenkt das Nickelstück in 
den engen Spalt, und siehe da! — ihm strömt der braune 
Gambrinustrank oder edles Rebenblut entgegen, und sogar 
ein Schnäpschen wird von diesem modernen Diener des 
Menschen in Glas oder Flasche credenzt. Noch einige Ci 
garetten oder Cigarren und eine Tasse Cafe oder Thee und 
man hat eine ganz vorzügliche automatische Mahlzeit ge 
halten. Aber auch ohne Automaten kann man in der Volks- 
ernährung oder bei Aschinger mittels des Nickels die 
»Sehnsucht des Magens, Hunger und Durst, leicht und gut 
befriedigen. Ist das körperliche Wohlbefinden durch Speise 
und Trank gestärkt, so erwacht die Reiselust, der man, den 
Beutel mit Nickel gefüllt, nach Herzenslust nachhängen 
kann. Für zehn Pfennige befördert uns die elektrische 
Rundhahn rings um die Ausstellung, aber auch für weite 
Reisen, bis in transoceanische Länder, reicht der Nickel als 
Reisegeld. Bilder aus Asien, Afrika, aus Griechenland, 
Spanien, Frankreich ziehen, sobald die Münze in den 
Panorama-Automaten fällt, an unserem Auge vorüber. Hat 
auf den weiten Reisen die Kleidung einen kleinen Schaden 
erlitten, schnell einen Griff nach dem Nickel, um ihn in den 
Automaten zu befördern, und Nadel, Zwirn, Stecknadel und 
Knöpfe sind zur Hand, dem misslichen Zustande durch-, 
löcherter Kleid«ü und abgerissener 1 Knöpfe ein Ende zu 
machen. Der Nickel hat seine volle Schuldigkeit gethan 
und will man noch den letzten der Mohikaner auf dem Altar 
der Eitelkeit opfern, so kann man.sich ii\ das Goldene Buch 
der Stadt Berlin eintragen, um der Nachwelt die wichtige 
Thatsache zu überliefern, dass man einst zu den Millionen 
gehörte, welche die Ausstellung bewunderten. 
S 
Sn der Sanitätswache wurden in den letzten 24 
Stunden 22 Personen behandelt. Ernstere Erkrankungen kamen 
nicht vor. 
V 
In der Unfallstation wurden in den letzten 24 Stun 
den 30 Fälle behandelt, unter denen sich mehrere Ver 
letzungen ernsterer Natur befanden. Ein Patient hatte sich 
beide Daumen verbrannt, eine Dame aus Wittenberg einen 
schweren Armbruch erlitten. Unter den am Dienstag be 
handelten Fällen waren zwei Arbeiter, die am Riesenfernrojlir 
verunglückt waren. Der eine, hatte einen Rippenbruch und 
innere Verletzungen erlitten und musste mittels des Kran 
kenwagens der Station nach der Klinik der Unfallstation I 
gebracht werden, der andere hatte eine schwere Risswunde 
an der Lippe und einen Bruch des Oberkiefers davongetragen 
und drei Zähne verloren. 
In der Ausstellung. 
Die zweite grosse Fest - Illumination, ' die am 
gestrigen Dienstag stattfand, war von einem Wetter begün 
stigt, wie es schöner nicht gedacht werden kann. Ein wahr 
haft italienischer Himmel strahlte wolkenlos auf das präch 
tige Ausstellungsbild hernieder; der kühlende Luftzug ,der 
schon zeitweise die gluthvolle Tagestemperatur wesentlich 
gemildert hatte, machte sich, gegen Abend noch wohlthuender 
bemerkbar, und als langsam die Schatten der Dämmerung 
ans den schönen Park niedersanken, ging es wie wohliges 
Behagen durch die vieltausendköpfige Menge, unter der sich 
ausnehmend viel Fremde befanden, die theilweise schon von 
früher Morgenstunde an herbeigeströmt waren, um mit dem 
Genuss der Illumination auch eine vorherige gründliche Be 
sichtigung der Ausstellung zu verbinden. Dank der an 
haltenden, guten Witterung der letzten Tage konnten die 
Vorbereitungen für die umfassende Festbeleuchtung diesmal 
ganz besonders umsichtig und sorgfältig getroffen werden. 
In der Hauptsache waren die Arrangements, die sich ja bei 
der ersten Illumination so vortrefflich bewährt hatten, zwar 
dieselbe geblieben, aber sie waren durch einige sehr ge 
schmackvolle Details ergänzt, und ausserdem hatte man die 
Beleuchtung auch zum grossen Theil auf den Vergnügungs 
park ausgedehnt und bis zum Hagenbeck’schen Thierpark 
geführt. Unter den Neuerungen bewährte sich namentlich 
die Umkleidung der den Neuen See umgehenden 64 Bogen 
lampen mit rothen Schleiern, durch die nicht nur das grelle 
Licht derselben angenehm gedämpft, sondern auch der Effect 
der weissen Lichtbogen in den Gängen wesentlich gehoben 
wurde. Auf den beiden Rondels am See hatte man je drei 
silberfarbige Obelisken aufgestellt, die mit Hunderten von 
buntfarbigen Gläsern geziert, einen überaus prächtigen An 
blick gewährten, und ausserdem waren diesmal die sämmt 
lichen Stufen der Treppen um die Bassins vor dem Haupt- 
Gebäude, resp. Cafe Bauer mit mehr als 1200 weissen Lichtern 
geziert. 
War schon während ,des gestrigen Tages der Besuch, 
wie bereits oben erwähnt, ein ganz besonders zahlreicher, so 
strömten, trotz des von fünf Uhr ab erhöhten Entree doch am 
Abend noch Tausende und Abertausende in den Park, der wohl 
gestern die stärkste Anzahl von Wochentagsbesuc'ihern seit 
Eröffnung der Ausstellung aufwies. Lange Kor Anbruch der 
Dunkelheit wogte die /dichtgeschäarte Menge um die Ufer 
des Neuen Sees und in den angrenzenden Gängen, wo das 
Stuhlvei'leih-Institut schon eine Stunde vor Beginn der Illu 
mination „ausverkaufst” hatte; allein auch unter den Colon- 
naden des Hauptgebäudes und in den entfernteren Theilen 
des Parkes herrschte ein reges Leben und Drängen, das all 
gemach den Charakter eines Volksfestes annahm. Endlich 
ertönte der längst sehnsüchtig erwartete erste Kanonen 
schuss, der den Beginn der Erleuchtung verkündete; in kur 
zen Pausen folgten der zweite, dritte und vierte und wie 
durch einen Zauberschlag flammten ringsum nah und fern, 
die 60 OOOIlluminationskörper auf, den weiten Park in einem 
Nu in einen leuchtenden und glühenden Feengarten ver 
wandelnd, der an ein orientalisches Märchenbild aus Tausend 
und eine Nacht erinnerte. Es freute uns, von zahlreichen, 
weitgereisten Fremden die Versicherung zu hören, dass sie 
noch niemals ein so poetisch schönes, farbenprächtiges Bild, 
dessen Reiz noch wesentlich durch die landschaftlich herr 
liche Umgebung' gehoben wurde, gesehen hätten. Wieder 
gewährte der Neue »See, iu dem sich die blitzenden Flammen
	        
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