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Periodical volume Nr. 61, 17. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfe Ausstellungs-Nachrichten. n 
riefen Ngai an, dass er dem Unternehmen einen glücklichen Erfolg 
bereite, und warfen darauf das Gras nach der Richtung der feind 
lichen Gegend fort. Auch die jungen Männer verwandten mehrere 
Stunden auf ihre Andacht, indem sie in einer höchst lächerlichen 
Weise wie Strassensänger »Aman Ngai-ai! Aman Mbaratien!« (Wir 
bitten zu Gott! Wir bitten zu Mbaratien!) heulten. Vorher war 
eine Abtheilung zum vornehmsten Leibon der Massai — Mbaratien 
— gesandt, sich Rath zu holen wegen der besten Stunde zum 
Aufbruch und Medicinen heranzubringen, damit sie siegreich 
würden. Nach ihrer Rückkehr ward Musterung gehalten und dann 
abmarschirt. 
Mit erstaunlicher Kühnheit fanden Moran und seine also 
gerüsteten Kameraden ihren Weg in’s Suaheli - Land (Suaheli 
sind ebenfalls in der Kolonial-Ausstellung zu finden); denn seltsamer 
weise haben sie herausgefunden, dass sie dort viel leichter unge 
straft das Vieh wegführen können als sonst irgendwo — trotz der 
Gewehre der Suaheli und einer starken Bevölkerung. Das rührt 
daher, weil dem Küstenvolk alles fehlt, was nach Vaterlandsliebe 
oder öffentlicher Meinung aussieht. Sie entschuldigen sich damit, 
dass sie von dem Vieh ihrer Nachbarn keinen Vortheil haben. 
»Wir bekommen weder ihr Fleisch noch ihre Milch«, sagen sie, 
»warum sollen wir also darum fechten, damit unser Nachbar sein 
Vieh behalte?« Mit vollendeter Kenntniss der Gegend bahnten die 
Massai-Krieger sich ihren Weg auf verschiedenen Pfaden, die durch 
Taweta und Njika fühten. Als sie sich der Küste näherten, ver 
steckten sie sich im Busch, während einige der Tapfersten voraus 
gingen, um das Land auszukundschaften, obgleich sie recht wohl 
wussten, dass der Anblick auch nur eines von ihnen hinreichte, 
um hundert Wanjika oder Wadigo auf die Beine zu bringen. Es 
wurde mir wirklich einmal erzählt, dass schon in der Stadt Mombas 
um Mitternacht einige von diesen Spionen angetroffen wurden. Freilich 
möchte ich dies bezweifeln, aber es beweist doch, wessen man sie 
fähig hält, und jedenfalls kann die erstaunliche Unerschrockenheit 
dieser Kundschafter nicht in Zweifel gezogen werden. Man hört 
beständig von derartigen Geschichten, welche die Massai zum 
Schrecken des Landes machen, und in der That sind sie in dieser 
Eigenschaft selbst nach Bagamojo, gegenüber Zanzibar, gekommen. 
Der Raubzug war natürlich von Erfolg begleitet und unsere 
wilden Freunde kehrten in bester Stimmung zurück. Als sie 
jedoch ihre Heimath wieder erreichten, musste die Rechnung auf 
gemacht und die Beute vertheilt werden. Eine gewisse Anzahl Vieh 
wurde als Antheil des Leibon Mbaratien beiseite gestellt, welcher 
sie so gut geleitet und dessen Medicin so machtvoll gewesen war. 
Ueber die Vertheilung des Restes entspann sich nun eine blutige 
Scene; nicht einmal der Versuch zu einer angemessenen Theilung 
wurde gemacht. Die stärkeren Leute und Kampfhähne der Partei 
ergriffen, einzig und allein ihre besonderen Wünsche zu Rathe 
ziehend, Besitz von dem ihnen gefallenden Vieh und forderten die 
Uebrigen heraus, zu kommen, wenn sie sich etwas davon holen 
wollten. Die landläufige Regel war die, dass, wenn ein Krieger 
seine Ansprüche drei Tage lang im Einzelkampf gegen alle Mit 
bewerber aufrecht erhalten könne, das Vieh sein Eigenthum sei. 
Und so begann dann das wirkliche Gefecht des Raubzuges, dass 
man krank werden konnte über die dabei entfaltete Wildheit. Bei 
der Theilung der Beute wurden mehr Krieger getödtet, als bei der 
Eroberung derselben. Einen Menschen auf diese Art zu todten, 
wurde für durchaus anständig und ehrlich gehalten. Blutrache war 
unbekannt, weil ein Mensch der Rache nicht werth erschien, der 
sich in seiner eigenen Haut nicht vertheidigen konnte. Wenn 
jedoch ein Mensch verrätherischer Weise ermordet wurde, so wurde 
dem Schuldigen eine Busse von 49 Rindern auferlegt. Unser 
junger Krieger, der sich erst noch seine Sporen verdienen sollte, 
musste sich mit der Ehre und dem Ruhm des Raubzugs begnügen 
und er war so bescheiden, sich nicht mit geschickteren und wilderen 
Fechtern zu messen. Dabei muss man im Auge behalten, dass 
das so gewonnene Vieh nicht das Eigenthum des Kriegers blieb. 
Ein Krieger kann kein Eigenthum besitzen und deshalb gingen 
sje alle in den Besitz seines Vaters über. 
Nachdem die Beute vertheilt war, betrachtete es die Ge 
sellschaft als ihr erstes Geschäft, den in dem Raubzuge gefallenen 
Kameraden die schuldigen Ehren zu erweisen; denn diejenigen 
werden jedes Lobes für würdig erachtet, »welche sich stürzen in’s 
Feld und fechtend bei den Vordersten fallen«; Männer dagegen, 
welche schimpflich zu Hause sterben, sind blos werth, verachtet 
und den Geiern vorgeworfen zu werden. Darum heulten die Kriegei 
und sprangen tanzend in der Luft, bis dem Andenken der Todten 
Genüge geschehen war. 
Auf diese Weise erlebte Moran eine Menge Gefechte und 
erwarb sich grossen Ruf in manchem Feldzuge gegen Ukambani, 
das Galla - Land, die Küstengegend, Suk, Kawirondo, Elgumi und 
Nandi. 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt 1 
Eine Reise nach den Transvaal-Goldfeldern. 
Transvaal ist jetzt das interessanteste Land unter allen 
jenen Ländern, die man ihrer eigenartigen politischen oder 
ethnographischen Verhältnisse wegen als „interessant“ be 
zeichnet. Noch sind in Transvaal die Processe gegen die 
Anführer des frivolen „IIitlatiders”-Pütteches'nicht ganz zum 
Abschluss gelangt, noch beschäftigen sich die englischen 
Gerichte mit jenen „Staatsmännern“, welche die eigentlichen 
Urheber des kriegerischen Ueberfalls waren. 
Aber nicht allein politisch steht Transvaal im Vorder 
gründe des Interesses. Der Reichthum seiner Goldfelder 
lenkt die Aufmerksamkeit Europas in hohem Grade auf das 
Land in Südafrika, denn der Goldstrem, der sich von dort 
ergiesst, macht sich mit seinen starken Wellenschlägen in 
Europa und nicht am wenigsten in Deutschland sehr fühlbar. 
Das interessante Land und die Leute von Transvaal 
schilderte nun der bekannte Afrikareisende Herr Richard 
T a b b e r t in einem Vortrage, den er unter dem Titel „U eher 
eine Reise nach den Transvaal-Goldfeldern“' 
im Hörsaal des Chemiegebäudes hielt. 
Das Land — so führte der Vortragende aus — krankt 
bei allen seinen Vorzii/gen und den grossen Schätzen an 
einem empfindlichen Uebel. Transvaal hat keinen Zugangs 
hafen und muss alle Waaren über Delagoa-Bay, Natal oder 
Kapland beziehen. Früher musste alles mit Ochsenwagen 
nach Transvaal transportirt werden, seitdem aber mehrere 
Bahnlinien gebaut wurden, nahm nicht allein der Handel 
Transvaals, sondern auch der benachbarten Colonieen einen 
sehr hohen Aufschwung. 
Es ist noch nicht lange her, dass diese. Boerenrepublik 
so arm war, das es ihr nicht gelingen konnte, eine 
zum Bau einer Eisenbahn nothwendige Anleihe 
von sechs Millionen Mark in Europa aufzunehmen. Jetzt ist 
die financielle Lage so günstig, dass die Einnahmen des Lan 
des bei weitem die Ausgaben übersteigen. 
Der Anziehungspunkt (Transvaals bildet selbstver 
ständlich die Stadt Johannesburg, die eine richtige Gold 
gräberstadt .repräsentiih Noch vor zehn Jahren ein ödes 
Grasland, das nicht die geringste Beachtung fand, ist der 
Platz jetzt leine schöne [europäisch aussehende Gressstadt 
geworden, mit 60 000 Einwohnern, mit imposanten Pracht 
bauten und grossartigen Geschäftshäusern. Durch die brei 
ten Strassen fluthet die nervösgeschäftige Menge, die sich in 
ihren Haupttheilen aus Beeren, Holländern, Engländern und 
Deutschen zusammensetzt. Die Nationalsprache ist hollän 
disch, die Verkehrssprache englisch. Das [Leben ist dort 
ziemlich kostspielig und bei bescheidenem Einkommen muss 
man auf erträgliches Essen und bequemes Wohnen so ziem 
lich verzichten. 
Um Johannesburg dehnen sich die Goldfelder auf weite 
Strecken hin aus. Bei dem sehr starken Betriebe ist mehr 
fach die Frage aufgetaucht, welchen Umfang wohl die gold 
führenden Quarzschichten haben mögen. Die deutsche Re 
gierung hatte sich denn auch ( bei der hohen 'Wichtigkeit 
dieser Frage veranlasst gesehen, den Bergrath Schmeissei 
aus Magdeburg nach Transvaal zu entsenden, um den Gold 
reichthum des Landes zu prüfen. Das Resultat seiner Un 
tersuchungen ist nun sehr günstig. Es sei zu erwarten, 
meint Bergrath Schmeisser, dass der Goldreichthum der Jo 
hannesburger Goldfelder wenigstens noah 100 Jahre von».
	        
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