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Volume Nr. 61, 17. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
S 
Petroleum- und Benzinmotoren. 
[Abdruck untersagt.] 
Lange Zeit hindurch nahm der 'Wasserdampf das allei 
nige Recht in Anspruch, in den Fabriken und mechanischen 
Werkstätten die Triebkraft- zu bilden. Grosse Capitalien 
wurden auf die Herstellung der Dampfkessel und Maschinen- 
anlagen verwendet, ohne dass dieses mit fühlbaren materiellen 
Opfern für Ae Grossindustriellen verbunden War. Demzu 
folge stieg die Massenherstellung aller Gebrauchgegenstände 
progressiv und der kleinere, mit weniger Geldmitteln aus 
gestattete Handwerksmeister wäre in diesem ungleichen Con- 
eurrenzkampfe untergegangen, wenn nicht .durch die 'Erfin 
dung leichterer, betriebsfähiger Motoren rechtzeitig ein Aus 
weg gefunden worden wäre. In erster Linie brach die Be 
nutzung des Leuchtgases als dynamische Kraft in den Gas 
kraftmaschinen Bahn. Da diese Art Motoren jedoch nur 
dort Verwendung finden konnten, wo Gasanstalten vorhanden 
waren, so musste man bald auch auf die Verwendung anderer 
Stoffe, welche das Leuchtgas ersetzen konnten, Rücksicht 
nehmen. Hier bot sich am vortheilhaftesten Petroleum und 
Benzin, welche beide unter Wärmewirkung leicht in einen 
gasähnlichen Zustand überzuführen waren. Die hierzu be 
nutzten Motoren wichen im Allgemeinen von den Gaskraft 
maschinen nicht ab und zeigen folgende Construction: 
Aus einem kesselförmigen Behälter tritt das Petroleum 
durch einen automatisch wirkenden Regulirhahn in den so- 
genanntenVergaser, in welchem durch Hitze-Einwirkung das 
Petroleum in Gasform umgewandelt wird. Bei Benzinmo 
toren fällt diese Einrichtung fort, da das Benzin sich schon 
bei gewöhnlicher Temperatur verflüchtigt.) Die so entstan 
denen Gase treten nunmehr, nachdem ljhre Quantität durch 
einen Reguli rschieber abgemessen worden ist, in den soge 
nannten Cylinder. Gleichzeitig tritt eine, bestimmte Menge 
atmosphärischer Luft mit ein und bildet mit den Gasen ein 
leicht explosives Gemisch, ähnlich (dem aus Wasserstoff und 
Sauerstoff erzeugten Knallgas. Durch eine sinnreich ange 
brachte Stichflamme oder durch einen elektrischen Funken 
wird das Gasgemenge zur Explosion gebracht, dehnt sich 
hierdurch um ein Beträchtliches aus und treibt den im Cy 
linder befindlichen Kolben nach vorn, von welchem aus die 
Bewegung durch Pleuelstangen auf die mit Schwungrad und 
Riemenscheibe versehene Kurbelwelle übertragen wird. Beim 
Vorgänge des Kolbens giebt; dieser .eine Auspufföffnung frei, 
durch welche nunmehr die verbrannten Gase ihren Weg in 
einen Auspufftopf und von hier in’s Freie nehmen. Durch 
die kreisförmige Bewegung der Kurbelwelle wird der Kolben 
gezwungen zurückzugehen, er schliesst die Auspufföffnung ab 
und bildet so wieder eine geschlossenen Raum im Cylinder, 
in welchen nunmehr das explosive Gas, nachdem das Ein 
gangsventil von der Kurbelwelle aus geöffnet worden ist, von 
.Neuem eintritt, worauf der vorbeschriebene Vorgang sich er 
neuert. Durch die sich in kurzen (Zwischenräumen folgen 
den Explosionen und die damit verbundene Wanne wird die 
Cylinderwandung bedeutend erhitzt. Um dieses abzu 
schwächen, liegt um den Explosionscylinder ein Kühl- 
cylinder, in welchem kaltes Wasser circulirt. Zu erwähnen 
ist noch die durch eine rotirende Kugel gebildete Regulir- 
vorrichtung,welche mit der ab- oder zunehmenden Geschwin 
digkeit sich senkt oder hebt und mittels Hebelübertragung 
das Einlassventil schliesst oder öffnet. Diese Beschreibung 
giebt, natürlich nur das Grundprincip an, von welchem die 
Motoren der einzelnen Firmen durch kleine re Verbesserungen, 
andere Anordnung der einzelnen Theile u. s. w. abweichen. 
Die Vortheile der Petroleummotoren sind klar in’s Auge fal 
lend. Sie bedürfen keiner grossartigen, theueren Kessel 
anlagen, starke Fundamente sind unnöthig, ebenso können 
sie an jedem beliebigen Orte aufgestellt werden, da sie ja 
nicht an Gas-oderDampfleitungen gebunden sind. 
Auf die Herstellung der namentlich für das Kleinge 
werbe hochwichtigen Petroleummotoren haben sich verschie 
dene grössere Berliner Firmen geworfen. Namentlich kommt 
hier die bekannte, Motoren- und Maschinenfabrik von Ad. 
Altmann u. Co. in Betracht. Ihre, Erzeugnisse finden wir in 
dem nordwestlichen Theile der Maschinenhalle, vor der elek 
trischen Kraftstation. Die Fabrik führt uns einen liegenden 
Petroleummotor und eine Petroleum-Locomobile vor. Na 
mentlich letztere ist es, welche das volle Interesse auf sich 
zieht: ein gewöhnlicher liegender Petroleummotor ist auf 
einem Wagengestell montirt und lässt sich so allenthalben 
hintransportiren,wodurch er besonders für die Landwirthschaf 6 
geeignet erscheint. Der Kesselbehälter ruht deutlich sicht 
bar auf dem Cylinder. Im fiebrigen weicht die Construction 
von der vorbeschriebenen kaum ab. 
Weiter finden wir diesem Platze schräg gegenüber die 
Motoren der Actien-Gesellsehaft F. Butzke u. Co. Die Fabri 
kate sind meist stehende Kraftmaschinen, jedoch ist hier auch 
eine Locomobile vorhanden, welche aber bedeutend kleinere 
und leichtere Bauart aufweist als die von Altmann ausge 
stellte, wenngleich sie kaum an Stärke zurückstehen wird. 
Von dieser Firma befinden sich auch mehrere Petroleum- 
Motoren bei der Firma Kapier. 
Auch die Berliner Motorenfabrik hat sich an der Ausstel 
lung mit stabenden Motoren von 1 bezw. 5 HP (Pferdekräf 
ten) betheiligt. Ausserhalb der Maschinenhalle sind eben 
falls Petroleum-Maschinen zur Aufstellung g kommen. Auf 
der gesperrten Treptower Chaussee hat die bekannte Wagen 
firma Dopp neben ihren üblichen Gegenständen in einem be 
sonderen Pavillon Motoren mit Gas- und Petroleumbetrieb 
stehender Construction montirt und führt diese den Be 
suchern im Betriebe vor. Es handelt sich aber hier nur um 
Kraftmaschinen geringerer Dimensionen, wie solche mit Er 
folg in Werkstattbetrieben kleineren Umfanges zur Verwen 
dung kommen können. 
Die älteste und hervorragendste Fabrik für Gas-, Pe 
troleum- und Benzinmotoren ist jedenfalls diejenige zu Deutz, 
welche durch viele Vertretungen, namentlich auch in Berlin, 
wo eigentlich der Hauptvertrieb stattfindet, bekannt ist. Sie 
hat sich einen eigenen Parilion in unmittelbarer Nähe der 
Marineschauspiele und des Riesenfernrohrs erbaut, woselbst 
die Fabrikate in voller Thätigkeit zu finden sind. Gleich 
rechts vom Haupteingang zu dieser instructiven Ausstellung, 
befindet sich ein stehender Motor von vier Pferdekräften. 
Hinter ihm steht der Petroleumbehälter, von welchem aus 
sich das Messing-Zuleitungsrohr durch einen Regulirhahn 
nach oben in den Vergaser windet. Hier kann man ganz 
deutlich die einzelnen Theile der Maschine, bei ihrer Arbeit 
verfolgen und man kann sich so und mit Hilfe der Eingangs 
versuchten Beschreibung genau über die Thätigkeit des Mo 
tors iuformiren. Ein ebenso klares Bild bietet der gegenüber 
befindliche liegende Motor von gleicher Stärke, welcher je 
doch mit Benzin betrieben wird, Hier fällt natürlich der 
Vergaser fort. Die Benzingase treten aus dem unten sicht 
baren Kessel durch einen Regulirhahn in den Cylinder und 
werden durch den elektrischen Funken entzündet. Zur Er 
zeugung der erforderlichen Elektricität dient eine an der 
rechten Seite angebrachte magnetelektrische Maschine, von 
der aus der Strom in einem sichtbaren Draht abgeleitet wird. 
Unterhalb dieser Vorrichtung ist der Regulator zu sehen. 
Beobachtet man diesen und das an der Hinterseite des Cy 
linders angebrachte Schieberventil, so kann man bemerken, 
dass beide Theile durch Hebelübertragung von einander ab 
hängig sind. Sobald die Umdrehungs-Geschwindigkeit der 
Maschine steigt., hebt sich die Kugel des Regulators und 
schaltet dadurch den Schieber aus, so dass infolgedessen kein 
Gas in den Cylinder eintreten kann. Hierdurch vermindert 
sich die Geschwindigkeit, die Regulatorkugel sinkt und 
schaltet das Schieberventil ein, infolgedessen das Gas wieder 
freien Weg hat. Schliesslich befindet sich noch ein Motor 
von grösseren Dimensionen (12 Pferdekräften) an der Hinter 
wand des Pavillons. Welchen vielseitigen Gebrauch die 
Petroleum- und Benziumascliinen erlangt haben zeigen die 
mannichfachen ebenfalls hier vorhandenen Pumpen u. s. w. 
Jeder, welcher die Petroleummotoren näher betrachtet, 
wird finden, dass sie infolge ihrer leichten Bauart, grossen 
Leistungsfähigkeit u. s. w. vor allen anderen Kraftmaschinen 
im Kleingewerbe den Vorzug verdienen. Sie haben sich 
schon ziemlich eingebürgert und sogar zum Betriebe von.
	        
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