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Periodical volume Nr. 171, 5. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
13 
Der Pavillon des Vereins für Hindernissrennen 
in der Sportausstellung hat wiederum eine neue Bereicherung 
erfahren. Zunächst sind dort noch zwei Bilder in Fächer 
form angebracht worden, gemalt von Frl. Marly von Schultz- 
Dratzig. Beide zeigen Scenen aus der Parforce-.Jagd. Auf 
dem ersten sehen wir das Feld, bestehend aus mehreren 
Offizieren, Bothröcken, auch Damen, eine Senkung durch 
klettern, im Vordergründe die Meute auf der Suche. Auf 
der Linken sperrt ein Bretterzaun den Weg; im kühnen 
Sprung wird er von einer Dame und einem Herrn dicht 
nebeneinander genommen. Die ganze Scenerie athmet 
Leben, man erwartet jeden Augenblick zu hören, wie der 
Halali-Ruf die Luft durchzittert. Von derselben jugend 
lichen Künstlerin sind noch 12 reizende Skizzen, das Sport- 
J ahr darstellend, in allernächster Nähe placirt und zwar zeigt 
jedes. Monatsbild an, was sich dem Sportsman in dem betr. 
Monat Besonderes bietet: Die Schlittenfahrt im Januar, das 
B^hnreiten im Februar, der erste Ausritt in’s Freie im März, 
d’o V-morste im April, den Blumencorso im Mai, die Fohlen- 
Koppel im Juni, die Trabwettfahren im Juli, das Manöver- 
Reiten im August, die Hindernissrennen im September, die 
Rar for ce-Jagd im Oetober, die Sauhetze im November und 
der Sport im Cirkus im December. 
S 
Die Sanitätswache wurde 31 Mal um Hilfe angegangen. 
In sieben Fällen handelte es sich um innere Erkrankungen, in den 
24 übrigen um äussere. Bei einem Zusammenstoss zweier Wagen 
der Bundbahn erhielt ein Herr eine Wunde am Kopf, welche durch 
die Naht geschlossen werden musste, ein zweiter Herr erhielt ver 
schiedene Hautabschürfungen an der Stirn. Um ll 1 /* Uhr wurde 
durch einen Gendarm ein Pferdebahnschaffner eingeliefert, welcher 
durch das i ' ttbrett eines Pferdebahnwagens erhebliche Quetschungen, 
besonders am Bücken, erlitten hatte. Er wurde nach Anlegung 
eines Verbandes mittels Droschke in seine Wohnung gebracht. 
In der Unfall-Station sind in den letzten 24 Stunden 
17 leichtere Fälle zur Behandlung gekommen. Gestern Vormittag 
wurde ein Neger aus der Kolonial-Ausstellung, der an der Lungen 
entzündung erkrankt war, mit dem Krankenwagen nach der Charite 
gebracht. 
a) In der Ausstellung. 
Die Fertigstellung der Fontaine lumineuse ist 
nun endlich so weit gediehen, dass die Firma Schaffer & Walcker 
heute (Dienstag) mit den Montagearbeiten beginnen kann. Diese 
werden etwa drei Tage in Anspruch nehmen, und hofft man be 
stimmt, in einigen Tagen nunmehr endlich die Fontaine ihrer Be 
stimmung übergeben zu können. 
V 
Die historische Ausstellung, die der Verein für die 
Geschichte Berlins in der Heiligegeistkirche in Alt-Berlin 
veranstaltet, wurde gestern (Montag) Nachmittag für das Publikum 
geöffnet und, wie wir von vorn herein bemerken wollen, sofort 
sehr zahlreich besucht. Wer für die Geschichte der deutschen 
Beichshauptstadt von ihren Anfängen an Sinn hat, wird mit eben 
soviel Interesse, wie Vergnügen diese Ausstellung besuchen, die in 
keiner stimmungsvolleren Umgehung Platz finden konnte, 
als in Alt-Berlin, wo alles mit dem, was in der Heilige 
geistkirche untergebracht ist, in glücklichster Weise 
harmonirt. Allerdings aus zahlreichen Gegenständen nur 
mosaikartig zusammengesetzt, aber mit grossem Verständniss und 
feinfühligem Sinn für das Culturhistorische geordnet, macht die 
Ausstellung einen sehr günstigen Eindruck und wird Kennern wie 
Laien einige wirkliche genussreiche und belehrende Stunden 
verschaffen. Unter den ausgestellten Stücken sind die 
bildlichen Darstellungen in der Mehrzahl. Wir finden eine Menge 
Kupfer- und Stahlstiche, Kadirungen, Aquarelle und Oelbiider aus 
ältester und neuerer Zeit, die in ihrer Gesammtheit und in Ver 
bindung mit zahlreichen Stadtplänen früherer Jahrhunderte ein voll 
ständig übersichtliches Bild des alten Berlin geben und uns die 
wunderbaren Wandlungen, welche die Stadt seit ihren Anfängen 
durchmachte, auf das Fesselndste illustriren. Am deutlichsten 
spricht für diese Wandlungen der ausgestellte Adresskalender 
aus dem Jahre 1713, der, von der Grösse eines massigen 
Notizbuches und 178 Seiten stark, sich zu unserem 
heutigen Adressbuch verhält, wie ein Sperling zu dem sagenhaften 
Biesenvogel Greif. Auch der Jahrgang der Berliner Priviligirten 
Zeitung von 1742, der, ein unscheinbares Bändchen, unter Glas 
und Bahmen ausgestellt ist, dürfte heute neben einem Jahrgang 
eines grossen hauptstädtischen Blattes eine etwas klägliche Kollo 
spielen, wie denn überhaupt die primitiven Druckarbeiten und 
Musikalien jener Zeit sich höchst interessant von den heutigen 
Arbeiten dieser Branche unterscheiden. Unter den zahlreichen Portraits, 
die uns berühmte und bekannte Persönlichkeiten aus verschiedenen 
Jahrhunderten vorführen, fehlt sogar der volkstümliche Stammvater 
unserer Dienstmänner, der Eckensteher Nante Strümp nicht, der 
noch manchem Urberliner in der trefflichen Darstellung Beckmamvs 
im Gedächtniss leben mag. Auch zahlreiche Karikaturen aus der 
Zeit der seligen Bürgerwehr werden manchen anheimelnd berühren 
und viele alte Kunstfreunde dürften sich an der reichen Sammlung 
künstlerischer Grössen erbauen, welche die Glanzzeit unserer Hof 
theater repräsentiren und in der selbstverständlich auch Iffland und 
Meister Ludwig Devrient, die Crelinger u. A. m. nicht fehlen. 
Sehr interessant sind die ausgestellten prächtigen Glasmalereien, 
die das Königs Institut für Glasmalerei den Veranstaltern der Aus 
stellung freundlichst überlassen hat, und nicht minder fesselnd die 
der Stadt Berlin gehörigen alten Urkunden aus den Jahren 1338 
bis 1410. Erwähnt seien für heute noch eine prächtige, holz 
geschnitzte alte Pendule, die originelle, einer Commode gleichende 
Orgel, die Friedrich der Grosse 1757 der Böhmischen Brüder 
gemeinde schenkte und die in ihrer bescheidenen Einfachheit aller 
ding seltsam von den heutigen Musikwerken selbst der kleinsten 
Dorfkirche absticht. Eine prachtvoll geschnitzte Kirchen 
truhe macht der Holzbildnerei früherer Jahrhunderte alle Ehre, 
nicht weniger hübsch sind andere antike Schnitzarbeiten, werthvolle 
Bronzen, ausgestellte Waffen, Porzellan- und Steingutgeschirre. 
Alles in Allem bietet die Ausstellung, die auch das Bild des Geh. 
Hofraths Louis Schneider, des Gründers des Vereins für die 
Geschichte Berlins, ziert, eine Fülle des Anregenden und Unter 
haltenden und darf den Veranstaltern schon heute der wärmste 
Dank für ihre Mühewaltung ausgesprochen werden. 
S 
Die Wasserbalm im Vergnügungspark wird voraussicht 
lich heute (Dienstag) Vormittag polizeilich abgenommen. Die öffent 
lichen Fahrten sollen alsdann nach eventueller polizeilicher Abnahme 
bereits heute Nachmittag aufgenommen werden. Sämmtliche Probe 
fahrten am Sonntag und Montag sind vorzüglich abgelaufen. 
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An der elektrischen Thurmbahn wird noch emsig 
gearbeitet, gehämmert, geschraubt und gesägt, um dieses interessante 
Schaustück des Vergnügungsparks endlich fertig zu stellen. Aber 
nur wer die complicirte Maschinerie kennt, vermag zu ermessen, 
welche Schwierigkeiten es macht, um alle Bürgschaften für die 
Sicherheit der Thurmfahrten zu bieten. Im Thurme, dessen äusserer 
Bau fertig ist, werden zwei je löpferdige Elektromotoren 
angebracht, welche mit der Plattform emporsteigen und die 
treibende Kraft repräsentiren. Ein anderer kleiner Motor ist 
installirt, um das Carrousel, welches sich in dem Tragkorb befindet, 
in Bewegung zu setzen. Diese Maschinen werden vom Tragkorb 
aus durch einen Mann bedient und thun auf einen Druck, eine 
Hebeldrehung ihre Schuldigkeit. Die ganze Anlage ist in der 
Maschinentechnik ein Novum und muss daher mit um so grösserer 
Vorsicht behandelt werden. Hoffentlich hat man nunmehr bald 
Gelegenheit, die elektrische Thurmbahn in ihrer Activität kennen 
zu lernen. 
S 
Das Feuerwerk in den Marine-Schauspielen, 
welches am Mittwoch Abend stattfinden sollte, ist vorläufig 
verschoben worden.
	        
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