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Periodical volume Nr. 60, 16. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
lieb, dass man ordentlich Lust verspürt, sie sofort zu ver 
suchen. Eine Kostprobe der Chocolade überzeugt denn auch 
sofort von der Vortrefflichkeit des Fabrikates. Der Lieb 
haber einer guten Cigarre findet seine Rechnung bei Loeser 
u. Wolfs, wo er aus dein unscheinbaren Tabaksblatt sich die 
vortrefflich mundende, aromatisch duftende Cigarre ent 
wickeln sieht. Will man sich nun auch Luxus- oder Ge- 
braucksgegeustände verschaffen, die hier fabricirt werden, so 
hat man auch da reiche Auswahl. Einen prächtigen, in der 
Ausstellung geknüpften Teppich liefern die Vereinigten 
»Smyrnateppichfabriken, kunstvolle. Stickereien auf Decken 
u. dgl. Fristen u. Rossmann, Schirmer, Blau u. Co. u. a. 
H. Meyen u. Co., die grosse Silberwaarenfabrik, veranschau 
lichen den interessanten Betrieb der Silberwaarenfabrikation, 
Wolf zeigt eine Diamantenschleiferei in voller Thätigkeit; 
in der Oertel’sehen Medaillenmünze erhält man die schöne 
Ausstellungs-Erinnerungsmedaille, die vor den Augen des 
Käufers geprägt wurde. Die Waaren, die man hier gekauft, 
kann man dann gleich in Cartons, von Eduard .Jacobson fa 
bricirt, verpacken und auf die Post senden und für die Be 
gleitbriefe Couverts, mit deren Herstellung sich Brettschnei 
der u. Gräser befassen, verwenden. Ein gewiss gern ange 
nommenes Geschenk macht man Verwandten und Freunden 
durch seine Photographie, die man in dem Photographie- 
Automaten „Photographire Dich selbst“ in guter Ausfüh 
rung in allerschnellster Zeit erhält. Musikliebhabern und 
Musikverständigen kann ein Gang in dieGruppe der Musik 
instrumente empfohlen werden, wo zahlreiche Claviere und 
Flügel, sowie auch andere Instrumente zur Benützung frei 
stehen. Hat nun dem Besucher die Ausstellung so gut gefal 
len, dass er einen begeisterten Artikel darüber schreiben will, 
so kann er sich in das Pressezimmer begeben, den Artikel 
dort zu Papier bringen, ihn dann in den Pavillon des 
„B e r 1 i n e r Lokal- A n zeige r“ schicken, dort setzen 
und drucken lassen. 
Auch für die Möglichkeit, die hier gedruckten Artikel 
oder Bücher gleich mit Einbänden versehen zu lassen, ist 
durch grosse Buchbindereien wie Lüderitz u. Bauer bestens 
gesorgt. Betriebe, die speciell technischer Art, mehr für den 
Fachmann wie für den Laien von Interesse sind, finden sich 
hier in grösserer Anzahl, sie sind alle in der Maschinengruppe 
untergebracht und vertheilen sich auf die verschiedensten Ge 
werbe. Auf jeden Fall aber ist die Ausstellung durch die j 
manniehfache und verschiedenartige Vorführung von Fabri 
kation und Betrieben für den Besucher von bedeutend er 
höhtem Interesse. M. II. 
Moderne Vehikel. 
[Abdruck untersagt ] 
»Wie sie sich brüsten und einander den Rang abzulaufen 
suchen!« meinte die Locomotive, die unbeweglich vor Perron Kairo 
stand, des Winkes gewärtig, um ihre 70jährige Praxis an einem 
überfüllten Ausstellungszuge zu üben. »Stümperei, nichts als 
Stümperei, all die neuen Vehikel.« 
»Oho!« schrie die »Elektrische« über den Bretterzaun hin 
über, »die Anwesenden sind ausgeschlossen!« 
Die Locomotive pustete vor Lachen, dass die Funken stoben. 
Die meine ich ja gerade. Und Sie, Madame, zu allererst. Was 
wollen Sie denn? Ehe Sie waren, waren wir, und so lange Sie 
leben, werden Sie ohne uns nicht existiren können.« 
»Unsinn! Dampf!« begehrte die Elektrische auf. »Veraltet! 
Unmodern! Nicht mehr zeitgemäss!« 
Die Elektrische jenseit des Bretterzauns stellte sich in Positur, 
strich an sich behaglich herunter und sah verächtlich nach dem 
Bretterzaun. »Der Urgrund alles Seins ist die Elektricität,« sagte 
sie stolz. 
Die Locomotive zuckte die Achseln. »Die Welt ist aus blauem 
Dunst entstanden.« 
Die Elektrische schlug ein helles Lachen auf. »Wo steht 
das geschrieben?« 
»Unerhört!« brauste die Locomotive auf. »Kennt diese Person 
nicht einmal die Bibel!» 
»Vom Dampf steht nichts drin,« vertheidigte sich die Elektrische. 
»Von der Elektricität erst recht nichts,« gab ihr die Loco 
motive zurück; wohl aber vom Wasser.« 
»Vom Wasser!« wiederholte die Elektrische, »was thue ich 
damit?« 
»Wasser und Dampf sind eines,« sagte die Locomotive und 
schleuderte einen heissen Strahl über den Zaun hinüber. 
»Au!« schrie die Elektrische auf. »Lassen Sie diese antiken 
Scherze!« 
»Abfahren!« befahl der Dienstthuende. Die Locomotive 
setzte sich in Bewegung und flog mit Windeseile nach der Stadt 
Die »Elektrische« athmete auf. »Mit solchem primitiven 
Ungethüm zu streiten, ist kein Vergnügen,« seufzte sie, aber am 
längsten hat der Streit gewährt. Ueber’s Jahr um diese Zeit sind 
diese Leviathane verschwunden und wir beherrschen das Reich 
ganz allein als souveraine Macht.« 
»Weit gefehlt!« schallte aus der Ferne eine Stimme, deren 
Ton ganz seltsam und fremd klang. »Mir gehört die Zukunft.« 
»Wer wagt dort zu widersprechen?« rief die Elektrische auf 
der Köpenicker Strasse. 
Keine Antwort. 
Aber ihre Schwester zwischen den Drahtgittern im Innern 
hatte den Ruf auch vernommen und zwar aus unmittelbarer Nähe. 
Von der Höhe herab war die Stimme gekommen und hatte so 
laut geklungen, dass die Schwester erbebte Sie blickte auf. Ein 
hohes Gerüst versperrte ihr die Aussicht, zu dem steile Treppen 
führten. Ein monotones Geräusch belehrte sie, dass da oben 
Lehen und Bewegung sei. Menschen kamen, die über den Leib 
der Verwunderten ungenirt hinwegstiegen, als ob sie nicht vorhanden, 
kletterten die Treppen hinauf und blieben oben. Neugierig lugte 
der »elektrische Draht« durch die Gerüste. Voller Schrecken fing 
er an zu vibriren. 
»Wir sind verloren«, rief er. 
»Wieso«, fragte theilnehmend eine Isolirglocke. 
Der Draht erhohlte sich allmählich von seinem Schrecken. 
»Ist ja auch elektrisch«, stammelte er. 
»Na gewiss«, beruhigte ihn die porzellanene Isolirglocke. 
»Aber bis in’s Unendliche ausdehnungsfähig«. 
»Nur immer kaltes Blut!« mahnte die Freundin aus Porzellan. 
»Erst sehen und dann reden!« 
Sie lugte zur Treppe hinauf. »Hm!« murmelte sie, »die 
Sache ist bedenklich, doch es kommt auf die Probe an!« 
»Wie nennt man dieses Vehikel?« fragte sie sich. 
»Stufenbahn!« hörte sie es von den Menschen nennen. 
Die Isolirglocke blickte zu den »Stufen« hin. 
Kaum zwei quere Finger hoch waren sie. »Brillant« flüsterte 
sie vor sich hin. »Indessen noch ziemlich primitiv. Aber die 
Kleine unter uns hat Recht. Der »Stufenbahn« gehört die Zukunft.« 
»Lächerlich!« brummte eine dunkle Stimme, »mir gehört sie.« 
Die Stimme klang exotisch. 
Die Freundin der Elektrischen wandte sich zur Richtung des 
Schalles. Er führte nach der Kolonial-Ausstellung. Todtenstille 
herrschte hier unter den Vehikeln. Keins von ihnen liess etwas 
von sich hören. Nur die »Schwebebahn« machte sich plötzlich 
bemerkbar, indem sie einen kläglichen Laut von sich gab. 
»Was thust Du in der afrikanischen Einsamkeit?« 
»Ich erobere Afrika der deutschen Cultur,« lautete die Ant 
wort. »Und deshalb gehört mir die Zukunft.« 
»Viel Glück!« 
»Was meinen Sie zu der alten Luftkutsche da oben?« forschte 
die afrikanische Bahn der Zukunft. 
»Wen meinen Sie?« erkundigte sich der Angeredete. 
»Die »Montgolfiere captive« da links,« sagte die Schwebebahn. 
»Ueberwundener Standpunkt. Nicht?« 
»Wer kann’s wissen!« beschwichtigte er die Eifersüchtige. 
Unterdessen erhob sich der Ballon, soweit die Fesseln es ihm 
erlaubten. »Majestätisch!« rief der Fremde aus. — 
»Sonst aber auch nichts,« gestand die Schwebebahn zu. 
Der Luftballon schwebte stolz über dem Park. »Was kümmert 
ihn der Wind?« sagte sich der elektrische Freund »Er will ja 
gar kein Massen-Vehikel sein und auch niemals werden.« 
»Das will ich!« dröhnte eine jugendliche Stimme in seiner Nähe. 
Der Fremde sah sich um »Das lenkbare Luftschiff« las er.
	        
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