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Periodical volume Nr. 59, 15. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielfe Ausstellüngs - Nachrichten. 
dieser Sonderbauten veranschaulicht. Wir zählen ihrer drei. 
Bah el Futuh, es Zuvele und el Azhar. Die beiden ersten 
sind die ältesten Stadtthore, zu keinem anderen Zwecke er 
richtet, als um befestigte Durchlässe in der Ringmauer zu 
sein. Saladin, der ritterliche .Gegner 'zweier Kreuzzüge, der 
auch die bisher ungeschützte Stadt mit der Citadelle sicherte, 
legte den Grundstein. Schmucklos jimponiren sie nur durch 
die kolossive Mächtigkeit ihrer dickwandigen Rundthürme. 
So unterscheiden sie sich wesentlich von dem dritten, welches 
jein Prunkthor ist, der Eingang zu der ältesten und bedeu 
tendsten Bildungsstätte Arabiens und aller Länder des Islam, 
zu el Azhar, der „Blühenden”, der muhamedanischen Uni 
versität. 
Bab el Futuh steht hier frei als Hauptportal unseres 
Kairo. Seine massiven Formen geben gleich von vornherein 
einen Begriff von der Solidität der künstlichen Fachbildung 
und erwecken die starke Illusion. Als wirkungsvollen, hoch 
malerischen Abschluss einer Strassenperspective griffst uns 
el Zuvele. Auf seinen breiten Vorbauten erheben sich die 
hohen, stolzen, wohlproportionirten Minarets der benachbar 
ten „rothen Moschee”, der Gami-el-Muaijad. Dadurch hat 
‘das einfache Festungsthor den Charakter einer grossangeleg 
ten Schmuckarchitektur erhalten. —- Das ist überhaupt ein 
klassischer Winkel da am Ende der Sukkarijeh. Auf dem 
Dache des Thores, das auch „el Mutavelli” heisste, soll der hei 
lige. Kutb, das imaginaire Oberhaupt der Welis, dieser Volks- 
’heiligen, hausen, und den besonders Glaubensstarken zeigt 
sich seine Anwesenheit durch einen leuchtenden Schimmer 
an. In einer Mauernische der Thorfahrt hat man unzählige 
«Nagel eingeschlagen, um daran Bittgesuche anzubringen zur 
Heilung von Zahnschmerzen und anderen Gebrechen. Und 
an dem linken Vorbau neben dem grossen Gitterfenster ist 
eine zierliche. Säule eingemauert, die den Vorzug hatte, dass 
durch lange Zeiten die zum Tode Verurtheilten daran aufge 
knüpft wurden. 
Fast vtrdcckt von den sich vorschiebenden Häusern einer 
schmalen Seitengasse steht das Thor el Azhar, die Pforte zur 
Weisheit. Es ist ein Doppelbogen mit hoher glatter Stirn 
wand, die durch keine architektonischen Ausladungen unter 
brochen wird. Die Fläche wird einzig belebt durch einen 
reichen Ornamentschmuck, der deshalb besonders interessant 
ist, weil sich daran die f testen Ansätze zur selbstständigen Stil- 
entwickelüng arabischer Knifft nachweisen lassen. Die Re- 
liefrose.tten. die Motive der Pinienmuster, zeigen ,eine noch 
linkische Unselbstständigkeit. Langsam erst lösen sich dia 
gefälligen Züge des geometrischen Bandornaments, der Pflan 
zen- und Schriftarabesken, heraus. Die Bemalung.muss häu 
fig aufgefrischt worden sein, denn sie zeigt heute mehr als 
die paar Grundfarben, die in der Anfangszeit verwendet wur 
den. Erst nahm man nur Ultramarin, Zinnober und Weiss, 
dann Schwarz und Gold hinzu, viel“ später erst das türkische 
Grün. 
W enn die Thore Kairos ein ästhetisches Interesse nicht 
ausschliesslich, bttfriedigen, so verstärken sie .doch. den, Rjeiz 
des malerischen Stadtbildes und auch des historischen. Die 
feine und reife Kunst ab« p-, mit denen die öffentlichen Brun 
nen dieser reichen Stadt gebildet sind, wird einer besonderen 
Betrachtung würdig sein. Friedrich Fuchs. 
Das nächste grosse Fest auf dem Ausstellungsterrain 
wird gegenwärtig von einem aus der Mitte der Fest-Commission 
gebildeten, engeren Ausschuss vorbereitet. Noch sind die Einzel 
heiten nicht spruchreif, aber so viel lässt sich schon heute mit 
theilen, dass das Fest ein solches werden dürfte, wie es Berlin 
noch nicht gesehen hat. 
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Der glücklichste Tag für den Vergnügungspark 
war der gestrige Sonntag. Schon vom frühen Morgen an hatte 
bei dem herrlichen Wetter eine wahre Völkerwanderung dahin 
begonnen. Manche Familien, welche die vergangenen Sonntage 
in den Räumen der Hasptausstellmg verbracht hatten, um erst 
mal das Wichtigste kennen zu lernen, hatten den gestrigen 
schönen lag völlig dem gründlichen Studium des Vergnügungs 
parkes gewidmet. Die Zahl der aus den Automaten »geschöpften« 
Gläser mit Bier, Wein und Schnaps muss sich auf viele Tausende 
belaufen haben. Langsam, aber sicher bürgert sich der 
Gebrauch der Automaten für warme Speisen ein. Während 
die kochverständigen Hausirauen das Buffet mit den elektrischen 
Kochapparaten umstellen, um die Qualität des verwendeten Fleisches 
und die ganz geheimnissvolle feuerlose Zubereitung argwöhnisch 
beaufsichtigen, beobachten die Männer den Gesichtsausdruck der 
Essenden mit grosser Spannung; und wenn sie bemerken, 
dass einer der Gaste an den »für Speisende reservirten« 
Tischen behaglich schmunzelt, dann fragen sie, um ja nicht fehl 
zu gehen: »Kann man das Zeug essen?« — Dicht besetzt 
von heiter schmausenden und trinkenden Menschen waren auch 
vom Morgen an die luftigen Vorgärten der grösseren Etablissements, 
wie »Weltmusik« und Brauerei Pichelsdorf. Ueberall erschallte 
fröhliche Musik, bald von Kopetzky’s wohlgeschulten Schützen ein 
graziöser Walzer, bald eine von Bersaglieris gespielte italienische 
Melodie oder ein deutscher Marsch, von der gemischten Kapelle 
»Auguste Victoria« vorgetragen. Von den Eckthürmchen und der 
Plattform des elektrischen Thurmrestaurants sowie von der felsigen 
Höhe der Riesengebirgsbaude und der kleinen Alpenhütte übersahen 
die Besucher heiter das bunte Treiben. — Aber der volle Zuzug 
von Sonntagsgästen kam in den Nachmittagsstunden; von der Park 
strasse aus, über die Verbindungsbrücke, aus der benachbarten 
Kolonial-Ausstellung oder mittels Stufenhahn strömten ununterbrochen 
dichte Schaaren von Gästen, so dass die Nachmittag- und Abend 
vorstellungen im »Neu-Berlin-« und »American-Theater«, in Hagen- 
beck’s Cirkus und in der Weltmusik, ferner das arabische Labyrinth 
sowie die anderen Sehenswürdigkeiten in den kleineren Bauten 
grossartigen Znspneh erhielten. 
Auch Kairo mit seiner sonnigen orientalischen Pracht feierte 
am gestrigen Sonntag wahre Triumphe. Seit unsere arabischen 
Gäste auf Befehl des Kaisers das Tempelhofer Feld betraten, sind sie 
dem Interesse der Berliner noch näher gerückt, als früher. Jeder 
Vater hält es für seine Pflicht, seinen Nachkommen alle die 
Menschen und Thierwunder des Orients lebendig zu zeigen und 
die arbeitenden Fellachen und die Eseljungen, die Kameele und 
die feurigen Beduinen seiner Familie vorzustellen. Grosses Interesse 
wurde auch den geschickten arabischen Handwerkern entgegen 
gebracht, die, weil sie meist im Freien oder in einer offenen Halle 
sitzen, leicht beobachtet werden können 
In Alt-Berlin war es am gestrigen Sonntag, besondere in 
den Nachmittags- und Abendstunden, kaum möglich, vorwärts zukommen. 
Die dichtbesetzten Gärten, in denen Marine-Kapellen, italienische und 
Tiroler Sänger concertiren, sowie die kühleren Ufer des Karpfen 
teichs wurden am meisten bevorzugt. Die in schmucke, altdeutsche 
Costüme gekleideten Musiker ans dem Rathhausplatze waren von 
bewundernd lauschendem Publikum umdrängt und im Variete 
theater . und Kaufmann’s altdeutschem Bauernstübel sang das 
Publikum »ohne Gage mit«. Doch auch die ernsteren Darbietungen 
Alt-Berlins, die kunstvollen Bauten und die gewerblichen Samm 
lungen fanden ihre wohlverdiente Würdigung. 
Vor dem Alpenpanorama spielten sich gestern die 
amüsantesten Scenen ab. Da die elektrischen Wagen nur eine 
beschränkte Zahl von Passagieren durch die Schönheiten des 
Zillerthals nach der Gletscherhöhe der Berliner Hütte führen können, 
sind viele Gäste zu längerem Warten gezwungen und unter 
halten sich indessen in der kühlen Felsenhöhle des Ein 
gangs auf eigene Faust, indem sie sich mit den hier postirten 
Tirolern in einem schwer zu erkennenden Dialekt unterhalten oder 
die Kraft ihrer Kehle erproben, indem sie die unartikulirten Laute 
ihrer Kehle als vermeintliche Jodler und Juchschreie von der 
Wölbung widerhallen lassen. Während der Fahrt herrschte meist 
bewundernde Stille, nur durch kurze Ausrufe unterbrochen; oben 
aber auf der Bergeshöhe brach sich die Sonntagsfreudigkeit in 
einer Weise Bahn, wie sie die fröhlichsten Touristen nach über- 
standenen Strapazen sich nicht drastischer leisten könnten. 
Die Marine-Schauspiele, die ja selbst an Wochentagen 
sonntäglichen Zudrang haben, selbst bei schleehtem- Wetter, wurden 
gestern geradezu gestürmt; auf der Terrasse, auf den Tribünen und 
auf dem Verdeck drängte sich eine zahllose Menge, die bei der 
Hitze das vom Wasser beherrschte Schauspiel mit ganz besonderer 
Freude hinnahm. 
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