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Volume Nr. 59, 15. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. li 
wie ein Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten 
Buchbinderei ganz bleibt, die hierauf schleunigst die Ma 
schine anschafft. 
Aber auch der Pappmann sieb,t die Maschine. „Aha“, 
sagt er sich, „noch mehr Sand mang und noch mehr Stroh“ 
und der Buchbinder ist wieder aufgeschmissen, denn wenn er 
noch billigere Pappe haben kann, wird er nicht so thöricht 
sein und bessere, theuere nehmen. — Nun muss der Ma 
schinenmann wieder erfinden. Und so umzechig weiter, 
bis die Waare sogar für einen Fünfzig-Pfennig-Bazar zu 
dekrig geräth. Und dann ist das Geschäft aus. 
Ottilie meinte, es müsste bei Jedem dabei geschrieben 
stehen, was es vorstellte, allein das ist doch wohl zu viel ver 
langt. Zum Beispiel Röhren. Der Röhrenmacher ahnt 
unmöglich, wozu diese oder jene Röhre verwendet wird, was 
hierdurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder platzt, 
und kann nicht für jede Einzelne Lied und Beschreibung 
herausgeben, und andererseits bedarf man z. B. bei Wring- 
Ma sch inen keiner Abhandlung. Und doch sind vielleicht 
Neuerungen daran, die die Herrschaften zur Geldausgabe 
und den Phlippinen zur Erleichterung der Arbeit ver 
helfen. Von den sogenanntein technischen Verbesserungen 
des Hausgei’äthes hat die Hausfrau das Wenigste, und ob 
die Küchendonnas Einem Dank wissen, ist sehr die Frage. 
Sie sträuben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem Bräu 
tigam sind sie hingebender. 
Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinn 
losen Streik seine Arbeit verloren und ihre Spargroschen ver 
than hat, ist's mit ihm aus. Ihr Kummer war heftig, aber 
vergänglich, und um ihrem Ehemaligen die Rückkehr in 
das Küchenparadies für ewig abzuschneiden, hat sie sich mit 
einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier beim Thüröffnen 
mit dem Schwert auf die Finger klopft. Er ist ein groser, 
ansehnlicher Mensch mit rothblondem Schnurrbart und 
grauen Augen, und wie Dorette sagt, durchaus nicht stolz, 
obgleich er schon drei Einbrecher gefasst hat, und wenn es 
ihm glückt, einen Mörder zu packen, sprungweise avancirt. 
Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen isst er Alles. 
Der Tapezier ward zuletzt schon so kiesetig, dass Dorette 
unterschiedliche Gerichte nur zwangsweise- auf den Tisch 
brachte. 
Nun ist fleckweise ein Schutzmann angenehm im Hause ; 
er verbreitet für die Schlechten da s Gefü lil * der Furcht, für die 
Guten das Gefühl der Sicherheit, und Dorette ist wieder 
brauchbar. Soviel Geschirr hat sie zuvor nie geliefert, als 
in den Wochen des zerbrochenen Verlöbnisses. 
Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne 
die Kalbsbratenreste als stillschweigendes Gehalt. — 
Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung 
interessirten uns ungemein und nicht minder die Näh 
maschinen, die auf das Bezauberndste sticken und das junge 
Mädchen von früher vollkommen ersetzen, von dem man Fer 
tigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine 
Handschuh-Nähmaschine sahen wir, die überwendlich näht. 
Wohin soll das führen? Die Fähigkeiten der Frau werden 
verschoben, sie begiebt sich auf das geistige Gebiet, oder auf 
das Fahrrad oder Kunst und Wissenschaft, wo sie die Männer 
verdrängt. Der Mann macht eine Maschine, die Frau wird 
immer unabhängiger, bis der Mann schliesslich nur noch 
Öen Dampfkessel zum Gesammt - Hausstandsbetriebe heizt, 
und die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegen 
satz zu der Pappe und der Biegemaschine, die aufsteigende 
Linie nennen. Sind wir erst mit Damenfachsehulen und 
Mädchen-Polytechniken ausgerüstet, ist es Kleinigkeit, einen 
Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau die! Natur- 
kräftei beherrscht, und ich glaube nicht, dass dann noch viele 
Männer bis Mitternacht und darüber in den Kneipen sitzen 
dürfen. Der Hahn zur elektrischen Gasuhr wird einfach ab 
gedreht und dann müssen sie nach Hause. 
„Unausstehlich, die Drehbänke“, murrte Ottilie, als wir 
vorwärts wandelten und Vieles nicht im Gange war. 
„Ottilie,“ antwortete ich besonnen, „das Nothwendige 
kann wohl den Eindruck des Unausstehlichen machen, ist 
es aber nicht; der Eine braucht mehr Drehbänke, der An- J 
dere weniger. Die Bedürfnisse der Menschen weichen eben 
stark ab. Was wolltest Du in der Sahara mit Schlittschuhen 
und in Grönland mit einem Eisspinde, wogegen eine Dreh 
bank Dir vielleicht dringend fehlte.“ 
Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie 
doch vorhin mächtig mit Eindruck und Erscheinung um sich 
g eworfen hatte. Hängt sie Bilder heraus, ich hab auch 'ne 
falerie. 
Allmählich gelangten wir an die Badezimmer mitWasch- 
und Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln undOefea 
zum Desinfieireu. 
Was wusste man vor einigen Jahren davon? - Nichts 
Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Carbol 
und los ging es. Wohin der Mensch sich begiebt, überall 
Bacillen und Sanitätsgestank. Denn den können die Men 
schen kaum vertragen, viel weniger die Mikroskobien, indem 
sie sich nicht zu entfernen vermögen und in dem Dunst elen 
diglich, krepiren. 
Mein Karl mag die gesundheitsamtlichen Odeure nicht, 
weil sie ihn an Pestilenz erinnern und nach den Mittheilun 
gen eines Stammtisch-Docenten in der gemeinüblichen ober 
flächlichen Anwendung nur die Nasen belästigen, ohne den 
geringsten mikroskopischen Einfluss auszuüben. Es soll 
nichts lebensfähigeres geben, als gewisse Arten von diesen 
Geschöpfen, selbst in einer Mischung aus Mottenpulver und 
Salicyl pflanzen sie sich, unentwegt fort, so dass der Mensch 
vergebens mit ihnen kämpft. Tritt jedoch die Desinfections- 
colonne an und reibt die Wände ab und dämpft die Möbel 
und Betten, dann gehen auch die Bacillen zu Grundesitz 
haben unmöglich mehr Lebenskraft als das Mobiliar. 
„Wie merkwürdig,“ sagte ich zu Ottilien, „dass solche 
kleinen Thiere Veranlassung zum Bau so grosser Apparate 
sind. Welches Geld muss jetzt ihretwegen vercarbolt wer 
den, das die Nationen vor ihrer Errungenschaft sparten oder 
in Dörnen anlegten oder sonstigen Kunstdenkmälern aus dem 
Mittelalter als Reiseziele für die Fremden.“ 
„Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Uni 
versum aus der Multiplication der Atome mit den Kräften 
bestellt. Mittels Mathematik lässt sich dies prachtvoll nach 
weisen.“ 
„Das Mathematische nimmt ebenfalls einen erhöhten 
Rang ein.“ setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedanken- 
gange zu erhalten. „Früher erzählte man sich meistens 
Lächerliches von den Professoren, wie sie statt des Hutes 
mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg gingen und 
thatsächlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm 
geschaffen haben.“ 
Mir schien nämlich, als ob ein junger Mann absichtlich 
an denselben Gegenständen Antheil nahm, die wir betrachte 
ten und besprachen, wodurch ihm Aufklärung ward, die er 
bei den Saalwärtern schwerlich fand. Folgte er aus Wissens 
bedürfniss — gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie ge 
worfen, sollte er inne werden, dass eine höhere Cultur- 
schranke sie umgiebt, die jeden Annäherungsversuch ab 
schlägt. In Ausstellungen gilt das Drängelrecht, aber es 
giebt auch geistige Ellenbogen. 
Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da 
wir selbst eins haben, mit dem wir recht zufrieden sind und 
dessen Anschluss selten versagt. Dagegen musste ich mit 
Ottilien in verschiedene „himmlisch“ und „entzückend“ aus 
brechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in Thätig 
keit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumen 
kränze, Gürtel in einem Spinde, die in allen Farben erglüh 
ten, sobald sie durch einen Druck mit der Leitung verbunden 
wurden. Es war förmlich elfenhaft. Ein Strauss 
aus Gräsern und Feldblüthen war geradezu wunderbar. Wie 
Aschenbrödel stand er zwischen Silber und Gold und Edel 
gestein, mit einem Male aber entzündeten sich die Mohnrosen 
und Gänseblümchen und die Käfer und Schmetterlinge roth 
und blau und grün und sonnenstrahlig, schöner als ringsum 
alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Märchenlandes, in 
Berlin angefertigt. 
..An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee auf
	        
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