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Periodical volume Nr. 59, 15. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
s wer ist mit so viel sachlicher Erkenntniss beglückt, dass ;er 
über das ihm Unverständliche'ein richtiges Urtheil ab giebt. , 
Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau. 
Klage ich meinem Karl, wie mir dies allmählich be 
wusst wird, sagt der, ohne dass ich fragen brauche: „Wer 
sich mehr aufpuckelt, als .er tragen kann, /stöhnt." Darum 
schütte ich Ihnen meine Sorgen aus und nicht ihm. 
Nun könnte ich es mir leicht machen und über den Ver 
gnügungspark schreiben und das Industrielle verabsäumen, 1 
aber dagegen sträubt sich mein Berlinerisches Empfinden. 
Allerdings: Kein Fest ohne Vergnügen. Ist jedoch die 
'Ausstellung blos zur Erheiterung der Mitbürger in die Welt 
.gesetzt ? Nein, sie will zeigen, was Berlin als einzelne Stadt 
und zwar als die Hauptstadt des Reiches in Gewerbe und . In 
dustrie zu leisten vermag. Sie legt gewissermaassen eine 
öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht kommt, wo sie 
mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist. 
Wenn Einer fühlt, dass er was kann, wächst ihm der Muth, 
noch mehr zu können und es giebt Traute. Und wer sich 
überzeugt, dass zugelernt werden muss, findet auch den Lehr 
meister. Mancher kümmert sich in Folge dessen vielleicht 
weniger um Politik und Partei und gewinnt 'mehr Zeit für 
'Vervollkommnung in seinem Fach. 
Und dem Publikum ist von grösstem Nutzen, dass es 
.ungezählte beste Erzeugnisse bei einander sieht und dahin 
ter kommt, dass „billig aber imposant," in der Concurrenz auf 
'die Dauer nicht besteht. Ge di e g e n h e i t, das ist die 
wahre Losung, nebst selbstverständlich preis würdig. Und 
wie massenhaft Gediegenes! schliesst das Hauptgebäude ein, 
'das nach architektonischer Grundberechnung fast ebensoviel 
Bodenfläche umspannt wie der 'Gendarmenmarkt mit den 
Beiden Kirchen drauf und dfem Königlichen Schauspielhause 
dazwischen. Und an jedem Stück ist irgend etwas, warum 
es ausgestellt wurde, irgend eine Neuerung oder Güte oder 
Gebrauchsfähigkeit oder künstliche Arbeit oder Geschäfts 
bedeutung. Wer sieht denn einem Glasschranke mit Hals 
binden an, dass er nur Proben von Millionen ihrer Art ent 
hält, die ins Ausland"verfrachtet werden! Und hier ist einfe 
Sache, die früher von England bezogen wurde, jetzund aber 
von Berlin dorthin geht, worüber sie jenseits des Kanals 
nicht schlecht spucken. Und dichte bei etwas von derselben 
Richtung und so weiter, eins neben dem Andern.- 
In diesem Nachdenken störte mich Onkel Fritz mit einer 
Zeitung aus London, worin zu lesen war: der Patriotismus des 
Deutschen bestände in der Vorliebe für die Länder anderer 
I ölker und sähen diese noch so sehr auf ihn herab. 
„Was soll ich damit?” fragte ich. 
„Dir’s zu Gemüthe führen.” 
„Fritz, sie ärgern sich, dass Deutschland in Handel und 
Industrie so bedeutend und selbstständig geworden ist, dass 
eie’s spüren. Und das amusirt mich. Wem aber der bos 
hafte Tadel passt, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm 
«sie Hausknechtsjackü sitzt. Es giebt ja leider Fremdlands 
lakaien". 
„Ich dachte. Du würdest einen grossenTransch machen”. 
„Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlägt das? Sie hören’s 
Ja nicht. Aber weisst Du, von Treptow aus wellt ein frischer 
Wind in Deutschlands Segel: pass acht, wie flott es fahren 
Wird, dann haben sie die gebührende Antwort”. 
„Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Ber 
lins an der Ausstellung betheiligt, es fehlen viele grosse 
Nummern." 
„Das nächste Mal machen Alle mit; das ganze Reich 
Macht mit, die ganze Welt macht mit.” 
„Wenn Du meinst.” 
„Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir 
«erbeten haben.” 
> „Hab’ ich was gesagt . .” 
„Ei ja doch ! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, 
bist Du am deutlichsten. Aber Du wandelst im Irrgarten, 
wenn Du mir einen Ausstellungsklaps andichtest. Im Ge 
gentheil, ich komme immer mehr zu Vernunft . . .” 
„Wird auch Zeit.” 
„I ritz, 1 lk aus L liwissenheit fällt auf seinen Urheber 
zurück. Wa3 weisst D u von der Ausstellung, was ver 
stehst Du von den mit ihr verbundenen Schwierigkeiten. 
Ich lernfe sie täglich inwendiger und auswendiger kennen, 
indem ich ihr mit Ernst und Hochachtung nahe trete und 
gewahre, wie sie alle Unschlüssige überzeugt und auf zu 
künftige Selbstübertreffung hinweisst. Leute hingegen, 
die ihre Trommelfelle nur Mäkelbrüdern und Nörgelmeiern, 
leihen, reden natürlich, wie sie’s verstehen, nämlich wie die 
Blinden vom Anilin”. 
„Sei 'milde Wilhelmine 1 . Nimm mich unter Deine 
Flüchtei und gängle mich mit Deiner Weisheit durch die 
Ausstellung. Wie denkst Du über eine Bierreise im nassen 
Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.” 
„Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und für Ge 
tränke keine Zeit.” 
„Das ist dumm; für Maschinen bin ich nicht an- 
schleg’sch. Hingegen das Moabiter Marinebräu, das ist 
was für meinen Vater seinen Sohn, ganz so wie Faust sagt:* 
zum 'Verweilen schön!” 
Es war nichts mjit ihm anzufangen. Wenn er schon 
die Klassiker verhohnackelt — wozu der Faust Gottlob 
immer noch .gehör' — hat er vor unsereins gar keine Ehr 
furcht. Aus den einfachsten Aeusserungen macht er Männc 
hen, dass man an der 'eigenen Klarheit zweifelt. Und das 
ist doch kein Genuss. — 
Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hin 
aus, die mir das Elektrische klar legen sollte. 
Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei 
dem riesigen Kesselhause, von dem man es nicht möglich 
hält, dass es mitsammt den vier kolossalen Schornsteinen 
abgebrochen werden muss, wie all die übrigen Baulichkeiten, 
damit der Park im nächsten Jahre dem Naturzustände wieder 
übergeben ist. 
Dies Kesselhaus ist so zu sagen das Treibende vom 
Ganzen und beruht, wie Ottilie sagte, auf Verbrennung. Die 
Kohle verbindet sich mit dem Sauerstoff, der in Waldgegen 
den von bester Güte ist, so dass schon aus diesem Grunde 
Treptow als glückliche, wenn auch etwas entlegene Wahl auf 
gefasst werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Liebs- 
und Wärme-Erscheinung. 
„Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer,“ bemerkte ich’. 
„Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts 
Wirkliches, sondern sieht nur so aus. Man kann es nicht 
wägen oder messen, weil es keine Schwere hat. Es ist nicht 
greifbar.“ 
„Weil man sich verbrennt.“ 
„Weil es kein Körper ist.“ 
„Ich, will nicht mit Dir streiten, aber wenn es eine blosse 
Erscheinung wäre, wie könnte man darauf kochen ? Und es 
ist bewiesen, dass alle Erscheinungen nervenschwache Ein 
bildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus oder sonstige 
Augentäuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist Feuer, 
nur dass Goaks mehr egale Hitze geben und Kien zum Bei 
spiel wenig austhut und sich besser zum Anmachen eignet. 
Und das ist ferner klar, ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, 
und ohne Dampf geht keine Maschine.“ 
Wir besahen die Röhren, durch die der Dampf in die 
Halle geleitet wird, iund traten ein. 
Wenn man Maschinen sieht, denkt man unwillkürlich] 
an den Vers: „Da hab’ ich Respect vor dem menschlichen 
Geist”, namentlich mit grossen Schwungrädern und irr 
drehender Bewegung. Stillstehendes dagegen macht nicht 
denselben Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, 
dass es schnurrt, und unbefriedigt vorüberschreitet, wenn es 
sich nicht rührt. Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht 
und wird keiner Antwort gewürdigt. 
Manches steht da» unscheinbar und von den gewaltigen 
Räderwerken bei Seite geschoben. Aber wenn es arbeitet, 
ist es von höchster Schläue, zumal mit Erklärung vom Er 
bauer. Da fabriciren zum Beispiel die Pappenfritzen eine 
billige Pappe mit so viel Stroh und Sandstäub mang, dass sie 
dem Buchbinder beim Biegen in der Hand zerbricht. Was 
thut nun dei Maschinenfritze. Der denkt so lange, bis ihm 
ein Gerätfi einfällt, worin die brüchige Pappe sich krümmt
	        
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