Path:
Periodical volume Nr. 59, 15. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.' 
9 
-t 
Die Vorträge in der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
Die Erforschung der Südpolar-Regionen. 
Nur noch eine kurze Spanne Zeit trennt uns vom Ab 
schluss unseres Jahrhunderts, dem wir Lebende, der Zukunft 
vorauseilend, schon jetzt die Bezeichnung „das grosse Jahr 
hundert“ gegeben haben. 
Gewaltiges hat unsere Zeit allerdings geleistet, sie hat 
in wenigen Jahren die Arbeit von vielen Jahrhunderten ge 
than, sie hat Welten erobert, die geheimnissvoll tief im 
Schoose der Natur verborgen .waren, sie ist in die fernen 
Tiefen des Himmels gedrungen und hat die Natur der Sterne 
erforscht... nur Eines konnte ihr bisher nicht gelingen : 
die Eroberung der Erde. 
Noch immer sind wir gewissermaassen Fremdlinge auf 
unserem Planeten, auf unserer eigenen Wohnstätte. Zahl-, 
lose Erscheinungen, die sich uns täglich aufdrängen, sind 
uns unerklärlich geblieben; wir erforschen mit unseren In 
strumenten das Bild doi Stf rne, wir zeichnen auf sehr hübsche 
und anschauliche Karten die Polarregionen des Planeten 
Mars und haben nicht die geringste Vorstellung vom Aus 
sehen der Pole unserer eigenen Erde. 
Mit dem fieberhaften Arbeits- und Entdeekungsdrang, 
von dem die Menschen jetzt beseelt sind, sucht man auch 
diese letzte grosse Eroberung zu machen. Schon rüstet sich 
der Schwede Andre zum Flug von Spitzbergen nach dem 
Nordpol. Ein kühnes, ein gewaltiges, ein phantastisches 
Unternehmen! Möge ihm ein gütiges Geschick beschieden 
sein...-. 
Aber selbst wenn dieses ungeheuere Wagniss glorrreich 
glücken sollte — von der Arbeit, die noch zu leisten ist, wäre 
nur ein Bruchtheil gethan. Im Süden der Erde dehnt sich 
eine gewaltige, eine weite, weite Welt voller Geheimnisse, 
voller Schrecken, die gleich jenen furchtbaren Ungeheuern 
des Märchens, welche finstere Schlösser bewachen und un 
zugänglich machen, der Kraft und dem Geist des Menschen 
unüberschreitbare Grenzen zu setzen scheinen. 
Die Erforschung der Polarwelt des Südens steht noch in 
den ersten Anfängen. Schon die ersten Seefahrer, die. sich 
in den Meeren des Südens etwas weiter vorwagten, mussten 
die Erfahrung machen, dass die Gefahren und Schwierig 
keiten, die die Polarregion bietet, schon in sehr niedrigen 
Breiten beginnen. Der grosse und kühne Weltumsegler 
Cook, der in drei sehr kühnen Fahrten das Eindringen in die 
südliche Polarregion erstürmen wollte, musste nach seiner 
dritten Fahrt 1777 erklären, dass es völlig unmöglich sei, 
höhere Breiten zu erreichen. Seine grösste südliche Polhöhe 
war etwa der 71. Grad. Das entspricht im Norden ungefähr 
der Höhe des Nordcaps. Und eine höhere südliche Breite 
konnte eine Expedition, die mehr als vierzig Jahre später 
von Bellinghausen und Lazarew unternommen wurde, übei| diu 
Grenze Cook’s auch nicht hinauskommen. Nicht besser er 
ging es anderen Expeditionen, die sich bis zu den vierziger 
Jahren in die südliche Polarwelt hineinwagten. Die Schill 
fahrt stösst da schon in niederen Breiten auf grosse Hinder 
nisse. In jenen Breiten, wo man im Norden noch völlig 
freies Meer hat, stösst man im Süden auf die gewaltigen Eis 
massen des Polarlandes. Die südliche Breite, die etwa der 
nördlichen von Hamburg entspricht, ist schon voll von 
schwimmendem Eise, von riesigen Eisbergen, die während 
des Sommers der südlichen Zone die Schifffahrt hindern und 
lähmen. 
Aber es scheint, dass der menschliche Muth nur mit 
der Grösse der Gefahr wächst. Gerade die Grösse der Gefahr 
in den südpolaren Gewässern stachelte plötzlich wieder die 
Unternehmungslust der Entdecker an. Es kam da auch ein 
ganz besonderer Umstand hinzu. Im Jahre 1836 hatte der 
grosse deutsche Mathematiker Gauss seine Theorie über den 
Erdmagnetismus veröffentlicht. Die wissenschaftliche Welt 
stand jetzt nicht nur vor einer neuen Theorie, sondern auch 
vor ganz neuen; Problemen. Es tauchte, auch die Frage 
auf, ob man sich die sü<lpolare Welt, in der im Laufe der 
Jahre mehrere grössere Inseln entdeckt wurden, in hoheif 
Breiten als einen grossen Continent oder als Meer vorstellen' 
soll. Dies veranlasste die englische Regierung — nachdem 
der Franzose Dumont d’Urville im Jahre 1840 bis zu Wilkes 
Land vorgedrungen war — eine Expedition auszusenden, die' 
von keinem Geringeren als dem damals hochberühmten James 
Clarke Ross geleitet wurde. Durch einen gewaltigen Auf-- 
wand von Energie gelang es ihm wirklich bis zu 77 Grad,' 
49 Min. südlicher Breite vorzudringen. Hier aber war der 
äusserste, für Menschen und Schifte erreichbare Punkt ge 
kommen. Unter furchtbaren Gefahren kehrte Ross zurück 
— als der erfolgreichste unter alle Südpolarforschem; aber 
auch als der letzte. Denn seit jener Zeit ist keine Expedition 
mehr unternommen worden, die grössere geographische Re 
sultate erzweckte. 
Aber wenn auch die praktischen Versuche eingestellt 
wurden, so blieb das Interesse doch immer wach. Schon in 
den fünfziger Jahren kam das Problem des Südpols wieder in' 
Fluss. Besonders war es ein deutscher Gelehrter, der sein 
ganzes reiches Wissen und seine grosse Energie in den Dienst 
dieses Problems stellte. Seit mehr als vierzig Jähren nun 
geht von demselben Gelehrten eine Fülle vonAnregungen aus, 
die das Interesse für die Südpolarforschung stets rege erhalten 
und schon zu verschiedenen grösseren Unternehmungen ge 
führt Jiaben. Das ist der Wirkl. Geh. Admiralitätsrath Pro 
fessor Dr. Neumayer -Hamburg. Welche Ziele seinWir- 
ken verfolgt, und welche Aufgaben die ,Südpolarforschung 
zu erfüllen hat, erörterte Herr Professor Neumayer in einem 
interessanten Vortrag, den er unter dem Titel: „Die Er 
forschung der Südpolar-Regionen in ihrer 
Beziehung zu Weltverkehr und Hochsee 
fischerei”, im Hörsaale des Chemiegebäudes hielt. Es 
handelt sich in wissenschaftlicher Beziehung offenbar niqjht 
darum, um jeden Preis den Pol zu erreichen — so wünschens 
wert h dies auch wäre. Allein die erneute Aufnahme der For 
schung in den südlichen Polarregionen, stellt .sich immeij 
mehr als eine dringliche Nothwendigkeit heraus. Trotz der 
Expeditionen, die in jene Gegenden unternommen wurden, 
weiss man doch noch sehr wenig von der Bewegung der Was 
sermassen, von den Luftströmungen, von den Schwerkraftver 
hältnissen, die für die Natur und die Erscheinungen am Süd 
pol maassgebend sind. Ein Studium dieser Erscheinungen 
würde zweifellos über manche noch unerklärliche Naturvor 
gänge in unserernördlichen Hemisphäre Aufklärung verschaf 
fen und vor allem der Meteorologie neue Gesichtspunkte eröff 
nen. Aber auch dem Weltverkehr und der Hochseefischerei 
würde eine gründliche Durchforschung des südlichen Polar 
meeres Nutzen bringen. DieKenntniss der Bewegungsverhält 
nisse von Wasser und Eis würde gewiss im hohen Süden neue, 
bisher noch unbekannte Schifffahrtsstrassen eröffnen und ein 
gründlicheres Studium der fast noch unbekannten Thierwelt: 
der südlichen Polargewässer würde der Hochseefischerei ein 
neues, weites Gebiet erschließen. 
Eine Wiederaufnahme der \Südpolar-Forschung wäre 
deshalb eine That, die nicht allein der Allgemeinheit Nutzen 
brächte, sonder auclh die Wissenschaft fördern würde. Dem 
Zeitalter der Erfindungen und Entdeckungen wäre es ange 
messen, auch am Südpol neue Entdeckungen, neue For 
schungen zu machen. Das ist eine Aufgabe, die zu lösen, 
sowohl vom idealen wie vom nationalen Standpunkte des ge 
einten Deutschen Volkes würdig wäre. W. R. 
Ausstellungsbriefe 
von Wilhelmine Buchholz. 
VIII. 
Bei den Maschinen. 
Sehr verehrter Herr Redacteur ! 
Ein Wort im Vertrauen; aber ganz unter uns. 
Es kommt mir nämlich mitunter der Gedanke, als wenn 
zum Berichten über die Ausstellung die menschliche Ver 
anlagung doch vielleicht zu kurz sei. Das Enorme, was dort 
aufgestapelt wurde, erdrückt, die Behaltungsfähigkeit untl
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.