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Full text: Nahrungs- und Genussmittel, Fischerei, Schifferei und dazu gehöriger Sport, Fahr-und Reitsport, Radfahrsport, Schiess-und Jagdsport

Gruppe X. Nahrungs- und Genussmittel 
nisse des Inlandes ein nach damaligen Begriffen gutes Mehl. An eine 
Ausfuhr von Mehl wurde noch kaum gedacht. Mitte der fünfziger Jahre 
entstand eine zweite Mühle in Stettin und fast zu gleicher Zeit die erste 
grosse Mühle in Berlin. Die Einrichtungen dieser beiden Mühlen zeigten 
einen ansehnlichen Fortschritt in der Fabrikation von Roggenmehl, so dass 
deren Produkte auch bald vom Auslande gekauft wurden. Die technische 
Verbesserung der Weizenmehlfabrikation trat zuerst in Süddeutschland ein, 
wo man die sogenannte Hochmüllerei mit Anwendung der Griesputzerei 
einführte. Der Grund, weshalb zunächst Süddeutschland vorging, lag in der 
Beschaffenheit des Getreides, welches dort härter und trockener als im 
Norden war. Erst nachdem aus dem Auslande eingeführte härtere Weizen 
sorten mit den einheimischen vermischt werden konnten, entwickelte sich 
die Hochmüllerei auch in Norddeutschland. Die Erfindung der Porzellan 
walzen durch Wegmann in Neapel und die Herstellung geriffelter Hartguss 
walzen durch Mechwardt in Budapest führten seit 1875 zu einem grossen 
technischen Aufschwung der deutschen Müllerei, und zwar nicht nur für 
Weizen, sondern auch für Roggen. In Berlin, wo ausser der Mühle der 
Brodfabrik und den Königlichen Mühlen nur einige inzwischen eingegangene, 
nach heutigen Begriffen kleine Mühlen, wie die „Adlermühle“ und „Spazier 
mühle“, vorhanden waren, entstanden nach und nach vier neue grosse 
Roggenmühlen, die aus Berlin den grössten Roggenmühlenplatz der Welt 
machten. Aehnlich entwickelte sich die Weizenmüllerei Deutschlands, und 
die Ausfuhr von Weizenmehl nach England und Holland wurde so bedeutend, 
dass z. B. die Hamburger und Kieler Mühlen fast nur für England und die 
rheinisch-westfälischen Mühlen fast nur für Holland arbeiteten. Allmälig 
erwuchs der Wettbewerb der amerikanischen Mehle. Zwar wurde hier 
gegen ein Mehlzoll eingeführt, aber gleichzeitig erfolgte die Einführung der 
Getreidezölle und des Identitätsnachweises für ausgeführtes Mehl. Der 
Export unserer deutschen Mehle wurde dadurch vollständig unmöglich gemacht 
und konnte sich, namentlich da infolgedessen in Holland eine grössere 
Anzahl Mühlen erbaut wurden, zu dem früheren Umfange auch dann nicht 
wieder emporheben, als später der Nachweis der Identität vom Reichstag 
beseitigt wurde. Heute können dorthin nur noch ganz geringe, billige 
Weizen- und Roggenabfallmehle und nur unter besonderen Konjunkturen 
in vereinzelten Fällen feine Roggenmehle ausgeführt werden. Als Absatz 
gebiete kommen für uns sonst noch Schottland, Finnland, Schweden und 
Norwegen in Betracht. Im Falle des allgemeinen Ueberganges zum Frei 
handelssystemwürde die von unserer Müllerei erreichte hohe Stufe der Technik 
eine bedeutende Mehlausfuhr und damit auch eine Hebung des von unserer 
Landwirthschaft erzielten Nutzens ermöglichen. 
Mit der Einführung der Walzen, die allmälig sogar in die Windmühlen 
Eingang fanden, hat sich nicht allein die Qualität der Mehle verbessert, 
sondern auch das Quantum vergrössert. Von dem nicht immer richtigen 
Prinzip ausgehend, dass durch die Grösse der Produktion die General 
unkosten vermindert werden, hat nicht nur jede einzelne Mühle mit Hilfe 
neuer Einrichtungen mehr zu schaffen gesucht, sondern es sind neue, grosse 
Massen produzirende Mühlen entstanden, und dadurch ist ein Wettstreit her 
vorgerufen worden, der nicht zum Vortheil der Mühlenindustrie gedient hat. 
Allmälig sieht man die Kleinindustrie der grossen weichen, und es ist wohl 
nur eine Frage der Zeit, wie lange erstere noch wird bestehen können. 
In den grossen Mühlen muss heute mit einer ausserordentlichen Sach- 
kenntniss gearbeitet werden, denn fortwährend wechselt das Rohprodukt. 
Die Zeiten, wo allein das heimische Getreide vermahlen wurde, sind längst
        
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