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Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt

Full text: Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt / Schroer-Hippel, Miriam

Landeskommission
Berlin gegen Gewalt

Polizeiliche Prävention
von Jugendgewalt

Konzepte – Befunde – Handlungsansätze
Abschlussbericht
der Arbeitsstelle
Jugendgewaltprävention

Heft 5

Berliner Forum
Gewaltprävention

Nr. 64

Impressum
Berliner Forum Gewaltprävention (BFG)
Das BFG erscheint unregelmäßig.
Es wendet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Institutionen, Verwaltungen,
Verbänden und an die interessierte Öffentlichkeit als Forum zur Diskussion und Information
über Prävention.
Der Abschlussbericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in Form des vorliegenden BFG 64
erscheint in Form einer Broschürenreihe mit fünf Heften:
Heft 1: Urbane Sicherheit – kiezbezogene Gewalt- und Kriminalitätsprävention
Heft 2: Gewaltprävention an Schulen
Heft 3: Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien
Heft 4: Sport und Gewaltprävention
Heft 5: Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt
Herausgeberin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Vorsitzender: Aleksander Dzembritzki
Staatssekretär für Sport
Senatsverwaltung für Inneres und Sport
Klosterstr. 47, 10179 Berlin-Mitte
Telefon: (030) 90223 – 2913
Fax: (030) 90223 – 2921
berlin-gegen-gewalt@seninnds.berlin.de
www.berlin.de/gegen-gewalt
Redaktion: Nadja Müntsch, Oliver Heide
Autor/innen: Dr. Miriam Schroer-Hippel, Willi Imhof, Michael Bergert
Nachdrucke sind nur mit Quellenangabe gestattet und bedürfen der Zustimmung der Autorin
oder des Autors.
ISSN 1617 - 0253
V.i.S.d.P. Ute Vialet, Leiterin Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt.
Nr. 64, Heft 5 Berlin 2018, 19. Jahrgang
Druckauflage: 2.000 Exemplare
Satz: Gudrun Hommers
Druck: Druckhaus Berlin Mitte

Polizeiliche Prävention
von Jugendgewalt

Konzepte – Befunde – Handlungsansätze
Abschlussbericht
der Arbeitsstelle
Jugendgewaltprävention
(2013–2018)
Miriam Schroer-Hippel,
Willi Imhof, Michael Bergert

Heft 5

Berliner Forum Gewaltprävention
Berlin 2018

Nr. 64

Gefördert von der
Landeskommission Berlin gegen Gewalt

Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in Trägerschaft von Camino – Werkstatt
für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

004

1 DIE POLIZEI ALS AKTEUR DER JUGENDGEWALTPRÄVENTION

007

1.1 Auf Jugendliche bezogene Aufgaben der Polizei

008

1.2 Herausforderungen polizeilicher Jugendgewaltprävention

010

013

2.1 Entwicklungstrends von Jugendgewalt

013

2.2 Junge Mehrfachtäter/innen

015

3 POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

021

3.1 Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

021

3.2 Kooperation und Gestaltung der Schnittstellen

027

3.3 Prävention im öffentlichen Raum

027

3.4 Polizei und Opferschutz

031

3.5 Präventionsgedanke im Kontext der polizeilichen Strafverfolgung

032

4 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN

035

5 LITERATURVERZEICHNIS

039

INHALT

2 JUGENDGEWALT IN BERLIN

04

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

mit diesem Heft darf ich Sie auf die Präventionsarbeit der Polizei Berlin aufmerksam und neugierig machen. Das Heft enthält eine Vielzahl von Projekten, Anregungen, Informationen und
Hinweise, die Sie sicherlich für Ihre Arbeit nutzen können.
Die Präventionsarbeit ist, neben der Strafverfolgung und der Gefahrenabwehr, eine weitere
Aufgabe der Polizei. Diese Präventionsarbeit wurde seit vielen Jahren von der Polizei Berlin in
unterschiedlichster Art und Weise wahrgenommen. Neue Ideen wurden aufgegriffen, umgesetzt und verfeinert sowie durch wissenschaftliche Begleitungen oder Untersuchungen in
Evaluationen überprüft. Mit dem integrativen Ansatz, bei dem Kriminalprävention und Ver­
kehrsunfall­prävention gemeinsam durchgeführt werden, konnte die polizeiliche Präventions­
arbeit weiter intensiviert werden.
Die Wirksamkeit polizeilicher Präventionsarbeit lässt sich durch empirische Untersuchungen
wie z. B. Auswertungen der polizeilichen Kriminalstatistik oder Evaluationen nachweisen. So ist
die Jugendgewalt seit dem Jahr 2008 stetig rückläufig, durch Schülerbefragungen konnte das
Dunkelfeld weiter erhellt und weitere Erkenntnisse zur Jugendkriminalität erlangt werden. Das
Berufsbild des Polizeibeamten hat unter den Jugendlichen einen hohen Stellenwert.
Die Broschüre „Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt“ ist für Eltern, Lehrkräfte, Sozialfachkräfte oder Bürgerinnen und Bürger, die sich für Prävention interessieren, gedacht. Sie kann als
Nachschlagewerk für die Projekte und als Hilfsangebot der Polizei genutzt werden.

05
In dieser Publikation können Sie sich über Präventionsprojekte der Polizei Berlin für ganz junge
Schulanfänger bis hin zu heranwachsenden Berufseinsteigern informieren. Weiterhin enthält
sie die Themenbereiche Opferschutz, Jugendkriminalität und -sachbearbeitung, Intensivtätersachbearbeitung sowie Schule und Straßensozialarbeit. Es werden Programme der frühen
Inter­vention beschrieben, die ein frühzeitiges Abrutschen in eine kriminelle Karriere verhindern
sollen.

Lesen Sie angeregt in dieser Broschüre und entdecken Sie interessante Präventionsansätze der
Polizei Berlin.

Aleksander Dzembritzki 				
Staatssekretär für Sport
Vorsitzender der Landeskommission Berlin gegen Gewalt

VORWORT

Wie in den vorherigen vier Heften endet das Heft mit Schlussfolgerungen und Empfehlungen
der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention.

07

1. Die Polizei als Akteur der
Jugendgewalt ist in Berlin in den letzten Jahren insgesamt rückläufig. Dabei sind einige Regionen jedoch stärker belastet als andere. Die Prävention von Jugendgewalt ist daher auch im Land
Berlin zu einem ressortübergreifenden Anliegen geworden, das sich zum Beispiel mit dem 2011
verabschiedeten Gesamtkonzept zur Reduzierung von Jugendgewalt (Gesamtkonzept 2011)
ausdrückt. In der Polizei als Organisation hat sich seit mehreren Jahrzehnten der Gedanke immer stärker etabliert, dass neben den repressiven Aufgaben auch die Prävention einen wichtigen Handlungsbereich der Polizei darstellt, dies gilt insbesondere in Bezug auf Jugendliche und
Heranwachsende. Das Jugendstrafrecht sieht vor, jungen Menschen von staatlicher Seite mit
einem pädagogischen, auf die Reintegration abzielenden Gedanken zu begegnen. In den anderen mit Kindern und Jugendlichen befassten Handlungsfeldern setzte in den 1990er Jahren eine
intensive Diskussion über die frühe, an alle gerichtete Prävention von körperlicher, aber auch
verbaler Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ein. In diesen Jahren hielten Verfahren zur
gewaltfreien Konfliktlösung Einzug in Schulen, wurden soziale Kompetenztrainings für Kindertagesstätten und weiterführende Schulen entwickelt. Diese Debatte in den Bereichen Jugend
und Bildung setzte sich über knapp drei Jahrzehnte fort, intensivierte und professionalisierte
sich, sodass inzwischen zahlreiche gut dokumentierte, wissenschaftlich begründete und evaluierte Programme zur Stärkung sozialer Kompetenzen und zur Prävention von Gewalt an Schulen sowie in der Kinder- und Jugendarbeit vorliegen. Darüber hinaus wurden Modelle der hinaus­
reichenden sozialpädagogischen Straßensozialarbeit erprobt und weiterentwickelt. Ziel dieser
Arbeit ist es, benachteiligte Jugendliche, die keine Einrichtungen wie Schule oder Jugendfreizeit­
einrichtungen mehr aufsuchen, durch ausgebildete Sozialarbeiter/innen auf der Straße zu erreichen. Betrachtet man die vielfältigen und auf verschiedenen Ebenen angesiedelten Risiko­
faktoren für jugendliches Gewaltverhalten, so wird deutlich, dass erfolgreiche Prävention
ebenfalls auf verschiedenen Ebenen ansetzen muss. Auch aus dieser Perspektive ist es notwendig, dass sowohl Jugendhilfe als auch Polizei als Akteure der Jugendgewaltprävention tätig sind.
Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Feldern, der Polizei und der Kinder- und Jugendhilfe,
ist durch strukturelle Gegensätze beider Institutionen geprägt – zwischen der Polizei mit dem
Auftrag der Strafverfolgung und der Jugendhilfe mit dem Auftrag, die Entwicklung von Kindern
und Jugendlichen zu fördern. Aus diesen gegensätzlichen Aufträgen heraus begründete sich
zunächst eine gewisse Skepsis hinsichtlich einer zu engen Zusammenarbeit – mittlerweile liegen
erprobte Erfahrungen, Konzepte und Strukturen der Zusammenarbeit in der Präventionsarbeit
vor. Vor diesem Hintergrund bildet die Polizei im Land Berlin einen eigenständigen und zugleich
vernetzten Akteur der Jugendgewaltprävention.
Die vorliegende Broschüre beantwortet dabei die folgenden Fragen:
•		 Welche Rolle kommt der Polizei bei der Prävention von Jugendgewalt zu?
•		 Wie stark ist Berlin mit Jugendgewalt belastet? Welche Rolle spielen junge Mehrfachtäter/innen?
•		 Was sind die zentralen gewaltpräventiven Aktivitäten und Projekte der Polizei Berlin?
•		 Welche Empfehlungen lassen sich für die weitere Gestaltung der polizeilichen Jugend­
gewaltprävention ableiten?

1. DIE POLIZEI ALS AKTEUR DER JUGENDGEWALTPRÄVENTION

Jugendgewaltprävention

08

1.1 AUF JUGENDLICHE BEZOGENE AUFGABEN DER POLIZEI
Zunächst werden die Aufgaben der Polizei in Bezug auf die Prävention von Jugendgewalt ein­
geordnet – unter Rückgriff auf eine Systematisierung von Wiebke Steffen (Steffen 2015).
Die Polizei Berlin ist für die polizeilichen Angelegenheiten des Landes Berlin zuständig. Schnittstellen mit der Bundespolizei in Bezug auf die Prävention von Jugendgewalt bestehen vor allem
durch die Zuständigkeit der Bundespolizei für Bahnhöfe und deren unmittelbares Umfeld, wie
z. B. den Alexanderplatz. Das Aufgabenfeld der Berliner Landespolizei steht im Mittelpunkt der
folgenden Betrachtung.

Christian Mueller / Shutterstock.com

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Gesetzlicher Auftrag der Polizei sind Gefahrenabwehr und Strafverfolgung, wobei zur Gefahren­
abwehr sowohl die Gefahrenvorsorge als auch die Verhütung von Straftaten zählen. Grundsätzlich lassen sich die Aufgabenbereiche der Polizei in drei Bereiche unterteilen, die auch im
­Jugendbereich Relevanz haben, zwischen denen jedoch durchaus Übergänge bestehen: Schutz,
Intervention und Prävention (Steffen 2015).

Die Polizei erfüllt zunächst einen Schutzauftrag gegenüber Kindern und Jugendlichen. Vor diesem Hintergrund unterstützt sie die Ordnungs- und Jugendbehörden bei der Überwachung der
Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes und des Jugendmedienschutzgesetzes. Bei einer akuten
Gefährdung von Kindern oder Jugendlichen setzt die Polizei unaufschiebbare Maßnahmen auch
in eigener Zuständigkeit um, z. B. Inobhutnahmen von Kindern. Die Pflicht der Polizei zur
­Gefahrenabwehr ergibt sich aus dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG).
Minderjährige gelten demnach unter bestimmten Umständen als gefährdet. Hierzu zählen z. B.
Vernachlässigung, Misshandlungen, das Miterleben häuslicher Gewalt, Missbrauch der Per­
sonensorge sowie die Beeinträchtigung des Kindeswohls.

09
Im Kontext des Präventionsgedankens setzt die Polizei Berlin zudem besondere Strategien in
Bezug auf mehrfach auffällige Jugendliche und Heranwachsende um. Sie machen nur einen
kleinen Teil der jungen Tatverdächtigen aus, sind aber für eine Vielzahl von Delikten, darunter
auch im Gewaltbereich, verantwortlich. Darauf spezialisierte Programme sind durch ein hohes
Maß an Vernetzung gekennzeichnet und zielen auf die Problemlage der einzelnen Täterin/des
einzelnen Täters ab. Aktuelle Entwicklungen der Polizeiarbeit verstärken den Blick auf jüngere
mehrfachauffällige Jugendliche, die als sogenannte Schwellentäter/innen polizeilich erfasst
werden. Ziel dieser Arbeit ist, ein Abgleiten in eine kriminelle Karriere zu verhindern. Auch hier
gilt eine gute Vernetzung mit anderen Institutionen als Gelingensfaktor für eine erfolgreiche
Intervention.
Die Polizei hat zudem Aufgaben im Bereich der Prävention. Im Rahmen der Gefahrenabwehr ist
auch die vorbeugende Bekämpfung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten Aufgabe der
­Polizei. Dies gilt insbesondere im Jugendbereich. Bereits in einer 1995 ausgearbeiteten Dienstvorschrift wurde die Priorität der Gefahrenabwehr gegenüber der Strafverfolgung unter­
strichen: „Prävention geht vor Repression“ (Polizeiliche Dienstvorschrift 382 1997, 5). In den
letzten Jahren hat der jugendspezifisch-präventive Aspekt der Polizeiarbeit nochmals an Bedeutung hinzugewonnen. Ziel ist die Verhinderung oder Reduzierung delinquenten Handelns durch
Kinder und Jugendliche. Maßnahmen umfassen z. B. die präventive Öffentlichkeitsarbeit, Kriminalitätslagebilder sowie die Unterstützung und Mitwirkung an Präventionsmaßnahmen anderer
Institutionen.

1. DIE POLIZEI ALS AKTEUR DER JUGENDGEWALTPRÄVENTION

Die Polizei hat darüber hinaus den Auftrag der Intervention. Für das Jugendkriminalrecht gilt
der Grundsatz „Erziehung vor Strafe“, weshalb die Polizei schon bei Ermittlungen zu kriminalpädagogisch orientiertem Handeln aufgefordert ist. Bei Straftaten und polizeilichen Auffälligkeiten besteht gegenüber der Jugendhilfe eine Informationspflicht. Auf Grundlage des Erziehungsgedankens kann in einigen Bundesländern, darunter Berlin, bereits die Polizei eine
Diversion vorschlagen. Im Rahmen einer Diversion kann die Staatsanwaltschaft bei Delikten
von geringer Schwere, insbesondere auch bei Ersttäter/innen, von der Eröffnung eines regulären Strafprozesses absehen. Für die Jugendlichen besteht ein Vorteil darin, dass unter dieser
Voraussetzung kein Eintrag ins Strafregister (mit entsprechenden Konsequenzen) erfolgt. Als
Angebot der Jugendhilfe steht Jugendlichen, die eine Straftat begangen haben, das Berliner
Büro für Diversionsberatung und -vermittlung der Stiftung SPI zur Seite, das mit Polizei und
Staatsanwaltschaft eng zusammenarbeitet.

Rawpixel.com / Shutterstock.com

010
POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

In dem seit 1997 etablierten Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des
Bundes (ProPK) werden länderübergreifend Strategien der Kriminalprävention erarbeitet und
umgesetzt. Auch hier nimmt die Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention einen hohen Stellenwert ein. Dass die Polizei auch von den Jugendlichen als wichtiger Akteur in der Kriminal­
prävention gesehen wird, belegt die bundesweite YouPrev-Studie, in welcher Schüler/innen zu
Akteuren der Prävention befragt worden sind (Steffen 2015, 561). Die Eltern und der eigene
Freundeskreis haben nach Einschätzung der Jugendlichen einen besonders großen Einfluss. Der
Polizei wird dabei eine höhere präventive Wirkung als Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen
bescheinigt.

1.2 HERAUSFORDERUNGEN POLIZEILICHER JUGENDGEWALTPRÄVENTION
Im Aufgabenfeld der polizeilichen Jugendgewaltprävention lassen sich auch verschiedene Herausforderungen identifizieren, deren Bewältigung große Bedeutung für ein wirkungsvolles Vorgehen hat. Eine auch bundesweit diskutierte Herausforderung besteht in der Frage, wie die
polizeiliche Präventionsarbeit jeweils institutionell verankert wird und inwiefern die präventiven Aufgabenbereiche angesichts von oftmals einschneidenden Personalengpässen ausreichend priorisiert werden können. In diesem Zusammenhang wird betont, dass es notwendig ist,
die Aufgabenbereiche in der Organisationsstruktur der Dienststellen klar zu verorten, um
­unklare Zuständigkeiten zu vermeiden (Behr 2016, 437). Die Polizei Berlin hat sowohl über­
geordnet als auch flächendeckend feste Präventionsstrukturen etabliert. Hier sind vor allem die
Zentralstelle für Prävention beim Landeskriminalamt Berlin sowie auf der lokalen Ebene der
Direktionen und Abschnitte die Präventionsbeauftragten und die Operativen Gruppen Jugendgewalt (OGJ) zu nennen, die unten näher beschrieben werden.

011
An diesem Punkt leistet in Berlin die „Clearingstelle – Netzwerke zur Prävention von Kinder- und
Jugenddelinquenz“ einen zentralen Beitrag zur Gestaltung der Schnittstellen. Sie moderiert,
dokumentiert und begleitet die Zusammenarbeit der Institutionen. Sie führt Fachtage zu zen­tra­
len Themen durch und unterstützt strukturelle Veränderungsprozesse zur Verbesserung der
Kooperation. Zur polizeilichen Jugendgewaltprävention in Berlin zählen darüber hinaus viel­
fältige Programme und Maßnahmen in Kooperation mit anderen Akteuren, die in den folgenden
Kapiteln näher dargestellt werden.

1. DIE POLIZEI ALS AKTEUR DER JUGENDGEWALTPRÄVENTION

Eine weitere zentrale Herausforderung polizeilicher Präventionsarbeit besteht darin, dass die
Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Akteuren neben vielfältigen Chancen einer erfolgreichen und zielgerichteten Prävention auch Schwierigkeiten mit sich bringen kann. Hierzu
zählen zum einen rechtliche Fragen zur Weitergabe von Informationen und Falldaten. Beispielsweise stehen behördenübergreifende Fallkonferenzen, z. B. bei Mehrfachtäter/innen, hinsichtlich der Weitergabe von Sozialdaten vor datenschutzrechtlichen Grenzen. Darüber hinaus ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Aufträge der Polizei auf der einen und der Kinder- und
Jugendhilfe auf der anderen Seite Fragen, wie ein Vertrauensverhältnis zu Jugendlichen aufgebaut bzw. aufrechterhalten werden kann und wie die Zusammenarbeit und ein möglicher Informationsaustausch den Jugendlichen transparent gemacht wird. Während das Legalitätsprinzip
die Polizeibeamten unmittelbar zur Verfolgung von Straftaten verpflichtet, sobald sie Kenntnis
von ihnen erhalten, ist die Zielrichtung der Sozialpädagog/innen, ein gutes Aufwachsen der
Jugendlichen zu fördern. Sowohl für Sozialpädagog/innen als auch für Polizist/innen als Akteure
der Prävention ist der Aufbau von Vertrauen eine wichtige Gelingensbedingung gewaltpräventiver Arbeit. Daher ist Transparenz gegenüber den Klient/innen der Arbeit notwendig, inwiefern
eine Zusammenarbeit und Informationsweitergabe erfolgt. Bei der Kooperation von Jugendhilfe
und Polizei ist es insofern wichtig, auch das, was die Akteure trennt, deutlich zu machen (Kühnel
2015, 333). Eine gute und passgenaue Abstimmung der Einzelmaßnahmen ist für eine erfolg­
reiche Prävention von Jugendkriminalität daher unabdingbar.

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

012

013

2. Jugendgewalt in Berlin
Wie sich die Jugendgewaltbelastung in Berlin in den letzten Jahren entwickelt hat und welche
Rolle junge Mehrfachtäter/innen spielen, ist eine für die Anlage polizeilicher Prävention wich­
tige Hintergrundinformation. Diese Fragen stehen im Fokus der nächsten Abschnitte. Grund­
lage der Darstellung sind Untersuchungen und Recherchen der Arbeitsstelle Jugendgewaltpräven­
tion, insbesondere das Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz. Vor diesem Hintergrund
wird der Begriff „Gewalt“ hier wie folgt verstanden.

Gewalt ist ein Verhalten, mit dem Personen zielgerichtet physisch, psychisch oder sozial
geschädigt werden (in Anlehnung an Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention 2007).
An dieser Stelle werden vor allem die polizeilich bekannt gewordenen Fälle mit Tatverdächtigen im Alter von 8 bis unter 21 Jahren berücksichtigt. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei die Gruppe der sogenannten Rohheitsdelikte. Diese umfasst Körperverletzungen, Raubtaten sowie die Deliktgruppe der Nötigungen und Bedrohungen. Bei den
Körperverletzungen werden hier nochmals die vorsätzlichen, leichten Taten von den gefährlichen und schweren Körperverletzungen unterschieden.
Ergänzend werden auch Ergebnisse aus Schülerbefragungen einbezogen. Diese umfassen
zum einen auch Fälle, die der Polizei nicht bekannt wurden, sie beziehen aber auch vermeintlich niedrigschwellige Gewaltformen, wie etwa Mobbing unter Schüler/innen, ein.

Gewalt und Kriminalität durch junge Menschen sind in der Mehrheit der Fälle vorübergehende
oder „episodenhafte“ Phänomene. Die sogenannte Alterskurve der Gewaltbelastung steigt im
Alter von etwa 14 Jahren stark an und erreicht ihren Höhepunkt im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter, um dann wieder abzunehmen. Junge Menschen sind bei den meisten Delikten,
insbesondere bei Gewaltdelikten, am stärksten belastet, nur ein kleiner Teil weist eine Belastung im Erwachsenenalter auf (Schubarth 2013, 47). Ein wichtiges Ziel der Präventionsarbeit
mit straffällig gewordenen jungen Menschen ist es, einer Verfestigung der Straffälligkeit in Form
einer sogenannten kriminellen Karriere vorzubeugen.

2.1 ENTWICKLUNGSTRENDS VON JUGENDGEWALT
Jugendgewalt nimmt in Berlin seit etwa zehn Jahren kontinuierlich ab. Im Jahr 2016 stieg die
Gewaltbelastung jedoch erstmals seit 2007 leicht an. Im Jahr 2017 ist wieder ein Rückgang zu
beobachten (Lüter et al. 2017, 10; Der Polizeipräsident in Berlin 2018b, 31). Die Jugendgewalt in
Berlin schwankt somit – nach jahrelangen Rückgängen – um einen im Vergleich der letzten zehn
Jahre niedrigen Wert.

2. JUGENDGEWALT IN BERLIN

Was wird unter Gewalt verstanden?

014

Im Jahr 2007 wurden 2,8 % aller 8- bis unter 21-jährigen Berliner/innen von der Polizei als Tatverdächtige für Rohheitsdelikte registriert, im Jahr 2016 waren es nur noch knapp 1,8 %.
Abbildung 1: Jugendgewaltbelastung in Berlin: Anteil der 8- bis unter 21-Jährigen, die als Tatverdächtige für Rohheitsdelikte erfasst wurden (in %)

5,00

4,45

4,20

4,12

4,00
3,00

2,80

2,68

3,82

3,52

3,35
2,99

2,64

2,47

2,32

2,14

2,00
1,09

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

1,00

1,10

1,13

1,07

1,07

1,92

2,82

1,80

2,71

2,79

1,73

1,77

männlich
gesamt
weiblich

0,88

0,82

0,74

0,69

0,67

0,00
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2017a), Daten des Amts für Statistik (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2017), eigene Berechnungen. Für diese Angabe wird die Zahl der Tatverdächtigen auf die Zahl der Einwohner/
innen ihrer Alters- bzw. Geschlechtergruppe hochgerechnet.

Für beide Geschlechter lassen sich deutliche Rückgänge der Gewaltbelastung ausmachen. Werden die einzelnen Altersgruppen betrachtet, so hat gerade bei den Jugendlichen im engeren
Sinne, also den 14- bis unter 18-Jährigen, die Gewaltbelastung stark abgenommen.
Die im Jahr 2016 zu beobachtende leichte Zunahme geht vor allem auf männliche Jugendliche
und Heranwachsende zurück. Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist in den Jahren
2013 und 2014 gesunken, in den Jahren 2015 und 2016 jedoch gestiegen. Im gleichen Zeitraum
nahm jedoch auch die absolute Zahl der Einwohner/innen ohne deutschen Pass zu. Im Jahr
2015 ist die Zunahme der Tatverdächtigen im Verhältnis zum (erfassten) Zuzug ausländischer
Einwohner/innen gering, im Jahr 2016 hingegen erhöht. Dabei ist jedoch von erheblichen Ungenauigkeiten aufgrund der zeitverzögerten melderechtlichen Erfassung auszugehen. Ein Blick
auf die Deliktgruppen zeigt, dass im Jahr 2016 Körperverletzungen leicht zugenommen haben,
Raubtaten sind hingegen weniger geworden.
Ergänzend zu den von der Polizei erfassten Fällen, dem sogenannten Hellfeld, werden
über Schülerbefragungen Gewaltvorfälle erfasst, die nicht polizeilich bekannt werden,
das sogenannte Dunkelfeld. Die Schülerbefragung der Arbeitsstelle Jugendgewalt­
prävention bezog sich auf 767 Schüler/innen der 7. Jahrgangsstufe an 15 Berliner Schulen
­(Bergert et al. 2015a).

Höhere Belastung im
Dunkelfeld

Die Schülerbefragung zeigt für den Zeitraum 2013/14 viel höhere Zahlen als die polizeiliche
Statistik. Demnach wurden 19,2 % der Jugendlichen in den zwölf Monaten vor ihrer Befragung
Opfer einer Gewalttat wie Körperverletzung mit oder ohne Waffe, Raub oder sexueller Belästigung. Von Mobbing waren insgesamt 22,8 % der Siebtklässler/innen betroffen (Bergert et al.
2015a, 65). In der Mehrheit der Fälle fand keine Bestrafung der Tat statt (Raubtaten: 69,6 %,
Körperverletzung ohne Waffe: 61,5 %, KV mit Waffe: 44,4 %, Mobbing: 72,7 %, Bergert et al.
2015a, 68).

015
Werden die Bundesländer hinsichtlich der polizeilich erfassten Jugendgewalt verglichen, zeigt
Berlin als Stadtstaat eine höhere Gewaltbelastung als die Flächenländer. Bei einem Vergleich
der Ergebnisse von Schülerbefragungen – also einschließlich der Fälle, die polizeilich nicht
­bekannt werden – ist jedoch in Berlin keine höhere Belastung als in anderen Bundesländern
festzustellen. Im Dunkelfeld weist Berlin eine ähnliche Belastung wie z. B. Usedom in Mecklenburg-Vorpommern auf (Behn et al. 2015, 15f.).
Politisch motivierte
In Berlin haben die Fallzahlen politisch motivierter Kriminalität seit 2014 zugenomGewalt
steigt – ist aber
men. Auch die Zahl politisch motivierter Gewalttaten ist angestiegen. Hierbei handelt
kein Jugendphänomen
es sich allerdings um kein Jugendphänomen. Bei den unter 21-Jährigen gibt es keine
Zunahme politisch motivierter Gewalt. Vielmehr ging die politisch motivierte Kriminalität mit
unter 21-jährigen Tatverdächtigen seit 2006 tendenziell zurück. Themenschwerpunkte der
linksmotivierten Gewalt mit jungen Tatverdächtigen waren 2016 neben der Konfrontation mit
der Polizei und „gegen rechts“ vor allem die Asylthematik und die städtische Umstrukturierung.
Politisch motivierte Gewaltdelikte mit jungen Tatverdächtigen konzentrieren sich in den Bezirken
Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.

Bei unter 21-jährigen
Die mehrfache Täterschaft junger Menschen bildet einen wichtigen Aspekt bei der Analyse
Tatverdächtigen
von Jugenddelinquenz. Ein kleiner Anteil junger Menschen wird vielfach auffällig, wähetwa 2 % Mehrfach­rend die Mehrheit der Täter/innen nur eine oder wenige Straftaten begeht. In Berlin
täter/innen
gehören etwa 2 % der unter 21-jährigen Tatverdächtigen zur Gruppe der Mehrfach­
täter/innen, d. h. sie werden jeweils für mehr als zehn Straftaten verantwortlich gemacht. Auf
alle Altersgruppen bezogen begingen 1,7 % aller Tatverdächtigen 17,6 % der aufgeklärten
­Taten (Der Polizeipräsident in Berlin 2016, 119).
Ziel des polizeilichen
Junge Mehrfachtäter/innen sind eine wichtige Zielgruppe polizeilicher ErmittlungsarIntensivtäterprogramms:
beit. Ziel ist dabei, Kriminalität effektiv zu bekämpfen, aber auch präventiv tätig zu
eine „kriminelle
werden. Die Verfestigung einer „kriminellen Karriere“ soll durch gebündelte staatliche
Karriere“ frühzeitig
Interventionen nach Möglichkeit noch verhindert werden. Um die Ermittlungen bei
verhindern
mehrfach auffälligen Tatverdächtigen effektiver zu gestalten, rief die Polizei Berlin bereits im Jahr 1995 das Programm zur Täterorientierten Ermittlungsarbeit (TOE) ins Leben
(Kaminski 2009, 121). Es umfasste zunächst ausschließlich die Kategorie der Intensivtäter/innen,
wurde dann aber erweitert. Mit der Zielsetzung einer möglichst frühen Intervention bei mehrfacher Auffälligkeit wurden auch Tatverdächtige unterhalb der Zielgruppe der Intensivtäter/innen einbezogen, die sogenannten Schwellentäter/innen und schließlich auch die Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen. Die so bezeichneten Tatverdächtigen sind überwiegend zwischen
14 und 21 Jahre alt, die Polizei bezieht aber auch Kinder und ältere Erwachsene ein. Im Folgenden werden jedoch ausschließlich Tatverdächtige unter 21 Jahren betrachtet, d. h. auch Kinder
unter 8 Jahren.

Als Intensivtäter/innen wurden im Jahr 2018 (Stichtag 01.01.) innerhalb des TOE-Programms
150 Heranwachsende, 84 Jugendliche und 1 Kind geführt, als Schwellentäter/innen 40 Heranwachsende, 16 Jugendliche und 1 Kind, als Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen 77 Heranwachsende, 131 Jugendliche und 11 Kinder (Der Polizeipräsident in Berlin 2018a, 147).

2. JUGENDGEWALT IN BERLIN

2.2 JUNGE MEHRFACHTÄTER/INNEN

016

Definitionen im TOE-Programm der Polizei Berlin
•		 Intensivtäter/innen begehen den Rechtsfrieden besonders störende Straftaten (z. B.
Raub und sonstige Rohheitsdelikte) oder verüben innerhalb eines Jahres mindestens
zehn Straftaten von einigem Gewicht; bei ihnen besteht die Gefahr einer sich verfestigenden kriminellen Karriere.
•		 Schwellentäter/innen sind unter 21 Jahre alt und in der Regel mit mindestens fünf
Gewaltstraftaten von einigem Gewicht aufgefallen; bei ihnen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere derartige Straftaten zu erwarten.

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

•		Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen begehen im Umfeld ihres Aufenthalts- und
Wohnorts minder schwere, aber das Sicherheitsgefühl beeinträchtigende Straftaten
(Der Polizeipräsident in Berlin 2016, 141).

Im Rahmen der TOE wird den einzelnen Tatverdächtigen jeweils ein/e Sachbearbeiter/in zugeordnet. Ziel ist es, alle Verfahren zu bündeln, einen Austausch mit den beteiligten Behörden,
Institutionen und dem sozialen Umfeld zu gewährleisten und ein Gesamtbild des Täters/der
Täterin zu erstellen, um so abgestimmte präventive und repressive Maßnahmen umzusetzen.
Die TOE wird als „eine der erfolgreichsten gesamtpolizeilichen Kriminalstrategien in Zusammenarbeit mit der Berliner Staatsanwaltschaft“ bewertet (Der Polizeipräsident in Berlin 2016,
142). Ein wichtiger Bestandteil der Täterorientierten Ermittlungsarbeit ist die enge Zusammenarbeit der Polizei Berlin mit der Staatsanwaltschaft auf Grundlage der „Intensivtäterrichtlinie“.
Dabei wird das Prinzip einer festen Zuständigkeit fortgesetzt, d. h., dass die Tatverdächtigen,
die in das Intensivtäterprogramm der Staatsanwaltschaft Berlin aufgenommen werden, jeweils
einem/r festen Dezernenten/in zugeordnet werden. Verfahren gegen nach dieser Richtlinie erfasste Intensivtäter/innen werden von der Staatsanwaltschaft somit nach besonderen Vorgaben bearbeitet. Die Zahl der hier berücksichtigten polizeilich erfassten Intensivtäter/innen ist
dabei jedoch höher als die bei der Staatsanwaltschaft bearbeiteten sogenannten „gemein­
samen Intensivtäter/innen“ von Polizei und Staatsanwaltschaft. Grund ist beispielsweise, dass
die repressiven Maßnahmen erst ab dem 14. Lebensjahr beginnen und somit nicht straf­mün­
dige Tatverdächtige nicht in das Programm der Staatsanwaltschaft eingestellt werden.

Mehrfachtäter/innen – Entwicklungsbedingungen
Warum wird ein junger Mensch Intensivtäter/in? Die Einflussfaktoren bei Mehrfachtäter/innen unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen für jugendliche Delinquenz insgesamt. Kinder und Jugendliche müssen bestimmte „Entwicklungsaufgaben“ des Erwachsenwerdens in einer komplexen Welt bewältigen. Bei mehrfachauffälligen Jugendlichen
gilt, dass verschiedene negative Entwicklungsbedingungen und Einflussfaktoren auf
der individuellen, familiären und strukturellen Ebene zusammenkommen und zugleich
Schutzfaktoren und Ressourcen nicht ausreichen, um diese Aufgaben angemessen zu bewältigen. Bei Mehrfachtäter/innen gilt zugleich ein junges Einstiegsalter in die Delinquenz
als Risikofaktor. Ausgehend von ungünstigen familiären Konstellationen und dem Erleben
von familiärer Gewalt und Missachtung kann gerade das Ausüben von Gewalt als bio­
graphische Wende, als Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle erlebt werden. Gerade bei
Gewalttaten kann das rauschhafte Erleben der Gewaltausübung das Risiko der Tatwiederholung erhöhen. Zu den bekannten Einflussfaktoren zählen u. a. die folgenden:

017
Individuelle Ebene:
•		 körperliche Beeinträchtigungen,
•		 Verhaltens- und Persönlichkeitsauffälligkeiten,
•		 Sprachprobleme,
•		 schulisches Versagen,
•		 negatives Selbstkonzept,
•		 Delinquenz in der Kindheit,
•		 Drogen- und Alkoholkonsum,
•		 geringe Ausbildungs- und Berufschancen;
Ebene der Familie:
•		 Erfahren oder Miterleben von Gewalt und Missachtung,
•		 problematische Beziehungs- und Bindungsmuster,
•		 erlebte Traumata,
•		 Verlust wichtiger Bezugspersonen,
•		 Heimaufenthalte,
Sozio-ökonomische Ebene:
•		 soziale Benachteiligung,
•		 aufenthaltsrechtliche Barrieren, z. B. im Kontext eines unsicheren Aufenthaltsstatus.

Im TOE-Programm der Polizei Berlin wurden im Jahr 2016 243 Intensivtäter/innen, 72 Schwellen­
täter/innen und 200 Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen (im Alter von unter 21 Jahren) b
­ etreut.
Die Zahl der geführten Intensivtäter/innen ist rückläufig (2014 bis 2016), ebenso die der
Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen (2012 bis 2016). Die Zahl der Schwellentäter/innen
­
­bewegt sich von 2013 bis 2016 etwa auf dem gleichen Niveau.
Ein geringer Anteil der Mehrfachtäter/innen sind Kinder: etwa 1 % der Intensiv- und
Schwellentäter/innen und etwa 4 % der Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen. Unter
den Intensiv- und Schwellentäter/innen sind 34 % Jugendliche und 65 % Heranwachsende. Bei den Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen ist das Verhältnis umgekehrt: Gut
60 % sind 14 bis unter 18 Jahre alt, knapp 37 % 18 bis unter 21 Jahre.
Abbildung 2: Anzahl der Mehrfachtäter/innen unter 21 Jahren im TOE-Programm 2011 bis 2016

500
342
351
250
136

342
320

97

343
281

323
263

277
232

243
200

Kiezorientierte
Mehrfachtäter/innen
Schwellentäter/innen

73

77

81

72

2013

2014

2015

2016

0
2011

2012

Intensivtäter/innen

Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2017b), eigene Darstellung.

Abnahme der
Intensiv- und
Kiezorientierten
Mehrfachtäter/innen,
nicht aber der
Schwellentäter/innen

2. JUGENDGEWALT IN BERLIN

•		 ungünstige Verarbeitung familiärer Migrationserfahrungen;

018

Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen sind überwiegend
Jugendliche, Intensiv- und
Schwellentäter/innen
überwiegend Heranwachsende.

Unter den Mehrfachtäter/innen ist der Anteil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Vergleich zur Wohnbevölkerung tendenziell erhöht, so das Ergebnis
verschiedener Studien (z. B. Ohder 2009, 19), andere kommen hingegen zu widersprüchlichen Ergebnissen (Pollich 2010, 36). Für Berlin bestätigt sich dieser Befund – jedoch nicht für alle Tätergruppen gleichermaßen.

Knapp 70 % der Intensiv- und
Schwellentäter/innen Deutsche

Unter den im Jahr 2016 erfassten Intensiv- und Schwellentäter/innen sind 220
Deutsche (69,9 %), darunter 84 ohne Migrationshintergrund (26,7 %) und 136 mit
Zuwanderungsgeschichte (43,2 %). 94 Täter/innen haben keinen deutschen Pass
(29,8 %). Unter den Intensiv- und Schwellentäter/innen ist der Anteil der Ausländer/innen gegenüber der Wohnbevölkerung um das Doppelte erhöht, der Anteil
der Deutschen mit Migrationshintergrund um das 1,4-Fache. Deutsche ohne
­Zuwanderungsgeschichte gibt es unter den Intensiv- und Schwellentäter/innen
hingegen nur halb so oft wie in der Einwohnerstatistik.

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Bei Intensiv- und Schwellen­täter/innen Migrant/innen und
Ausländer/innen dennoch
deutlich überrepräsentiert

Ein anderes Bild zeigt sich bei den Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen. Die Herkunft dieser Täter/innen entspricht viel stärker der Zusammensetzung der Berliner Wohnbevölkerung, ist aber aufgrund des erhöhten Anteils nichtdeutscher
Tatverdächtiger nicht deckungsgleich. Der Anteil der Deutschen ohne Zuwanderungsgeschichte ist demnach viel höher als bei den Intensiv- und Schwellentäter/
innen, jedoch weiterhin niedriger als in der Bevölkerung insgesamt. Auch Deutsche mit Migrationshintergrund sind im Verhältnis zur Wohnbevölkerung seltener unter den
Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen. Jugendliche ohne deutschen Pass sind hingegen um das
1,5-Fache überrepräsentiert. Als Schlussfolgerung stellt sich die Frage, ob es bei den herkunftsdeutschen Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen möglicherweise besser gelingt, kriminelle Karrieren frühzeitig zu unterbrechen, als bei Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte und Nichtdeutschen. Daran schließt sich die Frage an, mit welchen Mitteln man die Zielgruppe der jungen
Mehrfachtäter/innen mit Migrationshintergrund bzw. ohne deutschen Pass erfolgreicher präventiv beeinflussen kann.

Bei Kiezorientierten
Mehrfachtäter/innen Deutsche
mit und ohne Migrationshintergrund leicht
unterrepräsentiert, Anteil der
Ausländer/innen erhöht

Abbildung 3: Mehrfachtäter/innen im TOE-Programm nach Polizeidirektionen in % im Jahr 2016

Intensivtäter/innen

14,0

Schwellentäter/innen

15,3

10,5

Kiezorientierte
Mehrfachtäter/innen

20,6

12,5

5,5

Direktion

2

3

10,2

17,5
50%

4

5

22,6

22,2

20,8

12,5

25%
1

20,2

12,5

22,0

15,1

0%

12,3

16,7

14,0

19,0

EW (unter 21)

10,3

34,5

16,5

21,6
75%

100%

6

Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2017b), Daten des Amts für Statistik (Amt für Statistik BerlinBrandenburg 2017), eigene Berechnungen.

Die räumliche Aufschlüsselung der Zahlen der Mehrfachtäter/innen erfolgt nicht nach Bezirken,
sondern nach Berliner Polizeidirektionen. Dabei zeigen sich leichte Unterschiede hinsichtlich
der Belastung der Direktionen im Vergleich zur Verteilung der Einwohner/innen. Diese Statistik
spiegelt auch Strategien polizeilicher Ermittlungsarbeit wider.

019
Eine hohe Belastung mit Intensivtäter/innen (im Vergleich zum Anteil der Einwohner/Zahl der Intensivtäter/innen
in den Direktionen
innen unter 21 Jahren) gibt es in Direktion 2 (Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf)
2 und 5 erhöht
und Direktion 5 (Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln) sowie in geringerem Maß in
­Direktion 6 (Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg, Treptow-Köpenick). Eine erhöhte Belas- Zahl der Kiezorientierten
Mehrfachtäter/innen in
tung mit Schwellentäter/innen gibt es ebenfalls in Direktion 5 sowie insbesondere in
Direktion 6 erhöht
Direktion 3 (Mitte). Eine besonders hohe Belastung mit Kiezorientierten Mehrfach­
täter/innen besteht in Direktion 6 (Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg, TreptowKöpenick) sowie in Direktion 3 (Mitte) und 4 (Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf).
Etwa 2 % der unter 21-jährigen Tatverdächtigen sind Mehrfachtäter/innen.
Das Ziel des polizeilichen Intensivtäterprogramms besteht darin, eine mögliche „kriminelle
Karriere“ frühzeitig zu verhindern. Dabei werden Intensiv-, Schwellen- und Kiezorientierte
Mehrfachtäter/innen unterschieden.
Die Zahl der Intensiv- und Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen ist rückläufig, nicht aber
die der Schwellentäter/innen.

Der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund bzw. der Jugendlichen ohne deutschen Pass ist bei den Intensiv- und Schwellentäter/innen deutlich erhöht.
Die herkunftsbezogene Zusammensetzung der Kiezorientierten Mehrfachtäter/innen
entspricht hingegen stärker der der Wohnbevölkerung.
Die Zahl der Intensivtäter/innen ist in den Direktionen 2 (Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf) und 5 (Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln) besonders hoch, die der Kiezorientierten
Mehrfachtäter/innen in Direktion 6 (Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg, Treptow-Köpenick).

2. JUGENDGEWALT IN BERLIN

Kiezorientierte Mehrfachtäter/innen sind überwiegend Jugendliche, Intensiv- und Schwellen­
täter/innen überwiegend Heranwachsende.

021

3. Polizeiliche Jugendgewaltprävention in Berlin

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, arbeitet die Polizei Berlin im gewaltpräventiven Feld
eng mit verschiedenen Akteuren innerhalb und außerhalb der eigenen Behörde zusammen. Was
im angelsächsischen Raum und in der Literatur oft unter dem Begriff des Community Policing
gefasst wird, nämlich eine vermehrt bürger- oder gemeinwesenorientierte Ausrichtung der
­Polizeiarbeit, findet auch Anwendung in Berlin.
Berlinweite und lokale
Die Polizei verfügt dazu über ein behördenweites Präventionskonzept, das die PrävenKonzepte zur
tionsarbeit auf der Ebene des LKA – Zentralstelle für Prävention, der Ebene der sechs
Prävention von
Berliner Polizeidirektionen bis hin zu den im Sozialraum tätigen Präventionsteams der
Jugendgewalt
einzelnen Abschnitte regelt (Der Polizeipräsident 2018 c). Die Präventionsbeauftragten
der Abschnitte halten Kontakt zu den Akteuren vor Ort, führen Beratungsgespräche und setzen
Veranstaltungen zur vorbeugenden Kriminalitätsbekämpfung um. Sie sind damit in besonderem Maße für die Außenwirkung der polizeilichen Prävention im Sozialraum verantwortlich.
Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Zusammenarbeit mit Schulen, z. B. im Rahmen von Kooperationsverträgen, Anti-Gewalt-Veranstaltungen und anderen Präventionsprojekten. Die Bildung
eines Präventionsnetzwerks und die Zusammenarbeit mit anderen Präventionsstellen, -projekten und -einrichtungen ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt. Auf der Ebene der Direktionen
­arbeiten außerdem die Jugendbeauftragten, die als Koordinations- und Kontaktpersonen zu
den Institutionen der Jugendhilfe, des Jugendschutzes, der Jugendstaatsanwaltschaft, der
­Jugendgerichtsbarkeit sowie zu den Schulen und weiteren Akteuren fungieren.

Sowohl auf zentraler als auch auf lokaler Ebene ist die Polizei Berlin in eine Vielzahl von Projekten und Maßnahmen gewaltpräventiver Art involviert, die sich auf die Bereiche Kindertagesstätte und Schule, auf Jugendämter, religiöse Gemeinden, Sport und Kultur beziehen. Einige
dieser Projekte werden im Folgenden kurz vorgestellt.

3.1 ARBEIT MIT KINDERN UND JUGENDLICHEN
Für die Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen setzt die Polizei Berlin auf verschiedene
Formate. So gibt es langfristige und eher strukturell ausgerichtete Kooperationsbeziehungen,
einmalig umgesetzte Kurse aus dem Portfolio der diversen Veranstaltungsreihen – vor allem im
primärpräventiven Bereich – sowie lang- und mittelfristige Jugendprojekte, die häufig in Zusammenarbeit mit Trägern der Jugendhilfe umgesetzt werden.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

Der polizeiliche Auftrag umfasst allgemein die Bereiche der Strafverfolgung, der Gefahren­
abwehr und der Vorbeugung (Prävention). Im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen
und Heranwachsenden besitzt gerade der präventive Aspekt einen besonders hohen Stellenwert. Dieser ist, wie eingangs beschrieben, in den Dienstvorschriften der polizeilichen Arbeit
verankert. Die entsprechende Polizeidienstvorschrift 382 „Bearbeitung von J­ ugendsachen“ enthält Mindeststandards der polizeilichen Jugendarbeit und hebt, wie bereits erwähnt, den Grundsatz „Prävention geht vor Repression“ besonders hervor (Kühnel 2015, 331).

022

Kooperationsvereinbarungen der Polizei bestehen seit Jahren zu vielen Schulen, aber
auch zu einigen Jugendämtern. Sie wurden zur Verbesserung der Zusammenarbeit im
Bereich der Gewaltprävention geschlossen und werden weiterhin gepflegt. Neben einer
soliden Ausgangsbasis für die regelmäßige Durchführung von Veranstaltungen an der
Schule entfalten diese Kooperationen aber auch symbolischen Charakter: Für Eltern,
Schüler/innen und das Kollegium wird dadurch unterstrichen, dass sich Schule und Polizei gemeinsam gegen Jugendgewalt engagieren. Da sich Polizeibeamt/innen und schulische Akteure
in der Regel gut kennen, ermöglicht diese Vernetzung zudem im Falle von Gewaltvorkommnissen eine schnelle und passgenaue Reaktion. Einer zurückliegenden Erhebung zufolge bestehen
berlinweit insgesamt 190 solcher Kooperationen, was einem Anteil von rund 21 % der Schulen
entspricht (Bergert et al. 2015b, 67). In Neukölln sind es sogar mehr als 70 % der Schulen, die
auf diese Weise mit der Polizei zusammenarbeiten. In den Bezirken Mitte und Marzahn-Hellersdorf, die ebenfalls eine höhere Gewaltbelastung an Schulen aufweisen, finden sich mit über
30 % der Schulen ebenfalls viele Kooperationsvereinbarungen. Das Ziel des Programms, nämlich eine intensivierte Zusammenarbeit von Polizei und Schule, wurde laut einer Evaluations­
studie erreicht (Kleiber et al. 2014).
Zum Umgang mit Aggression und Gewalt bietet die Polizei auch Informationsveranstaltungen, Seminare und Beratungen für Lehrer/innen und Erzieher/innen in ganz
Berlin an. Diese Angebote werden von der Zentralstelle für Prävention beim Landes­
kriminalamt organisiert. Inhaltlich geht es dabei zum Beispiel um Strategien deeskalierenden
und gewaltfreien Verhaltens in Krisen- und Bedrohungssituationen. Die verantwortlichen Lehrer/innen und Erzieher/innen können sich auch im Hinblick auf Anregungen für die schul­
internen Krisenteams an die Polizei wenden.

Unterstützung
für pädagogische
Fachkräfte

Natursports / Shutterstock.com

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Kooperationsvereinbarungen zwischen Polizei
und Schule – gemeinsam
für bessere
Gewaltprävention

Mit den Anti-Gewalt-Veranstaltungen in Schulen verfolgt die Polizei in Berlin einen universellen,
primärpräventiven Ansatz, bei dem durch eine Kombination aus Wissensvermittlung und Verhaltenstraining der Entstehung gewalttätigen und delinquenten Verhaltens bei Kindern und
Jugendlichen vorgebeugt werden soll. Die Anti-Gewalt-Veranstaltungen werden meist von den
Präventionsbeauftragten der Abschnitte an den Schulen umgesetzt, können aber auch über die
Direktionen realisiert werden. Sie werden als Unterrichtseinheiten in den laufenden Schul­

023
betrieb integriert. Die Veranstaltungen beschäftigen sich mit typischen Fragen der Altersklasse:
Was gehört zu Gewalt, wo fängt Gewalt an? Wie werden jugendtypische Übertretungen aus
polizeilicher Sicht bewertet? Welche Rechtsfolgen ziehen Straftaten nach sich? Wie kann man
sich schützen? Vermittelt werden Information über Verfahrensabläufe bei Polizei und Justiz,
ganz wesentlich ist aber die Unterstützung der Schüler/innen bei der Einübung von Handlungsmustern zur Vermeidung von Gewalt und Eskalation. Außerdem umfassen sie Übungen zum
Verhalten in Gewaltsituationen. Abgedeckte Themen sind unter anderem:
• Mobbing/Cybermobbing,
• Internetkriminalität,
• Zivilcourage,

Die von der Polizei konzipierten Präventionsveranstaltungen, die nicht nur an Schulen, sondern – in geringerem Umfang – auch an Kindertagesstätten und in Jugendeinrichtungen Berlins
angeboten werden, zählen nach wie vor zu den gefragtesten Maßnahmen in diesem Feld. Allein
an den Berliner Schulen wurden im Jahr 2016 1.481 Anti-Gewalt-Veranstaltungen umgesetzt.
Besonders etabliert sind die Veranstaltungen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf (258), aber auch im
stärker von Jugendgewalt betroffenen Bezirk Neukölln wurden vergleichsweise viele Veranstaltungen umgesetzt (200). In den Schulen der Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, TreptowKöpenick und Lichtenberg sind die Anti-Gewalt-Veranstaltungen der Polizei weniger präsent
(unter 100, alle Angaben bezogen auf 2016). In einzelnen Regionen ist die Nachfrage höher als
das Angebot, sodass für die Schulen Wartezeiten entstehen. Die Anti-Gewalt-Veranstaltungen
haben aus Sicht von Expert/innen der polizeilichen Prävention eine wichtige Funktion: Sie stärken die Kooperationsbeziehungen zwischen der Schule und der Polizei.
Evaluationsergebnisse belegen darüber hinaus die Wirksamkeit einzelner polizeilicher Angebote
auf die Schüler/innen, zeigen aber auch deren Grenzen. Die Anti-Gewalt-Veranstaltungen der
Polizei Berlin wirken dem geringen Anzeigenverhalten punktuell entgegen. So zeigte sich bei
den Schüler/innen, die an einem Training mit Auffrischungsstunde teilgenommen hatten, eine
positivere Einstellung gegenüber der Polizei und eine erhöhte Anzeigebereitschaft (Kleiber et al.
2014, 46 und 53). Die AGVen führten bei den Schüler/innen zudem zu einem Zuwachs an Wissen
(z. B. zum Jugendstrafrecht) und Kompetenzen (z. B. im Umgang mit Provokationen; Kleiber et
al. 2014, 110). Die Teilnehmer/innen stimmten gewaltfördernden Männlichkeitsnormen weniger stark zu (Kleiber et al. 2014, 57). Die Wirkungen der AGVen fielen stärker aus, wenn eine
zusätzliche Auffrischungsstunde angeboten wurde (Kleiber et al. 2014, 110). Die Evaluation legt
außerdem nahe, dass die AGVen gerade für „problematische“ Klassen – also Klassen mit schwächeren Ausgangswerten – Erfolge erzielen. Empfehlenswert ist demnach, dass AGVen mit einer
Auffrischungsstunde verknüpft werden, oder allgemeiner gesprochen, dass Präventionsbeauftragte die Schulklassen wiederholt besuchen. Die AGVen zeigen hingegen keine Wirkung auf die
Aggressionsbereitschaft oder Empathie für Opfer. Die Evaluation kommt somit zu dem Schluss,
dass die Teilnehmer/innen am stärksten in den Bereichen des Wissens- und Kompetenzerwerbs
profitieren. Insgesamt bestätigt die Evaluation, dass es gelingt, bei den teilnehmenden Schüler/
innen kurzfristige Effekte zu erzielen. Entwicklungsbedarf des Programms besteht allerdings
bezüglich einer längerfristigen Stabilisierung der Wirkungen (Kleiber et al. 2014, 4). Polizeiliche
Präventionsveranstaltungen sollten, gerade weil sie nur einen gewissen Bereich gewaltpräventiver Arbeit abdecken, eng mit schulischen Präventionsangeboten verknüpft werden.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

• Drogen und Gewalt.

024

Speziell für jüngere Zielgruppen wird das Angebot durch kindgerechtes Bildungs- und
Informationsmaterial unterstützt. Als prominentestes Aushängeschild der Polizei kümmert sich der Präventionsbär Brummi um die Fragen der Kinder. Außerdem gibt es ein
Hörbuch zum Thema Gewaltschutz oder das Präventionsspiel „Einfach und sicher: Durch den
Tag mit Lilly und Mo“. Hier werden Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren spielerisch an das
Thema Schutz vor Gewalt herangeführt. Auch heikle Themen wie die Prävention von sexuellem
Missbrauch werden mit theaterpädagogischen Mitteln kindgerecht bearbeitet.

Aufklärung und
Prävention für Kinder

Das Projekt „Brummi, der Präventionsbär“ ist als Verhaltenstraining angelegt, welches
Kinder für den Umgang mit bedrohlichen Situationen sensibilisieren und stärken will.
Zentrale Themen des Trainings sind Gewalt, gute und schlechte Geheimnisse, Selbstvertrauen und Körpersprache, Nein-Sagen, Hilfeholen und das Alarmgefühl. Diese werden kindgerecht aufbereitet und spielerisch vermittelt.

Foto: Polizei Berlin

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Brummi, der
Präventionsbär
der Polizei Berlin

Das Projekt verdankt seinen Namen der 1,30 Meter großen Klappmaulpuppe Brummi. Eine
­Mischung aus Puppenspiel, Methoden des klassischen Verhaltenstrainings und Musik soll ermöglichen, dass ein sehr großer Teil der vermittelten Inhalte auch nach längerer Zeit noch abruf- und anwendbar ist. Die ähnlich einer Bauchrednerpuppe eingesetzte Figur wird im Rahmen
von Rollenspielen mit gefährlichen Situationen konfrontiert. Vor den Kindern, die aktiv einbezogen werden, berichtet Brummi einem Polizeibeamten aus seinem Leben und von Situationen,
die ihm ein ungutes Gefühl gemacht haben. Gemeinsam werden diese Situationen ­besprochen
und gute Reaktionen trainiert.
Das Projekt ist im Jahr 2010 mit dem Berliner Präventionspreis ausgezeichnet worden. Die
­Methode „Puppenspiel“ bezeichnet die Polizei als „nachgewiesenermaßen eine der effektivsten
in der Kriminal- und Verkehrsprävention“.
Das Präventionsspiel der Polizei Berlin verfolgt das Ziel, Kinder zwischen zehn und
zwölf Jahren durch aktive Mitwirkung spielerisch an das Thema Gewaltprävention
heranzuführen. Im Spielverlauf werden Gewaltsituationen und der angemessene
­
­Umgang damit geübt und Antworten auf knifflige Fragen gefunden. Das Spiel behandelt den
Umgang mit Gewalt in verschiedenen Situationen: auf dem Schulweg, in der Schule, der Freizeit
oder zu Hause. Ausgeführt wird das Programm durch ein eigens angefertigtes, rund vier Quadratmeter großes Spielfeld in der Art eines Aktionsbrettspiels. Bedrohliche Situationen (Beleidigungen,
Bedrohungen, Mobbing, „Abziehen“) in unterschiedlichen sozialen Räumen werden durch Ereigniskarten dargestellt und von den Kindern nachgespielt. Anschließend werden passende Lösungsoptionen gemeinsam mit den P
­ olizist/innen entwickelt und von den Kindern durchgespielt.

„Einfach und sicher:
Durch den Tag
mit Lilly & Mo“

025
Das pädagogisch angelegte Theaterstück „(K)ein Kinderspiel“ sensibilisiert Kinder und
„(K)ein Kinderspiel –
Ein Präventionstheater
Erwachsene für sexualisierte Gewalt, trainiert ihre emotionale S­ icherheit und ermutigt
der Polizei Berlin gegen
sie zu selbstbewussten Reaktionen. Es ermöglicht den Kindern, sexualisierte Übergriffe
sexuellen Missbrauch
von Kindern“
in realen, alltäglichen Situationen wahr­zunehmen, spielerisch Lösungswege zu thematisieren und sich zu wehren. Es geht darum, den Kindern Mut zu machen und ihnen zu
vermitteln, auf ihr Bauch­gefühl zu achten. Besonders wichtig in diesem Kontext ist die Fähigkeit, Nein zu sagen, sobald sie sich bedrängt fühlen.

Die ebenfalls angebotenen Themenbezogenen Informations-Veranstaltungen umfassen zwar ein recht weiteres Spektrum der allgemeinen Kriminalprävention, behandeln
neben Fragen zu Sicherheit und Opferschutz aber ebenso den Umgang mit Konflikten,
Gewalt oder Mobbing/Cybermobbing. Unter dem Titel „Messer machen Mörder“ befasst sich eine dieser Veranstaltungen mit der eskalationssteigernden Wirkung von
Waffen und trainiert Auswege aus der Gewaltspirale.

Schutz und Prävention:
Themenbezogene
Informations-Veranstaltungen (TIV)

„Messer machen Mörder“
Die Gewaltpräventionsmaßnahme „Messer machen Mörder“ wird seit Herbst 2014 von
der Polizei Berlin angeboten. Zielgruppen sind Berliner Schulklassen der 7. bis 10. Klasse,
die bereits an den allgemeinen Anti-Gewalt-Veranstaltungen der Polizei Berlin teilgenommen haben. Die Veranstaltungen werden durch Pädagog/innen angefragt, die in den jeweiligen Schulklassen einen Bedarf an Auseinandersetzung mit dem Thema Messergewalt
sehen. Ziel der Veranstaltung ist es, das Bewusstsein der Schüler/innen dafür zu stärken,
dass das Mitführen eines ­Messers der eigenen Sicherheit nicht nützt, sondern eher das
Eskalationspotenzial eines Konflikts auf ein lebensbedrohliches Niveau heben kann.
­Außerdem sollen sie die oft schwerwiegenden medizinischen Konsequenzen eines Messerstichs kennenlernen und schließlich auf das Mitführen eines Messers verzichten.
Die Erfahrungen mit der Veranstaltung sind überwiegend positiv, wie die Ergebnisse der
Evaluation zeigen (Bartsch 2016, 25ff.). Jungen wie Mädchen zeigen großes Interesse am
Thema, viele der teilnehmenden Schüler/innen haben selbst einen Bezug zur Messer­gewalt.
Die Sensibilisierung für Risiken und Konsequenzen, insbesondere auch für dauerhafte gesundheitliche Schäden durch Messergewalt, werden bei den meisten Teilnehmenden erreicht. Infolge der Veranstaltung konnten diejenigen, die möglicherweise schon vorher weniger überzeugt waren, davon abgebracht werden, ein Messer mit sich zu führen. Andererseits
konnte bei Schüler/innen, die vorher oft ein Messer mitgeführt haben, keine messbare Verhaltensänderung erlangt werden. Kritisch anzumerken ist, dass einige Teilnehmende durch
das Wissen über die schweren Folgen von Messerverletzungen verunsichert wurden und nun
das Bedürfnis verspüren, sich besser zu schützen, auch durch andere Waffen. Die TIV „Messer
machen Mörder“ kann somit insgesamt als wirksam beschrieben werden. So lässt sich insbesondere ein Wissenszuwachs feststellen. In geringerem Maße sind Veränderungen auf der
Einstellungsebene zu beobachten.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

Das Stück zeigt Situationen, in denen Kinder auf einen Erwachsenen treffen, der in ihnen ein
mulmiges Gefühl auslöst. In diesen Momenten wird die Handlung gestoppt und gemeinsam mit
den Kindern im Publikum wird erarbeitet, was an dieser Szene ungewöhnlich ist und wie sich
das Alarmgefühl im Bauch bemerkbar macht. Anschließend werden Tipps gegeben, wie man
sich in solchen Situationen am besten verhalten sollte. Im Vorfeld der Aufführung findet immer
ein Elternabend statt. Das Stück wurde mit Unterstützung des Grips-Theaters von Mitarbeiter/innen der Polizei Berlin entwickelt und wird von ihnen gemeinsam mit älteren Kindern auf­
geführt.

026

Verhaltensänderungen sind eher bei denjenigen zu erreichen, die zuvor selten ein Messer
mitgeführt haben, nicht bei der kleinen Gruppe derjenigen, die zuvor oft eines bei sich
trugen (Bartsch 2016, 38). Die Evaluation kommt daher zu dem Schluss, dass die TIV weiterhin angeboten werden und um eine stärkere Schwerpunktsetzung auf die Erarbeitung
gewalt- und waffenfreier Handlungsoptionen ergänzt werden sollte.

Die Präventionsarbeit der Polizei Berlin ist keineswegs nur auf Schulen beschränkt, in
vielen Fällen werden zusätzlich Träger der Jugendhilfe ins Boot geholt, um ein vielfältiges
und interessantes Angebot an Präventionsprojekten zu gewährleisten. Auf diese Weise werden
unter anderem ganze Projekttage unter das Motto Prävention gestellt oder Schülerbegegnungsprojekte unterstützt, bei denen Schüler/innen verschiedener Stadtteile miteinander in
Kontakt kommen. Ein weiteres Beispiel ist das prämierte Konzept von „‚Nein‘ zu Gewalt – egal wo!“.

Kooperationsprojekte
mit freien Trägern

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

„‚Nein‘ zu Gewalt – egal wo!“
Die Polizeidirektion 6 bietet in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und TreptowKöpenick für Schüler/innen der 7. bis 9. Klasse im Rahmen von Projekttagen verschiedene
gewaltpräventive Workshops an. Das Themenspektrum dieser Veranstaltungen ist weit
gefasst und umfasst u. a.
•
•
•
•
•

sexuelle Selbstbestimmung,
Medienkompetenz, Gefahren im Internet und sozialen Netzwerken,
Suchtprophylaxe – insbesondere zum Konsum von Alkohol und Drogen –,
Kinderrechte und häusliche Gewalt sowie
sicheres Auftreten und Kommunikationstraining.

Das Projekt zielt darauf ab, sowohl Schüler/innen als auch Lehrer/innen mit verschiedenen
Hilfs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten in Berlin bekannt zu machen. Zudem
sollen bestimmte, für die Klasse besonders relevante Themen auch durch die Lehrer/innen nach dem Ende der Projektwoche weiterverfolgt werden.
Annahme des Projekts ist, dass Schule und Elternhaus nicht immer der Ort sind, an dem
Kinder und Jugendliche dringende Probleme offenbaren und besprechen, und dass es
sinnvoll sein kann, sie mit verschiedenen Hilfs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten
bekannt zu machen, die sie auch ohne das Wissen der Eltern und Lehrer/innen in A
­ nspruch
nehmen können. Dementsprechend werden die einzelnen Workshops durch Fachleute aus
unterschiedlichen Institutionen, Einrichtungen und Beratungsstellen in Abstimmung mit
der Polizeidirektion 6 konzipiert und durchgeführt. Seit dem Beginn haben mehrere hundert Schulklassen daran teilgenommen. Für diese jahrelange erfolgreiche Arbeit wurde
das Präventionsprojekt von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt im November
2013 beim Berliner Präventionstag mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Das Projekt
wurde durch die Arbeitsstelle Jugendgewalt­prävention evaluiert.

­ usammenfassend wird deutlich, dass sich die Polizei mit vielfältigen Angeboten zur GewaltZ
prävention in Berlin positioniert und dabei eng mit verschiedenen Bildungseinrichtungen
­kooperiert.

027
3.2 KOOPERATION UND GESTALTUNG DER SCHNITTSTELLEN

Für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die durch Gewalttaten auffallen, gibt es eine ganze
Kette von Maßnahmen, mit dem übergreifenden Ziel, ihnen sowohl grenzsetzend bzw. sanktionierend als auch präventiv und unterstützend zu begegnen. Eine wichtige Herausforderung ist,
wie eingangs erwähnt, die Gestaltung der Schnittstellen zwischen den einzelnen Maßnahmen,
aber auch zwischen den beteiligten Institutionen Polizei, Jugendhilfe, Schule und Justiz. Die
Gestaltung der Schnittstellen wird in Berlin durch verschiedene Gremien geleistet. Hierzu zählt
die „Ressortübergreifende Arbeitsgruppe Kinder- und Jugenddelinquenz“ unter Federführung
der für Jugend zuständigen Senatsverwaltung, die auf einer übergeordneten Ebene der Verwaltungen arbeitet. Die „Clearingstelle – Netzwerke zur Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz“ unterstützt die Kooperation der Berufsgruppen auf der Ebene der Mitarbeiter/innen. In
vielen Bezirken haben sich zudem Präventionsräte und andere Formate des Austauschs
­zwischen den beteiligten Berufsgruppen etabliert.
Eine solche Abstimmung zwischen sozialpädagogischen und polizeilichen Maßnahmen ist besonders dann geboten, wenn aufgrund familiärer, sozialer oder sonstiger Benachteiligungen
der jugendlichen Verursacher/innen ein Abrutschen in eine „kriminelle Karriere“ befürchtet
wird. Sowohl die polizeiliche Intervention und Strafverfolgung als auch die durch pädagogische
Kräfte angebotenen oder vermittelten präventiven Hilfsangebote sind nötig, um diese jugend­
liche Täter/innen auf dem Weg zu einem straffreien Leben zu unterstützen.

Kooperation Jugendhilfe
Die polizeiliche Kooperation mit den Institutionen der Jugendhilfe stellt ein Querschnittsthema dar, das sowohl die Prävention im öffentlichem Raum als auch den Umgang mit
delinquenten Kindern und Jugendlichen betrifft.

3.3 PRÄVENTION IM ÖFFENTLICHEN RAUM
Kriminalität im öffentlichen Raum kommt eine besondere Rolle in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu. Das gilt insbesondere für stark frequentierte Orte wie Ausgehviertel oder zentrale
Knotenpunkte des öffentlichen Nahverkehrs. Es gilt auch für lokale Treffpunkte Jugendlicher
und junger Erwachsener, beispielsweise in oder vor Einkaufzentren. Das Auftreten von Gewaltdelikten an solchen Orten kann sich in besonderem Maße abträglich auf das Sicherheitsgefühl
der Bevölkerung auswirken. Das Entstehen sogenannter Angsträume kann eine Folge sein. Unsicherheits- und Bedrohungsgefühle sind allerdings immer subjektiv und unterscheiden sich
daher deutlich zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.
Präventionsarbeit im öffentlichen Raum stellt eine wichtige Maßnahme zur Eindämmung von
Kriminalität dar und ist grundsätzlich eine zentrale polizeiliche Aufgabe. Dabei setzt die Polizei
Berlin zielgerichtete Maßnahmen besonders an hochfrequentierten Orten Berlins um, die als
kriminalitätsbelastete Orte (kbO) gelten. Das sind Orte, an denen von der Polizei besonders
viele Delikte festgestellt werden. Hierzu zählen neben Gewalttaten auch Taschendiebstähle sowie Delikte aus dem Bereich der Drogenkriminalität. Dabei ist zu berücksichtigen, dass durch
ein hohes Maß an polizeilicher Kontrolle auch die Zahl der erfassten Delikte steigen kann.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

„Sozialarbeit und Polizei kommen mit unterschiedlichen Befugnissen und Kompetenzen
und meist zu verschiedenen Zeiten mit dem gleichen Personenkreis in Kontakt. Die
­Probleme, die sich den beiden Berufsgruppen dort präsentieren, haben verschiedene
Gesichter, aber die gleichen Hintergründe und Ursachen.“ (Feltes 2010, 30)

028

„Kurve kriegen“

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Das Projekt „Kurve kriegen“, das eine besonders enge, auch institutionell festgelegte Zusammenarbeit von Polizei und Sozialarbeit gewährleistet, wird seit 2011 in Nordrhein-Westfalen umgesetzt. Der Fokus liegt hierbei auf Kindern und Jugendlichen im Alter
von 8 bis 15 Jahren, die durch eine oder mehr Gewalttaten oder mehrere schwere Eigentumsdelikte auffallen und deren Lebensumstände durch besondere Risikofaktoren belastet sind. Die Teilnahme ist freiwillig und setzt eine Einverständniserklärung gegenüber
Polizei und pädagogischer Fachkraft voraus. Es findet ein Risikoscreening durch die Polizei und durch die pädagogische Fachkraft statt.
Darauf aufbauend setzt die pädagogische Fachkraft einzelfallbezogene Unterstützungsangebote mit dem Kind bzw. dem/der Jugendlichen, der Familie und dem Umfeld um. Das
Konzept sieht vor, dass die von freien Trägern beschäftigten Sozialpädagog/innen bei der
Bearbeitung von Fällen mit auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen durch einen
eigenen Arbeitsplatz innerhalb der Polizeidienststellen eine enge Kooperation mit einem
festen Beamten/einer festen Beamtin aufrechterhalten. Somit sollen eine engmaschige
Betreuung und eine effektive Kommunikation sichergestellt werden. Diese enge Anbindung von Sozialarbeiter/innen an die Polizeidienststellen unterscheidet das Projekt von
bisherigen Kooperationsmodellen.
Die Evaluation bescheinigte dem Projekt eine „hoch ausgeprägte Vielfalt bei den eingesetzten Maßnahmen“. Die am Projekt beteiligten Fachkräfte bewerten die Maßnahmen
gemessen an den jeweiligen Bedarfen überwiegend positiv (Bartsch et al. 2013, 140).
­Darüber hinaus wurde die PROGNOS AG mit einer Kosten-Nutzen-Analyse beauftragt.
­Gemessen an den sozialen Folgekosten, die Intensivtäter/innen durchschnittlich bis zum
25. Lebensjahr verursachen, wird die Kosten-Nutzen-Relation von „Kurve kriegen“ positiv
bewertet (Hölterhoff et al. 2016). Die Grüne Liste Prävention bewertet die Wirksamkeit
des Projektes als wahrscheinlich. Kritisch wird diskutiert, inwiefern für Jugendliche und
Familien die Grenze zwischen Sozialarbeit und Polizeiarbeit erkennbar bleibt und ob
die hochgradig enge Kooperation einen Vertrauensverlust gegenüber anderen Sozial­
arbeiter/innen Vorschub leisten kann. Die Einführung eines ähnlichen Modells für Berlin
wird diskutiert.

Polizeiliche Präventionskonzepte im öffentlichen Raum zielen vor allem auf die Verbesserung des
Sicherheitsgefühls der Bevölkerung durch Präsenz und Ansprechbarkeit der Polizei. Mit dieser
Zielsetzung nahmen mit Beginn der zweiten Jahreshälfte 2018 fünf neu eingerichtete mobile
­Wachen an kriminalitätsbelasteten Orten in Berlin ihre Arbeit auf. Mit diesen beweglichen Stützpunkten wird angestrebt, schnell auf sich wandelnde Kriminalitätslagen reagieren zu können, indem die Einsatzorte der Wachen den neuen Anforderungen entsprechend angepasst werden.
Darüber hinaus werden weitere Maßnahmen umgesetzt, die von der Polizei Berlin aufgrund
rückläufiger Entwicklung der Fallzahlen positiv bewertet werden und fortgesetzt werden sollen.
Hierzu zählt die Intensivierung der Polizeistreifen an kriminalitätsbelasteten Orten, wobei auch
die öffentlichen Verkehrsmittel in die Routen miteinbezogen werden. So wird seit Ende 2016 der
Streckenabschnitt von der Warschauer Brücke bis zum Kottbusser Tor mit uniformierten Streifen abgefahren. Teil der Arbeit ist dabei auch die Begehung der Bahnhöfe auf der Strecke. Weitere Maßnahmen zur Prävention im öffentlichen Raum sind z. B. die sichtbare Polizeipräsenz
mit einer Warnweste, die offensive Durchführung von Personenkontrollen auf der Grundlage
des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG), der probeweise Einsatz eines
­mobilen Videoanhängers an der Warschauer Brücke und am Kottbusser Tor sowie die ortsbezogene Netzwerk- und Präventionsarbeit (Abgeordnetenhaus Berlin 2018b).

029
Die Polizei Berlin arbeitet insofern mit einem vielfältigen Spektrum an Kooperationspartnern
zusammen, zu dem beispielsweise die Bundespolizei, die Verkehrsbetriebe, die Clubcommission
Berlin e. V., Lokal- und Clubbetreiber, Hostels, Bezirke, Streetwork und Jugendsozialarbeit ge­
hören. Das Projekt „Feiern in Berlin – aber sicher“, eine Zusammenarbeit zwischen der Polizei
Berlin und der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft im Jahr 2017, beschäftigte sich mit Kommunikationsstrategien zur Kriminalitätsprävention im öffentlichen Raum.
Zielgruppe waren u. a. feiernde Tourist/innen und Einheimische. Ziel solcher Projekte ist es,
potentielle Opfer und Zeug/innen zu sensibilisieren, Tatgelegenheiten zu vermindern, Risikofaktoren zu beschränken und die Kommunikation der Akteure zu verbessern. Eine solche
­Zusammenarbeit ist grundsätzlich als zielführend und bedarfsgerecht einzuschätzen, stößt
aber auch an gewisse Grenzen. So wurden beispielsweise Informations-Flyer der Polizei für die
Berliner Clubszene vonseiten der Clubs nur wenig genutzt.
Präventive Netzwerkarbeit leistet die Polizei Berlin zudem in Gebieten mit hoher sozialer
­Benachteiligung und Gewaltbelastung. Herausragende Beispiele sind etwa das Netzwerk „Rollbergviertel: Polizei und Kiez – kein Problem! Präventionsarbeit in einem funktionierenden Netzwerk“, das 2004 den Berliner Präventionspreis erhielt, oder „Stopp Tokat“, eine Netzwerkinitiative der Polizei Berlin gegen Raub und Gewalt in Kreuzberg. Dieses Projekt wurde im Jahr 2008
ebenfalls mit dem Präventionspreis ausgezeichnet. In einigen gewaltpräventiven Projekten
­arbeitet die Polizei auch im direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen zusammen mit der
Jugendhilfe. Hierzu zählen z. B. Theaterinszenierungen zum Thema Zivilcourage im Rahmen
des Projektes „Stärkung und Kooperation von Jugendhilfe und Polizei zur Gewaltprävention im

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

Heiko Kueverling / Shutterstock.com

Neben der Verstärkung der Polizeipräsenz im öffentlichen Raum bildet die Mitarbeit in und
die Initiierung von Netzwerken mit lokalen Akteuren einen zentralen Bereich der polizeilichen
Präventionsarbeit im öffentlichen Raum. Zielsetzung der Netzwerkarbeit ist es, ein Vertrauens­
verhältnis aufzubauen, einen frühzeitigen Austausch über problematische Entwicklungen vor
Ort zu ermöglichen und sich über gegenseitige präventive Aktivitäten auszutauschen. Gerade
bei der Entwicklung von Präventionskonzepten für hochfrequentierte gewaltbelastete Räume
spielt die Kooperation der Polizei Berlin mit weiteren Akteuren eine wichtige Rolle. Sie kann
hier auf Erfahrungen mit lokalen Kooperationsbeziehungen zurückgreifen, die etwa zur Be­
friedung des Ersten Mai in Kreuzberg beigetragen haben. Relevant sind daher sowohl l­okale
Präventionskonzepte als auch berlinweite Kooperationen.

030

Soldiner Kiez“ des Trägers Kiezbezogener Netzwerkaufbau (KbNa e. V.), das im Orteilsteil
­Gesundbrunnen des Bezirks Mitte umgesetzt wird.
Darüber hinaus ist die Polizei Berlin Kooperationspartner in gewaltpräventiven Projekten. Hierzu zählt insbesondere das Konfliktlotsenprojekt „Bleib Cool am Pool“. Die Polizei arbeitet hier
gemeinsam mit den Berliner Bäderbetrieben und der Gesellschaft für Sport und Jugendsozial­
arbeit zusammen, um Konflikte in Freibädern der Stadt zu schlichten. Dieses Projekt agiert im
öffentlichen Raum der Berliner Freibäder. Es setzt damit einen Schwerpunkt auf Orte, die von
Kindern und Jugendlichen – gerade in den Sommermonaten – stark frequentiert werden, und
beugt hier gezielt dem Entstehen und der Eskalation von Konflikten vor.

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

„Bleib cool am Pool“
„Bleib Cool am Pool“ ist ein gewaltpräventives Konfliktlotsenprojekt, das seit 2011 in Trägerschaft der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit (GSJ) in ausgewählten Berliner Freibädern umgesetzt wird. Jugendliche und Erwachsene unterschiedlichen Alters
und unterschiedlicher Herkunft werden zu Konfliktlots/innen ausgebildet, die während
der Badesaison in den Freibädern eingesetzt werden: Sie stehen als Ansprechpartner/innen zur Verfügung, bieten Hilfestellung in unterschiedlichen Situationen an und sind angehalten, sich anbahnende Konfliktsituationen frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen,
um Eskalationen zu vermeiden. „Bleib Cool am Pool“ baut somit auf dem Peer-Ansatz auf.
Das zentrale Leitziel des Projekts ist eine Beruhigung der Situation im Bad, um den Besucher/innen ein entspanntes und weitgehend konfliktfreies Badeerlebnis zu ermöglichen.
Die Evaluation, die am Sommerbad Neukölln am Columbiadamm durchgeführt wurde,
zeigt positive Resultate in folgenden Punkten: Die Arbeit der Konfliktlots/innen wird von
den Badegästen fast ausnahmslos als wichtig, sinnvoll und unterstützend angesehen. Die
teilnehmenden Jugendlichen selbst durchlaufen persönliche Lernprozesse und sind überzeugt von ihrer Arbeit. Bestätigt werden kann zudem, dass der Einsatz von qualifizierten
Peers, die den Lebenswelten der Badegäste nahestehen, Konflikte im Vorfeld entschärft
und somit Gewaltvorfälle und Eskalationen verhindert. Kritikpunkte zeigen sich darin,
dass die Seriosität bei den Konfliktlots/innen bisweilen bemängelt wird. Gleichzeitig gibt
es Probleme in Bezug auf die Akquise von „neuen“ Jugendlichen, ihre Bindung an das
Projekt und die Kontinuität der Arbeit (Lüter/Behn 2015).

Die Polizei Berlin ist somit auch im Handlungsfeld Sport präventiv tätig. Ein seit mehr als­
20 Jahren laufendes gemeinsames Projekt der Polizei Berlin, der Senatsverwaltung für Bildung,
Jugend und Familie, der Senatsverwaltung für Inneres und Sport und der Sportjugend Berlin ist
„KICK – Sport gegen Jugenddelinquenz“. An den über das Stadtgebiet verteilten Standorten wird
gefährdeten Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitgestaltung angeboten und sie werden langfristig in Sportvereine vermittelt. Gemeinsam mit den Jugendlichen wird der Hilfebedarf ermittelt,
um zielgerichtet intervenieren zu können. KICK richtet sich auch an straffällige Jugendliche, die
von der Polizei auf freiwilliger Basis vermittelt werden. Die Angebote von KICK stehen aber auch
anderen Interessierten offen.
Die Polizei Berlin ist zudem Mitglied im Örtlichen Ausschuss für Sport und Sicherheit (ÖASS) als
zentralem Vernetzungsgremium an der Schnittstelle von Sport und Sicherheit, an dem sich beispielsweise auch die Berliner Fanprojekte beteiligen.

031
3.4 POLIZEI UND OPFERSCHUTZ

Opferschutz in der
Die Thematik Opferschutz wurde mit mehreren Modulen seit 2017 fest in der AusbilPolizeiausbildung der
dung von Polizeibeamt/innen des mittleren Vollzugsdienstes an der Berliner PolizeiPolizeiakademie
akademie verankert. Die frühzeitige Integration in die Polizeiausbildung dient auch der
Umsetzung einer EU-Richtlinie über Mindeststandards zum Opferschutz, die die Rechte Geschädigter von Straftaten stärken soll. Ziel der Unterrichtseinheiten ist, die Polizeischüler/innen für
die Situation der Opfer zu sensibilisieren und ihre Kompetenzen im Umgang mit Opfern zu
­erweitern. Besonders die Situation unmittelbar nach einer Straftat erfordert einen professionellen Umgang, um eine erneute Viktimisierung zu vermeiden. Um die Polizeischüler/innen besser
vorzubereiten, wird zum Beispiel in Rollenspielen das angemessene Verhalten in Situationen
geübt, in denen sie mit Opfern in Kontakt stehen. Im Rahmen des neuen Themenkomplexes
findet außerdem ein jährlicher Fachtag in den Räumlichkeiten der Polizeiakademie statt, der die
Bedeutung des Opferschutzes für die Polizeiarbeit unterstreicht und bei dem im Opferschutz
tätige Akteure ihre Arbeit vorstellen.

Eine laufende Evaluation der Umsetzung der Opferschutzthematik durch die Arbeitsstelle
­Jugendgewaltprävention konnte positive Reaktionen der Polizeischüler/innen dokumentieren.
Der neu gesetzte Fokus auf die Belange der Opfer stößt bei den Polizeischüler/innen zumeist
auf großes Interesse und wird als sehr relevant für den Polizeialltag eingeschätzt.
Die bereits im Jahr 1992 gegründete Ansprechstelle für LSBTI-Personen bei der Polizei Ansprechpartner/innen
der Polizei für
Berlin hat zum Ziel, Straftaten gegen diese Gruppe zu minimieren sowie die Aufklärung
LSBTI-Personen
begangener Straftaten zu erleichtern. Polizeiextern liegt der Arbeitsschwerpunkt dabei
in der „Durchführung vertrauensbildender Maßnahmen, der damit verbundenen Öffentlichkeitsarbeit und der Gewaltprävention“. Polizeiintern liegt die Aufgabe in der „Auswertung von
Straftaten gegen LSBTI, der Entwicklung von Konzepten zur Vorbeugung und Strafverfolgung,
der Aus- und Fortbildung von Polizeiangehörigen sowie der Ermittlungsunterstützung“ (Der
Polizeipräsident in Berlin 2012). Die Polizei kann im Themenfeld auch mit der Ansprechpartnerin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Staatsanwaltschaft Berlin kooperieren, deren Stelle im Jahr 2012 eingerichtet wurde.
Für Delikte, bei denen von örtlichen Dienststellen LSBTI-Personen als Betroffene festgestellt
werden, gilt in Berlin eine Melderegel, wonach diese Vorfälle an zentrale Ansprechpersonen
beim Landeskriminalamt (LKA Prävention 1 – strategische Prävention) weiterzuleiten sind.
­Dadurch soll gewährleistet werden, dass ein umfassendes Lagebild von Straftaten gegen
LSBTI-Personen vorliegt. Bei Vorliegen einer Einschätzung der LSBTI-Ansprechpersonen, dass
bei den jeweiligen gemeldeten Delikten eine spezifische, im engeren Sinn homophobe Motivation
zugrunde liegt, werden diese wiederum dem polizeilichen Staatsschutz zur Prüfung weiter­­
gegeben. Wenn sich diese Einschätzung auf Grundlage des einschlägigen Prüfverfahrens bestätigt, werden die Delikte als Politisch Motivierte Kriminalität statistisch erfasst.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

Wenn sich Straftaten ereignen, liegt der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung in der Regel
­zuerst bei der Feststellung der verantwortlichen Täter/innen. Die Aufklärung der Tat und die
Ermittlung der Tatverdächtigen gilt auch als die primäre Aufgabe der Polizei. Die Situation der
unmittelbar betroffenen Menschen, die durch Taten zu Opfern geworden sind, kann dabei in
den Hintergrund treten. Um dies zu verhindern, gilt es, den Blick für die Belange und Interessen
der Opfer zu schärfen. Unter Opferschutz versteht man daher Bemühungen, Opfer von Straf­
taten mit der notwendigen Sensibilität zu behandeln, sie früh über zur Verfügung stehende
Hilfen zu informieren und sie vor weiterer Opferwerdung zu schützen.

032

Zudem bestehen im Bereich des Opferschutzes dauerhafte Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, z. B. im Themenbereich häuslicher Gewalt und dem damit verknüpften
Schutz mitbetroffener Kinder. Hier arbeitet die Polizei Berlin beispielsweise langjährig mit der
Berliner Initiative gegen häusliche Gewalt BIG e. V. zusammen.

3.5 PRÄVENTIONSGEDANKE IM KONTEXT DER POLIZEILICHEN
STRAFVERFOLGUNG

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Auch im Bereich der polizeilichen Verfolgung von Jugendkriminalität ist der präventive Gedanke
verankert. Als feste Strukturen sind dabei insbesondere die Operativen Gruppen Jugendgewalt
(OGJ) sowie das Intensivtäterprogramm zur Täterorientierten Ermittlung (TOE) zu nennen.
Die OGJ sind in den Berliner Polizeidirektionen in ihrem jeweiligen Referat Kriminalitäts­
bekämpfung angesiedelt, welches die Aufgabe hat, Straftaten aufzuklären und ihnen vorzubeugen. Die Operativen Gruppen Jugendgewalt wurden aufgrund des seit den 1980er Jahren verstärkt
zu beobachtenden Phänomens entwickelt, dass Jugendliche sich zu Gruppen zusammenschlossen,
aus denen heraus es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen kam (Stiftung SPI
2004, 1). Der polizeiliche Begriff der Jugendgruppengewalt ist dabei bundesweit nicht einheitlich
definiert. In Berlin werden darunter Straftaten verstanden, die als gemeinschaftliche Handlung von
mindestens zwei Tatverdächtigen im Alter von 8 bis unter 21 Jahren oder von einem Einzeltäter begangen werden, der eine Gruppe als Machtinstrument einsetzt (Der Polizeipräsident in Berlin 2018a,
243). Einbezogen werden dabei Straftaten wie Raub, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.
Dieses Phänomen ist mittlerweile deutlich abgeklungen. Es lassen sich aber in jüngster Zeit auch
wieder neue Formen von Gruppenbildungen unter Jugendlichen beobachten, die mit dem Begehen
von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten verknüpft sind. Hierauf reagiert beispielsweise das in
Nord-Neukölln umgesetzte Projekt „Auf die Plätze“ mit der Zielsetzung, Spielplätze und öffentliche Räume für die dort lebenden Familien zurückzugewinnen (vgl. hierzu Schroer-Hippel 2018).
Die OGJ haben zum einen die Aufgabe, die Aufklärung aller Formen von Jugendkriminalität zu
unterstützen. Sie haben zum anderen den Auftrag, Präventionsarbeit zu leisten. Dazu halten sie
Kontakt zu den vor Ort relevanten Einrichtungen und Trägern der Jugendarbeit, den Bezirks­
ämtern, Schulen und anderen Institutionen. Zudem suchen sie das direkte Gespräch mit
­Jugendlichen. Dazu begeben sie sich mit sogenannten Kontakt- und Kommunikationsstreifen
an als Brennpunkte erkannte Treffpunkte von Jugendlichen. Ziel der Kontaktaufnahme ist es,
gerade auf gewaltbereite junge Menschen Einfluss zu nehmen, um mögliche Eskalationen im
Kontext der Gruppe zu verhindern (Stiftung SPI 2004, 2). Die OGJ sind zudem bei Veranstaltungen vor Ort, die von vielen Jugendlichen besucht werden, z. B. bei Konzerten oder Großeinsätzen.
Die Mitglieder der OGJ treten dabei grundsätzlich offen und als Polizist/innen erkennbar auf.
In den OGJ ist der Gedanke der fallbezogenen lokalen Vernetzung verankert. Bei Bedarf wird in
Bezug auf die lokalen Brennpunkte zusammen mit Bezirksämtern, Jugendförderung, freien
Trägern, Lehrer/innen, (Straßen-)Sozialarbeiter/innen nach Lösungskonzepten gesucht –
­
­jeweils unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Aufgabenstellungen (Stiftung SPI 2004, 3).
Aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe bilden die OGJ ein wichtiges Bindeglied zwischen Polizei
und Jugendhilfe, wobei die klare Kommunikation der Rollen von Polizei auf der einen und Sozial­
arbeit auf der anderen Seite eine wesentliche Grundlage bildet (Stiftung SPI 2004, 5). Mit den
OGJ verfügt die Polizei Berlin somit über eine flächendeckende, lokal verankerte, aufsuchende,
auf Jugendliche zugeschnittene Präventionsstruktur mit entsprechenden lokalen Netzwerken.

033
Im Bereich der polizeilichen Strafverfolgung führte die Polizei Berlin in den 1990er Jahren den
bereits genannten täterorientierten Ermittlungsansatz zur Bekämpfung von Gewalttaten junger Menschen ein (siehe Kapitel 2.2).
Die Polizei Berlin entwickelte mit „TOI“ und „StrAus“ weitere Präventionsprojekte für die Zielgruppe
von mehrfach auffälligen Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden. Sie sollen den Missstand
beheben, dass bisherige polizeiliche Mechanismen zu spät greifen, um kriminelle Karrieren zu
verhindern. Ziel ist zudem, den Informationsfluss mit den Jugendämtern zu verbessern. So sollen
sie dem Problem entgegenwirken, dass die polizeilichen Ermittlungsberichte die Jugend­ämter oftmals zu spät erreichen und dass bei Mehrfachtäter/innen die Berichte häufig durch mehrere
Dienststellen und somit unkoordiniert an die Jugendämter übersandt werden.

Das Pilotprojekt „Täterorientierte lntervention“ (TOI) ist auf der Ebene der Direktionen angesiedelt (Abgeordnetenhaus Berlin 2017). Es ist ein reines Präventionsprojekt, das getrennt von und
somit parallel zur Strafverfolgung arbeitet. Die Mitarbeiter/innen haben die Aufgabe, Kinder
und Jugendliche, bei denen die Gefahr einer kriminellen Karriere besteht (sogenannte Risiko­
fälle), durch polizeiinterne Recherchen und Prüfungen zu ermitteln. Durch eine Vernetzung der
Zuständigkeiten nach innen und eine enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Jugend­
ämtern soll einer negativen Entwicklung entgegenwirkt werden. Dazu werden mit den Betroffenen und ihren Eltern gezielte Präventionsgespräche im Sinne eines Gefahrenabwehrverfahrens
geführt. Die Arbeitsgruppe des LKA bewertet das Vorgehen als erfolgreich, da die Präventionsgespräche von Kindern, Jugendlichen und Eltern wahrgenommen werden, die auf Vorladungen
nicht reagieren. Als positiv wird dabei vor allem die Trennung von Prävention und Ermittlung
bewertet. Das Projekt wurde zudem durch die Hochschule für Wirtschaft und Recht evaluiert.
Das Programm „Strategische Ausrichtung der Direktion 2 im Themenfeld Jugendkriminalität“
(StrAus) ist auf der Ebene der Polizeiabschnitte angesiedelt (Abgeordnetenhaus Berlin 2017). Es
ist sowohl strafverfolgend als auch präventiv tätig. Kerngedanke ist, nicht wie bisher nach dem
Tatort-, sondern nach Wohnortprinzip zu arbeiten. Bei Ermittlungen mit tatverdächtigen Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden wird die Zuständigkeit somit nicht mehr nach dem
Ort des Vorfalls, sondern nach ihrem Wohnort geregelt. Dabei ist vorgesehen, dass alle Vorgänge
mit unter 21-jährigen Verdächtigen an den für den Wohnort zuständigen Polizeiabschnitt
übersandt werden. Dadurch soll erreicht werden, dass die Jugendsachbearbeiter/innen in den
Abschnitten einen Überblick über die Entwicklung der Betroffenen erhalten und in der Lage sind,
eine sich anbahnende Verfestigung delinquenten Verhaltens zu erkennen und zusammen mit
den Jugendämtern und anderen Akteuren geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Aufgrund der
positiven Bewertung beider Ansätze wird derzeit u. a. geprüft, wie sie miteinander verzahnt und
in die bestehenden Strukturen eingefügt werden können.
Diese Beispiele zeigen, wie der Präventionsgedanke auch in der polizeilichen Strafverfolgung
verankert wird. Besonders positiv hervorzuheben sind dabei insbesondere die langfristig angelegten strukturellen Bestrebungen, die Vorgehensweisen zu bündeln und die Kooperation mit
den Jugendämtern und weiteren Akteuren zu stärken.

3. POLIZEILICHE JUGENDGEWALTPRÄVENTION IN BERLIN

Bereits im Jahr 2012 wurden das Pilotprojekt „Täterorientierte lntervention“ (TOI) und die Einführung des Wohnortprinzips bei Jugendstrafsachen nach dem Ansatz des Projekts „Strategische Ausrichtung im Themenfeld Jugendkriminalität“ (StrAus) entwickelt. Die Ansätze wurden
mit positiven Ergebnissen erprobt und sollen landesweit eingeführt werden.

035

4. Schlussfolgerungen
Die Polizei Berlin setzt eine umfassende, auf mehreren Ebenen angesiedelte Präventionsarbeit
zur Verringerung von Jugendgewalt um. Die vielfältigen Formate sind in der Stadt etabliert und
gut in bestehende Strukturen eingebettet. Hierzu zählt zum Beispiel die Kooperation mit Berliner Schulen. Darüber hinaus bestehen übergeordnete Strukturen, und zwar mit der ressort­
übergreifenden Arbeitsgruppe auf der Ebene der Senatsverwaltungen und Bezirke, mit der
­Clearingstelle auf der Ebene der Fachkräfte und mit den Präventionsbeauftragten als konkreten
Ansprechpartner/innen der Polizei auf der Ebene der Direktionen und Abschnitte. In vielen
­Regionen besteht darüber hinaus eine etablierte Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen
Akteuren, z. B. im Rahmen von lokalen Präventionsräten.
Auf der sozialräumlichen Ebene ist die gewaltpräventive Arbeit der Polizei Berlin somit
flächendeckend verankert. Das behördenweite Präventionskonzept stattet jeden Abschnitt mit einem Team aus Präventions- und Verkehrssicherheitsbeauftragten aus. In
einigen Regionen werden die zweiköpfigen Teams zusätzlich von anderen Kolleg/innen
unterstützt, die z. B. polizeiliche Veranstaltungen an Schulen allerdings als Zugleichaufgaben wahrnehmen. Dieses flächendeckende Konzept, das feste und kontinuier­
liche Ansprechpartner/innen für Schulen, Jugendeinrichtungen und andere Institutionen, aber auch für die Kinder und Jugendlichen selbst bereitstellt, hat sich bewährt.
Eine Verstärkung der Teams ist in Gebieten mit einem erhöhten Präventionsbedarf zu
empfehlen.

Präventionsbeauftragte
im Sozialraum
beibehalten und stärken
Sozialräumliche
Ansätze im Sinne eines
Community Policing
weiterentwickeln
Präventionsauftrag im
Bereich der Ausbildung
weiter stärken

Aufbauend auf diesen positiven Erfahrungen sollten Ansätze der sozialräumlichen Kriminal­
prävention im Sinne eines Community Policing zur Stärkung der lokalen Kooperationsbeziehungen zwischen Polizei, Bürger/innen und den Institutionen und zivilgesellschaftlichen Gruppen
vor Ort weiterentwickelt werden.
Empfehlenswert ist zudem, das Aufgabenfeld von Präventionsbeauftragten verstärkt in der
Ausbildung der Nachwuchskräfte zu verankern.
Präventionsauftrag im
Neben sozialräumlichen „Brennpunkten“ muss der individuellen Verdichtung von JuBereich der Ausbildung
gendgewalt im Sinne von Mehrfach- und Intensivtäter/innen präventiv begegnet werweiter stärken
den. Der Ansatz der Täterorientierten Ermittlungsarbeit (TOE) umfasst seit einigen
Jahren nicht nur Intensiv-, sondern auch Schwellen- und kiezorientierte Mehrfachtäter/innen.
Ziel ist es, möglichst frühzeitig im Lebenslauf der mehrfach aufgefallenen jungen Tatverdächtigen
eine konsequente und verdichtete polizeiliche und im weiteren Verlauf ggf. staatsanwaltschaftliche Reaktion zu ermöglichen. Das Modell wird von der Polizei Berlin als „eine der erfolgreichsten
gesamtpolizeilichen Kriminalstrategien in Zusammenarbeit mit der Berliner Staats­anwaltschaft“
bewertet (Der Polizeipräsident in Berlin 2016, 142). Eine öffentlich zugängliche Evaluation liegt
jedoch bislang nicht vor. Vor dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen sollte die TOE fortgesetzt werden.

Darüber hinaus werden im Themenfeld der Täterorientierten Intervention (TOI) Modelle der
frühen Intervention bei tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen hinsichtlich ihrer Erfolge und
Möglichkeiten der berlinweiten Umsetzung überprüft. Dabei geht es um präventionsorientierte

4. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN

und Empfehlungen

036

Reaktionen der Polizei auf mehrfaches delinquentes Verhalten von Kindern und Jugendlichen
und um die Kooperation zwischen Polizei und Jugendhilfe. Der Gestaltung dieser Schnittstellen
kommt bei der Prävention mit Blick auf junge Tatverdächtige, die oftmals multiplen Problem­
lagen ausgesetzt sind, eine hohe Relevanz zu.
Im Rahmen des behördenweiten Präventionskonzepts erweist sich die kontinuierliche
Zusammenarbeit der Präventionsbeauftragten mit den Schulen ihres Abschnitts als
wichtige Säule der Prävention. Kontinuierliche Angebote erweisen sich als erfolgreich,
so ein zentrales Ergebnis der Auswertung zahlreicher Evaluationen gewaltpräventiver
Angebote (Glock 2014, 26). Da oftmals dieselben Polizist/innen über lange Zeiträume
für ihre Abschnitte zuständig bleiben, sind sie durch verschiedene altersspezifische Veranstaltungen wiederholt für die Kinder und Jugendlichen präsent und begleiten sie so punktuell in
ihrem Aufwachsen. Die Polizei ist durch ihre kontinuierliche, niedrigschwellige, lokale und in die
Institution Schule eingebettete Präventionsarbeit für die Jugendlichen ein persönlich bekannter, verlässlicher Ansprechpartner. Kooperationsverträge zwischen Schulen und Polizei sind
­dabei oftmals ein Ergebnis der langjährigen Arbeit vor Ort, weniger eine zwingende Voraus­
setzung. Die Struktur der Präventionsbeauftragen als feste polizeiliche Ansprechpartner/innen
für Schulen sollte daher beibehalten und in Gebieten mit besonderem Bedarf sollten – wie oben
bereits ausgeführt – auch Möglichkeiten zur ihrer personellen Verstärkung geprüft werden. In
einzelnen Regionen ist die Nachfrage höher als das Angebot, sodass für die Schulen Wartezeiten entstehen. Grundsätzlich wird empfohlen, die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit der Nachfrage der Berliner Schulleitungen am Angebot polizeilicher Präventions­
veranstaltungen zeitnah nachgekommen werden kann. Polizeiliche Präventionsveranstaltungen
sollten, gerade weil sie nur einen gewissen Bereich gewaltpräventiver Arbeit abdecken, eng mit
schulischen Präventionsangeboten verknüpft werden. Die TIV „Messer machen Mörder“ sollte
weiterhin angeboten werden und um eine stärkere Schwerpunktsetzung auf die Erarbeitung
gewalt- und waffenfreier Handlungsoptionen ergänzt werden. Grundsätzlich wird empfohlen,
die polizeilichen Präventionsveranstaltungen regelmäßig inhaltlich weiterzuentwickeln, etwa
per Peer-Review durch einen Expertenzirkel, um jeweils neue Erkenntnisse der Präventions­
forschung aufzugreifen.

POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

Fortsetzung und
inhaltliche
Weiterentwicklung
schulischer
Präventionsarbeit

Bei der Entwicklung von Präventionskonzepten für hochfrequentierte gewaltbelastete
Räume ist ein gemeinsames Vorgehen von Polizei und weiteren Akteuren geboten. Relevant sind daher sowohl lokale Präventionskonzepte als auch berlinweite Kooperationen. Empfehlenswert ist die Fortsetzung und Intensivierung von Kooperationen, die
verschiedene Akteure einbeziehen: neben Polizei und Bundespolizei auch Verkehrs­
betriebe, Lokalbetreiber, Hostels sowie Streetwork und Jugendsozialarbeit. Dabei kann
es angesichts der vielfältigen Akteure, Organisationskulturen und Zielsetzungen hilfreich sein,
punktuell verstärkt auf eine moderierende Instanz zurückzugreifen, wie es von der Clearing­
stelle umgesetzt wird. Eine vernetzte, abgestimmte Vorgehensweise erscheint insgesamt vielversprechend und bedarfsgerecht.

Jugendgewaltpräven­
tion im öffentlichen
Raum – Kooperation
mit zivilgesellschaftlichen Akteuren
stärken

Junge, neu ankommende Geflüchtete bilden eine wichtige Zielgruppe polizeilicher
Jugendgewaltprävention, da sie über die institutionellen Strukturen der Prävention
nicht immer erreicht werden. Eine wichtige Zielsetzung ist hier das niedrigschwellige
­Kennenlernen der Polizei und der Aufbau von Vertrauen, wie es etwa im Rahmen der
AGVen an Schulen praktiziert wird. Für die Heimleitungen allgemeiner Unterkünfte für Geflüchtete gibt es vonseiten der Polizei jeweils feste Ansprechpartner/innen. Ein besonderes Angebot
zur polizeilichen Gewaltprävention, das sich spezifisch an minderjährige Geflüchtete – begleitet
oder unbegleitet – richtet, gibt es häufig erst, wenn sie bereits in den Schulen angekommen
sind, beispielsweise im Rahmen von Willkommensklassen. Ein Präventionsangebot für Heranwachsende, die nicht mehr beschult werden, besteht derzeit noch nicht.

Junge Geflüchtete als
Zielgruppe – Kontaktund Vertrauensaufbau
wichtig

037
Das Thema Opferschutz spielt für Polizeibeamt/innen eine zentrale Rolle, da sie häufig die ersten sind, mit denen das Opfer eines Gewaltvorfalls nach der Tat konfrontiert ist. Hier ist eine
einfühlsame Haltung wichtig, um zu vermeiden, dass die Geschädigten zum zweiten Mal zum
Opfer werden. Um die Perspektive des Opferschutzes im polizeilichen Handeln zu stärken, wurde die Thematik Opferschutz in der Ausbildung von Polizeibeamt/innen des mittleren Vollzugsdiensts ab 2017 in mehreren Modulen verankert. Themen sind u. a. die Kommunikationsbedürfnisse von Opfern, angemessene Reaktionen auf Traumatisierungen/Kooperation mit der
Trauma-Ambulanz, Opferrechte und das Opferentschädigungsgesetz. Auch im Rahmen der Intervention bei häuslicher Gewalt kann die Polizei Berlin auf etablierte Strukturen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Trägern zurückblicken. Erfahrungen aus diesem Bereich
sollten auch für die Unterstützung jugendlicher, aber auch heranwachsender und jungerwachsener Opfer von Gewalt genutzt werden. Dies gilt insbesondere auch für junge Volljährige, die
über geringe familiäre Unterstützungsstrukturen verfügen.
Rechtsextrem motivierte Gewalt, verbale Ausfälligkeiten im Internet, die Infragestel- Demokratieverständnis
fördern und
lung staatlicher Institutionen wie der Polizei durch populistische Gruppierungen und
Extremismus
Rechtsextremisten scheinen derzeit erheblich an Bedeutung zu gewinnen. Hier gilt es,
entgegenwirken
frühzeitig in die Entwicklung entsprechender Präventionsstrategien zu investieren.
Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang die kontinuierliche Weiterentwicklung polizei­
licher Präventionsangebote zum Thema Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit, wie
etwa der TIV.
Im Bereich der Prävention islamistischer Radikalisierung ist die Polizei Berlin Teil des Deradikalisierungsnetzwerks, an dem neben dem Verfassungsschutz auch Träger von Beratungseinrichtungen beteiligt sind. In diesem Netzwerk finden Fallkonferenzen über sicherheitsrelevante
Fälle statt, die bereits radikalisierte Personen involvieren. Der Bereich der Prävention islamistischer Radikalisierung ist bislang wenig erforscht, sodass hierzu keine Empfehlungen für die
polizeiliche Präventionsarbeit ausgesprochen werden.
Vernetzungen
Die ressortübergreifende Vernetzung und Kooperation basiert, wie bereits erwähnt,
zielgerichtet gestalten
auf etablierten und bewährten Strukturen. Empfehlenswert ist die Fortsetzung der resund bündeln
sortübergreifenden Vernetzungsgremien im Kontext der Prävention von Kinder- und
Jugendgewalt. Dabei ist regelmäßig zu prüfen, inwiefern eine stärkere Bündelung der Vernetzungsstrukturen zur Erreichung der jeweiligen Zielsetzungen sinnvoll ist. Die Einführung von
Programmen zur Stärkung der Kooperation und Vernetzung ist ein wichtiges Ergebnis dieser
langjährigen Kooperation. Diese Stoßrichtung ist weiter fortzusetzen.

Die gewaltpräventive Arbeit der Polizei Berlin basiert somit auf vielfältigen, gut etablierten
­Ansätzen und Strukturen. Empfehlenswert ist die kontinuierliche Weiterentwicklung und Reflektion der bisherigen Maßnahmen und Programme. Dabei lassen sich die oben beschriebenen
Empfehlungen wie folgt zusammenfassen.

4. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN

Opferschutz stärken
Zu überlegen ist von daher, wie die Polizei gegenüber heranwachsenden Geflüchteten
stärker als Präventionsakteur sichtbar werden kann, z. B. in Flüchtlingsunterkünften.
Für Präventions- und Informationsveranstaltungen mit dieser Zielgruppe bietet sich ggf. ein
gemeinsames Auftreten von Polizei und vor Ort bekannten Vertreter/innen zivilgesellschaft­
licher Gruppen an. Inhalt der Veranstaltungen sollte z. B. sein, an wen sich Betroffene wenden
können, wenn sie Gewalt anzeigen wollen. Die Veranstaltungen sollten zudem Informationen
über rechtliche Normen und Verfahrenswege in Deutschland vermitteln. Die Eignung der Angebote für die Zielgruppe der heranwachsenden Geflüchteten sollte im Rahmen einer Expertise
oder Evaluation überprüft werden.

038

Zentrale Empfehlungen
• Präventionsbeauftragte beibehalten und in Regionen mit erhöhtem Bedarf verstärken.
• Sozialräumliche Präventionsarbeit der Polizei in Richtung eines Community Policing
weiterentwickeln.
• Präventionsauftrag, z. B. Aufgabenfeld der Präventionsbeauftragten, im Bereich der
Ausbildung weiter stärken.
• Evaluation der Arbeit mit Mehrfachtäter/innen.
• Präventionsveranstaltungen an Schulen fortsetzen und inhaltlich weiterentwickeln.
• Integrierte Konzepte für „Ausgehviertel“ zusammen mit weiteren Akteuren umsetzen.
• Niedrigschwellige Präventions- und Informationsveranstaltungen für junge Geflüchtete,
z. B. in allgemeinen Unterkünften zusammen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen.
• Opferschutz als Thema der Ausbildung weiter fortsetzen.
• Präventionsstrategien gegen Demokratiefeindlichkeit weiterentwickeln.
POLIZEILICHE PRÄVENTION VON JUGENDGEWALT

• Vernetzung zielgerichtet gestalten und bündeln.

039

5. Literaturverzeichnis
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Wolfgang/Hermann, Dieter/Sandfuchs, Uwe/Schäfer, Mechthild/Schubarth, Wilfried/Daschner,
Peter (Hg.): Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen.
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Stiftung SPI (2004): Clearingstelle Jugendhilfe/Polizei. Infoblatt Nr. 28. Beschreibung der Aufgaben
und Tätigkeiten der Operativen Gruppe Jugendgewalt (OGJ). https://bit.ly/2A6YM1h, 24.07.2018.
        
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