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Full text: Stadt Umland! Gemeinsam wachsen / Tonndorf, Thorsten

Stadtforum Berlin
12. November 2018
Auditorium Friedrichstraße

Rückblick

Gemeinsam
wachsen

Stadtforum Berlin

Stadt
Umland!
Rückblick

„Berlin ist keine Insel und Brandenburg hat kein Loch in der
Mitte“ – so formulierte Katrin
Lompscher, Berlins Senatorin für
Stadtentwicklung und Wohnen,
die enge Verknüpfung von Berlin
und Brandenburg und verdeutlichte damit die Notwendigkeit
zur Zusammenarbeit beider Länder. Im Alltag vieler Menschen
aus der Hauptstadtregion spielt
die Landesgrenze ohnehin kaum
eine Rolle. Immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner pendeln
zum Wohnen, Arbeiten, Einkaufen oder in der Freizeit zwischen
Berlin und Brandenburg.

Stadtforum StadtUmland!

Auch das anhaltende Wachstum
Berlins macht an der Landesgrenze nicht halt. Das bringt
zahlreiche Chancen und Herausforderungen mit sich, über
die Katrin Lompscher am 12.
November 2018 mit ihrer Potsdamer Amtskollegin Kathrin
Schneider, mehr als 300 interessierten Bürgerinnen und Bürgern
sowie Expertinnen und Experten
beim Stadtforum diskutierte.
Narrative Regionalentwicklung
in NRW
Wie die Zusammenarbeit von
Großstädten mit ihren Umlandgemeinden organisiert werden
kann, zeigte zum Auftakt Michael
von der Mühlen, ehemaliger
Staatssekretär im Ministerium
für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes
Nordrhein-Westfalen. Er skizzierte verschiedene informelle
Instrumente, die in NRW die
Landes- und Regionalplanung
unterstützen und dazu beitragen,
„einen Ausgleich zwischen
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„Ein qualitätvolles Leben ist
eben nur dann möglich, wenn
die notwendige Infrastruktur
stimmt.“ Michael von der Mühlen
Rückblick

wachsenden und sich leerenden
Räumen hinzubekommen.“
Gleichzeitig ermöglichen sie „eine
bessere Abstimmung von Kommunen, die bisher nur auf ihr
Stadtgebiet geschaut haben.“
Dazu hatte NRW 2016 einen
Wettbewerb namens StadtUmland.NRW – Zukunftskonzepte
für Großstädte und ihre Nachbarkommunen ausgelobt:
Großstädte konnten sich mit
ihrem Umland bewerben, das
Land finanzierte den Planungsprozess, in dem konkrete Projekte
erstellt wurden. „Ziel war es,
ein Leitbild, eine Erzählung
– wir haben es ‚narrative Regionalentwicklung’ genannt – zu
entwickeln, das über die einzelne
Kommune hinausgeht und von
der Gemeinschaft aus Kommunen
entwickelt wurde.“
Auch Köln hatte sich mit seinen rechtsrheinischen Nachbarn
im Rahmen des Wettbewerbs
­beworben.
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Das Leitbild dort war, die Nutzung des Freiraums und der
landwirtschaftlichen Flächen als
verbindendes Element. Damit
knüpfte Köln an ein weiteres
informelles Instrument an, das
in NRW seit 2000 erfolgreich
eingesetzt wird: die Regionale,
eine Strukturentwicklungsmaßnahme. Diese findet alle zwei
oder drei Jahre in einer anderen
Region statt. 2010 war dies Köln/
Bonn mit Umland. Auch bei Regionalen geht es darum, dass sich
Kommunen freiwillig als Kooperationsverbund zusammensetzen
und sich ein Thema geben, „das
deutlich macht, wie es die Region
produktiv entwickelt“, so Michael
von der Mühlen.
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„Berlin ist keine
Insel und Brandenburg
hat kein Loch in der
Mitte.“ Katrin Lompscher
Rückblick

Die Landesregierung NRW
vergibt bei diesem Format Fördermittel in Millionenhöhe,
um Projektträgern vor Ort die
Umsetzung konkreter Projekte
zu ermöglichen.
Michael von der Mühlen
ermunterte dazu, die Lebenswirklichkeit, den Lebensraum der
Menschen als Ausgangspunkt
zu wählen, „vor Ort Konzepte zu
entwickeln, diese mit den Nachbarstädten zu diskutieren und
die Bewohner von Anfang an einzubinden.“ Entscheidend für den
Erfolg seien konkrete „Schlüsselprojekte und ein übergeordnetes
regionales Narrativ“.

Wachstum der Großstadtregion
als Chance
Nach diesem Blick über den
Tellerrand diskutierten Senatorin Katrin Lompscher, Kathrin
Schneider, Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung des
Landes Brandenburg und Maren
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Kern, Vorstand des Verbandes
Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU),
mit der Moderatorin Dr. Cordelia Polinna über das aktuelle
Wachstum der Großstadtregion
als Chance. Gerade das Thema
Mobilität erwies sich dabei als
wichtige Stellschraube. Auch
zahlreiche Bürgerinnen und Bürger trieb das Thema um.
Zunächst erinnerte Katrin Lompscher aber an den Beginn der
institutionalisierten Gemeinsamen Landesplanung (GL), die
1996 als bundesweit einzige
Zweiländerbehörde eingerichtet
wurde und für die Raumordnung
und Landesplanung von Berlin
und Brandenburg zuständig ist.
Seither gibt es eine abgestimmte
integrierte Landes- und Regionalplanung.
Ergänzend sind kommunale
Kooperationsstrukturen entstanden, die Verflechtungen wurden
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„Gemeinsamer Wille sei
es, trotz des Wachstumsdrucks den Siedlungsstern zu
erhalten.“ Kathrin Schneider
Rückblick

enger, die Verkehrswege ausgebaut und die Pendlerzahlen sind
gestiegen – auch in Folge einer
anhaltenden Wirtschaftsdynamik, die nicht nur Berlin, sondern
auch viele Umlandgemeinden
erfasst hat.
Aus Brandenburger Sicht bestätigte Kathrin Schneider diese
Analyse und sprach von „Wachstumsschmerzen in der Region“.
Sie nannte Berlin „die Lokomotive, die es immer sein sollte und
sein wollte.“ Brandenburg spüre
den „Druck an allen Stellen,
gerade auf den Wohnungsmärkten“. Gemeinsamer Wille sei es,
trotz des Drucks den so genannten „Siedlungsstern“ zu erhalten,
an dem sich die Gemeinsame
Landesplanung seit den 1990ern
orientiere. Das Wachstum der
Region erfolge entlang der historischen Verkehrsachsen dieses
Siedlungssterns: „Wenn wir aufgrund des Wachstums Flächen
benötigen, dann gehen wir entlang der Achsen in die Tiefe“,
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erklärte Schneider und sprach
von einem „Sprung in die zweite
Reihe“. Damit werden Landesentwicklung, Stadtentwicklung
und Mobilität verbunden.
Maren Kern, deren Verband
Wohnungsunternehmen mit
1,1 Millionen Wohnungen in
Berlin und Brandenburg vertritt, ergänzte, dass sich die
Wohnungsmärkte im Berliner
Umland unterschiedlich entwickeln. Neben starkem Wachstum
sehe man in anderen Orte auch
leichte – und mit zunehmender Entfernung auch starke
– Schrumpfung infolge anhaltenden Bevölkerungsrückgangs.
„Statt von einem Speckgürtel
müssen wir eigentlich von einem
Speckwürfel-Gürtel sprechen“, so
Kern. „Wir müssen das Wachstum
besser verteilen.“ Sie forderte,
den ÖPNV attraktiver zu gestalten und mehr P&R-Angebote
„auch für E-Autos und Fahrräder“
zu schaffen, um die Pendlerströme besser zu lenken.
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„Wir müssen das
Wachstum besser
verteilen.“ Maren Kern
Rückblick

Die Mobilität in Berlin-Brandenburg war auch den Bürgerinnen
und Bürgern im Stadtforum ein
wichtiges Anliegen: die Pendlerzüge seien voll und eine
„Verkehrswende“ nötig. Konkret
wurde beispielsweise von einem
Teilnehmer ein gemeinsames
Verkehrskonzept beider Länder
angeregt.
Dieser Kritik widersprach Ministerin Kathrin Schneider. Auch
wenn es zwei eigenständige
Landesverkehrskonzepte gebe,
„hindert uns das ja nicht daran,
eng zusammen zu arbeiten.“
Brandenburg habe beispielsweise gerade einen eigenen
Landesnahverkehrsplan aufgestellt, der einschließlich etlicher
S-Bahn-Verlängerungen von
Berlin für 10 Millionen Zugkilometer zusätzlich sorgen soll,
„das ist fast ein Drittel mehr als
die bisherige Leistung“, so Kathrin Schneider, „das alles passiert
in Abstimmung mit Berlin“.
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Sie verwies auch auf den 1996
gegründeten VBB, ein Verkehrsverbund für zwei Länder, Sachsen
habe dagegen fünf Verbünde.

Ein anderer Bürger sprach den
Konflikt zwischen anhaltender Bebauung und Ökologie
an, zwischen dem Bedürfnis
der Menschen nach Ruhe und
Erholung einerseits und zunehmendem Stress durch Dichte
andererseits. Katrin Lompscher
nannte hier den gemeinsamen
Landesentwicklungsplan Berlin-Brandenburg, der aktuell neu
erstellt wird, als Chance zum
Ausgleich von Ökologie und den
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„Der gemeinsame Landesentwicklungsplan ist eine Chance zum
Ausgleich von Ökologie und den
Erfordernissen einer wachsenden
Großstadtregion.“ Kathrin Schneider
Rückblick

Erfordernissen einer wachsenden Großstadtregion. Gerade die
Fokussierung auf die Siedlungsentwicklung entlang der Achsen
würde die Zwischenräume schützen, in denen die Regionalparks
bis ins Stadtgebiet Berlins hineinführen. Um Pendlerströme
und damit Umweltbelastung und
Lärm durch erzwungene Mobilität möglichst gering zu halten,
seien zudem funktionierende
Städte mit einem möglichst
umfassenden Angebot an
Wohnraum, Arbeitsplätzen und
sozialer Infrastruktur wichtig.

Neuer Landesentwicklungsplan
in Abstimmung
Die Senatorin und die Ministerin
hatten den neuen Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion
Berlin-Brandenburg (LEP HR)
schon kurz angesprochen. Jan
Drews, Abteilungsleiter der
zuständigen Gemeinsamen
Landesplanung Berlin-Brandenburg, erklärte im Anschluss den
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­ ktuellen Stand: Der neue LEP
a
HR solle im nächsten Sommer in
beiden Ländern als Verordnung
festgesetzt werden. Dort werden auch zwei neue Achsen in
den Siedlungsstern eingezeichnet sein, so Drews, eine Richtung
Wandlitz nach Norden und eine
Richtung Werneuchen nach Nordosten.
Innerhalb des (ergänzten) Siedlungssterns werden im LEP HR
Bereiche markiert, in denen
stärkere Neubautätigkeiten
durch die jeweiligen Kommunen denkbar sind. „Orte, die mit
dem Regionalexpress innerhalb
von 45 Minuten von Berlin aus
erreichbar sind. Das ist eine in
die Zukunft gerichtete Strategie
der sogenannte ‚Sprung in die
zweite Reihe’.“ Für den gesamten
Siedlungsstern hat die Behörde
überschlägig errechnet, wie viel
Wohnraum geschaffen werden
könnte. „Wir kommen auf ein
Potential von 515.000 möglichen
Wohneinheiten“, so Drews.
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„Wir kommen auf ein Potential von 515.000 möglichen
Wohneinheiten für den gesamten
Siedlungsstern.“ Jan Drews
Rückblick

„Für Brandenburg ist dies
ein wichtiger Aspekt. An
den entsprechenden Stellen setzen wir Impulse für die
­Landesentwicklung.“

und zwei Kommentare inhaltlich
eingeführt und die Diskussion
von einem Moderator bzw. einer
Moderatorin geleitet.

Forum #1 Wohnen:
Durch Orte zum Leben die Stadtregion weiterentwickeln

3 Themen – 3 Foren
Wie können wir die Zukunft der
Großstadtregion gestalten?
Nach den Vorträgen und Diskussionen zu übergeordneten
Themen teilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei
Foren auf, um über speziellere
Fragestellungen vertieft zu diskutieren. Dabei ging es um die
Themen Wohnen, Mobilität und
Freiraum. Jedes Thema wurde
durch ein Input von außerhalb
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Ähnlich wie in der Hauptstadtregion arbeiten auch in
Baden-Württemberg verschiedene Gebietskörperschaften
auf Ebene der Landesplanung
zusammen. Im Verband Region
Stuttgart sind neben Stuttgart
auch die umliegenden Landkreise
mit insgesamt 179 Städten und
Gemeinden organisiert. In seinem Impulsvortrag beschrieb
Dr.-Ing. Christoph Hemberger,
Referent für Regional- und Bauleitplanung beim Verband, die
Notwendigkeit für eine abgestimmte Wohnungspolitik: Um
ihre wirtschaftliche Stärke halten zu können, benötigt die
Region in den kommenden Jahren Zuwanderung von 220.000
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Rückblick

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern samt Familien. Diese
brauchen Wohnungen möglichst
in der Nähe zu den Arbeitsplätzen und zum ÖPNV.
Mit einem Regionalplan wird
die Siedlungsentwicklung der
179 Kommunen entsprechend
gesteuert: Um Autoverkehr zu
vermeiden, dürfen die Gemeinden mehr Flächen ausweisen,
wo der ÖPNV leistungsfähiger
ist. Zudem gilt der Grundsatz Innenentwicklung vor
Außenentwicklung. Ziel ist es,
„Flächenfraß zu stoppen und die
Ortskerne zu stärken“.
Als „wichtigstes regionales Steuerungsinstrument“ im Hinblick
auf Wohnbaulandausweisungen bezeichnete Hemberger
verbindliche Dichtevorgaben: Je
nach zentralörtlicher Bedeutung
werde eine Bebauungsdichte
gefordert, die nicht unterschritten werden dürfe.
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Nach Hembergers Kurzvortrag
verwies Beate Profé auf die
verschiedenen Ausgangsbedingungen der Region Stuttgart
und der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg. Die Leiterin
der Abteilung für Stadtplanung
in der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Wohnen
nannte einerseits die fehlende
Landesgrenze in der Region
Stuttgart und die seit Jahrzehnten etablierte überörtliche
Kooperation.
Die Erfahrungen im Verband
Region Stuttgart seien aber eine
„Anregung für das Kommunale
Nachbarschaftsforum, wie wir
die Zusammenarbeit intensivieren können“. Das ist ein Ziel, das
auch Andreas Igel, Bürgermeister von Ludwigsfelde, verfolgt,
dessen Stadt Mitglied des Kommunalen Nachbarschaftsforum
ist, einem informellen Zusammenschluss der Berliner Bezirke
und Berliner Umlandgemeinden
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„Ziel ist es, Flächenfraß zu
stoppen und die Ortskerne zu
stärken.“ Dr.-Ing. Christoph Hemberger
Rückblick

zum länderübergreifenden Dialog und Meinungsaustausch.
Mit dem Publikum diskutierte
das Forum die Frage, wie sich die
Umlandgemeinden entwickeln
sollen. Mehrere Teilnehmerinnen
und Teilnehmer äußerten ökologische oder ganz grundsätzliche
Bedenken am Wachstum. „Die
Brandenburger Gemeinden
sollten nicht als Räume zur
Bewältigung des Siedlungsdrucks in Berlin verstanden
werden“, sagte ein Bürger. Seine
Gemeinde habe sich bewusst
entschieden, den „ländlichen und
grünen Charakter zu bewahren“,
man wolle keinen „Geschosswohnungsbau wie in Berlin“.

Wenn wir besseren ÖPNV wollen,
brauchen wir dafür eine kritische
Masse.“
Ähnlich beschrieb Christoph
Hemberger die Herausforderungen in der Region Stuttgart.
„Früher wollten die Kommunalpolitiker, dass ihre Gemeinden
wachsen. Dafür hatten wir
als Regionalplaner ein gutes
Bremspedal, jetzt suchen wir
verzweifelt nach dem Gaspedal,“
um zu mehr Baulandaktivierung
zu kommen. In vielen Städte und
Gemeinden herrsche „das Gefühl
vor, es sei doch genug.

Andreas Igel antwortete mit
Erfahrungen aus Ludwigsfelde:
„Wir Umlandbürgermeister müssen unseren Bürgern immer
wieder erklären: Wenn ihr das
eine oder andere wollt, dann
müssen wir mehr werden.
Stadtforum StadtUmland!

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Rückblick

Wir sind eine saturierte,
alternde Gesellschaft ohne
große Veränderungsneigung“,
so Hemberger. Er kritisierte
„Kirchturmdenken“, das aus
Sicht einer Kommune verständlich sei, aber die Entwicklung der
gesamten Region blockiere. Die
Regionalplanung müsse Gemeinden davon überzeugen, Bauland
auszuweisen.
Einig war sich die Runde, dass
gerade das Thema Wohnbaulandaktivierung schwierig sei,
vor allem wenn es um sozialen
Wohnungsbau und die ergänzende soziale Infrastruktur geht.
„Es gibt natürlich rationale Argumente, wenn eine Gemeinde
sagt: Nein, die Hartz-Empfänger aus Stuttgart wollen wir bei
uns nicht“, so Christoph Hemberger. Ähnliche Erfahrungen
haben auch die Expertinnen und
Experten aus Berlin-Brandenburg gemacht. Dem entgegnete
eine anwesende Bauamtsleiterin aus einer Umlandsgemeinde:
Stadtforum StadtUmland!

„Wir bekommen Wohnungsdruck aus Berlin zu spüren und
sind bereit, Flächen auszuweisen und Geschosswohnungsbau
zuzulassen.“ Jetzt müsse man
aber wegen der Neubewohner
„eigentlich eine Schule bauen“,
könne das aber nicht, weil es
keine Fördermittel gebe.

Forum #2 Mobilität:
Durch Mobilität die Stadtregion
nachhaltig verbinden
Den kurzen Impulsvortrag zum
Thema Mobilität hielt Prof. Dr.
Axel Priebs, Raumforscher an
der Universität Wien. Angesichts
des Wachstums von Berlin-Brandenburg sieht Priebs im
Siedlungsstern das Grundgerüst
für die weitere Siedlungsentwicklung. Je weiter die Urbanisierung
entlang der Achsen nach Außen
fortschreite, desto wichtiger
werden in Zukunft Querverbindungen. Mit dem Wachstum der
Umlandgemeinden entstehen
dort auch neue Zentralitäten:
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„Zunächst mal die bestehenden Netze verlässlicher und funktionsfähiger
machen!“ Jürgen Roß
Rückblick

Arbeitsplätze, zusätzliche soziale
Infrastruktur und andere Einrichtungen. Daraus erwachsen
„neue Pendlerverflechtungen“,
die „Verkehrsströme werden
unscharf“. Nicht alle Menschen
werden beispielsweise von ihrer
Wohnung in Bernau zur Arbeit
nach Berlin-Mitte rein pendeln,
sondern vielleicht „quer“ nach
Strausberg.
In seinem Kommentar auf
Priebs’ Vortrag, sagte Burkhard
Horn, früherer Leiter der Verkehrsabteilung bei der Berliner
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, dass
mit Potsdam und künftig auch
mit dem Flughafen BER zwei
große Knotenpunkte besonders
betrachtet werden müssen. Mit
dem erwartbaren Aufschwung
der Flughafenregion werde auch
die Bedeutung des bereits vorhandene Berliner Außenrings
zunehmen, der vom Regionalverkehr auf Teilstrecken schon
gut genutzt wird, aber immer
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noch einen „Schatz mit Entwicklungspotential“ darstellt
und perspektivisch den inneren
S-Bahnring ergänzen werde.
Auch Jürgen Roß, Bereichsleiter
Planung und Fahrgastinformation beim VBB, warnte vor dem
Bau zu vieler neuer Strecken.
„Das Wachstum, das wir momentan erleben wird irgendwann
auch wieder vorbei sein.“ Er
sprach sich dafür aus, „zunächst
mal die bestehenden Netze verlässlicher und funktionsfähiger
zu machen.“ So sei es besser,
alle Strecken zu elektrifizieren
und einige Bahnsteige zu verlängern, damit dort sechs statt
nur fünf Wagen halten können, „als viel Geld in komplett
neue Strecken zu stecken“. Kontrovers ging es auch bei der
anschließenden Diskussion mit
den Bürgerinnen und Bürgern
zu. Viele Fragen und kritische
Anmerkungen gab es zur Anbindung des Berliner Umlands.
Beklagt wurden nicht
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„Es wäre cleverer, wenn
Menschen am Bahnhof
wohnen, als wenn sie mit
dem Auto dort hinfahren
müssen.“ Burkhard Horn
Rückblick

f­ unktionierende Anschlüsse, zu
geringe Takte der Bahnen oder
fehlende Kapazitäten zur Fahrradmitnahme. Als Vertreter des
VBB stimmte Jürgen Roß zu,
dass „in manchen Korridoren“
die Taktung und die Anschlussverbindungen nicht ausreichen,
es sei „aber schon vieles besser
geworden“. Er verwies auf zahlreiche große Infrastrukturprojekte,
zusätzliche Züge und neue Angebote. So werde die Ostbahn von
Lichtenberg über Strausberg und
Müncheberg mit dem Fahrplanwechsel im 20-Minuten-Takt
fahren.
Thema waren auch Park &
Ride-Angebote: Ein Bürger regte
an, für Umlandbewohner, die
bisher mit dem Auto einpendeln,
größere P&R-Plätze an S-Bahnstationen wie Jungfernheide
anzubieten. Burkhard Horn gab
zu bedenken: „Je weiter ich das
Angebot in die Stadt hineinhole,
desto weniger sind Autofahrer
Stadtforum StadtUmland!

bereit, noch mal für die letzten
paar Kilometer umzusteigen.“ Solche Plätze müssten also raus in
die Peripherie. In Dallgow-Döberitz
gebe es einen großen Parkplatz
am Bahnhof, „dahinter stehen
Supermärkte und irgendwo dahinter wohnen Menschen“. Nach
Horns Meinung wäre es „cleverer“,
wenn Menschen am Bahnhof wohnen, als wenn sie mit dem Auto
dort hinfahren müssen.
Den Forderungen nach besse-

rer Radverkehrsinfrastruktur
schloss sich Axel Priebs in seinem Schlusswort an: „Aus
meiner Sicht ist das Thema
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Rückblick

F­ ahrradverkehr ein Zukunftsthema. Im Ruhrgebiet wird
der 100km lange Radruhrschnellweg gebaut, im dortigen
Regionalplan ist ein regionales
Radwegenetz vorgesehen. Das
halte ich für richtig. Auch für die
Region Berlin hat das Fahrrad,
zumal das E-Bike, viel Potential,
die Straßen zu entlasten.“

Forum #3 Freiraum:
Durch Freiraum mehr Lebensqualität in der Stadtregion
schaffen
Was suggeriert der Begriff Freiraum? Diese Frage stellte Dr.-Ing.
Gabriela Bloem vom Regionalverband FrankfurtRheinMain am
Anfang ihres Inputs. Der Begriff
impliziere Idylle, allerdings fungieren Freiräume nicht nur als
Erholungsräume, als Tourismusdestinationen und Orte der
Biodiversität. Sie sind ebenfalls
Produktions- und Wirtschaftsorte. Neben der Land-, Forst-,
Stadtforum StadtUmland!

Wasser- und Energiewirtschaft
befinden sich dort auch Mobilitätsadern wie Autobahnen,
Bahntrassen und internationale
Flughäfen sowie Entsorgungsanlagen wie Kläranlagen und
Abfallentsorgungszentren.
Aus der Erfahrung der regionalen Kooperation in der
polyzentirischen Metropolenregion Frankfurt/Rhein-Main weiß
Bloem, dass insbesondere bei
der Aufnahme unliebsamer Anlagen kleinere Gemeinden häufig
von größeren Städten dominiert
werden. „Es muss Misstrauen
überwunden werden und Augenhöhe hergestellt werden, damit
überhaupt ein gemeinsames
Konzept erstellt werden kann“,
so Gabriela Bloem. Arbeiten auf
Augenhöhe – das war auch die
Botschaft von Torsten Jeran
vom Barnimer Feldmark e.V.
Der Verein fördert seit über 20
Jahren die Verbesserung der
Lebens- und Arbeitsbedingungen
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„Es muss Misstrauen
überwunden werden und
Augenhöhe hergestellt
werden.“ Dr.-Ing. Gabriela Bloem
Rückblick

in der Barnimer Feldmark. Ziel
sei es, sozial verträgliche und
ökologische Strukturen im ländlichen Raum zu verwirklichen.
Insbesondere um Landschaft
erfahrbar zu machen, müssten
faire Kooperationen zwischen
unterschiedlichen Akteurinnen
und Akteuren angestoßen und
über Verträge gesichert werden.
Dabei sollten breite Gruppen
miteinbezogen werden: von
Landwirtinnen und Landwirten,
über Kommunen, Privatpersonen bis zu Vereinen, Kunst- und
Kulturschaffende sowie Initiativen u.a. Auf die Frage aus dem
Publikum wie Anreize für ökologische Landwirtschaft gegeben
werden könnten, wies Jeran auf
eine Kooperation in Brandenburg
zur Einführung von biologischem
und regionalem Essen in Kindergärten und Schulen hin.

tion des Freiraums heraus. Im
Management der Berliner Stadtgutflächen im Land Brandenburg
seien daher Freiflächensanierung, Siedlungsbegrenzung,
Erhalt und Entwicklung der Landwirtschaft sowie des ländlichen
Raums zentral. So sei es wichtig,
Freiräume für Ausgleichs- und
Ersatzmaßnahmen, für regenerative Energieerzeugung, aber
auch für bestimmte infrastrukturelle Maßnahmen bereit zu
stellen.
Insgesamt waren sich im Forum
alle einig darüber, dass aufgrund
steigender Flächenkonkurrenzen

Auch Katrin Stary von der
Berliner Stadtgüter GmbH
stellte die ökologische FunkStadtforum StadtUmland!

14/18

Rückblick

die „Grünkeile“ des Landes
Brandenburg umso mehr ein zu
schützendes und zu förderndes Gut seien. Um Freiräume vor
Zersiedelung zu schützen und
sie gleichzeitig als (Nah-)Erholungsorte attraktiv zu gestalten,
brauche es breite Kooperationen
heterogener Akteursgruppen.
Gleichzeitig ist die langfristige Sicherung von Projekten
insbesondere die finanzielle
Unterhaltung von bestehenden Projekten wichtig. Und es
lohnt sich immer ein Blick über
den Tellerrand: Im Regionalpark
RheinMain gibt es bereits 550
km Regionalparkrouten mit 300
Erlebnispunkten und zwei Besucherportalen.

Podiumsgespräch
Wie kommen wir zu mehr Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg?
Zum Abschluss des Stadtforums diskutierten die beiden
Politikerinnen aus Berlin und
Stadtforum StadtUmland!

Brandenburg gemeinsam mit
Karsten Knobbe, dem Bürgermeister einer Umlandgemeinde,
und Rainer Hölmer, einem Berliner Bezirksstadtrat, über das
Kommunale Nachbarschaftsforum und andere Formate
länderübergreifender Zusammenarbeit. Moderiert wurde
das Gespräch von Matthias von
Popowski von der Geschäftsstelle
des Kommunalen Nachbarschaftsforums und der Complan
Kommunalberatung.
Ministerin Kathrin Schneider
machte deutlich, dass es im Flächenland Brandenburg auch
andere Interessen gibt als in
Berlin-Mitte, „aber gemeinsames Ausdiskutieren und Handeln
bringt uns besser voran. Wir
müssen die Region als eine
gemeinsame Region zum Leben,
zum Wohnen und Arbeiten
betrachten.“
Rainer Hölmer, Bezirksstadtrat für Bauen, Stadtentwicklung
15/18

„Wir müssen die Region
als eine gemeinsame Region
zum Leben, zum Wohnen und
Arbeiten betrachten.“ Kathrin Schneider
Rückblick

und öffentliche Ordnung in Treptow-Köpenick, betonte, dass
sowohl eine tragfähige organisatorische Struktur als auch
gute Projekte einer funktionierenden Kooperation förderlich
seien: Er plädierte dafür, die
„Durchschlagskraft“ im Kommunalen Nachbarschaftsforum
weiter zu stärken. Das Bündnis
aus Brandenburger Städten und
Gemeinden sowie Berliner Bezirken arbeite auf freiwilliger Basis
zusammen, einen höheren Institutionalisierungsgrads halte er
nicht für nötig.
Hölmer unterstrich die Bedeutung
von konkreter Projektarbeit, etwa
der Einrichtung einer gemeinsamen Feuerwehr oder von Kitas
und Schulen, die von Kindern
diesseits und jenseits der Landesgrenze besucht werden können.
Der Bürgermeister von Hoppegarten, Karsten Knobbe, sprach sich
dafür aus, dass Brandenburger
Kommunen in der Übernahme
von Trägerschaften länderüberStadtforum StadtUmland!

greifender Projekte eine stärkere
Rolle spielen sollten, sodass die
Zusammenarbeit mehr ist als bloßer Informationsaustausch.
Hölmer und Knobbe betonten,
es sei wichtig, dass sich Bezirke
und Umlandgemeinden „auf
Augenhöhe“ begegnen. Dem
hielt Katrin Lompscher deutliche
„Asymmetrien“ auf Ebene der
Verwaltungsstrukturen und der
Einwohnerzahlen von Bezirken
mit 240.000 und Gemeinden mit
2.400 Einwohnerinnen und Einwohnern entgegen.
„Auch wenn man Augenhöhe
verabredet, gehen die Asymmetrien ja nicht weg.“ Es sei
schwierig, hier Verbindlichkeit
herzustellen. „Deshalb müssen
wir über Projekte verbindliche
Entscheidungen herstellen“, so
Lompscher.
Die Senatorin empfahl die
Übernahme von Arbeitsweisen
wie „Y-Vermerken“ wie in der
Gemeinsamen ­Landesplanung:
16/18

Rückblick

„Da geht dann ein Vorgang
sowohl zu Frau Schneider in
Brandenburg als auch zu mir
nach Berlin. So könnten es
benachbarte Gemeinden und
Bezirke auch machen, wenn sie
einen Radweg oder eine Kita
planen, ihnen aber das Geld
fehlt. Dann müssten sie sich an
die jeweilige Landesebene wenden.“ Dort könne man darüber
reden, wie das Projekt finanziert
werde. In ihrem Schlusswort
kündigte Lompscher an, bei der
kommenden gemeinsamen Kabinettssitzung entsprechende
Eckpunkte zu formulieren.

Zum Abschluss der Veranstaltung dankte Moderatorin Dr.
Cordelia Polinna allen Beteiligten
für die spannenden Diskussionen
und die vielfältigen Anregungen
für eine noch bessere Kooperation zwischen Berlin und
Brandenburg.

Vorbild könnte das Sondervermögen Infrastruktur für die
wachsende Stadt und Nachhaltigkeit (SIWANA) sein, aus dem Berlin
unterstützende Maßnahmen für
den Wohnungsbau bezahlt. „Über
so einen Fonds könnte man auch
länderübergreifende Projekte
mitfinanzieren.“

Stadtforum StadtUmland!

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Herausgeber
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen
Württembergische Straße 6, 10707 Berlin
www.stadtentwicklung.berlin.de
Inhalte und Bearbeitung
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen
Referat Stadtentwicklungsplanung
Thorsten Tonndorf, Referatsleiter Stadtentwicklungsplanung
Elke Plate, Projektleitung
Anja Zahn, Projektteam
Silke Robel, Projektteam
Durchführung und Dokumentation
Urban Catalyst GmbH
Dr. Cordelia Polinna, Sarah Oßwald, Luca Mulé
Glogauer Straße 6, 10999 Berlin
E-Mail: stadtforum@urbancatalyst-studio.de
büro frauns kommunikation | planung | marketing
Elke Frauns
Schorlemerstraße 4, 48143 Münster
E-Mail: info@buerofrauns.de
Text
Rainer Müller, TextUrban Redaktionsbüro, Hamburg
Bildnachweis
Alle Fotos: Till Budde, © Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen
Grafik: Tom Unverzagt
Berlin, November 2018
        
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