74 ^kstadt-Dokumente Bd. 45. Grotzstüdt. Wohnungselend.
aus eigener Anschauung kennt; eher müssen wir den
Vorwurs des Gegenteils fürchten, denn wir haben eine
Gruppe von Großstadtbewohnern gar nicht erwähnt:
die Obdachlosen; alle diejenigen, die nicht einmal in
der billigsten und scheußlichsten Schlafstelle, in der
niedrigsten Penne einen Unterstand mehr finden, frierend,
hungernd, bettelnd durch die Straßen ziehen, bei mildem
Wetter in einer Laubenkolonie, aus Neubauten oder aus
dem Rasen eines Parks nächtigen und an kälteren,
nassen Abenden den Marterweg zum städtischen Obdach
oder zum Hause des Asylvereins ziehen. Es gehört in
der Tat die Feder eines Heijermanns, der Griffel eines
Klinger dazu, um die Obdachsnot, den Jammer dieser
Schiffbrüchigen zu schildern. Wer einmal nur dort einen
Blick in den Malstrom des Großstadtlebens geworfen
hat, der begreift wohl, daß einer oder der andere der Unglücklichen an den ersten besten Schutzmann herantritt
und eine derbe Majestätsbeleidigung ausstößt, um in
das immer noch menschlichere Gefängnis zu kommen,
begreift aber nicht, warum denn alle die anderen vor
dem gleichen Tun zurückbeben. Sie sollten ihre Stimmen
zu einer einzigen ungeheueren gellenden Menschheitsbeleidigung vereinigen! Die Rache der Gesellschaft
würde ihnen dann vielleicht gewähren, was die Gleichgültigkeit ihnen versagt!
Von Zeit zu Zeit hören wir von den Statistikern,
daß sich die Lebenshaltung der Massen gehoben habe.
Der Geldlohn der Handarbeiter ist in der Tat in den
letzten Jahrzehnten gestiegen, in manchen Fällen sogar
beträchtlich. Aber vorschnellem Urteil und weitgehenden
Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache halte ich nur eine