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Full text: Großstädtisches Wohnungselend / Südekum, Albert

Großstadt-Dokumente Bd. 45. Großstadt. Wohnungselend. 73

chr Leid geklagt, daß die Not sie in unsaubere und mit Ungeziefer aller Art behaftete Wohnungen oder in sogenannte „Leichenkammern" zwang. Mit „Leichenkammern" bezeichneten sie Räume, in denen rasch hintereinander Insassen an bestimmten ansteckenden Krankheiten, z. V. Lungenschwindsucht oder Krebs gestorben waren' Daß es in jeder Großstadt derartige Infektionshöhlen gibt, wissen die Hygieniker. Aus der Ausstellung zum XIV. Internationalen Kongreß für Hygiene und Demo-graphie im Jahre 1907 zu Berlin hatte ein Stabsarzt aus Posen Pläne jener Stadt ausgestellt, auf denen für eilte Reihe von Zähren die Todesfälle an Tuberkulose und Krebs mit verschiedenfarbigen Punkten auf die Sterbehäuser eingetragen waren: da konnte man die Existenz dieser „Leichenkammern", fern vom Schuß, studieren. Wie vielen von den Betrachtern der Tafel wohl die Erkenntnis aufgedämmert fein mag: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung gerade so gut töten, wie mit einer Axt?" Wie viele mögen wohl einmal zu ermessen versucht haben, was es für einen wackeren Lebenskämpfer heißt, nicht nur sich selbst, nein, auch eine alte liebe Wegesgefährtin in die „Leichenkammer" zu führen, weil — nur gerade dafür noch die Miete erschwinglich ist?

So ist der Kreis geschlossen.

Vom ersten Lebensschrei bis zum erlöschenden Todes-röcheln haben wir ein Individuum, das für viele Millionen steht, in den großstädtischen Wohnungsverhältnissen der Minderbemittelten begleitet. Daß wir dabei zu schwarz gemalt hätten, kann und wird niemand behaupten, der „die andere Seite" unseres Volkslebens
        
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