Großstadt-Dokumente Bd. 46. Großstadt. Wohnungselend. 71
ihnen zu lernen, sowohl was die Tätigkeit der Gemeinden
angeht, wie in Sachen der planmäßigen Dezentralisation
großstädtischer Bevölkerung.
Lang war diese Abschweifung. Wir müssen aber noch
einmal zu jenem Punkte zurückkehren, wo wir den Faden
unserer Darstellung eines Proletarierlebens fallen ließen.
Wir sahen, daß ein erheblicher Teil der minderbemittelten
Großstadtbevölkerung zu einer gewissen Zeit seines Lebens
— nämlich nach dem Verlassen des elterlichen Heims und
bis zu der Gründung einer eigenen Familie — den Gefahren des Schlafstellenwesens ausgesetzt ist. Man muß
sich diesen Prozeß ungefähr so vorstellen, wie den regelmäßigen Ablauf des Schulbetriebs: eine Stadt hat viel¬
diese Zahl kann viele Jahre hindurch fast ganz gleich
bleiben; aber die Zusammensetzung der Schülermassen
wechselt beständig, manche Kinder verlassen die Schule
und andere treten an ihre Stellen ein. So auch bei den
Schlafburschen und Schlafmädchen.
Wenn nun zwei aus dieser Schar sich zum Bunde
für das Leben zusammentun und mit Hilfe des Abzahlungsgeschäfts sich den Hausrat für ihre Wohnung
anschaffen, so haben sie in der Regel Keine Aussicht auf
eine nennenswerte Verbesserung ihrer Lebensumstände
vor sich. Im Gegenteil: die Ankunft der Kinder legt
den Eltern zunächst für eine Reihe von Jahren wachsende
Lasten aus. Erleichtert werden sie für einige Zeit durch
die Beiträge der Kinder zu den kosten des gemeinsamen
Haushalts, solange sie im erwerbsfähigen Alter eben int
Eltern-„Hause" aushalten. Dann aber kommen rasch
die Jahre sinkender Einnahmen für den Proletarier.