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Full text: Großstädtisches Wohnungselend / Südekum, Albert

56 Großstadt-Dokumente 23b. 45. Grotzstäbt. Wohnungselend.

wenngleich im einzelnen die Zahlen von den Schönebergischen abweichen mögen.

Es ist bemerkenswert, wie sich die Hausbesitzer mit der Tatsache der übermäßigen Belastung der Minderbemittelten durch die Wohnungsmiete abfinden. Sie haben für ihre Ansichten einen „Gelehrten" gefunden, der von ihnen natürlich als eine überragende Autorität gepriesen wird,* einen Dr. Schiele in Naumburg; er schreibt:

„Die Miete des kleinen Mannes für einen Kubikmeter Raum steht höher als diejenige, die der Reiche zahlt, der doch kostbares Material anwendet. Warum? Weil es kostspielig, unsicher und mitunter sogar ,un-anständig' ist, an die Allerürmsten zu vermieten. Unsere Gesetze verbieten, dem Verarmten seine letzte Habe zu nehmen; sie verbieten auch, ihn auszutreiben, bevor er zweimal mit dem Mietszins rückständig wird. Liederliches Volk macht sich diese Gesetze zunutze, es zahlt nie und zieht immer. Es ist nicht jedermanns Sache, arme Mieter auf die Straße zu setzen, darum versteht sich nicht jeder Hausbesitzer dazu, die Allerürmsten zu nehmen. Gerade bi%e Mildtätigen und Weichherzigen bleiben weit weg von diesem Geschäft. Das geschieht alles zum Nachteil des ordentlichen Mannes, der auf eigenen Füßen steht. Er muß den Ausfall decken. Seine Miete ist um so höher, je mehr andere sich darum zu drücken verstehen. So versündigt sich wieder einmal Mitleid und Schwäche gerade an dem, dem geholfen werden soll. Wenn die Wohnungspolizei durchgeführt

* Vgl. Das Grundeigentum, Zeitschrift für Hausbesitzer, 1907,
        
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