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Full text: Großstädtisches Wohnungselend / Südekum, Albert

Großstadt-Dokumente Bd. 46. Großstadt. Wohnungselenh. 7

und die abgestimmte Temperatur ihrer Salongespräche durch Berührung mit den Tatsachen arg ins Schwanken geraten würden. Man kann nur so lange mit leidlicher Gelassenheit die Zustände, unter denen die übergroße Mehrheit unseres Volkes zu leben gezwungen ist, erträglich finden und ihrer Erhaltung seht politisches Interesse zuwenden, wie man von ihnen nur eine dämmernde und oberflächliche Kenntnis hat. Weisz man erst einmal, was ist, dann hört die satte Zufriedenheit, die behagliche Gleichmütigkeit mit einem Schlage auf, und jener Stachel senkt sich dem Wissenden in die Brust, den Ruskin fühlte, als er, ein unerbittlicher Richter und Recht-sucher, die strengen Worte schrieb: “Consider whether, even supposing it guiltless, luxury would be desired by any of us if we saw clearly at our sides the suffer-ing which accomplish it in the world . . . Luxury at present can only be enjoyed by the ignorant; the crue-lest man living could not sit at his feast unless he sät blindfold” (Unto This Last, pag. 226). Zu deutsch: „Überlegt einmal, ob wohl auch uur einer unter uns nach Luxus streben würde, selbst vorausgesetzt, es wäre harmlos, wenn wir des Leides Fülle, die untrennbar mit ihm verbunden ist, deutlich vor uns sähen. . . Nur ein unwissender Mensch kann sich heute ain Luxus erfreuen; der Grausamste könnte sich nicht zum Schmause setzen, wenn er nicht mit Blindheit geschlagen wäre."

Freilich täuscht man sich und andere gern mit der Behauptung, jeder liege, wie er sich gebettet habe. Aber mit den abgegriffenen manchesterlichen Redensarten von dem „Schmieden des eigenen Glückes" und der „Selbstverantwortlichkeit des Individuums" kann man wirk-
        
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