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Full text: Großstädtisches Wohnungselend / Südekum, Albert

12 Großstadt-Dokumente Bd. 45. Großstadt. Wohnungselend.

Glanz und Glast. In diesem Moment erhob sich die Tischgesellschaft; man sah wie sie sich die Hände schüttelten und sich vor einander verneigten, bevor die Herren zum Likör und zu den Zigarren gingen; einen Augenblick später trat ein befrackter Jüngling an der Seite einer prachtvoll gekleideten Dame an das Fenster. Er schaute verwundert aus den Mann, der dort mit beiden Händen das Gartengitter gefaßt hatte und, den Kopf dicht angelehnt, hindurchfpähte. Langsam hob er ein Monokel und schob es in das Auge. Plötzlich spie der Arbeitslose in weitem Bogen vor den beiden satten Zuschauern aus; dem befrackten Herrn fiel das Monokel aus dem Auge. Langsam und schlürfenden Schrittes ging der Arbeitslose hinter seinen vorausgeeilten Geführten her.

So nah berühren sich die Gegensätze, mit so furchtbarer Härte stoßen Hunger und Sättigung, Not und Verschwendung, Verzweiflung und Blasiertheit in unserer großstädtischen Gesellschaft aufeinander. Ich hätte mich damals nicht gewundert, wenn der Arbeitslose, dem man ansah, wie ihn die letzten Wochen mitgenommen hatten, in blinder Wut nach irgend einem Stein gegriffen hätte, um ihn mitten zwischen die tafelnde Gesellschaft zu werfen, nur um sie zu stören und zu schrecken. Daß er es nicht tat, war gewiß vom Standpunkte der bürgerlichen Ordnung aus besser und bewahrte ihn vor einer schweren Bestrafung „im Namen des Königs" und — des Rechts. Aber die Geduld, mit der die breiten Massen des Volkes ihr schweres Los tragen, mit der sie vor allen Dingen in den jammervollsten Wohnungsverhältnissen ausharren, ist doch nur aus der abstumpfenden Kraft des Elendes
        
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