Creator:
Schnur, Olaf
Publication:
Berlin: Vhw-Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, 2018
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365598
Path:
Nummer 25

vhw werkSTADT

Oktober 2018

Renaissance des Lokalen –
Quartiere im Fokus von
Wissenschaft und Politik

Olaf Schnur

Nur wenige erinnern sich an die früher allseits bekannte „Bolte-Zwiebel“ – und das ist
keine Überraschung. Mit der eingängigen
Darstellung in Form einer Zwiebel teilte der
Soziologe Karl Martin Bolte die Gesellschaft
der Moderne der 1960er Jahre in eine (überschaubare) Unterschicht, eine kleine Oberschicht sowie in einen großen Mittelstandsbauch ein – in der Tat ein Konzept von Gestern, denn die Zeitdiagnosen könnten klarer
und deutlicher nicht sein: Spätestens seit
den 1990er Jahren nehmen die sozioökonomischen Ungleichheiten in westlichen Gesellschaften immer mehr zu.

Neighborhood Revisited:
Veränderte politisch-ökonomische
Rahmenbedingungen der
Quartiersentwicklung
In der wissenschaftlichen Literatur wird dies
von vielen Autoren als Übergang von einer
„fordistischen“ zu einer „postfordistischen“
politisch-ökonomischen Konstellation gedeutet – also als die Auswirkungen der ökonomischen Globalisierung und der damit verbundenen, tendenziell an Kapitalinteressen ausgerichteten Politikformen. Betrachtet man parallel dazu gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen, so stellt man – im analogen Übergang
von der Moderne zur Postmoderne – nicht nur
eine Restrukturierung herkömmlicher Ökonomien und Politiken, sondern auch eine Auflösung traditioneller Lebens- und Haushaltsformen sowie eine Ausdifferenzierung neuer Lebensstile fest. Die soziale Polarisierung und
Diversifizierung schlägt sich auch räumlich nieder und dies insbesondere in Großstädten,
was sich als Segregation und Fragmentierung

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„Reclaiming our city!“ – Recht auf Stadt,
Berlin-Kreuzberg, Foto: © Olaf Schnur

manifestiert. Während sich einerseits benachteiligte Bevölkerungsgruppen zunehmend in
bestimmten Quartieren konzentrieren, versuchen immer mehr wohlhabende Haushalte,
ihre Wohnsituation zu verbessern, indem sie
Quartiere und Nachbarschaften nachfragen,
die zu ihrem Milieu passen. Dies geschieht
nicht immer ohne sozial-räumliche Konflikte,
wie man an der zunehmenden Anti-Gentrifizierungs-Bewegung (z. B. „Recht auf Stadt“)
oder global an Unruhen in benachteiligten
Quartieren ablesen kann, und hat zu entsprechenden Politikformen geführt (z. B. „Soziale
Stadt“).

Neighborhood Reloaded?
Gesellschaftliche Relevanz der
Quartiersebene
Angesichts der Globalisierung und der damit
verbundenen "Entankerung" der Menschen,

vhw werkSTADT, Nummer 25, Oktober 2018

deren Sozialbeziehungen u. a. durch Telekommunikation, soziale Medien und billige Flugreisen immer größere Distanzen überbrücken, erscheint es vordergründig erstaunlich, dass
Quartiere als kleinräumliche lokale Einheiten
eine Renaissance erleben sollten. Das Paradoxon der wachsenden Bedeutung des Lokalen im globalen Zeitalter ist aber erklärbar. Der
Soziologe Roland Robertson hat hierfür den
Begriff der „Glokalisierung“ geprägt, mit dem
zum Ausdruck kommt, dass wir uns zwar zunehmend global vernetzen, in der „neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas) der Postmoderne jedoch auch nach lokalen Bezugspunkten streben, die eine gewisse Kontinuität
aufweisen und möglichst „zu uns passen“.
Inwieweit die Ressourcen des näheren Wohnumfelds jedoch eher optional-freiwillig genutzt werden oder einen Zwangscharakter offenbaren, hängt unter anderem von der Lebenslage, dem Lebensstil und dem Lebenszyklus der Menschen ab. Zusammen mit der zunehmenden Individualisierung, der wachsenden räumlichen Mobilität und der erwähnten
sozialen Polarisierung entstehen neue Formen
von Quartieren. Dabei kann man grob zwischen drei Quartierstypen unterscheiden, mit
denen idealtypisch lokale Lebenswelten aufgezeigt werden:
Marginalisierte Quartiere: In diesen Verliererzonen der Globalisierung sind insbesondere
drei Gruppen auf das Quartiersumfeld als Ressource angewiesen: zugewanderte, arme bzw.
arbeitslose und alte Menschen. Abhängig von
deren Lebenslage, d. h. deren Einkommens-,
Bildungs- oder Teilhabe-Chancen sowie vom
Lebenszyklus, in dessen Phasen wir unterschiedlich mobil sind, werden Angebote aus
dem Quartier – von kommunaler Infrastruktur

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Marginalisiertes Quartier „Brunnenviertel“ in
Berlin-Wedding, Foto: © Olaf Schnur

bis zu privater Nachbarschaftshilfe – mehr
oder weniger intensiv genutzt. Hält ein Quartier entsprechende Ressourcen nicht bereit,
kommt es zu einer weiteren Marginalisierung
als „Quartierseffekt“.
Bürgerliche Quartiere: In diesen Mittelschicht- und Oberschichtquartieren trifft man
auf Haushalte, die sich in der Regel in allen
Segmenten des Wohnungsmarktes frei bewegen können. Auf Quartiersressourcen sind sie
kaum angewiesen, weil sie über ausreichende
materielle Grundlagen verfügen. Nachbarschaft entsteht hier eher aufgrund ähnlicher
Präferenzen (z. B. Privatheit, Sicherheit) als
aufgrund von Bedürftigkeit.
Postmoderne Quartiere: Während im vorherigen Quartierstyp eher „bürgerliche“ Lebensstile vorzufinden sein werden, verweisen die
Quartiere, die hier vereinfacht "postmodern"

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Quartiersforschung heute: Fäden
aufgreifen, Perspektiven
entwickeln
Das in den letzten Jahren – um akademische
und politische Themen herum – entstandene
Feld der Quartiersforschung (vgl. www.quartiersforschung.de), geht auf eine lange Tradition zurück, die bis in die Anfänge der Stadtforschung reicht. Man kann acht wissenschaftliche „Portale“ identifizieren, die jeweils
eine spezifische Perspektive auf das Quartier
und in der Zusammenschau ein differenzierteres Bild des Quartiers ermöglichen:
Chicagoer Schule der Sozialökologie
Kreativquartier „Kreuzkölln“ in Berlin,
Foto: © Olaf Schnur

genannt werden, auf eine plurale Bewohnerschaft mit experimentellen, auch postmaterialistischen Lebensstilen. Häufig verschmelzen
Wohnen und Arbeit im Quartiersalltag, was in
kreativen Berufen oft als konstitutiv angesehen wird. Nicht selten stellen solche „Kreativquartiere“ genau die Zonen der Stadt dar, in
denen Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse stattfinden.
Generell ist beobachtbar, dass insbesondere in
Großstädten Quartiere und Nachbarschaften
eine wesentliche Perspektive für viele Haushalte darstellen – sei es als Unterstützungsnetzwerk, Kontaktbörse oder Identitätsangebot. Neue Mosaiksteine des Lokalen stellen
auch manche Formen der Collaborative Consumption (d. h. tauschbörsenartige Internetplattformen), der Cooperative Spaces (d. h.
flexible, gemeinsam genutzte Büroflächen)
von Freelancern o. ä. dar, die ein Wohnviertel
zu einem „Quartier 2.0“ machen.

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So zählt die Chicagoer Schule der Sozialökologie der 1920er Jahre zu den einflussreichsten
Denkschulen der Quartiersforschung. Bekannt
geworden durch ihre Stadtmodelle sind es eher die grundsätzlichen Vorstellungen von
darwinistischem Standortwettbewerb und
Zyklizität der Quartiersentwicklung, welche
heute noch einen hohen Erklärungswert aufweisen. So wurden Quartiere als quasi-natürliche durch Selektionsprozesse entstehende
„natural areas“ in der Stadt verstanden und
der Quartierswandel als Abfolge von Invasions- und Sukzessions-Zyklen ähnlich wie in der
Ökologie beschrieben. Diese Vorstellungen
werden bis heute aufgegriffen, zum Beispiel,
wenn es um Flächennutzungszyklen oder um
Gentrification geht.
Wirtschaftswissenschaften
Auch aus dem Bereich der Ökonomie existieren kleinräumige Theorieansätze: So sind aus
der neoklassischen Ökonomie vor allem das
Filtering- und das Arbitrage-Modell bekannt.

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Während man unter Filtering das Nachrücken
einkommensschwächerer Haushalte in durch
Neubau frei werdende höherwertige Wohnungen versteht, geht es beim Arbitrage-Modell um die Dynamik von Mikromärkten, die
sich bei unmittelbarer Nachbarschaft "besserer" und „schlechterer" Quartiere herausbilden.
Bevölkerungsgeographie
Angesichts der heutigen demographiepolitischen Agenda werden bestimmte Ansätze aus
der Bevölkerungsgeographie relevant, darunter z. B. das frühe Modell der „Bevölkerungswelle“, das insbesondere in Umbruchquartieren mit homogen alternder Bewohnerschaft
Aussagekraft besitzt. In jüngerer Zeit sind vermehrt anwendungsorientierte Studien genau
an der Schnittstelle zwischen Quartier und Demographie durchgeführt worden.
Soziographie und Community Studies
Die soziographische Perspektive auf das Quartier geht auf sehr prominent gewordene Forschungsarbeiten zurück, wie z. B. die „Marienthal-Studie“ oder die „Middletown“-Studien. Diese und andere Studien haben gemeinsam, dass sie eine lokale „Community“ in
all ihren Facetten analysieren. Durch diesen
ganzheitlichen Anspruch und die programmatische Offenheit entstand eine große Methodenvielfalt und Experimentierfreude, welche
heute zu einer teilweisen Renaissance der soziographischen Idee geführt hat.
Nachbarschaftsforschung
Ein weiteres Portal, über das man sich dem
Quartier annähern kann, ist im weitesten
Sinne die Nachbarschaftsforschung. Neben

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der klassischen Nachbarschaftstheorie von
Bernd Hamm aus den 1970er Jahren spielen
hier Aktionsraumstudien oder die Perzeptionsforschung eine Rolle, die z. B. durch MentalMap-Studien bekannt wurde. Ein weiterer
Strang der Nachbarschaftsforschung hat sich
in lebensweltorientierten Studien herauskristallisiert, die auf dem interpretativen Paradigma beruhen, also qualitative, alltagsbezogene Herangehensweisen an das Quartier präferieren. In diesem Kontext sind auch Arbeiten
zu nennen, die sich mit Heimat und Ortsbindung, Nachbarschaftsnetzwerken und Sozialkapital beschäftigen sowie subkulturalistische
Quartiersstudien, vor allem in der Getto- und
Milieuforschung.
Governance-Forschung
Das heterogene Feld der Governance-Forschung verfügt ebenfalls über Schnittstellen
zum Quartier. In diesem Zusammenhang ist
vor allem die Stadtregimetheorie zu nennen,
die davon ausgeht, dass Stadt- (und Quartiersentwicklung) inzwischen auf einem neuen,
netzwerkartigen Steuerungsmodus beruht,
der das Verhältnis zwischen öffentlicher Hand
und privaten Akteuren verschiebt. Auch die
Neue Institutionenökonomik geht auf die verschwindenden Grenzen zwischen Markt und
Staat sowie zwischen individuellem und kollektivem Handeln ein.
Neomarxistische Stadtforschung
Einen spezifischen Zugang zu Quartier bieten
neomarxistische Forschungsansätze (z. B. die
Regulationstheorie). Hier sind die Arbeiten des
amerikanischen Geographen David Harvey
hervorzuheben, der sich vor allem mit dem Immobiliensektor befasst hat, der, so die These,

vhw werkSTADT, Nummer 25, Oktober 2018

seit den 1970er Jahren zum neuen Spielfeld
globaler Kapitalakkumulation wird, was insbesondere in den Städten räumlich wirksam
wird. Das Quartier freilich stellt im Bereich der
Wohnimmobilien den Ort und den Kontext
der Kapitalakkumulation schlechthin dar
(Stichworte Subprime-Krise, Gentrification).
Auch die so genannte Raumtriade des viel zitierten französischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre eröffnet der Quartiersforschung neue Perspektiven, indem das nähere Wohnumfeld als ein Produkt von „erfahrener, gelebter und erdachter“ Räumlichkeit
verstanden wird.

ob die herkömmlichen räumlichen Kategorien
überhaupt sinnvoll sind (Debatte um den sog.
„Containerraum“). So zeigt die Alltagspraxis
im Programm „Soziale Stadt“, dass das
„Quartier“ für die beteiligten Akteure (Verwaltung, Bewohner etc.) unterschiedliche Bezüge und Abgrenzungen aufweist: Missverständnisse sind vorprogrammiert. Neuere
handlungstheoretische Ansätze betrachten
Raum und die Kategorie „Quartier“ deshalb
als soziale Konstruktionen und erforschen vor
allem, wie diese Konstruktionen zustande
kommen (und nicht, was der Raum-„Container“ enthält).

(Post-)strukturalismus und neue
Handlungstheorien

Dass gerade der relativ neutrale Begriff „Quartier“ heute eine derartige Popularität in Wissenschaft und Politik erlangt hat, hängt mit
den jüngeren akademischen Diskursen zusammen. So wird anders als etwa beim „Kiez“

Zuletzt spielen noch (post)-strukturalistische
und neuere handlungstheoretische Ansätze
eine Rolle. Als gegeben betrachtete, scheinbare Wahrheiten werden hier vielfach, auch in
Bezug auf das Quartier, infrage gestellt und
dekonstruiert (z. B.
Jacques Derrida oder
Michel Foucault). So
sind aus dieser Perspektive Begriffe wie
"Problemquartier"
zu kritisieren oder
das „Quartier“ als
diskursives
Konstrukt zur politischen
und sozialen Machtausübung in Frage
zu stellen (vgl. „Soziale Stadt“). Raumtheoretische
Betrachtungen zweifeln außerdem an, Abbildung: Quartier als „Fuzzy place“

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Quelle: Olaf Schnur 2014

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nicht unbedingt eine Gemeinschaft, ein Lebensmodell oder ein qualitativer Status hineininterpretiert. Außerdem entzieht sich der Begriff Quartier im Vergleich etwa zu administrativen Bezeichnungen wie „Ortsteil“, „Stadtviertel“ oder „Bezirk“ einer genauen Abgrenzung ebenso wie einer einfachen Definition.
Dies steht in direktem Zusammenhang mit den
geschilderten Rahmenbedingungen von Wohnort und Nachbarschaft heute: Was man unter
einem Quartier versteht, ist hochgradig abhängig vom Betrachter. Es kann deshalb auch
keine allgemeingültige Begriffsbestimmung
von Quartieren geben. Dennoch soll die folgende neuere, sozialgeographisch orientierte
und auf den aktuellen Erkenntnissen der Forschung beruhende Definition nicht unerwähnt
bleiben: Demnach ist ein Quartier „…ein kontextuell eingebetteter, durch externe und interne Handlungen sozial konstruierter, jedoch
unscharf konturierter Mittelpunkt-Ort alltäglicher Lebenswelten und individueller sozialer
Sphären, deren Schnittmengen sich im räumlich-identifikatorischen Zusammenhang eines
überschaubaren Wohnumfeldes abbilden“
(Schnur 2014, S. 43). Damit wird das Quartier
zu einem „Fuzzy Concept“ (s. Abbildung),
dessen Unschärfe sowohl in der subjektiven
Perspektive als auch in der Abgrenzung besteht – eine ausgesprochen handlungsrelevante Erkenntnis.

Keimzelle Kiez: Warum wir mehr
Quartier brauchen
Wir können festhalten: Es existiert eine bunte,
anspruchsvolle und praxisrelevante Forschungskulisse in verschiedenen Disziplinen
mit einer enormen diskursiven Vielfalt. Daraus

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Nachbarschaftsgärten in „Kreuzkölln“
(Berlin), Foto: © Olaf Schnur

lassen sich drei Attribute des Quartiers herauskristallisieren. Es ist mit üblichen Methoden
„nicht greifbar“, „de facto“ jedoch in unserer
Alltagswelt fest verankert und durch verschiedenste Akteure in seiner Entwicklung
„gelenkt“:
•

Das „nicht greifbare Quartier“ als subjektives und soziales Konstrukt und sozialräumliche Zwischenebene ist schwer zu
definieren und abzugrenzen: Administrative Grenzziehungen sind notwendig, bleiben jedoch unbefriedigend, weil eine
räumliche Verdinglichung wissenschaftstheoretisch ebenso wie alltagspraktisch
abzulehnen ist.

•

Nichtsdestotrotz gibt es ein „de-factoQuartier“: Aufgrund seiner anthropophilen Maßstäblichkeit – trotz der Globalisierungstendenzen und IuK-Technologien –
ist das Quartier de facto einer der wichtigsten lebensweltlichen Bezugspunkte der

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Menschen. Im Quartier ist die Betroffenheit von dynamischen Effekten (z. B.
Schrumpfen oder Wachsen der Gesamtstadt) de facto am spürbarsten. Quartiere
stellen de facto Orte ungleich verteilter Potenziale und Defizite dar.
•

Und: Das „gelenkte Quartier“ zeichnet
sich zuletzt dadurch aus, dass es schon immer und seit einigen Jahren noch verstärkt
eines der wichtigsten Handlungsfelder seitens der kommunalen, planerischen und
wohnungswirtschaftlichen Akteure darstellt. So wird die Quartiersebene produktiv genutzt (z. B. im „Quartiersansatz“ der
sozialen Stadtentwicklung), aber auch instrumentalisiert (z. B. als verkaufsförderndes Umfeld oder als qua Territorium erzwungene
„Verantwortungsgemeinschaft“).

Trotz der Forschungsvielfalt bleiben viele Fragen offen, weswegen eine intensivierte Forschung und die entsprechende Förderung notwendig erscheinen – auch im Hinblick auf die
Funktion der Wissenschaft als Ideengeber und
Korrektiv im politischen Prozess. So sind theoretische und empirische Arbeiten, die Definitionen und Abgrenzungsmöglichkeiten von
Quartier weiter konzeptualisieren, ausgesprochen relevant. Quartiersforschung ist wichtig,
weil wir genauer wissen müssen, worüber wir
eigentlich reden.
Ziel sollte es sein, als Kernpunkt der Stadtentwicklungspolitik die Quartiersstrukturen weiter gezielt und adäquat zu fördern. Dazu müssen Quartiere – ähnlich wie in den neueren
„Portalen“ angedeutet – in ihrer Komplexität
als gesellschaftliche, ökonomische und politische Produkte sowie als subjektive und soziale
Konstruktionen verstanden werden. Quartiere

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stellen auch keine insulären Erscheinungen
dar: Sie sind immer in einen gesamtstädtischen oder sogar noch weiter gefassten (globalen) Kontext eingebunden. Außerdem muss
klar sein, dass es bei Quartierspolitik trotz aller
Potenziale einer verstärkten Teilhabe nicht um
ein simples Abwälzen von Verantwortung auf
benachteiligte Gruppen oder um eine Substitution von Steuergeldern durch „Selbsthilfe“,
„Ehrenamt“ oder „Aktivierung“ gehen kann.
Hier ist es wichtig, noch einen Schritt weiterzugehen und die Chancen einer demokratischen Erneuerung „von unten“ und die Schaffung demokratischer Grundstrukturen auf der
Quartiersebene (und zwar nicht nur in „benachteiligten“ Gebieten) auszuloten – eine
Idee, die im Übrigen der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber („Starke Demokratie“) schon vor 30 Jahren hatte. Was im
Rahmen von Modellprojekten, z. B. mit Quartiersräten und Quartiersbudgets, und als
Nachbarschaftshilfe 2.0, z. B. durch Shared
Economy-Projekte, schon begonnen hat,
könnte – wie das Wirtschaftsmagazin
„enorm“ kürzlich titelte – als „Keimzelle Kiez“
eine aushandlungsorientierte, interaktive und
kommunikative Zukunft begründen, ähnlich
wie sie Henri Lefebvre schon in den 1970er
Jahren als urbane Utopie skizziert hatte.
Dieser Text erschien in leicht abgewandelter
Form im vom Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des
Landes NRW herausgegebenen „Bericht zur
Stadtentwicklung 2013 – Quartiere im Fokus“ (S. 6-10).

vhw werkSTADT, Nummer 25, Oktober 2018

Weiterführende Literatur
Schnur, Olaf (2014): Quartiersforschung im
Überblick – Konzepte, Definitionen und aktuelle Perspektiven. In: ders. (Hrsg.) (2014):
Quartiersforschung zwischen Theorie und Praxis. Springer VS, Wiesbaden, 2. Auflage: S. 2156.

Impressum
vhw werkSTADT
ISSN 2367-0819
Erscheinungsort
Berlin
Herausgeber
vhw – Bundesverband für Wohnen und
Stadtentwicklung e. V.
Vorstand: Prof. Dr. Jürgen Aring
Sitz der Redaktion
Bundesgeschäftsstelle des vhw e. V.
Fritschestraße 27/28
10585 Berlin
Telefon: +49 30 390473-230
Telefax: +49 30 390473-190
werkstadt@vhw.de
www.vhw.de
8

Autoren
Olaf Schnur,
Wissenschaftliche Leitung und Bereichsmanagement vhw e. V.
Grundlayout
DCM Druck Center Meckenheim GmbH
www.druckcenter.de
Erscheinungsweise
unregelmäßig
Bezug
Alle Ausgaben der vhw werkSTADT sind
unter: http://www.vhw.de/publikationen/
kostenfrei herunterzuladen.
Titelbildquellen: © Olaf Schnur

vhw werkSTADT, Nummer 25, Oktober 2018
                            
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