Creator:
Hallenberg, Bernd
Publication:
Berlin: Vhw-Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, 2018
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365586
Path:
Identität, Teilhabe und das Leben vor Ort

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland –
vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018
Bernd Hallenberg

vhw - Schriftenreihe 10

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Inhalt

Inhalt
1

Hintergrund und Ziele des Surveys

1

2

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

7

2.1 Zum Konzept der Sozialen Milieus

7

2.2 Vom alten zum neuen Migrantenmilieumodell

3

4

5

6

7

8

2.3 Veränderungen in den Milieus gegenüber 2008

13

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung,
Religion und Rollenbilder

17

3.1 Integration unter den Bedingungen von Vielfalt

17

3.2 Integration und Zugehörigkeit in der Befragung

20

3.3 Die Bedeutung und Rolle der Religion für die Migranten in Deutschland

25

3.4 Religion und Religiosität in der Befragung

27

3.5 Rollenbilder: Familie und Geschlechter

31

Das Zusammenleben in Deutschland

36

4.1 Die Bewertung des Zusammenlebens in der Gesellschaft und
seiner Entwicklung

36

4.2 Interkulturelle Kontakte und Kontakthäufigkeit

40

4.3 Diskriminierungserfahrungen: Bereiche, Häufigkeit und Entwicklung

43

4.4 Exkurs: Die Bewertung der Zuwanderung und die Aufnahme
der Geflüchteten in Deutschland

52

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen,
Intermediäre, Beteiligung

56

5.1 Informationsinteresse und Mediennutzung

58

5.2 Einstellungen zur Politik und zur gesellschaftlichen Entwicklung

59

5.3 Interessenvertretung durch Politik und Intermediäre aus migrantischer Sicht

61

5.4 Mitgliedschaften in Vereinen, Initiativen und Parteien

63

5.5 Bürgerbeteiligung – Einstellungen und Teilhabe

64

Die lokale Alltagsebene: Bedürfnisse, Nutzung und Einstellungen
zum öffentlichen Raum und zum Wohnen

70

6.1 Der öffentliche Raum: Nutzung, Wahrnehmungen, Regeln

70

6.2 Migranten und Wohnen: Realitäten und Bedürfnisse

74

Fazit und Ausblick

85

Anhang: Zusammensetzung der Stichprobe

91

Verzeichnis der Diagramme und Grafiken

92

Verzeichnis der Tabellen

93

Literaturverzeichnis

94

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

1 Hintergrund und Ziele
des Surveys
Seit vielen Jahren ist Deutschland ein Einwanderungsland, für
Menschen innerhalb und außerhalb Europas. Von Aus- und
Übersiedlern, Arbeitsmigranten, die seit den 1950er Jahren angeworben wurden, über Zuwanderer aus Osteuropa nach der
Grenzöffnung 1989/91, Menschen aus den vielen neuen EU-Mitgliedern bis hin zu jenen, die Schutz vor Krieg, Verfolgung und
Perspektivlosigkeit suchen: Das Spektrum ist breit. Erst im Herbst
2018 soll dieser Realität auch durch ein „längst überfälliges“
Einwanderungsgesetz entsprochen werden, dessen Fokus auf
dem Fachkräftemangel liegt1.
Zuvor hatte die breite Flüchtlingszuwanderung seit 2015 die
Debatte über Zuwanderung und Integration – und damit über
den Umgang mit zunehmender „Vielfalt“ in der Gesellschaft
– voll entfacht und ins Zentrum eines weithin polarisierten gesellschaftlichen, politischen aber auch akademischen Diskurses
gerückt. Ein Ende derartiger Migrationsbewegungen ist nicht zu
erwarten, zumal in den kommenden Jahren und Jahrzehnten
neben Krieg, sozialer Not und ökonomischer Perspektivlosigkeit
neue Migrationsgründe mit weitreichenden Folgen hinzutreten,
wie etwa der Klimawandel2.
Kurzum: Vielfalt ist längst zu einem nicht umkehrbaren Faktum
der Gesellschaften des 21. Jahrhunderts geworden. „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“ – so betitelt die Bertelsmann-Stiftung einen aktuellen Sammelband3, der Wege aufzeigen soll,
mit den erweiterten Herausforderungen – insbesondere auch
kultureller Vielfalt – umzugehen. Damit sich Chancen und Po-

Hintergrund und Ziele des Surveys

tenziale von Vielfalt entfalten können, gilt es, so die Autoren,
„in der schwierigen Gemengelage aus inneren Widerständen
und einem widrigen äußeren Umfeld einen Weg zu finden, bisherige Errungenschaften im Umgang mit kultureller Vielfalt zu
bewahren und die vielfältige Gesellschaft im Einklang mit freiheitlich-demokratischen Werten weiterzuentwickeln, ohne eine
weitere Polarisierung der Gesellschaft zu befördern“4.
Mit zunehmender Vielfalt umzugehen, den sozialen Zusammenhalt zu bewahren oder dort, wo er brüchig geworden ist,
wiederherzustellen, eine gerechte Teilhabe für alle Teile der Gesellschaft zu ermöglichen, dabei unterschiedliche Identitäten
anzuerkennen und so die Demokratie insgesamt – beginnend
mit der lokalen Ebene – unter den veränderten Bedingungen
zu stärken, sind auch die zentralen Ziele der Arbeit des vhw.
Die vorliegende, vom Sinus Institut gemeinsam mit und für den
vhw durchgeführte Studie ist ein wichtiger Baustein in diesem
Arbeitsfeld des Verbandes.

siehe u. a. N. Bader, T. Steffen: Einwanderungsgesetz – Mehr Chancen für ausländische Fachkräfte. Die Zeit, 2.10.2018; Text des Eckpunktepapiers der Koalition in Hannoversche Allgemeine, 2.10.2018
1

vgl. Der Tagesspiegel, 20.3.2018: Weckruf der Weltbank. 140 Mio.
Klimaflüchtlinge bis 2050.
2

siehe Bertelsmann-Stiftung (Hg.): Vielfalt leben – Gesellschaft
gestalten. Chancen und Herausforderungen kultureller Pluralität in
Deutschland. Gütersloh 2018
3

Zit. n. U. Spohn, K. Unzicker, S. Vopel: Kulturelle Vielfalt in Deutschland: Wie gelingt das Zusammenleben? in: Vielfalt leben, a. a. O., S.15
4

vhw

1

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Hintergrund und Ziele des Surveys

Entwicklung der Struktur
der Bevölkerung
mit der Bevölkerung mit
Entwicklung
der Struktur
Migrationshintergrund, 2007/2017, in Tsd./Veränderung in %

Migrationshintergrund, 2007/ 2017, in Mio./ Veränderung in %
50,0

9 000
8 000

44,5

41,9

7 000

40,0
30,0

6 000

20,0

5 000
4 000

10,0

5,9

3 000

0,0

2 000
1 000

-10,0

-12,4

-20,0
Ausländer*innen
mit**

2007

Ausländer*innen
ohne**

2017

Deutsche mit**

Veränderung in %

Deutsche ohne **

** = mit/ohne eigene Migrationserfahrung

Abb. 1: Bevölkerung mit Migrationshintergrund, 2007 und 2017.

Diagramm1: Bevölkerung mit Migrationshintergrund, 2007 und 2017.
Quellen: MZ 2007 und MZ 2017, WiesbaQuellen: Mikrozensus 2007 und Mikrozensus 2017, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2008 und 2018
den, Statistisches Bundesamt 0218. ** = mit/ ohne eigene Migrationserfahrung

Vielfalt kennen
Um Vielfalt „leben“ und mit ihr umgehen zu können, bedarf es
vor allem präziser und differenzierter Kenntnisse darüber, wie
„Vielfalt“ heute aussieht, sich verändert hat und was diese Erkenntnisse für das gesellschaftliche Zusammenleben bedeuten
sowie welche praktischen Folgerungen daraus für eine funktionierende Integrations- und Teilhabepolitik gezogen werden können – und müssen.
Wenn, wie die in den letzten Jahren geprägten Begriffe von
„Super-Diversity“5 oder „Hyper-Diversity“6 nahelegen, „Vielfalt“
neue Formen angenommen und Dimensionen erreicht hat,
so muss dies Folgen für eine sachgerechte analytische Durchdringung des im Grundsatz keineswegs neuen Phänomens
haben. Diesen Gedanken haben der vhw und andere interessierte Akteure bereits 2008 aufgegriffen und die soziale Milieuforschung auf jenen Teil der Gesellschaft übertragen, der
eine Zuwanderungsgeschichte7 hat und damit die soziale und
kulturelle Vielfalt sukzessive verbreitert. Mit dem Ansatz der
Migranten-Milieuforschung werden nicht nur herkömmliche
Differenzierungsmerkmale für diesen Bevölkerungsteil wie soziale Situation, Lebensphase sowie kulturelle oder staatliche Herkunft ergänzt und erweitert. Vielmehr, so haben schon die Ergebnisse der ersten Migrantenmilieu-Studie 2008 verdeutlicht,
überlagern lebensweltliche Orientierungen andere Merkmale
wie zum Beispiel Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit eindeutig und schaffen so bessere Voraussetzungen für eine lebensnahe und bedürfnisgerechte Gestaltung von Integrations- und
Kohäsionspolitik8.
2

vhw

vgl. S. Vertovec: “Super-Diversity and Its Implications.” Ethnic and
Racial Studies 30 (2007) 6: 1024–1054, beschrieb als einer der ersten
Wissenschaftler die ‘transformative diversification of diversity’
(S. 1025). Siehe auch R. Grillo: “Reflections on Super-Diversity by an
Urban Anthropologist.” Super-diversity Academy, Berlin, April 8–10,
2015
5

Tasan-Kok, T., van Kempen, R., Raco, M. and Bolt, G.: Towards
Hyper-Diversified European Cities: A Critical Literature Review. Utrecht:
Utrecht University 2013
6

Für die Bestimmung des entsprechenden Bevölkerungsteils wird
erneut auf die Definition des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen, das beginnend mit dem Jahr 2005 entsprechende Mikrozensus-basierte Ergebnisse vorlegt. – Nach § 6 der Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung (MighEV) liegt ein Migrationshintergrund
vor, wenn 1. die befragte Person nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder 2. der Geburtsort der befragten Person außerhalb
der heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland liegt und eine
Zuwanderung in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 erfolgte oder 3. der Geburtsort mindestens eines
Elternteiles der befragten Person außerhalb der heutigen Grenzen der
Bundesrepublik Deutschland liegt sowie eine Zuwanderung dieses
Elternteiles in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland
nach 1949 erfolgte.
7

8

vgl. Kapitel 2 in dieser Studie

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Hintergrund und Ziele des Surveys

Anteil
Personen mit Migrationshintergrund
in den
Anteil von Personen
mitvon
Migrationshintergrund
in den
Altersgruppen, 2007 und 2017,
je
in
%
Altersgruppen, 2007 und 2017, je in %
45,0

39,1

40,0

37,6

35,0

30,1

25,0

15,0

30,8

33,9

30,0

20,0

35,9
28,6

30,9

29,4

28,0
24,0

23,6

23,3

26,3

19,4
16,4

18,0

18,7

16,0

10,0

13,6

14,9

9,5
9,5

5,0

8,9

7,5
4,8

0,0
unter 5

5 – 10
2007

10 – 15 15 – 20 20 – 25 25 – 35 35 – 45 45 – 55 55 – 65 65 – 75 75 – 85 85 – 95 95 und mehr
2017

Altersgruppen von … bis

Abb. 2: Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an den Altersgruppen, 2007 und 2017,
Diagramm
2: Anteil2007
der und
Bevölkerung
mit
Migrationshintergrund
den Altersgruppen,
2007 und 2017
Quellen:
Mikrozensus
Mikrozensus
2017,
Statistisches Bundesamt,an
Wiesbaden,
2008 und 2018

Warum eine neue Studie?
Vor diesem Hintergrund hat sich der vhw 2016 entschieden, in
Zusammenarbeit mit dem SINUS-Institut eine Neuauflage und
Aktualisierung der Studie durchzuführen. Diese „Neuvermessung“ der Wertebasis, Grundeinstellungen und Alltagsorientierungen, also der „Lebenswelten“ von Menschen mit Migrationshintergrund nach zehn Jahren folgt nicht nur dem typischen,
„normalen“ Aktualisierungs-Rhythmus bei der Abbildung sozialer Dynamik. Vielmehr waren mindestens drei seit der Erststudie 2008 zu beobachtende gesellschaftliche Entwicklungen
ausschlaggebend für dieses Update:
• Der quantitative Anstieg und die veränderte soziale und herkunftsstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung mit
Migrationshintergrund in den vergangenen Jahren. So ist
die Größe des entsprechenden Bevölkerungsteils von 2007
bis Mitte 2017 um 25 Prozent, von 15,4 Mio. auf 19,2 Mio.
Personen angestiegen; der Anteil an der Gesamtbevölkerung
beträgt inzwischen 23,6 Prozent. Deutliche Veränderungen
sind zudem in der Altersstruktur zu beobachten (Abb. 2).
Die außerordentlich hohe Fluktuation und der damit verbundene
Austausch eines Teils der migrantischen Bevölkerung wird auch
daran deutlich, dass im Zeitraum Anfang 2008 bis Anfang 2018
insgesamt 11,2 Mio. Nichtdeutsche zugewandert, im gleichen
Zeitraum aber auch 7 Mio. fortgezogen sind9 (Abb. 3).
In diesem Kontext ist zudem zu berücksichtigen, dass selbst
auf dem Höhepunkt der Zuwanderung von Geflüchteten nach

Deutschland, also in den Jahren 2014 bis 2017, eine nahezu
identische Zahl von Zuwanderern aus den europäischen Ländern
Polen, Rumänien, Bulgarien oder Bosnien nach Deutschland
gekommen ist. Insgesamt ist es zu einer Strukturverschiebung
zugunsten nahöstlicher und südosteuropäischer Herkunftsstaaten und zu einem Rückgang etwa des Anteils Türkeistämmiger
Bewohner*innen gekommen (Abb. 4).
• Zu beobachten waren im Zeitvergleich auch funktionale
­Integrationsfortschritte und gewisse sozialstrukturelle Veränderungen in der migrantischen Bevölkerungsgruppe. Allerdings sind in diesem Kontext auch gegenläufige Entwicklungen
innerhalb des Bevölkerungsteils zu erkennen: Aufholprozesse
bei der – weiterhin kleinen – migrantischen Mittelschicht und
Verfestigung sozialer Problemlagen bei den sozial besonders
benachteiligten Gruppen10.Das Beispiel der Entwicklung der
Bildungsabschlüsse von 2007 bis 2017 verdeutlicht die breite
Spreizung der sozialen Lagen, aber auch gewisse Fortschritte
in der migrantischen Bevölkerung (Abb. 5).

9

Quelle: Destatis 2018

Wie die Bundesagentur für Arbeit im Februar 2018 auf der Basis
einer breiten Befragung unter Arbeitslosen mitteilte, stellten Personen
mit Migrationshintergrund im September 2017 etwa 45 Prozent der
Arbeitslosen in Deutschland.
10

vhw

3

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Hintergrund und Ziele des Surveys

Herkunftsstruktur
der Bevölkerung
mit Migrationshintergrund,
2007 Anteile
und 2017,
Herkunftsstruktur
der Bevölkerung
mit MH*, 2007 und 2017,
in %
(in %)
0,0

5,0

10,0

Türkei

9,0

Polen
GIPS-Staaten

8,7

3,1

Rumänien

1,5

übr. Afrika

4,5

7,2

2,4

2,0

1,7

1,2

0,3 1,6
0,6

1,4

1,2

1,0

Nordamerika
China

10,9

9,8

1,8

Ukraine

Vietnam

18,8

2,0

Nordafrika

Afghanistan

20,0

7,9

Russische Föderation

Bulgarien

14,4
15,3

7,8

Naher und Mittlerer Osten

Mittel- und Südamerika

15,0

1,0

1,2

0,9
0,6

0,9

2,7

3,3

sonst. Süd/ Ostasien

Anteil 2007

Anteil 2017

Abb. 3: Herkunftsstruktur der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, 2007 und 2017,

Diagramm
Herkunftsstruktur
Bevölkerung
mit Migrationshintergrund,
2007
und
Quellen:3:Mikrozensus
2007 und der
Mikrozensus
2017, Statistisches
Bundesamt, Wiesbaden,
2008
und2017
2018

von Ausländern,
1991 bis 2017
AußenwanderungAußenwanderung
von Ausländern, 1991
bis 2017
2400000
1100000

Zu- und Wegzüge absolut

900000
1600000
700000
1200000

500000

800000

300000

400000

1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017

0

100000

Bilanz

Zuzüge nach

Wegzüge aus D

Abb. 4: Zu-4:
und
von Ausländern
über die Bundesgrenzen,
1991 bis 2017,
Diagramm
Zu-Fortzug
und Fortzug
von Ausländern
über die Bundesgrenzen,
1991 bis 2017
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wanderungsstatistik Ausländer, Wiesbaden 2018
4

vhw

-100000

Wanderungsbilanz Ausländer, absolut

2000000

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Hintergrund und Ziele des Surveys

Bevölkerung mitBevölkerung
Migrationshintergrund
mit Migrationshintergrund
nach Schulabschluss
in
%,
2007
und 2017
nach Schulabschluss in %,(innen)
2007 (innen)
und(außen)
2017 (außen)

Noch in Ausbildung/
noch nicht schulpflichtig

21,2%

Ohne Schulabschluss

26,1%
15,8%
27,2%

Hauptschule

3,5%
5,2%

Polytechn. Oberschule

14,5%
9,3%

0,4%
15,9%

Realschule o. ä.

10,2%

29,3%
0,4%

Fachhochschulreife

21,0%

Abitur

gramm 5:Abb.
Struktur
der Bevölkerung
mitmit
Migrationshintergrund
nachSchulabschluss,
Schulabschluss,
2007/
2017.
5: Struktur
der Bevölkerung
Migrationshintergrund nach
2007/
2017,
rozensusQuellen:
2017. Mikrozensus 2007 und Mikrozensus 2017, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2008 und 2018

• Als dritter zentraler Aspekt sind die vielfältigen inneren und
äußeren Impulse zu nennen, die auf die Gesamtbevölkerung
und die Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte eingewirkt
haben. Fortbestehende Benachteiligungen im Alltagsleben,
neue und veränderte Identitätsangebote, eine Pluralisierung
von Zugehörigkeiten sowie internationale Entwicklungen mit
Rückwirkungen auf Einstellungen und Befindlichkeiten der
hiesigen Bevölkerungsgruppen.

Aufbau und Ziele des Surveys
Vorliegend werden die Ergebnisse für den zweiten Teil des Surveys zusammengefasst: die repräsentative Befragung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Sommer und Herbst
2017.
Vorausgegangen war eine qualitative Leistudie, deren Ergebnisse 2017 zusammenfassend veröffentlicht worden sind. In dieser
Leitstudie wurden insgesamt 160 Tiefeninterviews entlang eines
offenen Leitfadens mit drei Teilgruppen geführt – Zugewanderte oder in Deutschland Geborene vor 2009, Zugewanderte von
2009 bis 2014 sowie Geflüchtete ab 201411.Das Ergebnis war
die hypothetische Neu-Modellierung der Migrantenmilieus sowie die Identifizierung relevanter Trends und Befindlichkeiten in
diesem Bevölkerungsteil12.

umgesetzt und anschließend die praktische Nutzung der Studien­
ergebnisse auf regionaler und lokaler Ebene ermöglichen.
Die quantitativ-empirische Untersuchung, deren Ergebnisse hier
vorgelegt werden, hat das Ziel, für ein breites Spektrum von Lebensbereichen die aktuellen Sichtweisen, Befindlichkeiten und
Bedürfnisse dieses Bevölkerungsteils zu ermitteln und zu quantifizieren. Die Themenvielfalt reicht von Fragen der Zugehörigkeit
und Identität über die Bewertung und praktische Gestaltung
des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Entwicklung von
Diskriminierung und Teilhabe, Fragen von Partizipation und Engagement bis zu konkreten Bedürfnislagen, etwa beim Wohnen
oder für die Nutzung und Regulierung des öffentlichen Raums.
Darüber hinaus sollen eine Reihe weiterer Forschungsfragen beantwortet werden:
• Hat das Milieumodell der qualitativen Leitstudie Bestand bzw.
welches empirische Werteprofil weisen die Milieus auf?
• Wie verteilen sich die Migrantenmilieus auf die Grundgesamtheit dieser Bevölkerungsgruppe?

vgl. B. Hallenberg: Unser Leben in Deutschland. vhw-werkSTADT
Nr.14, August 2017; ders.: Sicherheit, Freiheit, Stabilität – aber auch
Irritationen. Perspektiven von Geflüchteten im Prozess des Ankommens. Teilergebnisse der vhw-Migrantenmilieu-Studie 2017/2018.
vhw-werkSTADT, Nr. 13, Juni 2017
11

B. Flaig, C. Schleer: Migrantische Lebenswelten in Deutschland:
Update des Modells der Sinus-Migrantenmilieus, S.113-123, in: Barth
et al.: Die Praxis der Sinus-Milieus, Wiesbaden: Springer VS 2018
12

Der dritte Teil des Projekts, die mikrogeografische Übertragung
des neuen Milieumodells, wird parallel im ersten Halbjahr 2018

vhw

5

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Hintergrund und Ziele des Surveys

Projektphasen des vhw-Migrantenmilieu-Surveys 2016-2018
2016
Qualitative
Leitstudie

2017/18

2018

Qualifizierung

Verräumlichung

– Einzellfallexplorationen,
N = 160, 1,5 Stunden
– Fotodokumentationen
der Wohnwelten

– Stichprobenziehung
– Quantitative Erhebung
N = 2.053

– Modellentwicklung
– Übertragung der
Milieus in den Raum

Neue Milieuhypothesen

Aktualisiertes Milieumodell

Aktualisierte Geo Milieus Migranten

Abb. 6: Projektphasen des vhw-Migrantenmilieu-Surveys 2016-2018, Quelle: vhw/SINUS 2018

• Wie verteilen sich Herkunftskulturen und Konfessionen auf
die Milieus?
• Wie „gut“ sind die verschiedenen Milieus in Deutschland integriert?
• Inwieweit lassen sich die Migrantenmilieus mit den „einheimischen“ Milieus vergleichen?
Die Themenvielfalt reicht von Fragen der Zugehörigkeit und
Identität über die Bewertung und praktische Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Entwicklung von Diskriminierung und Teilhabe, Fragen von Partizipation und Engagement
bis zu konkreten Bedürfnislagen, etwa beim Wohnen oder für
die Nutzung und Regulierung des öffentlichen Raums. Um Querund Längsschnittvergleiche zur ersten Migrantenmilieu-Studie
2008 oder zur milieubasierten Befragung der Gesamtbevölkerung zu ermöglichen, wurde teilweise auf identische Fragen und
Statements zurückgegriffen.
Der vorliegende Bericht versteht sich als erweiterter – und thematische Schwerpunkte setzender – Beitrag zur Darstellung und
Einordnung wichtiger Ergebnisse in den nationalen und internationalen Forschungsstand zu Fragen von Integration und Einstellungen von zugewanderten Menschen. Zu diesem Zweck sind
in den thematischen Kapiteln die vorliegenden Ergebnisse mit
ähnlichen Befragungen und Analysen verglichen worden, die in
den vergangenen Jahren durchgeführt worden sind.
Im folgenden Kapitel wird zunächst das neue Milieumodell vorgestellt, bevor in den Kapiteln 3 bis 6 die thematischen Ergebnisse behandelt werden. Abgerundet wird die Studie durch einen
zusammenfassenden Ausblick.

6

vhw

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

2 Die neue Milieulandschaft und die Profile der
Milieus
2.1 Zum Konzept der Sozialen
Milieus
Das Modell der sozialen Milieus dient seit nunmehr vierzig Jahren dazu, die traditionelle Einteilung der Gesellschaft in soziale
Schichten oder durch soziodemografische Merkmale gezielt zu
erweitern, da diese aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen zunehmend an Erklärungskraft und Trennschärfe verloren
hatten. Durch die zusätzliche Berücksichtigung der kulturellen
Dimension wurde es möglich, Werthaltungen, Grundeinstellungen und typische Verhaltensmuster in die gesellschaftliche Betrachtung einzubinden. Auf diese Weise konnte eine erhebliche
Verbesserung der Erklärungstiefe von sozialen Phänomenen –
„jenseits von Klasse und Stand“13 – erreicht werden, wie sich
erst kürzlich im Zusammenhang mit den – polarisierten – Einstellungen zur Aufnahme der Geflüchteten in Deutschland wieder
gezeigt hat.14
Dieser seit den 1970er Jahren vorangetriebene Weg im Bereich
der Sozialstrukturanalysen zog frühzeitig allerdings auch Kritik
auf sich. Während die einen soweit gingen, von einem „deutschen Sonderweg in der Sozialstruktur-Analyse“ zu sprechen15,
warfen andere die Frage auf, ob aus einem solchen „Kessel Buntes“ überhaupt konsistente Einheiten gezogen werden könnten.16 Im Kontext der Krisen der späten 2000er Jahre meinten Kri-

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

tiker bereits, dass die sozialen Milieus angesichts verschlechterter
wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse ihre Erklärungskraft
eingebüßt hätten, wobei „die alte Unübersichtlichkeit klareren
gesellschaftlichen Verhältnissen gewichen“ sei. Zwar seien diese
nicht wieder ganz die alten, doch eine Modifizierung der Schichttheorie, etwa als „pluralisierte Klassengesellschaft“, erschien
manchem Soziologen als angemessen17.Dagegen betonten die
meisten Forscher den anwendungs- bzw. praxisorientierten Bezug des heutigen Milieuansatzes, der zahlreiche Dimensionen
und Aspekte bündelt und somit synthetisch angelegt ist. Bei ihnen beschränkte sich die akademische Kritik weitgehend auf die
methodische Intransparenz des Konzepts18.Auch übersahen die
Kritiker die ungeachtet der sozialen Problemlagen wachsende
Dynamik vielschichtiger Gesellschaften, die gerade in den 2010er
Jahren nach differenzierender Betrachtung verlangten19.
Ebenso hält die häufig anzutreffende Vermengung von Lebenswelten und Lebensstilen einer näheren Prüfung nicht stand.
Anders als Lebensstile mit ihren teilweise nur kurzlebigen Prävgl. U. Beck: Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheit,
gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und das Entstehen neuer
sozialer Formationen, in R. Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten,
Göttingen 1983, S. 35-74.
13

B. Hallenberg: Vielfalt und Flüchtlinge – Die Spaltung der gesellschaftlichen Mitte. vhw-werkSTADT Nr. 2, März 2016
14

so R. Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands. Wiesbaden: Springer
VS, 7.A. 2014, insbes. Kap. 5
15

siehe D. Konietzka: Lebensstile im sozialstrukturellen Kontext. Wiesbaden: Springer 1995
16

vgl. J. Pehrke: Deutschland – eine Kartoffelgrafik? Telepolis,
22.10.2009
17

siehe S. Hradil: Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive, APuZ, H. 44/45, 23.10.2006
18

19

s. a. Kap. 3

vhw

7

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

ferenzen – etwa bei der Mode – zeichnen sich soziale Milieus
durch vergleichsweise stabile Werthaltungen aus. Sie ähneln sich
in ihrer Lebensauffassung und in ihrer (Alltags-) Lebensweise
und sind insofern Ausdruck einer ganzheitlichen Wahrnehmung
menschlicher „Lebenswelten“. Grundlegende Wertorientierungen gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie Einstellungen zur
Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu Medien, zu Geld und Konsum
oder zu gesellschaftlichen Fragen. Die Grenzen zwischen den
Milieus sind fließend. Lebenswelten sind nicht so exakt eingrenzbar wie soziale Schichten; dieser Umstand wird als „die Unschärferelation der Alltagswirklichkeit“ bezeichnet. Ein grundlegender Bestandteil des Konzepts sind die Berührungspunkte und
Übergänge zwischen den Milieus.
Praktisch modelliert werden die Milieus durch non-direktive
Lebensweltexplorationen im Rahmen narrativer Interviews, in
denen die Interviewten alle aus ihrer Sicht relevanten Lebensbereiche darstellen. Durch die Ableitung fallübergreifender Kategorien wird ein zunächst hypothetisches Milieumodell gebildet, welches anschließend im Zuge repräsentativer Befragungen
quantitativ überprüft wird.20
Der vielfältige Anwendungsbezug in unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Anwendungsfeldern macht die sozialen Milieus zu einem transparenz- und
handlungsfördernden Analysetool in Fragen, die von Bildung,
Mobilität, Stadtentwicklung und Mobilität bis zum (Direkt-)
Marketing reichen. Von besonderem Nutzen für die operative­
Verwendung der sozialen Milieus ist die mikrogeografische
Übertragung in den Raum21, die seit 1998 praktiziert und vom
vhw für unterschiedlichste Fragestellungen im sozialräumlichen
Kontext von Wohnen und Stadtentwicklung genutzt wird.

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

später auch in diversen thematischen Studien genutzt, etwa im
Bereich Bildung.24
Kritik blieb auch hier nicht aus. Diese richtete sich insbesondere
auf die vermeintliche Vernachlässigung der sozialen Wirkungsmacht von ethnischer Herkunft und sozialer Lage, die im Milieumodell durch eine „postethnische Vision“ ersetzt werde.25
Tatsächlich war als Ergebnis der Studie jedoch deutlich geworden, dass die lebensweltliche Orientierung ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten überlagerte – ohne diese zu ignorieren. In
nahezu allen ethnischen oder religiösen Gruppen fand sich die
Gesamtheit der Lebenswelten wieder; Orthodoxe, katholische
Christen oder Muslime können einer traditionellen, postmodernen, bürgerlichen oder hedonistischen Lebenswelt angehören
– et vice versa. Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion
und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen zwar die Alltagskultur, sind aber nicht milieuprägend. Kurzum: Menschen des gleichen Milieus aber mit unterschiedlichem Migrationshintergrund
verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute
aus anderen Milieus.
Im Vergleich zur autochthonen Bevölkerung wurde bereits 2008
deutlich, dass das Spektrum der Grundorientierungen beim
Bevölkerungsteil mit Zuwanderungsgeschichte breiter ist und
insofern auch die große Vielfalt der Herkunftsländer, -kulturen
und spezifischen gesellschaftlichen Entwicklungen reflektiert. Es
reicht vom Festhalten an vormodernen, bäuerlich geprägten Traditionen über das Streben nach materieller Sicherheit und Konsumteilhabe, das Streben nach Erfolg und gesellschaftlichem
Aufstieg, das Streben nach individueller Selbstverwirklichung
und Emanzipation bis hin zu Entwurzelung und Unangepasstheit. In der Migranten-Population lassen sich somit sowohl traditionellere als auch soziokulturell modernere Segmente als bei
einheimischen Deutschen ausmachen26.

2.2 Vom alten zum neuen
­Migrantenmilieumodell
Mitte der 2000er Jahre wuchs auch das Interesse an einer spezifischen Ermittlung der unterschiedlichen Lebenswelten in der
Bevölkerung mit einem Migrationshintergrund, nicht zuletzt
um auf diese Weise differenzierten Bedürfnissen und Integrationsorientierungen besser gerecht werden zu können. Zuvor
wurden, „formal oder augenscheinlich Nicht-Deutsche in die
Container-Kategorie der „Migranten“ eingeordnet mit der unausgesprochenen Erwartung, man wisse damit schon (irgend)
etwas über ihre Werte, ihre soziale Lage, ihren Lebensstil – so
als determiniere der ethnische Hintergrund die Orientierung und
dann auch den Alltag des Einzelnen“ 22.
Unterschiedliche Auftraggeber – vom Bundesfamilienministerium über die Deutsche Caritas, die Düsseldorfer Staatskanzlei,
den Südwestrundfunk23 bis zum vhw – fanden in dieser multithematischen Studie zusammen, aus der 2008 das erste Milieumodell für die Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte des
Sinus-Instituts hervorging. Das Migranten-Milieumodell wurde
8

vhw

dazu eingehend: B. Flaig, B. Barth: Hoher Nutzwert und vielfältige
Anwendung: Entstehung und Entfaltung des Informationssystems Sinus Milieus, in: dies. et al. (Hg.): Praxis der Sinus-Milieus. Wiesbaden:
Springer VS 2018, S. 3-22
20

vgl. R. Küppers: Übertragung in den Raum: Die Sinus-Geo-Milieus®,
in Barth et al.: Praxis der Sinus-Milieus, a. a. O., 2018, S.95-102
21

Zit. n. C. Wippermann, B. Flaig: Lebenswelten von Migrantinnen
und Migranten. APuZ, Heft 5-2009, S. 3-11
22

R. Omenaca: Mediennutzung von Migranten. SWR, 15.5.2009. https://
www.swr.de/international/swraktuellmondial/mediennutzung-von-migranten/-/id=2900538/did=4853370/nid=2900538/6rvavj/index.html
23

siehe H. Bartz et al.: Große Vielfalt – weniger Chancen. Ergebnisse
des Forschungsprojekts „Bildung, Milieu & Migration“ der Abteilung
für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Heinrich-­
Heine-Universität Düsseldorf. Essen, Düsseldorf, März 2015
24

siehe E. Erdem: Community and Democratic Citizenship: A Critique
of the Sinus Study on Immigrant Milieus in Germany. German Politics
and Society, Band 31, Nr. 2, 2013, S. 93–107
25

26

Wippermann/ Flaig, a. a. O., S.11

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

hoch

mittel

niedrig

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

1

IntellektuellKosmopolitisches
Milieu
13 %
Statusbewusstes
Milieu
12 %

2

3

ReligiösVerwurzeltes
Milieu
6%

Traditionelles
Arbeitermilieu
10 %

Milieu der
Performer
10 %

AdaptivPragmatisches
Milieu
11 %

Bürgerliche
Mitte
11 %

Experimentalistisches
Milieu
10 %

KonsumHedonistisches Milieu
8%

Prekäres
Milieu
7%

© SINUS 2018

Soziale
Lage

AI

AII

BI

BII

C

Vormoderne
Tradition

Ethnische Tradition

Soziale Akzeptanz

Individualisierung

Multi-Optionalität

Pflicht- und Akzeptanzwerte,
materielle Sicherheit,
traditionelle Moral

Status, Besitz, Konsum,
Lebensstandard, Anpassung,
Aufstieg

Selbstverwirklichung,
Emanzipation, Genuss,
multikulturelle Identifikation

Postmodernes WertePatchwork, Sinnsuche,
neue Synthesen

Konservativ-­
religiös,
strenge, rigide
Grund- Wertvorstellungen,
orientierung kulturelle Enklave

Tradition

Modernisierung

Neuorientierung

Abb. 7: Das neue Migranten-Milieumodell 2018, Quelle: SINUS 2018

Der vhw hat die Ergebnisse der ersten Migrantenmilieu-Studie
2009 dokumentiert und damit erstmals auch wichtige qualitative
Informationen über Wohnwünsche, Nachbarschafts-Orientierung
oder soziale Bedürfnisse unterschiedlicher migrantischer Lebenswelten erhalten.27 In den Folgejahren wurden die Ergebnisse in
einer Vielzahl von Studien insbesondere zu Stadtentwicklungsoder Wohnthemen genutzt und trugen dazu bei, kommunikative
und partizipative Zugänge zu verbessern oder differenzierte lokale Bedürfnisanalysen zu erstellen. Dieses breite Anwendungsspektrum wurde maßgeblich durch die räumliche Verortung auch
der neuen Migrantenmilieus begünstigt, die seit 2010 möglich ist.

Die Aktualisierung der Milieustudie
Die inneren gesellschaftlichen Dynamiken, vielfältige externe Einflüsse oder auch Verschiebungen in der Herkunftsstruktur der Zuwandernden in den letzten Jahren ließen – wie bereits ausgeführt
– eine Neumodellierung des Modells in Verbindung mit einer aktuellen thematischen Befragung als dringend geboten erscheinen.
Aufbauend auf der qualitativ-ethnografischen Leitstudie
wurde eine repräsentative Untersuchung der Migrantenpopulation in Deutschland durchgeführt. Die Leitstudie diente insbesondere dazu, neue bzw. sich wandelnde Themengebiete und
Veränderungen in den Werthaltungen und Lebensweisen der
Migranten zu identifizieren, um diese dann für die Repräsentativbefragung entsprechend operationalisieren zu können28. Auf
dieser Basis konnten Milieu- und Integrationsindikatoren ebenso
wie thematische Fragestellungen aktualisiert werden.29 Ergebnis

ist die Identifikation und Beschreibung von zehn unterschiedlichen Migrantenmilieus, ihrer Lebensziele, Wertebilder, Lebensstile und Integrationsniveaus.
Die repräsentative Untersuchung, deren Feldforschung von
Sommer bis Herbst 2017 durchgeführt wurde, diente der Überprüfung und Quantifizierung des in der Leitstudie entwickelten
Modells und der Aktualisierung und Erweiterung des thematischen Wissens über die Bevölkerung mit Migrationshintergrund
bzw. die Migrantenmilieus.
Die repräsentative Stichprobe (n= 2.053) basiert auf der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ab 15 Jahren mit einem geklärten
Aufenthaltsstatus entsprechend der Definition des Statistischen
Bundesamtes.30 Dazu wurden die Ergebnisse des Mikrozensus
2015 und des MZ 2016 herangezogen. Insgesamt basiert die Repräsentativität auf acht Quotenmerkmalen: Herkunftsland und
Migrationshintergrund, Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsdauer in Deutschland, Geschlecht, Alter, Bildung, sowie regionale
Verteilung und Ortsgröße. Die Datenerhebung erfolgte in Form
computergestützter persönlicher Interviews (CAPI), ergänzt um
schriftliche Selbstausfüller. Dabei kamen – neben Deutsch – acht
weitere Sprachen zum Einsatz: Englisch, Türkisch, Russisch, Arabisch, Dari, Französisch, Rumänisch und Spanisch.

siehe vhw-Schriftenreihe, Band Nr. 1: Migranten-Milieus. Berlin,
September 2009
27

28

vgl. B. Flaig, C. Schleer: Migrantische Lebenswelten, a. a. O., 2018

zusammenfassend zu den Ergebnissen der Leitstudie, s. a.
Hallenberg: Unser Leben in Deutschland, a. a. O., August 2017
29

30

zur detaillierten Struktur der Stichprobe, vgl. Anhang, S. 103

vhw

9

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

hoch

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

1

B12
IntellektuellKosmopolitisches
Milieu

AB12

mittel

11 %

Statusorientiertes
Milieu

2

BC2

12 %

Multikulturelles
Perfomermilieu

13 %

B23
Adaptives
Bürgerliches Milieu

16 %

AB3

niedrig

3

16 %

ReligiösVerwurzeltes
Milieu

Grundorientierung

HedonistischSubkulturelles
Milieu

B3

15 %

Entwurzeltes
Milieu

7%
Soziale
Lage

BC3

Traditionelles
Arbeitermilieu

A3

9%

© SINUS 2008

AI

AII

BI

BII

C

Vormoderne
Tradition

Ethnische Tradition

Konsum-Materialismus

Individualisierung

Multi-Optionalität

Pflicht- und Akzeptanzwerte,
materielle Sicherheit,
traditionelle Moral

Status, Besitz, Konsum,
Aufstiegsorientierung.
soziale Akzeptanz und
Anpassung

Selbstverwirklichung,
Leistung, Genuss,
bi-kulturelle Ambivalenz
und Kulturkritik

Postmodernes WertePatchwork, Sinnsuche,
multikulturelle
Identifikation

Konservativ-­
religiös, strenge, rigide
Wertvorstellungen,
kulturelle Enklave

Tradition

Modernisierung

Neuidentifikation

Abb. 8: Das Sinus-Migrantenmilieumodell 2008, Quelle: SINUS 2008

Der aktualisierte Milieuindikator, auf dem die Zuordnung zu
den – neuen – Migrantenmilieus beruht, besteht aus einer Zusammenstellung von Statements, die bereits im ersten Migranten-Milieuindikator 2008 genutzt wurden, weiteren Statements
aus dem Indikator für die Gesamtbevölkerung sowie spezifischen Statements, die als Ergebnis der qualitativen Leitstudie
neu aufgenommen wurden. Die Milieuzuordnung von Befragten
erfolgt anhand eines Wahrscheinlichkeitsmodells mit Hilfe einer
speziell adaptierten Form der Clusteranalyse.31

Das Milieumodell 2018

In der quantitativ-repräsentativen Studie wurden die Ergebnisse der Leitstudie und damit das neue Milieumodell sowohl in
der Anzahl der Milieus – zehn – als auch in der lebensweltlichen
Grundstruktur weitgehend bestätigt. Im Modell waren nur einige kleinere Nachjustierungen erforderlich. Zu diesen gehört die
nunmehr etwas abweichende Positionierung einiger Milieus im
Modell. Dies betrifft zum einen das Milieu der Performer, das
nach der quantitativen Studie eine höhere soziale Lage aufweist.

Die von Globalisierung, Digitalisierung, Individualisierung sowie
wachsenden sozialen Ungleichheiten und den entsprechenden
Gegen- und Abwehrreaktionen getriebene Modernisierungsdynamik führt zu Veränderungen in der Milieulandschaft, die sich
in allen Segmenten zeigen. So ist bei den sozial schwachen Teilen
der migrantischen Bevölkerung eine wachsende Prekarisierung
zu beobachten, die durch einen Rückzug in ethnische Enklaven
mit deutlich verstärkten Segregationstendenzen im Vergleich
zur Studie 2008 gekennzeichnet ist. Gründe hierfür sind Ausgrenzungserfahrungen, geringe Ressourcen, Sprachprobleme,
Arbeitslosigkeit, Wohnen in ethnisch homogen strukturierten
Wohnumfeldern sowie eine generelle Integrationsresignation.

Zum anderen dehnt sich das Statusbewusste Milieu aus; es ist
nun breiter und zugleich traditioneller positioniert, als dies nach
der Leitstudie erwartet worden war. Aufgrund dessen tauchen in
der Modellvisualisierung stärker traditionelle Werte auch in der
Mittelschicht auf. Darüber hinaus sind die Milieus der Statusbewussten und der Adaptiv-Pragmatischen insgesamt größer, als
nach der Leitstudie vermutet wurde. Bestätigt wird dagegen der
Schrumpfungsprozess des Traditionellen Arbeitermilieus, zu dem
viele Zuwanderer der ersten Generation gehören.

Die beiden Teilstudien haben verdeutlicht, dass der soziokulturelle Wandel den migrantischen Teil der Gesellschaft ebenso
betrifft wie den autochthonen Teil. Die Pluralisierung der Gesellschaft setzt sich auch in der migrantischen Bevölkerung unvermindert fort. Dabei driften die Lebens- und Wertewelten weiter
auseinander, zugleich entstehen jedoch auch neue Synthesen.

Das Hedonistisch-Subkulturelle Milieu aus dem Modell 2008
differenziert sich in ein junges individualistisch-nonkonformistisches Segment – als Milieu der Experimentalisten – und ein
unterschichtiges konsum-materialistisches Segment – das Milieu
der Konsum-Hedonisten aus.

31

10

vhw

weitere Informationen zur Methodik finden sich im Anhang.

KonsumHedonistisches Milieu

Prekäres Milieu

TraditionsVerwurzeltes Milieu

Traditionelles
Arbeitermilieu

Bürgerliche Mitte

AdaptivPragmatisches
Milieu

Experimentalistisches Milieu

Milieu der
Perfomer

Bisheriges
Modell 2018

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

IntellektuellKosmopolitisches
Milieu

Neues Modell
2018

Statusbewusstes
Milieu

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Statusorientiertes
Milieu
Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu
Multikulturelles
Performermilieu
Adaptives
Bürgerliches Milieu
Traditionelles
Arbeitermilieu
Religiös-Verwurzeltes
Milieu
Entwurzeltes
Milieu
HedonistischSubkulturelles Milieu

Abb. 9: Woher kommen die Milieus 2018? – Der Übergang vom alten zum neuen Modell, Quelle: SINUS 2018

In der – sozialen und lebensweltlichen – Mitte der Milieulandschaft und in den modernen Milieus der Migrantenpopulation
ist dagegen zunehmende Konvergenz zu beobachten: Die autochthone und die migrantische Bevölkerung dort unterscheiden sich lebensweltlich zunehmend weniger voneinander, wie
das Beispiel der bürgerlichen Mitte verdeutlicht. Im neuen Modell wird das vormalige Adaptive Bürgerliche Milieu analog zum
gesamtgesellschaftlichen Modell in ein älteres bürgerlich-etabliertes Segment – die Bürgerliche Mitte – und ein jüngeres adaptiv-pragmatisches Segment ausdifferenziert.
In den traditionell orientierten Milieus ist dagegen zunehmende
Divergenz festzustellen, und zwar vornehmlich, aber nicht ausschließlich in den sozial benachteiligten Lagen. Diese Re-Traditionalisierung ist in den Milieus unterschiedlich ausgeprägt und vor
allem bei den Religiös-Verwurzelten durch starke Isolation und
Rückzug gekennzeichnet. Gerade bei ihnen ist ein außerordentlich hohes Maß an Abweichung in vielen zentralen Lebensorientierungen im Vergleich zu den übrigen Milieus festzustellen, wie
in den nachfolgenden Kapiteln deutlich wird.
Davon abweichend ist bei den Statusbewussten eher eine kulturelle Distinktion zu beobachten. Man will alle „rationalen“
Integrationsaspekte erfüllen, wie etwa ein gutes Sprachniveau,
Integration in den Arbeitsmarkt und Einhaltung von Regeln und
Gesetzen. Zugleich wird aber kein „Heimatgefühl“ entwickelt,
sondern man distanziert sich eher selbstbewusst von der „deutschen“ Kultur und pflegt kulturelle Traditionen – solange diese
nicht in Konflikt mit ihrem sozialen Aufstiegswillen geraten32.
Im Hinblick auf die kulturelle Identität der verschiedenen
Migrantenmilieus hat bereits die Leitstudie 2016 wichtige Ant-

worten geliefert33. Diese konnten, wie die folgenden Kapitel
zeigen werden, nun weiter differenziert und präzisiert werden.
Insgesamt ist in den modernen Milieus ein bi-kulturelles Selbstverständnis vorherrschend. Deutschland ist die neue Heimat,
viele Wertorientierungen sind inzwischen universell, doch die
kulturellen Bezüge zur früheren (elterlichen-) Heimat sollen nicht
aufgegeben werden. Der Mainstream der Migrantenpopulation
neigt zu einer post-integrativen Perspektive, teilweise im Sinne
einer weitgehenden Anpassung. Dies schlägt sich in Teilen in
einer (oft demonstrativen) „Überidentifikation“ mit deutschen
Normen und Regeln nieder. Die Angehörigen dieser Milieus sind
längst angekommen und sehen sich als selbstverständliche Teile
der gesellschaftlichen Mitte.
In den traditionellen und benachteiligten Milieus fühlt man sich
dagegen der Herkunftskultur deutlich stärker zugehörig. Man hält
an heimatlichen Traditionen fest, teilweise sogar wieder deutlich
verstärkt im Vergleich zu 2008. Die deutsche Kultur ist vielen Milieuangehörigen fremd; ein Teil der „westlichen“ Werte wird vehement abgelehnt. Dabei muss allerdings zwischen den einzelnen
Milieus deutlich unterschieden werden; „Tradition“ besitzt eine
durchaus unterschiedliche Wertigkeit, sie kann Richtschnur, Identitätsanker – wie etwa bei den in den letzten Jahren Geflüchteten
– oder auch „nur“ fortbestehende emotionale Bindung sein.

Dieses Muster lässt sich u. a. bei „Deutschtürken“ der 2. und 3.
Generation beobachten, wie die aktuelle Studie zur Integration dieser
Gruppe des Zentrums für Türkeistudien verdeutlicht. Vgl. M. Sauer:
Identifikation und politische Partizipation Türkei stämmiger Zugewanderter in NRW und in Deutschland. Essen: ZfT, Juli 2018
32

33

siehe Hallenberg, a. a. O., vhw-werkSTADT Nr. 14, August 2017

vhw

11

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

Bi-kulturelles Selbstverständnis

1

hoch

IntellektuellKosmopolitisches
Milieu
13 %
Statusbewusstes
Milieu
12 %

2

mittel

Bürgerliche
Mitte
11 %

3

niedrig

Traditionelles
Arbeitermilieu
10 %

Traditions Verwurzeltes
Milieu
6%

Prekäres
Milieu
7%

Post-integrative
Perspektive

Milieu der
Performer
10 %

AdaptivPragmatisches
Milieu
11 %

Experimentalistisches
Milieu
10 %

KonsumHedonistisches Milieu
8%
© SINUS 2018

Soziale
Lage

AI ZugehörigkeitsAII
Stärkeres
Vormoderne
Ethnische Tradition
empfinden
Herkunftskultur
Tradition zur Pflichtund Akzeptanzwerte,
materielle Sicherheit,
traditionelle Moral

Konservativ-­
religiös,
strenge, rigide
Grund- Wertvorstellungen,
orientierung kulturelle Enklave

BI

BII

C

Soziale Akzeptanz

Individualisierung

Multi-Optionalität

Status, Besitz, Konsum,
Lebensstandard, Anpassung,
Aufstieg

Selbstverwirklichung,
Emanzipation, Genuss,
multikulturelle Identifikation

Postmodernes WertePatchwork, Sinnsuche,
neue Synthesen

Tradition

Modernisierung

Neuorientierung

Abb. 10: Selbstverständnis und Zugehörigkeit im Milieumodell 2018, Quelle: vhw, SINUS 2017/2018

Statusbewusstes
Milieu Leistungs-,
12 %

Soziale
Lage

© SINUS 2018

AI

AII

BI

BII

C

Vormoderne
Tradition

Ethnische Tradition

Soziale Akzeptanz

Individualisierung

Multi-Optionalität

Pflicht- und Akzeptanzwerte,
materielle Sicherheit,
traditionelle Moral

Status, Besitz, Konsum,
Lebensstandard, Anpassung,
Aufstieg

Selbstverwirklichung,
Emanzipation, Genuss,
multikulturelle Identifikation

Postmodernes WertePatchwork, Sinnsuche,
neue Synthesen

Tradition

Modernisierung

Abb. 11: Grundorientierungen im Milieumodell 2018, Quelle: vhw, SINUS 2017/2018

vhw

sm
us

rfor Traditionelles
deArbeitermilieu
rung
Autorit
, o
ä
r
Traditions-e Rollen 10 F%
bilderrtschrit
Konsumskriminierung, Isolat
Verwurzeltes
tspe DiPrekäres
ion
ssim
Hedonistisches Milieu
Milieu Abschot
ismu
tung
Milieu
8%
6%
7% s
kriminierung
Isolation, Dis

Konservativ-­
religiös,
strenge, rigide
Grund- Wertvorstellungen,
orientierung kulturelle Enklave

12

Performer
10 %

ni

3

Aufstiegsorientierung

Adaptiv-IntegrationsPragmatisches wille ExperimenBürgerliche
talistisches
Milieu
Mitte
Milieu
11 %Assimilation11 %
10 %

Übe

niedrig

Kosmopolitisches
MilieuSouveränität, Etablierung
13 %
Milieu der

do

2

K

He

mittel

rung
Orientie
eIntellektuellh
c
is
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o
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1
Fe
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r

hoch

Neuorientierung

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Mittels einer Faktorenanalyse wurden grundlegende Einstellungsmuster im migrantischen Teil der Bevölkerung identifiziert.
Zu den bereits 2008 ermittelten Faktoren traten weitere hinzu;
im Ergebnis ergaben sich nun achtzehn Einstellungsfaktoren, die
von Integrationswillen über Postmaterialismus, „defensive Assimilation“ bis zu Isolation und Entfremdung reichen. Diese sich
in unterschiedlicher Weise von den Milieus vertretenen Muster
bilden die Grundlage für die lebensweltlichen Profile der Milieus.

2.3 Veränderungen in den Milieus
gegenüber 2008
Neben den bereits genannten Entwicklungen lassen sich eine
Reihe weiterer Veränderungen in den Milieus erkennen. Diese
sind auf Wertewandel und veränderte Werteorientierungen zurückzuführen, müssen aber teilweise auch im Kontext milieuspezifisch veränderter Bedingungen und Strukturen gesehen werden, etwa im Hinblick auf Änderungen in der Herkunftsstruktur
oder der soziodemografischen Profile einzelner Milieus. Auch
wenn Sozialstatus, Lebenslage oder Lebensphase nicht Milieukonstituierend sind und insofern vornehmlich beschreibenden
Charakter haben, tragen sie doch zum besseren Verständnis von
Einstellungs- und Verhaltensmustern bei.
Das Statusbewusste Milieu hat seine Größe gegenüber 2008
– damals als Statusorientiertes Milieu – mit einem Anteil von
12 Prozent bewahrt. Auch die soziale Lage der Milieuangehörigen ist dem früheren Muster ähnlich, allerdings ist der Anteil der
aus der Türkei und dem Nahen Osten stammenden Milieuangehörigen zulasten der Südeuropäer angewachsen. Das Milieu
zeichnet sich weiterhin durch aktive Leistungsorientierung aus,
die stärker als zuvor mit einem Festhalten an der Herkunftskultur
und einer geringeren Bereitschaft zu Assimilation einhergeht. In
diesem Kontext haben im Milieu auch autoritäre Familien- und
Rollenvorstellungen an Bedeutung gewonnen.
Gestiegen gegenüber 2008 ist der Anteil des Intellektuell-Kosmopolitischen Milieus, das sein soziodemografisches weitgehend behalten hat. Es ist nach den Performern das zweitgrößte
Milieu unter den in Deutschland geborenen Befragten; mehr als
die Hälfte der Milieuangehörigen hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Anteil der Milieuangehörigen, die über eine hohe
formale Bildung verfügen, ist der höchste in allen Milieus und
mehr als doppelt so hoch wie der Mittelwert. Mehr als 73 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium oder eine abgeschlossene Berufsausbildung, deutlich mehr als unter allen Befragten
(58 Prozent).
Bestimmend sind weiterhin die Kern- bzw. Ankerwerte der Intellektuell-Kosmopolitischen wie Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Kreativität, Bildung, Vielfalt, Nachhaltigkeit, soziale
Gerechtigkeit, Toleranz und Denken in globalen Zusammenhängen. Ihre kritisch-interessierte Grundhaltung wird in ihren Einstellungen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen
sehr deutlich. Noch etwas ausgeprägter als 2008 sind Vielseitig-

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

keit und Flexibilität, Selbstbewusstsein und Spontaneität bei der
Lebensplanung sowie unkonventionelle Impulse, beispielsweise
die Sympathie für alternative Lebensentwürfe.
Das Milieu der Performer hat einen höheren Altersschwerpunkt als 2008 und ein höheres Einkommensniveau. Zwar ist der
Anteil seit 2008 leicht zurückgegangen, zugleich ist im Milieu
weiterhin ein breites Spektrum von unterschiedlichen Migrationshintergründen zu finden, die von Europa über Asien bis nach
Amerika reichen. Kaum geändert haben sich Leistungswille, Erfolgsstreben oder die Flexibilität und die hohe Mobilitäts- und
Veränderungsbereitschaft der Milieuangehörigen. Noch deutlicher ausgeprägt als 2008 sind der Integrationswille und die
Anpassungsbereitschaft an die Verhältnisse im Aufnahmeland.
Dagegen hat der multikulturelle Idealismus in der vergangenen
Dekade abgenommen – ungeachtet der unverändert starken
kosmopolitischen Orientierung der Performer34.
In der Mitte der neuen Milieulandschaft schlägt sich die notwendig gewordene Ausdifferenzierung in einigen Profilanpassungen
nieder. Das soziodemografische Profil der Bürgerlichen Mitte
ist abgesehen vom Anstieg des Durchschnittsalters weitgehend
unverändert geblieben. Konstanz ist auch bei den normativen
Kernorientierungen festzustellen; das Milieu strebt nach sozialer
Integration und möchte ein harmonisches Leben in gesicherten
Verhältnissen führen. Noch verstärkt hat sich im Zeitvergleich der
Wunsch nach Stabilität, Planbarkeit und Ordnung. Dieses Veränderungsmuster korrespondiert mit dem insbesondere in der gesellschaftlichen Mitte wirksamen „Regrounding“-Trend, der in
der Gesamtgesellschaft seit den 2000ern zu beobachten war. Im
jüngeren bürgerlichen Segment, dem Adaptiv-Pragmatischen
Milieu, gehen gut zwei Drittel der Befragten einer Voll- oder
zumindest Teilzeitbeschäftigung nach. Überdurchschnittlich vertreten sind größere Haushalte mit drei und mehr Personen.
Nach wie vor sind die Traditionellen Arbeiter die älteste Gruppe im Milieuvergleich; das Durchschnittsalter ist seit 2008 weiter
angestiegen. Der Anteil von Rentnerinnen und Rentnern hat inzwischen 45 Prozent erreicht und ist der höchste unter den Milieus. Demgemäß unverändert ist die schwierige soziale Lage, die
durch niedrige Bildung und kleine Einkommen gekennzeichnet
ist. Der Milieuanteil ist deutlich geschrumpft, wofür das höhere
Alter dieser oft der „ersten Generation“ angehörenden Gruppe
sowie Rückwanderungsbewegungen, aber auch die inzwischen
weniger attraktive Grundorientierung aus materieller Absicherung, Genügsamkeit, Anpassung und Disziplin verantwortlich
zu machen sind.
Das Religiös-Verwurzelte Milieu nimmt, wie in den folgenden
Kapiteln vielfach deutlich wird, aufgrund häufig stark abweichender Einstellungen eine Sonder- bzw. Außenseiterrolle in der
Milieulandschaft ein. Der Milieuanteil ist seit 2008 leicht rückläufig, das Milieu ist deutlich älter geworden, der Anteil kinderloser
Haushalte ist angestiegen. Rentner*innen und Arbeitslose stel-

siehe zu ihrer Rolle als „globales Sinus Meta-Milieu“ u. a. https://
www.sinus-institut.de/sinus-loesungen/sinus-meta-milieus-weltweit/
34

vhw

13

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

10 Intellektuell-Kosmopolitisches
Milieu
1 Statusbewusstes Milieu
Aufstiegsorientiertes Milieu mit
traditionellen Wurzeln, das durch
Leistung und Zielstrebigkeit materiellen
Wohlstand und soziale Anerkennung
erreichen will, ohne seine Bezüge zur
Herkunfskultur aufzugeben

Die erfolgreiche, aufgeklärte Bildungselite mit liberaler und postmaterieller Grundhaltung, einem
multikulturellem Selbstverständnis
und vielfältigen intellektuellen
Interessen

9 Milieu der Perfomer
Die zielstrebigen multioptionalen,
global denkenden Zukunftsoptimisten mit hoher Technik- und
IT-Affinität, großem Selbstbewusstsein und gehobenen Stil- und
Konsumansprüchen

Das individualistische Milieu der spaßund szeneorientierten Nonkonformisten mit ausgeprägter Experimentierfreude, Distanz zum Mainstream und
Fokus auf dem Leben im Hier und Jetzt

2 Traditionelles Arbeitermilieu
Das etablierte traditionelle Milieu der
Arbeitsmigranten und Spätaussiedler,
das nach materieller Sicherheit und
Anerkennung strebt, das sich angepasst hat und ohne anzuecken seine
(Familien-) Traditionen des Herkunftslandes pflegt.

7 Adaptiv-Pragmatisches Milieu
Der optimistische, leistungs- und
familienorientierte junge Mainstream
mit Freude am technischen Fortschritt,
pragmatisch-realistischen Zieldefinitionen und hoher Anpassungsbereitschaft

3 Religiös-Verwurzeltes Milieu
Das archaische, patriarchalisch geprägte, sozial und kulturell isolierte Milieu,
­verhaftet in den vormodernen Mustern
und religiösen Traditionen der Herkunftsregion, mit deutlichen Rückzugsund Abschottungstendenzen.

8 Experimentalistisches Milieu

4 Prekäres Milieu
Die um Orientierung, Heimat/
Identität und Teilhabe bemühte
Unterschicht mit starken Zukunftsängsten, Ressentiments und einer
oft fatalistischen Lebenseinstellung, die sich ausgeschlossen und
benachteiligt fühlt.

5 Konsum-Hedonistisches
Milieu
Das junge freizeitorientierte Unterschichtmilieu mit defizitärer Identität und Underdog-Bewusstsein, auf
der Suche nach Spaß, Unterhaltung
und Konsum, das sich Leistungsund Anpassungserwartungen der
Mehrheitsgesellschaft verweigert.

6 Bürgerliche Mitte
Die leistungs- und anpassungsbereite
Mitte der Migrantenpopulation, die
sich mit den Verhältnissen im Aufnahmeland identifiziert, nach sozialer
Akzeptanz und Zugehörigkeit strebt
und harmonisch und abgesichert leben
möchte.

Abb. 12: Kurzprofile der Migrantenmilieus 2018, Quelle: SINUS 2018

len über die Hälfte der Befragten in diesem Milieu. Das Milieu
weist den geringsten formalen Bildungsstand auf und befindet
sich insgesamt in einer sozioökonomisch prekären Lage. Etwa
45 Prozent der Milieuangehörigen sind türkeistämmig.

ren“. Kennzeichnend sind die geringe materielle, vor allem aber
auch soziale Teilhabe. Die Reaktionen reichen von mangelndem
Selbstbewusstsein über Resignation bis hin zu aggressivem Chauvinismus.

Das Werteprofil hat sich in seiner Struktur seit 2008 nicht geändert: zentral war und ist die Familie als oberste Instanz. Charakteristisch ist eine autoritäre Grundhaltung, strenge Moralvorstellungen, die Ablehnung des westlichen Individualismus und die
starke Verankerung in der Religion – und zwar keineswegs ausschließlich im Islam. Weiter zugenommen hat im Zeitvergleich
das Festhalten an der herkunftskulturellen Identität, begleitet
von einem Gefühl der Isolation und Benachteiligung. Die Milieuangehörigen reagieren darauf zunehmend mit einem Rückzug in
homogene Nachbarschaften und Quartiere.

Das ehemals Subkulturell-Hedonistische Milieu wurde 2018 in
das Experimentalistische Milieu und den „konsum-materialistischen Rest“, das Konsum-Hedonistische Milieu, ausdifferenziert. Diese Gruppe ist nun deutlich kleiner als 2008.
Die Milieuangehörigen befinden sich insgesamt in einer noch
stärker prekären sozioökonomischen Position mit vielen Arbeitslosen und Transferbeziehern. Unverändert geblieben ist die
hedonistische Erlebnisorientierung, die Suche nach Abwechslung, die Konzentration auf das Leben im Hier und Jetzt, und
das Geltungsbedürfnis, das sich über Geld, Luxus und (soziales)
Prestige definiert. Weiter gewachsen sind ein generalisiertes Underdog-Bewusstsein und das Gefühl von Benachteiligung und
Diskriminierung mit der Konsequenz von Resignation und Rückzug in abgeschottete Peergroups.

Aus dem Milieu der Entwurzelten ist 2018 das Prekäre Milieu geworden. Der Anteil ist seit 2008 leicht zurückgegangen.
Im Zeitvergleich gibt es weniger Alleinlebende sowie einen höheren Frauenanteil. Die schwierige soziale Lage ist weitgehend
unverändert. Viele Milieuangehörige haben keinen Schul- oder
Berufsabschluss, der Anteil der Arbeitslosen ist der zweithöchste
nach jenem der Konsum-Hedonisten.
Im Vergleich zu 2008 stammen heute weniger Milieuangehörige
aus der Ex-Sowjetunion und Ex-Jugoslawien und mehr aus der
Türkei, aus EU-Osteuropa und Nordafrika. Weiterhin hat ein großer Teil im Prekären Milieu Orientierungsprobleme in der Aufnahmegesellschaft und lebt „zwischen den Welten und Kultu14

vhw

Die Abbildung 14 reflektiert das breite Spektrum ähnlicher und
unterschiedlicher sozialer und beruflicher Lebenslagen in den
Milieus. Während Performer, Adaptiv-Pragmatische und Statusbewusste mehrheitlich einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen,
ist dies in den beiden traditionellen Milieus angesichts der Altersstruktur nur bei weniger als 30 Prozent der Befragten der
Fall. Mehrheitlich sind bei ihnen dagegen Rentner*innen bzw.
Pensionäre anzutreffen. Besonders viele Studierende finden sich
unter den Kosmopolitisch-Intellektuellen, den Performern sowie

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

Sozialer und beruflicher Status in den Milieus (in %)
100,0
90,0
80,0
70,0
60,0
50,0
40,0
30,0
20,0
10,0
0,0

% gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Rentnerin/in, Pensionär/in

Arbeitslos

Schülerin/in

Student/in

Hausfrau/-mann

Ausbildung/Umschulung/Elternzeit u.ä.

Geringfügig beschäftigt (bis 450 Euro monatlich)

Teilzeit erwerbstätig (weniger als 34 Wochenstunden/mehr als 450 Euro)

Vollzeit beschäftigt (34 Wochenstunden oder mehr)

Abb. 13: Berufs- und Sozialstatus in den Migrantenmilieus 2018, Anteile in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

Milieuverteilung nach Zuwanderungszeitpunkt (in %)
0,00

2,00

4,00

6,00

8,00

10,00

12,00

14,00

16,00

18,00

Statusbewusstes Milieu
Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu
Milieu der Perfomer
Experimentalistisches Milieu
Adaptiv-Pragmatisches Milieu
Bürgerliche Mitte
Traditionelles Arbeitermilieu
Religiös-Verwurzelte
Prekäres Milieu
Konsum-Hedonistisches Milieu

Vor 2009

Ab 2009

Nicht zugewandert

Abb. 14: Milieuverteilung nach Zuwanderungszeit der Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018
vhw

15

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

den Experimentalisten. Arbeitslosigkeit ist am stärksten unter
Konsum-Hedonisten, Prekären aber auch den Religiös-Verwurzelten anzutreffen.
Wenn die Milieuverteilung unter den Befragten nach dem Zeitpunkt ihrer Zuwanderung bzw. Nichtzuwanderung betrachtet
wird, zeigen sich gewisse Abweichungen. So sind unter den
– nach 2009 – Zugewanderten die Statusbewussten und die
Adaptiv-Pragmatischen besonders stark vertreten, während die
Milieustruktur unter den bereits vorher Zugewanderten deutlich
ausgeglichener ist. Unter den in Deutschland Geborenen dominieren die drei modernen Milieus, die mehr als die Hälfte dieser
Teilgruppe stellen, während die Religiös-Verwurzelten in dieser
Teilgruppe praktisch nicht existent sind.
In den nachfolgenden Kapiteln drei bis sechs werden die wichtigsten Ergebnisse der verschiedenen Befragungsthemen vorgestellt und, soweit möglich, in den aktuellen Forschungsstand
eingeordnet. In Kapitel 3 geht es zunächst um das Thema Integration und Integrationsverständnis.

16

vhw

Die neue Milieulandschaft und die Profile der Milieus

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

3 Identität und Integration
– Kulturelle Orientierung,
Religion und Rollenbilder
3.1 Integration unter den
­Bedingungen von Vielfalt
Neben der Zuwanderungswelle der vergangenen Jahre hat auch
die Bewertung der neuen gesellschaftlichen Vielfalt als Superoder Hyper-Diversity – ungeachtet kritischer Stimmen, die sich
auf der Umkehrung von Mehrheits-Minderheitsverhältnissen in
manchen Städten beziehen35 – maßgeblich zur Forderung nach
einem an diese mehrdimensionale Vielfalt angepassten Aufnahme- und Integrationsverständnis beigetragen36. Sowohl die veränderte Struktur und der Umfang der Zuwanderung als auch die
sich heterogener entwickelnden Aufnahmegesellschaften haben
zu dieser Anpassungsforderung beigetragen. Dabei wird der Begriff Integration inzwischen überwiegend – ungeachtet fortbestehender Kontroversen über seinen Gehalt – als Minimalkonsens
bezogen auf Teilhabe und Einbeziehung der Zugewanderten in
der Aufnahmegesellschaft gesehen. Eine andere Definition orientiert sich am „process by which immigrants become accepted into
society“.37 Insgesamt bleibt der Integrationsbegriff38 jedoch vage,
da er keine präzise Zielsetzung benennt, sondern auf unterschiedliche Perspektiven verweist, die mit Zuwanderung, Zusammenleben und Zusammenhalt in der Gesellschaft verbunden sind39.

Begriff und Konzepte der Integration grundsätzlich abzuschaffen, da Integration immer der Versuch sei, ein „Dominanzverhältnis“ zwischen Zuwanderern und Aufnahmegesellschaft zu
zementieren oder zu schaffen, wurde die „einfache Anerkennung von Vielfalt“ als Integrationsbasis vorgeschlagen, da dieses
Konzept „an dem Gedanken der möglichst chancengerechten
Teilhabe aller Menschen und sozialen Gruppen einer Gesellschaft“ ansetze.41

vgl. M. Crul: Super-diversity vs. assimilation: how complex diversity
in majority-minority cities challenges the assumption of assimilation.
Journal of Ethnic and Migration Studies, 42 (2016) 1, S. 54-68
35

siehe Aleksandra Grzymala-Kazlowska & J. Phillimore: Introduction:
rethinking integration. New perspectives on adaptation and settlement in the era of super-diversity, Journal of Ethnic and Migration
Studies, 44 (2018) 2, 179-196
36

37

E. Grzymala-Kazlowska & J. Phillimore, a. a. O., S. 187

zum Forschungsstand bei Integrationstheorien s. a.: S. Hans: Theorien der Integration von Migranten. Stand und Entwicklung, S. 23-50,
in: H.U. Brinkmann und M. Sauer (Hg.): Einwanderungsgesellschaft
Deutschland. Wiesbaden: Springer VS 2016 Ein knapper Überblick
findet sich bei U. Koch: Integrationstheorien und ihr Einfluss auf Integrationspolitik. Bundeszentrale für politische Bildung, 28. Mai 2018
38

vgl. A. Scherr, C. Inan: Leitbilder in der politischen Debatte: Integration, Multikulturalismus und Diversity. In: Handbuch Lokale Integrationspolitik. Springer Verlag 2018, S. 201-226 (202)
39

als Protagonist gilt H. Esser: Pluralisierung oder Assimilation? Effekte
der multiplen Inklusion auf die Integration von Migranten, in: Zeitschrift für Soziologie, 38. 2009, H. 5, S. 358–378
40

so L. Pries: Teilhabe in der Migrationsgesellschaft: Zwischen Assimilation und Abschaffung des Integrationsbegriffs. IMIS Beiträge,
Universität Osnabrück, 47/ 2015, S. 7-35 (24)
41

In Abgrenzung zu den Extremen eines monistischen Assimilationsbegriffs40 auf der einen Seite und andererseits der Forderung,

vhw

17

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Akkulturationsorientierungen
nach Berry
Akkulturationsorientierungen
nach Berry
Issue 1: Maintenance of heritage culture and identity

Issue 1: Maintenance of heritage culture and identity

+

Issue 2:
Relationships
sought

–

+

–

+

among

Integration

Issue 2:
Relationships
sought among
groups

groups

Separation

Assimilation

Marginalisation

Multiculturism

Segregation

Melting Pot

Exclusion

–
Strategies of ethnocultural groups
Strategies
of ethnocultural groups

Strategies of lager society
Strategies
of lager society

Abb. 15: Akkulturationsorientierungen nach Berry
Quelle: Berry, J. W., Sam, D. L.: Accommodating cultural diversity and achieving equity: An introduction to psychological
dimensions of multiculturalism. European Psychologist, 18(2013) 3

Im öffentlichen Diskurs werden die verschiedenen Formen von
Akkulturation weiterhin vermengt bzw. in ihrer inhaltlichen Substanz unterschiedlich ausgestaltet. Dies gilt nicht zuletzt für die Begriffe Assimilation und Integration: „Auch wenn Integration und
Assimilation nicht zwangsläufig identisch sein müssen, wird in den
Medien und in der Politik meist von Integration gesprochen, egal
ob Integration oder Assimilation gemeint ist.“42 Dieser Befund ist
nicht zuletzt deshalb erstaunlich, weil Berry in seinen wegweisenden Studien zur Akkulturation43 eine eindeutige Abgrenzung der
Erscheinungsformen vorgelegt hat, welche breiten und fortbestehenden Einfluss auf die Integrationsforschung genommen hat. In
der nachfolgenden Skizze werden die vier Grundorientierungen
der Zugewanderten – Integration, Assimilation, Separierung und
Marginalisierung – und die vier entsprechenden politisch-gesellschaftlichen Strategien der Gesamtgesellschaft abgebildet.
Im Unterschied dazu hat Esser in seiner kontrovers rezipierten
Studie zwischen Marginalität, Segmentation, Mehrfachinte­
gration und Assimilation unterschieden. Marginalität liege vor,
wenn eine Person weder in die Herkunfts- noch in die Aufnahmegesellschaft integriert sei. Einseitige Integration in die Herkunftsgesellschaft wird als Segmentation bezeichnet. Mehrfach­
integration liege dagegen vor, wenn eine Person sowohl in
die Herkunfts- als auch in die Aufnahmegesellschaft integriert
ist. Assimilation als einseitige Integration in die Aufnahmegesellschaft ohne Integration in die Herkunftsgesellschaft sei der
einzige Weg, Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft
überhaupt zu erreichen; Integration ist aus dieser Perspektive
zwangsläufig auch Assimilation44. Diese Position ist bis heute zu
finden, etwa bei dem israelischen Historiker und Zukunftsforscher Hariri, der die Anpassung an die „zentralen Normen und
Werte des Aufnahmelandes“ als eine der Bedingungen für die
erfolgreiche Integration von Zugewanderten beschreibt.45
18

vhw

Essers Konzept wurde unter der Annahme weiterentwickelt,
dass Assimilation nicht einseitig verlaufen muss. Insofern bedeute Assimilation dann nicht die einseitige Anpassung der Migranten an die Aufnahmegesellschaft, sondern die Anpassung beider Gruppen aneinander46. Durch diese Anpassung sollen jene
Gruppenunterschiede verschwinden, die allein auf die Herkunft
zurückzuführen sind. In Anlehnung an die Dimensionen der Sozialintegration werden im Kontext vier Dimensionen der Assimilation genannt: kulturelle, strukturelle, soziale und identifikative
Assimilation.
so u. a. S. Pokorny: Was uns prägt. Was uns eint. Berlin: KAS 2016,
S.11: „Für Koopmans hat z. B. – aufgrund seiner früheren Erfahrungen in den Niederlanden – der Spracherwerb von Migranten im Aufnahmeland eher assimilatorischen Charakter, während er in Deutschland als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe schlechthin
bewertet wird. Vgl. Koopmans, R.: Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration. Münster: Lit, 2017. Ders:
Good intentions sometimes make bad policy: A comparison of Dutch
and German integration policies. In: F. E. Stiftung (Ed.), Migration,
Multiculturalism, and Civil Society. 2007, S. 163–168. Zur Entwicklung
des niederländischen Diskurses, s. a. J. W. Duyvendak, P. W. A. Scholten: Beyond the Dutch “Multicultural Model”. The Coproduction of
Integration Policy Frames in the Netherlands. International Migration
& Integration, 12 (2011), S. 331–348.
42

siehe J. W. Berry: Acculturation as varieties of adaptation. In:
A. Padilla (Ed.), Acculturation: Theory, models and some new findings
(pp. 9–25). Boulder, CO: Westview 1980
43

H. Esser: Integration und ethnische Schichtung, Arbeitspapiere –
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung Nr. 40, 2001,
S.19, 21
44

vgl. Y. Hariri: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, C.H. Beck,
Sept. 2018, s. a. das Interview mit Hariri, in: Welt am Sonntag,
21.10.2018: „Wenn sich Menschen weigern, nennt man das Demokratie“.
45

S. Hans: Assimilation oder Segregation? Anpassungsprozesse von
Einwanderern in Deutschland, Wiesbaden 2010
46

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

In der öffentlichen und staatlichen Praxis liegt der Untersuchungsfokus hinsichtlich „erfolgreicher“ Integration – etwa im Rahmen
eines Integrationsmonitoring – meist auf den funktionalen bzw.
strukturellen Integrationsergebnissen wie etwa dem Anstieg des
Bildungsniveaus oder der erfolgreichen Arbeitsplatz- und Wohnungssuche – und weniger auf der sozialen bzw. „kulturellen“
Integration. So wurden international – Beispiel MIPEX47 – und
national verschiedene Indikatorensysteme entwickelt, nach denen der Integrationserfolg zum Beispiel an einer gesteigerten
Erwerbsquote, einer verbesserten Wohnsituation, einer höheren
Zahl qualifizierter Bildungsabschlüsse oder sogar an der Reduzierung von Übergewichtigkeit gemessen werden soll.48 Allerdings
wurde in diesem Kontext schon früh die Frage aufgeworfen, ob
„erfolgreiche Integration tatsächlich messbar“ sei49.
Auch wenn funktionale Erfolge einen wichtigen Aspekt der Integrationsentwicklung reflektieren und als entscheidende Voraussetzung gelten müssen, so handelt es sich doch um kaum
trennbare Teile eines Gesamtvorgangs.50 Ohne soziale – als
Ergänzung zur nachhaltigen ökonomischen – Einbindung der
Migranten ist Integration letztlich zum Scheitern verurteilt. Unklar ist in diesem Kontext, wie verschiedene Untersuchungen
zeigen, inwieweit verpflichtende Integrationsprogramme derzeit
einen positiven Beitrag zu einer erfolgreichen sozioökonomischen Integration leisten51. Aktuelle Vergleichsstudien, welche
die Integrationswirkung obligatorischer Programme in mehreren
europäischen Ländern untersucht haben, gehen zwar von einer
„starken positiven Wirkung“ auf die wirtschaftliche Integration
der Betroffenen aus, nicht jedoch auf den Grad der „sozialen
und politischen Integration“52. Andere Studien, so etwa der
„Religionsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung von 201753, sehen
fortbestehende Defizite für eine erfolgreiche Integration zudem
eher bei den Einheimischen als bei den – nicht zuletzt muslimischen – Migranten. Andere Beobachter meinen, dass „Rassismus“ bis in die Mitte der Gesellschaft reiche und Deutschland
von dem häufig postulierten „postmigrantischen“ Stadium noch
weit entfernt sei54.
In diesem Kontext spiegelt insgesamt die kontroverse Debatte
über die Ausformung einer kulturellen Integration und die anhaltende, damit verbundene Wertedebatte den fortbestehenden
Dissens in Gesellschaft und Politik am deutlichsten wider55.Während Verfechter eines „multikulturellen Pluralismus“ bereits den
Begriff einer „kulturellen Integration“ ablehnen, fordern andere
Autoren, wie David Miller56, einen „Mittelweg, bei dem darauf
zu achten sei, „dass die Forderung kultureller Integration nicht in
eine Tyrannei der Mehrheit ausarte“, andererseits solle „der Minderheitsschutz nicht so weit getrieben werden, dass es kaum noch
möglich ist, die Position kultureller Mehrheiten zu verteidigen“.
Skeptische Beobachter werfen die Frage nach einer möglicherweise nicht überwindbaren kulturellen Distanz auf, so etwa Demokratieforscher Wolfang Merkel: „Kann es sein, dass wir es mit
den Menschen aus islamischen Kulturen mit den am schwersten
zu integrierenden religiösen Ethnien zu tun haben, weil Kernelemente ihrer gegenwärtigen Gesellschaften die größte Distanz zu
Leitwerten unserer liberalen und säkularen Gesellschaftskulturen
aufweisen?“57 Ähnlich äußerte sich Olaf Zimmermann: „Jeder in

diesem Land hat das Recht, die Grundbedingungen zu nutzen,
die wir festgelegt haben. Die Grenze ist dort, wo Menschen versuchen, fundamentale Werte auszuhebeln, die wir uns gegeben
haben. Die Gleichberechtigung der Frau zum Beispiel“58.
Noch wesentlich weiter gehen die Vorstellungen über eine „kulturelle Assimilation“, die z. B. über eine Angleichung der sozialen Normen, der Sprache, der Religion oder der Essgewohnheiten stattfinden könne. Die identifikative Assimilation im Sinne
Essers meint darüber hinaus die emotionale Bindung an und das
Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gesellschaft oder auch zu einem
lokalen Wohnort, also eine einseitige Assimilation der Zuwanderer an die Aufnahmegesellschaft59.
Im Mai 2017 hat die Initiative kulturelle Integration unter dem
Titel „Zusammenhalt in Vielfalt“ fünfzehn Thesen zur Rolle der
Kultur für das Zusammenleben in einer vielfältigen und weltoffenen Gesellschaft vorgestellt. Diese wurden auch als Antwort
auf die kritisch aufgenommenen60 zehn Thesen des damaligen
Innenministers de Maiziere verstanden. Die Thesen der Initiative
stellten die zentrale Rolle des Grundgesetzes für das Zusammen-

Ein Gesamt- und Teilindex zu nationaler Integrationspolitik ist der
Migrant Integration Policy Index (www.mipex.eu)
47

vgl. Destatis (Hg.): Migration und Integration – Integrationsindikatoren 2005 – 2016. Wiesbaden, 16.11.2017; zum ersten Indikatorenbericht, siehe Fohgrub, Svenja: Integration messbar machen. In:
Granato, Mona; Münk, Dieter; Weiß, Reinhold (Hg.): Migration als
Chance. Bonn 2011, S. 259-266
48

vgl. F. Gesemann: Ist erfolgreiche Integration messbar? Die Beispiele Sprache und Bildung. BAMF, Nürnberger Tage der Integration,
18.6.2010
49

siehe auch M. Fuchs: Zum Begriff kulturelle Integration, in: Politik &
Kultur, 2-2017, S. 21
50

vgl. S. Wallace Goodman & M. Wright: Does Mandatory Integration
Matter? Effects of Civic Requirements on Immigrant Socio-economic
and Political Outcomes, Journal of Ethnic and Migration Studies, June
2015, S.17
51

so M. Neureiter: Evaluating the effects of immigrant integration
policies in Western Europe using a difference-in-differences approach,
Journal of Ethnic and Migration Studies, July 2018
52

siehe Bertelsmann Religionsmonitor, D. Halm, M. Sauer: Muslime in
Europa. Integriert aber nicht akzeptiert? Gütersloh, August 2017. Kritisch zur Studie u. a. R. Koopmans, zit. n. NZZ, 3.9.2017: Bertelsmann
redet die Integration von Muslimen in Deutschland schön.
53

F. El-Tayeb: Deutschland postmigrantisch? Rassismus, Fremdheit und
die Mitte der Gesellschaft. APuZ 14-15/ 2016, S.15ff
54

vgl. dazu den aktuellen Sammelband: O. Zimmermann/ T. Geißler:
Wertedebatte: Von Leitkultur bis kulturelle Integration. Aus Politik &
Kultur, Nr. 15, Berlin März 2018, der vielfältige Aspekte und Perspektiven zur kulturellen Integration enthält.
55

56

vgl. D. Miller: Fremde in unserer Mitte. Frankfurt: Suhrkamp 2017

W. Merkel: Flüchtlinge, Ungleichheit, Religion – So spaltet die Globalisierung die Gesellschaft. Cicero, 3. Februar 2016
57

Die Zeit, 27.12.2017 – Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.
58

59

vgl. S. Pokorny: Was uns prägt. Was uns eint, a. a. O., S. 10f

beispielhaft A. Orzessek: Leitfaden statt Leitkultur – Eine Debatte
wohlfeiler Polemik. Deutschlandfunk Kultur, 2.5.2017
60

vhw

19

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

leben in einer pluralistischen Gesellschaft heraus, betonten aber
auch die Bedeutung der „kulturellen Gepflogenheiten“ und der
Geschlechtergerechtigkeit für das Zusammenleben. Hervorgehoben wurden zudem die Bedeutung von Sprachkompetenz,
Bildung und Engagement sowie die Bedeutung von Erwerbsarbeit für Teilhabe und sozialen Zusammenhalt.
Unter Hinweis auf die Religionsfreiheit in Deutschland wurde betont, dass „die Religion auch in den öffentlichen Raum“ gehöre,
um „sichtbar“ auftreten und „aktiv am gesellschaftlichen Leben
mitwirken“ zu können. Zugleich aber unterliege sie „den geltenden rechtsstaatlichen Regeln und einem öffentlichen Diskurs“61.
Einen erweiterten Akzent setzt Fuchs, der die „Stolpersteine“
auf dem Weg zu einer „kulturellen Integration“ benennt und
fragt, „wie viel an Gemeinschaftlichkeit überhaupt nötig ist, damit eine moderne Gesellschaft funktioniert“62.
Zick hebt in diesem Kontext die zentrale Rolle von „Teilhabe
und Anerkennung von Identitäten“ für die Integration hervor,
weist zugleich aber darauf hin, dass diese „wahrscheinlich noch
viel mühevoller herzustellen sind als Assimilationen oder eine
schlichte Duldung von Parallelgesellschaften“63. Eine Perspektivänderung in der Identitäts- und Integrationsdebatte unterstützen auch Arnold und Bischoff, wenn sie anregen, demokratische Werte stärker zu betonen, um zu einer „Verringerung von
Feindmarkierungen“ zu kommen. Dies könne den Weg zu einer
„postnationalen Perspektive“ öffnen64.

signifikante Unterschiede zwischen den Milieus in der „Migrations-Bevölkerung“.
Die große Mehrheit der Befragten will sich aktiv einfügen, ihre
kulturellen Wurzeln jedoch beibehalten. In der folgenden Tabelle
sind die Zustimmungswerte zu den aufgeführten Aussagen und
die entsprechende Abweichung der Milieus zu diesen Werten
(Indexformat, Zustimmungswert = 100) dargestellt.
Für nahezu alle Befragten ist klar, dass die Sprachbeherrschung
der Schlüssel zum Erfolg in Deutschland ist67; nur 9 Prozent sind
in diesem Punkt anderer Ansicht. 45 Prozent unterhalten sich
„mit Freunden“ ausschließlich oder überwiegend auf Deutsch,
gut 20 Prozent überwiegend in der Herkunftssprache, während
32 Prozent eine Mischung aus beiden Sprachen praktizieren.
Mit breiter Mehrheit wird eine möglichst vollständige Teilhabe
am Leben in Deutschland unter Beibehaltung der eigenen kulturellen Wurzeln eingefordert. Im Hinblick auf die Nähe bzw.
Distanz zu den Deutschen zeigen sich bereits erste Abweichungen zwischen den Milieus, die bei bi-kulturellen Orientierungen und dem Thema Entwurzelung weiter zunehmen. Starke
Abweichungen zum Durchschnitt der Befragten sind bei diesen
Themen vor allem bei den Religiös-Verwurzelten, teilweise aber
auch bei den sozial schwachen Milieus der Prekären und Konsum-Hedonisten zu beobachten.

Für Bude ist „der entscheidende Punkt, dass Migration weder
in erster Linie ein ökonomisches noch ein letztlich kulturelles
Problem darstellt. Einwanderung stelle für die Aufnahmegesellschaften und Auswanderung für die Abgabegesellschaften vor
allem ein soziales Problem dar. Darauf beziehe sich der Ausdruck
des Migrationsregimes, „mit dem das Ensemble von alltäglichen
Praktiken, institutionellen Regelungen, ökonomischen Prüfungen, tradierten Erinnerungen und moralischen Kommentaren im
Umgang mit Menschen gemeint ist.65“

Als Kulturmittler, also als Gruppen mit Bridging-Potenzial, verstehen sich die Intellektuell-Kosmopolitischen und die Mitglieder des Statusbewussten Milieus, wobei sich letztere durchaus
„hin- und hergerissen“ zwischen Ursprungskultur und „neuer“
Heimat fühlen. Am stärksten abgekoppelt von der Herkunftskultur haben sich viele Performer, in kultureller Hinsicht auch
die Experimentalisten. Bei ihnen korrespondieren der moderne
Lebensstil und die kulturübergreifende, bi- oder multikulturelle
Orientierung, was gerade bei den Performern häufig auch zur
Übernahme „deutscher“ Einstellungsmuster führt.

Die vielschichtige und häufig polarisierte Debatte hat tiefe Spuren auch in der Gesamtbevölkerung hinterlassen. Im April 2018
waren im „Deutschlandtrend“ 62 Prozent der Befragten der Ansicht, „kulturelle Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft“ seien ein (sehr) großes Problem; ähnlich wurden
die Unterschiede zwischen den Religionen bewertet66.

Gerade die modernen Milieus sowie die Statusbewussten berichten mit großer Mehrheit von einem „bunten, internationalen
Freundeskreis“. Anders sieht es bei den Religiös-Verwurzelten,
im Traditionellen Arbeitermilieu und auch bei den Prekären aus,
wobei allerdings nur die Religiös-Verwurzelten mit „Menschen
aus anderen Kulturen“ mehrheitlich nicht „viel zu tun“ haben

Wie aber stehen die Bewohner*innen mit Migrationshintergrund
in Deutschland aktuell zu Fragen von Integration und Identität?

61

Pressetext Initiative kulturelle Integration vom 18.3.2018: „Religion
gehört auch in den öffentlichen Raum“. Siehe auch L. Schendel: Die
Religionen haben eine Verantwortung. FAZ, 16.5.2017
62

M. Fuchs: Kulturelle Integration, a. a. O.

A. Zick, M. Preuß: Zugleich – Zugehörigkeit und (Un-) Gleichwertigkeit. Ein Zwischenbericht. Universität Bielefeld: IKG, Stiftung Mercator,
2016, S. 6
63

3.2 Integration und Zugehörigkeit
in der Befragung

S. Arnold, S. Bischoff: Wer sind wir denn wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten. APuZ, Heft 14-15/ 2016, S. 33f
64

65

Eine breite Fragen- und Aussagenbatterie befasste sich mit unterschiedlichen Aspekten von Zugehörigkeit, Identität und kultureller Orientierung. Die Gesamtergebnisse zum Thema Identität
und Integration reflektieren große Gemeinsamkeiten aber auch
20

vhw

Zit. n. H. Bude: Anerkennung durch Differenz, FAZ, 7.9.2017

vgl. S. Menkens: Mehrheit der Deutschen erlebt ihr Land als tief
gespalten. Die Welt, 5.4.2018
66

vgl. U. Maas: Migrationsschwelle Sprachausbau. IMIS-Beiträge Heft
50/ 2016, Themenheft. Osnabrück, Dezember 2016
67

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Zustimmung, Top 2 – Statements

in %

STA

KOS

PER

79: Ich finde es gut, wenn Menschen, die
nach Deutschland gekommen sind, ihre
kulturellen Wurzeln beibehalten.

87,3

102,6 104,8

94,6 105,8

98,5

96,4 110,2

94,3

96,6

33: Ausländer, die in Deutschland leben,
sollten ihre eigene Kultur bewahren dürfen.

87,0

101,1 101,7 101,2 100,0 106,5

96,9

93,7 109,6

92,9

94,6

79: Die Deutschen sollten Menschen, die
nach Deutschland gekommen sind, vollständig an ihrem Leben teilhaben lassen.

81,0

97,6

95,0 101,9 102,6

91,9

94,4

78: Ich fühle mich den Deutschen ziemlich
nahe.

78,9

97,7 109,0 116,1 107,8 105,6 110,6 106,6

32,2

88,1

88,6

33: Es ist vorteilhaft, wenn man in mehreren Kulturen zuhause ist

75,8

111,4 122,6 111,5 108,2 111,6

94,4

79,1

54,8

82,3

85,3

33: Deutschland ohne Ausländer wäre ein
langweiliges Land.

74,0

103,2

97,7 107,8 109,6

94,1

92,3

81,1 119,5

98,7 104,2

17: Mir sind die Bräuche meines Herkunftslandes (die Musik, das Essen, die Kultur)
sehr wichtig

72,1

119,9

94,7

83,5 106,7

94,8

98,2 134,4

99,4 102,5

33: Ich habe einen bunt gemischten internationalen Freundeskreis

71,0

112,5 125,3 122,9 120,5 120,4 105,0

54,2

15,2

68,0

93,9

78: Ich finde es eigentlich einfach die deutsche Lebensweise und die Lebensweise meines Herkunftlandes zusammenzubringen.

69,6

103,1 111,4 115,3 102,3 108,7 106,5 101,7

33,2

80,6

97,7

33: Ich bin sehr stolz auf mein Herkunftsland

65,0

125,3

93,7

85,4

80,4 103,9 101,3

84,4 135,0

78: Obwohl ich in Deutschland lebe, bin ich
doch sehr anders als Deutsche.

42,5

125,8

58,1

52,8

83,1 100,5

90,4 209,8 135,1 133,7

17: Mir ist vor allem die deutsche Lebensweise wichtig: die meines Herkunftslandes
interessiert mich nicht so sehr

40,9

52,1

17: ich verstehe mich als Mittler zwischen
den Kulturen in Deutschland

40,6

173,9 149,1

78: Ich fühle mich manchmal hin- und hergerissen zwischen Deutschland und meinem
Herkunftsland

26,8

131,7

33: Mein Herkunftsland ist meine eigentliche
Heimat; in Deutschland verdiene ich nur mein 20,5
Brot
78: Manchmal fühle ich mich heimatlos und
weiß nicht, wohin ich gehöre.

94,9

EXP

PRA

97,0 107,7 100,7 108,7

77,6

ARB

84,2

REL­

PRE

KHED

95,0 102,6

99,7 112,8 134,8

99,0

18,8

93,6 107,0

97,7

71,1 103,2 100,4

54,3

22,8

57,7

48,2

44,4

89,1 110,1

89,1

93,8 224,0 113,8 126,9

159,1

25,3

34,5

38,9

85,6

34,2

82,7 353,4 142,1 204,5

19,5

119,4

53,0

43,0 104,7

87,7

78,1

65,8 268,5 112,8 171,1

78: Eigentlich fühle ich mich weder in
Deutschland noch in meinem Herkunftsland
richtig zuhause.

17,4

100,0

74,0

40,4

91,3 102,9

80,2

61,7 247,0 109,8 187,4

33: Eigentlich will ich mit Menschen aus
anderen Kulturen nicht viel zu tun haben.

15,9

107,4

19,9

19,4

25,1

80,3 129,2 353,6 192,1 247,0

Nähe und Integration

Assimilation

Distanz-Statements

89,0 171,2

BÜM

37,7

87,0

Zustimmung: Überrepräsentiert
Zustimmung: Unterrepräsentiert

Tabelle 1: Statements zur Identität und Zugehörigkeit
vhw

21

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

In welcher Sprache unterhalten Sie sich mit Ihren engsten Freunden und Bekannten? –
welcher Sprache unterhalten Sie sich mit Ihren engsten
Milieus inIn %
Freunden und Bekannten? – Milieus in %

80,0

74,6
70,5

70,0

60,7

58,3

60,0
50,0

42,3

47,3

45,1

45,1
39,7

40,0
30,0
20,0

STA: Statusbewusstes Milieu
KOS: 	Intellektuell-Kosmopolitisches
Milieu
PER: Milieu der Performer
EXP: Experimentalistisches Milieu
PRA: Adaptiv-Pragmatisches Milieu
BÜM: Bürgerliche Mitte
ARB: Traditionelles Arbeitermilieu
REL: Religiös-Verwurzeltes Milieu
PRE: Prekäres Milieu
KHED: Konsum-Hedonistisches Milieu

33,3
27,0

20,2
13,9
8,1

10,0

15,4

24,2

22,6
17,7

4,4

4,6

0,0
STA

KOS

PER

EXP

Herkunftssprache

PRA

BÜM

ARB

Teils/teils

REL

PRE

KHED

Deutsch

Abb. 16: Genutzte Sprache im Freundeskreis nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

möchten. Auf die Kontaktmuster und Kontakthäufigkeit zu Autochthonen geht Kapitel 4 eingehender ein.
Aus den bisher genannten Befunden zu Identität und Integration ergeben sich zentrale Grundmuster, die beim Thema „Bereitschaft zur und Richtung von Anpassung“ berücksichtigt werden
müssen. Die Frage, welche Seite sich – zunächst – an die andere „anpassen“ soll, Einheimische an die Migranten oder umgekehrt, wurde bereits in diversen anderen Studien gestellt. In
Anlehnung an Berrys Akkulturationsmatrix unterscheidet Zick in
der Zwischenstudie „Zugleich“ vier Grundeinstellungen:
• Annäherung: Sowohl von den Autochthonen als auch von
den Eingewanderten wird eine Anpassungsanstrengung verlangt
• Assimilation: die Anpassung wird nur von den Eingewanderten verlangt

ten, nicht jedoch die Deutschen an die Migranten. Besonders stark
vertreten ist dieses Meinungsbild bei den vor 2009 Zugewanderten mit 57 Prozent – ganz anders als bei den – in ihrer Herkunftsstruktur abweichenden – Zuwanderer ab 2014 mit nur 28 Prozent.
Knapp ein Drittel der Befragten (30,5 Prozent) findet, beide
Gruppen sollten sich anpassen – ein nahezu doppelt so hoher
Anteil wie in der Studie „Zugleich“ (dort: 17 Prozent). Entsprechend unterschiedlich fällt das Ergebnis für jene aus, die weder
für die eine noch für die andere Seite eine Anpassungsleistung
fordern (vgl. Abb. 17).
Die Autoren von „Zugleich“ äußerten als Protagonisten einer
beidseitigen Anpassungsleistung im Sinne von Integration/Inklusion unverhohlen ihr Bedauern über das Ergebnis ihrer Befragung und die verbleibenden Hürden für den auf Wechselseitigkeit beruhenden Ansatz:
„Solange … das Konzept der Integration, das Kompromissbereitschaft, Aushandlung und ebenso eine Mindest-Offenheit
beider Seiten benötigt, auf der rein konzeptionellen und ideellen Ebene bewertet wird, findet diese Form der Akkulturation enorme und höchste Zustimmung. Sobald jedoch ihre
praktische und wirkliche Umsetzung in den Blick genommen
wird, in Form der Annäherung oder Öffnung, die Notwendigkeit von Anpassungsbemühungen auch auf Seiten der
‚aufnehmenden‘ Gesellschaft fokussiert werden, scheint die
wertgeschätzte Integration nur eine leere Hülse, gegen deren
Inhalt zu füllen, sich massiv gewehrt wird.“

• Öffnung: Die Anpassungsanstrengung wird auf Seiten der
Autochthonen, nicht bei den Zugewanderten gesehen
• Neutralität: Es wird von beiden Seiten keine Anpassungsleistung verlangt
Das Ergebnis in „Zugleich“ zeigt ein bemerkenswert hohes
Maß an Übereinstimmung zwischen Autochthonen und Befragten mit Migrationshintergrund, insbesondere bei der Assimilations-Orientierung, die mit deutlichem Abstand dominiert68.
Dieser Teil des Ergebnisses wird durch die vorliegende Befragung
auch im Niveau bestätigt. 54 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass sich zwar Migranten an „die Deutschen“ anpassen soll22

vhw

vgl. Zick: Zugleich, a. a. O., S. 19f – In der Stichprobe für die Studie
Zugleich hatten allerdings nur 391 der Befragten einen Migrations­
hintergrund.
68

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Die Migranten müssen sich mehr an die
Deutschen anpassen (in %)

Stimme nicht zu

Stimme zu

Stimme nicht zu

8,4

6,8

Stimme zu

Die Migranten müssen sich mehr
an die Deutschen anpassen.

Die Deutschen müssen sich mehr
an die Migranten anpassen.

54,3

30,5

Abb. 17: „Anpassungsverständnis“ in der Befragung, Quelle: vhw/SINUS 2018

Tatsächlich liefert eine – in „Zugleich“ nicht vorgenommene –
Differenzierung nach weiteren Merkmalen der Zugewanderten
ein differenzierteres Bild. So tendieren in der vorliegenden Befragung 36 Prozent der befragten Muslime zur Assimilations-Variante69, 39 Prozent aus dieser Teilgruppe befürworten jedoch
beidseitige Anpassungsanstrengungen im Sinne des oben genannten Integrationskonzepts.
Ein Blick auf die entsprechenden Antwortmuster der verschiedenen Migrantenmilieus zeigt eine bemerkenswerte Eintracht: Mit
Ausnahme der Religiös-Verwurzelten dominiert in allen anderen
Milieus die „assimilatorische“ Antwortkombination vor der „Integrationsorientierten“, nach der sich beide Seiten anpassen sollten. Die beiderseitige Anpassungsnotwendigkeit findet bei den
Adaptiv-Pragmatischen den stärksten Zuspruch, am geringsten
bei der – lebensweltlich durchaus ähnlichen – Bürgerlichen Mitte.
Angesichts der potenziellen inhaltlichen Unbestimmtheit des
Begriffs Anpassung sind die Ergebnisse grundsätzlich nur in Verbindung mit weiteren präzisierenden Antworten aussagekräftig.
Die Bekundung der Anpassungsbereitschaft an das Aufnahmeland ist daher keineswegs mit der Bereitschaft zur umfassenden
Übernahme der „neuen“ oder gar der Aufgabe der Herkunftskultur gleichzusetzen.
Zudem fordern Dreiviertel der Befragten das Anpassungserfordernis der Migranten an die Deutschen damit, dass letztere die
Migranten „vollständig an ihrem Leben teilhaben“ lassen.
Wenn nach der „Verbundenheit“ mit Deutschland und bzw.
oder dem Herkunftsland gefragt wird, also auch eine emotionale Komponente angesprochen wird, ergibt sich bereits ein deutlich abweichendes Meinungsbild. Gut 51 Prozent fühlen sich so-

wohl mit Deutschland als auch dem Herkunftsland „verbunden“,
etwa 35 Prozent nur mit Deutschland und knapp 11 Prozent nur
mit dem Herkunftsland. Unter den befragten Muslimen fühlen
sich sogar 57 Prozent beidseitig verbunden; nur gut 23 Prozent
bekunden keine Verbundenheit zum Herkunftsland. Aufschlussreich ist im Übrigen der enge Zusammenhang zwischen der Verbundenheit mit Deutschland und der Häufigkeit der Freizeitkontakte zu „Einheimischen“. So fühlen sich von jenen Befragten,
die von nahezu täglichen Kontakten berichten, mehr als 92 Prozent mit Deutschland verbunden, von denjenigen, die fast keine
Freizeitkontakte haben, dagegen nur 48 Prozent.
Insgesamt besteht sowohl beim Thema „Anpassungswille“ als
auch – in schwächerem Maße – bei der „Verbundenheit“ ein
Unterschied zur – hier nicht explizit gestellten – Frage nach der
„Zugehörigkeit“ (belonging), wie sie Berry in seiner aktuellen
Studie zu den Akkulturationsorientierungen der Migranten in
Kanada stellt70.
In der hier vorliegenden Befragung unterstützen auch 84 Prozent jener Befragten, die eine einseitige Anpassungsleistung
befürworten, die Aussage, dass Migranten „ihre Kultur bewahren dürfen“, also nur unwesentlich weniger als alle Befragten
(87 Prozent). Dieses Antwortmuster zeigt sich auch bei anderen
Aussagen. Nur bei der Frage nach „der Nähe zu Deutschen“ und

39 Prozent der unter 30-Jährigen tendieren zur Assimilationsvariante, aber nur 29 Prozent der über 50-Jährigen muslimischen Befragten.
69

siehe J. W. Berry, F. Hou: Immigrant acculturation and wellbeing in
Canada. Canadian Psychology, 57 (2016) 4, 254-264. Danach tendieren bezogen auf diese Frage nur 15 Prozent zur Assimilations- aber
75 Prozent zur Integrationsvariante
70

vhw

23

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

"Einseitige Anpassung" an Deutsche nach Religionszugehörigkeit und Herkunftsregion

„Einseitige Anpassung“ an Deutsche nach Religionszugehörigkeit und Herkunftsregion
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%
Andere Glaubensgemeinschaft

40,0

Buddhistisch

60,0

44,4

55,6

Evangelisch, protestantisch, andere christliche…
Hinduistisch

68,5
20,0

80,0

Jüdisch

52,6

Katholisch

47,4

66,2

Keine Angabe

33,8

45,5

Keiner Religionsgemeinschaft/Kirche,…
Muslimisch (sunnitisch, schiitisch, alevitisch)

31,5

54,5

56,9

43,1

35,9

64,1

Orthodox (russisch, griechisch, serbisch, etc.)

58,6

41,4

Herkunftsregion:
Ehemalige Sowjetunion

63,1

EU-Ost-Europa
Syrien, Irak

36,9

73,3

26,7

25,9

74,1

Türkei

39,6

60,4

Übriges Afrika

40,7

59,3

Gesamt
Nur einseitig

54,3

45,7

Nicht für eine nur einseitige Anpassung an die Deutschen

Diagramm
19: „Einseitige
Anpassung
an die Deutschen“
nach Herkunftsregion
Abb. 18: „Einseitige
Anpassung
an die Deutschen“
nach Herkunftsregion,
Quelle: vhw/SINUS 2018

Anpassungsverständnis in den Milieus (in %)
Statusbewusstes Milieu

29,8

Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu

29,5

Milieu der Perfomer
Experimentalistisches Milieu

Traditionelles Arbeitermilieu

3,3

56,8
41,5

3,8

1,8 7,5

67,1

31,3
37,3

61,0
14,4

28,3

50,4

Konsum-Hedonistisches Milieu

28,6

49,7

30,5

3,8 3,8
29,7

Prekäres Milieu

18,6
15,7
15,0

54,3

Deutsche müssen sich nicht an Migranten anpassen, aber Migranten sollen sich an Deutsche anpassen
Deutsche müssen sich an Migranten anpassen, aber Migranten müssen sich nicht an Deutsche anpassen
Migranten und Deutsche müssen sich nicht aneinander anpassen

Abb. 19: Anpassungsverständnis in den Migrantenmilieus, Quelle: vhw/SINUS 2018
vhw

9,8
2,2 4,9

51,3

23,7

9,8
2,3 5,1

Deutsche und Migranten müssen sich anpassen

24

14,0

65,1

29,5

Religiös-Verwurzelte

Zusammen

6,8

57,4

27,4

Adaptiv-Pragmatisches Milieu
Bürgerliche Mitte

49,4

6,8

5,5
6,8
8,4

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

dem „Schwanken“ zwischen Herkunft und Heimat bestehen
gewisse Unterschiede. Immerhin ist die Kontakthäufigkeit mit
Einheimischen bei den Befürwortern einseitiger migrantischer
Anpassung an Deutschland mit 58 Prozent deutlich höher als
bei den übrigen Befragten (44 Prozent).
Unterschiede werden darüber hinaus in Verbindung mit der Religionszugehörigkeit und der Herkunft der Befragten deutlich. So
zeigen sich etwa befragte Hindus und Muslime mehrheitlich ablehnend gegenüber einer einseitigen Anpassung der Migranten.
Umgekehrt befürworten Befragte mit Wurzeln in EU-Osteuropa
und der Ex-UdSSR mit jeweils großen Mehrheiten eine einseitige
Anpassung.
Dieses insgesamt differenzierte Bild unterstützt weitgehend
die Ergebnisse der allerdings auf türkeistämmige Migranten
begrenzten Untersuchung der Uni Münster, wonach Integrationswille keineswegs mit einer einseitigen, zumal „kulturellen“
Anpassungsleistung gleichzusetzen ist. In jener Studie bekunden
70 Prozent der Türkischstämmigen einen unbedingten Willen
zur Integration. Zugleich geben nur 39 Prozent der Türkischstämmigen an, zu den Bedingungen guter Integration gehöre
es, mehr von der deutschen Kultur zu übernehmen71.
Die Gewichtung des Verhältnisses von (einseitiger) Anpassungsbereitschaft und Kulturbewahrung oder -übernahme bzw. kultureller Neuorientierung variiert deutlich zwischen den Milieus.
Abgesehen von den diesbezüglich einseitig auf ihr bewahrendes
Verständnis fixierten Religiös-Verwurzelten, finden sich in den
übrigen Milieus Bestandteile aller Orientierungen. Deren relatives Gewicht lässt eine Einteilung in bi-/multi-kulturelle und assimilative Schwerpunkthaltungen zwar grundsätzlich zu. Doch
erst durch die Berücksichtigung weiterer Einstellungsmuster entsteht ein konkretes Bild über die „Integrations-Mindsets“ auf
dieser Gruppen- also der Milieuebene.
Die oft und kontrovers diskutierte Rolle der Religion für Identitätsbildung und Integrationsbereitschaft, aber auch für das Miteinander im Alltagsleben, wie sie in der Untersuchung aufgeworfen wurde, wird im folgenden Kapitel dargestellt.

terpretationsvielfalt. Doch auch bei anderen, insbesondere fundamentalistischen Religionsauslegungen in Christentum oder Judentum besteht ein deutliches Spannungsfeld zu den Entwicklungen
und dem Selbstverständnis der liberalpluralistischen Moderne.
Gerade dort, wo wie bei konservativen und radikalen Interpretationen des Islam religiöse, politische und gesellschaftliche
Ansprüche eng verwoben sein können, entstehen Konfliktlinien, die teilweise im Zentrum der Debatte über eine „kulturelle“
Integration und die Vereinbarkeit westlicher Grundwerte mit
diesen Auslegungen und Praktiken stehen. Kritiker betonen das
„Trennende“ der Religion und meinen, dass „monotheistische
Religionen zur Intoleranz tendieren und nicht zu gesellschaftlicher Integration, sondern zu Segregation führen74.“
Um die latenten und offenen Spannungen in den pluralen Gesellschaften, gerade auch im Blick auf die religiöse Vielfalt, abzubauen, werden, wie bei Schuppert, institutionelle Arrangements
ebenso gefordert wie ein weitreichender Diskurs und eine stetige Kommunikation zwischen den Religionen75. Zugleich wird
von liberal-islamischer Seite eine breite innere Diskussion über
eine moderne Auslegung des Islam verlangt76, die sich allerdings
mit Ablehnung, Widerstand oder sogar Vereinnahmung77 konfrontiert sieht und von einigen Experten als wenig erfolgversprechend eingeschätzt wird78.
Hintergrund ist ein durchaus breites Anwachsen der Religiosität
insbesondere, aber keineswegs ausschließlich, in der islamischen
Welt79. Dafür sind sehr unterschiedliche Faktoren und Entwicksiehe D. Pollack, et al.: Integration und Religion aus der Sicht von
Türkeistämmigen in Deutschland. Repräsentative Erhebung von TNS
Emnid im Auftrag des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der
Universität Münster, 2016, S. 3
71

vgl. z. B. M. Burchardt, I. Becci: Religion and Superdiversity: An
Introduction. In: New Diversities, Vol. 18 (2016) 1. Sie weisen u. a.
auf die wachsende Rolle von Religion für die Differenzmarkierung
von Zugewanderten hin. Siehe auch D. Pollack, O. Müller, G. Rosta,
N. Friedrichs, A. Yendell: Grenzen der Toleranz: Wahrnehmung und
Akzeptanz religiöser Vielfalt in Europa. Wiesbaden: Springer VS 2014
72

vgl. H. Guler, E. Ataseven: “Being a Muslim” in France: The Case
of Turkish Immigrants. Journal of Identity and Migration Studies, 11
(2017) 2, S. 34-46
73

so Wolfgang Merkel in einem Interview mit dem Tagesspiegel,
19.2.2016, auch unter Hinweis auf eine „verschwindend geringe Zahl
von interreligiösen Heiraten“. Sehr kritisch zur „negativen Rolle der
islamischen Kultur für die Integration“: Hamed Abdel-Samad: Integration. Ein Protokoll des Scheiterns. Droemer 2018
74

3.3 Die Bedeutung und Rolle der
Religion für die Migranten in
Deutschland

vgl. G.F. Schuppert: Governance of Diversity. Zum Umgang mit kultureller und religiöser Pluralität in säkularen Gesellschaften. Frankfurt/
New York: Campus 2017.
75

vgl. z. B. T. Hasche: Braucht der Islam eine Reform? http://www.
demokratie-goettingen.de/blog/reformation-islam 13.12.2016
76

Eine kaum zu überschauende Vielzahl an Untersuchungen und
Beiträgen hat sich mit den allgemeinen und spezifischen Zusammenhängen zwischen Religion und vielfältiger Religiosität sowie
Integration und Zusammenleben in Zeiten von Migration und
Pluralisierung auseinandergesetzt72. Religionsfreiheit oder strikter
Laizismus – wie in Frankreich73 – scheinen demnach keineswegs
auszureichen, um ein konfliktfreies und tolerantes Zusammenleben zu garantieren. Im Fokus des kontroversen Diskurses in
Westeuropa und Deutschland stehen zwar der Islam und seine In-

skeptisch dazu: M. Faisal Karim: Integrating European Muslims through Discourse? Unterstanding the Development and Limitations of
Euro-Islam in Europe. Journal of International Migration and Integration, 18 (2017) 4, S. 993-1011.
77

so etwa F. Griffel: Eine Reformation im Islam ist sinnlos. Süddeutsche Zeitung, 27.5.2016
78

siehe die Zusammenstellung verschiedener Umfrageergebnisse bei
M. Lipka: Muslims and Islam: Key findings in the U.S. and around the
world. Pew Research Center, 9.8.2017
79

vhw

25

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

„…ganz anderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl der
Einwanderer und der Eingewanderten gewonnen (…) Die
stille Mitgliedschaft, wie sie in den bundesrepublikanischen
Zeiten der ‚Gastarbeiter‘ der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch gang und gäbe war,
ist gewichen. Die Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte gibt
offen und selbstbewusst zur Kenntnis, woher sie kommt und
woran sie glaubt. Anerkennung durch Differenz lautet die
Formel der postmigrantischen Gesellschaft87.“

lungen verantwortlich zu machen, die von Modernisierungstendenzen, dem anti-autoritären Aufbruch im „Arabischen
Frühling“ bis zur Verbreitung und partiellen Radikalisierung
fundamentalistischer Strömungen reichen80. Im Zuge der breiten Fluchtbewegung ist zudem die hohe Relevanz der Religion
als „Rückhalt“ oder Identitätsanker für die Geflüchteten kaum
hoch genug einzuschätzen.81
Innerstaatlich ist das Thema „Religion und Religiosität“ und deren Wirkungen im Kontext von Zusammenleben und Integration
seit mehreren Dekaden Gegenstand des öffentlichen Diskurses82
und wissenschaftlicher Untersuchungen. So befanden Claudia
Diehl und Matthias Koenig 2009:
„Weder nimmt die Religiosität zwischen erster und zweiter
Generation ab, noch erfährt sie einen Bedeutungswandel hin
zu einer primär symbolischen Dimension der Lebensführung.
Auch finden sich nur schwache empirische Evidenzen für
die Thesen, dass intensive Religiosität eine Domäne der gesellschaftlichen „Verlierer“ ist oder lediglich einen Spezialfall
einer generell hohen intergenerationalen Wertestabilität im
Migrationskontext darstellt 83.“
Die Ergebnisse der seit 1999 nahezu jährlich durchgeführten
Mehrthemenbefragung türkischer Migranten in Nordrhein-Westfalen dokumentierten einen sukzessiven Anstieg der – subjektiven – Religiosität der Befragten.84 Danach ist die Religiosität
unter den befragten Muslimen stark ausgeprägt und hat stetig
zugenommen, von 57 Prozent Religiösen im Jahr 2000 auf 83 Prozent 2017. Dabei sehen sich junge Zuwanderer sowie Zweit- und
Drittgenerationsangehörige religiöser als Ältere und Erstgenerationsangehörige. Die Summe der Indikatoren der kognitiven
Teilhabe – Schulbildung, Berufsausbildung und Deutschkenntnisse – lassen keinen signifikanten Zusammenhang erkennen.
Bereits 1996 hatte Wilhelm Heitmeyer, in einer Untersuchung
über türkisch-stämmige Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren den Begriff der „Parallelgesellschaft“ eingeführt und von
einem „verlockenden Fundamentalismus“85 gesprochen. Weitere Untersuchungen bestätigten die wachsenden Unterschiede
zwischen der ersten Generation und den Folgegenerationen.
Zudem ermittelten Forscher des Exzellenzclusters „Religion und
Politik“ der Uni Münster in einer Befragung von Türkeistämmigen eine „vehemente Verteidigung des Islam als „solidarische,
tolerante und friedfertige“ Religion einerseits. Auf der anderen
Seite stellten sie bei einem größeren Anteil der Befragten islamisch-fundamentalistische Einstellungen fest, die „schwer mit
den Prinzipien moderner Gesellschaften zu vereinen“ seien. So
stimmte etwa die Hälfte der Befragten dem Satz zu „Es gibt nur
eine wahre Religion“. Allerdings liege der Anteil von Befragten
mit fundamentalistischem Weltbild in der ersten Generation bei
18 Prozent, in den Folgegenerationen jedoch nur noch bei 9 Prozent. Kontakthäufigkeit zur „Mehrheitsgesellschaft“, Sprachkompetenz und Einbindung am Arbeitsmarkt seien wichtige
Einflussfaktoren gegen fundamentalistische Meinungen. Eine
zentrale Rolle bei den Jüngeren spiele außerdem der stärkere
Wille zur Selbstbehauptung86. Eine ganz ähnliche Einschätzung
lieferte jüngst Heinz Bude. So habe die Darstellung von Religion
und Religionszugehörigkeit einen
26

vhw

Diese „Performanz der prononcierten Differenzmarkierung“
(Bude) – die allerdings nicht frei von Widersprüchen im Alltagsleben ist, wie das Beispiel des Kopftuch-Tragens zeigt88 – ist wie
bereits dargelegt, in der heutigen Migrantenmilieulandschaft vor
allem bei den Statusbewussten zu finden. Auch andere der oben
genannten sowie sonstige Forschungsergebnisse korrespondieren mit den Befunden der vorliegenden Studie, wobei diese eine
weitergehende lebensweltliche Differenzierung erlaubt.

An dieser Stelle kann kein Überblick zur inneren Entwicklung und
zur gesellschaftlichen Rolle des Islam gegeben werden. Vgl. z. B. R.
Brunner (Hg.): Islam – Einheit und Vielfalt einer Weltreligion. Stuttgart: Kohlhammer 2016, u. a. der Beitrag von Guido Steinberg:
Reformismus, Islamismus und Salafismus in der arabischen Welt. – In
Frankreich konkurrieren aktuell zwei Perspektiven, von denen jene
von Gilles Kepel eine Radikalisierung des Islam – in den Vorstädten –
konstatiert, während Oliver Roy von einer „Islamisierung der Radikalität“ spricht. Zit.n. FAZ, 5.1.2018: Die vielen Wege in die Radikalität.
Ähnlich auch A. Bertho: Une Islamisation de la revolte radicale, in
www.regards.fr
80

vgl. dazu bereits die Ergebnisse der qualitativen Teilstudie. Siehe unter anderem M. Affolderbach: Ich singe mein Lied in einem fremden
Land, in: Wertedebatte, a. a. O., März 2018, S. 493ff.
81

Oft in dem Vorwurf gipfelnd, die Integration werde durch islamische
Verbände und Moscheen, viele von Saudi-Arabien und der Türkei
finanziert, aktiv hintertrieben. Vgl. kürzlich: NZZ, 16.3.2018: Der deutsche Krampf mit dem Islam.
82

C. Diehl, M. Koenig: Religiosität türkischer Migranten im Generationenverlauf: Ein Befund und einige Erklärungsversuche. Zeitschrift für
Soziologie, Jg. 38, Heft 4, August 2009, S. 300–319
83

vgl. M. Sauer: Teilhabe und Befindlichkeit: Der Zusammenhang von
Integration, Zugehörigkeit, Deprivation und Segregation Türkei stämmiger Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der Mehrthemenbefragung 2015. Essen: Zentrum für Türkeistudien, Mai 2016,
S. 21f, Tab. 3, S.166 und dies. Mehrthemenbefragung 2017, Essen
2018, a. a. O., S.121
84

siehe W. Heitmeyer et al.: Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland. Suhrkamp 1996; ders: Für türkische
Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtige Rolle, Die
Zeit, 23.8.1996
85

D. Pollack, et al.: Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland. Repräsentative Erhebung von TNS Emnid
im Auftrag des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität
Münster, 2016
86

87

vgl. H. Bude: Migration: Anerkennung durch Differenz. FAZ, 8.9.2017.

vgl. zu Erfahrungen aus Lehrersicht: Mansur Seddiqzai: Wie freiwillig
ist die Entscheidung?, Die Zeit, 5.4.2018
88

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Bedeutung der Religion für das eigene Leben nach Milieus, Gesamt und Muslime (in %) (TOP 2)
0,00

10,00

20,00

30,00

40,00

50,00

60,00

27,7

KOS

EXP

80,00

62,4

STA

PER

70,00

19,4

90,00

100,00

78,5

54,1

29,7

17,9

PRA
BÜM

50,0
37,2

63,9
43,6

61,9
53,8

ARB

75,0
80,8

REL
PRE
KHED
% gesamt

Alle: Religion hat große/sehr große Bedeutung

42,6

94,9

75,5

39,9

60,3

40,9

68,3

Nur Muslime: Religion hat große/sehr große Bedeutung

Abb. 20: Bedeutung der Religion in den Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

3.4 Religion und Religiosität in der
Befragung
In der vhw-Sinus-Befragung bekundeten knapp 42 Prozent aller
Befragten, die Religion habe eine „sehr große“ oder „große Bedeutung“ (TOP 2) in ihrem Leben. Konfessionell liegen Muslime
mit 68 Prozent Zustimmung an der Spitze, gefolgt von orthodoxen Christen mit 42 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Befragten
(56 Prozent) bekundeten, die Religion habe nur eine „geringe“
oder „keine“ Bedeutung für sie. Unter den in Deutschland geborenen Befragten ist die Bedeutung der Religion deutlich geringer als unter den Zugewanderten (siehe Tabelle); dies gilt auf
einem höheren Niveau auch für die befragten Muslime (hier
Geborene: 63 Prozent, Zugewanderte: 72 Prozent).

Religion hat (sehr) große Bedeutung ... (TOP 2)
(in %)
Geboren/
zugewandert

Zugewandert...

Geboren in D...

vor 1980

47,9

31,8

1980 bis 1989

40,8

29,7

1990 bis 1999

39,9

42,8

2000 bis 2009

45,9

X

ab 2009

51,7

X

Gesamt

44,7

34,9

Tabelle 2: Bedeutung der Religion nach Zuwanderungszeitpunkt

Dabei spielt naturgemäß die Herkunftsstruktur der Zuwanderung in den verschiedenen Dekaden eine wichtige Rolle. Eine
zunehmende Relevanz der Religion, sei es als wichtiges Identitätsmerkmal oder als Zeichen einer wachsenden Entfremdung,
lässt sich bei den jüngeren, in Deutschland Geborenen ebenso
beobachten wie unter den nach 2009 Zugewanderten.

Maße für die Religiös-Verwurzelten, bei denen mehr als 80 Prozent der Religion eine (sehr) große Bedeutung zumessen, aber
auch für die oben erwähnten Statusbewussten mit 62 Prozent.
Dagegen spielt Religion für die ambitioniert-kreativen Milieus
kaum eine Rolle; bei Performern und Experimentalisten ist der
Anteil der Zustimmenden geringer als 20 Prozent, im Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu immerhin bei knapp 28 Prozent.

Neben der generationellen Zugehörigkeit ist die Milieuzugehörigkeit, also die lebensweltliche Orientierung, für die Religiosität
der Befragten aussagekräftiger als die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Dies gilt in besonderem

Doch auch in diesem Kontext spielt, wie Abbildung 20 verdeutlicht, die konkrete Religionszugehörigkeit eine Rolle. In den
jüngeren, modernen Milieus messen Muslime der Religion eine
wesentlich höhere Bedeutung zu als die Angehörigen der übrivhw

27

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

e Bedeutung
Religionvon
für Religion
Sie in den
Jahren
zu-Jahren
oder abgenommen
Hat dievon
Bedeutung
fürletzten
Sie in den
letzten
zu- oder abgenommen
–
Milieus,
nur
Muslime
– Milieus, nur Muslime (in %)
eher zugenommen
STA

eher abgenommen
45,0
40,0

KHED

KOS

35,0
30,0
25,0

22,2

16,8

20,0
15,0 16,2

PRE

20,615,0
18,4

5,0

4,1

REL

8,3

14,7

14,8
9,5

19,4

43,2

8,1

0,0

5,1
34,6

PER

13,5

10,0

20,6

EXP

16,4

20,6

ARB

PRA
BÜM

Abb.
21: Abnahme
Zu- oder Abnahme
der Bedeutung
Religion im
im Leben
Milieus
(Muslime),
Quelle: vhw/SINUS 2018
m 23: Zuoder
der Bedeutung
vonvon
Religion
Lebennach
nach
Milieus
(Muslime)

gen Religionen. Am geringsten fällt dieser Unterschied bei den
Performern auf, am stärksten bei den Experimentalisten.

der religiösen Identität (Statusbewusste) markieren zentrale
Grundmuster der religiösen Orientierungen.

Dieser Umstand wird allerdings entscheidend relativiert durch
die Antworten darauf, ob für die Befragten die Bedeutung der
Religion in den letzten Jahren eher zu- oder eher abgenommen
habe. Zwar ist für ca. zwei Drittel der Befragten die Bedeutung
des Glaubens „gleich“ geblieben. Wenn jedoch der Anteil derjenigen, für die die Bedeutung zugenommen hat mit jenem Teil
verglichen wird, für die das Gegenteil der Fall ist, ergibt sich ein
deutlich abweichendes Bild. Mehrheitlich wachsende Bedeutung hat die Religion bei den Religiös-Verwurzelten, insbesondere den Muslimen unter ihnen, sowie den muslimischen Prekären.
In etwa die Waage halten sich Zu- und Abnahme bei den Statusbewussten sowie den muslimischen Adaptiv-Pragmatischen. Ein
stark überwiegender Rückgang der Religiosität ist dagegen bei
den modernen, kreativen Milieus festzustellen, und zwar auch
bei den Muslimen unter ihnen. Ähnliches gilt auch für die Bürgerliche Mitte (BÜM) und das Traditionelle Arbeitermilieu (ARB).

Ungeachtet der unterschiedlichen Religiosität in den Milieus
­besteht ein breiter Konsens, dass Religion „Privatsache“ sei. Nur
9 Prozent der Befragten sehen dies anders, an der Spitze die
Religiös-­Verwurzelten mit einem Anteil von 21 Prozent.
Unter denjenigen, die der Religion eine – sehr – große Bedeutung beimessen, üben jedoch nur drei Viertel ihre Religion durch
Gebete oder Gottesdienst- bzw. Moscheebesuche aktiv aus. Allein bei den Religiös-Verwurzelten besteht eine Übereinstimmung
von 96 Prozent. Zugleich besteht ein enger Zusammenhang zwischen der individuellen Religiosität und der Verbundenheit mit
Deutschland, der deutschen Staatsbürgerschaft oder auch den
wahrgenommenen Diskriminierungen sowie der Kontaktvielfalt
im Freundes- bzw. Bekanntenbereich90. So hat zum Beispiel un-

89

Insgesamt ist somit über alle Religionszugehörigkeiten hinweg
eine lebensweltliche Gegenläufigkeit bei der Religiosität festzustellen. Veränderte Wertemuster oder Anpassung an die „neue“
Heimat auf der einen Seite, verstärkte Hinwendung im Zuge von
Ausgrenzung oder Selbst-Ausgrenzung (Religiös-Verwurzelte,
Prekäre) sowie selbstbewusster Behauptungswille – mit der Betonung einer „sichtbaren Verschiedenheit“89 – unter Wahrung
28

vhw

R. Hermann: Der Islam ist in Deutschland. FAZ, 28.3.2018

Diese Zusammenhänge sind kürzlich auch im europäischen Vergleich untersucht worden, allerdings auf der Basis von Erhebungen
zwischen 2010 und 2013. Die Vf. sehen neben dem Grad der Religiosität bei Jüngeren auch eine Verbindung zur rechtlichen Stellung
des Islam in den untersuchten Ländern. Vgl. F. Fleischmann, K. Phalet:
Religion and National Identification: Comparing Muslim Youth in
Belgium, England, Germany, the Netherlands, and Sweden. Journal of
Cross-Cultural Psychology, 49 (2018) 1, S. 44-61 (56)
90

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Religion hat für mich
... (sehr)
(in Bedeutung
%)
Religion
hat große
für michBedeutung
.... (sehr) große
0,0

10,0

20,0

30,0

40,0

Alle
Dt v. Geburt
Dt eingebürgert

50,0

... stark verbunden

70,0

80,0

90,0 100,0

42,0
30,9
39,3

Ausländer
Mit D sehr stark verbunden

60,0

49,0
33,2
42,7

... weniger stark verbunden
… gar nicht verbunden

59,8
58,3

Muslime

69,5

Davon: Dt v. Geb.
... Dt eingebürgert

64,6
57,5

... Nicht-Deutsche
Muslime: mit D sehr stark verbunden

76,7
56,6

... stark verbunden

68,6

... weniger stark verbunden

83,6

... gar nicht verbunden

88,9

Diskriminierung…
sehr häufig

91,3

eher häufig

80,7

selten

66,5

nie

60,5

Diagramm 24: Bedeutung der Religion im Leben nach verschiedenen Merkmalen und Einstellungen
Abb. 22: Bedeutung der Religion im Leben nach verschiedenen Merkmalen und Einstellungen, Quelle: vhw/SINUS 2018

ter jenen, die sich mit Deutschland „sehr stark verbunden“ fühlen, nur für 30 Prozent die Religion eine (sehr) große Bedeutung;
unter jenen mit geringer Verbundenheit zum Aufnahmeland
­dagegen für fast 60 Prozent.

Vorrang für staatliche Gesetze?
Dass viele Migranten in Deutschland, am stärksten Muslime,
auch 2017 auf das Statement „Die Gesetze des Staates sind für
mich wichtiger als die Gebote meiner Religion“ ablehnend antworten, kann angesichts früherer Ergebnisse kaum überraschen
– obwohl die Gebote des Koran nach verbreiteter Ansicht durchaus mit dem Grundgesetz vereinbar sind91.

fragten entsprechend, während Untersuchungen in Österreich eine
40 %-starke Ablehnung des Vorrangs staatlicher Gesetze unter
Geflüchteten aus dem Mittleren Osten ermittelte94. In Frankreich
bekannten sich 2016 knapp 30 Prozent der muslimischen Befragten zu den Scharia-Gesetzen und gegen die Gesetze des Staates95.
In der vorliegenden Befragung lehnten 23 Prozent aller Befragten und 43 Prozent der antwortenden Muslime den Vorrang staatlicher Gesetze ab. Auffällig ist unter den befragten
Muslimen erneut der lebensweltliche Unterschied bei der Beantwortung dieser Aussage. Unter den Muslimen in den jüngeren,
kreativen Milieus bekannten sich nur zwischen 19 Prozent und
23 Prozent zum Vorrang der Religion, in den beiden Prekären
dazu knapp: R. Hermann: Weshalb der Islam mit dem Grundgesetz
kompatibel ist. FAZ, 13.4.2018
91

K. Brettfeld, P. Wetzels: Muslime in Deutschland – Integration,
Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie,
Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Ergebnisse von
Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen
Lebensräumen. Hamburg, Juli 2007
92

Bereits 2007 hatte eine Studie der Uni Hamburg für das BMI ermittelt, dass 47 Prozent der Befragten den Vorrang des Staates
ablehnen92. Eine Befragung unter Türkei- und Marokko-stämmigen Migranten und ihrer Nachkommen in sechs westeuropäischen
Ländern ermittelte sogar eine 65 %-ige Mehrheit gegen den Vorrang staatlicher Gesetze, wobei drei Viertel der Befragten die Ansicht vertraten, es sei nur eine Interpretation des Koran möglich93.
In der Befragung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der
Uni Münster äußerten sich 47 Prozent der Türkei-stämmigen Be-

vgl. Ruud Koopmans: Religious fundamentalism and outgroup
hostility among Muslims and Christians in Western Europe. Berlin:
WZB, Discussion Paper SP VI 2014-101, März 2014, S.11f
93

vgl. Der Standard (Wien), 23.1.2017: Flüchtlinge: 40 Prozent stellen
laut Studie religiöse Gebote über Gesetze.
94

vgl. Le Journal du Dimanche, 18.9.2016: Musulmans de France
l´enquete qui surprend.
95

vhw

29

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Gesamt: „Die Gesetze des Staates sind für mich wichtiger als die Gebote meiner Religion.“ (in %)
100%
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%
% gesamt

STA

KOS

Trifft ganz genau zu

PER

EXP

Trifft eher zu

PRA

BÜM

ARB

Trifft eher nicht zu

REL

PRE

KHED

Trifft überhaupt nicht zu

Abb. 23: Vorrang für staatliche Gesetze über religiöse Gebote, Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

Milieus antworteten 39 Prozent Prekäre bzw. 47 Prozent Konsum-Hedonisten entsprechend und bei den Statusbewussten mit
54 Prozent mehr als die Hälfte. Weit an der Spitze stehen die Religiös-Verwurzelten mit 82 Prozent zugunsten der religiösen Gebote.
Eindeutig wurde zudem die Einschätzung des Exzellenzclusters der
Uni Münster bestätigt: Je häufiger die Kontakte zu Autochthonen
und je höher die Sprachkompetenz ist, desto seltener wurde der
Vorrang staatlicher Gesetze abgelehnt – unter den Muslimen mit
täglichen Kontakten waren dies nur 23 Prozent, unter jenen, die
keine Kontakte haben, dagegen mehr als 80 Prozent der Befragten.
Überrepräsentiert sind unter jenen, die einem Vorrang religiöser
Gebote zustimmen, u. a. Hausfrauen und -männer im Eheverbund, Arbeitslose, Schüler*innen, sowie die nach 2014 Zugezogenen. Unterrepräsentiert sind dagegen Studierende und Vollzeit-Erwerbstätige, also Befragte mit häufigen interkulturellen
Kontakten.
Eine differenzierende lebensweltliche Betrachtung reflektiert nahezu all jene – vermeintlich unvereinbaren – Beobachtungen, die
sich im aktuellen Fachdiskurs finden. Für die Religiös-Verwurzelten sind die Religion und deren Gebote zentrale Leitlinien für das
Weltbild und die Lebensgestaltung. Im Statusbewussten Milieu
nimmt die Religion – wie bereits erwähnt – auch die Rolle der
selbstbewussten Zurschaustellung der Identität an. Anders im Traditionellen Arbeitermilieu: Dessen Mitglieder leben die Religion
zurückhaltend und wollen, entsprechend dem typischen Anpas30

vhw

sungsmuster der ersten Generation, Konflikte mit der Mehrheitsgesellschaft möglichst vermeiden. Der Vorrang staatlicher Gesetze­
wird von ihnen mit deutlicher Mehrheit anerkannt.
In den sozial schwachen bzw. Prekären Milieus wird zwar mehrheitlich der Vorrang staatlicher Gesetze abgelehnt und eine Zunahme der Bedeutung der Religion für das eigene Leben bekundet. Diese Einstellungen werden jedoch nur von einem geringen
Teil der Milieuangehörigen durch aktive Glaubensausübung begleitet; bei ihnen sind die Detailkenntnisse, etwa über den Koran, wenig ausgeprägt.
Insgesamt ist die religiöse Orientierung in den Milieus somit
sehr unterschiedlich motiviert. Zwar zeigen sich Muslime deutlich religiöser als andere Religionszugehörigkeiten. Doch bilden
sie keineswegs einen monolithischen „Block“. Vielmehr wirkt
sich eine andere lebensweltliche Orientierung sehr deutlich auf
die Relevanz der Religion aus. Darüber hinaus wird der Vorrang
staatlicher Gesetze auch von jedem Fünften befragten Orthodoxen, einem Drittel der befragten Buddhisten und je etwa 15 Prozent der Juden, Protestanten oder Katholiken in Frage gestellt.
Insofern ist die Fragestellung, ob staatliche Gesetze immer einen
Vorrang gegenüber den Geboten der Religion haben, auch unter Christen keineswegs unumstritten, wie auch in kontroversen
Debatten deutlich wurde.96
vgl. die konträren Beiträge in: Die Zeit 14.5.2016: Gesetz – Steht
der Staat über der Religion? (Beilage „Christ & Welt “)
96

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Sehr starke Religiosität

Durchschnittliche Religiosität

Starke Religiosität

Geringe Religiosität

Überdurchschnittliche Religiosität

Sehr geringe Religiosität

Abb. 24: Religiosität in den Migrantenmilieus 2018 – Basis fünf Items, kombinierter Gesamtindex, Quelle: vhw/SINUS 2018

Insgesamt ist der weithin zu beobachtende Bedeutungszuwachs
der Religion für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte
auch in der vorliegenden Befragung deutlich geworden. Wichtiger für die soziale Integration auch religiöser Migranten und
Geflüchteter scheint insgesamt die Aufnahme und Aufrechterhaltung vielfältiger sozialer Kontakte in die Gesamtgesellschaft
zu sein97.

die Klischeehaftigkeit entsprechender Bilder von muslimischen
Männern und Frauen in „westlichen“ Augen100. In scharfem
Kontrast dazu wird von konservativ muslimischer Seite – in verschiedenen Abstufungen und Ausprägungen – unter Berufung
auf den Koran die zentrale Rolle islamischer Werte für das Familienbild hervorgehoben, zugleich jedoch die grundsätzliche
„Gleichberechtigung“ der Frau im Islam betont101. Für konservavgl. dazu M. Maliepaard, D. D. Schacht: Muslims’ social integration:
a two-wave study of recent immigrants in three European countries,
Ethnic and Racial Studies, Volume 41 (2018) 5
97

3.5 Rollenbilder: Familie und
Geschlechter

kritisch zur Rolle des Islam: J. Wagner: Die Macht der Moschee.
Scheitert die Integration am Islam? Freiburg: Herder 2018
98

so z. B. die ARD-Sendung „Die Rolle der Frau im Islam“, Reihe
Planet-Wissen, vom 14.9.2017; s. a. aus muslimischer Sicht K. M.
Hübsch: Die Religion ist nicht das Problem. FAZ, 12.4.2011; s. a. P. M.
Zulehner: Muslimas und Muslime in Österreich im Migrationsstress.
Wiesbaden: Springer 2016
99

Unterschiedlich wird die Bedeutung von Religion und Religiosität
für das Fortbestehen herkömmlicher Familien- und Geschlechterbilder in der migrantischen Bevölkerung bewertet. Während
weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass die Religion, insbesondere der Islam, einen Anteil an der Persistenz dieser traditionell-patriarchalischen Rollenbilder hat, ist dessen Ausmaß ebenso strittig, wie die möglichen Folgen daraus für eine „kulturelle“
Integration98.
Eine zentrale Bedeutung fällt auch in diesem Kontext den unterschiedlichen Interpretationen des Islam und dessen Wirkungen
zu. Manche Beobachter meinen, dass „viele Frauen durch kulturelle Traditionen viel stärker in ihrem Alltagsleben eingeschränkt
werden, als es der Koran vorsieht“99. Liberale Muslime kritisieren

vgl. Integration kann nur gelingen, wenn die Deutschen endlich
vom Klischee der „Fremden“ ablassen. Interview mit Prof. Uslucan,
zit.n. http://zfti.de/news/uslucan-im-interview-bei-dem-fluter-magazin.
Frage: In welchen Klischees wird ein Türke oder Araber wahrgenommen? Antwort: „Ein zentraler Punkt ist, glaube ich, sein angeblich
patriarchalisches Verhältnis zur Frau. Sein Bedürfnis, autoritär über
die Familie zu herrschen. Ein zweiter Aspekt ist seine unreflektierte
Frömmigkeit. Da entsteht das Bild einer Person, die aus europäischer,
aufgeklärter Perspektive noch nicht reif ist“.
100

exemplarisch: „Eine sich an islâmischen Werten orientierende Familie als Rollenbild“, http://www.islamweb.net/grn/index.php?page=articles&id=216343; siehe ebenso: http://www.islamisches-zentrum-muenchen.de/html/islam_-_frau_und_familie.html#02
101

vhw

31

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Rollenbilder, Familie, sexuelle Orientierung (in %)
0,00

10,00

Die wichtigste Aufgabe des Mannes ist es,
Ernährer und Beschützer seiner Familie zu sein.
Wenn die Ehre meiner Familie auf dem Spiel steht,
kenne ich keine Gnade.
Die Jugend braucht heute am nötigsten strenge Disziplin.

20,00

50,00

60,00

70,00

80,00

35,8

19,4

25,2

25,8

36,3

35,7

36,6

Wenn ich es mir richtig überlege, haben die alten Werte
Sparsamkeit, Sauberkeit und Ordnung für mein Leben eine
ziemlich große Bedeutung.

39,4

Für eine Partnerschaft ist es gut, wenn beide berufstätig sind.

39,6

Trifft ganz genau zu

40,00

33,6

Es ist mir ganz wichtig, dass nichts nach außen dringt,
wenn es in meiner Familie Probleme gibt.

Ich bin für die Gleichberechtigung der Homosexuellen
in unserer Gesellschaft.

30,00

40,0

37,2

29,0

25,6

Trifft eher zu

Abb. 25: Familie, Rollenbilder, sexuelle Orientierungen, Quelle: vhw/SINUS 2018

tive islamische Wissenschaftler soll die muslimische Familie und
ihr Rollenbild „Vorbild“ auch für die übrige Bevölkerung sein102.
Die 2006 eingerichtete Deutsche Islamkonferenz hat im Zuge
ihrer Schwerpunktarbeit zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit eine Projektgruppe „Rollenbilder in muslimischen Milieus“
gebildet, um, so die vage formulierte Zielsetzung, „zur bewussten
Auseinandersetzung mit verschiedenen Rollenbildern anzuregen
(und) die Berater, die mit rollenspezifischen Fragen konfrontiert
werden, bei ihrer Tätigkeit“ zu unterstützen103. Auf dieser Basis
wurde 2014 eine vergleichende Untersuchung des BAMF vorgelegt, nach der klassische Rollenbilder zwar weiterhin bestehen,
bei den Folgegenerationen mit ihrer partiellen Sozialisation in
Deutschland jedoch eine deutliche Ablösung festzustellen sei104.
Im Unterschied dazu ist bei der jüngeren Bevölkerung in arabischen Ländern im Zuge der politisch-gesellschaftlichen Umbrüche
seit 2011 eine weitere Zunahme der Familienorientierung – als
„soziales und ökonomisches Sicherungssystem“ – festzustellen,
wie zwei aktuelle Studien ermittelt haben105. Zudem verlangt eine
große Mehrheit von den arabischen Führern eine Verbesserung
der persönlichen Freiheits- und Menschenrechte von Frauen106.
Auch unter Geflüchteten 2015/2016 waren tradierte – aber in
der arabischen Welt verbreitete – Rollenbilder stark vertreten,
was die Verfasser einer entsprechenden Studie der Berliner
Hochschule HMKW dazu brachte, die Ansichten der Flüchtlinge
mit den „muffigen 50er-Jahren in Deutschland“ zu vergleichen
und von „völlig überraschenden Ergebnissen“ zu sprechen107.
Die vorliegende Untersuchung bestätigt die Annahmen eines
sich innerhalb der migrantischen Bevölkerung zunehmend auseinander entwickelnden Rollen- bzw. Familienbildes auf Basis
der unterschiedlichen Lebenswelten. Zugleich bleibt jedoch festzuhalten, dass die Familienorientierung – und Teile der traditio32

vhw

nellen Rollenbilder – auch in den modernen Migrantenmilieus
stärker ausgeprägt sind, als in weiten Teilen der autochthonen
Bevölkerung. Dies konnte bereits als Ergebnis der qualitativen
Leitstudie festgehalten werden108.
Darüber hinaus besteht ein enger, aber keineswegs vollständiger
Zusammenhang zwischen der eigenen Religiosität und traditionellen Familien- bzw. Rollenbildern, und zwar in verschiedenen
Religionszugehörigkeiten, etwa unter den orthodoxen Befragten.
so z. B. der in Amerika lebende und dort 1986 ermordete Ismail
Faruqi: Role of the Family in the Spread of Islam. http://www.themodernreligion.com/family/family-spreadofislam.html
102

Deutsche Islamkonferenz: „Projektgruppe Rollenbilder in muslimischen Milieus“. http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/
DIK/7Rollenbilder/PGRollenbilder/pg-rollenbilder-node.html. Dazu die
Handreichung: „Geschlechterbilder zwischen Tradition und Moderne“. Materialien der Deutschen Islam Konferenz zu Rollenbildern und
aktuellen rollenbezogenen Fragestellungen. Mai 2013
103

vgl. I. Becher, Y. El-Menouar: Geschlechterrollen bei Deutschen und
Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugehörigkeit.
BAMF: Forschungsbericht 21. Berlin 2014
104

Die FES-Befragung von 9.000 Jugendlichen in acht arabischen
Ländern fand 2016/17 statt. Siehe Jörg Gertel, Ralf Hexel: Zwischen
Ungewissheit und Zuversicht. Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika. Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietz Verlag
2018; s. a. C. Meier: Arabische Jugend, das unbekannte Wesen, FAZ,
3.1.2018. Seit 2009 veröffentlicht das Institut ASDA‘A Burson-Marsteller in Dubai ebenfalls eine jährliche Jugend-Befragung, siehe
zuletzt: Arab Youth Survey White Paper 2017
105

siehe ASDA‘A Burson-Marsteller: A Decade of Hopes & Fears. A
White Paper on the findings of the ASDA’A Burson-Marsteller Arab
Youth Survey 2018. Dubai 2018, S. 30f
106

vgl. Flüchtlinge 2016. Studie der HMKW zu Demokratieverständnis
und Integrationsbereitschaft von Flüchtlingen 2016, Berlin, August
2016. Der Tagesspiegel titelte am 13.8.2016: „Viele Flüchtlinge haben
offenbar Werte wie AfD und Pegida“
107

108

siehe vhw-werkSTADT Nr. 14

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Die wichtigste
Aufgabe
Mannes ist
es,Beschützer
Ernährer und
Beschützer
Die wichtigste Aufgabe
des Mannes
ist des
es, Ernährer
und
seiner
Familie zu sein:
seiner
Familie
zu
sein:
Antwort
"trifft
ganz
genau
zu",
in
%
Antwort „trifft ganz genau zu“ (in %)
0,0
0,0

5,0
5,0

10,0
50,0
10,0 15,0
15,0 20,0
20,0 25,0
25,0 30,0
30,0 35,0
35,0 40,0
40,0 45,0
45,0 50,00
33,6

Gesamt
Gesamt

38,7

Männlich
männlich

28,7

Weiblich
weiblich
Herkunftsregion:
Herkunftsregion:
Amerika
Amerika

12,9
39,5

Ehemalige
Sowjetunion
Ehemalige
Sowjetunion

25,1

EU-Ost-Europa
EU-Ost-Europa

26,7

EU-Süd-Europa
EU-Süd-Europa

45,9

Nord-Afrika
Nord-Afrika

33,1

Süd-und
undOst-Asien
Ost-Asien
Süd-

50,0

Syrien,Irak
Irak
Syrien,

48,2

Türkei
Türkei
ÜbrigeEU
EU
Übrige

11,8
46,7

Naher
und
mittlererOsten
Osten
Übriger naher
und
mittlerer

39,0

ÜbrigesAfrika
Afrika
Übriges

30,8

ÜbrigesEuropa
Europa
Übriges
Religion:
Religion:

27,0

Evangelisch,
protestantisch,
andere
christliche...
evangelisch,
protestantisch,
andere
christliche…

24,3

Katholisch
katholisch

17,7

Keiner Religionsgemeinschaft/Kirche,
konfessionslos
keiner Religionsgemeinschaft
/ Kirche, konfessionslos

49,7

Muslimisch
(sunnitisch,
schiitisch,alevitisch)
alevitisch)
muslimisch
(sunnitisch,
schiitisch,
Orthodox
(russisch,
griechisch,
serbischetc.)
etc.)
orthodox
(russisch,
griechisch,
serbisch,

45,5

Diagramm 28: Rollenbild des Mannes nach Geschlecht, Herkunftsregion und Religion

Abb. 26: Rollenbild des Mannes nach Geschlecht, Herkunftsregion und Religion, Quelle: vhw/SINUS 2018

Fast 70 Prozent der Befragten befürworten eine traditionelle
Rollenverteilung, die den Mann als „Ernährer und Beschützer
der Familie“ versteht, wobei die Zugewanderten mit 76 Prozent
deutlich häufiger zustimmen als die in Deutschland Geborenen
mit 56 Prozent. Eine rigorose („keine Gnade“) Verteidigung der
„Familienehre“ findet bei 45 Prozent der Befragten Unterstützung. Und mehr als 60 Prozent bekundeten, dass die Jugend
nichts nötiger habe als „strenge Disziplin“ (s. Abb. 26). Weitere
Merkmale dokumentieren die starke Bedeutung auch der Herkunftsregion für die Geschlechterrollen in der Familie, die im
Übrigen unter den befragten Frauen deutlich weniger Zustimmung findet als unter den männlichen Befragten.
Deutlich gespaltener präsentiert sich die Stichprobe hinsichtlich
sexueller Orientierungen. Nur eine knappe Mehrheit spricht sich
etwa für die Gleichberechtigung Homosexueller aus, insbesondere in den jüngeren modernen Milieus der Intellektuell-Kosmopolitischen, Performer und Experimentalisten. Demgegenüber
lehnen unter den Religiös-Verwurzelten mehr als 95 Prozent der
Befragten diese in westlichen Gesellschaften selbstverständliche
und rechtlich verankerte Forderung ab.
Dieses aktuelle Bild korrespondiert eng mit internationalen Befragungen, nach denen in arabischen oder afrikanischen Ländern bis zu 95 Prozent der Befragten Homosexualität für „moralisch inakzeptabel“ halten; in der Türkei waren es 78 Prozent

– während Deutschland mit einem Anteil von nur 8 Prozent
knapp hinter Spanien am Ende der Skala rangierte109. Neuere
Untersuchungen in mehreren Staaten ermittelten zudem einen
Zusammenhang zwischen der Akzeptanz für liberalere Sexualmoral und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu den jeweiligen
Staaten, in dem die Befragten leben110.
Gleichzeitig lassen sich jedoch deutliche Zeichen der „Aufweichung“ und Veränderung dieser traditionellen Vorstellungen
beobachten, etwa wenn fast 80 Prozent die Berufstätigkeit beider Ehepartner gutheißen. Die Verbindung stabil-traditioneller
Grundwerte mit den Erfordernissen veränderter Lebensumstände kennzeichnet die Mehrheitsmeinung in der Stichprobe.
Besonders aufschlussreich sind die „Fliehkräfte“ in der Milieulandschaft. Hier lassen sich drei bis vier Einstellungssegmente
unterscheiden. Ein uneingeschränkt traditionell-patriarchalisches­

vgl. zur Studie: http://www.pewglobal.org/2014/04/15/global-morality/table/homosexuality/ Die taz (7.1.2015) überschrieb ihren
Kommentar: „Ein unmoralisches Land“ – Ähnlich sah es der Untersuchung zufolge bei anderen Moralfragen wie vor-ehelichem Sex oder
Abtreibungen aus.
109

vgl. V. Eskelinen, M. Verkuyten: Support for democracy and liberal
sexual mores among Muslims in Western Europe, Journal of Ethnic
and Migration Studies, September 2018
110

vhw

33

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Items – Zustimmung TOP 2 = 100

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Gesamt

REL

STA

ARB

BÜM

PRA

KOS

PER

EXP

PRE

KHED

Der Mann ist Ernährer/Beschützer

69,4

142

124

115

119

131

48

67

50

127

109

Die Jugend braucht heute strenge Disziplin

62,2

140

114

115

132

111

72

75

57

120

80

Ich kenne keine Gnade, wenn die
Familien­ehre auf dem Spiel steht

44,6

195

164

60

126

86

31

62

58

126

151

Ich bin für die Gleichberechtigung der
Homosexuellen

54,6

4

55

35

96

132

165

157

159

42

73

Für eine Partnerschaft ist es gut, wenn
beide berufstätig sind

76,8

39

100

87

108

108

116

122

115

78

83

STA: Statusbewusstes Milieu
KOS: 	Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu
PER: Milieu der Performer
EXP: Experimentalistisches Milieu
PRA: Adaptiv-Pragmatisches Milieu
BÜM: Bürgerliche Mitte
ARB: Traditionelles Arbeitermilieu
REL: Religiös-Verwurzeltes Milieu
PRE: Prekäres Milieu
KHED: Konsum-Hedonistisches Milieu

Tabelle 3: Rollen- und Familienstatements, Milieuindex,
Zustimmung TOP 2 = 100 Quelle: vhw/SINUS 2018

Familien- und Frauenbild dominiert bei den Religiös-Verwurzelten. Die Vorrangstellung des Mannes findet auch in sechs
weiteren Milieus breite Zustimmung, während sie bei den drei
modernen Milieus – Performer, Intellektuell-Kosmopolitische
und Experimentalisten – eher gering ausfällt. Die rigorose Verteidigung der „Familienehre“ wird vom gesellschaftlich angepassten Traditionellen Arbeitermilieu deutlich seltener betont als bei
den Religiös-Verwurzelten, den Statusbewussten oder auch den
Konsum-Hedonisten.

en“ ihre Interessen weniger gut bzw. sogar schlecht vertreten,
40 Prozent sind anderer Ansicht.
In diesem Punkt lassen sich deutliche Gemeinsamkeiten mit medienkritischen, teilweise populistisch verschärften Ansichten in
der Gesamtbevölkerung finden111, auch wenn der Fokus unter
den Migranten angesichts tradierter Rollenbilder offenkundig
stärker auf Themen wie Familie oder sexueller Vielfalt und Freizügigkeit liegt.

Das Thema „Jugenddisziplin“ wird vor allem von der Bürgerlichen Mitte sowie den Adaptiv-Pragmatischen hoch gewichtet;
die angepasste Mitte ist in diesem Punkt den Religiös-Verwurzelten sehr nahe.
Aufschlussreich ist im Kontext von Rollenbildern und Moralvorstellungen, dass eine knappe Mehrheit aller antwortenden
Befragten eine „schärfere“ Medienkontrolle befürwortet, um
so „Moral und Ordnung“ zu sichern. Die Zustimmung in den
Milieus erreicht bei den Religiös-Verwurzelten fast 80 Prozent,
bei Statusbewussten und in der Bürgerlichen Mitte jeweils etwa
65 Prozent.
Selbst in den jungen modernen Milieus stimmten mehr als
30 Prozent der befragten Milieuangehörigen dieser Forderung
zu. Unter den Religionsangehörigen unterstützen mehrheitlich
Muslime, Orthodoxe und Katholiken diese Forderung; Protestanten oder Buddhisten folgen nur mit knappem Abstand. Selbst
unter den religiös nicht Gebundenen sind es 37 Prozent.
vgl. R. Vehrkamp, W. Merkel: Populismusbarometer 2018. Populistische Einstellungen bei Wählern und Nichtwählern in Deutschland
2018. WZB Berlin/ Bertelsmann-Stiftung, Berlin, Oktober 2018
111

Unter den Befürwortern der Forderung nach „schärferer Medienkontrolle“ sind 60 Prozent der Auffassung, dass „Medi34

vhw

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

•
•
•
•

Identität und Integration – Kulturelle Orientierung, Religion und Rollenbilder

Mann ist Ernährer
und Beschützer der
Familie
(Zustimmung TOP 2)

Gegen Gleichberechtigung Homosexueller
Mann ist Ernährer/Beschützer
Jugend braucht Disziplin
Keine Gnade: Familienehre
REL

Gegen die
Gleichberechtigung
Homosexueller
(Zustimmung TOP 2)

KHED

STA

PRE

ARB

EXP

BÜM

„Wenn die Ehre meiner
Familie auf dem Spiel steht,
kenne ich keine Gnade“
(Zustimmung TOP 2)

PER

Die heutige Jugend
braucht Disziplin
(Zustimmung TOP 2)

PRA
KOS

Abb. 27: Rollenbilder und Moralvorstellungen in den Milieus, Zustimmung TOP 2, in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

„Die Medien sollten schärfer kontrolliert werden, um Moral
„Die Medien sollten schärfer kontrolliert
werden,sicherzustellen“
um Moral und Ordnung sicherzustellen“ (in %)
und Ordnung
0,0

10,0

Statusbewusstes Milieu
Intellektuell-kosmopolitisches Milieu
Milieu der Performer
Experimentalistisches Milieu
Adaptiv-Pragmatisches Milieu

30,0

28,3
9,6

40,0

50,0

60,0

70,0

80,0

90,0

35,7
26,6

4,8

27,3

10,4

24,4

16,2

Bürgerliche Mitte
Traditionelles Arbeitermilieu

20,0

37,6
27,2

14,9

37,9
39,5

Religiös-Verwurzelte

33,1

Prekäres Milieu

44,6

27,0

Konsum-Hedonistisches Milieu

17,0

Gesamt

18,1
Trifft ganz genau zu

35,5
30,7
33,5
Trifft eher zu

Diagramm
31: Moral
Milieus,
und Medienkontrolle
Abb.
28: Milieus,
undMoral
Medienkontrolle,
Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

35

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

4 Das Zusammenleben in
Deutschland

4.1 Die Bewertung des Zusammenlebens in der Gesellschaft und seiner Entwicklung
Das Zusammenleben zwischen Teilen der autochthonen Bevölkerung und vielen Bewohner*Innen mit Zuwanderungshintergrund ist in den vergangenen Jahren zusätzlichen Belastungen
ausgesetzt gewesen. Diese Spannungen haben durchaus unterschiedliche Ursachen. So hat die fluchtbedingte Zuwanderungswelle mit ihrem Höhepunkt im Herbst 2015 vielfältige Abwehrreaktionen und populistische Strömungen ausgelöst oder
verstärkt, die zu einem tiefen Riss durch die Gesellschaft geführt
haben112, der ungeachtet des starken Rückgangs der Zuwanderung auch 2018 fortbesteht.

Das Zusammenleben in Deutschland

tischen Macht“ in den neuen Heimatländern gedrängt115. Bei
den Präsidentenwahlen im Juni 2018 stimmten fast 65 Prozent
der Deutschtürken für Erdogan, deutlich mehr als in der Türkei
selbst116.
Da auch die seit längerem bestehenden Probleme wie alltägliche
Diskriminierungen und mangelnde Teilhabe keineswegs gelöst
sind, überrascht die insgesamt positive Reaktion der Befragten
auf den Zustand des Zusammenlebens durchaus. Zwei Drittel bewerten die Qualität des Zusammenlebens als „eher“ oder sogar
„sehr gut“117. Dieses Muster ist in allen Milieus – mit der wiederkehrenden Ausnahme der Religiös-Verwurzelten – festzustellen.
Schlechter als im Durchschnitt der Befragten fällt das Urteil allerdings auch bei den beiden sozial schwächeren Milieus der Prekären und Konsum-Hedonisten aus. Bei ihnen dürften die soziale
Ungleichentwicklung und, wie zu zeigen ist, auch die fortbestehenden Diskriminierungen eine nicht unerhebliche Rolle­spielen.
vgl. B. Hallenberg: Vielfalt und Flüchtlinge – Die Spaltung der
gesellschaftlichen Mitte, vhw-werkSTADT Nr. 2
112

vgl. kritische Betrachtung der deutschtürkischen Erdogan-Wähler: FAZ, 19.4.2017, B. Kohler: Abschied von den Lebenslügen; zur
AfD-Sympathie unter Russland-Deutschen: FAZ, 1.6.2017, N. Klimeniouk: Russen sind die besseren Deutschen.
113

vgl. P. Jacobs: Die Sorgen der Deutschtürken, Rheinische Post,
8.4.2017
114

Hinzugetreten sind spezifische politische Probleme zwischen
Deutschland und einigen wichtigen Herkunftsländern der Zugewanderten wie etwa mit Russland oder der Türkei. In diesen
Fällen hat nicht zuletzt der autoritäre Führungsstil in der jeweiligen früheren Heimat ein entsprechendes Echo bei den von dort
Stammenden nach sich gezogen113 und Sorgen vor verschlechterten Beziehungen in der Gesellschaft ausgelöst114. Zudem
werden sie, wie im Fall der Türkei, zur Ausübung ihrer „poli36

vhw

vgl. FAZ, 10.4.2018: Erdogan will, dass Türken im Ausland Politik
machen.
115

116

vgl. SZ, 25.6.2018: So haben die Deutschtürken gewählt.

Zeitnahe Umfragen aus einzelnen Städten bestätigen dieses Bild,
siehe z. B. für Wiesbaden: E. Hetrodt: Immer mehr Migranten mit
Hochschulabschluss. FAZ (Rhein-Main), 19.8.2017. 73 Prozent der
befragten Migranten bewerteten dort das nachbarschaftliche Zusammenleben als sehr gut oder gut.
117

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Bewertung des Zusammenlebens von Migranten
und Einheimischen in Deutschland
Weiß nicht/
keine Angaben Sehr gut
6%
Sehr schlecht
6%
2%

Eher
schlecht
25 %

Eher gut
59 %

Abb. 29: Bewertung des Zusammenlebens von Migranten und
Einheimischen in Deutschland, Quelle: vhw/SINUS 2018

Altersspezifische Unterschiede fallen weniger stark ins Gewicht,
wenngleich die 50- bis 60-Jährigen das Zusammenleben etwas
schlechter bewerten als die übrigen Altersgruppen. Auch hinsichtlich der formalen Bildung der Befragten unterscheidet sich
der Anteil jener, die den Zustand des Zusammenlebens eher
negativ sehen, nur wenig zwischen „hohem“ und eher „niedrigem“ Bildungsstand. Auffällig ist allerdings, dass Befragte mit
„gehobener“ Bildung deutlich häufiger eine Verschlechterung
des Zusammenlebens konstatieren als Befragte mit niedriger
Bildung. Dies deutet auf die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungen und Inhalte hin, die für das Urteil „Verschlechterung“
verantwortlich sind, also die Beschränkung auf die eigene
­Situation oder die Einbeziehung des gesellschaftlichen Klimas.
Auch die Religionszugehörigkeit und die persönliche Religiosität
beeinflusst die Bewertung des Zusammenlebens kaum. So ist
der Anteil der Befragten Katholiken, Protestanten oder Muslime,
die das Zusammenleben eher positiv bewerten, nahezu identisch.
Mit Abstand am schlechtesten wird das Zusammenleben von jenen Befragten bewertet, die ihre Wurzeln in Nordafrika haben.
Leicht überdurchschnittlich bewerten auch Türkeistämmige und
einige EU-Bürger den Zustand. Dagegen bewerten Syrer, Iraker
und Afrikaner das Zusammenleben nur zu einem geringen Teil
als „eher schlecht“ – offenbar besonders aus Sicht vieler Geflüchteter, die sich erst seit kurzem in Deutschland befinden.
Befragt nach der Entwicklung des Zusammenlebens urteilt eine
relative Mehrheit der Befragten zwar, das Zusammenleben sei
„gleich geblieben“. Doch der Anteil derjenigen, die eine Verschlechterung wahrnimmt, übersteigt den Anteil der entgegengesetzt Urteilenden deutlich. Nur 23 Prozent sehen eine „Verbesserung“, aber 34 Prozent eine Verschlechterung.
vhw

37

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

„Alles in allem, wie bewerten Sie das Zusammenleben von Migranten

„Alles in allem, wie bewerten Sie das Zusammenleben von Migranten
Einheimischen
in Deutschland?“
und Einheimischen inund
Deutschland?“,
nach
Milieus (in %) (nach Milieus)
0,0

10,0

% gesamt

20,0

30,0

40,0

8,0

STA

9,3

KOS

9,6

PER

REL

1,5

PRE

1,4

KHED

0,8

22,9

1,8

22,0

2,6

21,9

65,4

2,5

20,5

58,8

1,7

18,1

62,1

1,6

17,9

35,4

52,3

4,6

58,9
7,2

30,5

54,9
Sehr gut

100,0

1,9

21,7

62,7

8,7

90,0

24,3

58,1

11,5

ARB

80,0

59,0

7,3

BÜM

70,0

60,9

5,5

PRA

60,0

58,7

11,5

EXP

50,0

2,1

32,0

Eher gut

Eher schlecht

2,6

Sehr schlecht

Abb. 30: Bewertung der Qualität des Zusammenlebens nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

hatZusammenleben
sich das Zusammenleben
von Migranten
und Einheimischen
„Wie hat"Wie
sich das
von Migranten
und Einheimischen
in den
letzten
Jahrenverändert?“,
insgesamt verändert?",
nach
in den letzten
Jahren
insgesamt
nach Milieus (in
%) Milieus, in %
0,0

10,0

% gesamt 2,2

20,0

21,4

STA 1,9
3,3

PER

4,4

PRA 1,3

24,8

2,9

PRE
KHED 2,0

30,3

4,0

30,6

4,3

22,2
33,3

37,9

3,7

34,6

40,5

4,3
30,1

Eher verbessert

Eher verschlechtert

Deutlich verschlechtert

Gleich geblieben

Abb. 31: Bewertung der Entwicklung des Zusammenlebens nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

38

vhw

2,1
8,5

36,9

BÜM:
ARB:
REL:
PRE:
KHED:

3,0

23,6

Deutlich verbessert

STA: Statusbewusstes Milieu
KOS: 	Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu
PER: Milieu der Performer
EXP: Experimentalistisches Milieu
PRA: Adaptiv-Pragmatisches Milieu

4,8
3,0

42,7
30,0

100,0

4,4

34,3

39,7
21,6

90,0

27,3

31,5

11,3

80,0

33,6

30,3

27,2
15,4

70,0

36,6

20,6

ARB 1,5

60,0

27,3

22,5
22,9

50,0

38,0

23,2

EXP 2,0

REL 0,8

40,0
35,2

19,0

KOS

BÜM

30,0

Bürgerliche Mitte
Traditionelles Arbeitermilieu
Religiös-Verwurzeltes Milieu
Prekäres Milieu
Konsum-Hedonistisches Milieu

3,9

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Zustand des
Zusammenlebens

Entwicklung des Zusammenlebens
in den letzen Jahren
ver­
bessert

gleich
ge­
blieben

verZu­
schlechsammen
tert

(Sehr)
Gut
und...

24,7

31,4

15,2

71,2

(Sehr)
Schlecht
und...

1,4

6,8

20,6

28,8

Zusammen

26,1

38,2

35,8

100

Tabelle 4: Kombiniert: Zustand und Entwicklung des
Zusammenlebens, in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

In den Milieus sind diejenigen, die überdurchschnittlich stark
eine Verschlechterung bekunden, in allen Segmenten zu finden:
Sowohl bei den modernen Milieus (KOS, EXP), dem bürgerlichen
Mainstream (BÜM) als auch bei den Prekären und den Religiös-­
Verwurzelten. Allein die Performer und das Traditionelle Arbeitermilieu beurteilen die Entwicklung deutlich seltener negativ.

Von gewissem Interesse, etwa für die Wirkungen unterschiedlicher Raumstrukturen, ist die Frage nach den Wirkungen der Gebietskulisse für die Wahrnehmung des Zusammenlebens. Jene
Befragten, die eine Innenstadt(-nahe) Wohnlage haben, bewerten zu 30 Prozent das Zusammenleben als (eher) schlecht, die
Bewohner*innen von Vororten oder ländlichen Gemeinden nur
zu 21 Prozent. Insgesamt sind die Abweichungen jedoch gering.

Von denjenigen, die das Zusammenleben grundsätzlich positiv
bewerten, beurteilt ein größerer Teil auch die Entwicklung des
Zusammenlebens eher positiv als negativ, während es sich bei
den negativ Urteilenden – sehr viel deutlicher – genau entgegengesetzt verhält. Die Bewertung des Zusammenlebens hat sich
somit weiter auseinanderentwickelt und entspricht damit auch
in diesem Bereich dem Befund eines sich weiter ausdehnenden
Einstellungsspektrums in der migrantischen Bevölkerung.
In den Altersgruppen sehen zum Beispiel die 50- bis 60-jährigen
Befragten überdurchschnittlich häufig eine Verschlechterung
des Zusammenlebens. In diesem Punkt folgen ihnen bereits die
20- bis 29-Jährigen, während die mittleren Jahrgänge sowie die
Senioren*innen weniger häufig eine negative Bewertung abgeben. Allerdings bleibt der Zusammenhang zwischen dem Alter
der Befragten und der Bewertung des Zusammenlebens und seiner Entwicklung begrenzt.
Eine Verschlechterung des Zusammenlebens sehen nach Herkunftsländern der Befragten in besonderem Maße Nahost-stämmige Bürger – abgesehen von Syrern und Irakern –, Türkeistämmige, Nordafrikaner, aber auch Europäer mit Wurzeln auf dem
Balkan.
vhw

39

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Wie häufig Wie
verbringen
Sie Ihre
mitmit
Deutschen?
häufig verbringen
SieFreizeit
Ihre Freizeit
Deutschen? (in %)

Selten
Selten –– mehrmals im Jahr
4.9 %
4,9
Manchmal
–
mindestens
Manchmal – mindestens einmal
einmal
im Monat
im Monat
13,1 %
13,1
%

Nie,– so
Nie
so gut
gut wie
wie nie
nie
2,5
%
2,5 %
Jeden
JedenTag
Tag––fast
fastjeden
jedenTag
Tag
51,5
51,5%%

Häufig
– mindestens
einmal
Häufi
g – mindestens
einmal
derWoche
Woche
inin
der
27,9
%%
27,9

Abb. 32: Kontakthäufigkeit zu Einheimischen in der Freizeit, Quelle: vhw/SINUS 2018

4.2 Interkulturelle Kontakte und
Kontakthäufigkeit
Für die Bewertung der Qualität des Zusammenlebens – und als
wichtiger Indikator für eine gelingende Integration – spielt das
Thema „Interkulturelle Kontakte“ eine wichtige Rolle, insbesondere hinsichtlich Kontaktart, Kontaktort und Kontakthäufigkeit.
Einschlägige Untersuchungen beschäftigen sich mit der Entwicklung und den Formen interethnischer Kontakte118 ebenso
wie mit vermeintlichen Hindernissen, etwa der Religionszugehörigkeit119, und nicht zuletzt mit Maßnahmen zur Förderung
verschiedener Formen von sozialen Kontakten120.
In der vorliegenden Untersuchung berichtet die große Mehrheit
der Befragten von Kontakten zu „einheimischen Deutschen“.
Danach haben zwei Drittel der Befragten solche Kontakte innerhalb der Familie bzw. Verwandtschaft – unter den befragten
Muslimen sind es 47 Prozent –, wobei die Spannweite zwischen
den Milieus von 81 Prozent bei den Performern bis zu 26 Prozent
bei den Religiös-­Verwurzelten reicht. Kontakte am Arbeitsplatz,
in der Schule oder Universität bestätigen nahezu all jene, die
erwerbstätig sind oder Schule und Uni besuchen.
Auch für das nachbarschaftliche Umfeld fällt das Ergebnis eindeutig aus: 94 Prozent aller Befragten und auch 84 Prozent
der Religiös-Verwurzelten berichten von entsprechenden Kontakten. Kaum Unterschiede bestehen auch zur Häufigkeit von
Kontakten im Freundes- und Bekanntenkreis, die bei 93 Prozent
liegt und nur von den Religiös-Verwurzelten mit 51 Prozent signifikant unterschritten wird.
Jenseits der Kontaktexistenz als solcher sind Umfang und Frequenz von besonderem Interesse. So ist der Freizeitkontakt zu
„Deutschen“ insgesamt intensiv, nur 7,5 Prozent haben seltene
oder überhaupt keine Kontakte. Der Anteil der Befragten mit
wenigen oder keinen Kontakten ist verschwindend gering unter
den in Deutschland geborenen Befragten. Unter den vor 1980
Zugewanderten beträgt er 5,5 Prozent, bei den nach 2009 ins
Land Gekommenen immerhin 15 Prozent.
40

vhw

Zwischen den Milieus sind geringe oder fehlende Kontakte
überdurchschnittlich häufig im Prekären Milieu (16 Prozent), vor
allem aber bei den Religiös-Verwurzelten anzutreffen; von letzteren haben 17 Prozent „seltene“ und 26 Prozent überhaupt
keine Kontakte.
Jene Befragten, die von sporadischen oder seltenen Kontakten
berichten, wünschen sich – allerdings nur mit knappen Mehrheiten – häufigere Kontakte, in der Gruppe der „Kontaktlosen“
möchte an diesem Zustand dagegen nur die Hälfte der Befragten etwas ändern.
Wenig überraschen kann der enge Zusammenhang zwischen
Sprachkompetenz und Kontakthäufigkeit. Dieser wurde eindrucksvoll bestätigt und zeigt eine nahezu lineare Struktur.
Mehr als die Hälfte der Befragten, die – nahezu täglich – Kontakt zu Herkunftsdeutschen haben, schätzen ihre Sprachkenntnisse als sehr gut ein. Je geringer die Kontakthäufigkeit ist, desto schlechter wird die eigene Sprachkompetenz eingeschätzt.
Umgekehrt berichten unter jenen, die ihre Sprachbeherrschung
„sehr gut“ finden, 60 Prozent von täglichen Kontakten, während
mehr als die Hälfte derjenigen mit „sehr schlechten“ Deutschkenntnissen „so gut wie nie“ Kontakte zu Einheimischen haben.

vgl. S. Haug: Interethnische Kontakte, Freundschaften, Partnerschaften und Ehen von Migranten in Deutschland. BAMF: Integrationsreport Nr. 7, 2010; zum Thema interkulturelle Ehen: N. Milewski,
Hill Kulu: Mixed Marriages in Germany: A High Risk of Divorce for
Immigrant-Native Couples, European Journal of Population, February
2014, Volume 30:1, S. 89–113
118

D. Ohlendorf: Die Entstehung interethnischer Kontakte von Neuzuwanderern aus Polen und der Türkei in Deutschland – eine Frage der
Religion? Zeitschrift für Soziologie, Jg. 44, Heft 5, Oktober 2015,
S. 348–365, sieht keinen Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und interethnischen Kontakten von Migranten aus Polen bzw.
der Türkei.
119

siehe F. Heckmann: Integration von Migranten: Einwanderung und
neue Nationenbildung. Wiesbaden: Springer 2014, insbesondere
S. 189f: Maßnahmen zur Förderung interethnischer Kontakte
120

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

"Wie häufig
verbringen
SieDeutschen?
Ihre Freizeit
Wie häufig verbringen
Sie Ihre
Freizeit mit
(inmit
%)Deutschen?"
0,00
Religiös-Verwurzelte

20,00

40,00

Traditionelles Arbeitermilieu

Bürgerliche Mitte

Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu

8,2 3,3

27,6

Gesamtergebnis

12,8

22,0

32,6

28,4

13,0

27,8

51,3

6,5

14,4

33,3

45,1

Prekäres Milieu

10,0 1,0

23,9

64,7

Konsum-Hedonistisches Milieu

4,8 0,9

22,5

71,8

Experimentalistisches Milieu

5,5

24,4

69,7

Milieu der Performer

3,8

13,7

27,8

53,4

5,0

16,7

59,7

Adaptiv-Pragmatisches Milieu

8,7

19,0

36,4

39,5

100,00

26,15

28,2

41,5

Statusbewusstes Milieu

80,00

16,9

27,7

21,5

6,9

60,00

4,9

Jeden Tag – fast jeden Tag

Häufig – mindestens einmal in der Woche

Manchmal – mindestens einmal im Monat

Selten – mehrmals im Jahr

Nie, so gut wie nie
Abb. 33: Häufigkeit der Freizeitkontakte zu Einheimischen, Quelle: vhw/SINUS 2018

Diagramm 37: Häufigkeit der Freizeitkontakte zu „Einheimischen“

Kontakthäufigkeit und deutsche Sprachkenntnisse

Kontakthäufigkeit und deutsche Sprachkenntnisse (in %)
0,0

20,0

Jeden Tag – fast jeden Tag

Sehr gut

Eher gut

36,3

21,7
9,1
5,9

80,0
30,7

37,7

Manchmal – mindestens einmal im Monat

Nie, so gut wie nie

60,0

53,2

Häufig – mindestens einmal in der Woche

Selten – mehrmals im Jahr

40,0

15,7
Mittelmäßig

35,0
43,4

17,6
Eher schlecht

14,1 1,8
23,0

34,2
25,3

100,0

3,0
9,2

20,2
52,9

Sehr schlecht

Abb. 34: Kontakthäufigkeit und deutsche Sprachkenntnisse, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

41

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Bewertung des Zusammenlebens nach Häufigkeit der Kontakte (in %)
Zusammenleben: (sehr) gut

(eher) schlecht

80
70
60
50
40
30
20
10
0
Jeden Tag –
fast jeden
Tag

Häufig –
mindestens
einmal in der
Woche

Manchmal –
mindestens
einmal im
Monat

Selten –
mehrmals
im Jahr

Nie, so gut
wie nie

Abb. 35: Bewertung des Zusammenlebens nach Häufigkeit der Kontakte, Quelle: vhw/SINUS 2018

Interkulturelle Kontakte und die
­Wahrnehmung des Zusammenlebens

stadt- oder Stadtrandgebieten. Auch Vorort-Bewohner*innen
berichten über häufigere Kontakte als Innenstadt- oder Stadtrand-Bewohner.

Insgesamt – und dies wird bei vielen Befragungsergebnissen
deutlich – wirkt sich die Kontaktfrequenz positiv auf die Verbundenheit mit dem Land oder die Integrationsbereitschaft aus,
ohne dass damit eine assimilative Orientierung verbunden sein
müsste.

Insgesamt entsteht ein Gesamtbild mit einem positiven Zusammenhang zwischen Sprachkompetenz, Kontakthäufigkeit und
einer positiveren Bewertung des Zusammenlebens. Negative Folgen intensiver Kontakte für die Qualität des Zusammenlebens,
wie sie aus anderen internationalen Untersuchungen etwa im
Zusammenhang mit der Flüchtlingsaufnahme bekannt sind121,
werden tendenziell nicht bestätigt – auch wenn die konkreten
Lebensumstände und nachbarschaftlichen Gegebenheiten zu
berücksichtigen sind.

Befragte mit häufigen Kontakten bewerten das Zusammenleben deutlich besser als solche mit seltenen oder gar keinen privaten Kontakten zu „einheimischen Deutschen“. Dabei gibt es
allerdings kaum Unterschiede zwischen den Befragten mit täglichen und solchen mit allenfalls monatlichen Kontakten.
Am schlechtesten wird das Zusammenleben von solchen Befragten bewertet, die ausschließlich Kontakte zu Einheimischen in
der Nachbarschaft haben, am besten von jenen, die Kontakte
am Arbeitsplatz bzw. in der Uni sowie im Freundes- und Bekanntenkreis haben.
Die Kontakthäufigkeit wird zudem durch die Raumkulisse,
die Struktur des räumlichen Umfeldes geprägt. Die intensivsten
Kontakterfahrungen sind v.a. bei jenen Befragten festzustellen,
die in kleineren Orten auf dem Lande leben – ein nicht unwichtiger Aspekt in der raumbezogenen Bewertung erfolgreicher
Integration. Fast 65 Prozent der befragten Bewohner*innen
ländlicher Gebiete berichten von täglichen Kontakten – gegenüber 49 Prozent der Bewohner*innen von verdichteten Innen42

vhw

vgl. z. B. S. Y. Cheung, J. Phillimore: Social networks, social capital
and refugee integration. Institute for Research into Superdiversity,
University of Birmingham. Research Report for Nuffield Foundation.
April 2013
121

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Kontakthäufigkeit
nach räumlicher
Wohnlage
Kontakthäufigkeit nach
räumlicher Wohnlage
(in %)
100,0
90,0
80,0

14,7

13,0

24,0

70,0
60,0

5,5

15,8

12,3

28,9

26,4

28,4

27,8

50,0
40,0
30,0
20,0

49,3

64,1

54,1

48,6

51,3

10,0
0,0
In der Innenstadt
/innenstadtnah

Am Stadtrand

In einem Vorort in
der Nähe der Stadt

In einem kleineren
Ort auf dem Land

Jeden Tag – fast jeden Tag

Häufig – mindestens einmal in der Woche

Manchmal – mindestens einmal im Monat

Selten – mehrmals im Jahr

Gesamt

Nie, so gut wie nie

Abb. 36: Kontakthäufigkeit zu Einheimischen nach räumlicher Wohnlage der Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018
Diagramm
40: Kontakthäufigkeit zu Einheimischen nach räumlicher Wohnlage der Befragten

4.3 Diskriminierungserfahrungen:
Bereiche, Häufigkeit und
­Entwicklung122
Anders als bei den sonstigen Kontroversen über die angemessenen Elemente einer „erfolgreichen“ Integrationspolitik besteht
in Wissenschaft und Öffentlichkeit ein breiter Konsens über die
negativen Wirkungen von Diskriminierungserfahrungen auf die
Betroffenen und den Integrationsprozess123.
Diskutiert wird in diesem Kontext allenfalls über das Gewicht
dieser Wirkung auf die individuelle oder gruppentypische Integrationsbereitschaft bzw. den Integrationserfolg. In der Wissenschaft wird vielfach eine Kausalkette herangezogen, in der ein
geringes Zugehörigkeitsgefühl, eine hohe Marginalisierung und
ausgeprägte Diskriminierungswahrnehmungen Deprivation befördern, die dann – in Abhängigkeit von der (Migranten-)Generation – Segregationstendenzen provoziere.
Eines der Kernprobleme bei der wissenschaftlichen Vermessung
von Art, Umfang und Bereichen der Diskriminierung bleibt die
Subjektivität bei der Wahrnehmung und Bewertung solcher Vorgänge durch die Betroffenen. Mittels verschiedener Verfahren
– etwa Vignettenexperimenten – wird versucht, diesem Problem
schrittweise beizukommen124.
Vorläufig bleibt die Erforschung von Diskriminierungserfahrungen jedoch weiter mit der Diskrepanz zwischen „objektiver“
und „subjektiver“ Bewertung ebenso konfrontiert wie mit „ver-

borgenen“ Diskriminierungen – etwa bei Bewerbungen – oder
auch manchen Normsetzungen als „diskriminierend“. Die Wahrnehmung kann zudem von Erwartungshaltungen sowie kollektiven und individuellen Stimmungen beeinflusst werden und ist
insofern ein Indikator für die von den Zuwanderern wahrgenommene Akzeptanz durch die „Mehrheitsgesellschaft“125. All diese
Punkte und die dadurch eingeschränkte Messbarkeit gilt es bei
den nachfolgenden Ergebnissen zu berücksichtigen.

„Diskriminierung“ meint nach der der Definition des AGG eine
Ungleichbehandlung, Ausgrenzung oder Benachteiligung von Einzelnen oder Gruppen. In ihrer unmittelbaren Form bedeutet sie, dass ein
Individuum „eine weniger günstige Behandlung erfährt, erfahren hat
oder erfahren würde als eine andere Person in einer vergleichbaren
Situation“ (§ 3 Abs. 1 AGG). Mittelbare oder indirekte Diskriminierung
liege vor, wenn „dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien
oder Verfahren Personen gegenüber anderen Personen in besonderer
Weise benachteiligen, es sei denn, die betreffenden Vorschriften,
Kriterien oder Verfahren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sachlich
gerechtfertigt“ (§ 3 Abs. 2 AGG).
122

vgl. zur disziplinübergreifenden Diskriminierungsforschung: A. Scherr
u. a. (Hg.): Handbuch Diskriminierung. Wiesbaden: Springer 2017.
123

dazu: S. Beigan, K. Fetz, D. Kalkum und M. Otto: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer
Betroffenenbefragung. Hg. v. Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Baden-Baden: Nomos 2017, insbesondere Kap.4, S. 27ff (Wahrnehmung von Diskriminierung)
124

vgl. ZfT (Hg.)/M. Sauer: Teilhabe und Befindlichkeit. Ergebnisse der
Mehrthemenbefragung 2015. Essen 2016, S.60-64 (61).
125

vhw

43

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Diskriminierung im Kontext der Akkulturation
Objektive Lage

Subjektive Befindlichkeit

kognitive Teilhabe
(Bildung)

Beurteilung
wirtschaftliche Lage

strukturelle Teilhabe
(berufl. Stellung, Einkommen)

Diskriminierungswahrnehmung

gesellschaftliche Teilhabe
(interkulturelle Kontakt)

Reaktion

Deprivation

Segregationstendenz

Identität
Zugehörigkeit/
Marginalisierung

Generation
Abb. 37: Schema – Diskriminierungen im Kontext der Akkulturation nach Hämmig
Quelle: Oliver Hämmig: Zwischen zwei Kulturen. Spannungen, Konflikte und ihre Bewältigung bei der zweiten Ausländergeneration.
Wiesbaden: Springer 2000

Vorliegende Studien bestätigen die anhaltende oder gar zunehmende, weite Verbreitung von Diskriminierungen sowohl
national wie international126, wobei regelmäßige Untersuchungen gewisse Niveauschwankungen im Zeitablauf vermitteln127.
Neuere Studien – etwa über die Situation im streng laizistischen
Frankreich – ermittelten zudem eine von religiösen Vorurteilen
gegenüber Muslimen geprägte Diskriminierungssituation, die in
einem sich selbst verstärkenden „Teufelskreis“ wechselseitiger
Ablehnung gemündet sei128.

bleiben wahrgenommene Benachteiligungen verschiedenster
Art jedoch immer noch verbreitet und sind Teil der Alltagsrealität
für viele Migranten133.

Aktuelle Untersuchungen129 in Deutschland bestätigen die Annahme einer sich besonders häufig am äußeren Erscheinungsbild –
Stichwort: „sichtbarer Migrationshintergrund“ – der Betroffenen
festmachenden Diskriminierung130. Bereits 2015 zeigten Autochthone und Migranten eine bemerkenswert einheitliche Wahrnehmung bei der Zustimmung zur Aussage „Wenn man nicht aussieht
wie ein Deutscher, wird man hier komisch angeschaut”131. Beklagt
wurde insbesondere von türkeistämmigen Befragten bereits 2015
ein „mangelnder Respekt“ durch die autochthone Bevölkerung.

127

Ähnliche Untersuchungsergebnisse liegen inzwischen auch für
andere Regionen und Länder vor, so etwa für die anglo-amerikanischen Staaten132. In der hier vorliegenden Untersuchung gaben
nur etwa 37 Prozent der Befragten an, noch nie diskriminiert worden zu sein. Die zentrale Frage lautete: Wie häufig machen Sie
persönlich in den nachfolgenden Bereichen die Erfahrung, hier in
Deutschland aufgrund Ihrer Herkunft benachteiligt zu werden?
(sehr häufig, eher häufig, selten, nie, weiß nicht/keine Angabe).
Im Ergebnis ergibt sich je nach Ort bzw. Umständen oder Umfeld
von Diskriminierungen zwar ein differenziertes Bild; insgesamt
44

vhw

vgl. für Deutschland: Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 3.
Gemeinsamer Bericht, Diskriminierung in Deutschland. Berlin 2016.
für Europa: Special Eurobarometer 437: “Discrimination in the EU in
2015”. Eine breite Zusammenstellung einschlägiger Studie bis 2013
in der: Faktensammlung Diskriminierung, Programm Integration und
Bildung der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2013, S. 19ff.
126

vgl. ZfT (Hg.)/ M. Sauer: Teilhabe und Befindlichkeit. a. a. O.,
­Tabelle 19, Diskriminierungserfahrungen im Zeitvergleich.
vgl. C. Adida, D. Laitin, M. Valfort: Why Muslim Integration Fails in
Christian-Heritage Societies: Harvard University Press 2016, s. a. die
Rezension in: Financial Times, 29.1.2016
128

„Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her?“ Diskriminierungserfahrungen und phänotypische Differenz in Deutschland. SVR Policy
Brief 1-2018, Januar 2018. – Die Erhebung wurde 2016 durchgeführt.
Danach unterscheiden sich die Diskriminierungserfahrungen zwischen
den Herkunftsgruppen erheblich. Während 54 Prozent der Menschen
türkischer Herkunft Diskriminierung erleben, ist dies bei Zugewanderten aus der EU mit 26 Prozent deutlich seltener der Fall. Spät-/Aussiedlerinnen und Spät-/Aussiedler liegen mit 34 Prozent ebenso wie
Personen mit einem Migrationshintergrund aus der „übrigen Welt“
mit 40 Prozent dazwischen.
129

als Überblick, s. a. J. Bielicki: Integrationsdebatte – Was Özil empfand, haben viele erlebt. SZ, 30.7.2018
130

131

siehe S. Pokorny: Was uns prägt. Was uns eint, a. a. O., S. 57

siehe T. B. Konitzer et al.: Ethnocentrism versus group-specific
stereotyping in immigration opinion: cross-national evidence on the
distinctiveness of immigrant groups. Journal of Ethnic and Migration
Studies, published online Feb 19, 2018
132

Aufschlussreich ist in diesem Kontext die im Sommer 2018 angestoßene #MeTwo-Debatte.
133

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Diskriminierungserfahrungennach
nach
Ortund
undHäufigkeit,
Häufigkeitin(in%%
allerBefragten
Befragten)
Diskriminierungserfahrungen
Ort
aller
0,0

5,0

Am Arbeitsplatz, in der Schule bzw. an der Uni 2,2

10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 35,0 40,0 45,0

8,6

24,6

Bei der Wohnungssuche?

5,1

14,8

21,5

Bei der Arbeitssuche?

5,2

14,7

21,9

Bei Behörden? 3,8

12,6

27,6

Beim Einkaufen? 1,4 3,7

20,6

In Gaststätten, Restaurants, Hotels oder… 1,3 4,2

19,5

Bei der Polizei? 1,9 6,1

15,6

In der Nachbarschaft? 1,6 5,4
In Vereinen? 0,9 2,0
Sehr häufig

23,7
11,2

Eher häufig

Selten

Diagramm
Diskriminierungserfahrungen
nach
und Häufigkeit,
in % allerQuelle:
Befragten
Abb. 38:42:
Diskriminierungserfahrungen
nach Ort
und Ort
Häufigkeit,
in % aller Befragten,
vhw/SINUS 2018

So berichteten insgesamt fast 45 Prozent von entsprechenden
Erfahrungen bei Behörden, jede/r Sechste sogar von häufigen
Vorfällen dieser Art. Damit werden Untersuchungen bestätigt, die ebenfalls von fortbestehenden Diskriminierungen von
Migranten im Verwaltungsalltag berichten134. Besonders häufige
Vorkommnisse dieser Art ereigneten sich bei der – zunehmend
schwierigen – Suche nach einer Wohnung oder einem Arbeitsplatz135.Diese verschärfen für viele Zuwanderer, nicht zuletzt für
die in den letzten Jahren Geflüchteten, die strukturellen Probleme bei der Wohnungssuche in vielen Städten136.
Seltener, zumindest was die Häufigkeit der berichteten Fälle
angeht, kommt es zu Diskriminierungen bei der Arbeit, in der
Schule oder Universität – also im nicht-institutionellen, interpersonellen Bereich. So wurde bereits an anderer Stelle von einer
deutlichen Diskrepanz zwischen Ressentiment-behafteten Meinungsbildern einerseits und der betrieblichen Realität andererseits berichtet:
„Von Beschäftigten jeder Herkunft wird in der Regel berichtet,
dass die meisten Kolleginnen und Kollegen gut miteinander
auskommen. Die Diskurse und Meinungen sind offenbar weniger kollegial als die betriebliche Alltagspraxis. Gerade in der
Arbeitswelt wäre es deshalb irreführend, aus den Meinungen
auf die alltägliche Praxis der Interaktion zu schließen137.“
Von „(eher) häufigen“ Formen von Diskriminierung durch die
Polizei berichten 8 Prozent der Befragten, 7 Prozent von entsprechenden Erfahrungen in der Nachbarschaft. Der Anteil jener, die
„häufige“ Diskriminierungen beim Einkaufen oder in der Gastronomie erlebt haben, ist etwas geringer, wobei natürlich typi-

sche Nutzungs- und Auswahlmuster entsprechender Einkaufsorte oder gastronomischer Einrichtungen zu berücksichtigen sind.
Dies gilt entsprechend für die Erfahrungen in Vereinen.
Verglichen mit den Ergebnissen der letzten Mehrthemenbefragung unter Türkeistämmigen 2015138 ist in der vorliegenden Befragung ein Anstieg der Wahrnehmungen von Benachteiligung
feststellbar, offenbar auch im Kontext veränderter gesamtgesellschaftlicher Stimmungen. Allerdings haben sich die Schwerpunkte seither zulasten der institutionellen Diskriminierungen
verschoben. Der Bewertung des Zentrums für Türkeistudien aus
dem Jahr 2015 über den generationellen Zusammenhang von
Diskriminierungswahrnehmungen, wonach sich Erstgenerati-

vgl. die experimentelle Studie von: J. Hemker, A. Rink: Multiple
Dimensions of Bureaucratic Discrimination: Evidence from German
Welfare Offices. American Journal of Political Science, Vol. 61:4,
Oktober 2017, S. 786-803. In dem Experiment haben die Forscher in
den Jahren 2014 und 2015 fiktive Mails an 408 Jobcenter geschickt.
Das Ergebnis zeigt, dass Mitarbeiter von Behörden zur Diskriminierung
neigen, wenn sie Anfragen von Menschen mit ausländischen Namen
erhalten.
134

vgl. auch SVR Migration (Hg.): Diskriminierung am Ausbildungsmarkt. Berlin 2014
135

unter den vielen Beiträgen: FAZ, 28.04.2017: Informationsmangel
und Diskriminierung: Flüchtlinge haben es schwer bei der Wohnungssuche; Der Spiegel, 26.6.2017: Diskriminierung bei der Wohnungssuche „Manche Vermieter legen beim Wort Geflüchtete auf“
136

vgl. z. B. W. Schmidt: Die Integration von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten in der Arbeitswelt. Betrieblicher Universalismus unter
Druck. APuZ, Heft 26-2017, S. 34-39
137

138

vgl. Zentrum für Türkeistudien (ZfT)/ Sauer, a. a. O., Tabelle 20.

vhw

45

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Diskriminierungserfahrungen in den Milieus insgesamt
Überdurchschnittlich selten
diskriminiert
Seltener diskriminiert
Durchschnittlich diskriminiert
Leicht überdurchschnittlich häufig
diskriminiert
Überdurchschnittlich häufig
diskriminiert

REL

Stark überdurchschnittlich häufig
diskriminiert
Abb. 39: Diskriminierungserfahrungen in den Milieus insgesamt (über alle Bereiche), Quelle: vhw/SINUS 2018

onsangehörige seltener benachteiligt fühlen als Zweitgenerationsangehörige, und diese wiederum seltener als Angehörige
der dritten Generation, kann hier dagegen nur teilweise gefolgt
werden. Allerdings trifft diese Bewertung auf das Traditionelle
Arbeitermilieu zu.

geblich auf die persönlich vorgenommene Auswahl ankommt,
sowie gegenüber der Polizei nehmen die Konsum-Hedonisten
mit ihrer starken Präsenz im öffentlichen Raum die negative Spitzenstellung bei erfahrenen Benachteiligungen ein.

Milieus, Herkunft und
Diskriminierungs­wahrnehmung
Bereits vor knapp zehn Jahren hat sich eine Sinus-Studie im Auftrag des Bundes mit dem Thema „Diskriminierung im Alltag“
unter Nutzung der Milieuforschung auseinandergesetzt, damals
allerdings aus der Perspektive der „aufnehmenden“ Milieus, deren Motive für diskriminierendes Verhalten und deren Wurzeln
untersucht wurden139. In der hier vorliegenden Studie stehen
dagegen die von Diskriminierung in unterschiedlicher Weise betroffenen Migrantenmilieus im Fokus.
Die beiden Grafiken dokumentieren die stark milieu-selektive
Erfahrung bzw. Wahrnehmung von Diskriminierungen. Ähnlich
wie bei anderen Aspekten von Zugehörigkeit und Zusammenleben lässt sich eine mehrstufige Schichtung zwischen den Milieus feststellen. So fühlen sich die Religiös-Verwurzelten (REL) in
sechs der neun genannten Lebensbereiche am häufigsten diskriminiert. Nur in der Gastronomie und in Vereinen, wo es maß46

vhw

vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Forschungsprojekt,
Bd. 4: Diskriminierung im Alltag. Baden-Baden: Nomos, Juli 2008.
Siehe auch K. Schuler: Bürger fürchten Überregulierung. ZEIT-Online,
2.4.2009
139

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Diskriminierungserfahrungen nach Bereichen/Orten in den Milieus (eher/sehr häufig, in %)
Am Arbeitsplatz, in der Schule bzw. an
der Universität?

STA
KOS

KHED

Bei der Wohnungssuche?

Bei der Arbeitssuche?

Bei Behörden?

PRE

PER

REL

EXP

Bei der Polizei?

In der Nachbarschaft?

PRA

ARB
BÜM

Abb. 40: Diskriminierungserfahrungen nach Bereichen/Orten in den Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

Herkunftsregion/Diskriminierungs­
bereich (TOP 2: „sehr/eher häufig“)
Amerika

Bei der
Arbeitsuche?

Bei der
Wohnungssuche?

Am Arbeitsplatz,
in Schule,
Universität?

Bei Behörden?

12,5

16,1

7,1

15,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Ehemalige Sowjetunion

30,9

21,1

16,8

21,5

EU-Ost-Europa

16,6

13,1

7,9

11,9

EU-Süd-Europa

9,9

6,5

3,4

5,7

Australien/Ozeanien/Übrige Welt

Nordafrika

46,3

47,3

24,4

27,6

Süd- und Ost-Asien

23,8

26,0

15,3

18,8

Syrien, Irak

49,0

49,1

20,4

29,6

Türkei

35,2

39,1

21,4

23,3

7,3

6,1

4,2

6,5

Übriger naher und mittlerer Osten

35,3

35,5

23,7

28,9

Übriges Afrika

36,8

56,9

7,4

20,3

Übriges Europa

23,6

23,0

9,4

17,4

Gesamt: sehr/eher häufig in %

24,5

24,1

12,9

17,4

Übrige EU

Tabelle 5: Diskriminierungsbereiche nach Herkunftsregion der Befragten, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

47

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Diskriminierungsindex nach Herkunftsregion der Befragten
0,00

50,0

100,0

150,0

200,0

Amerika
Australien/Ozeanien/Übrige Welt
Ehemalige Sowjetunion
EU-Ost-Europa
EU-Süd-Europa
Nord-Afrika
Süd- und Ost-Asien
Syrien, Irak
Türkei
Übrige EU
Übriger naher und mittlerer Osten
Übriges Afrika
Übriges Europa
Abb. 41: Diskriminierungsindex nach Herkunftsregion der Befragten, Angaben in %, (eher/ sehr häufig: Anteil alle Befragten = 100)
Quelle: vhw/SINUS 2018

Am anderen Ende des Spektrums fühlen sich die modernen, sozial
integrierten Milieus mit den Performern an der Spitze am seltensten diskriminiert; dies gilt auch für die Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Dabei kommen ihnen natürlich ihre meist bessere
ökonomische Situation und ihre Sprachkompetenz entgegen.
Auch die Traditionellen Arbeiter (ARB) berichten von relativ wenigen Benachteiligungen, teilweise mit Ausnahme der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie der Behördenkontakte. Bei
ihnen ist offenbar ein gewisser Anpassungs- und Gewöhnungs­
aspekt aufgrund ihrer in der Regel langjährigen Anwesenheit im
Land eingetreten.
Bestätigt wird der Zusammenhang zwischen Diskriminierungswahrnehmungen und Herkunftsregion – also zum „sichtbaren
Fremdsein“. Mit deutlichem Abstand führen Befragte aus Nord­
afrika und dem Nahen Osten die Negativliste der wahrgenommenen Diskriminierungen an. Bei diesen beiden Gruppen, gefolgt
von türkeistämmigen Migranten, erstrecken sich Erfahrungen von
Benachteiligung über alle Kontaktorte hinweg. In diesen Fällen ist
der Anteil der „häufig“ im institutionellen Bereich Diskriminierten
etwa doppelt so hoch wie derjenigen, die über Diskriminierungen
am Arbeitsplatz oder aus Universität und Schule berichten.
Befragte aus dem übrigen Afrika fühlen sich dagegen besonders
stark bei der Wohnungssuche benachteiligt, deutlich seltener jedoch im persönlichen, nicht-institutionellen Kontaktbereich.
Die vorliegenden Ergebnisse korrespondieren eng mit der Betrachtung der „Willkommens-Präferenzen“ durch die autoch48

vhw

thone Bevölkerung, nach der es „eine deutliche Präferenz für
Einwanderer mit hoher Humankapitalausstattung und geringer
kultureller Distanz gibt“140.
Bei manchen Befragten fällt die Wahrnehmung konkreter Diskriminierung mit der Erfahrung einer Kontaktverweigerung durch
Einheimische zusammen. Über diesen Rückzug berichten knapp
15 Prozent aller Befragten, aber 60 Prozent unter den Religiös-Verwurzelten. Selbst-Ausgrenzung und das Gefühl, ausgegrenzt zu werden, fallen bei ihnen eng zusammen. Überdurchschnittlich häufig registrieren auch Angehörige des Prekären
Milieus und der Konsum-Hedonisten eine derartige Kontaktablehnung.
Danach gefragt, ob sich die Situation bei Diskriminierungen in
den letzten fünf Jahren eher verbessert oder verschlechtert habe
bzw. „gleich geblieben“ sei, meinte eine deutliche Mehrheit, es
habe keine Veränderungen gegeben.

C. S. Czymara, A. W. Schmidt-Catran: Wer ist in Deutschland
willkommen? Eine Vignettenanalyse zur Akzeptanz von Einwanderern.
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 68 (2016) 2,
S. 193-227
140

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Milieus: „Ich erlebe immer wieder, dass sich Deutsche vor mir zurückziehen“ –
Zustimmung TOP 2 (in %)
0,00

10,00

20,00

30,00

40,00

50,00

60,00

Statusbewusstes Milieu
Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu
Milieu der Perfomer
Experimentalistisches Milieu
Adaptiv-Pragmatisches Milieu
Bürgerliche Mitte
Traditionelles Arbeitermilieu
Religiös-Verwurzelte
Prekäres Milieu
Konsum-Hedonistisches Milieu
Zusammen

Trifft ganz genau zu

Trifft eher zu

Quelle: vhw/SINUS 2018

... nach Herkunftsregion (in %)
0,00

10,00

20,00

30,00

40,00

50,00

60,00

Nord-Afrika
Syrien, Irak
Übriges Afrika
Übriger Nah-/Mittel Ost
Türkei
Ehemalige Sowjetunion
Süd- und Ost-Asien
Trifft ganz genau zu

Trifft eher zu

Abb. 42: Wahrgenommene Kontaktablehnung durch Einheimische nach Milieus und Herkunftsregion der Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

49

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Hat sich die Situation bei Diskriminierungen am Arbeitsplatz, in Schule oder Uni
eher verschlechtert oder eher verbessert? Nach Milieus (in %)

KHED

Eher verbessert
Eher verschlechtert
PRE

18,0
16,0
14,0
12,0
10,0
8,0
6,0
4,0
2,0
0,0

STA
KOS

PER

REL

EXP

ARB

PRA
BÜM

Abb. 43: Veränderung der Benachteiligungssituation in den letzten Jahren, nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

Hat sich diese Situation in den letzten fünf Jahren eher verschlechtert, eher verbessert oder hat sie sich nicht verändert? –
Antworten in % aller Befragten

eher verbessert

eher verschlechtert

Am Arbeitsplatz, in der Schule bzw. an der Universität?

12,8

7,2

Bei der Wohnungssuche?

6,0

13,0

Bei der Arbeitssuche?

7,9

11,3

Bei Behörden?

8,4

9,7

Tabelle 6: Veränderung der Benachteiligungssituation in den letzten Jahren, alle Befragten, nach Orten der Diskriminierung,
Quelle: vhw/SINUS 2018

Wie häufig machen Sie persönlich am Arbeitsplatz/
in der Schule/an der Uni etc. die Erfahrung, hier in
Deutschland aufgrund Ihrer Herkunft benachteiligt
zu werden?

Wie bewerten Sie das Zusammenleben von
Migranten und Einheimischen in Deutschland?
sehr gut

eher gut

eher
schlecht

Sehr häufig

11,9

35,7

42,9

9,5

100

Eher häufig

7,8

44,3

45,5

2,4

100

5,0

69,2

23,8

1,9

100

10,3

65,9

22,1

1,6

100

Selten
Nie

sehr
schlecht

Tabelle 7: Häufigkeit von Diskriminierungserfahrungen und Bewertung des Zusammenlebens, Quelle: vhw/SINUS 2018

50

vhw

zusammen

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Eher häufig

Selten

Nie

Dis
its krim
pla in
tz, ieru
Un ng
i, S am
ch
ule
etc

.

Sehr häufig

Sehr häufig
Jeden Tag –
fast jeden Tag

Häufig –
mindestens
einmal in der
Woche

Manchmal –
mindestens
einmal im
Monat

Selten –
mehrmals im
Jahr

Nie, so gut
wie nie

Ar

Selten
Eher häufig

be

Nie

Kontakthäufigkeit mit Autochthonen

Abb. 44: Diskriminierungserfahrungen nach Kontakthäufigkeit der Befragten, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

Wenn man den Anteil derjenigen, die eine Verbesserung registrieren mit den entgegengesetzt Urteilenden vergleicht, zeigen
sich allerdings deutliche Unterschiede für die verschiedenen Bereiche der Diskriminierung. Vor allem bei der Arbeitsplatz- und
Wohnungssuche berichten deutlich mehr Befragte von einer
Verschlechterung, während sich die Lage im nicht-institutionellen Bereich für eine relative Mehrheit verbessert hat.
Diese Bewertung ist zudem stark milieu-selektiv: Vor allem bei
den Konsum-Hedonisten und den Prekären wird überwiegend
eine deutliche Verschlechterung wahrgenommen, in geringerem
Maße ist dies auch bei den Religiös-Verwurzelten, den Statusbewussten und sogar bei der Bürgerlichen Mitte der Fall. Auch hier
wird der Zusammenhang zu bestimmten (Schwerpunkt-)Merkmalen der Befragten deutlich.
Ein eindeutiges Bild ergibt sich für den Zusammenhang zwischen
der Häufigkeit von persönlichen Kontakten und der Wahrnehmung von Benachteiligungen im nicht-institutionellen Bereich,
also am Arbeitsplatz oder in der Schule und Uni. Die kontaktstarken Befragten mit täglichen Kontakten zu Einheimischen, fühlen sich deutlich seltener diskriminiert als jene, die seltene oder
überhaupt keine direkten Verbindungen haben.
Auffällig ist zudem, dass sich die Häufigkeit erlebter Diskriminierungen im persönlichen Bereich – hier am Arbeitsplatz, in der
Uni oder Schule – nur begrenzt in der Bewertung der Qualität
des Zusammenlebens durch die Betroffenen niederschlägt. Erst

bei den Befragten mit überdurchschnittlich häufigen oder sogar andauernden Diskriminierungserfahrungen steigt der Anteil derjenigen, die das Zusammenleben für „eher“ oder „sehr
schlecht“ halten, signifikant an.
Offenkundig sollen persönlich erfahrene Benachteiligungen dem
sozialen Aufstieg oder der angestrebten Anerkennung nicht im
Wege stehen. Entsprechende Zusammenhänge zeigen sich bei
den Statusbewussten oder den Adaptiv-Pragmatischen. Auf der
anderen Seite führt das Ausbleiben von Benachteiligungen keineswegs automatisch zu einer positiven Sicht auf den Zustand
des Zusammenlebens. Dies wird etwa beim Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu besonders deutlich, für die angesichts ihrer
gesellschaftskritischen Grundorientierung keineswegs nur die
persönlichen (Alltags-)Erfahrungen zählen.
Insgesamt werden in der Untersuchung mehrschichtige Zusammenhänge bei den Themen Qualität des Zusammenlebens, Diskriminierungserfahrungen sowie Kontakthäufigkeit und Sprachkompetenz sichtbar, die sich in den Milieus mit ihrer je- oder
segmentweise spezifischen Gesamtorientierung und den in
diesem Kontext gesammelten Erfahrungen verdichten. Wie in
vielen anderen politisch-gesellschaftlichen Fragen markiert dies
eine wachsende soziale und lebensweltliche Polarisierung in der
Bevölkerung mit Zuwanderungswurzeln.

vhw

51

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Bewertung der Aufnahme und Beitrag zur Integration der Geflüchteten (in %)
Ich befürchte, dass die Aufnahme von
immer mehr Z­ uwanderern mein Alltagsleben
negativ verändern wird.

Ich möchte dazu beitragen, dass sich
Geflüchtete in Deutschland wohlfühlen.

Eine stärkere Willkommenskultur für die
Neuzuwanderer würde mich freuen.

Deutschland sollte insgesamt
mehr Zuwanderer aufnehmen.

Stimme voll und ganz zu

Stimme eher zu

Stimme eher nicht zu

Stimme überhaupt nicht zu

Weiß nicht/keine Angabe

Abb. 45: Bewertung der Aufnahme und Beitrag zur Integration der Geflüchteten, Quelle: vhw/SINUS 2018

4.4 Exkurs: Die Bewertung der
­Zuwanderung und die Aufnahme
der Geflüchteten in Deutschland

Die Ergebnisse der vorliegenden Befragung auf Basis von vier
­Statements vermitteln insgesamt ein ambivalentes, teilweise auf
den ersten Blick widersprüchliches Bild zum Stand des Meinungsbildes.

Der Zustrom und die Aufnahme vieler Geflüchteter sowie die Beobachtungen bei ihrer zunächst langsamen Integration haben ab
2015 zu einer tiefen Polarisierung der Gesamtgesellschaft geführt.
Dieser Befund konnte in der Trendbefragung 2015 eindeutig mit
lebensweltlichen Mustern in Verbindung gebracht werden141.

Insgesamt 45 Prozent der Befragten würden sich über eine
stärkere Willkommenskultur für die Geflüchteten freuen – ein
Ergebnis, das auch in der Dimension den Ergebnissen der „Zugleich“-Befragung ähnlich ist. Sogar 54 Prozent möchten persönlich dazu beitragen, dass sich die Geflüchteten in Deutschland wohlfühlen.

Eine geringere, keineswegs jedoch ausbleibende Aufmerksamkeit wurde der Sicht der in Deutschland ansässigen Menschen
mit Zuwanderungswurzeln auf diese Entwicklung gewidmet.
Mehrere Studien sind im Rahmen von (Teil-)Befragungen von
Bewohner*innen mit Migrationshintergrund dieser Frage nachgegangen.

Auf der anderen Seite teilen jedoch nur 25 Prozent die Ansicht,
Deutschland solle mehr Zuwanderer aufnehmen, während
62 Prozent ablehnend reagierten. Mehr als die Hälfte aller Befragten befürchtet, dass die Aufnahme weiterer Zuwanderer ihr
Alltagsleben beeinträchtigen werde.

So befürworteten in einer Umfrage im Rahmen des Forschungsprojekts „Zugleich“ der Uni Bielefeld zu den Einstellungen von
Migranten zur Aufnahme von Geflüchteten 41 Prozent der Befragten eine stärkere Willkommenskultur während sich 30 Prozent unentschlossen zeigten und 28 Prozent sich negativ äußerten142.
Außerdem wurde eine rege und aktive Mitarbeit vieler Migranten in Deutschland in der Flüchtlingshilfe beobachtet. Auf diese
Weise, so die Vermutung des Bertelsmann-Religionsmonitors
2017, könnten die migrantischen Helfer zu „Brückenbauern“
werden143.
52

vhw

141

vgl. B. Hallenberg: Riss…, vhw-werkSTADT Nr.2, März 2016

vgl. A. Zick, M. Preuß: Einstellungen zur Integration in der
­ evölkerung. Kurzbericht zum Projekt „Zugleich“. Uni Bielefeld,
B
­Stiftung Mercator, Essen, Juli 2016, Tabelle 2 und 19.
142

siehe auch Der Spiegel, 27.3.2017: Fast jeder zweite Muslim in
Flüchtlingshilfe aktiv.
143

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Aufnahme von Geflüchteten und eigener Beitrag zum Wohlergehen der Geflüchteten
(Zustimmung in %)
Zusammenhang zwischen der Einstellung zur Zuwanderung und zum
eigenen Beitrag dazu, dass sich Geflüchtete wohl fühlen
Deutschland sollte insgesamt
mehr Zuwanderer aufnehmen.

Ich möchte dazu beitragen, dass sich
Geflüchtete in Deutschland wohl fühlen.
Stimme eher zu

Stimme eher nicht zu

Stimme eher zu

24,5

4,9

stimme eher nicht zu

35,5

35,1

Tabelle 8: Kreuztabelle – Aufnahme von Geflüchteten und eigener Beitrag zum Wohlergehen, Quelle: vhw/SINUS 2018

Dass viele darin keineswegs einen Widerspruch sehen, verdeutlicht die nebenstehende Tabelle. Der relativ größte Teil der
Befragten lehnt eine zusätzliche Zuwanderung ab, möchte zugleich jedoch einen Beitrag zum Wohlergehen der Geflüchteten
leisten. Deutlich weniger – 2 Prozent – beantworteten beide Fragen zustimmend.
In der Beantwortung von drei der vier Fragen ergab sich – ungeachtet der zeiltichen Verschiebung – ein hohes Maß an Übereinstimmung mit den Ergebnissen der gesamtgesellschaftlichen
Befragung, wie sie von vhw und SINUS in der Trendbefragung
2015 vorgelegt worden waren.
Der offensichtlichste Unterschied wird bei einer möglichen negativen Auswirkung auf das Alltagsleben deutlich. Während
diese vermeintliche Gefahr in der Gesamtgesellschaft mit relativ knapper Mehrheit verneint wurde, stimmte in diesem Punkt
eine knappe Mehrheit der befragten Migranten zu. Offenkundig
spielen die schwierige Lage vieler Migranten am Arbeits- oder
Wohnungsmarkt bei dieser Einstellung eine wichtige Rolle, wie
auch in der Milieudifferenzierung deutlich wird144.
Zuletzt im Juli 2018 hat die Bundesagentur für Arbeit eine breite
Untersuchung unter den Arbeitslosen für März 2018 vorgelegt,
nach der etwa bundesweit 45 Prozent – in Westdeutschland gut
50 Prozent – dieser Gruppe einen Migrationshintergrund hat,
weitaus mehr also als ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechen würde145.

tungen auf Milieubasis verdeutlichen. Dass Deutschland insgesamt mehr Zuwanderer aufnehmen solle, finden mehrheitlich
nur die Religiös-Verwurzelten, wohl verbunden mit der Hoffnung auf diesem Weg die eigene Position und damit ihre Überzeugungen in Deutschland zu stärken. Allerdings unterstützen
muslimische Befragte in diesem Punkt insgesamt stärker – allerdings ebenfalls nicht mehrheitlich – eine solche Aufnahmebereitschaft, was andere Studien teilweise bestätigt, nach denen
die Einstellung der europäischen Muslime zur Einwanderung
besser zur Theorie der sozialen Identität passe und weniger eine
Konsequenz des Wettbewerbs sei146. Auch in diesem Punkt bietet die Milieu-Differenzierung wichtige Hinweise: Neben den
Religiös-Verwurzelten befürworten auch die Muslime im Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu mehrheitlich eine weitere Aufnahme von Migranten.

vgl. Süddeutsche Zeitung, 3.2.2016: „Plötzlich fühlt man sich den
‚Türken‘ viel näher“, Interview mit G. Gürbey
144

vgl. Bundesagentur für Arbeit, Migrationshintergrund nach § 281
Abs. 2 SGB III – Deutschland, Länder und Kreise (Monatszahlen) –
März 2018. Nürnberg, Juli 2018
145

A. Mustafa, L. Richards: Immigration attitudes amongst European
Muslims: social identity, economic threat and familiar experiences.
Ethnic and Racial Studies, 14.5.2018
146

Offenkundig überlagern bei diesem Thema soziale Besorgnisse
die lebensweltlichen Grundeinstellungen, wie auch die Auswer-

vhw

53

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Vergleich der Befragungsergebnisse für die Gesamtbevölkerung (Trend 2015)
und für die Bevölkerung mit Zuwanderungshintergrund (MMS 2017) (in %)
Ich möchte dazu beitragen, dass sich Flüchtlinge in
­Deutschland wohlfühlen

Wir sollten insgesamt mehr Flüchtlinge in Deutschland
aufnehmen
70,9

80,0
70,0
60,0
50,0
40,0
30,0
20,0
10,0
0,0

60,0
62,6

56,0

54,8

50,0
40,0

32,8

32,8

30,0
24,1

21,1

20,0
10,0

Trend

0,0

MMS

Trend

MMS

Ich befürchte, dass die Aufnahme von Flüchtlingen mein
Alltagsleben negativ verändern wird
60,0
50,0

44,3

49,9

40,0

51,4
38,3

30,0
20,0
10,0
0,0

Trend

MMS

Abb. 46: Geflüchtete aus Sicht der Migranten und der Gesamtbevölkerung, Quelle: vhw/Sinus Trendstudie 2015 und
vorliegender Survey, 2018

Besonders stark ist die Ablehnung dagegen bei den stärker
­assimilierten Milieus der Mitte, eine deutliche Übereinstimmung
mit dem lebensweltlichen Antwortmuster in der Trendbefragung
2015. Nur die Intellektuell-Kosmopolitischen vermuten relativ
selten, dass die Zuwanderung ihr Alltagsleben negativ beeinflussen werde. Für sie – wie auch für Performer und Experimentalisten – findet der eigene Beitrag zum Wohlergehen der Geflüchteten die größte Zustimmung, während die Statusbewussten in
den meisten Fragen im Sinne der Gleichzeitigkeit von Zuneigung
zur Herkunftskultur und einer klaren Aufstiegsorientierung eine
mittlere Position einnehmen.
Anders als in der Mehrheitsgesellschaft kann beim Thema Zuwanderung nicht von einem „tiefen Riss“ im migrantischen
Bevölkerungsteil gesprochen werden, auch wenn einige Meinungsbilder den bekannten Mustern folgen und damit Akzente
setzen. Typisch ist vielmehr die Ambivalenz zwischen Sorge um
das eigene Wohlergehen und dem Mitgefühl und der Hilfsbereitschaft für die Geflüchteten.
Aktuelle internationale Untersuchungen legen im Übrigen die
Annahme nahe, dass eine größere ethnische Vielfalt mit einer
verminderten Unterstützung für Flüchtlinge verbunden ist. Dabei spielen allerdings die verschiedenen Maße für Diversität offenbar jedoch eine unterschiedliche Rolle147.
Zwar kann dieser Befund im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht aufgegriffen werde; er kann jedoch Gegenstand
künftiger milieuräumlicher Auswertungen sein.
54

vhw

vgl. dazu: L. G. Steele, L. Abdelaaty: Ethnic diversity and attitudes
towards refugees, Journal of Ethnic and Migration Studies, August
2018
147

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Das Zusammenleben in Deutschland

Milieus und ihre Einstellungen zur Aufnahme und zur Unterstützung von
Zuwanderern und Geflüchteten
Aufnahme von immer mehr Zuwanderern wird mein
Alltagsleben negativ verändern

Deutschland sollte insgesamt mehr
Zuwanderer aufnehmen

Überdurchschnittliche Zustimmung

Überdurchschnittliche Zustimmung

Überdurchschnittliche Ablehnung

Überdurchschnittliche Ablehnung

Abb 47: Milieus und ihre Einstellungen zur Aufnahme und zur Unterstützung von Zuwanderern und Geflüchteten, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

55

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

5 Gesellschaftliche
und politische Teilhabe –
Grundeinstellungen,
Intermediäre, Beteiligung
Gleichberechtigte Teilhabe aller relevanten Gruppen am gesellschaftlichen und politischen Leben gilt neben der sozialen und
ökonomischen Integration als Grundvoraussetzung für die Funktionsfähigkeit von modernen, von Vielfalt geprägten Gesellschaften. Das freiwillige Engagement und die öffentliche Aktivität von Menschen mit Migrationshintergrund können in diesem
Kontext als Indikatoren für die gesellschaftlichen Teilhabechancen in der bundesdeutschen Gesellschaft verstanden werden;
neben der Übernahme von Aufgaben kann dieses Engagement
einen Weg in die Integration bilden148.
Gerade im Hinblick auf die politische149 und gesellschaftliche Teilhabe von Migranten und Migrantinnen und deren Verbesserung
bestehen jedoch trotz der Daten des Freiwilligensurveys und einzelner Befragungsergebnisse150 weiterhin erhebliche Erkenntnisdefizite151. Die vorliegende Befragung will gerade auch in diesem
Bereich, insbesondere auf der kommunalen Ebene, einen aktuellen Blick vor allem auf Einstellungen zu Mitwirkung und Engagement der Bevölkerung mit Migrationshintergrund werfen.
Dabei geht es zunächst um die allgemeine Stimmungslage gegenüber Politik und gesellschaftlichen Herausforderungen. Da56

vhw

nach wird der Frage nachgegangen, wie aus Sicht der Befragten
die wichtigsten Institutionen und Intermediären ihre Interessen
vertreten. Als wichtiger Indikator für Teilhabe wird anschließend
die Mitgliedschaft in Vereinen oder Initiativen behandelt, bevor
abschließend Realität und Herausforderungen der migrantischen
Bürgerbeteiligung nach Einschätzung der Befragten vorgestellt
werden.

C. Vogel, J. Simonson, C. Tesch-Römer: Freiwilliges Engagement
und informelle Unterstützungsleistungen von Personen mit Migrationshintergrund, S. 601-633, in: J. Simonson, C. Vogel, C. Tesch-Römer (Hg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche
Freiwilligensurvey 2014. Wiesbaden: Springer 2017; s. a. BAMF (Hg.):
Engagiert für Integration. Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen aus 16 Modellprojekten zum interkulturellen bürgerschaftlichen
Engagement. Nürnberg 2010
148

Die schließt die hier nicht näher thematisierte geringe Wahlbeteiligung von Bürgern mit Migrationshintergrund bei Kommunalwahlen
ein. Siehe dazu auch: D. Ruedin: Participation in Local Elections: ‘Why
Don’t Immigrants Vote More?’ in: Parliamentary Affairs, Volume 71,
Issue 2, April 2018, S. 243–262
149

vgl. etwa die KAS-Befragung: S. Pokorny: Aktivität ist ansteckend.
Soziale und politische Partizipation von Deutschen mit und ohne
Migrationshintergrund und in Deutschland lebenden Ausländern.
Berlin: KAS, 2016
150

vgl. dazu den 11. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für
Migration, Flüchtlinge und Integration – Teilhabe, Chancengleichheit
und Rechtsentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Berlin, Dezember 2016, hier S. 300
151

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Wie wichtig ist es Ihnen, über folgende Themen informiert zu werden? (in %)
0,00

20,00

In Ihrem Wohnviertel?

36,9

In Ihrer Stadt bzw. Gemeinde?

39,3

In Deutschland?

40,00

60,00

44,2

40,3

In der Welt, also über das
Weltgeschehen allgemein?

100

36,9

50,9

In Ihrem Herkunftsland bzw. in
dem Land, aus dem Sie oder Ihre
Eltern zugezogen sind?

80,0

41,2

34,7

43,4

43,4

Sehr wichtig

Eher wichtig

Abb. 48: Informationsinteresse nach räumlicher Ebene, alle Befragten, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

Informationsinteresse nach Bereichen und Milieus – TOP 2:
„sehr/eher wichtig“ (in %)
100,0
95,0

92,6

93,4
88,5

90,0
85,0

88,5

83,1

85,7

79,5

80,0

78,6

79,7

75,0

90,1

76,7 77,6
75,9
70,9

70,0

65,4
65,0

64,6

60,0

61,2

60,8
58,9

55,0
STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

55,6
KHED

In Ihrem Wohnviertel?
In Ihrer Stadt bzw. Gemeinde?
In Deutschland?
In Ihrem Herkunftsland bzw. in dem Land, aus dem Sie oder Ihre Eltern zugezogen sind?

Abb. 49: Informationsinteresse nach räumlicher Ebene in den Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

57

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

für ihr
Wohn­viertel?

in Ihrer
Stadt bzw.
Gemeinde?

in Deutschland?

in Ihrem Herkunftsland
bzw. in dem Land, aus
dem Sie oder Ihre
Eltern zugezogen sind?

über das
Weltge­
schehen
allgemein?

Familie

31,0

23,1

11,1

44,6

8,5

Freunde und Bekannte

53,2

51,5

16,9

19,6

9,8

Nachbarn

Die zwei wichtigsten
Informationsquellen...
(Nennungen in %)

48,1

23,0

1,9

0,8

0,6

Arbeitsplatz, Schule, Universität

6,0

11,2

6,0

0,7

2,3

Verein, Verband, Netzwerk (z. B. Glaubensgemeinschaft, Sportverein, Musikverein, Umweltorganisation, politische
Initiative)

1,9

3,9

0,7

1,1

0,4

10,2

18,1

38,5

38,9

47,4

5,5

8,1

8,7

12,2

11,5

15,4

30,2

9,7

1,3

5,0

sonstige deutschsprachige Zeitung

1,6

3,6

9,5

1,3

8,6

Zeitung aus dem Herkunftsland

0,3

0,4

0,9

6,1

1,5

deutsches Fernsehen

5,6

7,8

69,0

18,7

67,6

Fersehen aus dem Herkunftsland

1,0

0,7

4,2

29,6

13,3

Radio

3,0

5,5

12,4

3,0

10,3

Über diesen Bereich erfahre ich nichts

2,0

1,3

0,4

3,4

0,5

Internet (allgemein)
Soziale Medien (Facebook, etc.)
Lokalzeitung

Tabelle 9: Informationsquellen für verschiedene räumliche Ebenen, alle Befragten, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

5.1 Informationsinteresse und
­Mediennutzung
Voraussetzung für eine gesellschaftlich-politische Teilhabe ist das
Interesse an den entsprechenden Informationen und die Praxis
der Informationsbeschaffung und -nutzung152. In den letzten
Jahren wurden allerdings relativ wenige Forschungsergebnisse
vorgelegt, nachdem mehrere Studien noch zu Beginn des Jahrzehnts die Mediennutzung von Migrant*innen in Deutschland
untersucht hatten153. In der Befragung wurde ein grundsätzlich
breites Informationsinteresse der Migranten und Migrantinnen
deutlich, dass sich im Kern auf alle Ebenen erstreckt, vom Wohnviertel bis zum Weltgeschehen.
Allerdings ist das Interesse an Vorgängen im Wohnviertel geringer als jenes für die bewohnte Stadt oder Deutschland insgesamt. Zudem ist das Interesse stark milieuselektiv; vor allem die
sozial Prekären und das Religiös-Verwurzelte Milieu, aber auch
die Experimentalisten zeigen ein vergleichsweise geringes Interesse an Informationen über Vorgänge im Wohnviertel.

Im Ergebnis zeigt sich ein mehrfach geschichtetes Bild, in dem
Freunde und Bekannte, gefolgt von den Nachbarn, für lokale
Informationen dominieren. Intermediäre – als Vereine oder Initiativen – spielen eine geringe Rolle, während die Bedeutung
der Medien mit der Distanz zum Geschehen wächst. Durchaus
erstaunlich ist die geringe Bedeutung sozialer Medien für die Informationsbeschaffung und die nicht unerhebliche Position der
Lokalzeitungen für die kommunale Ebene. Auch das Internet
insgesamt ist für Nachrichten auf der nationalen und internationalen Ebene ein zentraler Informationsträger.
Dagegen nennen nur wenige Befragte muttersprachliche Zeitungen selbst für das Geschehen im Herkunftsland als Quelle;
deutlich besser schneidet in diesem Bereich das Fernsehen aus
dem Herkunftsland ab, während für das Geschehen in Deutschland und der Welt das deutsche TV die unangefochtene Spitzenstellung einnimmt. Nur eine verschwindend geringe Minderheit
gibt an, über Vorgänge auf den verschiedenen Ebenen „nichts“
zu erfahren.

zum Einfluss der Nutzung von Nachrichtenmedien aus dem
Herkunfts- bzw. dem Aufnahmeland auf die Akkulturation, vgl. die
Studie von A. Alencar, M. Deuze: News for assimilation or integration?
Examining the functions of news in shaping acculturation experiences
of immigrants in the Netherlands and Spain. European Journal of
Communication 2017, Vol. 32(2), S.151–166
152

In der Befragung wurde auch die Bedeutung der verschiedenen
Informationsquellen erfragt. Um die Bedeutung persönlicher
Kontakte für die Informationsbeschaffung zu berücksichtigen,
wurden neben den unterschiedlichen Medienformaten auch Familie, Nachbarn, Freunde oder (nicht-mediale) Intermediäre als
Informationsquellen zur Auswahl gestellt.

58

vhw

vgl. etwa S. Worbs: Mediennutzung von Migranten in Deutschland.
BAMF, Working Paper 34, Nürnberg 2010; ARD/ZDF: Migranten und
Medien 2011. Köln: WDR 2011.
153

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Welches sind die zwei wichtigsten Informationsquellen im Wohnviertel? (in %)
70,0

60,0

50,0

40,0
29,2

30,0

18,9

20,0
15,9

15,6

14,4

12,8

15,0

10,0

10,7

2,3

7,8

0,0
STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

Freunde und Bekannte

Nachbarn

Familie

Lokalzeitung

ARB

REL

PRE

KHED

Internet (allgemein)

Abb. 50: Informationsquellen in den Milieus für Vorgänge im Wohnviertel, Quelle: vhw/SINUS 2018

In Tabelle 9 werden beispielhaft Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Milieus bei der Informationsbeschaffung
für Vorgänge im Quartier dargestellt. Freunde und Nachbarn
spielen in fast allen Milieus die wichtigste Rolle als Quelle im
Quartier, bei den Statusbewussten und den Religiös-Verwurzelten ist die Familie nahezu gleichrangig. Die Lokalzeitung ist für
das Intellektuell-Kosmopolitische Milieu wichtiger als die Familie,
bei den Religiös-Verwurzelten ist sie dagegen nahezu unbedeutend.

5.2 Einstellungen zur Politik und
zur gesellschaftlichen Entwicklung
Das Stimmungsbild der Befragten ist von einer kritischen Sicht
auf Politik und Politiker, von der Wahrnehmung vielfältiger Missstände und wachsender sozialer Ungleichheit sowie einem allgemeinen Zukunftspessimismus geprägt. Dieser Pessimismus wirkt
sich allerdings weniger auf die eher positive Einschätzung der
persönlichen oder familiären Perspektiven aus; mehr als die Hälfte sieht die eigene Zukunft vielmehr optimistisch und nur unter
den Religiös-Verwurzelten sind die Pessimisten in der Mehrheit.
Mit ihrer insgesamt kritischen Sicht auf Politik oder Medien unterscheidet sich die Bevölkerung mit Zuwanderungshintergrund
dabei kaum vom Eliten- oder modernisierungskritischen Meinungsklima in der Gesamtbevölkerung154.

zum weltweiten Vertrauensverlust in „Eliten“, siehe FAZ,
17.1.2017: Die Menschen trauen den Eliten nicht mehr; vgl. auch das
jährliche Edelman Trust Barometer 2017.
154

vhw

59

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

„Ich empfinde zunehmend eine soziale Kälte in der Gesellschaft“(in %)

Trifft ganz genau zu

Trifft eher zu

Trifft eher nicht zu

Trifft überhaupt nicht zu

Abb. 51: Wahrnehmung zunehmender „sozialer Kälte“ in der Gesellschaft, nach Milieus, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

Aussagen zur Politik, den Medien und zur allgemeinen Zukunft (in %)

Stimme voll und ganz zu

Stimme eher zu

Stimme eher nicht zu

Stimme überhaupt nicht zu

Abb. 52: Aussagen zur Politik, den Medien und zur allgemeinen Zukunft, Quelle: vhw/SINUS 2018

60

vhw

Weiß nicht / keine Angabe

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Wie sehen Sie
eigene
bzw.
die Zukunft
Ihrer
Familie?
%)
Wiedie
sehen
Sie Zukunft
die eigene
Zukunft
bzw. die
Zukunft
Ihrer(in
Familie?
0,00

10,00

STA

1,2

KOS

0,7

EXP

2,0

ARB

50,00

60,00

70,00

80,00

76,7
48,3
57,3

2,6

60,9

4,1
37,9

6,2
14,6
15,4

REL
PRE

35,5

12,8

KHED
Gesamt

40,00

71,6

1,8

BÜM

30,00

60,5

PER

PRA

20,00

34,6

9,8

53,5

4,6

Eher optimistisch

Eher pessimistisch

Abb. 53: Sicht auf die persönliche Zukunft, nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

So sind nahezu 80 Prozent der Ansicht, dass Politiker nichts über
die Situation normaler Menschen wissen, fast zwei Drittel glauben, nichts vom Staat zu haben oder fühlen sich angesichts steigender Kriminalität nirgends mehr wirklich sicher und 61 Prozent
registrieren eine wachsende soziale Kälte in der Gesellschaft. Ein
derart kritisch-pessimistisches Meinungsklima ist in allen Milieus
zu finden, am stärksten unter den prekären und traditionellen
Milieus, weniger stark bei den Intellektuell-Kosmopolitischen.
Ungeachtet der dargestellten Nutzung stehen auch die Medien
im kritischen Visier der Befragten; 75 Prozent der Religiös-Verwurzelten und 64 Prozent der Statusbewussten meinen, man könne
„nichts mehr glauben“, was dort berichtet wird – eine Auffassung, der sich sogar mehr als 40 Prozent der Intellektuell-Kosmopolitischen anschließen.
Auf die von den Befragten mehrheitlich erhobene Forderung
nach einer stärkeren Medienkontrolle zur Sicherung von Moral
und Ordnung wurde bereits hingewiesen.

5.3 Interessenvertretung durch
Politik und Intermediäre aus
migrantischer Sicht

Ein Vergleich mit anderen Befragungen ist aufgrund der abweichenden Fragestellungen nur in begrenztem Maße möglich.
Gleichwohl hat sich in der vorliegenden Befragung auch für die
migrantische Bevölkerung in Deutschland ein ähnliches Ranking
der Institutionen ergeben, wie dies in Umfragen zu Vertrauen in
oder Verlässlichkeit von Institutionen ermittelt worden ist155. Das
geringste Vertrauen genießen dort regelmäßig politische Parteien, während nationale Regierungen im Mittelfeld rangieren oder
die Polizei regelmäßig vordere Plätze einnimmt. Auffällig ist das
besonders hohe Vertrauen der Deutschen in ihre regionalen und
kommunalen Verwaltungen – zuletzt 77 Prozent –, mit dem sie
an der Spitze der EU-Länder stehen156. Einen ähnlichen Befund
erbrachte die Auswertung der milieubasierten Trendbefragung
2015, in der nach der Verlässlichkeit der Institutionen gefragt
wurde.
Aus den nachfolgenden Diagramm/ Tabelle ergibt sich ein mehrheitlich positives Bild der Befragten gegenüber der Polizei und
der Justiz157 sowie relativ positive Antworten für Vereine bzw.
Initiativen, die Bundesregierung und die kommunalen Verwaltungen. Etwas schlechter schneiden Medien und religiöse
Gemeinschaften ab, deutlich schlechter politische Parteien sowie – über alle Herkunftsregionen hinweg – die Regierungen
der Herkunftsländer. Bei den Vereinen/Initiativen ist zudem
die große Zahl der Nicht-Antwortenden zu berücksichtigen.
Für eine Längsschnittbetrachtung und den interstaatlichen Vergleich sind die Standard Eurobarometer der EU, zuletzt Nr. 88 vom
November 2017, von besonderem Wert.
155

Für die Bewertung der Affinität zu politischen, administrativen und
intermediären Institutionen in Deutschland wurde die Frage gestellt, wie gut diese Akteure die Interessen der Befragten vertreten.

156

ebd., S. 45ff

ähnlich die ZfT-Befragung 2015 unter Türkeistämmigen in NRW,
a.a.O, S.143
157

vhw

61

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Was glauben
glauben Sie,
Sie, wie
wie gut
gut vertreten
vertreten die
Was
die folgenden
folgendenInstitutionen
InstitutionenIhre
IhreInteressen?
Interessen?
(in
%,
alle
Befragte)
(in %, alle Befragten)
Polizei

9,8

Gerichte/Justiz

8,4

Vereine/Bürgerinitiativen

8,9

51,2

18,7

45,6

19,2

39,4

15,9

42,3

30,8

Kommunale Verwaltungen 5,3

42,1

29,9

Medien 5,5

40,0

8,7

Politische Parteien 1,9
Regierung meines Herkunftslandes 5,1
Sehr gut

14,0
7,7

30,7

33,0

22,2

29,9

10,5
14,2

38,6

22,4
Gut

6,7

4,4

Bundesregierung 5,1

Religiöse Gemeinschaften

18,8

26,9
Weniger gut

5,5

29,1
Schlecht

Abb. 54: Bewertung der Interessenvertretung durch verschiedene Institutionen, alle Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018

Was glauben Sie, wie gut vertreten die folgenden Institutionen Ihre Interessen?
TOP 2: sehr gut/gut – Milieuindex
Institution

% Gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Polizei

61,0

99

114

113

87

115

110

108

73

92

55

Gerichte/Justiz

54,0

102

107

129

87

119

101

106

80

83

54

Vereine/Bürgerinitiativen

48,3

104

122

119

107

98

100

90

72

88

68

Bundesregierung

47,4

97

128

136

73

107

102

117

76

67

52

Kommunale Verwaltungen

47,4

84

119

125

83

113

102

124

83

79

58

Medien

45,4

108

108

129

95

107

98

105

56

76

81

Religiöse Gemeinschaften

41,6

125

87

69

54

99

98

122

179

109

91

Politische Parteien

31,7

92

143

136

83

98

104

110

65

60

56

Regierung meines Herkunftslandes

27,5

130

94

95

62

79

75

91

204

98

114

Tabelle 10: Bewertung der Interessenvertretung durch verschiedene Institutionen nach Milieus, Index, Zustimmung TOP 2 = 100,
Quelle: vhw/SINUS 2018

Zugleich zeigen sich auch bei dieser Frage große Abweichungen in der Einschätzung der verschiedenen Milieus. Während
Intellektuell-Kosmopolitische und Performer alle Institutionen
in Deutschland mit Ausnahme der religiösen Gemeinschaften
überdurchschnittlich positiv bewerten, zeigt sich bereits bei den
Experimentalisten ein erheblich kritischeres Bild außer bei den
Vereinen. Die bürgerlichen Milieus und die – lange ansässigen
– Traditionellen Arbeiter bewegen sich relativ nahe beim Durchschnitt aller Befragten, während bei den Statusbewussten wie
bei den Religiös-Verwurzelten religiöse Gemeinschaften und die
Herkunftsregierung relativ gut abschneiden.
62

vhw

Durchweg kritischer als die übrigen Milieus sehen Prekäre,
Konsum-Hedonisten und Religiös-Verwurzelte die inländischen
nichtreligiösen Institutionen, wobei sich die Konsum-Hedonisten
von Polizei und Justiz besonders oft schlecht vertreten fühlen.
Insgesamt weicht das Bild vor allem bei den weitgehend integrierten bzw. assimilierten Milieus wenig vom Gesamtbild im Land ab;
in ihrer Kritik an staatlichen Einrichtungen sind sich die Prekären
Milieus und die Experimentalisten teilweise überraschend nah.

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Mitgliedschaften in Vereinen und Initiativen
Bereich

% Gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Sportverein (Fußball, Basketball etc.)

21,4

118

126

146

109

110

106

46

14

46

110

Kirchlicher Verein/Glaubensgemeinschaft/Religiöse Vereinigung

10,7

137

72

41

46

64

108

167

273

79

73

Kunst-, Kultur- und Musikverein
(Theatergruppe, Chor, Tanzgruppe,
Literarische Gesellschaft etc.)

6,9

73

208

159

165

49

107

37

22

31

57

Hobby-/Freizeitverein (Kleingärtner,
Stammtisch, Karneval, Mutter-KindGruppe, Kaninchenzüchter etc.)

6,7

105

127

152

104

96

105

115

23

21

78

Gemeinnützige Organisation (DRK,
THW, freiwillige Feuerwehr etc.)

3,1

62

237

184

64

69

106

49

0

23

105

Interkulturelle Organisation/Vereinigung
(Verein für interkulturelle Begegnungen
etc.)

3,1

126

204

57

113

84

27

50

100

69

149

Traditions-/Heimatverein

2,2

106

118

80

45

58

131

70

211

65

149

Umwelt- und Naturschutzorganisation

2,0

58

185

176

224

86

62

77

0

0

33

Politische Partei/Politische Initiative

1,7

68

216

233

204

25

48

30

0

0

77

Lokale Initiative/Bürgerinitiative

1,6

99

213

198

96

27

185

33

0

0

0

Interessenvertretung einer Migrantengruppe

0,7

0

253

121

0

58

0

140

316

97

89

Anderes

3,0

77

134

102

181

85

164

51

51

23

65

Nichts davon

54,0

93

81

83

98

112

95

112

110

139

104

Tabelle 11: Mitgliedschaften in Vereinen und Initiativen, nach Typ und Milieu, Index, Zustimmung TOP 2 = 100, Quelle: vhw/SINUS 2018

5.4 Mitgliedschaften in Vereinen,
Initiativen und Parteien
Seit Jahren ist eine starke Pluralisierung, aber auch Partikularisierung im Vereinswesen in Deutschland sowie bei zivilgesellschaftlichen Engagementformen zu beobachten158. Dies gilt auch für
Migrantenorganisationen (MSO), auch wenn belastbare Zahlen
hier teilweise fehlen159.
In der vorliegenden Studie berichteten etwa 46 Prozent der befragten Migranten von einer (oder mehreren) Mitgliedschaften
in Parteien, Vereinen oder lokalen Initiativen.160 Mit weitem Abstand liegen – wie auch in der Gesamtbevölkerung – Sportvereine an der Spitze der Vereinstypen161. An zweiter Stelle folgen
kirchlich-religiöse Vereine, in denen etwa jede/r neunte Befragte
Mitglied ist. In politischen Parteien oder lokalen Bürgerinitiativen
sind dagegen nur gut 3 Prozent der Befragten aktiv. Nicht-religiöse bzw. nicht-kulturelle Interessenvertretungen von Migrantengruppen nennen nur knapp 1 Prozent.
Strukturell bzw. dimensional decken sich die hier vorgelegten
Ergebnisse mit früheren Studien, wie etwa der KAS-Befragung;
allerdings weichen einzelne Mitgliedsanteile deutlich von früheren Zahlen ab162, was auch auf verschiedene Formen von Überschneidungen hindeutet.

zur langfristigen Entwicklung, siehe: Stiftung für Zukunftsfragen(Hg.): Immer mehr Vereine – immer weniger Mitglieder. Das Vereinswesen in Deutschland verändert sich. Forschung aktuell, Ausgabe
254, 35. Jahrgang, Hamburg 16. April 2014. Mit dem Thema „Intermediäre“ befasst sich auch der vhw intensiv, s. vhw (Hg.): Mittler,
Macher, Protestierer. Berlin 2016
158

bgl. L. Pries: Umfang und Struktur von Migrantenselbstorganisationen in Deutschland. BpB, 25.4.2013
159

Bereits in der ersten Migrantenmilieu-Studie 2008 hatte die Caritas
eine Fragenbatterie u. a. zur Mitgliedschaft in solchen Institutionen
eingebracht. Caritas Deutschland, Fachthema: Migranten bleiben
nicht nur unter sich. 2012.
160

Zum Thema Migranten, Sportvereine und Integration gibt es eine breite Literatur. Beispiele sind: C. Breuer, P. Wicker: Integration von Migrantinnen und Migranten im Sportverein. Sportentwicklungsbericht 2007/2008
– Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland. Köln, Juli 2008;
J. Adler Zwahlen (2018): Soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund im organisierten Vereinssport. Universität Bern 2018
(Schweiz); Adler Zwahlen, J., Nagel, S., Schlesinger, T. (2018): Analysing
social integration of young migrants in sports clubs. European Journal for
Sport and Society, 15(1), 22-42; U. Burrmann, M. Mutz, U. Zender (Hg.):
Jugend, Migration und Sport. Wiesbaden: Springer 2015
161

vgl. S. Pokorny: Aktivität ist ansteckend, a. a. O., S. 20f. Danach
waren etwa 4 Prozent der Migranten in Parteien, gut 12 Prozent in
religiösen Vereinigungen aktiv.
162

vhw

63

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

„Wenn Sie an die Mitglieder des Vereins etc. denken: Würden Sie sagen,
diese sind überwiegend deutscher Herkunft, anderer Herkunft oder ist die
Zusammensetzung des Vereins eher gemischt?“ (in %)
Deutscher Herkunft

Anderer Herkunft

Gemischte Zusammensetzung

Gemeinnützige Organisation
Lokale Initiative/Bürgerinitiative
Umwelt- und Naturschutzorganisation
Politische Partei/Politische Initiative
Hobby-/Freizeitverein
Kunst-, Kultur - und Musikverein
Sportverein
Traditions-/Heimatsverein
Kirchlicher Verein/Glaubensgemeinschaft/
Religiöse Vereinigung
Interessensvertretung einer Migrantengruppe
Interkulturelle Organisation/Vereinigung

Abb. 55: Mitglieder in Vereinen – Bewertung der Zusammensetzung der Vereine nach Herkunftsgruppen, Index,
Zustimmung TOP 2 = 100, Quelle: vhw/SINUS 2018

Deutlich überrepräsentiert in diesem Engagement- und Teilhabebereich sind Angehörige der modernen, überwiegend bi-kulturellen Milieus, wie die obige Tabelle dokumentiert. Auch unter
den Statusbewussten gehören 50 Prozent einem Verein bzw. einer Initiative an. Dagegen stehen vor allem Personen aus dem
Prekären Milieu – zu 75 Prozent –, aber auch Befragte aus dem
Adaptiv-Pragmatischen Milieu und dem Traditionellen Arbeitermilieu überdurchschnittlich häufig abseits. Interessant ist das Teilhabeverhalten im Traditionellen Arbeitermilieu. Dieses Milieu mit
überwiegend langer Aufenthaltserfahrung engagiert sich überdurchschnittlich stark in migrantischen Interessengruppen und
in kirchlich-religiösen Vereinen. In den übrigen Bereichen ist das
Milieu deutlich unterrepräsentiert.
Ob das Engagement in Vereinen, Initiativen oder Parteien einen
– positiven – Effekt auf die Kontaktausdehnung in die Gesamtbevölkerung und damit auch für die Integration hat, hängt auch
von der Zusammensetzung bzw. Herkunftsstruktur der jeweiligen
Mitglieder ab. Tatsächlich liefern periodische Untersuchungen –
wie die Mehrthemenbefragung des Zentrums für Türkeistudien
in NRW – Hinweise auf eine stärkere Hinwendung zum Beispiel
Türkeistämmiger zu herkunftshomogeneren Vereinen163.
Vornehmlich Traditions- und Heimatvereine, kirchlich-religiöse
Gemeinschaften oder migrantische Interessenvertretungen haben überwiegend migrantische Mitglieder, während vor allem
in Sportvereinen, interkulturellen Organisationen aber auch in
Bürgerinitiativen von einer heterogenen Mitgliederstruktur berichtet wird.
Naturgemäß haben Vereinsmitglieder eine deutlich positivere
Meinung zur Interessenvertretung durch Vereine und Initiativen
64

vhw

als dies bei Nichtmitgliedern der Fall ist. Auf die – insgesamt positive – Bewertung des Zusammenlebens in Deutschland hat eine
solche Mitgliedschaft dagegen kaum Auswirkungen.
Nur eine Minderheit von 4,4 Prozent der Vereinsmitglieder unter
den Befragten berichtet von „häufigen“ Diskriminierungen im
Verein; fast 81 Prozent haben noch nie derartige Erfahrungen
gemacht. Zudem hat sich die Lage bei solchen Benachteiligungen
aus Sicht von immerhin 13 Prozent der Vereinsmitglieder in den
letzten Jahren verbessert, nur 3 Prozent nehmen eine Verschlechterung wahr. Auch insofern kann dem Erleben des Miteinanders
durch aktives Engagement in Verein und Initiative eine positive
Wirkung auf die Integration zugeschrieben werden, zumindest
soweit es sich um „kulturell gemischte“ Intermediäre handelt.

5.5 Bürgerbeteiligung –
­Einstellungen und Teilnahme
Die unzureichende Inklusivität bei Beteiligungsverfahren, also
die sozial und lebensweltlich stark selektive Struktur der Teilnehmer*innen, insbesondere auf kommunaler Ebene, war für
den vhw 2010 in Verbindung mit dem schwindenden Vertrauen in politische und gesellschaftliche Institutionen Hauptanlass

vgl. Sauer: ZfT-Befragung 2015, a. a. O., Tabelle 18, S.173. Danach
waren 2001 von den befragten türkischen Vereinsmitgliedern nur
34 Prozent in einem überwiegend „türkischen“ Verein, 2008 waren es
36 Prozent und 2015 sogar 54 Prozent.
163

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Milieus:
Vereinsmitgliedschaft
überwiegender
Zusammensetzung
der Vereinsmitglieder
Milieus: Vereinsmitgliedschaft
nachnach
überwiegender
Zusammensetzung
der Vereinsmitglieder
0%

10%

Statusbewusstes Milieu
Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu

Experimentalistisches Milieu

6,0

Traditionelles Arbeitermilieu

50%

60%

70%

43,9

44,9
52,7

31,2

14,4

60,3
34,2

20,5

10,6

Konsum-Hedonistisches Milieu

11,8
13,6

51,4

19,0
36,2

Prekäres Milieu

90% 100%

43,9

41,3

8,5

80%

50,0

48,0

Religiös-Verwurzelte

Gesamt

40%

32,9

12,2
7,0

Bürgerliche Mitte

30%

17,1

Milieu der Performer

Adaptiv-Pragmatisches Milieu

20%

60,5
4,6

59,2

14,2

75,2
32,0

56,2

32,3

54,0

Vereine mit überwiegend Mitgliedern aus Herkunftsland
Vereine mit überwiegend Mitgliedern deutsch / gemischt
Kein Vereinsmitglied

Abb. 56: Vereinsmitgliedschaften der Milieus nach Zusammensetzung der Vereine nach Herkunftsgruppen, Quelle: vhw/SINUS 2018

dafür, gemeinsam mit einer Reihe von Städten neue Wege zur
Einbeziehung von zuvor abseitsstehenden Bevölkerungsgruppen
einzuschlagen. Nur durch eine stärkere Einbindung auch von
Minderheiten, Randgruppen und damit auch von zuvor wenig
berücksichtigten Bürgeranliegen kann nach Überzeugung des
Verbandes die Qualität der lokalen Demokratie durch eine gerechte Teilhabe gesteigert werden164. Tatsächlich konnte in einigen dieser Verfahren die Teilnahme zuvor wenig präsenter Gruppen, nicht zuletzt von Bürger*innen mit Migrationshintergrund,
erheblich gesteigert werden165. Für die weithin eingeforderte
breite Teilhabe dieser Gruppen im Sinne politischer Gleichheit166
und einer erfolgreichen Integration ist aber ein möglichst breiter
und nachhaltiger Erfolg bei der Steigerung solcher Formen von
Mitwirkung erforderlich. Wie die Ergebnisse der vorliegenden
Befragung zeigen, stehen einem umfassenden Durchbruch noch
etliche Herausforderungen im Wege. Dies gilt – hier mit besonderem Blick auf die lebensweltliche (Milieu-)Zugehörigkeit – vor
allem wegen der stark polarisierten Beteiligungsrealität in der
migrantischen Milieulandschaft167.
Zwar haben nach Ansicht einiger Experten das Bildungsniveau
oder die Höhe des Einkommens einen größeren Einfluss auf die
Partizipationswahrscheinlichkeit als ethnische Zugehörigkeit
oder Migrationshintergrund. Geißel stellte dazu fest: „Bildungsferne und einkommensschwache Migrantinnen und Migranten
partizipieren kaum, Migrantinnen und Migranten mit hohem Bildungsniveau beteiligen sich immer häufiger168.“
Gleichwohl stehen einer Teilhabe von Migrantinnen und Migranten in partizipativ-deliberativen Verfahren auch jenseits des sozialen Status eine Reihe potenzieller und auch gruppenspezifischer
Hürden im Wege. Dazu können neben unzureichender Sprach-

beherrschung auch fehlende Kenntnisse und Missverständnisse
über die Einordnung und Ziele solcher Verfahren zählen. Dies gilt
insbesondere dann, wenn in der früheren Heimat solche Beteiligungsmöglichkeiten weitgehend unbekannt waren.169 Auch aus
diesen Gründen gibt es inzwischen auf europäischer Ebene eine
intensive Beschäftigung mit der Frage, wie die politische und
zivilgesellschaftliche Partizipation von Zuwanderern verbessert

zum Thema bessere Beleuchtung der „Bürgerkomponente“ bei der
Bewertung der „Qualität“ von Demokratie vgl. Q. Mayne, B. Geißel:
Don’t Good Democracies Need “Good” Citizens? Citizen Dispositions
and the Study of Democratic Quality. Politics and Governance 2018,
6:1, S. 33–47. Siehe auch H. Saad: A short discussion note on civic participation for migrants and refugees, Paper, Urbact.eu, 08 January 2018
164

Als Beispiele sind die Verfahren in Hamburg, Ludwigsburg oder
Remscheid zu nennen. Zum Städtenetz siehe www.vhw.de – Zur Einbeziehung von Personen mit Migrationshintergrund in Hamburg vgl.
auch IfS: Partizipation vor Ort. Studie i. A. des BAMF in Kooperation
mit der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und der Behörde
für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Dezember 2011
165

siehe B. Geißel: Politische (Un-) Gleichheit, in APuZ, Heft 38–39/
2012, S. 32–37
166

siehe auch P. J. Ballard, M. K. Pavlova, R. K. Silbereisen &William
Damon. Diverse Routes to Civic Participation Across Ages and Cultures: An Introduction, in Journal Research in Human Development, Vol.
12/2015, 1-2, S.1–9
167

Zit. n. B. Böhm: Wie kann Bürgerbeteiligung inklusiv sein? Heinrich-Böll-Stiftung, 24.2.2016.
168

R. Zapata-Barrero, L. Gabrielli, E. Sánchez-Montijano, T. Jaulin: The
political participation of immigrants in host countries: An interpretative framework from the perspective of origin countries and societies.
Research Report Position Paper, INTERACT 2013/07. European University Institute, Robert Schuman Centre for Advanced Studies
169

vhw

65

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Bürgerbeteiligung – Statements (Zustimmung TOP 2)
Bürgerbeteiligung – Statements, Zustimmung TOP 2 (in %)
0

10

20

30

40

50

Ich finde es wichtig, in Entscheidungen über die
Entwicklung meines Wohnviertels einbezogen zu werden.

60

70
60,2

Ich finde es wichtig, in Entscheidungen über die
Entwicklung meiner Nachbarschaft einbezogen zu werden.

58,6

Ich finde es wichtig, mich ehrenamtlich für ein gutes
Zusammenleben im Wohnviertel einzusetzen.

45,3

Für meine Themen und Anliegen interessiert sich ja doch
niemand ernsthaft.

42,1

Ich sehe nicht ein, warum ich mich engagieren sollte.
Das ist Aufgabe der Politik.

37,0

Ich würde mich gerne mehr in und für die Gegend
engagieren, in der ich wohne. Ich weiß nur nicht, wie…

24,3

Bürgerbeteiligung finde ich zwar wichtig, aber ich habe
Probleme mit der Sprache.

19,6

Ich fühle mich bei denen, die bei Bürgerbeteiligungen
mitmachen, nicht willkommen.

19,6

Abb. 57: Aussagen zur lokalen und kommunalen Bürgerbeteiligung, alle Befragten (Zustimmung), Quelle: vhw/SINUS 2018

werden kann. Auch dabei geht es um den Abbau von Diskriminierung bei der Teilhabe und um die wachsende Bedeutung
deliberativer Beteiligungsformate.170
Die Ergebnisse der vorliegenden Befragung zeichnen ein ambivalentes Bild, das durch große Beteiligungs- und Engagementbereitschaft einerseits, weitgehende Abstinenz sowie der Benennung
vielfältiger Hemmnisse andererseits gekennzeichnet ist. Besonders die Gruppen- bzw. milieubasierte Auswertung verdeutlicht die enormen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen
migrantischen Lebenswelten bei der politischen Partizipation.
Etwa 60 Prozent der Befragten finden es wichtig, in Quartiersoder Nachbarschaftsfragen einbezogen zu werden oder – so
45 Prozent – sich dort ehrenamtlich zu engagieren. Dem stehen
die wahrgenommenen Hindernisse gegenüber, die von Zweifeln
über die Relevanz persönlicher Anliegen über mangelnde Informationen bis zu Sprachproblemen und Zweifeln daran reichen,
bei solchen Verfahren willkommen zu sein.
Verglichen mit der Befragung der Gesamtbevölkerung 2015171
sind bei einigen Statements deutliche Abweichungen zu erkennen. So finden nur 24 Prozent der befragten Migranten, aber
35 Prozent der Gesamtbevölkerung, dass Informationen darüber
fehlen, wo und wie man sich beteiligen kann. 42 Prozent der
Migranten, aber 48 Prozent der Befragten 2015 sind der Ansicht, es gebe kein Interesse an ihren persönlichen Anliegen. Und
66

vhw

nur 20 Prozent der Migranten, aber immerhin 28 Prozent aller
Befragten denken, sie seien nicht willkommen. Allerdings fehlt
mit der Begründung, dies sei vornehmlich Aufgabe der Politik,
deutlich mehr Migranten (48 Prozent) als allen Befragten 2015
(42 Prozent) die Bereitschaft zum Engagement.
Die Bekanntheit von Beteiligungsmöglichkeiten ist bei den Befragten relativ hoch. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind Protest­
aktionen oder Bürgerbefragungen bekannt, mehr als der Hälfte
auch Bürgerversammlungen oder Bürgerinitiativen. Diese Informationen führen aber nur bei einer Minderheit zur aktiven Teilnahme. Immerhin ein Viertel hat sich an einer Befragung oder
Unterschriftsaktion beteiligt, jede/r Sechste an einer Protestversammlung und knapp 12 Prozent an einer Bürgerversammlung.

siehe u. a. OSZE, Office for Democratic Institutions and Human
Rights (ed.): Civic and political participation of migrants: challenges
and good practices in line with OSCE Commitments and international
standards. Regional Expert Roundtable Brussels, Belgium 14-15 November 2017, OSCE/ODIHR Meeting Report; ODIHR: Migrant Political
Participation: A review of policies and integration results in the OSCE
region, Warschau, Dezember 2017. Frühere europäische Vergleiche
bei: E. A. De Rooij: Patterns of immigrant political participation: explaining differences in types of political participation between immigrants
and the majority population in Western Europe, European Sociological
Review, vol. 28, no. 4, 2011, S. 455-481
170

171

Trendbefragung 2015

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Weitere Statements:
Zustimmung TOP 2, Milieuindex

Gesamt

Ich finde es wichtig, in Entscheidungen
über die Entwicklung meines Wohn­
viertels einbezogen zu werden.

60,2

112,1 124,5 118,6

88,5 103,7 113,6

83,5

52,4

71,9

83,7

Ich finde es wichtig, in Entscheidungen
über die Entwicklung meiner Nachbarschaft einbezogen zu werden.

58,6

116,3

12,8 115,7

86,5 104,9 108,8

93,6

59,0

72,6

68,0

Ich habe keine Zeit, mich zu beteiligen.

52,8

101,9

86,6 110,9 111,1 118,1 103,6

62,1

65,5 118,1 117,5

Ich finde es wichtig, mich ehrenamtlich für ein gutes Zusammenleben im
Wohnviertel einzusetzen.

45,1

121,3 140,0 103,6

86,1 105,3 119,6

80,8

47,8

Für meine Themen und Anliegen interessiert sich ja doch niemand ernsthaft.

42,1

100,4

41,2

61,8

95,8

95,5

82,1 119,4 188,3 138,2 166,2

Ich sehe nicht ein, warum ich mich engagieren sollte. Das ist Aufgabe der Politik.

37,0

98,4

34,9

69,0

84,7 105,1

83,4 113,6 160,0 160,9 178,3

Ich würde mich gern mehr in und für
die Gegend engagieren, in der ich
wohne. Ich weiß nur nicht, wie und
wo ich das tun kann.

24,3

129,2 109,3

83,4

81,9 121,3 133,8

Bürgerbeteiligung finde ich zwar wichtig,
aber ich habe Probleme mit der Sprache.

19,6

112,8

30,2

38,2

48,3 109,1

98,8 128,3 267,1 155,7 120,2

Ich fühle mich bei denen, die bei
Bürgerbeteiligungen mitmachen, nicht
willkommen.

19,6

101,0

24,5

29,2

78,8

79,9

STA

KOS

PER

EXP

PRA

82,9

BÜM

ARB

61,2

REL

41,1

PRE

KHED

56,7

96,3

75,4

99,5

99,5 278,9 155,7 220,3

Tabelle 12: Aussagen zur lokalen und kommunalen Bürgerbeteiligung, nach Milieus, Index, Zustimmung TOP 2 = 100, Quelle: vhw/SINUS 2018

Eine Mitarbeit in Bürgerinitiativen oder Beiräten wird dagegen
nur von wenigen Befragten angegeben.
Dieses Gesamtbild wird zudem von der starken Milieuselektivität der Teilnahme überlagert, wie die Tabelle 12 dokumentiert.
Darüber hinaus stehen eine ganze Reihe weiterer Merkmale in
einem engen – positiven wie negativen – Zusammenhang mit
der Teilnahmebereitschaft und -realität.
Während nahezu doppelt so viele Personen aus dem Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu an Bürgerversammlungen teilgenommen haben oder in Bürgerinitiativen mitarbeiten als im Mittel
aller Befragten, sind es im Prekären Milieu, bei Konsum-Hedonisten oder den Religiös-Verwurzelten nur äußerst wenige. Auch
das Traditionelle Arbeitermilieu und – in geringerem Maße – die
beiden Bürgerlichen Milieus sind bei Teilnahme und Mitarbeit
in der partizipativen Demokratie unterrepräsentiert. Insgesamt
kann von einer tiefen Spaltung der Milieulandschaft bei der demokratischen Teilhabe gesprochen werden172, die entlang der
Trennlinien sozialer Benachteiligung und unterschiedlicher Wert­
orientierungen verläuft.
Wie zu erwarten korreliert die Beteiligung an Bürgerversammlungen positiv mit einer hohen Kontakthäufigkeit der Befragten,
einem höheren Alter oder einer sehr starken Verbundenheit mit
Deutschland. Unter Denjenigen, die finden, dass Kommunalverwaltungen ihre Interessen „sehr gut“ vertreten, ist die Teilnahme

doppelt so hoch wie bei allen Befragten. Bemerkenswert ist auch
die überdurchschnittlich hohe Teilnahme gerade jener Befragten,
die ein positiveres Bild von Politikern haben – gemeint ist damit
deren Wissen darüber, „wie es normalen Menschen geht“. Mit
anderen Worten: Ein positives Bild auf Verwaltung und Politik
oder eine hohe Affinität zum Land mit häufigen persönlichen
Kontakten befördern die Teilnahmebereitschaft deutlich bzw.
sind Ergebnis der Teilnahmeerfahrungen. Zudem verbindet sich
die Teilnahme an Bürgerversammlungen zum Beispiel eng mit
der Mitgliedschaft in Bürgerinitiativen oder anderen Partizipationsformen; zivilgesellschaftliche Teilhabe kumuliert sich also.
Stärker noch als in der autochthonen Bevölkerung führen dagegen Gefühle der Ausgrenzung (oder Selbstausgrenzung), eine
schwierige soziale Lage oder auch ein kritisches Verhältnis zur
gesellschaftlichen Entwicklung zur partizipativen „Abstinenz“.
Auch der kulturelle Hintergrund scheint eine wichtige Rolle zu
spielen; vor allem Bürger*innen aus den südlichen EU-Staaten
sind überdurchschnittlich stark vertreten, was auch mit deren
demokratischen Grunderfahrungen zu tun haben dürfte.

Eine lokale Untersuchung des vhw zur Teilnehmerstruktur bei
mehreren Altenessen-Konferenzen im Norden der Stadt Essen hat
vergleichbare Befunde geliefert.
172

vhw

67

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Bekanntheit von Beteiligungs­
möglichkeiten

Gesamt

an Bürgerversammlung/Bürgergespräch
der Stadt teilnehmen

55,0

96,5 125,4 131,3 109,4 103,3

97,2

87,6

85,3

77,3

51,1

an Bürgerbefragung/Unterschriften­
aktion teilnehmen

66,8

95,7 112,6 118,0 116,1

93,4

86,8

96,7

93,2

93,4

84,1

an Protestversammlungen oder
Demonstrationen beteiligen

68,4

89,5 113,9 118,5 117,9

98,1

80,6

85,5 104,6 100,6

89,8

eine Partei vor Ort um Unterstützung
bitten

38,9

88,6 120,4 133,6 121,4

92,2

93,1

68,5

98,8

98,4

70,5

in einer Bürgerinitiative mitarbeiten

53,0

81,9 116,3 136,3 120,2

97,6

83,1

89,0

90,0 100,4

74,0

in Beiräten mitarbeiten

31,1

79,1 132,8 158,5 129,5

90,6 104,5

56,0

81,6

75,2

52,5

direktdemokratisch abstimmen, z. B. in
einem Bürgerentscheid

48,6

85,3 121,5 132,3 125,9

94,9

86,5 106,0

89,0

68,6

Bereits teilgenommen

Gesamt

an Bürgerversammlung/Bürgergespräch
der Stadt teilnehmen

11,5

110,8 182,2 141,2 116,4

77,7

99,8

80,0

46,6

12,3

39,6

an Bürgerbefragung/Unterschriften­
aktion teilnehmen

25,9

94,4 151,2 168,6 171,2

62,8

92,3

63,4

14,9

54,8

53,1

an Protestversammlungen oder
Demonstrationen beteiligen

17,5

55,3 183,1 160,8 198,6

73,1

77,4

26,3

43,9

32,4

89,5

STA

STA

KOS

KOS

PER

PER

EXP

EXP

PRA

PRA

BÜM

78,7

BÜM

ARB

ARB

REL

REL

PRE

PRE

KHED

KHED

eine Partei vor Ort um Unterstützung
bitten

2,7

130,2 206,6 180,9

55,7

63,8

92,2

38,3

0,0

in einer Bürgerinitiative mitarbeiten

4,0

87,2 184,8 220,6

99,6

64,2 103,0

38,5

19,3

17,8

65,5

in Beiräten mitarbeiten

2,2

88,4 168,3 160,8 158,9

58,5 206,5

23,4

0,0

0,0

0,0

direktdemokratisch abstimmen, z. B. in
einem Bürgerentscheid

12,2

91,9 187,1 158,5 134,3

66,4 101,0

50,3

69,2

29,0

32,1

0,0 122,0

Tabellen 13 und 14: Bekanntheit von Beteiligungsmöglichkeiten und Teilnahmeerfahrung in den Milieus, Index,
Zustimmung TOP 2 = 100, Quelle: vhw/SINUS 2018

Bei den tatsächlichen oder potenziellen Hürden einer Teilnahme stehen die – vorgeblich – „fehlende Zeit“ bei den Adaptiv-Pragmatischen, aber auch den Prekären Milieus weit vorne. Das Gefühl eines vorherrschenden Desinteresses an den
eigenen Themen ist ebenfalls bei den Religiös-Verwurzelten
(79 Prozent Zustimmung) und den Prekären Milieus, aber auch
beim Traditionellen Arbeitermilieu mehrheitlich anzutreffen.
Die genannten Milieus erklären zudem die Themen von Bürgerbeteiligungsverfahren mit deutlichen Mehrheiten zur „Aufgabe der Politik“.
Ein Viertel der Befragten bekundet ein größeres Interesse am
Engagement in der Wohngegend, macht jedoch fehlende Informationen als Hinderungsgrund geltend. Diese Aussage wird
besonders stark von den Bürgerlichen Milieus und den Statusbewussten geteilt und findet sich auch bei den beteiligungsstarken
Intellektuell-Kosmopolitischen.
Tatsächlich spielt die Informationsbasis für das konkrete Beteiligungsverhalten der Befragten offenbar eine wichtige Rolle.
So nutzen von jenen Befragten, die bereits an Bürgerversamm68

vhw

lungen und ähnlichen Veranstaltungen teilgenommen haben,
53 Prozent die Lokalzeitung, um sich über die Vorgänge in der
Stadt zu informieren, bei den Nichtteilnehmern sind es dagegen
nur 33 Prozent. Auch Informationen zu städtischen Ereignissen,
die über sonstige Intermediäre zu den Befragten kommen, haben offenbar Einfluss auf das Beteiligungsverhalten, allerdings
bislang in deutlich geringerem Umfang.
Angesichts der vorliegenden Ergebnisse scheint die Schaffung
funktionsfähiger lokaler Öffentlichkeiten unter den Bedingungen von Vielfalt, wie sie der vhw in seiner Forschungstätigkeit
unterstützt, als wichtige Voraussetzung zur Förderung der Teilhabe(-chancen) auch der Bewohner*innen mit Migrationshintergrund. Bei der Frage nach einer besseren Berücksichtigung
vieler thematischer Anliegen der von Migrant*innen vor Ort
könnten Intermediäre, nicht zuletzt Migrantenorganisationen
(MSO) grundsätzlich eine Brücke zur Teilhabe auch abseitsstehender bzw. exkludierter Gruppen schlagen und deren Anliegen
in den zivilgesellschaftlichen Diskurs einbringen. Voraussetzung
für den Erfolg wäre allerdings eine funktionierende Vernetzung
zwischen MSO, Verwaltungen und anderen lokalen Intermediä-

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Gesellschaftliche und politische Teilhabe – Grundeinstellungen, Intermediäre, Beteiligung

Beteiligung
an Bürgerversammlungen
nach ausgesuchten
Merkmalen
Index: Index:
Beteiligung
an Bürgerversammlungen
nach ausgesuchten
Merkmalen,
Anteil: 11,5 % = 100
(Anteil: 11,5 % = 100)

0,0

20,0

40,0

Nach Alter:
<20
20-29
30-39
40-49
50-60
>60
Nach Herkunft (Beispiele):
Ehemalige Sowjetunion
EU-Süd-Europa
Nord-Afrika
Süd- und Ost-Asien
Türkei
Übriges Afrika
Nach Kontakthäufigkeit:
Jeden Tag - fast jeden Tag
Häufig - mindestens einmal in der Woche
Manchmal - mindestens einmal im Monat
Selten oder "nie"
Nach Verbundenheit mit Deutschland:
Sehr stark verbunden
Stark verbunden
Weniger stark verbunden
Gar nicht verbunden

60,0

80,0

100,0

120,0

140,0

160,0

58,7
67,8
94,6
111,3
115,7
128,6
108,8
124,4
71,0
60,0
73,6
88,1

131,6
95,6
45,4

155,4
83,8
40,9

Abb. 58: Beteiligung an Bürgerversammlungen nach ausgesuchten Merkmalen (Index), Quelle: vhw/SINUS 2018

ren, was häufig noch nicht der Fall ist, sowie die Definition gemeinsam verfolgter Ziele173.

Einige konkrete Vorstellungen der Befragten, etwa zum öffentlichen Raum oder zum Thema Wohnen, werden im folgenden
Kapitel skizziert.

Immerhin, so Roth, „erfreuen sich heute Migrantenorganisationen verstärkter öffentlicher Wertschätzung. Sie sind zu
Ansprechpartnern geworden, wenn es um die Umsetzung öffentlicher Integrationsprogramme, besonders die Beratung und
Betreuung von Neuzuwanderern, aber auch um politische Konsultationen geht. Sie tragen so zur demokratischen Vitalisierung
einer vielfältiger werdenden Gesellschaft bei.“174.
Festzuhalten bleibt, dass trotz aller bestehenden Hürden und
den deutlichen Einstellungsunterschieden zwischen den Milieus
eine Mehrheit es für wichtig hält, in Entscheidungen über die
Entwicklung von Wohnquartier und Nachbarschaft einbezogen
zu werden. Die Überwindung praktischer Teilhabehindernisse
verdient daher einen herausgehobenen Platz in der lokalen integrationspolitischen Agenda.

vgl. M. Kortmann: Debating the ‘integration of Islam’: the discourse between governmental actors and Islamic representatives in
Germany and the Netherlands. Comparative Migration Studies, 6:24,
August 2018
173

so R. Roth: Integration durch politische Partizipation, in Handbuch
lokale Integrationspolitik, a. a. O., S. 629–658
174

vhw

69

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

6 Die lokale Alltagsebene:
Bedürfnisse, Nutzung
und Einstellungen zum
öffentlichen Raum und
zum Wohnen
Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf die wichtigsten Nutzungsbedürfnisse und die Einstellungen zu Nutzungsregeln im öffentlichen Raum sowie auf die Ansprüche an
Wohn- und Wohnumfeldverhältnisse der Befragten. Damit kann
sowohl eine Aktualisierung ähnlicher Themenstellungen aus der
ersten Migrantenmilieu-Studie 2008 als auch ein Vergleich mit
den Befragungsergebnissen der Gesamtbevölkerung 2015 vorgenommen werden. Gerade im Wohnbereich ist zudem eine
Einordnung zur objektiven Situation der Wohnverhältnisse von
Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland möglich.

6.1 Der öffentliche Raum: Nutzung,
Wahrnehmungen, Regeln
Seit dem Paradigmenwechsel des Verständnisses von „Raum“,
der unter dem Begriff „spatial turn175“ bekannt geworden ist,
wird Raum als Produkt sozialer Beziehungen und menschlichen
Handelns verstanden. Im heutigen Verständnis stellt der „öf70

vhw

Die lokale Alltagsebene

fentliche Raum“ dabei eine untrennbare Verknüpfung sozialen
Handelns und physischer Strukturen dar176. Dabei wird „Raum“
nicht als gegeben betrachtet, vielmehr stellen „die gebauten
und platzierten Elemente Strukturierungsangebote, -aufforderungen und -zwänge dar, die in der Nutzung sozial relevant werden“, so Löw.
Der öffentliche Raum ist Schauplatz der ganzen Bandbreite sozialer Vorgänge, Verhaltensweisen und Reaktionsmuster. Öffentlich nutzbare Räume können Möglichkeiten zum Aufenthalt,
zu Begegnungen und vielfältigen gemeinsamen Aktivitäten
bieten, die von Sport bis zur Darbietung von Kunst und Kultur
reichen. Sie bilden insofern Ausgangspunkte für Interaktion und
Kommunikation und sollen auf diese Weise „Gemeinschaftsbildung fördern und binden“177. Dabei sollen sie grundsätzlich
allen Gruppen in der Stadt offenstehen und sind insofern das
Schaufenster der – wachsenden – Vielfalt moderner Stadtgesellschaften. Fremde können sich begegnen, wahrnehmen und
Distanzen abbauen. Und neue soziale Phänomene tauchen auf,
wie zum Beispiel die Wahrnehmung und Wirkung der Mobilfunknutzung im öffentlichen Raum, die wissenschaftlich bereits
untersucht worden sind.178

M. Löw: Space Oddity. Raumtheorie nach dem Spatial Turn. Sozialraum.de, 1-2015; S. a. G. Weidenhaus: Soziale Raumzeit. Berlin:
Suhrkamp TB, 2015; J. Döring / T. Thielmann (Hg.): Spatial Turn. Das
Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Transcript
Verlag, 2. A. 2009
175

vgl. K. Selle et al.: Öffentliche Räume in stadtgesellschaftlich vielfältigen Quartieren. Studie der RWTH Aachen für den vhw Bundesverband. Berlin: vhw-Schriftenreihe, Band 7, 2017
176

L. Hartmann: Kommunikation & Gemeinschaft im öffentlichen
Raum. Journal für korporative Kommunikation, 19.3.2018
177

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Ein vitaler öffentlicher Raum ist für urbanes Leben unverzichtbar,
doch zugleich ist der öffentliche Raum ein „verletzlicher Ort“179,
der häufig zwischen „Verdrängung und Rückgewinnung“ changiert180.
Öffentliche Räume sind auch Gegenstand von Aneignung und
Machtausübung. In ihnen werden gesellschaftliche Spannungen
sichtbar, die von Vorbehalten, über Nutzungskonflikte, Diskriminierungen und Ausgrenzungen bis zur Gewaltandrohung und
-anwendung reichen können181. Daraus können Unsicherheitsgefühle entstehen182, die oft zur Meidung entsprechender Räume führen183.
Er kann somit, gerade in Zeiten starker Zuwanderung, zu einem
Ort der Integration oder aber der Exklusion werden. Gerade die
Kölner Silvesternacht 2015/2016 hat das ganze Spannungsfeld
der Zuwanderungsdebatte freigelegt und zu einem breiten, international wahrgenommenen Stimmungsumschwung184 beigetragen, der von unterschiedlichen Wahrnehmungen und Instrumentalisierungsversuchen geprägt wurde.185 Dass in einem
westlichen Rechtsstaat die Antwort gleichwohl nicht in einer
grundsätzlichen Einschränkung der Bewegungsfreiheit etwa
von Asylsuchenden im öffentlichen Raum liegen kann, hat ein
Schweizer Expertengutachten kürzlich festgestellt.186
Ob die für eine funktionierende Kommunikation im öffentlichen
Raum „erforderlichen Werte und Normen, ihrer Sprache und
Gestik, Mimik und Symbolik lange Prozesse der Sozialisation voraussetzen“, wie Schäfers betont187, wird erst im weiteren Verlauf
des Integrationsprozesses der in den letzten Jahren Zugewanderten deutlich werden.
Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse deuten jedenfalls
darauf hin, dass auch unter den Bürger*innen mit Migrationshintergrund grundsätzlich ähnliche Nutzungsansprüche, Regulierungsforderungen oder Besorgnisse artikuliert werden wie im
Rest der Bevölkerung. Erst die hier vorgenommene lebensweltliche Unterscheidung führt auch in diesem Feld zu differenzierenden Ergebnissen und leistet insofern einen Beitrag zur diversitätssensiblen Raumforschung, die „noch am Anfang steht“.188

siehe J. Roll: Kommunikation im öffentlichen Raum. Aufmerksamkeit und Mediennutzung. Wiesbaden: Springer VS 2017. Nach dieser
Untersuchung kann die These des grundsätzlich störenden Mobiltelefonnutzers im ÖR nicht bestätigt werden.
178

Sicherheit im öffentlichen Raum – Rolle und Aufgaben von Städten. Leitüberlegungen des Deutsch-Europäischen Forums für Urbane
Sicherheit e. V., 2.3.2018
179

so A. Klose: Treffpunkt Straße? Öffentlicher Raum zwischen
Verdrängung und Rückgewinnung. Einige geschichtliche und aktuelle
Entwicklungen. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012
180

Wobei Gewaltdelikte nach polizeilicher Einschätzung seit den
1990ern rückläufig sind. Vgl. Averdiek-Gröner et al.: Gewalt im
­öffentlichen Raum. Hilden: Verlag Deutsche Polizeiliteratur 2017.
181

Beispielhaft sei hier das Phänomen des „Antanzens“ erwähnt. Vgl.
etwa Der Tagesspiegel, 20.5.2016: Sicherheit im öffentlichen Raum –
Das Phänomen „Antänzer“ geht zu Lasten von Frauen. „Der öffentliche Raum wird zum Kampfplatz. Für Frauen bedeutet das, ihre Räume
werden enger“.
182

183

Selle et al., a. a. O.

beispielhaft: M. Fitzpatrick: How Cologne sexual assaults ‚changed
German mood completely‘. The Local, 15.12.2016
184

vgl. U. Behrendes: Die Kölner Silvesternacht 2015/2016 und ihre
Folgen. Wahrnehmungsperspektiven, Erkenntnisse und Instrumentalisierungen in: NK Neue Kriminalpolitik, 3-2016, S. 322 – 343; C.
Werthschulte: „Nach“ Köln ist wie „vor“ Köln. Die Silvesternacht und
ihre Folgen. APuZ, 1-3/ 2017, S. 10–17
185

R. Kiener, G. Medici: Asylsuchende im öffentlichen Raum. Rechtsgutachten im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR. Kompetenzzentrum Menschenrechte der Universität Zürich
(MRZ), Februar 2017
186

siehe B. Schäfers: Öffentlichkeit und öffentlicher Raum als Elemente einer demokratischen Gesellschaft. Bauten für die Demokratie.
Gesellschaft, Wirtschaft, Politik (GWP) Heft 3/2017, S. 393-400 (394)
187

so D. Bruns: Kulturell diverse Raumaneignung. In: F. Weber,
O. Kühne (Hg.): Fraktale Metropolen. Hybride Metropolen.
Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 231–243
188

vhw

71

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Öffentlicher Raum: welche der folgenden Aspekte sind Ihnen besonders wichtig?
Bereich

% Gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Orte, die Ruhe und Erholung bieten.

48,3

104

109

93

93

91

119

127

107

94

72

Für jeden nutzbare Grün- und Freiflächen.

47,3

86

112

130

114

98

84

82

80

115

93

Öffentliche Plätze, wo ich mich sicher
fühlen kann.

39,7

104

82

91

85

107

105

114

118

134

76

Räum für Freizeitaktivitäten
(Spiel, Sport, usw.)

39,3

101

134

122

124

117

91

38

43

58

128

Öffentliche Plätze, um sich mit Freunden
und Bekannten zu treffen.

38,3

107

76

105

127

87

93

70

116

94

148

Öffentliche Plätze, wo Kinder spielen
können.

37,8

94

126

90

103

116

114

77

91

101

64

Bänke/Straßenmöbel, um zu verweilen
und sich einmal auszuruhen.

23,2

90

71

91

69

85

101

177

202

85

73

Tabelle 15: Bedeutung verschiedener Nutzungsaspekte im öffentlichen Raum, nach Milieus (TOP 2-Zustimmung in %, Index),
Quelle: vhw/SINUS 2018

Der öffentliche Raum als Gegenstand
der Befragung
Die vorliegenden Ergebnisse reflektieren zum einen die teilweise
abweichenden Lebensphasen und Lebenslagen der Milieus, sie
sind zum anderen aber auch Ausdruck ihrer unterschiedlichen lebensweltlichen Prioritäten bei der Gestaltung des Alltagslebens.
Grundsätzlich sind für mehr als 60 Prozent der Befragten öffentliche Plätze und Straßen als Treffpunkte wichtig, wobei dieser
Zustimmungswert bei Konsum-Hedonisten und Statusbewussten mit über 70 Prozent am höchsten, bei den – häufig älteren
und eher zurückgezogen lebenden – Mitgliedern des Traditionellen Arbeitermilieus, aber auch beim Intellektuell-Kosmopolitischen Milieu mit etwa 50 Prozent am geringsten ausfällt – und
zwar unabhängig vom Geschlecht der Befragten.
Auch auf die Frage nach der Relevanz verschiedener Nutzungs­
aspekte des öffentlichen Raums zeigen sich deutliche Abweichungen zwischen den Milieus. Insgesamt suchen die Befragten
am häufigsten im öffentlichen Raum Orte, die Ruhe und Erholung bieten, mit knappem Abstand gefolgt von dem Wunsch
nach Grün- und Freiflächen.
Relativ abgeschlagen rangieren nur Bänke und sonstige Straßenmöbel, die zur Ruhe und zum Verweilen einladen. Während für
die Religiös-Verwurzelten und Traditionellen Arbeiter, aber auch
bei den Prekären, Spiel und Sport – teilweise altersbedingt – eine
geringere Rolle spielen, stehen bei den Konsum-Hedonisten die
Funktionen als Treffpunkt mit Freunden oder für Freizeitaktivitäten hoch im Kurs; solche Nutzungsmöglichkeiten werden auch
von den modernen Milieus überdurchschnittlich geschätzt. Nur
geringe Abweichungen von der durchschnittlichen Relevanz der
Einzelaspekte zeigen sich dagegen bei den beiden bürgerlichen
Milieus und bei den Statusbewussten.
72

vhw

Insgesamt bestätigen 70 Prozent bis 80 Prozent der Befragten
das Vorhandensein der gewünschten Nutzungsfunktionen im öffentlichen Raum ihres Wohnortes. Am häufigsten wird das Fehlen von Bänken genannt, am seltensten werden öffentliche Spielmöglichkeiten für Kinder vermisst. Zugleich bestehen aufgrund
der unterschiedlichen lokalen Wohnbedingungen und -umfelder
deutliche Abweichungen in den befragten Milieus. Vor allem Prekäre und Konsum-Hedonisten vermissen nahezu alle Einrichtungen und Funktionen deutlich häufiger als der Durchschnitt der
Befragten – ganz anders als Performer und Intellektuell-Kosmopolitische, die wesentlich seltener Anlass zur Klage haben.
Auffällig häufig wünschen sich Religiös-Verwurzelte Plätze, an
denen sie sicher fühlen können sowie Orte, die Ruhe und Erholung bieten. Ähnlich stark weichen ansonsten nur Mitglieder
des Prekären Milieus und der Konsum-Hedonisten, und zwar im
Bereich Freizeitaktivitäten, vom Mittelwert ab.
Ein weiterer, bereits mehrfach in der Vergangenheit genutzter Fragenblock betrifft das Thema Nutzungsregeln für den
öffentlichen Raum. Hier bestehen weitgehende dimensionale
Ähnlichkeiten zu den Einstellungen in der Gesamtbevölkerung
(Abb. 59). Eine deutliche Mehrheit von 62 Prozent fordert genauere und kontrollierte Vorschriften, was man im öffentlichen
Raum machen darf und was nicht. Dies sind vor allem Frauen
(67 Prozent) und Ältere (71 Prozent der über 65-Jährigen).
Die Ablehnung des öffentlichen Alkoholkonsums und der
Wunsch nach präziseren Vorschriften für die Nutzung von Parks
und Grünflächen sind dabei etwas stärker ausgeprägt als in der
Gesamtbevölkerung. Dass Gleiche gilt – aufgrund der häufigen
Wohnlagen in sozial schwierigeren Vierteln – für die Polizeipräsenz und hinsichtlich früherer Sperrstunden für Kneipen und Restaurants. Nur bei der Zahl der Regeln und Verbote auf öffentlichen Plätzen ändert sich das Bild leicht.

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

nein, nicht ausreichend vorhanden

Ø

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Bänke/Straßenmöbel, um zu verweilen und
sich einmal auszuruhen. (n = 472)

29

72

124

83

121

90

93

90

100

128

134

Raum für Freizeitaktivitäten. (Spiel, Sport, usw.)
(n = 825)

22

86

91

68

91

100

82

73

68

186

177

Öffenliche Plätze, um sich mit Freunden und
Bekannten zu treffen. (n = 811)

22

100

86

64

114

95

64

118

132

141

123

Öffentlichen Plätze, wo ich mich sicher
fühlen kann. (n = 813)

20

100

55

60

80

95

115

75

180

155

125

Orte, die Ruhe und Erholung bieten. (n = 985)

19

116

53

74

126

95

105

95

189

121

100

Für jeden nutzbare Grün- und Freiflächen.
(n = 969)

19

126

68

68

100

68

95

95

89

126

232

Öffentliche Plätze, wo Kinder spielen können.
(n = 749)

18

111

100

111

78

78

106

72

100

139

156

Tabelle 16: Was fehlt? – Fehlende Nutzungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, nach Milieus, Index, Angaben in %, Quelle: vhw/SINUS 2018

Regeln im öffentlichen
Raum: Vergleich
vonVergleich
Migranten
(Migrantenmilieu-Survey)
Regeln im öffentlichen
Raum:
von
Migranten (MMS) und und
­Gesamtbevölkerung
(Trend
2015)*,
Zustimmung
in
%
Gesamtbevölkerung (Trend 2015)*, Zustimmung in %
0

10

20

30

40

50

60
57

Alkohol trinken auf öffentlichen Plätzen, Straßen etc.
sollte in meinem Wohnviertel generell verboten werden.

60

Es sollte genaue und häufig kontrollierte Vorschriften
geben, was man in öffentlichen Parks und auf städtischen
Grünflächen machen darf und was nicht.

53
62
33

In meinem Wohnviertel sollte die Polizei häufiger für
Recht und Ordnung sorgen.

42
19

Auf den öffentlichen Plätzen gibt es zu viele Regeln und
Verbote.
Ich würde es begrüßen, wenn Restaurants, Kneipen und
Bars in meinem Wohnviertel früher schließen müssten.
Trend Zustimmung in %

70

25
12
17

MMS Zustimmung in %

Abb. 59: Geforderte Regulierungen im öffentlichen Raum, Vergleich der aktuellen Befragung und der Trendbefragung 2015
(Gesamtbevölkerung), Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

73

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Statement

Die lokale Alltagsebene

% Gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Es sollte genaue und häufig kontrollierte Vorschriften geben, was man in
öffentlichen Parks und Grünflächen
machen darf und was nicht.

62,0

109

92

93

71

108

117

106

127

101

76

Alkohol trinken auf öffentlichen Plätzen,
Straßen, etc. sollte in meinem Wohn­
viertel generell verboten werden.

59,8

110

67

88

63

119

120

129

138

106

72

In meinem Wohnviertel sollte die Polizei
häufiger für Recht und Ordnung sorgen.

41,6

125

68

68

66

103

106

103

175

128

102

Auf den öffentlichen Plätzen gibt es zu
viele Regeln und Verbote.

25,1

126

78

72

105

82

80

84

70

107

229

Würde begrüßen, wenn Restaurants,
Kneipen und Bars in meinem Wohn­
viertel früher schließen.

17,4

109

72

48

34

91

123

106

243

163

90

Tabelle 17: Nutzungsregeln im öffentlichen Raum, Zustimmung zu den Statements nach Milieus, Index, Zustimmung TOP 2 = 100,
Quelle: vhw/SINUS 2018

Die einzelnen Milieus haben allerdings durchaus unterschiedliche
Vorstellungen über Vorschriften, Verbote oder eine gewünschte
Polizeipräsenz. Gerade die jüngeren, modernen Milieus vertreten durchweg tolerantere Ansichten als der Durchschnitt der
Befragten, wobei sie allerdings – anders als die dort häufig präsenten Konsum-Hedonisten – keineswegs finden, dass es auf
öffentlichen Plätzen zu viele Regeln und Verbote gebe. Je höher
die Bildung der Befragten, desto weniger ist eine Reglementierung und Kontrolle im öffentlichen Raum gewünscht.
Deutlich mehr Regulierungen in den meisten Fragen wünschen
sich vor allem die Religiös-Verwurzelten, teilweise auch die Angehörigen des Prekären Milieus. Letztere befürworten, wohl
auch als Reaktion auf die Situation im Quartier bzw. im Hinblick
auf ihre Wertvorstellungen, frühere Sperrzeiten für Restaurants
und Kneipen. Bemerkenswert hoch ist zudem der Anteil der
Religiös-Verwurzelten, die eine stärkere Polizeiaktivität in ihrem
Quartier befürworten.
Die hohe Bedeutung öffentlicher Räume gerade für vielfältige
Stadtteile und Quartiere erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Pflege hinsichtlich Erscheinungsbild, Funktionsfähigkeit und Gestaltung. Darüber hinaus leitet sich aus dieser
Forderung, den vielfältigen Nutzungsinteressen und -realitäten,
nahezu automatisch der vom vhw verfolgte Ansatz einer breiten
Einbeziehung der relevanten Akteure und Bewohner*innen in
Gestaltungs- und Nutzungsmaßnahmen ab. Aus Räumen der
Vielfalt müssen somit Prozesse der Vielfalt hervorgehen, die
einen wichtigen Beitrag zur sozialen Kohäsion und zur lokalen
Demokratie leisten können und sollen189. Zudem gelingt Inte­
gration, um Reuter zu folgen, nur dort, wo Migranten auch am
öffentlichen Raum teilhaben und diesen aktiv mitgestalten190.
Der Milieuansatz, gerade auch im Feld der Migrantenmilieus,
trägt zur Transparenz bei und hilft dabei, vorhandene Forschungslücken auf diesem Weg zu schließen.
74

vhw

6.2 Migranten und Wohnen:
Realitäten und Bedürfnisse
Das Thema Wohnen zählt zu den besonders vielschichtigen
Handlungs- und Politikfeldern der Stadtentwicklung, der Landes- und Bundespolitik, und beeinflusst maßgeblich die Lebensgestaltung und Alltagsrealität der Menschen, gerade auch derjenigen mit einer Zuwanderungsgeschichte.
Im Kontext dieser Studie ist das Thema Wohnen ein Kernbereich
der Integration von Zugewanderten, nicht nur in unmittelbarer
Sicht als Befriedigung eines elementaren Grundbedürfnisses,
sondern auch in erweiterter Sicht als wichtige fördernde oder
hemmende Ausgangsbedingung für Teilhabe und sozialen Zusammenhalt. Wohnen ist dabei immer auch in doppelter Perspektive zu sehen: Als Bereich des persönlichen, familiären Lebens und als sozialräumliche Kategorie durch Art und Struktur
des Zusammenlebens im Quartier oder Stadtteil.
„Wohnen“ hat durch die starke Anspannung vieler urbaner
Wohnungsmärkte gerade für die sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen massiv an Brisanz gewonnen, im hier behandelten Nachfragesegment also auch für Bürger*innen mit Migrationshintergrund. Deren Wohnversorgung ist objektiv betrachtet,
trotz gewisser Fortschritte seit den 2000er Jahren, weiterhin

vgl. dazu auch die Folgerungen bei Selle et al.: Öffentliche Räume,
a. a. O., 2017, S. 203–209; s. a. J. Dangschat: Partizipation, Integration und öffentlicher Raum. E-Newsletter, Netzwerk Bürgerbeteiligung,
12.12.2011; U. Berding: Öffentliche Räume – Orte der gesellschaftlichen Integration? vhw FWS, 5 / Okt. – Nov. 2013, S. 247–250
189

A. Reiter: Migration Hub – Die Stadt als biografischer Durchlauferhitzer. https://blog-ztb-zukunft.com/2016/05/16/migration-hub-die-stadt-als-biografischer-durchlauferhitzer
190

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

deutlich schlechter als jene der autochthonen Bevölkerung –
und zwar unabhängig von, wenngleich verstärkt durch die spezielle Übergangs- und Eingliederungssituation der in den letzten
Jahren nach Deutschland Geflüchteten.191
Zwar wirkt die Wohnkostenbelastung von Migrantenhaushalten
auf den ersten Blick nur unwesentlich höher als jene der autoch­
thonen Haushalte – 2014 lag sie durchschnittlich bei 27,3 Prozent des Haushaltseinkommens, verglichen mit 25,1 Prozent bei
der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Dahinter verbirgt
sich jedoch ein deutlich geringerer Wohnflächenkonsum pro
Kopf und eine durchschnittlich um 8,5 Prozent höhere Bruttokaltmiete/m². Zudem lebten zwar 34 Prozent der Personen –
bzw. 30,7 Prozent der Haushalte – mit Migrationshintergrund im
­Eigentum192, demgegenüber allerdings 54 Prozent der autoch­
thonen Bevölkerung (49 Prozent der Haushalte)193. In vielen Fällen mündet die wachsende soziale Ungleichheit gerade auch für
sozial benachteiligte Migranten in – so Alisch – „Zuweisungsprozessen“ zu Wohnungsmarktsegmenten194 und den damit verbundenen s­ ozialräumlichen Folgen.
Deutlich seltener als zur objektiven Wohnsituation und zu
sozialräumlichen Zusammenhängen wurde und wird die per­
sönliche Sicht der Migranten auf Wohnungsfragen untersucht,
insbesondere auf bundesweiter Ebene. Mit der ersten Migrantenmilieu-Studie 2008 haben vhw und SINUS auch für diese
Bevölkerungsgruppe Milieuforschung und Wohnungsanalysen
zusammengefügt195. Auf diese Weise lassen sich nicht nur milieuspezifische Bedürfnisse oder Verhaltensmuster feststellen.
Vielmehr geben feinkörnige milieuräumliche Analysen Aufschluss darüber, wie sich die Milieustruktur bis auf die Quartiers­
ebene gestaltet und entwickelt. Daraus lassen sich zum Beispiel
Hinweise auf die Entwicklung des Bridging-Potenzials in Quartieren gewinnen. Diese Frage gewinnt im Rahmen der verstärkten
Herausbildung einer migrantischen Mittelschicht und der damit
verbundenen bzw. angestrebten Veränderung der (räumlichen)

Die lokale Alltagsebene

Wohnsituation besonders an Relevanz. In diesem Kontext ist auf
aktuelle Studien hinzuweisen, die einen Rückgang der ethnischen Segregation zumindest bis 2014 festgestellt haben196. Eine
der Hauptursachen dafür dürfte im Wegzug bestimmter Migrantenmilieus aus sozial und ethnisch benachteiligten Quartieren zu
suchen sein.

In einigen Staaten, wie etwa in Großbritannien, wurde bereits gefragt, ob die Zuwanderung die Wohnimmobilienkrise ausgelöst habe,
siehe etwa The Guardian, 25.1.2016: Is immigration causing the UK
housing crisis?
191

Einige Studien setzen durch die nicht repräsentative Zusammensetzung der Stichprobe die Eigentumsquote zu hoch an. Vgl. dazu:
L. Hampel: Studie zum Wohneigentum von Migranten – Her mit dem
Haus. Süddeutsche Zeitung, 27.10.2014
192

Objektive Daten liefert u. a. die Zusatzerhebung zum Mikrozensus,
zuletzt für das Jahr 2014. Stat. Bundesamt (Hg): Bauen und Wohnen.
Fachserie 5, Heft 1: Mikrozensus – Zusatzerhebung 2014, Bestand
und Struktur der Wohneinheiten, Wohnsituation der Haushalte.
Wiesbaden, Dezember 2016. Siehe auch A. Hartung: Wohnsituation
von Migrantenhaushalten: Eine Analyse mit Blick auf den Effekt der
Mietpreisbenachteiligung. SOEP Papers on Multidisciplinary Panel Data
Research at DIW Berlin, Nr. 668, 2014; B. Reimann: Wohnsituation
und Wohneigentumserwerb von Migrantinnen und Migranten, in
Handbuch lokale Integrationspolitik, a. a. O., Wiesbaden: Springer
2018, S. 549–563
193

M. Alisch: Sozialräumliche Segregation: Ursachen und Folgen,
S. 503-522, in E.-U. Huster, J. Boeckh, H. Mogge-Grotjahn: Handbuch
Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden: Springer VS 2018. Zur
sozialen Wohnungspolitik für Migranten, s. M. Seveker: Social housing
and ethnic minorities in Germany, S. 64–79, in: Irene Ponzo (Hg.):
Immigrant Integration Policies and Housing Policies. The Hidden Links.
Fieri Research Report, December 2010, mit einem Vergleich zwischen
den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Deutschland.
194

zusammenfassend: B. Hallenberg: Wohnsituation und Wohnwünsche von Migranten. Weitere Ergebnisse der quantitativen Migrantenstudie. vhw, FW Nr. 6 /Dezember 2008, S. 294–299
195

vgl. M. Helbig, S. Jähnen: Wie brüchig ist die soziale Architektur
unserer Städte? Trends und Analysen der Segregation in 74 deutschen
Städten. Berlin: WZB, Discussion Paper, Mai 2018
196

vhw

75

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Bewohnter Wohngebäudetyp der Befragten (in %)

Bewohnter Wohngebäudetyp der Befragten, Anteile in %
In einem freistehenden
Einfamilienhaus

13%
13%
12%
12%

38%

38%

37%
37%

In einer Doppelhaushälfte,
Reihenhaus bzw.
Zweifamilienhaus
In einem Mehrfamilienhaus mit
bis zu sechs Wohnungen

In einem Mehrfamilienhaus mit sieben
und mehr Wohnungen

Abb. 60: Wohnsituation nach Gebäudetyp der Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018

Wohnsituation und Wohnauswahl­
kriterien in der Befragung
Drei Viertel der Befragten wohnt in einem Mehrfamilienhaus,
davon je zur Hälfte in einem großen und in einem kleinen bis zu
sechs Wohneinheiten.
Etwa 26 Prozent der Befragten verfügt über selbstgenutztes
Wohneigentum, bei knapp 30 Prozent handelt es sich um eine
Eigentumswohnung. Bei den Intellektuell-Kosmopolitischen leben sogar 34 Prozent der Eigentümer in Etagenwohnungen.
Zwischen den Milieus variiert der Selbstnutzeranteil deutlich; die
höchsten Anteile erreichen neben den Intellektuell-Kosmopolitischen die Befragten der Bürgerlichen Mitte, vornehmlich in
Einfamilienhäusern, gefolgt von den Statusbewussten. Deutliche
Rückstände bei der Eigentumsbildung sind bei den sozial besser
gestellten Performern und den ebenfalls aufstiegsorientierten
Adaptiv-Pragmatischen festzustellen.
Ein besonders hoher Anteil der Religiös-Verwurzelten wohnt
in großen Mehrfamilienhäusern und – ähnlich wie die Adaptiv-Pragmatischen – am Innenstadtrand, während in der Innenstadt Intellektuell-Kosmopolitische, Prekäre und Konsum-Hedonisten überdurchschnittlich stark vertreten sind.
Für die überwiegende Mehrheit aller Befragten und für neun
von zehn Milieus ist die Wohnsituation keineswegs eine Nebensächlichkeit; allein für die Konsum-Hedonisten gibt es angesichts
ihrer lebensweltlichen Orientierung mehrheitlich „andere Dinge
im Leben, die wichtiger sind“.
Angesichts der bestehenden Versorgungsdefizite, die typischerweise von vergleichsweise höheren Wohnkosten und oft von
qualitativen Wohnungsmängeln197 begleitet werden, kann es
nicht überraschen, dass die Hälfte der Befragten ihre Wohnsi76

vhw

tuation verbessern wollen. Nur bei den relativ gut versorgten
Intellektuell-Kosmopolitischen und beim meist sehr sesshaften
Traditionellen Arbeitermilieu bleibt der Anteil der Veränderungswilligen in der Minderheit. Nahezu die Hälfte der Befragten würde am liebsten im freistehenden Eigenheim wohnen, während
immerhin 17 Prozent bei diesem Thema „ganz offen“ sind, allen
voran die modernen Intellektuell-Kosmopolitischen und Experimentalisten mit ihrer Neigung zum urbanen Leben.
Am häufigsten bekunden Befragte aus großen Mehrfamilienhäusern einen Verbesserungswunsch; zugleich ist der Anteil unter jenen Befragten am höchsten, die in oder in der Nähe der
Innenstadt leben. Dagegen nennt nur jeder dritte Befragte, der
im ländlichen Raum wohnt, eine Veränderungsabsicht.
Überdurchschnittlich häufig wollen Syrer, Iraker und Nordafrikaner eine Verbesserung ihrer Wohnsituation, wobei viele offenbar
noch unter den Bedingungen der Aufnahme als Geflüchtete leben. Auch bei den ganz überwiegend länger im Land lebenden
Türkei-Stämmigen wird dieser Wunsch von mehr als der Hälfte
der Befragten geäußert.
Etwa ein Viertel der Befragten wünscht sich Nachbarn aus dem
gleichen Herkunftsland. Die modernen, kreativen Milieus lehnen eine solche Forderung nahezu vollständig ab. Bei den Statusbewussten steigt dieser Anteil der Zustimmenden dagegen auf
immerhin 35 Prozent, bei den Prekären und Konsum-Hedonisten
sogar auf knapp die Hälfte der Befragten. Die Religiös-Verwurzelten untermauern ihre Ausnahmerolle in dieser Frage erneut:

Erkenntnisse zur qualitativen Wohnsituation lässt sich flächendeckend nur über die im MZZ bzw. SOEP aufgeführten Ausstattungsmerkmale der Wohnungen, etwa Art der Heizung oder Ausstattung
der Bäder gewinnen.
197

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Wohnstatus
Wohnstatus der Milieus
(in %) der Milieus, Anteile in %
100,0
90,0

90,0
78,1

80,0
70,0

89,4

83,8

83,7
74,4

68,7
63,6

60,5

60,5

60,0
50,0
40,0

34,9

38,0

37,9
30,8

30,0

21,4

20,0

23,6
15,8

15,7

10,0

10,0

9,9

REL

PRE

0,0
STA

KOS

PER

EXP

PRA

Eigentum

BÜM

ARB

KHED

Miete

Abb. 61: Wohnstatus der Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

Ausgewählte Einstellungen zum Wohnen (Zustimmung: TOP 2, in %)
90,0
80,0
70,0
60,0
50,0
40,0
30,0
20,0
10,0
0,0
%
gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Mir ist eigentlich ziemlich egal, wie ich wohne – es gibt andere Dinge im Leben, die mir wichtiger sind.
Ich möchte meine Wohnsituation verbessern.
Am liebsten wäre es mir, wenn meine Nachbarn aus dem gleichen Herkunftsland stammen wie ich.

Abb. 62: Ausgewählte Aussagen zum Thema Wohnen, nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

vhw

77

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

„Ich möchte meine Wohnsituation verbessern“
(nach derzeit bewohntem Gebäudetyp, in
%)möchte meine Wohnsituation verbessern“
„Ich
(nach derzeit bewohntem Gebäudetyp)
0,0

10,0

Einfamilienhaus

11,3

Doppelhaushälfte/Reihenhaus

11,0

Mehrfamilienhaus < sieben Wohneinheiten

20,0

30,0

40,0

50,0

60,0

20,4

27,8

17,9

Mehrfamilienhaus > sieben Wohneinheiten

34,9

21,0

36,8

Stimme voll und ganz zu

Stimme eher zu

Abb. 63: Wunsch der Verbesserung der eigenen Wohnsituation nach bewohntem Gebäudetyp und räumlicher Lage, Quelle: vhw/SINUS 2018

„Ich möchte meine Wohnsituation verbessern“
(nach derzeitiger räumlicher
Lage, in %)
nach derzeitiger
räumlicher Lage...
0,00

10,00

In der Innenstadt /innenstadtnah

19,2

Am Stadtrand

18,0

In einem Vorort in der Nähe der Stadt

In einem kleineren Ort auf dem Land

20,00

Stimme voll und ganz zu

40,00

50,00

60,00

35,7

33,0

16,2

9,3

30,00

29,9

24,7

Stimme eher zu

Abb. 64: Wunsch der Verbesserung der eigenen Wohnsituation nach räumlicher Lage, Quelle: vhw/SINUS 2018

78

vhw

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Von ihnen wünschen sich 85 Prozent eine nachbarschaftliche
Segregation.

Aspekte der Wohnungswahl

Ein – wenngleich begrenzter – Zusammenhang ist in diesem
Punkt insgesamt für jene festzustellen, die „eher nicht“ der Ansicht sind, die Migranten müssten sich mehr „an die Deutschen
anpassen“.

Für die Bereitstellung oder Verbesserung bedarfsgerechter Wohnungsangebote und wichtiger Infrastruktur im Nahbereich ist
die Kenntnis über die Bedeutung der Auswahlkriterien bei der
Wohnungswahl von hoher Relevanz. Auf die Aspekte Miethöhe
bzw. Wohnkosten ist in der Befragung verzichtet worden, da
von deren besonderer Relevanz ausgegangen werden kann.

Siebel ist sicherlich zuzustimmen, dass homogene Nachbarschaften tendenziell konfliktvermeidend wirken, entgegen seiner Auffassung besteht in Anbetracht der oben genannten Ergebnisse
inzwischen jedoch ein empirisch nachweisbarer Zusammenhang
zwischen Segregationswunsch und Integrationsbereitschaft198
bzw. der Ausformung von Integration, auch wenn dieser Befund
weiterhin differenziert zu betrachten ist199.
Vorliegende Untersuchungen vermitteln insgesamt ein klares
Bild für die Bedeutung von Kontexteffekten bei der Entwicklung
der Segregation in Deutschland, etwa durch die Unterscheidung
zwischen unmittelbarer und mittelbarer Nachbarschaft oder
durch die Einbeziehung des städtischen Umlandes200.
Diese Erkenntnisse werden durch milieuräumliche Untersuchungen des vhw zur kleinteiligen Segregationsentwicklung in
den Städten zusätzlich ausdifferenziert. Danach ist beim Religiös-Verwurzelten Milieu auf verschiedenen räumlichen Ebenen
ein überdurchschnittlich hoher Wert des Segregationsindexes
festzustellen, so dass die Befunde der Befragung in Teilraumanalysen mit Hilfe mikrogeografischer Daten weitgehend bestätigt
werden können. Insofern müssen auch allgemeine Aussagen zur
Entwicklung der ethnischen Segregation differenziert bewertet
werden201.

Unter den vorgelegten Auswahlkriterien belegt der Aspekt „Sicherheit im Wohnviertel“ eindeutig den Spitzenplatz, gefolgt
von der Anbindung an den ÖPNV, der auch in Verbindung zur
Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes zu sehen ist. Nur Konsum-Hedonisten, Experimentalisten und Angehörige des Prekären Milieus
stufen das Thema „Sicherheit“ unterdurchschnittlich ein. Bereits
an dritter Stelle rangiert der „gute Ruf“ des Wohnviertels, der
für die beiden bürgerlichen Milieus, vor allem aber für die Statusbewussten eine überdurchschnittlich wichtige Rolle spielt, für
die Konsum-Hedonisten dagegen wenig relevant ist.
Angebote für Kinder und Jugendliche werden von den Adaptiv-Pragmatischen, den Intellektuell-Kosmopolitischen sowie den
Statusbewussten häufiger genannt, bei denen die Lebensphasen
mit heranwachsenden Kindern eine zentrale Rolle spielt. Freizeit- und Kulturangebote sind für die modernen und überdurchschnittlich gebildeten Milieus der Intellektuell-Kosmopolitischen
und Performer überdurchschnittlich wichtig, während sie für die
traditionellen Milieus und die Bürgerliche Mitte – auch altersbedingt – weit hinten rangieren.
Entsprechend den an anderer Stelle beschriebenen Segregationsneigungen und der (Alltags-)Relevanz der Religion wird der
Wunsch nach einer homogenen Nachbarschaft sowie die nach
religiösen Einrichtungen im Nahbereich von den Milieus völlig
gegensätzlich bewertet. Dies ist besonders im Längsschnittvergleich mit den 2008 genannten Auswahlkriterien interessant.

Dies ist nicht notwendigerweise deckungsgleich mit einer „erfolgreichen Integration“. Diese Diskussion stand auch im Zentrum der
Kontroverse über Sinn und Folgen einer Wohnsitzauflage für Geflüchtete 2016. Vgl. B. Hallenberg: Wohnsitzauflage und Zuzugssperre.
vhw-WerkSTADT Nr. 5, Mai 2016, S.10f; s. a. das Positionspapier des
vhw, vhw-WerkSTADT Nr. 4, April 2016.
198

W. Siebel: Segregation: Es gibt keine Ghettos! Die Zeit, 25.4.2013.
„Soziale Mischung im Stadtquartier führt zu Konflikten, die sich durch
Segregation vermeiden lassen. Hinzu kommt: Ethnische Kolonien
erschweren nicht die Integration, und entsprechende Studien konnten
auch keine negativen Effekte auf die Integrationsbereitschaft feststellen“.
199

vgl. insbesondere J. Goebel, L. Hoppe: Ausmaß und Trends sozialräumlicher Segregation in Deutschland. Abschlussbericht des DIWSOEP im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums, Berlin, 2.12.2015.
Siehe auch M. Alisch: Sozialräumliche Segregation: Ursachen und
Folgen, a. a. O.; L. Friedrich: Wohnen und innerstädtische Segregation
von Migranten in Deutschland. In: BAMF (Hg.): Working Paper 21 der
Forschungsgruppe des Bundesamtes, 2008
200

201

vgl. Helbig, Jähnen: Wie brüchig…, a. a. O., 2018

vhw

79

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Aspekte bei der Wohnungswahl (in %)
0

10

20

30

40

50

60

70

80

90

100

Sicherheit im Wohnviertel
Gute Anbindung an den ÖPNV
Guter Ruf des Wohnviertels
Nähe zum Arbeitsplatz
Nähe zu Familien und Verwandten
Angebote für Kinder und Jugendliche
Freizeit und Kulturangebote im Wohnviertel
Zusammensetzung Nachbarschaft nach
Kulturen und Herkunfsland
Einrichtungen meiner Religion in der Nachbarschaft
Entscheidend

Auch wichtig

Weniger wichtig

Unwichtig

Abb. 65: Aspekte der Wohnungswahl, alle Befragten, Quelle: vhw/SINUS 2018

Aspekte der Wohnwahl:
Antwort „entscheidend“, in %

Gesamt

STA

KOS

PER

EXP

PRA

BÜM

ARB

REL

PRE

KHED

Sicheheit im Wohnviertel

55,1

109

90

118

79

122

105

113

94

86

63

Gute Anbindung an den ÖPNV

37,7

95

108

115

104

110

81

93

100

98

94

Nähe zum Arbeitsplatz

28,4

106

92

110

114

129

106

67

57

90

104

Nähe zu Familien und Verwandten

23,7

101

56

58

55

97

94

147

276

99

105

Guter Ruf des Wohnviertels

22,9

135

101

106

65

127

120

92

101

62

48

Angebote für Kinder und Jugendliche

20,2

111

122

102

64

142

100

71

95

81

81

Freizeit und Kulturangebote im Wohnviertel

13,9

101

148

155

118

102

65

59

50

46

104

Zusammensetzung der Nachbarschaft
nach Kulturen und Herkunftsland

9,9

106

49

62

50

117

110

93

288

86

152

Einrichtungen meiner Religion in der
Nachbarschaft

5,8

99

6

53

26

102

70

61

525

109

157

Tabelle 18: Aspekte der Wohnungswahl nach Milieus (Index), Antwort: „entscheidend“, Quelle: vhw/SINUS 2018

80

vhw

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

VergleichVergleich
der „wichtigsten“
Wohnaspekte,
Migrantenmilieu-Studie
2017,
jeweils
in %
der "wichtigsten"
Wohnaspekte,
MMS 20082008
und und
2017,
jeweils
in %
0

5

10

15

20

25

30

35

40

Gute Anbindung an den ÖPNV
Nähe zum Arbeitsplatz
Nähe zu Familien und Verwandten
Guter Ruf des Wohnviertels
Angebote für Kinder und Jugendliche
Zusammensetzung der Nachbarschaft nach Kulturen und
Herkunftsland
Einrichtungen meiner Religion in der Nachbarschaft

2017

2008

Abb. 66: Veränderung der Bedeutung der Auswahlkriterien, Befragungen 2008 und 2017, Quelle: vhw/SINUS 2018

Insgesamt kommt dieser Vergleich mit den Ergebnissen der ersten Migrantenmilieu-Studie 2008 zu interessanten Befunden.
Grundsätzlich ist ein hohes Maß an Übereinstimmung festzustellen, mit teilweise nahezu identischen Ergebnissen für die in
beiden Erhebungen genannten Aspekte der Wohnauswahl.202
Wichtiger geworden ist seit 2008 die „Nähe zum Arbeitsplatz“,
möglicherweise auch als Folge des wachsenden Auseinanderfallens von Wohn- und Arbeitsort sowie – im Zuge der Familien­
bildung – das Angebot für Kinder und Jugendliche im Wohnquartier.
Kaum verändert haben sich dagegen im Zehn-Jahresvergleich
die Zustimmungswerte für die Aspekte „homogene Nachbarschaft“ und zum Vorhandensein religiöser Einrichtungen im
Nahbereich. Beide Auswahlkriterien spielen 2008 wie 2017 nur
für Minderheiten unter den Befragten eine entscheidende Rolle.
Dieser Befund wird allerdings relativiert, wenn die milieuspezifische Entwicklung berücksichtigt wird – was angesichts der
Neu-Modellierung nur ansatzweise möglich ist. In den beiden
genannten Aspekten zeigt sich eine Veränderung in besonderem Maße bei den Religiös-Verwurzelten, unter denen 2017 fast
30 Prozent die „Zusammensetzung der Nachbarschaft“ als entscheidendes Auswahlkriterium nennen; 2008 waren es in diesem
Milieu erst 12 Prozent der Befragten. Anders als in den übrigen
Milieus ist bei ihnen gerade in diesem zentralen Punkt eine aktive Abgrenzungsstimmung festzustellen, während im Segment
der modernen Milieus eine exakt entgegengesetzte Entwicklung
in Richtung auf sozial vielfältige Quartiere zu beobachten ist.

Wohneigentumsbildung von Migranten
– ein integrationspolitisches Dilemma?
Angesichts des weiterhin bestehenden Rückstandes bei der
Wohneigentumsquote von Migranten gegenüber der autochthonen Bevölkerung gewinnt das Thema Eigentumsbildung im
Zuge der Aufstiegsorientierung vieler Migrantenhaushalte an
Bedeutung und ist zum Gegenstand stadtpolitischer203 und integrationspolitischer Fragestellungen geworden204.
In diesem Kontext wird über mehrere – reale oder potenzielle
– Wirkungsstränge migrantischer Eigentumsbildung diskutiert,
bei denen sowohl gesellschafts- und sozialpolitisch erwünschte
als auch unerwünschte Folgen im Fokus stehen. In der Summe
entsteht daraus ein ambivalentes Bild der Integrationsfolgen einer höheren Selbstnutzerquote. Im Kern geht es dabei um mehrere mögliche Zusammenhänge, bei denen das sozialräumliche
„Wo“ der Eigentumsbildung eine wichtige Rolle spielt205:

202

vgl. Hallenberg: Wohnsituation, a. a. O., S. 296

In mehreren Städten wurden Analysen erstellt, vgl. z. B. Wiesbadener Stadtanalysen: Wohneigentum von Migranten. Stadt Wiesbaden,
April 2016. H. Hanhörster: Türkeistämmige Eigentümer in Migrantenvierteln. Soziale und räumliche Mobilität der zweiten Generation,
Wiesbaden 2014, darin: Wohnsituation und Eigentumsbildung von
Migranten in der Stadt Duisburg, S. 121-148.
203

vgl. etwa B. Reimann et al.: Wohneigentum als Chance für Stadtentwicklung und Integration. Difu-Berichte, 4-2014, S. 78ff
204

205

siehe auch ebd., S. 80f

vhw

81

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Häufigkeit der Freizeitkontakte: Mieter und Eigentümer, Anteile in %
Häufigkeit der Freizeitkontakte: Mieter und Eigentümer (in %)
70,00

65,2
Eigentümer

60,00
50,00

Mieter

46,2

40,00
30,00

24,6

29,1

20,00

15,1
7,5

10,00

2,3

5,9

0,00
Jeden Tag – fast
jeden Tag

Häufig – mindestens
einmal in der Woche

Manchmal –
mindestens einmal
im Monat

Selten – mehrmals
im Jahr

0,4

3,3

Nie, so gut wie nie

Abb. 67: Mieter und Eigentümer unter den Befragten – Häufigkeit der Freizeitkontakte, Quelle: vhw/SINUS 2018

• Auf der individuellen bzw. familiären Ebene bedeutet Eigentumsbildung einen wichtigen Aufstiegsschritt, dem positive
Wirkungen auf die Identifikation mit Deutschland zugeschrieben werden.206 Ob daraus auch über eine Intensivierung von
Kontakten eine Stärkung der sozialen Integration entsteht,
gilt in der Forschung bisher als eher unsicher.
• Eigentumsbildung außerhalb des bisherigen Wohnquartiers
kann zu einem Verlust gerade jener migrantischen Bevölkerungsgruppen führen, die zuvor in sozial und ethnisch
schwierigen Quartieren eine Brücken- bzw. Mittlerfunktion
ausgeübt haben. Dieser Effekt lässt sich mit Hilfe der Milieuraumforschung deutlich herausarbeiten.
• Eigentumsbildung innerhalb des Wohnquartiers kann nach
Auffassung Betroffener und lokaler Akteure zu unterschiedlichen Folgen führen. Auf der einen Seite hat das Wohneigentum eine stabilisierende Wirkung auf Nachbarschaften, etwa,
weil die Fluktuation entsprechend sinkt. Dies gilt insbesondere auch für Kontakte und den Austausch in Quartieren, in
dem Wohneigentümer mit und solche ohne Migrationshintergrund sowie mit verschiedenen Migrationshintergründen
leben.
• Auf der anderen Seite wird durch Eigentumsbildung im Quartier eine Verstärkung und Verfestigung von Segregationstendenzen gerade in Quartieren befürchtet, in denen der Migrantenanteil bereits besonders hoch und ethnisch homogen ist.
Wie das oft bemühte Beispiel der seit den 1960er-Jahren von
Zuwanderern aus der Türkei bewohnten Kölner Keupstraße
zeigt, kann diese Entwicklung jedoch abhängig von den Kontextbedingungen zu einer deutlichen Stabilisierung führen207.

82

vhw

Die vorliegende Befragung liefert in Bezug auf die Beantwortung dieser Fragen einige aufschlussreiche Ergebnisse und unter­
streicht auch in diesen Punkten die besondere Relevanz einer differenzierenden Betrachtung. So ist etwa ein positiver Effekt auf
die soziale Integration von selbstnutzenden Eigentümern durchaus festzustellen, soweit die Häufigkeit von Freizeitkontakten
mit „Einheimischen“ als Indikator dienen kann. Fast zwei Drittel
der Eigentümer, aber „nur“ 46 Prozent der befragten Mieter
berichten von täglichen Kontakten, wie Abbildung 67 aufzeigt.
Dem könnte zunächst der Einwand entgegengehalten werden,
dass Milieu- oder Herkunftsstruktur sich zwischen beiden Gruppen deutlich unterscheidet. Dieser Einwand ist zwar in sozialer,
keineswegs jedoch in lebensweltlicher oder auch herkunftsbezogener Hinsicht stichhaltig.
Denn Vergleiche innerhalb der Milieus mit stärkeren Eigentümeranteilen bestätigen vielmehr den allgemeinen Kontaktabstand
zwischen Mietern und Eigentümern. Im Statusbewussten Milieu
haben 48 Prozent der Eigentümer und 35 Prozent der Mieter
tägliche Kontakte, bei den Intellektuell-Kosmopolitischen geht
der Vergleich mit 77 Prozent zu 65 Prozent zugunsten der Eigen-

vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge
und Integration: Zweiter Integrationsindikatorenbericht, Köln/Berlin
2011, S. 16f
206

M. Smiljanic: Mehr Integration durch Wohneigentum. Wie Wohnquartiere stabilisiert werden können. Deutschlandfunk, 12.5.2011;
E. Jonuz, E. Schulze: Vielfalt als Motor städtischer Entwicklung. Das
Beispiel der Keupstraße in Köln, in: W.-D. Bukow et al. (Hg.): Neue
Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft. Wiesbaden 2011, S. 33–45.
207

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

Planen
bzw.
Ihr Ihr
Haushalt
in den
5 Jahren5 die
Anschaffung
beziehungsweise
PlanenSieSie
bzw.
Haushalt
innächsten
den nächsten
Jahren
die Anschaffung
beziehungsweise den Erwerb
den Erwerb von
selbstgenutztem–Wohneigentum?
Antwort:
von selbstgenutztem
Wohneigentum?
Antwort: „Ja“–(in
%) „Ja“*
0,0

5,0

10,0

Statusbewusstes Milieu

21,2

Experimentalistisches Milieu

14,6

Adaptiv-Pragmatisches Milieu

14,8

Bürgerliche Mitte

Prekäres Milieu
Konsum-Hedonistisches Milieu
Gesamt

25,0

18,9

Milieu der Performer

Religiös-Verwurzelte

20,0

20,1

Intellektuell-Kosmopolitisches Milieu

Traditionelles Arbeitermilieu

15,0

22,4
0,7

2,6
7,9
8,6
13,8

Abb. 68: Planung des Erwerbs von Wohneigentum innerhalb von fünf Jahren, nach Milieus, Quelle: vhw/SINUS 2018

tümer aus, bei den Adaptiv-Pragmatischen sogar mit 73 Prozent
zu 49 Prozent. Und selbst bei den eher zurückgezogen lebenden
Mitgliedern des Traditionellen Arbeitermilieus fällt der Kontaktvergleich mit 52 Prozent zu 38 Prozent eindeutig zugunsten der
Eigentümer aus. Entsprechendes gilt für türkeistämmige Befragte (56 Prozent zu 37 Prozent bei den Mietern) oder Migranten
aus der ehemaligen UdSSR (61 Prozent zu 39 Prozent).
Auch die Hoffnung, Eigentumsbildung könne zur Stärkung der
Verbundenheit mit Deutschland beitragen, scheint nicht gänzlich zu trügen. Immerhin 46 Prozent der Eigentümer – gegenüber 30 Prozent unter den befragten Mietern – fühlen sich nach
eigener Aussage „sehr stark verbunden“ mit dem Land.
Hinsichtlich der Gefahr eines Verlustes von – migrantischen –
Kulturmittlern durch Eigentumsbildung außerhalb des Quartiers
können hier nur indirekte Schlüsse gezogen werden. So wollen
von denjenigen Befragten, die sich selbst „als Mittler zwischen
den Kulturen“ verstehen, etwa 20 Prozent in den nächsten
Jahren Wohneigentum bilden, von jener Gruppe ohne dieses
Selbstverständnis dagegen nur 10 Prozent. Tendenziell zeichnen
sich also soziale Kosten ab, wenn die Eigentumsbildung nicht im
Quartier erfolgt.
Von den derzeitigen Mietern unter den Befragten strebt etwa
jeder siebte Haushalt in den nächsten Jahren den Erwerb von
selbstgenutztem Wohneigentum an208, deutlich mehr als in der
ersten Milieustudie 2008. Neben den drei statushöheren Milieus neigen auch die beiden Bürgerlichen Milieus und die Experimentalisten zu einer solchen grundsätzlichen Verbesserung ihrer
Wohnsituation . Nur bei den beiden traditionellen Milieus ist nahezu keine Absicht zum Eigentumserwerb festzustellen.

Gerade den überdurchschnittlich eigentumswilligen Statusbewussten und den Intellektuell-Kosmopolitischen kommt häufig – auch in ihrem Selbstverständnis – die vorher erwähnte
Mittler­rolle bzw. Brückenfunktion im Quartier zu, während diese
Rolle­bei der ebenfalls eigentumsorientierten Bürgerlichen Mitte
schwächer ausgeprägt ist.
Festzuhalten bleibt, dass sich die Versorgungsmängel am Wohnungsmarkt auch in der vorliegenden Untersuchung klar widerspiegeln und zu einem verbreiteten Wunsch nach Verbesserung
führen. Die fortschreitende Herausbildung einer modernen, aber
auch statusbewussten migrantischen Mittelschicht begünstigt
die Wohneigentumsneigung, deren Wirkungen mit einer gewissen Ambivalenz zu betrachten sind und die zudem stark von den
jeweiligen lokalen Kontextbedingungen abhängen.
Gerade für die beiden Prekären Milieus tritt neben ihrer schwierigen sozialen Lage und die daher meist fehlende Wahlfreiheit
am Wohnungsmarkt das Thema „ethnische Diskriminierung“
verschärfend hinzu, was eine angemessene, bedürfnisgerechte
Wohnungsversorgung doppelt schwierig macht. In der Regel
sind Diskriminierungen am Wohnungsmarkt mehrdimensional,

Zurückhaltend zur Steigerung der Eigentumsquote unter Migranten
angesichts der vielfach unklaren Bleibeabsicht der Neu-Zuwanderer,
siehe M. Voigtländer, B. Seipelt: Analyse der Wohneigentumsbildung.
IW Köln, Februar 2018, Gutachten im Auftrag der Schwäbisch Hall
AG: „Letztlich ist die stagnierende Wohneigentumsbildung damit u.
a. auf die gestiegene internationale Migration seit 2010 zurückzuführen, im Zuge derer viele Menschen mit geringen oder gänzlich ohne
finanzielle Mittel nach Deutschland zugezogen sind“. (S. 9)
208

vhw

83

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Die lokale Alltagsebene

wobei Kombinationen aus Herkunft, sozialer Lage, Kinderzahl
und spezifischer Marktsituation verstärkend zusammenwirken209.
In der vorliegenden Untersuchung werden solche Merkmalskombinationen, die den Zugang zum Wohnungsmarkt erheblich
einschränken, ebenfalls sichtbar. Allerdings stellt, wie bereits beschrieben, die Milieuzugehörigkeit – zu den Religiös-Verwurzelten – sämtliche anderen Merkmale wie Zahl der Kinder, Alter,
Haushaltsform oder Religion weit in den Schatten. Bei ihnen fallen wahrgenommene Diskriminierungen, soziale Lage mit dem
Wunsch nach Abgrenzung und Homogenität zusammen.
Insgesamt resultieren die im Wohnungsbereich für die Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund weithin zu beobachtende Ausdifferenzierung von Wahlfreiheit, Marktzugang und
sozialräumlichen Zusammenhängen in vielschichtigen Herausforderungen für die künftige Versorgung und eine ebenso inte­
grierte wie integrierende Stadtentwicklungspolitik210. Dabei gilt
es nicht nur, die elementare Versorgung sicherzustellen, sondern
Wohnen in seinen Wechselwirkungen mit weiteren Zielen der
Stadtentwicklung, wie sozialem Zusammenhalt oder Vermeidung sozialräumlicher Abwärtsspiralen, wahrzunehmen und daraus entsprechende Handlungskonzepte abzuleiten. Auch dazu
kann das Milieuwissen und dessen lokale Nutzung einen wichtigen Beitrag leisten.

vgl. Beigang et al.: Diskriminierungserfahrungen, a. a. O., 2017,
Kap. 6, S. 205
209

210

84

vhw

vgl. dazu auch Reimann: Wohnsituation, a. a. O., 2018, S. 558ff

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

7 Fazit und Ausblick
Die Milieu- bzw. Lebensweltforschung konnte ihren Erkenntnismehrwert im Vergleich, vor allem aber in Ergänzung zu anderen
Merkmalen der untersuchten Bevölkerungsgruppen auch in der
vorliegenden Untersuchung eindeutig unter Beweis stellen. Mit
Hilfe ihrer Differenzierungskraft und Erklärungsbreite konnten
die konvergierenden und die divergierenden Entwicklungsstränge in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sichtbar gemacht werden.211 Die Befunde dokumentieren das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Entwicklungen
und Impulse in und für den Bevölkerungsteil mit Zuwanderungshintergrund und konkretisieren die Pluralisierung von Identitätsmustern und deren Folgen. Zugleich werden am Beispiel der
Prekären, teilweise auch der traditionellen Milieus die auseinanderstrebende soziale Ungleichheit und die fortbestehenden
Benachteiligungen und Diskriminierungen sichtbar, welche in
den vergangenen Jahren zu verstärkten Abwendungs- und Resignationstendenzen bei den Betroffenen beigetragen haben.
Im Sommer 2018 sind im Rahmen der #Metwo-Bewegung viele
persönliche Erlebnisse von Diskriminierung und Rassismus öffentlich gemacht worden und haben ein breites Echo erhalten.
Zwei Beispiele aus der realen sozialen Situation der Bevölkerung
mit Migrationshintergrund illustrieren die breiteren Entwicklungen. Der Anteil der Migranten ohne Schulabschluss war 2017
siebenmal so hoch wie der entsprechende Anteil in der autoch­
thonen Bevölkerung212, während zugleich ein höherer Anteil unter den Migranten über die Hochschulreife (Abitur) verfügte als
in der autochthonen Bevölkerung. Mehr als 31 Prozent der 25bis 35-jährigen Migranten, aber nur 9 Prozent der gleichaltrigen

Fazit und Ausblick

Autochthonen hatten 2016 keinen Berufsabschluss. Ähnlich
ungünstig hat sich, in Teilen auch schon vor der Flüchtlingszuwanderung, die prekäre Arbeitsmarktlage entwickelt. So lag in
vielen (Groß-)Städten der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an allen Arbeitslosen Ende 2017 bei 60 Prozent bis
über 70 Prozent213.

Integration, Identität, Zusammenhalt
In erheblichen Teilen bestätigen die in der Untersuchung ermittelten Einstellungen und Befindlichkeiten das normative Konzept der Interkulturalität214 im Umgang mit kultureller Vielfalt,
das vor allem im anglo-amerikanischen Raum seit den 1990ern
zunehmend als Alternative zum bzw. Ersatz für das Konzept der
Multikulturalität gesehen und diskutiert wird, da letztere in-

Die Zustimmungs-Ranges zu integrationsbezogenen Statements
waren zwischen den verschiedenen Milieus im Mittel um das 1,8-fache höher als zwischen den unterschiedlichen Migrations-Herkunftsländern.
211

Quelle: Mikrozensus 2017. Wiesbaden, Statistisches Bundesamt Juli
2018. Der Anteil ist bezogen auf die Bevölkerung ohne die Vorschulkinder und die Kinder und Jugendlichen in Schulausbildung.
212

213

vgl. Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg, Mai 2018.

siehe A. Moosmüller, J. Möller-Kiero (Hg.): Interkulturalität und
kulturelle Diversität. Münchener Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation, Bd. 26. Münster/ New York: Waxmann 2014
214

vhw

85

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Fazit und Ausblick

Personen nach Migrationshintergrund
(MH)2017
und
Personen nach Migrationshintergrund
(MH) und Schulabschluss
(in %)
Schulabschluss 2017, Anteile in % (Mikrozensus 2017)
21,2
20,9

Abitur
5,2

Fachhochschulreife

7,2

Realschule
o. ä.

15,9

0,4

polytechn. Oberschule

21,4

7,4
21,0

Hauptschule
ohne Schulabschluss

28,0

10,2

1,4

in Ausbildung/noch nicht schulpflichtig

26,1

13,8

0,0

5,0
mit MH

10,0

15,0

20,0

25,0

30,0

ohne MH

Abb. 69: Schulabschlüsse im Vergleich 2017, Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund,
Quellen: Mikrozensus 2007 und Mikrozensus 2017, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2008 und 2018

terkulturelle Annäherungen eher verhindert habe215. Eine weitere Strömung, auf die hier nicht näher eingegangen werden
kann, ist der Transnationalismus. Dieser erweitert das Konzept
der kulturellen Integration über die Grenzen hinweg, indem er
die normativen Theorien des Multikulturalismus und der an die
nationalen Gesellschaften gebundenen Interkulturalität in Frage
stellt.216
In dieser Untersuchung ist den Befragten in nahezu allen Milieus
weitgehend der grundsätzliche Wille zur Integration gemeinsam, wobei diese – nach allen vorhandenen Maßstäben – bei
einem weiter gewachsenen Teil der Migrations-Bevölkerung
längst erreicht ist. Zugleich sind jedoch klare Abgrenzungstendenzen unübersehbar, die – vor allem im Religiös-Verwurzelten
Milieu – zu selbstgewählter Abgrenzung, etwa auch im nachbarschaftlichen Umfeld geführt haben bzw. noch führen können.
Parallel bleiben assimilative Strömungen relevant, insbesondere bei den Milieus der Mitte, teilweise auch bei den Performern.
Dazwischen sind in abgestufter Form hybride Identitätsmuster zu finden, oft in neuer, selbstbewusst vorgetragener Gestalt.
Kreativ-kosmopolitische Orientierungen gewinnen an Gewicht.
Zugleich spielen bei anderen Gruppen Tradition oder auch Religion als identitätsstiftende Bereiche oder Anker eine wachsende Rolle, während sie zugleich zu gesellschaftlichen Konflikten
beitragen: „Religion emerged as a new arena for contestations
over cultural boundaries, as a fundamental marker of difference
and identity and as an increasingly important category of recognition“.217 Eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Integrati86

vhw

onspolitik dürfte in diesem Kontext auch dem Aufbau stabiler
und die Integration fördernden Beziehungen zu migrantischen
Organisationen zufallen, die in den letzten Jahren durch die Einflussnahme einiger Herkunftsländer – wie das Beispiel Ditib zeigt
– schwieriger geworden sind.218
Der Integrationswille und die mehrheitlich zu findende Anpassungsbereitschaft endet bei den meisten Befragten beim Willen
zur Bewahrung der eigenen Kultur. Selbst unter denjenigen Befragten, die für eine einseitige Anpassung der Migranten an

Auf die anhaltende Debatte über den Vorrang oder die Komplementarität der beiden Konzepte kann hier nicht näher eingegangen
werden. Vgl. u. a. J. Elrick: Multikulturalismus, Interkulturalismus und
Diskriminierung. Bundeszentrale für politische Bildung, 18.10.2013;
R. Zapata-Barrero: Interculturalism in the post-multicultural debate: a
defence, in: Comparative Migration Studies, 2017, 5:14; T. Modood:
Must Interculturalists misrepresent multiculturalism? Comparative
Migration Studies, 2017, 5:15; F. Boucher, J. Maclure: Moving the
debate forward: interculturalism’s contribution to multiculturalism.
Comparative Migration Studies, 2018, 6:16
215

R. Kastoryano: Multiculturalism and interculturalism: redefining
nationhood and solidarity. Comparative Migration Studies, Mai 2018,
6:17
216

217

so Burchardt, Becci: Religion and Superdiversity, a. a. O., S. 2

siehe etwa M. Kortmann: Debating the ‘integration of Islam’: the
discourse between governmental actors and Islamic representatives in
Germany and the Netherlands, Comparative Migration Studies (2018)
6:24, Dezember 2018; kritisch zur Einflussnahme der türkischen
Regierung/ AKP: Kemal Hür: So erweitert Erdogan seinen Einfluss in
Deutschland, Die Welt, 4.10.2018
218

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

„die Deutschen“ sind, wünschen 80 Prozent, dass die Zuwanderer ihre kulturellen Wurzeln behalten. Kulturelle Assimilation
ist insofern nur für eine Minderheit der migrantischen Bevölkerung die bevorzugte Form der Akkulturation. Anpassung an
Land und Leute bedeutet für die meisten Befragten eben nicht
die Aufgabe der eigenen Kultur, sondern die Übernahme von
– formalen – Regeln und – informellen – Gepflogenheiten im
öffentlichen und oft auch privaten Lebensumfeld. Ob dies am
Ende auch in „emotionaler Integration“ mündet, bleibt offen:
Sie ist, so Toprak, „gewissermaßen die Königsdisziplin: Sie ist
komplex, beruht auf Subjektivität und ist nicht mit Kausalität
erklärbar, sie entwickelt sich langfristig und hängt auch von äußeren Faktoren ab“.219
Zwar wissen wir auch weiterhin, wie Moosmüller beklagt, „viel
zu wenig darüber, wie im interaktiven Handeln gegenseitiges
Verstehen oder Missverstehen, Akzeptanz oder Ablehnung,
produktive Kooperation oder kontraproduktives Blockieren, gemeinsame Fortschritte oder gegenseitige Behinderungen erzeugt
werden“ kann220. Gleichwohl hat die Untersuchung wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiches interkulturelles
Miteinander, also für den sozialen Zusammenhalt221, freigelegt
oder bestätigt. Dies gilt in besonderem Maße für die Bereiche
Sprachkompetenz und Kontaktart sowie -häufigkeit, bei
denen ein eindeutig positiver Zusammenhang mit den Gefühlen von Zugehörigkeit und Verbundenheit sowie der Bewertung
des interkulturellen Zusammenlebens ermittelt werden konnte.
So wird die Qualität des interkulturellen Zusammenlebens in
Deutschland von jenen Befragten, die „selten“ oder „nie“ Kontakte mit Autochthonen pflegen, deutlich schlechter bewertet
als von jenen mit häufigen Kontakten. Auch sozialer Aufstieg,
wie er sich unter anderem in der Wohneigentumsbildung zeigt,
fördert offenkundig die Verbundenheit mit Land und Leuten.
Dagegen behindern und untergraben – neben der erwähnten
sozialen Ungleichheit – die wahrgenommenen Diskriminierungen weiterhin den Zusammenhalt. Sie sind Teil einer Negativspirale aus fehlender Sprachkompetenz, seltenen Kontakten,
sozialer Benachteiligung bis hin zur Marginalisierung, erlebten
Anfeindungen oder schlichter Ignoranz und münden in mangelndem Vertrauen, nachbarschaftlicher und gesellschaftlicher
Ab- und Ausgrenzung sowie einem Rückzug in homogene Enklaven. Typisch dafür sind in besonderer Weise die Religiös-Verwurzelten, doch auch in den beiden Prekären Milieus haben sich
seit 2008 entsprechende Tendenzen verstärkt.
Darüber hinaus hat die im Sommer 2018 intensiv geführte
#MeTwo-Debatte das fortbestehende Ausmaß an erlebter Alltagsdiskriminierung auch in anderen migrantischen Milieus verdeutlicht222.

Fazit und Ausblick

umstritten223; auf der einen Seite wird das unscharfe und vornehmlich problembezogene Bild von Migranten in vielen Leitmedien kritisiert224, auf der anderen Seite wird die weitgehend
positive mediale Kommentierung der Aufnahme von Geflüchteten 2015/2016 hinterfragt225. Wichtige Erkenntnisse können
aus den Angaben zur – thematischen und raumbezogenen – Informationsbeschaffung und Mediennutzung der Befragten gezogen werden; diese sind auch für Untersuchungen zum Stand
und den Perspektiven „kommunaler Öffentlichkeiten“ relevant,
die der vhw eingeleitet hat226.
Auf der Ebene der aktualisierten Migrantenmilieus ist die Entwicklung des Statusbewussten Milieus für die Herausbildung
neuer Identitätsmuster und zusätzlicher, vielfältiger Impulse prototypisch, auch im Hinblick auf die künftige Integrationsdebatte.
Das Profil der Statusbewussten wird durch die Dualität von starker Aufstiegsorientierung und gleichzeitigem Festhalten an Traditionen sowie starken Bindungen zu Herkunftsland und -kultur
geprägt. Modernität und Bewahrung von Konventionen, auch
im familiären Bereich, gehen bei ihnen eine Symbiose ein, die
über das Muster der Untersuchung 2008 deutlich hinausreicht.
Ihr Credo ist nicht Rückzug oder Abgrenzung, sie wollen selbstbewusst teilhaben und bewahren.

.
vgl. A. Toprak: Mesut Özil und l lkay Gündogˇ an: Die Empörung
ist scheinheilig. Die Zeit, 15.5.2018, im Zusammenhang mit den
Reaktionen auf das Treffen der beiden Fußball-Nationalspieler mit dem
türkischen Präsidenten.
219

220

Zit. n. Moosmüller, Möller-Kiero: Interkulturalität, a. a. O., S.15

Ein aktueller Bericht des wissenschaftlichen Beirats der niederländischen Regierung benennt auf explorativer Basis wichtige Indikatoren
für den sozialen Zusammenhalt. Diese bauen auf der Unterscheidung
zwischen formalem und informellem Zusammenhalt auf und umfassen Punkte wie „Gemeinschaftsleben“, informelle Hilfe, Vertrauen,
(Un-) Sicherheit, Ausmaß des nachbarschaftlichen Heimatgefühls etc.
Unterschiedliche sozialräumliche Strukturen von Vielfalt wurden auf
den Zusammenhang mit diesen Indikatoren untersucht und bewertet.
Vgl. R. Jennissen, G. Engbersen, M. Bokhorst, M. Bovens: De nieuwe
verscheidenheid. Toenemende diversiteit naar herkomst in Nederland,
Den Haag: Wetenschappelijke Raad voor het Regeringsbeleid, 29. Mai
2018, S. 75ff
221

vgl. z. B.: Deutsch, aber nicht Deutsch genug?, https://de.qantara.
de/node/32251, 12. August 2018
222

vgl. dazu auch den Sammelband: Prinzing, M., Köberer, N.,
Schröder, M. (Hg.): Migration, Integration, Inklusion. Medienethische
Herausforderungen und Potenziale für die digitale Mediengesellschaft.
Nomos Verlag 2018
223

vgl. F. Herrmann: Ohne Gesicht und ohne Stimme. Warum die
Vielfalt der Lebenswelten im medialen Diskurs zu wenig sichtbar wird.
In Bertelsmann-Stiftung (Hg.) Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten,
a. a. O., 2018
224

vgl. M. Haller: Die Flüchtlingskrise in den “Medien”. Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Frankfurt:
Otto-Brenner-Stiftung 2017. S. a. C.M. Szczepanik: The „Good“ and
„Bad“ Refugees? Imagined Refugeehood(s) in the Media Coverage
of the Migration. Journal of Identity and Migration Studies, Vol. 10
(2016) 2
225

Der Abbau von Diskriminierungen gerade im halb-institutionellen Bereich wie bei der Arbeits- und Wohnungssuche sowie im Umgang mit Behörden ist – ungeachtet des ethischen
Imperativs – eine notwendige, wenngleich noch keine hinreichende Voraussetzung für die Stärkung von Teilhabe und sozialem Zusammenhalt. Welche Rolle die mediale Darstellung
von migrantischen Lebenswelten in diesem Kontext spielt ist

Ein entsprechendes Forschungsprojekt für den vhw ist in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich und der FU Berlin in Vorbereitung.
226

vhw

87

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Ihr kultureller Hintergrund ist heterogen, wenngleich gewisse
Herkunftsschwerpunkte in Südosteuropa, in der Türkei oder
auch im Nahen Osten zu finden sind. Ob und inwieweit dieses
lebensweltliche Muster auf andere Gruppen ausstrahlt, bleibt
abzuwarten und hängt zudem von der künftigen Herkunftsstrukur der Zuwanderer und den unklaren Bleibeperspektiven vieler
Geflüchteter ab.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und zwischen ihr und der autochthonen Bevölkerung gibt es – so das
Ergebnis der vorliegenden beiden Teilstudien – viele (milieuübergreifende) Gemeinsamkeiten, aber auch signifikante Unterschiede. Auf viele dieser Aspekte wurde bereits eingegangen.
Deutliche Unterschiede zwischen der Mehrheit der Migranten
und der autochthonen Bevölkerung bestehen bei Rollen- und
Familienbildern oder Moralvorstellungen fort. Bereits in der
Leitstudie war das Thema der unterschiedlichen „Familienorientierung und -bindung“ als einer der Hauptunterschiede zwischen Zugewanderten und Einheimischen deutlich geworden.
So befürworten mehr als zwei Drittel der Befragten Migrant*innen weiterhin die klassische Arbeits- und Rollenteilung zwischen
Mann und Frau in der Familie; allein bei den drei modernen Milieus der Intellektuell-Kosmopolitischen, Performern und Experimentalisten, unter ihnen viele im Inland geborene oder aufgewachsene Mitglieder der 2. und 3. Generation, hat sich dieses
Bild gewandelt und teilweise umgekehrt. Eine knappe Mehrheit
der Befragten ist offenbar auch der Ansicht, dass von den Medien ein negativer Einfluss auf Moral und Ordnung ausgehe und
diese „schärfer zu kontrollieren“ seien. Auch in diesem Punkt
weichen die drei modernen Milieus ab, befürworten aber immerhin noch zu einem Drittel eine solche Forderung.
Erstaunliche Gemeinsamkeiten mit der Gesamtbevölkerung
finden sich dagegen bei der Kritik an der Politik, welche die
„Anliegen der Menschen nicht wahrnehme“, bei der Bewertung
nationaler und internationaler Fehlentwicklungen sowie beim
skeptischen Blick in die allgemeine Zukunft. Davon abweichend wird die eigene persönliche Zukunft, allein oder in der
Familie, überwiegend positiv gesehen.
Unklar bleibt zunächst, welche Folgen diese Wahrnehmungen
für die politische Orientierung und das Demokratieverständnis der migrantischen Milieus haben. Neue Untersuchungen geben zumindest für jenen Teil der Bürger*innen mit Migrationshintergrund gewisse Aufschlüsse, die als deutsche Staatsbürger
wahlberechtigt sind. So relativiert sich z. B. bei den Russlanddeutschen die häufig genannte AfD-Nähe ebenso wie die – früher sehr starke – SPD-Affinität vieler Deutschtürken227; teilweise
hat sich in nur zwei Jahren bis 2018 die Parteipräferenz sogar
umgekehrt228. Autoritäre Orientierungen sind dagegen eher bei
den Migranten ohne deutsche Staatsbürgerschaft anzutreffen,
wie sich etwa bei der Unterstützung des türkischen Präsidenten
88

vhw

Fazit und Ausblick

gezeigt hat. Immerhin finden es zwischen 66 Prozent im – Milieu der Experimentalisten – und 88 Prozent bei den Religiös-Verwurzelten wichtig, dass es „in der Gesellschaft Führungspersönlichkeiten gibt, die eine klare Perspektive für die Zukunft
aufzeigen“. Insgesamt kann aus den kritischen Einstellungen zur
Politik jedoch keineswegs der pauschale Schluss gezogen werden, „der“ migrantische Bevölkerungsteil neige in besonderem
Maße zu autoritären Führungspersönlichkeiten.
In jedem Fall zählt eine gelingende gesellschaftliche Teilhabe für
möglichst alle Gruppen und Milieus mit Migrationshintergrund
neben der strukturellen Integration zu den Hauptaufgaben zukunftsgerichteter Gesellschafts- und Integrationspolitik, gerade
auch um die Akzeptanz für demokratische Strukturen und
Prinzipien zu steigern und nachhaltig zu stabilisieren.
Zu erwähnen sind im Kontext gesamtgesellschaftlicher Gemeinsamkeiten die ähnlichen Einstellungen zu Nutzung und Regeln
im öffentlichen Raum. Das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis
und das Anprangern bestehender Probleme unterscheidet die
Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund kaum. Auch
die Bedeutung des Wohnens für das Alltagsleben, teilweise
auch für den sozialen Aufstieg zeigt mehr Gemeinsamkeiten als
Unterschiede auf.
Ob die andauernde und sich teilweise verschärfende Debatte
um „gelungene Integration“, wie sie im Sommer 2018 geführt
wurde, mehr ist als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Integrationsvorstellungen muss zunächst offenbleiben. El-Mafaalani stellt sogar die These auf, dass die Auseinandersetzungen
ein Zeichen fortgeschrittener Integration in einer offenen Gesellschaft sei und nennt dieses Phänomen „Integrationsparadox“229. Für entscheidend hält er in diesem Kontext das „nicht
angesprochene Missverständnis“ der Idee einer konfliktfreien
Gesellschaft, bei welcher der Integrationserfolg an einer Zunahme von gesellschaftlicher Harmonie festzumachen sei.

Eine entsprechende Untersuchung über das Wahlverhalten von
Migranten führen die Universitäten Duisburg-Essen und Köln gemeinsam durch. Vgl. SZ, 8.3.2018: Russlanddeutsche mögen die Linkspartei lieber als die AfD, Interview mit Studienleiter A. Goerres. Danach
gaben 15 Prozent der Russlanddeutschen der AfD ihre Stimme,
21 Prozent der Linkspartei und 27 Prozent der CDU. Siehe dazu auch:
A. Goerres, S. J. Mayer D. C. Spies: Immigrant voters against their will:
a focus group analysis of identities, political issues and party allegiances among German resettlers during the 2017 bundestag election
campaign, Journal of Ethnic and Migration Studies, July 26, 2018
227

vgl. SVR Migration: Parteipräferenzen von Zuwanderinnen und
Zuwanderern: Abschied von alten Mustern. Kurzinformation. Berlin,
September 2018. Danach ist 2018 sind CDU/ CSU die beliebtesten
Parteien bei Zugewanderten. Siehe auch: M. Jäger: Nicht mehr ganz
so links, FAZ, 24.10.2018
228

vgl. A. El-Mafaalani: Das Integrationsparadox. Warum gelungene
Integration zu mehr Konflikten führt. Köln: Kiepenheuer & Witsch,
August 2018, S.13ff; s. a. ders.: Harmonie wird überschätzt, FAS,
12.8.2018
229

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Fazit und Ausblick

Die kommunale Ebene – Nutzung des
Milieuwissens vor Ort
Städte sind die Ebene der Umsetzung von Einstellungen, Bedürfnissen und Alltagspraktiken und zugleich die Räume sozialer
Benachteiligung, fehlender Teilhabe oder der Aus- und Abgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund. Dort können
eigene spezifische Wege beschritten, Konzepte erprobt und
­Herausforderungen angegangen werden230, so dass Zuwanderung im allgemeinen und die Aufnahme von Geflüchteten im
Besonderen zum Erfolg wird, wie viele Beispiele zeigen231.
Sowohl im Bereich der Forschung als auch der praktischen Gestaltung und Umsetzung ist ein interdisziplinäres Vorgehen232
bzw. ein verwaltungsübergreifender Ansatz von maßgeblicher
Bedeutung für den Erfolg einer zukunftsfähigen Integrationspolitik, bei der die Verschränkung der Politikansätze der interkulturellen Öffnung und des Diversity Management geboten
erscheint233.
Das aktualisierte und neue Milieuwissen leistet einen wichtigen
Beitrag zur analytischen Durchdringung und zur Umsetzung dieser Erfordernisse. Dies gilt insbesondere auch in Verbindung mit
ihrer mikrogeografischen Darstellung234, die in Erweiterung des
Repertoires sozialräumlicher Untersuchungsmethoden, also in
Ergänzung zu soziodemografischen Informationen und Daten,
Wechselwirkungen und Möglichkeitsräume ebenso aufzeigt wie
Grenzen und Fehlentwicklungen auf lokaler Ebene.
Das neue Milieuwissen erweitert die bestehende Erkenntnisbasis
in wesentlichen Bereichen:

zwischen individueller Verbesserung der Wohnsituation und
dem Verlust von interkulturellem „Brückenbau“ im „Wegzugs-Quartier“.
• Die Untersuchungsergebnisse sind auch im Kontext institutionalisierter Programme auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene zu nutzen. Hier wäre zum Beispiel das etablierte
Programmangebot der Sozialen Stadt zu nennen, das gerade nach dem Zuwanderungsanstieg seit 2015 wieder in den
Fokus gerückt ist.
Gesellschaftliche Vielfalt und gerechte Teilhabechancen – und
der erfolgreiche Umgang mit ihnen – bedürfen einer differenzierenden Betrachtung und Bewertung sowie eines begleitend vorausschauenden Monitorings. Die Lebensweltforschung ist dabei
ein wichtiger Baustein, auch für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund237, solange deren soziale Lage und insgesamt begrenzte gesellschaftliche Teilhabe spezifische und differenzierte
Antworten benötigen.
Aktuell – und für absehbare Zeit – geht es vornehmlich darum,
eine Grundlage für die Prüfung der Wirksamkeit von Integrationsansätzen und -politiken zu finden, wenn möglich sogar auf europäischer Ebene238. Zwar wird es auch weiterhin auf manche Fragen
im Kontext von Zuwanderung, Vielfalt, Zusammenhalt, Integration
und Teilhabe keine einfachen Antworten geben. Das gilt nicht zuletzt auf der normativen Ebene wie die heftigen Diskussionen über
Aufnahme und Integration der Geflüchteten gezeigt haben239.
vgl. D. Saunders: Die Stadt als Labor für Vielfalt und Teilhabe:
­ erausforderungen und Chancen, S. 157-174, in Bertelsmann-­
H
Stiftung: Vielfalt leben, a. a. O. 2018
230

vgl. U. Exner: Unter dem Strich profitieren wir von der Migration,
Interview mit dem Goslaer OB Oliver Junk, Die Welt, 2.10.2018

231

• Bei den Potenzialen und Hürden stadtgesellschaftlicher Partizipation und Teilhabe bzw. von deren Voraussetzungen.
Hier hat die Untersuchung wesentliche Defizite offengelegt
und teilweise zeigen können, welche Hindernisse abgebaut
werden müssen, damit eine schrittweise Inklusion weiterer
Teile der migrantischen Bevölkerung in solche Angebote und
Verfahren gelingen kann.
• Darüber hinaus setzt eine erfolgreiche Teilhabeentwicklung
und ein gestärkter sozialer Zusammenhalt die Kenntnis realer
Kommunikationsmuster vor Ort voraus. Dazu zählt auch
der Beitrag der Medien für die erforderlichen Informationen,
sowie deren Rolle bei der öffentlichen Darstellung migrantischer Lebenswelten. Beide Aspekte wurden, teilweise mit
unerwarteten Ergebnissen in der Studie behandelt, so etwa
im Hinblick auf die begrenzte Bedeutung sozialer Medien für
lokale Informationen.

G. Marconi, E. Ostanel (Hg.): The Intercultural City: Migration,
Minorities and the Management of Diversity. London, New York: I.B.
Tauris 2016: “The Intercultural City brings together scholars from a
range of disciplines – including urban studies, geography, planning,
sociology, political science and spatial design – to explore both the failings of existing policies to manage diversity and to examine how one
might begin to create appropriate governance structures to remove
obstacles and enhance the integration”.
232

vgl. H. Schröer: Vielfalt als kommunale Gestaltungsaufgabe –
Interkulturelle Öffnung und Diversity Management als strategische
Antworten, S. 227-260, in: F. Gesemann, R. Roth (Hg.): Handbuch
lokale Integrationspolitik, a. a. O., 2018
233

Das entsprechende Vorgehen wird als Ergebnis des dritten Teils
dieses Projekts vorgestellt werden.
234

vgl. Interview mit Marcel Helbig: Die Spaltung wird größer, FAZ,
2.6.2018
235

so S. Bogner: Integration: Jedem seine Welt! Die Zeit, 23/ 2018,
29.5.2018
236

Insofern ist aus analytischer Sicht Ferda Ataman zu widersprechen:
s. Ataman: Bizarre Statistik – Schafft den Migrationshintergrund ab.
Spiegel Online, 2.6.2018
237

• Auch im Hinblick auf die Frage, ob durch sozialräumliche und
ethnische Segregation im urbanen Raum eher Tendenzen
zur Vertiefung von Chancenungleichheit entstehen235, oder
ob segregierte Quartiere sinnvolle Rückzugsräume sind236 und
vielen Zuwanderern auf dem Integrationspfad helfen, kann
die Milieuforschung einen differenzierenden Beitrag leisten.
Beispielhaft zu erwähnen ist hier auch der Zusammenhang

siehe etwa: M. González Garibay, P. De Cuyper: Is there an
evidence basis for immigrant integration policies? Nordic Journal of
Migration Research, 8 (2018) 1, S.15-24
238

exemplarisch die Beiträge in F. Dietrich (Hg.): Ethik der Migration.
Frankfurt: Suhrkamp 2017; s. a. M. Heimbach-Steins: Grenzverläufe
gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Paderborn: Schöningh 2016
239

vhw

89

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Fazit und Ausblick

Doch dazu, einfachen, pauschalisierenden und populistischen
Antworten den Wind aus den Segeln zu nehmen, wie es national und international nötiger als seit langem erscheint, können
die vorliegenden Befunde aktiv beitragen. Gerade die Vorfälle in
Chemnitz und anderen Städten im Spätsommer 2018 mit dem
öffentlichen Erstarken des Rechtsextremismus und einer weiter
zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft haben die enorme
Bedeutung dieses Anliegens eindrucksvoll bestätigt.
Gleichzeitig ist das Fundament für eine gelingende Integration
jedoch weiterhin sehr breit, wie das Integrationsbarometer 2018
des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration
und Migration (SVR) verdeutlicht hat240. Insofern kann zusätzliches Wissen dabei helfen, Integration – soweit aktuell und künftig erforderlich – zu beschleunigen und zu gestalten.

siehe SVR 2018: Stabiles Klima in der Integrationsrepublik Deutschland. SVR-Integrationsbarometer 2018, Berlin, September 2018.
240

90

vhw

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Anhang

Anhang
Zusammensetzung der Stichprobe nach Geschlecht, Bildung und Herkunftsregion

Frauen

Einfache
Bildung
Mittlere
Bildung
Gehobene
Bildung
Hohe
Bildung
K.A.

Männer

Einfache
Bildung
Mittlere
Bildung
Gehobene
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Hohe
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K.A.

Summe Fallzahlen

O
st
er
ik
a

Summe
Fallzahlen

Am

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O
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a
Sü
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-

Soziodemografische Merkmale der Stichprobe

42
64
12
34
3
39
66
8
40
1

36
32
8
10
0
32
51
7
14
1

27
40
12
33
0
25
33
10
43
2

83
45
20
13
0
86
69
14
24
2

26
31
10
34
1
17
25
4
30
0

31
31
12
14
3
21
38
9
26
1

7
8
3
3
0
18
4
7
10
0

10
3
9
7
1
12
8
1
3
2

5
1
2
4
0
15
9
4
10
3

49
57
11
9
2
48
40
19
19
1

14
17
20
18
1
17
19
10
11
2

3
7
7
9

333

0

11

6
2
6
11
1

336

309

191

225

356

178

186

60

56

53

255

129

52

336
126

994

188

364
99

1056

241
16

2.050

oziodemografische
Soziodemografische
Merkmale
Merkmale
der
der
Stichprobe
Stichprobe
Soziodemografische
Merkmale
der
Stichprobe
Tabelle: Zusammensetzung der Stichprobe nach Geschlecht, Bildung und Herkunftsregion, Quelle: vhw/SINUS 2018

Geschlecht
Geschlecht
Geschlecht

Alter
Alter Alter
6565
Jahre
und
65und
Jahre
älter
und älter
Jahre
älter

1…1…
52%
52% 52% 48%
48% 48%

1…

15-29
Jahre
15-29 Jahre
15-29
Jahre

27%
27% 27%

20% 20%
50-64
Jahre
50-6420%
Jahre
50-64
Jahre

Männer
MännerMänner
Frauen
Frauen Frauen

Soziodemografische
Merkmale
der Stich
ziodemografische
Merkmale
der
Stichprobe
Soziodemografische
Merkmale
der
Stichprobe
Merkmale
der
Stichprobe
Soziodemografische
Merkmale
der
Stichprobe
Soziodemografische Merkmale der Stichpr
40%
40% 40%

30-49
Jahre
30-49 Jahre
30-49
Jahre

Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche Lage
Bildung
Bildung
Bildung
In
einem
kleineren
Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche
Lage
Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche
Lage
Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche
Lage Lage
Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche
k.A./
Ortk.A./weiß
auf demnicht
Land

grafische Merkmale der Stichprobe

k.A./weiß nicht

1%
k.A./weißk.A./weiß
nicht
In
einem
kleineren
In einem
kleineren
k.A./weiß
nicht 8%
1.000
€
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einem
kleineren
nicht
Haushalts-Nettoeinkommen
Räumliche
Lage
In
einem
kleineren
weiß nicht
k.A./
k.A./
Ort
auf
dem
Land
1%
8%
k.A./
Ort
auf
dem
Land
1%
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unter
1.000
€
niedrig
niedrig 8% 1%
k.A./
niedrig
unter 1.000
1.000 € 21%
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auf
demLand
Land
k.A./weiß nicht
21% 21%12%
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dem
8% 1% In einem kleineren
weiß nichtweiß nicht
unter
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1.000 €€
Alter
weiß
k.A./
weiß nicht
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Ort auf
dem Land
8% 1%
In einem
Vorort
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12% 12%
33%
33%
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1.000
€
18%
33%
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einem
12%
Vorort
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18%
18% 12%
der Nähe der Stadt
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12%
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65
Jahre€und älter
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einem
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in
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Nähe
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18%
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Nähe
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4.000
€
4.000 €
13%
45%
13%
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bis
18%
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45%
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mehr
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der
Nähe
der
Stadt
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1.000
bis
11%
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der
Nähe
der
Stadt
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1.000 bis
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13%
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15-29
Jahre
4.000
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2.000
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11%
48%
33%
11%
11%
33%
33%
35%
35% 35%
3.000 bis 3.000 bis
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3.000 bis
mittel
mittel mittel
50-64 23%
Jahre 20%
Frauen unter 4.000
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€ 4.000 € 23%
11%
33%
11%
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33%
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3.000 bis
3.000
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bis
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bis 2.000
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Am Stadtrand
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1 1
1
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Fälle
2.053 Fälle
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Fälle
2.000
bis€
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3.000
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Stadtrand
2.000 bis
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hoch
hoch

40%

3.000 €€
unter 3.000

30-49
Jahre Generationen
Migrationshintergrund:
Migrationshintergrund:
Generationen
Migrationshintergrund:
Migrationshintergrund: Generationen
Generationen

Bildung
hoch

gehoben

is: 2.053Basis:
Fälle2.053 Fälle

Fälle
älle

hoch

2./3. Generation
2./3.Migrationshintergrund:
Generation
Generationen
Migrationshintergrund:
Generationen
1. Generation
1. Generation
2./3. Generation
2./3. Generation

26%
niedrig
2./3.
Generation
Generation
33%

21%

26%
26%

11%
35%
Basis: 2.053 Fälle

Basis: 2.053 Fälle

mittel

26%

1.
1. Generation
Generation

1.1.Generation
Generation26%

26%

74%

74%

74%
74%

74%

74%

2

Quelle: SINUS 2018
1

vhw

91

2

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Verzeichnis der Diagramme und
Grafiken
Abb. 1: Bevölkerung mit Migrationshintergrund, 2007 und 2017
Abb. 2: Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an
den Altersgruppen, 2007 und 2017
Abb. 3: Herkunftsstruktur der Bevölkerung mit Migrations­
hintergrund, 2007 und 2017

Verzeichnis der Diagramme und Grafiken

Abb. 23: Vorrang für staatliche Gesetze über religiöse Gebote,
Milieus
Abb. 24: Religiosität in den Migrantenmilieus 2018 – Basis fünf
Items, kombinierter Gesamtindex
Abb. 25: Familie, Rollenbilder, sexuelle Orientierungen
Abb. 26: Rollenbild des Mannes nach Geschlecht, Herkunfts­
region und Religion
Abb. 27: Rollenbilder und Moralvorstellungen in den Milieus

Abb. 4: Zu- und Fortzug von Ausländern über die
­Bundesgrenzen, 1991 bis 2017

Abb. 28: Milieus, Moral und Medienkontrolle

Abb. 5: Struktur der Bevölkerung mit Migrationshintergrund
nach Schulabschluss, 2007/ 2017. Mikrozensus 2017.

Abb. 29: Bewertung des Zusammenlebens von Migranten und
Einheimischen in Deutschland, alle Befragten

Abb. 6: Projektphasen des vhw-Migrantenmilieu-Surveys 2016-2018

Abb. 30: Bewertung der Qualität des Zusammenlebens nach
Milieus

Abb. 7: Das neue Migranten-Milieumodell 2018
Abb. 8: Das Sinus-Migrantenmilieumodell 2008
Abb. 9: Woher kommen die Milieus 2018? – Der Übergang
vom alten zum neuen Modell

Abb. 31: Bewertung der Entwicklung des Zusammenlebens
nach Milieus
Abb. 32: Kontakthäufigkeit zu Einheimischen in der Freizeit
Abb. 33: Häufigkeit der Freizeitkontakte zu Einheimischen

Abb. 10: Selbstverständnis und Zugehörigkeit im Milieumodell
2018
Abb. 11: Grundorientierungen im Milieumodell 2018

Abb. 34: Kontakthäufigkeit und deutsche Sprachkenntnisse
Abb. 35: Bewertung des Zusammenlebens nach Häufigkeit der
Kontakte

Abb. 12: Kurzprofile der Migrantenmilieus 2018
Abb. 13: Berufs- und Sozialstatus in den Migrantenmilieus
2018, Anteile in %
Abb. 14: Milieuverteilung nach Zuwanderungszeit der Befragten
Abb. 15: Akkulturationsorientierungen nach Berry

Abb. 36: Kontakthäufigkeit zu Einheimischen nach r­ äumlicher
Wohnlage der Befragten
Abb. 37: Schema – Diskriminierungen im Kontext der
­Akkulturation nach Hämmig
Abb. 38: Diskriminierungserfahrungen nach Ort und H
­ äufigkeit,
in % aller Befragten

Abb. 16: Genutzte Sprache im Freundeskreis nach Milieus
Abb. 39: Diskriminierungserfahrungen in den Milieus insgesamt
Abb. 17: „Anpassungsverständnis“ in der Befragung
Abb. 18: „Einseitige Anpassung an die Deutschen“ nach Herkunftsregion
Abb. 19: Anpassungsverständnis in den Migrantenmilieus
Abb. 20: Bedeutung der Religion in den Milieus
Abb. 21: Zu- oder Abnahme der Bedeutung von Religion im
Leben nach Milieus (Muslime)
Abb. 22: Bedeutung der Religion im Leben nach v­ erschiedenen
Merkmalen und Einstellungen

92

vhw

Abb. 40: Diskriminierungserfahrungen nach Bereichen/ Orten in
den Milieus
Abb. 41: Diskriminierungsindex nach Herkunftsregion der
Befragten
Abb. 42: Wahrgenommene Kontaktablehnung durch Einheimische nach Milieus und Herkunftsregion der Befragten
Abb. 43: Veränderung der Benachteiligungssituation in den
letzten Jahren, nach Milieus
Abb. 44: Diskriminierungserfahrungen nach Kontakthäufigkeit
der Befragten

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Verzeichnis der Diagramme und Grafiken / Verzeichnis der Tabellen

Abb. 45: Bewertung der Aufnahme und Beitrag zur I­ntegration
der Geflüchteten

Abb. 67: Mieter und Eigentümer unter den Befragten – Häufigkeit der Freizeitkontakte

Abb. 46: Geflüchtete aus Sicht der Migranten und der Gesamtbevölkerung

Abb. 68: Planung des Erwerbs von Wohneigentum i­nnerhalb
von fünf Jahren, nach Milieus

Abb. 47: Milieus und ihre Einstellungen zur Aufnahme und zur
Unterstützung von Zuwanderern und Geflüchteten

Abb. 69: Schulabschlüsse im Vergleich 2017, Bevölkerung mit
und ohne Migrationshintergrund

Abb. 48: Informationsinteresse nach räumlicher Ebene, alle
Befragten

Verzeichnis der Tabellen

Abb. 49: Informationsinteresse nach räumlicher Ebene in den
Milieus

Tabelle 1: Statements zur Identität und Zugehörigkeit
Tabelle 2: Bedeutung der Religion nach Zuwanderungszeitpunkt

Abb. 50: Informationsquellen in den Milieus für Vorgänge im
Wohnviertel

Tabelle 3: Rollen- und Familienstatements, Milieuindex

Abb. 51: Wahrnehmung zunehmender „sozialer Kälte“ in der
Gesellschaft, nach Milieus

Tabelle 4: Kombiniert: Zustand und Entwicklung des
­Zusammenlebens

Abb. 52: Aussagen zur Politik, den Medien und zur
­allgemeinen Zukunft

Tabelle 5: Diskriminierungsbereiche nach Herkunftsregion der
Befragten

Abb. 53: Sicht auf die persönliche Zukunft, nach Milieus

Tabelle 6: Veränderung der Benachteiligungssituation in den
letzten Jahren, alle Befragten, nach Orten der Diskriminierung

Abb. 54: Bewertung der Interessenvertretung durch
­verschiedene Institutionen, alle Befragten
Abb. 55: Mitglieder in Vereinen – Bewertung der
­Zusammensetzung der Vereine nach Herkunftsgruppen
Abb. 56: Vereinsmitgliedschaften der Milieus nach
­Zusammensetzung der Vereine nach Herkunftsgruppen
Abb. 57: Aussagen zur lokalen und kommunalen
­Bürgerbeteiligung, alle Befragten (Zustimmung)
Abb. 58: Beteiligung an Bürgerversammlungen nach
­ausgesuchten Merkmalen (Index)
Abb. 59: Geforderte Regulierungen im öffentlichen Raum, Vergleich der aktuellen Befragungund der Trendbefragung 2015

Tabelle 7: Häufigkeit von Diskriminierungserfahrungen und
Bewertung des Zusammenlebens
Tabelle 8: Kreuztabelle – Aufnahme von Geflüchteten und
eigener Beitrag zum Wohlergehen
Tabelle 9: Informationsquellen für verschiedene räumliche Ebenen, alle Befragten
Tabelle 10: Bewertung der Interessenvertretung durch
­verschiedene Institutionen nach Milieus (Index)
Tabelle 11: Mitgliedschaften in Vereinen und Initiativen, nach
Typ und Milieu (Index)
Tabelle 12: Aussagen zur lokalen und kommunalen Bürger­
beteiligung, nach Milieus (Index)

Abb. 60: Wohnsituation nach Gebäudetyp der Befragten
Abb. 61: Wohnstatus der Milieus

Tabellen 13 und 14: Bekanntheit von Beteiligungsmöglichkeiten
und Teilnahmeerfahrung in den Milieus (Index)

Abb. 62: Ausgewählte Aussagen zum Thema Wohnen, nach
Milieus

Tabelle 15: Bedeutung verschiedener Nutzungsaspekte im
öffentlichen Raum, nach Milieus

Abb. 63 und 64: Wunsch der Verbesserung der eigenen Wohnsituation, nach bewohntem Gebäudetyp und räumlicher Lage

Tabelle 16: Was fehlt? – Fehlende Nutzungsmöglichkeiten im
öffentlichen Raum, nach Milieus, Index

Abb. 65: Aspekte der Wohnungswahl, alle Befragten

Tabelle 17: Nutzungsregeln im öffentlichen Raum, Zustimmung
zu den Statements nach Milieus, Index

Abb. 66: Veränderung der Bedeutung der Auswahlkriterien, Befragungen 2008 und 2017

Tabelle 18: Aspekte der Wohnungswahl nach Milieus (Index;
„entscheidend“)
vhw

93

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

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vhw 101

vhw-Migrantenmilieu-Survey 2018

Impressum
Herausgeber:	vhw – Bundesverband für Wohnen
und Stadtentwicklung e. V.
Fritschestraße 27/28
10585 Berlin
Projektleitung/
Verfasser:

Bernd Hallenberg

	Projektteam SINUS Markt- und Sozial­
forschung GmbH, Heidelberg / Berlin
Dr. Silke Borgstedt
Bodo Flaig
Dr. Christoph Schleer
ISBN:

978-3-87941-984-5
Berlin, im November 2018

Anmerkungen zur Schreibweise:
Wenn im Rahmen dieser Arbeit von Bewohnern, Nutzern, Gesprächspartnern etc. die Rede ist, sind damit selbstverständlich
immer auch Bewohnerinnen, Nutzerinnen, Gesprächspartnerinnen etc. gemeint. Auf eine explizite Benennung wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichtet.
Anmerkungen zu Fotos und Abbildungen:
Wenn nicht anders vermerkt, sind die Auftragnehmer dieser
­Studie Urheber der erstellten Abbildung.
Gestaltung/Druck:

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Druckerei Paffenholz GmbH, Bornheim

Impressum
                            
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