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Full text: Bei bester Gesundheit? Deutschlands E-Health im Check-up / Rückert, Maximilian Th. L.

Maximilian Th. L. Rückert / Dominik Pförringer (Hrsg.)

BEI BESTER GESUNDHEIT?
DEUTSCHLANDS E-HEALTH
IM CHECK-UP
Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020

109
www.hss.de

Argumente und Materialien
zum Zeitgeschehen

Maximilian Th. L. Rückert / Dominik Pförringer (Hrsg.)

BEI BESTER GESUNDHEIT?
DEUTSCHLANDS E-HEALTH IM CHECK-UP
Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020

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978-3-88795-552-6

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wieder.

GRUSSWORT
Unsere Gesundheit ist für jeden von uns eine
Herzensangelegenheit. Wir wünschen sie uns
gegenseitig an Geburtstagen, viele kümmern sich
aktiv und jeden Tag um sie, andere gehen jedoch
im Alltag gedankenlos mit ihr um und nehmen
sie für selbstverständlich. Wenn unsere Gesundheit gefährdet oder akut bedroht ist, hilft uns
Gottvertrauen und, gottseidank, in Deutschland
ein tragfähiges und verlässliches Gesundheitssystem.
Wie sich viele Menschen aber um ihre Gesundheit an sich Sorgen machen, so haben sie
auch Vorbehalte, Ängste und Bedenken gegenüber unserem Gesundheitssystem. Große Verunsicherung herrscht beispielsweise in weiten
Teilen der bayerischen Gesellschaft, weil im ländlichen Raum immer mehr Ärzte fehlen. Technologische Innovationen der Telemedizin eröffnen
neue Möglichkeiten, diesem Mangel zu begegnen,
rufen jedoch auch Skepsis hervor: Betreut mich
in Krankheit und Alter nur noch ein Computer
oder gar ein Pflegeroboter? Helfen mir zunehmende Digitalisierung und Automatisierung im
Gesundheitswesen oder bieten sie nur ökonomische Vorteile für Industrie und Wirtschaft?
Aufgabe und Anliegen des Gesetzgebers ist es,
diese Bedenken der Bürger ernst zu nehmen und
klare gesetzliche Rahmenbedingungen für ein
innovatives, gemeinwohlorientiertes Gesundheitswesen zu schaffen. Aktuell entstehen allerdings
neben den staatlich reglementierten Angeboten
auch solche aus der internationalen Privatwirtschaft, die weniger an der Gesundheit des Einzelnen, sondern vielmehr an dessen verwertbaren
Daten interessiert zu sein scheinen. Diese Parallelstrukturen sowie ein gewisser Innovationsstau
konnten anwachsen, weil die aktuelle Gesetzeslage den schnellen Entwicklungen in diesem Bereich noch nicht vollends Rechnung trägt.

Wir brauchen Konzepte und Lösungsstrategien, wie wir in der Epoche der tiefgreifenden
Veränderungen durch die Digitalisierung das
bayerische, deutsche und europäische Gesundheitswesen zukunftsfähig aufstellen können. Ein
richtungsweisender Ansatzpunkt für Ideen zu
einem zukunftsfähigen Gesundheitswesen kann
das für diese Legislaturperiode geplante E-HealthGesetz II sein.
Diese Herausforderungen zu meistern, ist
eine Gemeinschaftsaufgabe, die von allen Branchen des Gesundheitswesens gestemmt werden
muss. Die Hanns-Seidel-Stiftung will dazu ihren
Beitrag leisten und hat eine Plattform für branchenübergreifenden Expertenaustausch und gemeinsame Lösungsfindung geschaffen.
Mein herzlichster Dank gilt daher all jenen
exzellenten Fachleuten aus dem bayerischen Gesundheitswesen, die sich für die „Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“
engagiert und an dem vorliegenden Band tatkräftig mitgewirkt haben. Ihre Analysen bieten aus
bayerischer Perspektive tragfähige und zukunftsweisende Konzepte für eine menschendienliche
Gestaltung der digitalen Transformation des
Gesundheitswesens.
Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen, liebe
Leserinnen und Leser, eine anregende, informative Lektüre und natürlich: Gute Gesundheit!

||

PROF. URSULA MÄNNLE
Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, München
und Staatsministerin a.D.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

3

INHALT
3

GRUSSWORT
Ursula Männle

7

EINFÜHRUNG
Maximilian Th. L. Rückert

TEIL I –
ZUKUNFTSPLATTFORM BAYERN:
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN 2020
15

PRÄAMBEL

17

ZENTRALE FORDERUNGEN

19

PROBLEMANALYSE

TEIL II – STRATEGIEN UND KONZEPTE
29

DIGITALE GESUNDHEIT IM GESUNDHEITSWESEN VORANTREIBEN
Christian Bredl

33

AUFKLÄRUNGSKAMPAGNEN
Siegfried Jedamzik

39

AUFBAU EINER ZUKUNFTSSICHEREN DIGITALEN INFRASTRUKTUR
FÜR DAS DEUTSCHE GESUNDHEITSWESEN
Christoph F-J Goetz

45 FINANZIERUNG DIGITALER GESUNDHEITSANWENDUNGEN
Ralph Steidl
47

DIGITALISIERUNG IN DER MEDIZIN BRAUCHT ETHISCHE BEGLEITUNG
Reiner Anselm

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

5

INHALT

51

DIGITALISIERUNG IM GESUNDHEITSWESEN
Praxisbeispiel: e-MentalHealth
Günter Schiepek

57

AUSBILDUNG ZUR GESUNDHEITSTELEMATIK
Eine unterschätzte Herausforderung wird zum strategischen Dauerbrenner
Christoph F-J Goetz

61

GRUNDLAGEN FÜR DIGITALISIERTE APOTHEKEN
Thomas Benkert

63

INTEROPERABILITÄT –
EINE FRAGE DES WOLLENS UND NICHT DES KÖNNENS
Thomas Kleemann

67

BIG DATA IM GESUNDHEITSWESEN
Potenziale nutzen und Daten schützen
Volker Lodwig

71 QUANTENSPRUNG IN MEDIZIN UND GESUNDHEIT
Integrierte sektorenübergreifende Versorgung mit Datensouveränität
der Patienten
Helmut Hildebrandt / Volker Lodwig
75 AUFRUF: DATENSCHUTZ –
IM SINNE DES PATIENTEN, IM SINNE ALLER PATIENTEN
Dominik Pförringer
77

OPT-IN ODER OPT-OUT?
Choice Architecture bei der Implementierung der
elektronischen Gesundheitskarte
Michael Dowling / Stefanie Steinhauser

81 DIGITALISIERUNG IST DER SCHLÜSSEL FÜR EINE
BESSERE GESUNDHEITSVERSORGUNG
Arthur Kaindl

6

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

„Hiding within those mounds of data is knowledge
that could change the life of a patient or change the world.“
Atul Butte, Stanford Medicine School

EINFÜHRUNG
MAXIMILIAN TH. L. RÜCKERT || Die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems wird für Patienten
und Ärzte, Industrie und Ausbildung zunehmend digitaler. Big Data ist mit dem Einsatz moderner
und schneller Speicher- und Verarbeitungstechnologien Grundlage einer gesellschaftsverändernden
Analysierbarkeit von physischem und sozialem Leben der Menschen. Ihre dauerhafte Datenproduktion bietet ein kaum vorstellbares Wissenspotenzial: Datenbanken massenhafter Vergleichsdaten
und deren Analyse helfen beispielsweise bei der Medikamentenentwicklung oder Krebsdiagnostik,
ermöglichen individuelle Therapieansätze oder dienen allgemein der Prävention für ein gesundes
Leben aller – kurz: Die Möglichkeiten von E-Health sind unendlich und in ihrer Vielfalt eigentlich
nicht vorstellbar.

Während viele versorgungs- sowie verwaltungsrelevante digitale Anwendungen und Produkte der Medizin, Pharmazie und Pflege heute
Realität sind, bleiben sowohl für Experten der
Heilberufe als auch für die Bürger unseres Landes
viele Fragen offen:
Steht der Mensch noch im Mittelpunkt, wenn
ein Algorithmus Gesundheitsdaten sammelt, ein
anderer sie auswertet und ein dritter die Diagnose auf Basis von hunderttausenden Vergleichsdaten stellt? Braucht man Ärzte daher künftig
nur noch als psychologische Nachsorgebetreuer
einer automatisierten und individualisierten
Diagnostik? Ist es menschendienlich, wenn auf
Grundlage dieser automatisierten Analyse die
Pharmaindustrie ein hyperpersonalisiertes Medikament entwickelt – nur für einen einzigen
„Kunden“? Was ist ärztliche, was pharmazeutische Expertise, was sind deren künftige Aufgaben? Wann überschreitet digitale Selbstoptimierung die Grenze zur Totalüberwachung? Kann
Big Data für ein diskriminierendes Klassensystem
bei den Versicherern sorgen? Kann die Frage des
Landarztmangels durch eine digitale Telemedizin
gelöst werden? Welche politischen Weichenstellungen müssen für das Gesundheitswesen vorgenommen werden, um die digitale Revolution
zu gestalten?

Um Antworten auf diese drängenden, tagesaktuellen Fragen zu finden, den Status quo der
digitalen Transformation des deutschen Gesundheitswesens zu analysieren und zukunftsweisende Lösungsvorschläge zu entwickeln, lud
die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der
Hanns-Seidel-Stiftung Experten aus Bayerns
Gesundheitswesen branchenübergreifend zur
„Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“ ein.
Der Titel der Veranstaltungsreihe, die im Januar 2018 begann, ist Programm: Zum einen ist
es als „Zukunftsplattform“ langfristiges Ziel in
der Hanns-Seidel-Stiftung, eine gesundheitspolitische Arbeitsgruppe für Bayern zu etablieren, die
auch in Zukunft Ideenschmiede für politische
Entscheider und Multiplikatoren sein will und
Probleme der Zukunft vorausdenkt, bevor sie
überhaupt entstehen. Maßgabe dieser Arbeitsgruppe ist es, dabei stets die bayerische Perspektive auf bundespolitische Entscheidungen des
Gesundheitswesens zu wahren. Dass sich der
Titel mit „Verfallsdatum“ 2020 ergänzt, soll zeigen, dass sich die branchenübergreifende Expertengruppe aktuell mit dem Fragenkomplex rund
um das sogenannte E-Health-Gesetz (Gesetz für
sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen) beschäftigte.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

7

MAXIMILIAN TH. L. RÜCKERT

Startschuss der Veranstaltungsreihe war am 31. Januar 2018: Hochmotivierte aus Bayerns Gesundheitswesen werden
von der Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Ursula Männle, begrüßt: „Es muss im E-Health-Bereich aufwärtsgehen!“

Es ist nicht zu kleinzureden: In Deutschland
kommt die digitale Innovation lediglich schleppend in den Versorgungsalltag, da es an Strukturen, Ausbildung und der Möglichkeit, Lösungsansätze in Kliniken und Praxen zu testen und zu
implementieren, fehlt. Dadurch droht Deutschland im internationalen Vergleich hinsichtlich
Innovationskraft zurückzufallen und seine globale Wettbewerbsfähigkeit im Gesundheitswesen zu gefährden.
Bereits 2018 drohen allerdings bei Nichteinhaltung der gesetzlichen Maßgaben aus dem
E-Health-Gesetz harte staatliche Sanktionen, von
deren Abwendung das Gesundheitswesen zum
Teil noch weit entfernt ist. Verschärfend wirkt
außerdem das Inkrafttreten der europäischen
Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO)
am 25. Mai 2018.

8

Die Ursachen für eine zögerliche Implementierung digitaler Medizinprodukte in die Gesundheitsversorgung und Patientenverwaltung sind
vielfältig. Die Experten der „Zukunftsplattform
Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“ haben in drei Arbeits- und Diskussionsrunden die
Implementierungshürden gemeinsam herausgearbeitet und klar benannt, woran aktuell die
digitale Transformation des Gesundheitswesens
krankt. Diese Hürden und die daraus resultierenden Forderungen für politische Entscheider und
Multiplikatoren sind Inhalt der Präambel und
des ersten Teils des vorliegenden Bandes.
Im zweiten Teil bieten einige Experten der
Arbeitsgruppe klare Lösungsmöglichkeiten, Erfahrungsberichte aus der digitalen Praxis und
konkrete Vorbilder bzw. „Teststrecken“ für ein
tragfähiges und menschendienliches digitales

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

EINFÜHRUNG

Gesundheitswesen. Dies soll einen Beitrag dazu
leisten, das E-Health-Gesetz weiter zu denken
und eine Novellierung des Gesetzes für das bayerische, das deutsche und europäische Gesundheitswesen zukunftsfähig vorzubereiten.
Eines wurde in den Arbeitsgruppentreffen
besonders deutlich und es ist auch der rote Faden
des vorliegenden Bandes: Es braucht eine klar
kommunizierte, politisch induzierte Richtlinie.
Die Politik muss Leitplanken setzen, die Innovation ermöglichen und befördern, aber gleichzeitig weder den Einzelnen noch das Gemeinwohl
aus den Augen verlieren.
Die Expertenbeiträge scheuen sich nicht, dieses Paradox, das der digitalen Revolution inhärent ist, zu thematisieren: Die für die Akzeptanz
aller Bürger und Versorger der Heilberufe unerlässlich wichtige Datensouveränität des Einzelnen trifft auf den ersten Blick unvereinbar auf
die wortwörtlich zu verstehenden heilsbringenden Möglichkeiten der digitalen Transformation:
„Ein Tumor hat kein Recht auf informationelle
Selbstbestimmung.“

rungskampagne für ein digitales Gesundheitswesen bei. Denn alle sind sich einig: Krankenversorgung und Pflege bleiben auch mit hochtechnologisierten Prozessen eine Arbeit von Menschen
für Menschen. Es muss eine Arbeit bleiben, die
auf vertrauensvoller Kommunikation basiert.
Vertrauen lässt sich aber nicht gesetzlich festschreiben, aber es lässt sich durch transparente
Kommunikation der Nährboden für ein vertrauenserweckendes, digitales Ökosystem im Gesundheitswesen bereiten.

Bernhard Seidenath, MdL und Christian Bredl (l.)

Dr. Arthur Kaindl, Maximilian Rückert und
Prof. Dr. Dr. Christian Dierks (v.l.n.r.)

Gegenstand der Expertenbeiträge ist der
Datenschutz und die Datennutzung für Wissenschaft und industrielle Forschung, Interoperationalitäts- und Infrastrukturprobleme sowie Ausund Weiterbildungskonzepte für die Heilberufe.
Eine wichtige Bedeutung messen die Experten
allen voran den neugeschaffenen bzw. novellierten gesetzlichen Rahmenbedingungen und der
Notwendigkeit einer zentralgesteuerten Aufklä-

Mit dem vorliegenden Band versucht die
Akademie für Politik und Zeitgeschehen der
Hanns-Seidel-Stiftung mit der „Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen
2020“ genau das zu initiieren. Ohne die nicht
selbstverständliche und tatkräftige Mitarbeit
der exzellenten Fachleute aller Branchen des
bayerischen Gesundheitswesens wäre dies nicht
möglich gewesen. Ihnen gebührt großer Dank
und die Anerkennung, wenn hier formulierte
Forderungen auf die politische Agenda genommen werden und damit ein besseres, gesundes
Morgen geschaffen wird.

||

MAXIMILIAN TH. L. RÜCKERT
Referatsleiter Digitalisierung und Politik, Medien
der Akademie für Politik und Zeitgeschehen,
Hanns-Seidel-Stiftung, München

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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MAXIMILIAN TH. L. RÜCKERT

Als Experten engagierten sich in der „Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“
(in alphabetischer Reihung):

Dr. Christian Alex
Landesvorsitzender des Gesundheits- und
pflegepolitischen Arbeitskreises der CSU (GPA)
Prof. Dr. Reiner Anselm
Ludwig-Maximilians-Universität München,
Evangelisch-Theologische Fakultät,
LS Systematische Theologie und Ethik
Thomas Benkert
Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer und Vizepräsident der Bundesapothekerkammer
Maria Bohrer-Steck
ZD.B / Zentrum Digitalisierung.Bayern
Christian Bredl
Leiter der Landesvertretung Bayern Techniker
Krankenkasse
Prof. Dr. Dr. Christian Dierks
CEO Dierks+Company Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

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Henning Franke
Roche Diagnostics GmbH
Dr. Christoph F-J Goetz
Bayerische Landesärztekammer und
Kassenärztliche Vereinigung
Prof. Dr. Oliver Hayden
Department of Electrical and
Computer Engineering TranslaTUM,
Campus Klinikum rechts der Isar
Dr. Andreas Heigl
SERVIER Deutschland GmbH,
Leiter Gesundheitspolitik München
Sebastian Hilke
MEDICAL VALLEY EMN e.V.
Prof. Dr. Siegfried Jedamzik
BTA Bayerische TelemedAllianz
Dr. Arthur Kaindl
General Manager Siemens Healthcare GmbH

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EINFÜHRUNG

Prof. Dr. Thomas Kirchner
Direktor des Pathologischen Instituts der
Ludwig-Maximilians-Universität München
Thomas Kleemann
Klinikum Ingolstadt, Leiter IT

Prof. Dr. Günter Schiepek
Geschäftsführer des Center for Complex Systems Stuttgart / Salzburg, Ludwig-MaximiliansUniversität München Klinische Psychologie,
Paracelsus Medical University Salzburg, Institut
für Synergetik und Psychotherapieforschung

Ullrich Koczian
Stv. Präsident der Bayerischen
Apothekerkammer

Bernhard Seidenath, MdL
Bayerischer Landtag, stv. AusschussVorsitzender für Gesundheit und Pflege

Dr. Volker Lodwig
Roche Diagnostics GmbH

Prof. Dr. Clifford Sell
Wilhelm Löhe Hochschule Professur
Innovations- und Veränderungsmanagement

Dr. Georg Münzenrieder LL.M.
Bayerisches Staatsministerium für
Gesundheit und Pflege

Ralph Steidl
Portabiles HealthCare Technologies GmbH

Dr. Dominik Pförringer
Orthopäde und Unfallchirurg,
Klinikum rechts der Isar

Dr. Stefanie Steinhauser
Universität Regensburg, Lehrstuhl für
Innovations- und Technologiemanagement

Dr. Josef Scheiber
BioVariance GmbH

Dr. Thomas Zimmermann
Landesgesundheitsrat

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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TEIL I
ZUKUNFTSPLATTFORM BAYERN:
DIGITALES GESUNDHEITSWESEN 2020

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PRÄAMBEL
Alle Bereiche des Gesundheitswesens, darunter Kranken- und Pflegeversorgung, Gesundheitswirtschaft, Pharma- und Versicherungsbranche,
sind von der digitalen Transformation gleichermaßen betroffen und werden künftig einen signifikanten Wandel erfahren. Bisher bestehende
Grenzen zwischen den Sektoren werden zusehends verschwimmen und teilweise wegfallen.
Während dieses technologischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesses muss die
Zentralperspektive branchenübergreifenden Handelns auf den Interessen und Bedenken der Bürger und Patienten liegen.
Was bedeutet die Digitalisierung für das
Gesundheitswesen konkret? Die Digitalisierung
schafft Voraussetzungen für umfassende Datenerfassung, -speicherung und -verarbeitung (gemäß
innovativer ethischer und rechtlicher Vorgaben),
selektiven Zugriff auf Daten sowie für deren rasche Verfügbarkeit, z. B. zu Zwecken von prozessbezogener Diagnostik und Therapiesteuerung.
Neben dem selektiven Zugriff werden auch neue
Forschungsansätze ermöglicht, die basierend auf
einer breiten Analyse anonymisierter bzw. pseudonymisierter Daten Quantensprünge in Wissenschaft und Forschung ermöglichen. Hier stellt
sich zusätzlich zum Datenschutz die Frage, ob es
ethisch vertretbar ist, gewisse Daten ungenutzt
zu lassen.
Darüber hinaus ermöglicht die Digitalisierung
moderne Formen der Kommunikation sowie
innovative Versorgungsansätze. Digitalisierung
schafft also Infrastrukturen und liefert das Medium. Wie damit jedoch umgegangen wird und
worin deren Mehrwert liegt, hängt von den jeweiligen Versorgungskonzepten und den technologischen Methoden der Anwendung sowie
deren Verfügbarkeit ab. Diese Entwicklung ist
bei weitem noch nicht als abgeschlossen, sondern vielmehr als permanent dynamisch zu betrachten.

DIE DIGITALISIERUNG BIETET GERADE IM
GESUNDHEITSWESEN GROSSE POTENZIALE
In diesem Kontext ist es essenziell, drei Nutzenaspekte fest im Blick zu behalten, damit Digitalisierung weder Selbstzweck ist noch als solcher
betrachtet wird:
1. Zentral im Mittelpunkt der Bemühungen steht
der Bürger, dem die Digitalisierung in den
Phasen von Gesundheitsvorsorge, -behandlung und -nachsorge das Leben erleichtern
und die Gesunderhaltung verbessern soll.
Daran wird er den Erfolg der Digitalisierung
im Gesundheitswesen messen.
2. Die Heilberufe profitieren von der Digitalisierung in Form von Erleichterung administrativer und anderer nicht-kurativer Aufgaben
sowie von der Unterstützung des eigenen
Heilberufs durch besseren Zugriff auf Fachwissen sowie individuelle Patientendaten.
3. Die Gesellschaft, die Kostenträger und die
Leistungserbringer können vom ökonomischen Mehrwert neuartiger Methoden profitieren: mehr Zeit für Medizin, weniger Zeit für
Administration. Mit der Digitalisierung können durch Prozessoptimierung und Transparenzsteigerung die limitierten Ressourcen
bestmöglich genutzt werden.
Aus einer theoretischen Perspektive betrachtet bedeutet dies abstrakt: Der menschliche Körper, das Gehirn, alle biologischen Systeme sowie
auch mentale Abläufe (z. B. Emotionen), das
menschliche Verhalten und interpersonelle Systeme (sei es die Arzt-Patient-Kommunikation
oder Versorgungsstrukturen bis hin zu Gesellschaften) sind komplexe Systeme und weisen als
solche nichtlineare Dynamiken auf. Dies bedeutet, dass solche Systeme selbstorganisierte Muster und Strukturen erzeugen können, die auf der
Ebene von einzelnen Teilen weder vorliegen noch
intendiert waren (sogenannte emergente Eigen-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

15

PRÄAMBEL

schaften). Dadurch entstehen spontane Übergänge zwischen solchen Mustern, die Systeme
realisieren hochkomplexes Verhalten und sind
nur sehr begrenzt vorhersehbar. Dies führt dazu, dass sie weder proportionale Input-OutputVerhältnisse (z. B. Dosis-Wirkungs-Relationen)
aufweisen noch linear steuerbar sind. Genau für
solche Gegebenheiten braucht man die schnelle
Verfügbarkeit von Daten sowie intelligente Methoden der Datenanalyse (z. B. zur Identifikation
von Frühwarnindikatoren für Musterwechsel),
also Digitalisierung.
DIGITALE ANWENDUNGEN BRAUCHEN
AGILES DENKEN
Weitergedacht bedeutet dies, dass die digitale
Transformation agiler Gedankenkonzepte bedarf,
die nach sorgfältiger Technikfolgenabschätzung
eine rasche Erprobung zulassen, Testläufe ermöglichen und realitätsnahe Kontrollmechanismen
schaffen, um die Interaktion mit gewachsenen
Strukturen zu erlauben. Dafür müssen politische
Weichenstellungen für das Gesundheitswesen
vorgenommen werden, um das Ausmaß und die
Auswirkungen der digitalen Revolution zu gestalten: Sektorales Denken muss infrage gestellt
und eine Gesamtstrategie für die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens
umgesetzt werden, die Innovationen befördert
und menschendienlich reglementiert.
Um sektorales Denken im Gesundheitswesen
im Sinne des Bürgers zu überwinden, gilt es die
Prozessorientierung der eigentlichen Gesundheitsversorgung zu stärken. Im derzeitigen Reifegrad der digitalen Transformation in Deutschland kann dies durch Pilotprojekte aufgezeigt
werden. In drei beispielhaften Prozessumgebungen können die bisherigen Erfahrungen einzelner
Digitalisierungsprojekte ausgewertet und durch
koordinierte Projekte neue Erkenntnisse gewonnen werden: im Krankenhaus, in der Arztpraxis
sowie im Altenpflegeheim. Die im Behandlungsablauf vorgelagerten und nachfolgenden Schritte
können durch digitale Prozesse qualitativ hochwertiger und zugleich effektiver miteinander
verknüpft werden.
Ziel der Bundesregierung muss es sein, die zeitund ressourcenintensive digitale Transformation
des Gesundheitswesens mit regulatorischen und
informationellen Bemühungen sowie gezielten

16

Förderinitiativen zu gestalten. Damit gelingt es
ihr, den individuellen Nutzen für den Patienten
klar herauszustellen, Patientenbeteiligung zu ermöglichen und letztlich für das Vertrauen eines
mündigen Patienten zu sorgen. Das zentral gesteuerte Maßnahmenpaket der Bundesregierung
muss aus adaptiven und flexiblen Konzepten bestehen, die jedoch das Gesamtbild nicht aus dem
Auge verlieren.
Wichtige Schritte auf dem langen Weg zu einem digitalen Gesundheitswesen sind mit dem
so genannten E-Health-Gesetz (Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen) bereits beschritten.
Viele Fragen wie z. B. die Implementierung und
Erstattung digitaler Anwendungen in der Regelversorgung sind allerdings noch offen und müssen in der kommenden Legislaturperiode geklärt werden, um die dringend erforderliche Implementierung digitaler Innovationen in das
deutsche Gesundheitswesen zu beschleunigen
und deren tagtägliche Nutzung zu fördern.

ANMERKUNG
Präambel und Teil I ist ein Kooperationsprojekt aller
Experten der „Zukunftsplattform Bayern: Digitales
Gesundheitswesen 2020“. Für die wertvolle organisatorische Unterstützung sind wir unseren Mitarbeiterinnen
Frau Theresa Pfaffinger und Frau Barbara Fürbeth mit
ihrem Team zu großem Dank verpflichtet.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

ZENTRALE FORDERUNGEN

Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020
• Wir fordern: Sektorales Denken im Gesundheitswesen aufbrechen!
• Wir fordern eine zentral gesteuerte, bundesweite Aufklärungskampagne zu den
Chancen von E-Health für den Einzelnen UND das Gemeinwohl! Wir müssen das
Vertrauen von mündigen Bürgern und Patienten verdienen!
• Wir fordern vom Gesetzgeber einen dynamischen, effizienten Datenschutz!
Unter höchsten Sicherheitsstandards fordern wir stärkere Pragmatisierung bei
der Datennutzung, weg von übertriebenem, unreflektiertem Datenschutz!
• Wir fordern: Unsere Gesundheitsdaten gehören uns, den mündigen Bürgern!
Krankenkassen, Heilberufe u. a. dürfen diese Daten ausschließlich nach unserer
expliziten Freigabe einsehen und nutzen. Zur Bereitstellung der Infrastruktur zur
Datenfreigabe (z. B. Patientensafe) bedarf es öffentlich-rechtlicher Vorgaben,
bei der Ausführung müssen mehrere Anbieter konkurrieren!
• Wir fordern rechtliche Grundlagen für die Implementierung digitaler Anwendungen in der Regelversorgung bzw. zur Beschleunigung des Eingangs digitaler
Innovationen in das deutsche Gesundheitswesen! Wir fordern klare Richtlinien
zur Zertifizierung von Apps!
• Wir fordern klar vorstrukturierte Wege und Fristen für die Zugangserleichterung zur Erstattung digitaler Gesundheitsinnovationen in der Regelversorgung
zum Wohle des Bürgers! Wichtig ist es, gezielte Förderinitiativen weiterhin beizubehalten!
• Wir fordern Testläufe digitaler Anwendungen und realitätsnahe Kontrollmechanismen!
• Wir fordern zeitgemäße Aus- und Weiterbildungskonzepte, um die Technikskepsis von Anwendern in den Heilberufen zu überwinden!
• Wir fordern zentrale elektronische Gesundheitsakten auf Bundesebene! Verpflichtende Einführung für alle Sektoren und hoher Freiheitsgrad bei der Umsetzung! Aber: Die Vernetzung funktioniert so nicht! Wir fordern vernetzbare
Insellösungen!
• Wir fordern klare und verbindliche Vorgaben für Standards, Schnittstellen und
Kriterienkataloge für eAkten und eKommunikation im Gesundheitswesen!
• Wir fordern die Schaffung einer zentral koordinierten Infrastruktur explizit für
das Gesundheitswesen, also einer transparenten und integrativen OnlineGesundheitsplattform, auf die alle dezentralen Angebote aufsetzen!

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PROBLEMANALYSE
STRUKTURELLE UND STRATEGISCHE
IMPLEMENTIERUNGSHÜRDEN
Die digitale Revolution ist weniger Herausforderung als segensreiche Lösung für die großen Gesellschaftsprobleme in Deutschland: Der
demografische Wandel sorgt für einen Anstieg
sowohl des relativen und des absoluten Anteils
älterer Patienten im Krankenhaus als auch der
Zahl chronisch kranker und multimorbider Menschen. Dies stellt die medizinische Versorgung
und deren Verwaltung, die Pflege- sowie die
Versicherungsbranche vor große organisatorische und ökonomische Probleme.
Der abhilfe- und heilsversprechende Einsatz
digitaler Technologien in einer sektorenübergreifenden / integrierten Gesundheitsversorgung
stößt allerdings auf systemimmanente Probleme:
Zum einen ließe sich das „Beharrungsvermögen“
etablierter Strukturen zwischen Anwendung und
Forschung nur durch mehr einheitliche Standards aufbrechen. Zum anderen verhindert eine
große Technikskepsis der professionellen Anwender und Patienten gleichermaßen den Einsatz digitaler Technologien – eine Skepsis, die
sich auch aus der Tatsache speist, dass die technischen Lösungen aktuell tatsächlich hinter den
Erwartungen zurückbleiben. Die Bewältigung
dieser systemimmanenten Probleme bedarf einer
großen gesamtgesellschaftlichen Anstrengung,
Zeit und ausreichender finanzieller und personeller Mittel.
Diese Technikskepsis liegt unter anderem
darin begründet, dass die auf die Aufmerksamkeitsökonomie ausgerichtete Medienlandschaft
geschürte Ängste vor seelenlosen Pflegerobotern
am Kranken- und Altenbett, die Gefahr von
Technizismus und Transhumanismus in nahe,
aber unbestimmte Zukunft projiziert. Unbedingt
müssen die Bedenken der Bürger ernst genom-

men werden, denn gegen den Willen der Bevölkerung lässt sich keine digitale Transformation
des Gesundheitswesens gestalten.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens
muss daher auch Schritt halten mit den „uninformierten“ Anwendern und Konsumenten, sie
auf deren Wissensstand ansprechen, aufklären
über konkrete Inhalte und Auswirkungen der
digitalen Neuerungen auf ihre Lebenswirklichkeit und dadurch Ängste nehmen. Nicht nur die
Generationenunterschiede sind zu berücksichtigen, sondern auch soziale und Bildungsunterschiede.
Bei der konkreten Umsetzung der im E-HealthGesetz geforderten verwaltungs- und (zum geringeren Teil) versorgungsrelevanten Neuerungen zeigt sich das Problem des „digitalen Grabens“ am deutlichsten: Eine überdimensionierte
Erwartungshaltung informierter Konsumenten
(Digital Natives) trifft auf zwei weitere Problemdimensionen. Zum einen existieren häufig
schlichtweg bisher noch keine digitalen Anwendungen und Lösungen, die diesen Erwartungen
gerecht werden könnten. Der Anspruch an digitale Lösungen ist bisweilen größer als deren
tatsächlich mögliche Umsetzung. Im Falle vorhandener digitaler Lösungen sind professionelle
Anwender und Patienten im Umgang mit diesen
faktisch weder geübt noch informiert.
Der Technikskepsis und der Vertrauenskrise
muss durch eine klare, transparente und institutionell verankerte Kommunikationsstrategie begegnet werden. Kern dieser Ängste und großer
Skepsis in breiten Bevölkerungsschichten ist der
Umgang mit den aus ihrer Sicht hochsensiblen
Gesundheitsdaten und die damit verbundene
ungeklärte Frage, wem die Veränderungen der
digitalen Transformation überhaupt derzeit und
künftig zugutekommen sollen. Viele Patienten

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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PROBLEMANALYSE

in Bayern sehen ihre Daten als Produkte an, welche im Dienste des Turbokapitalismus von einer
geheimnisvollen Datenkrake versilbert werden.
Konkret befürchten sie, dass digitale Innovationen eher profit- statt patientenorientiert implementiert werden. Das ist allerdings ein primär auf
den deutschen Sprachraum fokussiertes Problem. Positive Beispiele aus dem Ausland können
eine gute Basis für die Kommunikationsstrategie
bilden.
Die Ausrichtung auf das Patientenwohl wird
sektorenübergreifend von den bestimmenden
Akteuren des Gesundheitswesens realiter überhaupt nicht in Zweifel gezogen. Privatwirtschaftliche Initiativen und Ansätze stellen seit jeher
und so auch in Zukunft die Grundvoraussetzung
für Innovations- und Wirtschaftskraft auch im
Gesundheitswesen dar. Ohne die Aussicht auf
Wertschöpfung werden Investitionen in neue
Technologien unterbleiben, wichtige Innovationen für die Patientenversorgung verzögert oder
gänzlich ausbleiben.
In diesem Kontext gilt es die Nutzung sensibler Patientendaten ausreichend durch Anonymisierung / Pseudonymsierung zu schützen,
um den eindeutig möglichen Nutzen für das
Gemeinwohl zu katalysieren. Die Ressentiments
im Umgang mit Gesundheitsdaten in breiten
Teilen der Bevölkerung verstellen den Blick auf
einen möglichen Quantensprung für die Regelversorgung und die Versorgungsforschung. Die
systematische Nutzung von strikt anonymisierten / pseudonymisierten Gesundheitsdaten wird
zweifellos zur Förderung der Präzisionsmedizin
in der Regelversorgung beitragen und eine Voraussetzung für deren Realisierung sein.
Anonymisierung / Pseudonymisierung muss
als Standard zum Schutz sensibler Gesundheitsdaten im Kontext wissenschaftlicher und industrieller Forschung etabliert und sichergestellt
werden.
Es scheint außerdem erfolgversprechend,
wenn die unbestreitbare Innovationskraft von
international agierenden und versierten Datenverarbeitungsunternehmen eingebunden wird,
jedoch gleichzeitig der heimische Digitalinnovationsmarkt gefördert wird. Für letzteres bereitet
die Medizininformatik-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bereits
einen fruchtbaren Boden an den Universitäten.

20

Diese Initiative sollte jedoch einen noch stärkeren Marktfokus erhalten, um auch für kleinere
Einheiten als Universitätsklinika relevant zu sein
und gleichzeitig Startups und kleine und mittlere Unternehmen gewinnbringend einbinden zu
können.
Die komplexe Frage der individuellen Datenhoheit führt uns an die Grenze der in Ethik und
Recht eingespielten Sichtweise, Probleme von
Einzelnen nicht von der Gemeinschaft her zu
modellieren. Dies kann nicht allein gesetzlich
oder regulatorisch initiiert werden, sondern bedarf eines öffentlichkeitswirksamen Startpunktes
der gesellschaftlichen Diskussion.
In Form einer breit angelegten Aufklärungskampagne muss daher eine menschendienliche,
also ethisch reflektierte, und juristisch verbindliche Antwort darauf gegeben werden, was mit
Big Data im Gesundheitswesen zugleich technisch
möglich und ethisch vertretbar ist. Dies alleine
jedoch wird nicht genügen. Die Kommunikationskultur des Gesundheitswesens muss sich
den neuen Gegebenheiten anpassen. Ebenso wie
Softwareinnovation kein Ende hat, müssen die
entsprechenden Aufklärungskampagnen kontinuierlich fortgeführt werden (Beitrag Jedamzik,
S. 33 ff.). Neue Softwarelösungen müssen dauerhaft im Blick behalten, diskutiert und kommuniziert werden. Man kann dabei aus der Vergangenheit der digitalen Transformation der Industrie
sowie der Konsumentenelektronik vieles ableiten
und damit potenziell für die Implementierung
relevante Fehlentwicklungen abschätzen.
Konkreter Anlass für die Schaffung neuer, auf
das Gesundheitswesen abgestimmter Regularien
und einer damit verbundenen Aufklärungskampagne ist die klare Fristenregelung der General
Data Protection Regulation (GDPR), zu Deutsch
EU-Datenschutz-Grundverordnung. Bis zum
25. Mai 2018 haben auch europäische Unternehmen aus dem Gesundheitssektor Zeit, sanktionslos die im GDPR geforderten Anpassungen
vorzunehmen. An dieser Stelle ist es wichtig zu
betonen, dass mit dieser Regelung auch die großen IT-Firmen des Silicon Valley unter Anpassungsdruck geraten. Für sie ist der Zugang zum
EU-Markt wichtig. Zweifellos wird daher das
EU-Recht Einfluss darauf haben, wie neue
Dienstleistungen entwickelt und implementiert
werden.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

PROBLEMANALYSE

Sanktionen drohen auch von anderer Seite:
Im laufenden Jahr sollen laut E-Health-Gesetz
bereits sukzessive der elektronische Medikationsplan, der elektronische Arztbrief, die elektronische Patientenakte (ePA), das Versichertenstammdatenmanagement und die Videosprechstunde
eingeführt und flächendeckender eingesetzt werden – allein die Realisierung scheint schwerlich
fristgerecht erreichbar. Dafür fehlt es zudem
noch an Infrastruktur: flächendeckender Breitbandausbau und technologische Verschlüsselungslösungen.
In diesem Zusammenhang ist eine Forderung zentral: Es braucht die Etablierung einer
sicheren und transparenten, integrativen OnlineGesundheitsplattform. Ein solcher Prototyp, der
an vorhandene Strukturen anknüpfen kann, ließe
sich in Bayern testen.
Innovative „digital tools“ sollen außerdem
versorgungsrelevant die Integration von Prozessfeedback und Evaluation individualisierter Therapie ermöglichen. Beispielsweise gelingt dies
bereits im Anwendungsbereich der Psychiatrie
und Psychotherapie: die Integration von digitalem Prozessmonitoring während der Behandlung
in der klinisch-therapeutischen Praxis. Dazu
gehört die Forderung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), allen Versicherten nachweislich wirksame Internetprogramme auf Kosten der Krankenkassen zur Verfügung zu stellen,
unter der Voraussetzung, dass diese als Medizinprodukt zugelassen (CE-Kennzeichnung) sind
und den Mindestanforderungen an die Qualität
der Produkte entsprechen (Wirksamkeitsnachweis). Zudem müssen diese Medizinprodukte
in das Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen und
dort eine neue Produktgruppe geschaffen werden.1
Konkret für die elektronische Patientenakte
existieren beispielsweise bereits Digitalsysteme,
welche auf Basis existierender Lösungen entwickelt wurden und die ePA auf das Smartphone
bringen können. Der Patient hat damit beispielsweise seinen Medikationsplan, Übungen,
Fragebögen in der App und erfasst Vitalwerte
von Wearables (Schritte, Puls, Blutdruck etc.)
nach Vorgabe der betreuenden Ärzte. Diese Informationen werden P2P in die institutionelle
Patientenakte beim behandelnden Arzt übertragen. Darüber hinaus bieten solche Systeme die

Möglichkeit des Dokumentenaustauschs (beispielsweise von Arztbriefen, Laborbefunden) zwischen Arzt / Klinik und Patient und umgekehrt.
Konkret gibt es hierzu seitens bayerischer Startups (z. B. von Advanova, BioVariance, SmartPatient) sinnvolle Lösungen, welche in einen
solchen Rahmen mit eingebunden werden können.
PERSONELLE IMPLEMENTIERUNGSHÜRDEN
Mangelnder Nachwuchs bei alternder Ärzteschaft (das Durchschnittsalter der Hausärzte
betrug 2018 54,7 Jahre) ist nur ein Teilproblem
des Fachärztemangels in Medizin und Pflege.
„Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in
den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“, so Frank Ulrich Montgomery.2 Es fehlen
nachweislich Studienplätze, um diese demografische Versorgungslücke zu schließen. Bereits
im Medizinstudium – aber auch generell im gesamten Ausbildungswesen der Krankenversorgung – muss die praktische Anwendung von
„digital tools“ sowie deren ethische Reflexion
ihren festen Platz in den Curricula finden. Es
gilt, für die digitale Transformation ein neues
Anforderungsprofil an die neue Generation von
Gesundheitspraktikern zu etablieren.
Gezielte Schulungen von Praktikern während des ganzen Berufslebens sollen ein digitales
Gesundheitswesen realisieren helfen und den
„digitalen Graben“ zwischen Usern und NichtUsern schließen. Hierzu bedarf es der zeitnahen
Entwicklung zeitgemäßer und sich dynamisch
entwickelnder Ausbildungskonzepte für alle
gesundheitsrelevanten Branchen (Beitrag Goetz,
S. 57 ff. und Beitrag Benkert, S. 61 f.).
Hilfreich sind Pilotprojekte, um rasch Erfahrungen zu sammeln, um von Vorreitern zu lernen, wie beispielsweise partiell vom Zentrum
Digitalisierung Bayern initiiert.
Als weitere Implementierungshürde auf personeller Ebene tritt immer wieder die fehlende
Abbildung digitaler ärztlicher Leistungen (z. B.
für die Beratung, Erläuterung zu digitalen Anwendungen oder Monitoring der Patientendaten)
auf EBM-Ebene auf (Einheitlicher Bewertungsmaßstab). Die „Ersatzwährungen“ Zeitersparnis und weniger Praxisbesuche verfehlen ihre
Anreizwirkung bei Leistungserbringern in vielen
Fällen.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

21

PROBLEMANALYSE

TECHNISCHE IMPLEMENTIERUNGSHÜRDEN
Größtes und sich durch zunehmende Parallelstrukturen weiter verschärfendes Technikproblem
ist die mangelnde Interoperabilität der Systeme.
Die synchrone Nutzung verschiedener digitaler
Lösungen für die gleichen verwaltungsrelevanten
Probleme erschwert die organisatorische und
prozessuale Umsetzung des E-Health-Gesetzes
besonders. Es fehlt an einer Harmonisierung
von Schnittstellen und Oberflächen. Es mangelt
an einem gemeinsamen Standard (d. h. einer
„Stecker-Kompatibilität“), welcher beispielsweise für eine einheitliche elektronische Gesundheitskarte (eGK) nutzbar wäre. Da das Problem
der sogenannten „Legacy Problems“ zentral und
vielschichtig, aber schwer umsetzbar ist, bedarf
es für Interoperabilität und Etablierung von
Standards der tatkräftigen Mitwirkung aller Beteiligten (Beitrag Kleemann, S. 63 ff.).
Es liegt unter anderem in der Verantwortung
der Krankenkassen, eine einheitliche eGK zu
ermöglichen. Außerdem mangelt es an einer
technischen Integrationslösung für gewachsene
IT-Strukturen.
Noch dringender werden zunächst praktische
Basiskonzepte für die elektronische Gesundheitsakte (eGA) gebraucht, die auch die verschiedenen Sektoren (stationär und ambulant)
innerhalb der eGA miteinander verbinden.
Dafür müssen höchste IT-Sicherheitsstandards gewährleistet werden. Sicherheit vor
Datendiebstahl oder Manipulation könnte ein
technisches Pseudonymisierungskonzept bieten,
der Schlüssel für die Zuordnung läge in Händen
der Patienten. Es ist zu prüfen, wie ein solches
Konzept mit der Datenschutzgrundverordnung
und anderen nationalen und europäischen Reglementierungen in Einklang zu bringen ist (Beitrag Pförringer, S. 75 f.).
Ein technisches Pseudonymisierungskonzept
könnte die Basis für „real world data pools“
schaffen. Je umfangreicher die digitale Patientenakte, desto größere Datenmengen stehen zur
Verfügung und desto patientengerechtere und
individuellere Versorgungsentscheidungen können getroffen werden. Verstärkt können solche
Forschungsergebnisse noch durch den Einsatz
von „lernenden Systemen“ (KI) werden. In diesem Fall wie bei eGA und eGK muss gesetzgeberischer Raum für Erprobungsmöglichkeiten, also

22

„digitale Teststrecken“, auch für das Gesundheitswesen in Form von Modellregionen geschaffen werden (Beitrag Bredl, S. 29 ff.).
Solche Erprobungsmöglichkeiten würden
auch den Innovationstransfer vom Prototypen
in die Regelversorgung rascher realisieren –
jedoch unter Einbeziehung wissenschaftlicher
Risiko- und Bedrohungsanalysen. Wünschenswert ist hier die Anbindung einer solchen Teststrecke an eine Hochschule und ein Klinikum,
um Transfer, Ausbildung sowie Förderung zukunftsrelevanter Themen sicherzustellen. Beispiel und Vorreiter ist die MedizininformatikInitiative.
Aufgrund der kurzen Innovationszyklen digitaler Anwendungen sollten Erprobungs- und
Testphasen mit kurzen Fristen und klaren Evaluationskriterien versehen sein. Sobald digitale
Anwendungen ihre Wirksamkeit nachgewiesen
haben, sollten alle Versicherten Zugang dazu
bekommen und der Übergang in die Regelversorgung klar geregelt sein.
Noch fehlen aber die grundlegenden Infrastrukturen, um eine flächendeckende Versorgung
von digitalen Verwaltungs- und Versorgungstools zu etablieren. Jede Form der Telematik
funktioniert nur, wenn besonders in ländlichen
Regionen flächendeckender Internetzugang mit
ausreichender Bandbreite gewährleistet / sichergestellt ist (Beitrag Goetz, S. 39 ff.).
FINANZIELLE IMPLEMENTIERUNGSHÜRDEN
Der Wachstumsmarkt Digital Health ist von
gesamtgesellschaftlicher Relevanz, dessen Umsätze kontinuierlich steigen. Es fehlt jedoch an
tragfähigen Geschäftsmodellen und Marktstrategien. Um nachhaltig dem Gemeinwohl dienliche
Geschäftsmodelle zu entwickeln, bedarf es innovativer Lösungen, die den Patienten am Wert
seiner Daten beteiligen. Beispielsweise können
neuartige Technologien wie Distributed-Ledger
nachvollziehbar darstellen, welche Daten zu
welchem Nutzen geführt haben. Dementsprechend könnte eine anreizbasierte Bonusentschädigung und / oder Beitragsreduktion geschaffen
werden.
Der Zugang zu pseudonymisierten Patientendaten kann dafür die Basis schaffen, sobald
Fragen zur Umsetzung, Risiken und Alternativen
geklärt sind (Beitrag Pförringer, S. 75 f.).

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

PROBLEMANALYSE

Zudem fehlt es an einem Nutzen- und Wirtschaftlichkeitsnachweis der digitalen Lösungen.
Auch dazu bedarf es der Forschung (für kurze
Innovationszyklen und Alternativen zu den üblichen randomized controlled trials / RCTs), ohne
welche die Glaubwürdigkeit und der tatsächliche Bedarf von versorgungsrelevanten DigitalHealth-Anwendungen für das Patientenwohl
angreifbar ist. Aus diesem Grund müssen Experimente mit verwaltungs- und versorgungsrelevanten „digital tools“ ermöglicht werden, aus
denen sich ein signifikantes Patientenfeedback
generieren lässt. Bereits implementierte Pilotprojekte im telemedizinischen Bereich konnten positive Ergebnisse hervorbringen (Beitrag Goetz,
S. 39 ff.).
Notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzung für die Aufnahme in die Regelversorgung
ist die CE-Kennzeichnung als Medizinprodukt.
Darüber hinaus muss ein Wirksamkeitsnachweis durch eine Erprobungsphase oder Studie
gemäß der Risikoklasse des Medizinprodukts
erfolgen. Dabei sollten die Evidenzanforderungen
jedoch deutlich unter denen der AMNOG-Verfahren (Arzneimittelneuordnungsgesetz) liegen,
zumal bei digitalen Anwendungen im Vergleich
zu innovativen Arzneimitteln das Schadenspotenzial deutlich geringer ist.
Es gilt auch in diesem Fall: „Wir brauchen
erst Autos, bevor wir Autobahnen bauen.“ Das
bedeutet, dass erst die Prototypenentwickung
von „digital tools“ vereinfacht werden muss, um
a posteriori deren flächendeckende Implementierung zu regulieren. Dies wiederum spricht für
eine solche „digitale Teststrecke“ (Beitrag Schiepek, S. 51 ff.).
Ein weiteres Desiderat im Bereich der Finanzierungsfragen stellt außerdem die noch fehlende bzw. ausreichende Vergütungsreglementierung der Digital-Health-Anwendungen wie
beispielsweise der telemedizinischen Versorgung, dar (Beitrag Steidl, S. 45 f.).
Man braucht hier vor allem „Prozesssicherheit“ bezüglich der auf Digital-Health-Anwendungen zugeschnittenen Anforderungen und
verbindliche Fristen, die an die Innovationsgeschwindigkeit angepasst sind.
Üblich und sinnvoll wäre eine Vergütung
über die Krankenkassen. Dies stellt, wie die Kostenfrage für digitale Geschäftsmodelle generell,

eine bedeutende Hürde im Umsetzungsprozess
des E-Health-Gesetzes dar. Auf beide Fragen
muss die Bundesregierung Antworten finden.
Gleichwohl bieten digitale Lösungen und
Anwendungen die Chance, bestehende Versorgungslücken zu schließen und die Versorgung
insbesondere bei chronischen Erkrankungen
effizienter und damit kostengünstiger zu gestalten.
GESETZLICHE IMPLEMENTIERUNGSHÜRDEN
Die Rolle des Gesetzgebers ist nicht leicht: Er
hat bei der digitalen Transformation des Gesundheitswesens die doppelte Verantwortung,
sowohl hohe Standards für die Datensouveränität des Einzelnen zu gewährleisten als auch
gleichzeitig Raum für Innovation zu lassen. Um
gesetzliche Implementierungshürden für ein
flächendeckendes digitales Gesundheitswesen
zu überwinden, müssten bestehende Vorschriften und Regulierungen gedrosselt werden. Dann
droht die Gefahr von „underregulation“. Genauso groß ist allerdings die Gefahr, Innovationen
tot zu regulieren („overregulation“). Es besteht
ein eklatanter Widerspruch zwischen den nebeneinander existierenden Funktionskreisen „Versorgung und Bürgeranspruch“. In diesem Kontext muss im Bezug auf „effizienten Datenschutz“
klar zwischen Medizin und Lifestyle differenziert
werden.
Durch Überregulierung entstehen lange Zulassungs- und HTA-Prozesse (Health Technology Assessment bzw. Medizintechnik-Folgenabschätzung), die Innovationen, wie beispielsweise digitale Produkte in die Regelversorgung
zu implementieren, ausbremsen. Überregulierung sorgt auch für einen erheblichen Mangel an
„open data“, was die Validierung medizinischer
Digitalprodukte verlangsamt.
Essenzieller Bestandteil einer gesetzlichen
Regelung ist die klare Definition möglichst enger Fristen für die Zulassung, Bewertung und
Aufnahme in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung, um der Innovationsdynamik digitaler Anwendungen gerecht zu
werden. Erfahrungen mit der Selbstverwaltung
zeigen, dass Fristenregelungen notwendig sind,
um Entscheidungsprozesse patientenorientiert
voranzubringen. Der Innovationszyklus digitaler
Anwendungen und der dazugehörigen Software

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

23

PROBLEMANALYSE

kann damit adäquat berücksichtigt werden. Die
derzeitige Marktzulassung und Erstattungsregelung von klassischen Medizinprodukten wird
der kontinuierlichen Weiterentwicklung digitaler Produkte nicht gerecht.
Kassen, Ärzte und Verbände sollten den Abrechnungsweg über eine ärztliche Verordnung
gehen können. Die Verordnung oder die Erbringung einer digitalen Leistung soll daher nur auf
Basis einer ärztlichen Diagnose erfolgen. In das
Verfahren zur Erstattung eines digitalen Produktes muss auch der Prozess zur Festlegung einer
EBM-Ziffer integriert sein, sofern dies für die
jeweilige Anwendung notwendig ist.
Ziel ist es, digitale Lifestyleprodukte von
ernstzunehmenden Gesundheitsprodukten zu
trennen. Damit sind auch die Themen Kosten,
Preise und Budget Impact für die Kostenträger
berücksichtigt: Gemäß § 12 SGB V sollen diese
Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein.
„Open Data“ ist ein generelles Desiderat. Es
fehlt in Deutschland außerdem an einem Zentralregister aller Berufstätigen in den Heilberufen
sowie an einem Organspendekataster.
Der Fokus jeder gesetzgeberischen Maßnahme muss auf dem Patienten liegen. Dazu braucht
es von Anfang an und begleitend breit angelegte
Aufklärungskampagnen, um Transparenz zu
schaffen und Vertrauen herzustellen.
Der Gesetzgeber muss der Versorgungsforschung Anreize setzen, um digitale Technologie
im Feld zu testen, wie er es in anderem Kontext
der „Smarten Modellregionen“ im Koalitionsvertrag empfiehlt. Dieses geplante Bundesprogramm „Smarte Modellregionen“ könnte den
schnellen Transfer von digitalen Gesundheitslösungen in die Regelversorgung ermöglichen.
Auch hierbei lässt sich an die Konzepte der Medizininformatik-Initiative anknüpfen. Der Gesetzgeber muss aber auch ggf. sanktionieren, um Interoperabilität und Standards zu gewährleisten,
wo bisher Vorgaben gefehlt haben. Beides, Anreize und Sanktionierungen, können eine zügige
Etablierung der Telematikinfrastruktur ermöglichen.
Der Datenschutz ist der umstrittenste und zugleich aber auch der relevante Schlüsselaspekt,
um das Vertrauen der breiten Bevölkerung in die
digitale Transformation des Gesundheitswesens

24

zu gewinnen. Es braucht gesetzliche Maßgaben,
die eine persönliche Datensouveränität gewährleisten, was weit über den Bereich des Gesundheitswesens hinausreicht. Übertriebener Datenschutz ohne Hintergrundwissen, welche Daten
für die Forschung und patientenorientierte, individualisierte Versorgung überhaupt notwendig sind, ist kontraproduktiv und teilweise sogar
unethisch. Es braucht einen „effektiven Datenschutz“: Der Patient sollte die Hoheitsrechte an
seinen Daten haben, nutzen darf sie der Arzt in
anonymisierter Form für wissenschaftliche Studien (Beitrag Pförringer, S. 75 f.).
Es bedarf der Etablierung eines „PatientenSafes“, dessen Inhalt pseudonymisiert der wissenschaftlichen und industriellen Forschung zur
Verfügung steht (Beitrag Dowling / Steinhauser,
S. 77 ff. und Beitrag Lodwig, S. 67 ff.).
Bei der Arbeit mit Gesundheitsdaten ist das
Vertrauen des Bürgers das höchste Gut, insbesondere in der deutschen Wahrnehmung. Daraus leiten sich vier Folgerungen ab:
1. Die Speicherung von Gesundheitsdaten von
in Deutschland lebenden Menschen ist nur
auf in EU-gelagerten Servern zulässig und
muss selbstredend den EU-Datenschutzreglementierungen entsprechen. Die Datenschutzbehörden sind aufgefordert, die Einhaltung des Datenschutzes insbesondere von
Gesundheitsdaten besonders konsequent zu
überprüfen.
2. Auch weiterreichende Vorgaben des Gesetzgebers hinsichtlich Datenschutz und Datenverwendung von Gesundheitsdaten können
sinnvoll sein. Dabei ist die durch den Föderalismus entstehende Vielfalt und Überregulierung nicht hilfreich. Hier ist die proaktive
Initiative der Bundesregierung gefordert.
3. Der Bürger hat ein kostenfreies Auskunftsrecht über seine Daten bei allen betroffenen
datenspeichernden Stellen. Dies muss bei
schriftlicher Anfrage auch analog per Papierausdruck möglich sein, nicht nur per Dateneinsicht innerhalb des datenhaltenden Systems.
4. Der Gesetzgeber sollte einen Mechanismus
veranlassen, mit dem Gesundheits-Apps und
andere Programme, in denen sensible Gesundheitsdaten gespeichert werden, hinsichtlich
der geforderten Datensicherheit bezüglich

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

PROBLEMANALYSE

Missbrauch und Angriff zertifiziert werden.
Im Sinne einer zügigen Freigabe kann die
Prüfung und Zertifizierung auch durch nichtstaatliche Stellen vorgenommen werden (Gesundheits-Apps-TÜV).

ANMERKUNG
1

BPtK-Standpunkt: Internet in der Psychotherapie,
23.6.2017 (www.bptk.de).

2

Siehe hierzu https://02elf.net/headlines/gesundheit/aerztepraesident-montgomery-zum-aerztemangel-wir-brauchen-mindestens-zehn-prozent-mehrstudienplaetze-970183

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

25

TEIL II
STRATEGIEN UND KONZEPTE

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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DIGITALE GESUNDHEIT IM GESUNDHEITSWESEN
VORANTREIBEN
CHRISTIAN BREDL || Die Digitalisierung schreitet rasant voran. Wenn der Gesetzgeber diesen Prozess nicht aktiv begleitet, geschieht dies ungesteuert. Fehlentwicklungen sind in diesem Fall nicht
auszuschließen, insbesondere im Bereich der Datensicherheit. Das dokumentierte Engagement der
neuen Bunderegierung und die ersten Äußerungen des neuen Bundesgesundheitsministers Spahn,
die die Digitalisierung des Gesundheitswesens als zentrales Themenfeld benennen, sind daher sehr
erfreulich.

Digitale Anwendungen sind ein integraler
Bestandteil alltäglicher Kommunikation. Heute
werden in vielen Lebens- und Geschäftsbereichen moderne und sichere Datenerfassungs- und
Datenverarbeitungssysteme verwendet, um Abläufe zu optimieren und Angebote zu verbessern.
Auch für den Gesundheitssektor bieten innovative digitale Konzepte Möglichkeiten, Prozesse
effizienter und zeitgemäßer zu gestalten. Darüber
hinaus können technische Angebote einen wesentlichen Beitrag zu mehr Transparenz und zu
einem verbesserten Qualitätsmanagement leisten.
Aufgrund aktueller Entwicklungen ergeben
sich für die Akteure im Gesundheitswesen umfangreiche Chancen und Herausforderungen,
die es zu gestalten gilt. Hierbei ist es wichtig,
sich kurzfristig und andauernd sowohl mit dem
Potenzial digitaler Anwendungen als auch mit
deren Risiken auseinanderzusetzen. Als Innovationsführer stellt sich die Techniker Krankenkasse (TK) den Herausforderungen und setzt bei
der Veränderung vorhandener Strukturen der
Gesundheitsversorgung darauf, die dynamischen Digitalisierungsprozesse aktiv mitzugestalten. Die stärkere Vernetzung aller Akteure
im Gesundheitswesen und eine Verbesserung
der Versorgungsqualität stehen hierbei an erster
Stelle. Aus diesem Grund fordert die TK:

KRANKENKASSEN ALS ANBIETER DER
ELEKTRONISCHEN GESUNDHEITSAKTE
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen
gewinnt zunehmend an Bedeutung und hat das
Potenzial, die Versorgung der Versicherten zu
verbessern, sie im Selbstmanagement ihrer Gesundheit besser zu unterstützen und die Effizienz
und Transparenz der Versorgung zu steigern.
Um diese Potenziale zu heben, bedarf es insbesondere einer digitalen Vernetzung aller relevanten Akteure, die einen inter- und intrasektoralen
digitalen Austausch von Informationen erlaubt.
Eines der größten Potenziale liegt dabei in der
elektronischen Gesundheitsakte (eGA).
Ausdrücklich zu begrüßen ist es, dass die
Einführung einer Patientenakte für alle Versicherten im Koalitionsvertrag aufgenommen wurde.
Gleichwohl fordert die TK, alle Kassen gesetzlich dazu zu verpflichten, eine einheitliche eGA
anzubieten. So wird verhindert, dass inkompatible Insellösungen entstehen. § 68 SGB V sollte
entsprechend angepasst werden. Wichtig ist jedoch, dass allein die Versicherten entscheiden,
ob sie die elektronische Gesundheitsakte nutzen, und sie allein besitzen die Hoheit über ihre
Daten.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

29

CHRISTIAN BREDL

TELEMATIKINFRASTRUKTUR ETABLIEREN
Die Telematikinfrastrukur ist die Grundvoraussetzung für alle weiteren Telematik-Anwendungen (wie das Notfalldatenmanagement, der
elektronische Medikationsplan etc.), weshalb aus
Sicht der TK eine zügige und flächendeckende
Umsetzung unbedingt vorangetrieben werden
muss. Außerdem sind eine starke Leistungsfähigkeit des Systems sowie eine hohe Interoperabilität zwingend erforderlich, um die Daten effektiv
nutzen und weiterleiten zu können. Auch bisher
noch nicht einbezogene Leistungserbringer wie
zum Beispiel Pflegeeinrichtungen sollten an die
Telematikinfrastruktur angeschlossen werden.
Hier sieht die TK den Gesetzgeber und die
Gesellschaft für Telematikanwendungen der
Gesundheitskarte mbH (gematik) in der Pflicht,
mit der Telematikinfrastruktur die Basis für eine
zeitgemäße Kommunikation zwischen allen Akteuren des Gesundheitswesens herzustellen und
deren durchgängige Nutzung durchzusetzen.
Ein wichtiger Schritt ist es daher, dass der Ausbau der Telematikinfrastruktur von der Großen
Koalition im Koalitionsvertrag aufgenommen
wurde.
EINFÜHRUNG TELEMEDIZINISCHER
ANWENDUNGEN ERLEICHTERN
Das Angebot von telemedizinischen Leistungen durch Ärzte ist heute durch die Musterberufsordnung für Ärzte und die jeweiligen Berufsordnungen der Landesärztekammern deutlich
eingeschränkt (Fernbehandlungsverbot). Um
Möglichkeiten der Telemedizin zu nutzen, ist es
notwendig, dass die Ärztekammern Musterberufsordnungen und Landesberufsordnungen für
eine ausschließliche Fernbehandlung öffnen.
Um die Öffnungsklauseln beispielgebender
Landesberufsordnungen rechtlich zu hinterlegen, sollte eine gesetzliche Klarstellung zu sinnvollen Ausnahmetatbeständen für die Zulässigkeit von medizinischen Fernbehandlungen erfolgen. Diese können unter anderem umfassen:
Triage und koordinierende Steuerung, individuelle medizinische Beratung, ausgewählte Behandlungsgebiete, immobile Patientengruppen,
Screening und Patientenschulung, Erkrankung
im Urlaub / im Ausland.

30

ZULASSUNG UND QUALITÄTSBEWERTUNG
VON HEALTH APPS
Die Digitalisierung verändert unser Leben in
rasantem Tempo und macht auch vor der Gesundheit nicht halt. Das ist zu begrüßen, denn
viele digitale Innovationen haben das Potenzial,
die Qualität der medizinischen Versorgung zu
verbessern. Zudem bieten sie die Chance, zu
mehr Effizienz und Transparenz im Gesundheitswesen beizutragen.
Digitale Versorgungsprodukte wie zum Beispiel Apps für das Smartphone oder Tablet sind
nur bedingt mit klassischen Medizinprodukten
vergleichbar. Um den Besonderheiten dieser Produkte gerecht zu werden, empfiehlt die TK eine eigene Klassifizierung, die das IGES-Institut im Auftrag der TK erarbeitet hat. Demnach richtet sich
die Einteilung digitaler Produkte nach dem Risiko
der Anwendung für die Nutzer und bestimmt
auch den Regulierungsbedarf. Digitale Versorgungsprodukte, die lediglich Informationen zur
Verfügung stellen (Klasse 1a) oder Daten sammeln
(Klasse 1b), zum Beispiel elektronische Tagebücher, müssen nicht zugelassen werden. Werden
hingegen Daten verarbeitet und zu Diagnose- oder
Therapiezwecken verwendet (Klasse 2) bzw. ist
sogar vorgesehen, dass die Anwendung ärztliche
Leistungen ersetzen soll (Klasse 3), wird eine
formale Marktzulassung benötigt. Um die Zulassung zu erhalten, sind Nachweise (Studien)
zur Sicherheit des Produkts notwendig.
DATENVERFÜGBARKEIT ZUR VERBESSERUNG
DER VERSORGUNG
Die Auswertung von Routinedaten ist ein
wichtiger Baustein für Monitoring und Weiterentwicklung von Versorgungsangeboten in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Besonders durch
die intelligente Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Quellen bieten sich vielfältige Möglichkeiten in der Versorgungsforschung, die direkt
für eine Verbesserung der Versorgung genutzt
werden können. Die Krankenkassen benötigen die
Möglichkeit, sektorenübergreifend Behandlungssequenzen und Behandlungspfade zu analysieren.
Hierfür ist es notwendig, die Möglichkeiten
der Auswertungen zu verbessern, indem die
gesetzlichen Aufbewahrungsfristen für Abrechnungsdaten aufgehoben und alle Diagnoseangaben tagesgenau dokumentiert werden.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALE GESUNDHEIT IM GESUNDHEITSWESEN VORANTREIBEN

Darüber hinaus sollten die rechtlichen Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass
Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung bezüglich Krankheiten und Risiken den betroffenen
Versicherten unmittelbar zur Verfügung gestellt
und von diesen genutzt werden können.
HÜRDEN DER DIGITALEN KOMMUNIKATION
ÜBERWINDEN
Für die Kommunikation zwischen Versicherten und Krankenkassen ist in den Sozialgesetzbüchern eine analoge Kommunikation vorgesehen.
Zur Förderung der elektronischen Kommunikation zwischen den Krankenkassen und ihren Versicherten und zum Ausbau der elektronischen
Verwaltung schlägt die TK vor, dass sich die
Krankenkassen die Identität der Versicherten
analog zu den gebräuchlichen und verbreiteten
Authentifizierungsverfahren im Handel oder
beim Bankgeschäft nachweisen lassen dürfen.

Es sollte der Anspruch des Freistaates
Bayern sein, es der Bundespolitik nicht
nur gleich zu tun, sondern Vorreiter zu
sein. Bayern muss die Digitalisierung
zum Nutzen der Patienten und der Akteure im bayerischen Gesundheitswesen
aktiv vorantreiben und gestalten. Dazu
gehören die hier explizit aufgeführten
Punkte und natürlich die digitale Infrastruktur, denn ohne schnelles Internet
wird es keine digitalen Lösungen geben,
die vor allem für den ländlichen Raum in
Bayern von großer Bedeutung sind.

||

CHRISTIAN BREDL
Leiter der Landesvertretung Bayern Techniker
Krankenkasse

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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AUFKLÄRUNGSKAMPAGNEN
SIEGFRIED JEDAMZIK || Je durchdachter und koordinierter eine Aufklärungskampagne ist, desto erfolgversprechender ist sie. Aufklärungskampagnen dienen vor allem dazu, das Wissen der Bürger zu
vergrößern und durch die Art der Behandlung bestimmter Themen für ein bestimmtes Meinungsklima
zu sorgen. Dadurch wird die Grundlage für Einstellungs- und Verhaltensänderungen gelegt und die
Akzeptanz in der Bevölkerung für digitale Lösungen steigt.

ZIELSETZUNG
Eine der Kernaussagen der „Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“
ist der Appell an die neue Bundesregierung, bei
jeder gesetzgeberischen Maßnahme den Fokus
auf den Bürger zu richten.
Grund hierfür ist, dass die Vielzahl an möglichen Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) einem Großteil der Bevölkerung bislang noch gänzlich unbekannt ist.
Anwendungen der eGK können aber nur dann
wie gewünscht zum Tragen kommen, wenn die
Anwender nicht in die Technik „hineingeworfen“ werden. Vielmehr ist der Erfolg auch und
vor allem von deren Akzeptanz und Nutzungsbereitschaft abhängig. Es geht also auch darum
zu zeigen, dass bislang zwei Mrd. Euro in die
eKG (einschließlich in die Telematikinfrastruktur / TI) investiert wurden und nun Ansätze für
eine erfolgreiche Überzeugungsarbeit gefunden
werden sollen, dass Anwender die vorgesehenen
eGK-Anwendungen auch tatsächlich – im politisch gewollten Umfang – nutzen bzw. nutzen
wollen, um so die getätigten Investitionen rechtfertigen zu können.
Um den Bürger zu erreichen, Transparenz zu
schaffen und Vertrauen herzustellen, spricht die
„Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020“ die Empfehlung aus, von Anfang an und begleitend breit angelegte Aufklärungskampagnen einzusetzen. Auf diese Weise
kann eine ethisch reflektierte und juristisch verbindliche Antwort darauf gegeben werden, was

mit Big Data im Gesundheitswesen möglich und
vertretbar ist und wie die eGK dadurch einen
Akzeptanzzugewinn davontragen kann. Im Folgenden wird aufgezeigt, wie Aufklärungskampagnen im Gesundheitswesen idealerweise beschaffen sein sollten. Dabei gilt es insbesondere
zu beachten, was das Gesundheitssystem heute
und in Zukunft charakterisiert, wie es um die
Akzeptanz von digitalen Lösungen in der Bevölkerung steht und welche Arten von Zielgruppen
in der Bevölkerung existieren. Damit soll sichergestellt werden, dass die Aufklärungskampagnen
einen Großteil der Bürger erreichen.
AUSGANGSLAGE
Das digitale Gesundheitssystem
Der Markt für Produkte der digitalen Medizin
wächst bis 2020 auf weltweit über 20 Milliarden
US-Dollar, was einer jährlichen Steigerung von
über 20 % entspricht. Diese „digitale Revolution“ wird zu einer Digitalisierung des Gesundheitssystems mit völlig neuen Zugangsmöglichkeiten führen. Der veränderte Zugang zu einem
digitalisierten Gesundheitssystem wird Auswirkungen auf die gesamte Gesundheitsversorgung
(Diagnose, Behandlung, Nachsorge, usw.) der
Bürger haben. Anwendungen wie die Bereitstellung von medizinischer Information über das
Internet, die Erzeugung medizinischer Daten
ohne Umwege auf Papier, die direkte Erfassung
von Daten am Bürger (Wearables), die schnellere Verarbeitung von großen Datensätzen mit-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

33

SIEGFRIED JEDAMZIK

tels Mustersuche (Big Data) und der immer häufigere Einsatz von telemedizinischer Methodik
zeigen:
Auswirkungen können nicht auf einen oder
wenige Bereiche der Medizin beschränkt sein,
sondern werden Folgen für die gesamte Versorgung haben. Laut Deloitte (2015) sind dies besserer medizinischer Outcome, weniger DoppelUntersuchungen und mehr Fokus auf die Prävention. Die gleiche Quelle nennt als Folgen für
die Bürger mehr Bürgerunabhängigkeit, bessere
Information der Bürger über Gesundheit und
Krankheit, Einbeziehung von Gesundheitsprovidern für bessere Kommunikation und bessere
Verfügbarkeit von Patientenakten und Arztbriefen. Damit gewinnt der Bürger durch digitale
Techniken als Verwalter seiner Daten und selbständiger Beschaffer medizinischen Wissens
wesentlich an Einfluss, während die bisherigen
Datenhalter an Bedeutung verlieren. Natürlich
muss die Nennung und Reihung dieser und anderer Punkte hinterfragt werden. Aber es steht
fest, dass die Gesundheitswirtschaft vor einer
der größten Änderungen der letzten Jahrzehnte
steht. Wenn das Verhältnis von Behandlern zu
Behandelten sich derart drastisch ändert, muss
und wird dies Auswirkungen auf die Versorgung
sowie alle am Behandlungsprozess Beteiligten
haben.
Die Ausstattung des Gesundheitssystems
mit digitalen Methoden wird nicht nur positive
Effekte mit sich bringen. Es gibt Bedenken aus
Sicht des Datenschutzes, aber auch der Datensicherheit. Zum Weiteren birgt ein Umstellungsprozess wie dieser die Gefahr der asymmetrischen
Anwendung, d. h. die Gefahr, dass nur ein Teil
der Bevölkerung die neuen Techniken nutzt.
Akzeptanz digitaler Lösungen
Die Digitalisierung spielt nicht nur im Gesundheitswesen eine große Rolle. Von anderen
Branchen wie dem Finanzwesen und der Industrie ist sie bereits seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil. Daraus resultiert, dass viele bereits mit
deren Grundzügen vertraut sind. Dennoch trifft
die elektronische Vernetzung im Gesundheitswesen in der Bevölkerung häufig auf Unwissenheit, Skepsis und Ablehnung. Die Gründe hierfür
sind mannigfaltig und reichen von der Furcht
vor Eingriffen in persönliche Grundrechte, über

34

mangelnde Datensicherheit bis hin zur Sorge vor
Veränderungen und einem Interesse am eigenen
wirtschaftlichen oder politischen Vorteil.
Erst seit den letzten Jahren ist ein Trend zu
beobachten, der übergeht zu einer wachsenden
Akzeptanz digitaler Lösungen in der Bevölkerung. So identifiziert eine Studie der Bayerischen
TelemedAllianz und der bitkom (2017) den Markt
für digitale Lösungen als einen Markt mit großem Wachstumspotenzial. Mehr als die Hälfte
der Befragten nutzt das Internet, um sich über
Gesundheitsthemen zu informieren. Mehr als
ein Viertel der Smartphone-Nutzer verwendet
Fitness-Tracker. Des Weiteren ist interessant,
dass die überwiegende Mehrheit der Befragten
einen direkten Zugang zu persönlichen Gesundheitsdaten haben möchte. Knapp zwei Drittel
würden sogar eine elektronische Patientenakte
nutzen.
Auch weitere statistische Erhebungen bestätigen die Entwicklung, dass Telemedizin und
E-Health Zukunftsthemen sind. Im Bereich der
digitalen Gesundheitsakte kommt eine repräsentative Befragung des AOK-Bundesverbands
(2017) zu dem Ergebnis, dass 81 % der Befragten es für sinnvoll halten, wenn Daten über Diagnosen, Medikamente, Impfstatus etc. in einer
digitalen Akte gespeichert werden. Annähernd
so viele, 79 %, würden eine solche Akte selbst
nutzen.
Aus dem DAK-Digitalisierungsreport (2018)
wird deutlich, dass Early Adopter zwar eher
jünger und gebildeter sind, aber die OnlineGesundheitsakte seltener und kürzer nutzen.
Umgekehrt sind ältere und chronische Patienten
schwerer zu überzeugen – sind sie jedoch einmal
Nutzer geworden, ist die Intensität und Nutzungsdauer nachhaltiger. Somit wird deutlich,
dass trotz höherer Akzeptanz immer noch Aufklärungsbedarf besteht und dies über alle Altersgruppen hinweg. Dies gilt insbesondere für die
eGK bzw. deren Anwendungen, da hierfür in
der Bevölkerung noch keine praktischen Erfahrungen vorliegen.
Zielgruppendefinition
Es ist naheliegend, dass trotz der geschilderten zunehmenden Akzeptanz digitaler Lösungen
nicht alle Bürger in einem digitalen Gesundheitssystem die gleiche technische Kontrolle aktiv

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUFKLÄRUNGSKAMPAGNEN

ausüben möchten oder können. Daher können
diesbezüglich drei Gruppen von Bürgern in
Deutschland spezifiziert werden:
• Technikaffine und in Gesundheitsthemen
gebildete Bürger, die eine technische Rechteverwaltung und Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten verstehen und auch willens und in
der Lage sind, diese aktiv auszuüben;
• Bürger, die zwar mit Technik umgehen können, jedoch die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten an behandelnde Ärzte, CaseManager oder andere Personen (z. B. Verwandte) delegieren möchten. Gründe dafür
wären z. B. die Annahme, dass diese besser
einschätzen können, welche Daten ein weiterer Leistungserbringer aus medizinischer
Sicht benötigt;
• Bürger, die das Konzept der elektronischen
Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten nicht
verstehen oder technisch nicht bedienen
können.
Für jede dieser drei Zielgruppen bedarf es eigens auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Aufklärungskampagnen.

AUFKLÄRUNGSKAMPAGNEN
Begriffsdefinition
Unter Gesundheitsaufklärung versteht man
die Verbreitung gesundheitsbezogener Informationen über Massenmedien, z. B. Fernsehen, Internet, Hörfunk, Plakate, Broschüren sowie Tagesund Wochenpresse. Ziel solcher öffentlichen Aufklärungskampagnen ist es, das Problembewusstsein, die Einstellungen und / oder das Verhalten
gewisser Zielgruppen in Bezug auf eine Idee,
Aufgabe oder Praktiken im positiven und gesellschaftlich erwünschten Sinn zu beeinflussen.
Kampagnengestaltung
Im Rahmen der inhaltlichen Gestaltung von
Aufklärungskampagnen ist zu berücksichtigen,
dass der informierte Patient Grundlage für die
erfolgreiche Etablierung von digitalen Lösungen
im Gesundheitswesen ist. Deshalb sollte bei der
Kampagnengestaltung auf die umfangreichen Erfahrungen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Marketingforschung zurückgegriffen werden. Demnach sind

entsprechende Experten einzubinden mit dem
Fokus auf die Aspekte: sachgerechte Information
und Eigenständigkeit der Adressaten, qualitative Hochwertigkeit und neuester Stand der wissenschaftlichen Forschung, Wiederholung der
inhaltlichen Kernaussagen und Stoff zum Nachdenken, Berücksichtigung des Zielgruppenbezugs sowie Gewährleistung eines Unterhaltungswertes.
Beteiligte Akteure
Die Planung und Durchführung von Aufklärungskampagnen erfordert eine gemeinschaftliche Aktivität von verschiedenen Akteuren des
Gesundheitswesens. Deshalb soll hier an dieser
Stelle an den Gesetzgeber die Empfehlung ausgesprochen werden, den § 291b SGB V um einen
Aufklärungsauftrag zu erweitern.
Durch diese Maßnahme ist der Grundstein
für die Beauftragung der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH
(gematik), sich des Themas Aufklärung anzunehmen, gelegt. Sowohl Finanzierungsfragen als
auch die Koordination aller einzubeziehenden
Akteure werden in diesem Falle von der gematik
gesteuert. Dieses Vorgehen ist gerade deshalb
für sinnvoll zu erachten, weil die gematik von
Anfang an unter der Zielsetzung ins Leben gerufen wurde, die sichere, sektorenübergreifende,
digitale Vernetzung des Gesundheitswesens zu
errichten. Somit trägt sie die Gesamtverantwortung für die TI und eGK und koordiniert deren
Betrieb. Folglich liegt auch das Thema gesundheitliche Aufklärung in ihrem Kompetenz- und
Aufgabenbereich.
Ergänzend dazu sollen Leistungserbringer
und Kostenträger mit der Unterstützung der
gematik ihre Möglichkeiten nutzen, die Bürger
entsprechend aufzuklären. Leistungserbringer
deshalb, da der Arzt die zentrale Anlaufstelle ist,
wenn es um gesundheitliche Fragen geht. Dabei
genießen die niedergelassenen Mediziner ein
hohes Vertrauen bei den Patienten. Durch die
Nähe und Kontakthäufigkeit zwischen Bürgern
und Ärzten ist auch gewährleistet, dass große
Bevölkerungsgruppen zielgerichtet durch Aufklärungskampagnen angesprochen werden können. Nach den Bestimmungen des SGB V (Fünftes Sozialgesetzbuch) haben die Kostenträger
eine Informations- und Aufklärungspflicht. Die

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

35

SIEGFRIED JEDAMZIK

Vielzahl von Informationsbroschüren, Mitgliederzeitschrift und Veranstaltungen sind ein Beleg
für deren Aktivitäten in diesem Gebiet. Kostenträger sollten vom Gesetzgeber explizit dazu verpflichtet werden, über eGK-Anwendungen im
Rahmen ihrer Informationspflicht (z. B. Mitgliederzeitschrift) zu informieren bzw. ein bestimmtes Budget hierfür vorzusehen.
Wirkung
Aufklärungskampagnen dienen vor allem
dazu, das Wissen der Bürger zu vergrößern und
durch die Art der Behandlung bestimmter Themen für ein bestimmtes Meinungsklima zu sorgen, wodurch zugleich die Grundlage für Einstellungs- und Verhaltensänderungen gelegt wird.
Auf die drei vorab definierten Zielgruppen wirkt
sich dies wie folgt aus:
• Technikaffine und in Gesundheitsthemen
gebildete Bürger: Ausgehend von den Erfahrungen der gesundheitswissenschaftlichen
Forschung kann abgeleitet werden, dass es
leichter ist, Bürger durch Aufklärungskampagnen zu erreichen und sie dadurch für digitale Lösungen zu begeistern, die ohnehin an
gesundheitlichen Fragestellungen interessiert
sind.
• Bürger, die zwar mit Technik umgehen können, jedoch die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten an behandelnde Ärzte oder andere vertraute Personen delegieren möchten:
Diese Gruppe von Bürgern erwartet in erster
Linie von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sowie
von den Heilberufen insgesamt eine entsprechende Beratung und Empfehlung hinsichtlich der für sie geeigneten digitalen Gesundheitsangebote. Deshalb ist der Ausbau einer
digitalen Gesundheitskompetenz („Digital
Health Literacy“) nicht nur bei den Bürgern,
sondern insbesondere auch bei allen Akteuren
des Gesundheitswesens zu fördern. Hierzu
sind adäquate Aus- und Weiterbildungsangebote für Gesundheitsberufe zu schaffen.
• Bürger, die das Konzept der elektronischen
Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten nicht
verstehen oder technisch nicht bedienen
können: Aufklärung durch Massenmedien
liefert eine Initialzündung für eine Serie von
kognitiven Prozessen, die zu Veränderungen

36

führen können. Es können also auch Bürger
erreicht werden, die sich aufgrund ihrer Lebensumstände bzw. ihrer Selbstwahrnehmung
und eigener Prioritätensetzung ansonsten
nicht für gesundheitsbezogene Themen interessieren oder wenig Bildung haben. Allerdings existieren keine Patentrezepte, wie genau diese Bürger am besten erreicht werden
können. Außerdem wird zu wenig über Vermittlungsstrategien für schwer erreichbare
Zielgruppen geforscht.
Insgesamt gilt für alle Gesundheitsaufklärungskampagnen, dass deren Hauptwirkung
eher in ihren langfristigen Beiträgen zum öffentlichen Einstellungswandel liegt.
FAZIT
Je durchdachter und koordinierter eine Aufklärungskampagne ist, desto erfolgversprechender ist sie. Durchdacht heißt in diesem Falle vor
allem, dass der Zuschnitt einer Kampagne auf
die drei definierten Zielgruppen und deren Bedürfnisse essenziell ist. Genauso kommt es auf
die Zusammenarbeit von gematik, Leistungserbringern und Kostenträgern bei der Kampagnengestaltung und -durchführung an. Hierfür hat
der Gesetzgeber entsprechende Rahmenbedingungen und Verpflichtungen (z. B. in Form von
gemeinsamen Arbeitskreisen) zu schaffen. Perspektivisch ist zu prüfen, inwieweit die eGk genutzt werden könnte, gezielt zielgruppenspezifische Aufklärungsinformationen über Versichertenterminals, dem sogenannten E-Kiosk, beim
Arzt oder zuhause abzurufen.
Es gilt die momentan günstige Zeit, in welcher erstmals ein Akzeptanzzugewinn gegenüber
digitalen Lösungen zu beobachten ist, zu nutzen
und verstärkt durch diverse Gesundheitsaufklärungsmöglichkeiten auf die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinzuweisen.
Nur dann können auch die eGK-Anwendungen
wie gewünscht zum Tragen kommen.
Letztlich muss aber ebenso bedacht werden,
dass Ärzte als vertrauensvollste Informationsquelle vor Magazinen, Zeitungen, Radio, Internet
und Fernsehen von Bürgern genannt werden.
Somit nimmt bei gesundheitsbezogenen Themen
die Individualkommunikation gegenüber den
Medien eine vorrangige Bedeutung ein. Diese

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUFKLÄRUNGSKAMPAGNEN

Erkenntnis verstärkt die Notwendigkeit einer
„Digital Health Literacy“ in Politik, Berufsgruppen und Gesellschaft.

||

PROF. DR. SIEGFRIED JEDAMZIK
Geschäftsführer Bayerische TelemedAllianz (BTA),
Ingolstadt

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

37

AUFBAU EINER ZUKUNFTSSICHEREN
DIGITALEN INFRASTRUKTUR FÜR DAS
DEUTSCHE GESUNDHEITSWESEN
CHRISTOPH F-J GOETZ || Die Schaffung einer dedizierten Infrastruktur für den Datenverkehr der
deutschen Gesundheitsversorgung ist dringlich. Bisherige Ansätze weisen zwar schon in die richtige
Richtung, kommen aber viel zu langsam voran. Außerdem bieten sie unzureichende Perspektiven für
einen technischen und wirtschaftlichen Ausbau dieser künftig unerlässlichen Infrastruktur. Diese
Situation gilt es jetzt zu verbessern.

In allen Lebensbereichen vollzieht sich gegenwärtig die Verwandlung klassischer Verfahren
hin zu digitalen Infrastrukturen der Gesellschaft:
im Verkehr, bei der Energieversorgung, in der
Logistik oder auch im Bereich der Produktionsanlagen (insgesamt bekannt als „Industrie 4.0“).
Treiber dieser Veränderungen sind die enormen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Innovationen, die mit der neuen Digitalisierung möglich
werden.
In dem Paragrafen 291a Sozialgesetzbuch
Fünf (§ 291a SGB V) hat der Gesetzgeber vor
Jahren mit einer wegweisenden Grundsatzentscheidung eine dedizierte Telematikinfrastruktur
der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)
als Initialzündung und Muster für das gesamte
Gesundheitswesen definiert. Elektronische Gesundheitskarten für die Bürger, Heilberufsausweise für die Leistungserbringer und besonders
gehärtete Konnektoren, alle verbunden über ein
speziell gesichertes Kommunikationsnetz, sollen
den Austausch von Gesundheitsinformationen
ermöglichen und absichern. Diese Vorgaben sind
international wegweisend und richtig. Die bisher langsame Umsetzung schmälert nicht den
Wert dieser strategischen Entscheidung, sie
zeigt lediglich, warum Infrastrukturdenken so
wichtig ist.

Die einschlägigen Telematik-Paragrafen des
SGB V regeln mit ihren Festlegungen und Beschreibungen einen klar umrissenen Anwendungskatalog (Notfalldaten, Arztbriefe, Fallakten
usw.) für die dort genannten verkammerten Berufe (Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Psychotherapeuten). Das E-Health-Gesetz unterfüttert
die Konkretisierung dieser Anwendungen und
schafft Anreize mit Zeitdruck.
Zur konkreten Entwicklung der Konzepte und
Anwendungen wurde seinerzeit die Gesellschaft
für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gematik) gegründet, mit Finanzmitteln der GKV ausgestattet und unter die gemeinsame, paritätische Kontrolle der Kostenträger und
Leistungserbringer gestellt – das Ganze unter
Aufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Gematik erarbeitet seither alle technischen Vorgaben für die in § 291a SGB V genannten Anwendungen und bereitet deren konkrete
Umsetzung vor.
Dies ist laut Gesetz ihr Auftrag, aber zugleich
auch ihre Beschränkung. Unbesehen bekannter
zeitlicher Herausforderungen bei der Umsetzung
der so definierten Telematikinfrastruktur greifen
die bisherigen Vorgaben nicht über die Rechtskreise der Sozialgesetzbücher hinaus. Eine breitere Sicht wird aber in Zukunft wichtig werden.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

39

CHRISTOPH F-J GOETZ

HERAUSFORDERUNG
Die im Sozialgesetzbuch genannten Anwendungen und Beteiligten stellen genau betrachtet
nur den Anfang einer künftig viel größeren
Bandbreite an Kommunikationsbedarf im Gesundheitswesen dar mit noch viel größerer Heterogenität der beteiligten Akteure. Menge und
Volumen der weiteren, nicht im SGB V direkt
geregelten Anwendungen und die damit verbundene telematische Vernetzung der Gesundheitsversorgung sind in ihrer Gesamtbreite äußerst
vielschichtig. Sowohl die Zahl der beteiligten
Akteure als auch das künftige benötigte Datenvolumen übersteigen bei Weitem das bisher
Geregelte. Dies ist schon lange aus Erfahrungen
bei Langzeitentwicklungen bekannt.
Für solche erkennbaren, aber mehrheitlich
noch strukturell ungeregelten Dienste hat sich –
in Ermangelung eines besseren Begriffs – die Bezeichnung „Mehrwertanwendungen“ eingebürgert. Diese Begriffswahl täuscht aber darüber
hinweg, dass sich hinter heute innovativen digitalen Diensten viele Standardanwendungen von
Morgen verbergen, die noch gar nicht in ihrer
Konstruktion, Tragweite oder Flächenwirkung
abschätzbar sind. Es wäre vermessen, mit dem
jetzigen Wissensstand schon vorhersagen zu wollen, welche digitalen Gesundheitsdienste morgen

existieren werden oder welche bedeutsamen und
sensiblen Daten in der Gesundheitsversorgung
künftig ausgetauscht werden müssen.
Mit der Telematikinfrastruktur nach § 291a
SGB V wurde also lediglich ein erster Einstieg
geschaffen, der eine konzentrierte Plattform errichtet für die vom Gesetzgeber damals erkennbaren Anwendungen der GKV. Die allgemeinen
Dienstinnovationen im Gesundheitswesen und
das Ausschöpfen von Potenzialen der auf alle
zukommenden Digitalisierung gehen sicher weit
darüber hinaus. Dies wird besonders deutlich
anhand einer Projektion zukünftiger Datenvolumina (siehe Abb. 1).
Alle möglichen digitalen Dienste haben eine
ganz wesentliche Gemeinsamkeit mit den Kernanwendungen nach § 291a SGB V: Sie betreffen
echte Daten, von echten Patienten, die zwischen
real zugelassenen Beteiligten der Gesundheitsversorgung kommuniziert werden. Diese Daten sind
hoch sensibel und müssen gleichzeitig äußerst
zuverlässig und vertraulich transportiert werden. Davon können Menschenleben abhängen.
Begehrlichkeiten und Angriffe müssen abgewehrt
werden.
Neben den in § 291a SGB V ausdrücklich genannten vier verkammerten Berufen haben viele
weitere Beteiligte auch ein berechtigtes Interesse

Abbildung 1: Künftiges Massenvolumen liegt bei Mehrwertdiensten

40

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUFBAU EINER ZUKUNFTSSICHEREN DIGITALEN INFRASTRUKTUR

an diesem Datenaustausch der Gesundheitsversorgung wie zum Beispiel Physiotherapeuten,
Heil- und Hilfsmittelhersteller, Hebammen oder
Rettungsdienste. Auch diese müssen für eine
effiziente Gesundheitsversorgung „auf Augenhöhe“ miteinander und untereinander kommunizieren können. Dies gilt auch für viele andere
innovative Dienste der verfassten Gesundheitsversorgung von Morgen wie Radiologieverbünde
oder Medizinprodukte und viele weitere Angebote auf dem medizinischen Markt.
Natürlich könnten sich Anwendungen solcher
neuen Dienste jeweils eigene, proprietäre Kommunikationsinfrastrukturen aufbauen und in
ihrem eigenen Datenkokon steckenbleiben. Dies
wäre jedoch ineffizient und würde darüber hinaus alle wichtigen und nützlichen Synergismen
einer künftigen Telematikinfrastruktur verhindern.
Viel besser wäre es hingegen, wenn solche
Anwendungen zusammen mit jenen gemäß
§ 291a SGB V von der Gematik vorbereiteten
Kernanwendungen auf einer übergreifenden
Plattform stattfänden, gemeinsam, parallel oder
zusätzlich. Damit wäre der Aufbau vieler unkoordiniert neben der gesetzlichen Infrastruktur
stehender Topografien abgewendet, mit allen
Vorteilen von gemeinsam gepflegten Schnittstel-

len und entsprechender Systemkonvergenz, ganz
zu schweigen von den sicherheitstechnischen
Vorteilen.
Es macht also sehr viel Sinn, wenn künftige digitale Dienste für die Gesundheitsversorgung und
die bereits gesetzlich geregelten Anwendungen
eine gemeinsame Plattform bilden würden. Das
ist eine sichere Infrastruktur, die auch die Gesundheitstelematik mit ihren Gesundheitskarten,
Heilberufsausweisen, Konnektoren und sicheren
Vernetzungen einbezieht. Für die infrastrukturelle Verknüpfung zwischen der linear entwickelten, im Einzelnen gesetzlich bestimmten Anwendungslandschaft einerseits und den ganz neuen,
innovativen digitalen Diensten andererseits sind
aber neue Denkmodelle im Sinne einer Konvergenz der Systeme notwendig (siehe Abb. 2).
Dabei ist erkennbar, dass die mit den neuen
Diensten verbundenen Datenvolumina noch
wesentlich umfangreicher sind und schneller
wachsen werden als die klassischen Pflicht- und
freiwilligen Anwendungen des § 291a SGB V,
wie in Abbildung 1 angedeutet. Effektiv werden
diese Zusatzdienste „am Ende des Tages“ den
Löwenanteil des gesamten Datenaufkommens im
dedizierten Transportbereich der künftigen Gesundheitstelematik ausmachen. Man vergleiche
nur das winzige Datenvolumen eines elektro-

Abbildung 2: Zielvorstellung einer langfristig einheitlichen E-Health-Infrastruktur

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

41

CHRISTOPH F-J GOETZ

nischen Rezepts mit der Größe von computertomografischen Bildern und denke ein wenig
weiter.
Diese neuen Leistungen werden ihrerseits wieder neue Kosten und neue Aufwände verursachen, die die bisher geplanten Volumina bei Weitem überschreiten. Als Finanzbasis für diesen
künftigen Datenverkehr im Gesundheitswesen
müssen daher ganz neue, speziell ausgewogene
Regelungen gefunden werden, die einerseits eine
freie Entfaltung des Marktes zulassen und andererseits die Interessen der gesetzlichen und Mehrwertanwendungen ausbalancieren. Das Gleiche
gilt für die harmonisierte Prüfung oder Zertifizierung von Schnittstellen beziehungsweise den
Aufbau von Datenverzeichnissen. Dies alles sind
erkennbare Herausforderungen an die neue Plattform.
Letztendlich muss abgestimmt werden, welche Daten wie ausgetauscht werden und wer welche Daten- und Transportkosten tragen muss.
Genauso muss geklärt werden, wer welchen
Zugang mit welchen Zugangsmethoden erhält.
Das bedeutet Planung und Abstimmung. Dies
ist eine erkennbare Herausforderung mit strategisch langfristiger Bedeutung. Das verursacht
Aufwand und kostet Ressourcen. Mangels Auftrag und / oder Zuständigkeit gibt es aber in
Deutschland gegenwärtig keinen Kandidaten
bzw. keine Einrichtung, der oder die dies alles
leisten könnte.
ENTWICKLUNG EINES LÖSUNGSANSATZES
Die soeben genannten Herausforderungen
sind genaugenommen nicht neu und sie sind sicher nicht spezifisch für das Gesundheitswesen.
Ganz andere Bereiche standen schon vor den
gleichen Herausforderungen und haben gezeigt,
wie es gehen könnte: Straßenverkehr, Eisenbahn,
Luftverkehr oder Funk und Fernsehen, alle mussten bei der Gründung noch nicht absehbare
Volumina bewältigen. Ganz besonders prägnant
werden die damit verbundenen Prozesse am Beispiel des Umbaus der Deutschen Bundespost zur
Deutschen Telekom AG im Jahre 1994.
Natürlich sind diese Branchen nicht direkt vergleichbar mit der Gesundheitsversorgung, denn
sie hatten fast immer eine längere historische
Entwicklung. Aber ein stets ähnliches Muster ist
dennoch erkennbar: Effektiv entwickelte sich im-

42

mer wieder eine ganz klare Trennung zwischen
Infrastruktur (also Funktion oder Standards)
und Inhalten (also Transport oder Leistung).
Die moderne Gesellschaft kennt Regulation
und Freiheit gleichzeitig. Allgemein gültige Vorgaben garantieren Interoperabilität und Sicherheit, während individuelle Wahlmöglichkeiten
die Freiheit und Unabhängigkeit sichern. Effektiv gehören zu den Entwicklungen der angesprochenen Wirtschaftszweige also immer wieder
zwei verschiedene Seiten der Medaille:
• Die Definition oder Zulassung von Infrastruktur ist in der Regel eine gemeinschaftliche,
kooperative, oft sogar öffentliche Aufgabe.
Eine für alle funktionierende Infrastruktur
ermöglicht Transport. Die Transportinfrastruktur wird daher in der Regel für alle zentral vorgegeben und der Zugang dazu von
einer zentralen Stelle geprüft. Der Nachweis
einer bestandenen Prüfung ist folglich die
zwingende Voraussetzung für die Nutzung
dieser Infrastruktur.
• Die eigentliche Nutzung, also der Austausch
an sich, oder das Angebot der konkreten
Dienstleistungen sind hingegen immer wieder individuelle Aufgaben. Sie werden wettbewerblich dezentral angeboten und müssen
unternehmerisch organisiert werden. Die Inhalte des Transports werden von jedem Anbieter oder Nutzer individuell bestimmt und
eigenverantwortlich durchgeführt und abgerechnet. Die Beachtung der zentralen Vorgaben der Infrastruktur ist jedoch für alle Pflicht.
Beide Anforderungen haben ihre jeweils eigene Bedeutung und bedingen ihre jeweils eigenen Lösungsstrategien. Dennoch müssen beide
Anforderungen für das Funktionieren des Gesamtsystems möglichst nahtlos ineinandergreifen.
Die derzeitige Konstruktion der beginnenden Telematikinfrastruktur des Gesundheitswesens wird diesen Anforderungen nach klaren
Zuständigkeiten und klaren Regeln für eine
übergreifende und sich langfristig entwickelnde
Gemeinschaft nicht gerecht:
• Infrastruktur und Anwendungen werden bisher miteinander vermischt. Damit entsteht
eine sehr anwendungsbezogene Infrastruktur, die für neue Dienste nur eingeschränkt
nutzbar ist.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUFBAU EINER ZUKUNFTSSICHEREN DIGITALEN INFRASTRUKTUR

• Die bisherige Telematikinfrastruktur berücksichtigt nur einen Teil des deutschen Gesundheitswesens und lässt – nicht zuletzt wegen
der Fokussierung auf wenige Anwendungen
aus der Sphäre der GKV – wichtige Akteure
und Inhalte außen vor.
Wollte man die Erfahrungen mit der Infrastrukturentwicklung aus anderen Bereichen auf
das Gesundheitswesen übertragen, würde eine
ganz neue, konkrete Instanz benötigt, die sich
mit Mandat und Ressourcen der Infrastrukturentwicklung, also dem Kern der anstehenden
Arbeiten der Überführung der heute papiergebundenen Kommunikation der Gesundheitsversorgung in das Elektronikzeitalter, widmet. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass eine
solche Einrichtung keinesfalls in künftige Dienste
inhaltlich eingreifen sollte.
In Analogie müsste ein „Straßenbauer“ für
das gesamte Gesundheitswesen antreten, der nicht
nur den Verkehr aus der GKV mit den Mitteln
der Sozialgesetzbücher regeln kann, sondern
darüber hinaus Befugnisse und Möglichkeiten hat,
um beliebige, heute noch gar nicht erkennbare
Dienstanbieter zu registrieren und öffentliche
Verzeichnisse über die entsprechenden Transportstandards zu führen. Bisher individuell, ohne
Koordination oder Kontrolle eingeschlagene
Wege müssen harmonisiert werden und die vielen heterogenen Ansätze auf eine gemeinsame
Infrastruktur hin konvergieren.

Hierfür fehlt im deutschen Gesundheitswesen bislang die strategische Grundlage. Es gibt
bisher kein solches umfassendes, strategisch auf
Dauer angelegtes Ordnungskonzept für die heranwachsende Digitalisierung des Gesundheitswesens. Konkret gibt es keine eigenständige,
unabhängige und auf Dauer angelegte funktionsfähige Einrichtung für Deutschland, die unterschiedliche Ansätze für vergleichbare Probleme
der Gesundheitstelematik zusammentragen und
konsolidieren und zentrale Dienste und Leistungen wie Verzeichnisse und Thesauren anbieten
und koordinieren könnte. Bisher aktive Akteure
haben allesamt aufgrund von Rechtslage oder
Konstruktion lediglich einen begrenzten Handlungs- und / oder Zuständigkeitsspielraum.
Dies gilt in besonderem Maße für die Gematik, die zwar ein zentrales Potenzial hätte, aber
von ihrer Konstruktion aus Perspektive des
§ 291a SGB V der Budgetierung und Kontrolle
der GKV untersteht. Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass die Geschäftsstruktur der Gematik allzu oft als Interessensplattform der sie
kontrollierenden Instanzen benutzt wurde. Dies
hat bekanntlich der Fortschrittsgeschwindigkeit
und Ergebnissicherheit nicht genutzt.
Ein Blick auf die Apps des öffentlichen Verbrauchermarkts und die Entwicklungen um Big
Data machen die Tragweite und Brisanz dieser
gegenwärtig schwierigen Situation besonders
deutlich. Auch wenn mobile Apps noch lange
nicht definitorisch gefasst oder inhaltlich bewertet

Abbildung 3: Aufteilung von Struktur- und Inhaltverantwortung hat Vorteile

Die moderne Gesellschaft kennt Regulation und Freiheit gleichzeitig. Allgemein gültige Vorgaben sichern Interoperabilität, während individuelle Wahlmöglichkeiten Freiheit und Unabhängigkeit garantieren.
• Eine Transportinfrastruktur wird für alle zentral vorgegeben und verbindlich geprüft.
• Der Nachweis einer bestandenen Prüfung der Konformität ist Voraussetzung für die Annahme von Bauaufträgen.
• Die Transportinhalte hingegen werden von jedem Nutzer individuell angeboten und eigenverantwortlich übermittelt.
• Die Beachtung zentraler Vorgaben der Infrastruktur ist jedoch Pflicht.
Es gibt bisher kein solches Ordnungskonzept im Gesundheitswesen.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

43

CHRISTOPH F-J GOETZ

sind, geht es um Anwendungen auf den mobilen
Endgeräten aller Bürger, die auch vor Gesundheitsdaten keinen Halt machen. Die Versprechen
von besserer Gesundheit bis hin zu nachhaltigen
Kostensenkungen im Gesundheitswesen sind für
Industrie und Kunden einfach zu verlockend.
Die Wirtschaft hat auch erkannt, dass Daten
einen riesigen ökonomischen Wert haben und
schätzt Big Data als volkswirtschaftlich relevanten Wachstumsfaktor ein. Dabei werden sowohl persönlichen als auch Gesundheitsdaten
keine besondere Schutznische zugestanden, ganz
im Gegenteil: Sie werden zum Fokus der Begierden. Solche Bedrohungen gilt es aber für das verfasste Produktivsystem der deutschen Gesundheitsversorgung wirksam zu vermeiden.
Man braucht also Antworten der Politik auf
zentrale infrastrukturelle Fragen solcher künftigen Gesundheitsdienste, die zum Großteil heute
noch gar nicht absehbar sind. Beispielsweise:
Wie tauschen Ärzte und Patienten Gesundheitsdaten direkt oder mittels Apps aus? Wie müssten deutsche Gesundheitsclouds aussehen, über
die Ärzte mit ihren Patienten zur sicheren Speicherung ihrer Daten kollaborieren können? Wo
stellen Zentren bildgebender Verfahren den Ärzten die MRT-Bilder zum Download bereit oder
bieten komplexe Auswertungsdienste an? Welche Verbindungen nutzen die ferndiagnostisch
tätigen Fachärzte von ihrem Standort zum Zugriff auf Daten ihrer Leistungspartner?
PRAKTISCHES VORGEHEN
Die langfristige Herausforderung besteht also
im Aufbau einer über die heutige Telematikinfrastruktur hinausgehenden digitalen Gesundheitsinfrastruktur für Deutschland. Die Gewährleistung einer solchen Infrastruktur ist sicher
eine öffentliche Aufgabe. Sie sollte natürlich die
infrastrukturellen Anteile der bisherigen Telematikinfrastruktur integrieren, aber von der Anwendungs- und Dienstseite über bisherige Planungen
und Strukturen weit hinausgehen können. Angebote, Dienste, Leistungen und sonstiges (Daten-)Verkehrsaufkommen müssen unter marktwirtschaftlichen Grundsätzen darauf aufsetzen
können.
Es wird also eine eigenständige und unabhängige Instanz in Deutschland benötigt, die
dauerhaft und vorausschauend den künftigen

44

„Straßenverkehr“ auf den „Datenautobahnen“
der Gesundheitsversorgung organisieren kann,
den Ausbau vorantreibt und die damit verbundenen, zentralen Dienste für den Datenverkehr der
Gemeinschaft erbringt.
Die Gewährleistung einer solchen Infrastruktur durch die öffentliche Hand bedeutet jedoch
nicht, dass deren Betrieb auch durch den Staat
erfolgen muss. Es müssen praktisch und politisch
die Rahmenbedingungen formuliert und Zielrichtungen vorgegeben werden, die durch eine
entsprechende Einrichtung, gegebenenfalls auch
eine private Gesellschaft, aufgebaut und umgesetzt werden. Dieses Ziel setzt eine Analyse und
Vorbereitung voraus, die in die gegenwärtige
Diskussion passt und politisch schon angelaufene Prozesse weiterdenkt.

Ganz konkret wird vorgeschlagen, die
Entwicklung einer telematischen Infrastruktur für Anwendungen der Gesundheitsversorgung in Deutschland und das
dazu nötige Vorgehen im Rahmen einer
Machbarkeits- und Planungsstudie zu
untersuchen und notwendige Rahmenbedingungen so weit zu konkretisieren,
dass sie in ein Gesetzgebungsverfahren
eingebracht werden können.

||

DR. CHRISTOPH F-J GOETZ
Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft
für Telemedizin, DGTelemed

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

FINANZIERUNG DIGITALER
GESUNDHEITSANWENDUNGEN
RALPH STEIDL || Digitale Gesundheitsanwendungen bieten mit Methoden der „Big Data Analyse“,
des „maschinellen Lernens“ und der „künstlichen Intelligenz“ Möglichkeiten zum besseren Verständnis von Krankheiten und damit zu einer individualisierten Medizin zum Wohle der Patienten.
Aber welche Verbesserungen der Anfangsfinanzierung digitaler Gesundheitsanwendungen braucht
es und wie können digitale Medizinprodukte am Ende abgerechnet werden?

Strukturierte, digitalisierte Daten erlauben
es dem Arzt, das Wissen über den Gesundheitszustand seines Patienten mit anderen Gesundheitsdienstleistern zu teilen und damit eine effizientere und effektivere Behandlung zu ermöglichen.
Darüber hinaus bietet die Verfügbarkeit von
Breitbandanbindung, Smartphones und miniaturisierter Sensorik Möglichkeiten für Produkt- und
Prozessinnovationen, die den Patienten aktiv in
das Management seiner Krankheit einbeziehen
und die Kommunikation mit seinen Therapeuten intensivieren. Insbesondere bei chronischen
Erkrankungen liefern telemedizinische Anwendungen den Versorgern wertvolle Informationen
aus dem Alltag des Patienten. Dieses Wissen erlaubt ein schnelleres und gezielteres Reagieren
der Therapeuten auf Veränderungen im Gesundheitszustand des Patienten und kann damit helfen, Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und
vor allem die Lebensqualität des Patienten zu
erhöhen oder auf dem höchstmöglichen Niveau
zu halten.
Hersteller solcher digitalen Gesundheitsanwendungen sehen sich jedoch erheblichen
Schwierigkeiten ausgesetzt, die das Innovationspotenzial dieser Technologien stark einschränken.
Gesundheitsanwendungen, die nicht nur das
Dokumentieren und Übertragen von Gesundheitsdaten ermöglichen, sondern zur Diagnos-

tikunterstützung und als Entscheidungshilfe zu
Therapiefindung dienen, unterliegen als Medizinprodukt (nach der neuen MDR) mindestens
der Risikoklasse IIa. Dies erfordert von den in
Verkehr bringenden Unternehmen ein aufwändiges Qualitätsmanagementsystem und dessen
Zertifizierung nach der EN ISO 13485 sowie die
„Zulassung“ ihres Produkts als Medizinprodukt
(in der EU das sog. Konformitätsbewertungsverfahren, um das CE-Zeichen anbringen zu dürfen). Zentraler Bestandteil dazu sind aufwändige
klinische Studien zum Beweis der Wirksamkeit
des innovativen Verfahrens.
Herkömmliche Medizinprodukte können sich
nach erfolgreichem Erlangen des CE-Zeichens
häufig auf bestehende Abrechnungsziffern im
Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen beziehen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin,
eine geeignete Vertriebsstruktur aufzubauen und
ihr Medizinprodukt zu vermarkten.
Anders ist dies bei Herstellern einer neuen
Generation von Medizinprodukten wie digitalen Gesundheitsanwendungen. Um mit gesetzlichen Krankenkassen Selektivverträge nach SGB
V abschließen zu können, müssen sie diese zunächst von der gesundheitsökonomischen Wirksamkeit ihres Produktes überzeugen. Dafür sind
weitere zeit- und kostenaufwändige Studien
nötig. Darüber hinaus existieren in Deutschland
110 Krankenkassen, mit denen solche Selektivverträge, im ungünstigsten Fall einzeln, abge-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

45

RALPH STEIDL

schlossen werden müssen. Um zusätzlich eine
Abrechnungsziffer nach dem Leistungskatalog
der Regelversorgung zu bekommen, benötigen
die Hersteller ein positives Urteil des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Im ambulanten
Umfeld sind Medizinprodukte nur erstattbar,
wenn sie in Zusammenhang mit einer anerkannten Therapie oder Behandlungsmethode erbracht
werden (s. a. www.bvmed.de/de/versorgung/
erstattung-medizinprodukte-ueberblick).
Da digitale Gesundheitsanwendungen in
der Regel auch Prozessinnovationen beinhalten,
die über die heute anerkannten Therapien und
Behandlungsmethoden hinausgehen (beispielsweise in der Telemedizin), ist ein jahrelanger
Prozess mit weiteren klinischen Studien und gegebenenfalls einem Health-Technology-Assessment (HTA) nötig, der durch die Hersteller zu
finanzieren und zu organisieren ist.
Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen
(häufig kleinere Unternehmen und Startups)
sind somit weit höheren Hürden und finanziellen Belastungen ausgesetzt, als dies im ohnehin
sehr schwierigen traditionellen Medizinprodukteumfeld der Fall ist. Die Möglichkeit, darüber
hinaus schnelle Innovationszyklen zu nutzen
(die mit digitalen Anwendungen möglich wären),
ist in diesem kostenintensiven und zeitraubenden
Kontext nahezu unmöglich. Die Gefahr besteht,
dass überhaupt nur wenigen Innovationen der
Weg in die Regelversorgung gelingt und für eine
schnelle Weiterentwicklung mit weiteren Hebepotenzialen nur wenig Anreiz besteht.
Um digitalen Innovationen den Zugang zum
Gesundheitsmarkt zu ermöglichen und damit
auch die Qualität der Versorgung in einer alternden Gesellschaft zu erhalten – und potenziell
auch zu verbessern –, sind die Hersteller solcher
Produkte auf Unterstützung angewiesen:

46

1. Förderung von klinischen Studien
zum Beleg der medizinischen Wirksamkeit neuer, digital gestützter Versorgungskonzepte
2. Förderung des modellhaften Einsatzes digitaler Innovationen in der Versorgung – ambulant, stationär und
intersektoral –, um den gesundheitsökonomischen Nutzen neuartiger
integrierter Versorgungsprozesse zu
belegen
3. Unterstützung innovativer kleiner
Unternehmen und Startups im Dialog
mit Krankenkassen und bei der Gestaltung von Selektivverträgen
4. Deutliche Verkürzung des G-BA Verfahrens zur Aufnahme digitaler Gesundheitsanwendungen in die Regelversorgung

||

RALPH STEIDL
CEO Portabiles HealthCare Technologies GmbH,
Nürnberg

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALISIERUNG IN DER MEDIZIN BRAUCHT
ETHISCHE BEGLEITUNG
REINER ANSELM || Die Digitalisierung und die damit mögliche Personalisierung in der Medizin stellt
nicht nur eine Innovation im Hinblick auf die Möglichkeiten von Diagnose und Intervention dar,
sondern stellt ebenso die ethische und nachfolgend auch die rechtliche Modellierung und Regulierung entsprechender Handlungsmöglichkeiten vor grundlegend neue Aufgaben. Das bislang vorherrschende Zwei-Säulen-Prinzip, das Einflussnahmen im Bereich der Medizin genau dann ethisch und
rechtlich legitim sein lässt, wenn eine ärztliche Indikation und die informierte Zustimmung des
Patienten vorliegen, kann man so in der personalisierten Medizin nicht mehr fortschreiben.

DATENSCHUTZ
Weder ist bei der Erhebung von genetischen
Daten bereits sicher, ob eine Indikation vorliegt,
noch können Patienten zu einer bestimmten
Verwendung der Daten zustimmen: Sie wissen
zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch nicht,
für was diese Informationen einmal verwendet
werden könnten, und zudem geben genetische
Daten immer auch Kenntnisse über genetisch
verwandte Personen preis – zwar in abgestufter
Genauigkeit, aber doch so, dass diese Daten
etwa im Fall einer genetisch bedingten Krankheitsdisposition geeignet sind, die Wahrnehmung des eigenen Lebens bei diesen Personen
nachhaltig zu verändern.
Etwas theoretischer formuliert: Die grundlegenden medizinethischen Prinzipien sind individualethisch fundiert, stellen also zunächst die
individuelle Autonomie des Patienten fest und
regeln von hier aus dessen Verhältnis zum behandelnden Arzt und (mittelbar) zum Gesundheitssystem. Deutlich wird das, wenn man sich die
mittlerweile zum Standard gehörenden Prinzipien
vergegenwärtigt, die Beauchamp und Childress
in ihrem Buch „Principles of Biomedical Ethics“
aufgestellt haben. Diese vier sind: Respect for

Autonomy, Nonmaleficence, Beneficence und
Justice. Dabei sind die ersten drei, also der Respekt vor der Autonomie des Patienten, das Prinzip des Nichtschadens und die Fürsorge, ganz
offensichtlich Normen, die zwischen dem Arzt
und dem Patienten gelten. Aber auch das letzte
Prinzip, die Gerechtigkeit, formuliert in dieser
Zuspitzung zunächst den Anspruch nach fairer
Verteilung der Gesundheitsgüter, den der Patient
stellt. Ein Anspruch, der sich an das System richtet, in das die Krankenbehandlung eingebettet
ist.
Mit der digitalen Medizin wird dieser individualethische Aspekt zunächst auf die Spitze getrieben, denn die Fragen nach Datensicherheit
und Datenschutz sind zunächst einmal Rechte,
die die Privatsphäre des Patienten sicherstellen
sollen und sicherstellen müssen. Allerdings weist
schon der Aspekt der Datensicherheit über diese
individualethische Perspektive hinaus: Denn die
Erhebung und auch das Vorhalten von Daten
kann von ganz entscheidender Bedeutung für
Andere sein – im Blick auf Diagnose und auch
der Therapie. Mit den Möglichkeiten der digitalen Medizin wird konstitutiv die Ebene zwischen dem einzelnen Patienten und dessen Arzt

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

47

REINER ANSELM

überschritten. Denn der Weg zu einer personalisierten Medizin, die präventiv und prädiktiv
arbeitet, geht über eine genaue Erfassung, Auswertung und Digitalisierung von Daten, und
zwar nicht nur von Patientendaten, sondern
auch von Datensätzen, die z. B. bei Routine-Kontrollen gewonnen werden. Anders formuliert
lässt sich das in ein Paradox fassen, das die mit
der präzisierten Auswertung genetischer Merkmale und klinischer Daten verbundenen Herausforderungen gut zum Ausdruck bringt: Die
präzise, personalisierte Behandlung bzw. die
Prognose oder Prävention einer Krankheit für
einen konkreten Patienten soll genau dadurch
erreicht werden, dass seine spezifische Konstellation, seine genetische Ausstattung und seine
Anamnese mit einer großen Menge an Vergleichspartnern abgeglichen werden kann. Ein solcher
Abgleich ermöglicht aber zugleich Aussagen über
diejenigen, die eng verwandt sind – oder aber
dieselben genetischen Merkmale tragen, auch
wenn diese noch keine Krankheitssymptome
zeigen. Ja, möglicherweise wird durch entsprechende Datenverarbeitung überhaupt erst ein Zusammenhang zwischen einer bestimmten Krankheit und einem Genom hergestellt.
Dass diese Herangehensweise nun nicht mehr
nur mit individualethischen Prinzipien zu erfassen ist, liegt auf der Hand. Vielmehr ist die
ethische Reflexion und auch ein nach ethischen
Standards erfolgendes Handeln in diesem Bereich
so zu konzipieren, dass die Ethik nicht nur den
Schutz der individuellen Entscheidung sicherstellt, sondern auch als Garantin des Ausgleichs
zwischen den unterschiedlichen individuellen
Perspektiven fungiert. So gilt es in besonderer
Weise zu reflektieren, inwieweit Kollektivinteressen, die bislang in den etablierten Standards
bioethischer Urteilsbildung keinen rechten Ort
haben, berücksichtigt werden müssen und berücksichtigt werden können.

AUTONOMIE DES PATIENTEN
In Bezug auf die vier oben genannten medizinethischen Prinzipien ergibt sich daher ein Modifikationsbedarf: Die Autonomie des Patienten,
die auch den informed consent voraussetzt, ist
zwar natürlich auch in vorliegendem Projekt
von entscheidender Bedeutung, muss aber we-

48

nigstens in zweierlei Hinsicht umfassender eingebettet und damit möglicherweise auch anders
verstanden werden: Zum einen werden durch
Vergleichsforschung Daten gewonnen, die direkt
oder indirekt Auswirkungen haben auf andere
Personen und deren Autonomie, z. B. nicht Patient sein zu wollen – und zwar ohne dass es
möglich ist, deren Zustimmung zu entsprechenden Daten zu erhalten, weil eine solche Zustimmung nur auf dem Weg einer Generalvollmacht
erteilbar wäre – und damit zugleich auch wertlos: Die Szenarien, die möglicherweise problematisch und daher ethisch reflexionsbedürftig
wären, lassen sich nicht vorhersehen. Zum anderen ist die Autonomie über die eigenen Daten
jedenfalls ein Gut, das nicht einfach für zweitrangig erklärt werden kann, das aber mit anderen Gütern in Konflikt treten und ausgehandelt
werden kann.
Ähnliche Herausforderungen stellen sich im
Blick auf das Prinzip des Nichtschadens: So ist
angesichts des Auseinanderfallens der Datenerhebung und der möglicherweise Betroffenen zu
klären, wem eigentlich geschadet wird, sollte an
einem Recht auf Nichtwissen festgehalten werden. Und, genau gegenläufig, ist auch zu präzisieren, ob die Verwendung von detaillierten Patientendaten zur Prognose ebenfalls ein Schaden
sein kann.
Lassen sich die ersten beiden Prinzipien vor
allem durch Modifikationen und Präzisierungen
aufrechterhalten, müssen die beiden anderen
Prinzipien viel grundlegender überdacht werden:
Bislang fokussiert sich der Gedanke der
Fürsorge auf Unterstützungsmaßnahmen, die –
unter Umständen wie bei der häuslichen Pflege
auch informell – im Rahmen der Gesundheitsversorgung an einem konkret Erkrankten vorgenommen werden, mit dem Ziel, verstanden als
die Fähigkeit, mit seiner konkreten körperlichen
Disposition ein weitgehend selbstbestimmtes
Leben führen zu können. Im Blick auf die mit
der Digitalisierung der Medizin verbundenen
Veränderungen gilt aber nun, dass Fürsorge nicht
nur hinsichtlich der Care-giver, sondern auch
hinsichtlich der Data-giver bestimmt werden
muss. Zugleich bedeutet das, dass ein überindividueller Begriff von Gesundheit vonnöten ist:
Der Begriff der Fürsorge lässt sich nur dann aufrechterhalten, wenn Gesundheit etwas ist, das

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALISIERUNG IN DER MEDIZIN BRAUCHT ETHISCHE BEGLEITUNG

nicht nur für das konkrete Individuum einen
Wert hat, sondern wenn es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass die Gesundheit
des Einzelnen von Bedeutung ist, und zwar in
der Form, dass es einen wie auch immer gearteten Anspruch gibt, dass der Einzelne ein Anrecht darauf hat, dass andere sich nicht grundlos
der „Datensolidarität“ verweigern.

PRINZIP DER GERECHTIGKEIT
Dies wirft ein ganz anderes Licht auf das
Prinzip der Gerechtigkeit. Klassischerweise stellte
sich hier die Frage nach der fairen Verteilung der
Güter, die es im Gesundheitssystem gibt. Nun
wird diese Frage ergänzt und erweitert durch die
Frage des gerechten Umgangs all der Personen
untereinander, die auf das Gesundheitssystem
angewiesen sind. Wenn also im klassischen Modell von Beauchamp und Childress ein liberales,
an fairen Tauschverhältnissen Einzelner orientiertes Modell der Gerechtigkeit Pate stand (und
damit das für westliche Gesellschaften dominante Modell), kommen nun die Kritiker dieses
Modells zum Zug, die unter dem Theoriemodell
eines Kommunitarismus darauf verweisen, dass
solidarische Gesellschaften nicht nur über individuelle Ausgleichsprozesse, sondern nur über
gesellschaftlich geteilte Vorstellungen über das
Gute funktionieren können – und damit zugleich
immer auf bestimmte, definierbare Gemeinschaften fokussiert sind.
Diese Modifikationen oder auch Revisionen
der klassischen medizinethischen Paradigmen
durchzudenken, stellt eine große Herausforderung dar, und zwar nicht nur auf einer Theorieebene, sondern auch auf der Ebene des professionellen Ethos: Es erfordert nämlich gerade für
die Ärzte und die Forschenden, sich nicht nur
als Anwälte der individuellen Patienten, sondern
auch für das Gemeinwohl zu verstehen. Gleichzeitig aber sind Ärzte auch diejenigen Vermittler,
die das Spannungsfeld, in das das Gemeinwohl
und die individuellen Überzeugungen geraten
können, als einzige ausmitteln können. Das geschieht dadurch, dass sie in ihrem professionellen
Verhalten die Grundlage für ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient legen, welches
wahrscheinlich das wichtigste Fundament dafür
darstellt, dass die Digitalisierung in der Medizin in

all ihren Facetten Akzeptanz bei der Bevölkerung
findet. Denn letztlich lässt sich die Freigabe von
Gesundheitsdaten nicht mit einem wohlverstandenen Eigeninteresse begründen, sondern allein
durch das Vertrauen darauf, dass Ärzte bzw.
Wissenschaftler sorgfältig und ethisch verantwortet mit diesen Informationen umgehen. Dieses
Vertrauen ist ganz wesentlich davon abhängig,
dass mit den Daten eben nicht zuvörderst private, insbesondere kommerzielle Interessen verfolgt werden, sondern das Ziel des Handelns das
gemeinsame Gut Gesundheit darstellt, das wiederum jedem potenziellen Patienten entsprechend
zur Verfügung gestellt werden kann.

VERTRAUEN
Ein solches Vertrauen – und damit ergibt
sich vielleicht das größte Paradox der Digitalisierung in der Medizin – stellt sich gerade nicht
in Kommunikationsformen ein, die dem Paradigma der funktional spezifischen Interaktion
folgen, sondern in den Begegnungen, in denen
es zu einer diffusen, auf persönliche Werte und
Vorstellungen gerichteten Interaktion kommt.
Weniger theoretisch formuliert: Vertrauen baut
sich nicht vorrangig über Informationen auf,
sondern über die Wahrnehmung des Anderen
als Person, über die Frage von Empathie und
Sympathie. Da die digitale Medizin jedoch sehr
technikaffin ist, wird dieser Aspekt nur zu leicht
vergessen, sodass sich eben das Paradox ergibt,
dass mehr Information weniger Vertrauen erzeugt. Zugespitzt formuliert: Letztlich entscheidet nicht der technische Datenschutz, sondern
das persönliche Vertrauensverhältnis darüber,
ob ich bereit bin, meine Daten zur Verfügung zu
stellen. Eine ethische Begleitung der Digitalisierung in der Medizin, die genau diesen Aspekt im
Blick hat und u. a. auch darauf achtet, dass die
Rationalisierungsgewinne sich auch tatsächlich
in einer Intensivierung der (diffusen, das heißt
nicht auf den spezifischen Austausch von Informationen über naturwissenschaftliche bzw. technische Fakten) gerichteten Kommunikation und
einer entsprechend verbesserten Arzt-PatientenBeziehung niederschlagen, ist daher für den Erfolg der Digitalisierung in der Medizin von entscheidender Bedeutung. Oder, noch einmal
zugespitzter als Policy-Frage formuliert:

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

49

REINER ANSELM

Nur wenn die Digitalisierung in der Medizin als ein politisches Programm, d. h. als
ein diskursiv begleitetes und auch reguliertes Vorgehen begriffen wird und in der
Steuerung nicht allein dem Wissenschaftssystem überlassen bleibt, kann sie zum
Erfolg führen und schlussendlich auch nur
dann ethische Legitimität beanspruchen.

||

PROF. DR. REINER ANSELM
Evangelisch-Theologische Fakultät,
Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik,
Ludwig-Maximilians-Universität München

50

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALISIERUNG IM GESUNDHEITSWESEN
Praxisbeispiel: e-MentalHealth
GÜNTER SCHIEPEK || Im Beitrag soll ein Praxisbeispiel für versorgungsrelevante Digitalanwendungen
angeführt werden, das im Bereich der psychischen Gesundheit liegt (e-MentalHealth in Bereichen
von Psychotherapie, Psychosomatik, Psychiatrie) und verhaltens- und lebensstilabhängige Prävention und Nachsorge, Gesundheitsförderung und Stressreduktion, Schmerzmanagement, Therapie
und Bewältigung chronischer Erkrankungen sowie die sektorenübergreifende Versorgung betrifft. In
diesen Gebieten können wir davon ausgehen, dass wir es auf unterschiedlichen Ebenen mit komplexen, nichtlinearen und hochdynamischen Systemen zu tun haben, was nicht bedeutet, dass es auch
hier Anwendungsfelder gibt, die gut steuerbar und tayloristisch handhabbar sind (z. B. Raumplanung
von OP-Sälen, logistische Probleme).

ANWENDUNGSBEISPIEL / TESTSTRECKE
Eine der Anwendungen liegt im Bereich des
Feedbacks und der Steuerung psychotherapeutischer / psychosomatischer Prozesse. Daten können hierbei von Patienten, aber auch Angehörigen oder Therapeuten zu beliebigen Zeitpunkten
mittels einer App oder auf Internet-Portalen eingegeben werden. Bewährt haben sich tägliche
Eingaben für psychologische Parameter und wöchentliche oder monatliche Eingaben für Evaluationsdaten, z. B. primärer oder sekundärer
Outcome. Neben Standardfragebögen können
auf der Grundlage von Fallkonzeptionen auch

individuelle Fragebögen, die auf die Themen,
Probleme oder Ziele des jeweiligen Patienten zugeschnitten sind, erstellt und genutzt werden.
Die erhobenen Daten werden visuell dargestellt
(z. B. als Zeitreihen) und mit geeigneten Methoden analysiert. Auch die Analyseergebnisse werden in Diagrammen (siehe Abb. 1 bis 6) dargestellt. Therapeuten und Patienten nutzen diese
jederzeit aktuellen und sich auf dem Stand der
Entwicklung befindlichen Ergebnisse für Feedbackgespräche und als Grundlage für Entscheidungen über das weitere Vorgehen, mithin als
Instrumentarium der Therapiesteuerung.

Abbildung 1: Optionen zur Konfiguration der Ergebnisse

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

51

GÜNTER SCHIEPEK

Abbildung 2: Zeitdaten-Diagramme

Abbildung 3: Farbkodiertes Rohdaten-Diagramm mehrerer Zeitreihen

Abbildung 4: Komplexitätsresonanzdiagramm

52

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALISIERUNG IM GESUNDHEITSWESEN

Abbildung 5: Momentaufnahmen von bewegten Korrelationsmatrizen

Abbildung 6: Farbkodiertes Wiederholungsdiagramm

Auch in Intervisionen und Fallkonferenzen
werden die Ergebnisse genutzt. Da es sich hierbei
nicht um Studien handelt, sondern um Anwendungen im Bereich der Routinepraxis, entstehen
flächendeckend Prozess-Outcome-Daten für
Grundlagen- und Versorgungsforschung (big
data für weitere Auswertungen mit machine
learning algorithms).
Neben Selbst- und Fremdeinschätzungen
können auch peripher- und neurophysiologische
Messungen integriert werden, z. B. aus dem Bereich des Biofeedback (Atmung, Puls, Hautleitfähigkeit, HR-Variabilität) und des Neurofeedback
(EEG, near infrared spectroscopy).

Aktuelle Entwicklungen in Richtung eines
Patientenportals liefern nicht nur Daten vom
Patienten an den Server und somit an den / die
Therapeuten, sondern stellen auch in umgekehrter Richtung Möglichkeiten bereit, Patienten mit
Informationen, Übungen, Anleitungen oder Filmmaterial zu versorgen, um sie auch außerhalb
von Praxis und Klinik in ihrer eigenständigen
therapeutischen Arbeit zu unterstützen. Damit
löst sich die Trennung von Face-to-Face-Therapie und Internet-Therapie ebenso auf wie die
zwischen klassischen Versorgungssektoren. ETechnologien integrieren auch stationäre, tagesklinische und ambulante Versorgung mehr als

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

53

GÜNTER SCHIEPEK

bisher (Therapiemonitoring als roter Faden über
verschiedene Settings hinweg).
Abbildung 7:
Bildschirmbezogene Arbeit im Therapiesetting

PATIENTENNUTZEN
Bereits die mit der Dateneingabe verbundenen
mentalen Prozesse (Selbstreflektion, Mentalisierung, Emotionswahrnehmung, Schreiben elektro-

nischer Tagebücher) haben psychologisch-therapeutische Effekte. Hinzu kommt das Feedback
mit dem Therapeuten, welches den Therapieprozess optimiert und verändert (autokatalytischer
Effekt). Kritische Momente können erkannt und
genutzt werden (oder aber verhindert, wenn es
sich z. B. um suizidale Krisen handelt). Geeignete Methoden wie das Synergetische Navigationssystem (SNS) liefern Methoden der prozessbezogenen Stabilitäts-Instabilitätsdiagnostik,
welche weit über eine statisch-klassifikatorische
Diagnostik hinausgeht. Auch können Verschlechterungen und drohende Rückfälle im
Behandlungsprozess rechtzeitig erkannt werden
(siehe hierzu Abb. 8).
In vielen Anwendungen wird der Patient also
partnerschaftlich und auf Augenhöhe in die Prozesse einbezogen. Patient und Therapeut sitzen
gemeinsam am Bildschirm, besprechen den Verlauf und entscheiden über das weitere Vorgehen.
Dies unterstützt die Selbstverantwortung des
Patienten, fördert seine Selbstwirksamkeit und
seine Mündigkeit und Autonomie. Neben dem
Aspekt der Partizipation ist damit auch ein Professionalisierungsschub verbunden.

Abbildung 8: Effekte von Internet-basiertem Therapiefeedback

54

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

DIGITALISIERUNG IM GESUNDHEITSWESEN

TECHNOLOGIEAKZEPTANZ
Erfahrungen im Bereich der Implementierung sowie Studien zeigen, dass der Widerstand
gegenüber der Nutzung neuer e-Technologien
bei Professionellen (Psychotherapeuten, Ärzten)
oft höher ist als bei Patienten. Die ComplianceRaten bei Patienten sind auch bei engmaschigem
Prozessmonitoring erstaunlich hoch (Schiepek
u. a., 2016), vor allem wenn die Ergebnisse in
Form von Feedback-Gesprächen wieder in den
Prozess einfließen und Patienten damit einen
Sinn in der Nutzung von Monitoringsystemen
erkennen. Neben Bedienerfreundlichkeit und
subjektiver wie objektiver Datensicherheit kann
man die Bedingungen für die Akzeptanz neuer
Technologien unter anderem an einigen menschlichen Grundbedürfnissen (z. B. Grawe, 2004)
festmachen (Selbstwertabsicherung, soziale Zugehörigkeit, Lustgewinn / Unlustvermeidung,
Kontrollierbarkeit):
• Plausibilität des Nutzens, Relevanz
• Funktionssicherheit, Stabilität
• Bedienungsfreundlichkeit, Bedienungskompetenz
• Ästhetik und Spaß
• Soziale Bezüge: Reputation, Attraktivität der
Nutzer-Community einer Innovation, Gruppendruck
• Bedrohungspotenzial (Angst vor Beurteilung
der eigenen Leistung)
• Kompatibilität mit Menschenbild und ethischen Werten (z. B. der „gläserne Patient“)
• Aufgabe von Kontrolle, Kontrollabgabe an
Maschine

KRITERIEN FÜR E-TECHNOLOGIEN
IM BEREICH PROZESSMONITORING
UND PROZESSSTEUERUNG
• Die Verfahren sollten in der Lage sein, nichtlineare, komplexe Prozesse darzustellen. Kritische Instabilitäten sollten rechtzeitig erkennbar sein, ebenso Ordnungsübergänge und
Veränderungen von Synchronisationsmustern
(intraindividuell ebenso wie interindividuell).
• Sampling rates (Abtastfrequenzen) sollten
frei wählbar sein, ebenso die Option von
time sampling oder event sampling. (Mit diesen Verfahren lässt sich die Dauer von Verhaltensweisen erfassen - die Red.)

• Auch die Messparameter (z. B. die eingesetzten Fragebögen) sollten frei wählbar sein
(heute nimmt die Verfügbarkeit von „free
ware“ Fragebögen zu, aber es gibt trotzdem
noch eine Verlagsbindung vieler Fragebögen). Outcome- und Prozessmessung sollten
kombinierbar sein, und individualisierte Fragebögen sollten mit einem Fragebogeneditor
leicht aufsetzbar sein.
• Therapie- oder Interventionseffekte können
erfasst werden, indem die Ausprägung irgendeines Wertes (z. B. Symptomscore) zu
seltenen Zeitpunkten (z. B. vor und nach einer Therapie) dargestellt und verglichen
wird. Allerdings zeigen sich Veränderungen
auch oft an Musterwechseln, z. B. hohe emotionale Instabilität bei Borderline-Patienten,
die in eine stabilere emotionale Dynamik
überwechselt.
• Interpersonelle Muster (in Teams, Familien,
Gruppen, Organisationen) sollten erfassbar
und darstellbar sein. Eine Methode hierfür
sind dynamische Interaktionsmatrizen oder
die Visualisierung multipler Zeitreihen von
mehreren Personen.
• Personalisierte und maßgeschneiderte Arbeitsweisen in Therapie und Beratung sollten vom e-System unterstützt werden. Dies
setzt z. B. die leichte Entwicklung personspezifischer Fragebögen sowie die Darstellung intraindividueller Verläufe voraus
(nicht oder nicht nur interindividuelle Normen).
• Patientenportal: Die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient sollte in beide
Richtungen möglich sein. Informationen
(Einschätzungen, Kommentare, Info-Material, Bilder und Filme) sollten in beide Richtungen laufen.
• In Zukunft lassen sich wahrscheinlich auch
Computersimulationen von individuellen
Systemprozessen und online erfasste Daten
(Variablen, Parameter und Inputs) eines Patienten kombinieren.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

55

GÜNTER SCHIEPEK

LITERATUR
Digitalisierung und Nutzung neuer e-Technologien (nicht nur neuer Medien) sollten
in Ausbildungen und Curricula verankert
werden (z. B. in der Medizin, Psychologie, Psychotherapie, Coaching und Beratung, Sozialarbeit, Pflege usw.). Oben
wurde auf die Funktionsweise komplexer
nichtlinearer Systeme hingewiesen. Die
Kompetenz im Verständnis von und im
Umgang mit solchen Systemen (Systemkompetenz) kann im 21. Jahrhundert als
transdisziplinäre Schlüsselkompetenz
gelten und sollte an allen Bildungs- und
Aus- bzw. Weiterbildungseinrichtungen
(auch schon an Schulen) im Fokus stehen.
In der Versorgung (Praxen, Kliniken)
sollten Tablets und Laptops, aber auch
hochauflösende Monitore zur Verfügung
stehen. Auch der Einbezug von patienteneigenen Endgeräten sollte problemlos
möglich sein (Therapie-Apps, EingabeApps, entsprechende Internet-Portale).

||

Fartacek, C. / Schiepek, G. / Kunrath, S. / Fartacek,
R. / Plöderl, M. (2016): Real-Time monitoring of nonlinear suicidal dynamics: methodology and a demonstrative case report, in: Frontiers in Psychology for
Clinical Settings, 7:130 (1-14). doi: 10.3389/fpsyg.
2016.00130.
Grawe, K.: Neuropsychotherapie, Göttingen 2004.
Schiepek, G.: Komplexität, Berechenbarkeit und Big
Data in der Psychologie, in: W. Pietsch, J. Wernecke und
M. Ott (Hrsg.): Berechenbarkeit der Welt? Philosophie
und Wissenschaft im Zeitalter von Big Data, Wiesbaden
2017, S. 311-332.
Schiepek, G. / Aichhorn, W. / Gruber, M. / Strunk,
G. / Bachler, E. / Aas, B. (2016): Real-Time monitoring of
psychotherapeutic processes: concept and compliance,
in: Frontiers in Psychology for Clinical Settings, 7:604.
doi: 10.3389/fpsyg.2016.00604.
Schiepek, G. / Eckert, H. / Aas, B. / Wallot, S. / Wallot, A.: Integrative Psychotherapy. A Feedback-Driven
Dynamic Systems Approach, Boston 2015.
Schiepek, G. / Aichhorn, W. / Schöller, H. (im
Druck): Monitoring change dynamics – a nonlinear approach to psychotherapy dynamics, in: Chaos & Complexity Letters, 11(3).

PROF. DR. GÜNTER SCHIEPEK
Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung, Paracelsus Medizinische Privatuniversität
Salzburg Center for Complex Systems, Stuttgart

56

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUSBILDUNG ZUR GESUNDHEITSTELEMATIK
Eine unterschätzte Herausforderung wird zum
strategischen Dauerbrenner
CHRISTOPH F-J GOETZ || Selten hat es im Gesundheitswesen eine so rasche und umfassende Veränderung tradierter Methoden gegeben, wie sie allen Beteiligten heute die unaufhaltsame Verbreitung
elektronischer Medien auferlegt. Da ist es besonders wichtig, Angst, Polemik und wirtschaftlichen
Interessen ein eigenes, fundiertes Wissen entgegenzustellen. Praktisches Wissen über Gesundheitstelematik hat sich schon längst zum strategischen Dauerbrenner gemausert. Der Medical Community
steht aber eine noch lange, steile Lernkurve bevor.

SACHSTAND
Die ständige Fortentwicklung ihrer Kernkompetenzen hat bei den Heilberufen schon immer
eine lange Tradition. Ob Ohr an der Brust zu
Stethoskop, Finger am Puls zum EKG oder Tastbefund des Abdomens zum Computertomogramm – Innovationen wurden schon immer
aufgegriffen, sobald ihr Nutzen für die Versorgung erkennbar wurde. Elektronische Medien
verändern gegenwärtig die gesamte Gesellschaft,
auch die Gesundheitsversorgung. Die Verfahren
sind jedoch vielfach hinter schwer verständlichen Technizismen versteckt oder kommerzielle
Produkte werden mit wenig Verständnis für Belange der medizinischen Versorgung einfach „in
den Markt“ gedrückt. Lange Zeit wurde dieses
Thema daher von der Gemeinschaft der medizinischen Berufe kritisch betrachtet und Herausforderungen vielfach abgelehnt, ja sogar als Bedrohung angesehen.
Die Einstellung zur Gesundheitstelematik hat
sich in letzter Zeit aber grundlegend geändert.
So brachte die Keynote auf dem 120. Deutschen
Ärztetag 2017 in Freiburg von Christiane Woopen über „Digitalisierung im Gesundheitswesen“
eine der wichtigsten der aufkommenden Herausforderungen auf den Punkt: „Der Umgang mit

digitalen Medien erfordert spezifische Fähigkeiten
und Fertigkeiten, also Kompetenzen. […] Es bedarf einer Vermittlung der erforderlichen Kompetenzen, am besten schon in der Schule, für
den Arzt auch im Studium sowie während seiner
gesamten Laufbahn.“
Da gibt es noch einiges zu tun. Anders als in
der bisher curricular organisierten, akademischen
Berufsausbildung der Medizin mit ihrer Klinik
und Vorklinik gibt es bei möglichen Bildungsangeboten zur Gesundheitstelematik erst ganz
rudimentäre Ansätze mit sehr heterogener Ausrichtung und Qualität. Dies ist zum einen bedingt durch die Eingliederung in die unterschiedlichen Stadien der Ausbildung, Fortbildung oder Weiterbildung, zum anderen geprägt
durch die spezifischen Perspektiven der Anbieter, wie bei den Fachlehrgängen „Digitale Medizin“ des Bundesverbands Internetmedizin oder
dem Mentoren-Ansatz des Zertifikats „Medizinische Informatik“ der Deutschen Gesellschaft
für Medizinische Informatik, Biometrie und
Epidemiologie.
Es gibt zwar schon das eine oder andere
Lehrbuch zur Gesundheitstelematik, aber Ausrichtung, Zielgruppen und vor allem Umfang
sind wie bei Printmedien üblich, letztendlich

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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CHRISTOPH F-J GOETZ

statisch. Während dies für unveränderliche klinische Fächer noch angebracht ist, ist bei den
neuen Verfahren die enorme Dynamik und Veränderungsgeschwindigkeit eine unausweichliche
Tatsache. Wer hat schon ein Telefon älter als
drei bis fünf Jahre in der Tasche? Die brandheiße
Innovation von heute ist morgen der Schnee von
vorgestern. Dies gilt im übertragenen Sinn auch
für die Gesundheitsversorgung. Geschwindigkeit
der Bereitstellung und Aktualität der Inhalte müssen sich an der neuen Taktrate messen lassen.
EXEMPLARISCHER LÖSUNGSANSATZ
Ein Beispiel zeigt besonders gut, wie so etwas
gehen könnte. Schon vor einigen Jahren, als sich
der aus dieser Strömung entstehende Bedarf
abzuzeichnen begann, wurde auf Initiative der
Bayerischen TelemedAllianz zusammen mit maßgeblichen Einrichtungen und Autoren ein „Lehrgang Gesundheitstelematik Bayern“ entwickelt,
der die gesamte Breite dieser neuen Thematik
ausführlich beleuchtet. In zwölf Lehreinheiten
werden darin die theoretischen Grundlagen, die
Anwendungen und Umsetzungen und die Projektlandschaft der Gesundheitstelematik in der
Praxis der Heilberufe ausführlich vorgestellt und
Anwendungskontexte erarbeitet.
Insgesamt richtet sich der Informationsinhalt
an den breiten Informationsbedürfnissen vieler
verschiedener Nutzer aus und ist sowohl für
interessierte Studenten wie für medizinisches
Fachpersonal konzipiert, das mehr über dieses
interdisziplinäre Fach erfahren möchte. Dabei
werden neben technischen Grundlagen und komplexen Zusammenhängen die neuen Methoden
mit ganz praktischen Beispielen illustriert. Dafür
bieten die Angebote umfangreiches Präsentationsmaterial für Vorlesungen und auch Skripten
für das Einzelstudium, begleitet von audio-visuellen Clips zur Vertiefung wichtiger Kontexte.
Der Lehrgang der Bayerischen TelemedAllianz
umfasst inzwischen mehr als 600 Seiten, gegliedert in zwölf unterschiedliche Einheiten. Dieses
Curriculum ist in Deutschland bezüglich Umfang
und Detailtiefe einmalig, inzwischen vielfach
erprobt, qualitätsgesichert und wird laufend fortgeschrieben. Es wird von diversen Hochschulen
in Bayern und ansatzweise darüber hinaus eingesetzt, ebenso von anderen Ausbildungsanbietern wie der IHK oder dem TÜV.

58

KAPITELÜBERSICHT DES BTA-CURRIKULUMS
Bei diesen Einsätzen hat sich aber inzwischen abgezeichnet, dass die bisherige Sammlung mit ihren zwölf Kapiteln und den daraus
entwickelten Präsentationen an systembedingte
Grenzen gestoßen ist. Verschiedenes „Branding“
für unterschiedliche Lehreinrichtungen und diverse Themen- und Schwerpunktsetzungen für
Zielgruppen oder die Aufbereitung für die vielen
Multiplikatoren bedingen einen so großen Aufwand, der mit der inhaltlichen Fortschreibung
und dem thematischen Ausbau zunehmend negativ konkurriert. Ein grundsätzlich neues Konzept ist daher notwendig, um so zu gewährleisten, dass die vielschichtigen Anforderungen erfüllt, eine rasche und nachhaltige Aktualisierung
möglich und die Integration neuer Kommunikationskanäle sichergestellt wird.
Kerngedanke des Konzepts war ja die Aufteilung der Inhalte zur gesamten Gesundheitstelematik in logische Einheiten, die Schaffung von
Auswahlmechanismen für zielgruppengerechte
Aufbereitung und die Integration vielfältiger Präsentationsmechanismen. Dies sind insgesamt Aufgaben, die ein dediziertes Content-ManagementSystem mit seinen speziellen Werkzeugen für
textliche, bildliche und audio-visuelle Inhalte
gut erfüllen kann. Analyse und Umsetzung des
benötigten Workflows sind bei der Zusammenstellung eines solchen Systems entscheidend für
die Effizienz und Leistungsfähigkeit des entstehenden Schulungssystems.
Durch ein solches System muss eine Reihe
unterschiedlicher Aufgaben abgedeckt werden:
Sammlung und Pflege von Inhalten, Redaktion
und Aufbereitung des Wissens, Ablage und Themenzuordnung von Konzepten und Zusammenhängen, Anforderung und Extraktion benötigter
Materialien und schließlich das Branding und
die Lizensierung des Materials. Der Erfolg eines
solchen Konzepts steht dabei auf zwei wesentlichen Fundamenten: erstens der inhaltlichen
Qualität und Aktualität des Materials und zweitens der professionellen Umsetzung eines so
komplexen Workflows. Insgesamt ist das Konzept aber auf Dauer ausbaufähig und auf neue
oder geänderte Herausforderungen jederzeit anpassungsfähig.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

AUSBILDUNG ZUR GESUNDHEITSTELEMATIK

STRATEGISCHE HERAUSFORDERUNG
Ein Wehrmutstropfen bleibt. Trotz der Bedeutung der Gesundheitstelematik als zentrales
Zukunftsthema und der bereits geleisteten Vorarbeit konnte sich aber bislang kein übergreifendes Qualifizierungskonzept herauskristallisieren.
Seit Jahren sind Vorschläge, sofern es sie gibt,
verbesserungsfähig. Während auf der einen Seite
der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) des Medizinischen Fakultätentags der Bundesrepublik Deutschland noch
2015 den neuen elektronischen Methoden keinen nennenswerten Raum widmete, wünschte
sich die „Arbeitsgruppe Gesundheitspolitik“ der
Bundesvertretung der Medizinstudierenden in
Deutschland in ihrem Positionspapier von 2016,
dass das Thema „Telemedizin“ im Medizinstudium präsenter wird. Da tut sich eine Handlungslücke auf, an deren Beseitigung sich jeder
beteiligen kann.
Fakt ist, dass persönliche Kompetenz und
Erfahrung in Gesundheitstelematik langfristig
genauso selbstverständlich werden müssen wie
der Umgang mit Telefon oder Automobil. Erste
Schritte wurden zwar schon unternommen, aber
eine noch steile Lernkurve liegt vor allen Beteiligten. Kein Angehöriger der Heilberufe wird
sich langfristig hier heraushalten können. Aus
diesem Grund sind die geschilderten Ansätze der
bayerischen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen ein schon ermutigender Anfang, den
sich viele weitere Beteiligte zum Ansporn nehmen könnten.
Insgesamt ist die Zeit richtig, einen Bildungsansatz voranzutreiben, da Gesundheitstelematik gegenwärtig an so vielen Stellen gleichzeitig
thematisiert wird bzw. werden sollte. Dabei sind
die vorhandenen Ansätze zur Ausbildung auf
allen Ebenen gelinde gesagt noch sehr ausbaufähig. Weder bei den verfassten Heilberufen noch
in den Ausbildungsstätten der anderen Gesundheitsberufe sind die nötigen Inhalte moderner
Verfahren von E-Health in ausreichendem Maß
kodifiziert oder gar multimedial vorhanden. Dies
gilt genauso für weitere gesundheitsnahe Berufe
wie auch für interessierte Laien.
Hier könnte ein strukturgebender Ansatz greifen, neues Denken erlauben und der gesamten
Gesundheitsversorgung eine wesentliche Verbesserung anbieten. Wesentlich aus der Sicht eines

potenziellen Betreibers eines solchen neuen Angebots ist jedoch, dass sowohl inhaltliche Auswahl wie auch die technische Umsetzung immer
wieder neu auf die Zielgruppen ausgerichtet
werden müssen, ohne jedes Mal das inhaltliche
Rad neu erfinden zu müssen. Hierfür wurde mit
dem genannten Anfang in Bayern eine grundlegende Vorarbeit geleistet, deren Ausbau Modellcharakter weit über das Land hinaus entfalten
könnte.

||

DR. CHRISTOPH F-J GOETZ
Leiter Gesundheitstelematik Kassenärztliche
Vereinigung Bayerns; Bayerische Landesärztekammer

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

59

GRUNDLAGEN FÜR DIGITALISIERTE APOTHEKEN
THOMAS BENKERT || Apotheken sind bereits heute stark digitalisierte Unternehmen und haben früher
als viele andere Akteure im Gesundheitswesen begonnen, systematisch Informationstechnologie
(IT) für ihre Arbeit einzusetzen: Von der Bestellung der Arzneimittel beim Großhandel und der Verwaltung der Lagerbestände über die Anwendung von Rabattverträgen und der datenbankgestützten
Prüfung von Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten bis hin zur Abrechnung mit den
Krankenkassen über Rechenzentren sind die Arbeitsabläufe in der Apotheke seit vielen Jahren ITgestützt.

Bei der Ausbildung im pharmazeutischen Bereich gibt es folgende Berufsgruppen: Apotheker,
Pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA)
und Pharmazeutisch-Kaufmännische Angestellte
(PKA). Für die Apotheker ist die Grundlage der
Inhalte ihrer Ausbildung die Approbationsordnung, bei den PTAs sind das der Lehrplan und
die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung PTA
(APrVPTA) und bei den PKAs ist das die Ausbildungsordnung.
Die bayerischen Apotheker wünschen sich
eine berufsspezifische Vermittlung ausreichender Kenntnisse der Informationstechnologien im
Gesundheits- und Apothekenwesen. Das bedeutet unter anderem, dass es mehr Lehrstühle für
die Fächer geben muss, die in Zukunft eine größere Bedeutung in der Pharmazie haben werden –
zum Beispiel die Klinische Pharmazie. Innerhalb
dieser Fächer muss dann auch das geforderte
berufsspezifische Wissen der eingesetzten Informationstechnologien vermittelt werden.
Themen, die aktuell die Digitalisierung ebenso
wie die künftige Arbeitswelt Apotheke betreffen,
sind u. a. der Datenschutz, der Heilberufsausweis
(HBA), die Institutskarte (SMC-B), das Konzept
zu fälschungssicheren Arzneimitteln securPharm,
das Medikationsmanagement und der Medikationsplan, die Medikationsanalyse, das Rezeptmanagement, die Telematikinfrastruktur und
medizinisch-pharmazeutische Datenbanken.

DATENSCHUTZ
Die Datensouveränität, der Datenschutz und
die Datensicherheit müssen höchsten Ansprüchen genügen und für alle Beteiligten jederzeit
gewährleistet sein. Der Patient muss immer Herr
seiner eigenen Daten bleiben.
ZUGANGSSCHLÜSSEL
Der HBA ist die Grundvoraussetzung für die
vernetzte Betreuung von Patienten in Praxen und
Apotheken im Rahmen der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). In Zukunft wird der HBA
die Apotheker berechtigen, Grundleistungen wie
etwa das Einsehen und Ergänzen des elektronischen Medikationsplans oder das Medikationsmanagement über die Telematik-Infrastruktur
auszuführen. Zusammen mit einer Institutionskarte, der sogenannten Security Module Card
Typ B (SMC-B), ist er Zugangsschlüssel zum gesicherten Gesundheitsnetz, das eine verschlüsselte Übermittlung von Patientendaten ermöglicht.
Die Apotheker fordern auch ein Zentralregister für die Heilberufe, damit auch länderübergreifend geprüft werden kann, wer eine Approbation als Apotheker hat. Diese Forderung besteht auch im Hinblick auf die Heilhilfsberufe
mit besonderen Befugnissen in der Apotheke, wie
beispielsweise PTA, Apothekerassistenten oder
Pharmazieingenieuren.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

61

THOMAS BENKERT

SECURPHARM
SecurPharm e. V. baut das IT-gestützte System zur Echtheitsprüfung von Arzneimitteln in
Deutschland auf. Dieses System ist ein wichtiger
Beitrag für den Schutz des Patienten vor gefälschten Arzneimitteln in der legalen Lieferkette.
Gesetzliche Grundlage für die Arbeit von securPharm sind die EU-Fälschungsschutzrichtlinie
2011/62/EU und die delegierte Verordnung
(EU) Nr. 2016/161, nach der ab 9. Februar 2019
jedes vom pharmazeutischen Unternehmer in
den Verkehr gebrachte verschreibungspflichtige
Arzneimittel vor Abgabe an den Patienten einer
Echtheitsprüfung unterzogen werden muss. Secur
Pharm ist der deutsche Baustein im EU-weiten
Netzwerk gegen Arzneimittelfälschungen.
MEDIKATIONSMANAGEMENT, MEDIKATIONSPLAN UND MEDIKATIONSANALYSE
Die Apothekerschaft kann und will mehr Verantwortung für die Arzneimitteltherapie übernehmen und die Versorgung ihrer Patienten
durch systematisches Medikationsmanagement
weiter verbessern. Dafür muss der Apotheker in
die Erstellung des Medikationsplans eng eingebunden werden. Medikationsmanagement muss
künftig in gemeinsamer Verantwortung von Arzt
und Apotheker stattfinden, muss aber auch eine
klare Grundlage für die Honorierung erhalten.

Für die Apothekerschaft ist klar, dass der
Digitalisierungsprozess kein Selbstzweck
sein darf, sondern sich „konsequent am
Patientenwohl“ orientieren muss. Jede
Technologie ist für die Apotheker ein
Mittel zur besseren Erreichbarkeit von
allgemein-gesellschaftlich konsentierten
Gesundheitszielen. Ihre Nutzung ist nur
dann sinnvoll, wenn sie Versorgungsprozesse in ihrer Qualität und ihren Ergebnissen verbessert.

||

THOMAS BENKERT
Präsident der Bayerischen Apothekerkammer,
Vizepräsident der Bundesapothekerkammer

REZEPTMANAGEMENT (BEARBEITUNG,
VERARBEITUNG, ABRECHNUNG)
Bei allen Vorteilen der Digitalisierung muss
der Patient immer Herr seiner Daten bleiben. Es
stellen sich daher auch Fragen, wie beispielsweise
elektronische Rezepte sicher übermittelt werden
können, um Manipulationen auszuschließen. Wie
geht man damit um, wenn ein E-Rezept verlorengeht oder der dazugehörige Patient seine elektronische Gesundheitskarte (eGK), die er zum
Einlösen benötigt, nicht dabeihat? Die freie Wahl
der Apotheke muss zwingend erhalten bleiben
und Zuweisungen vermieden werden.
TELEMATIKINFRASTRUKTUR
Die Apothekerschaft ist in die gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) eingebunden und begleitet aktiv
die Entwicklung der Telematik in der gesetzlichen Krankenversicherung.

62

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

INTEROPERABILITÄT – EINE FRAGE DES
WOLLENS UND NICHT DES KÖNNENS
THOMAS KLEEMANN || Interoperabilität ist ein Begriff, der scheinbar in den letzten Jahren mit der
fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen schon fast inflationär gebraucht wird. Die
Interoperabilität von Systemen wird mantraartig als Erfolgsgarant für das Gelingen nahezu aller
technisch komplexen Projekte beschworen. Wenn die beteiligten Systeme nur interoperabel geplant
werden, sei die Vernetzung der Akteure weitgehend problemlos. Dabei geht es gar nicht um Technik.
Es geht um den Willen zur Kooperation, das gemeinsame Ziel, den Patienten bei seiner Reise durch
das Gesundheitswesen, dem Weg seiner Behandlung, ganzheitlich digital zu begleiten – im Kopf wie
im Smartphone.

Bei Wikipedia findet sich eine für den Laien
sehr verständliche Begriffsbestimmung, die nicht
unbedingt einem wissenschaftlichen Anspruch
gerecht wird, aber für den Leser einige sehr interessante Aussagen enthält: „Zu dem Begriff Interoperabilität (von lateinisch opus ‚Arbeit‘ und
inter ‚zwischen‘) existieren zwei unterschiedliche, jedoch sinngleiche Definitionen:
1. Als Interoperabilität bezeichnet man die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von verschiedenen
Systemen, Techniken oder Organisationen.
Dazu ist in der Regel die Einhaltung gemeinsamer Standards notwendig. Wenn zwei Systeme miteinander vereinbar sind, nennt man
sie auch kompatibel.
2. Interoperabilität ist die Fähigkeit unabhängiger, heterogener Systeme, möglichst nahtlos
zusammenzuarbeiten, um Informationen auf
effiziente und verwertbare Art und Weise auszutauschen bzw. dem Benutzer zur Verfügung
zu stellen, ohne dass dazu gesonderte Absprachen zwischen den Systemen notwendig
sind. Interoperabilität wird in vielen Bereichen als sehr wichtig eingestuft, darunter die
Informatik und Telekommunikation sowie die
Medizintechnik. Aber auch in Transport- und
Verkehrssystemen, militärischen Systemen,

der industriellen Automatisierungstechnik und
dem E-Government nimmt Interoperabilität
eine Schlüsselrolle ein. Interoperabilität kann
vor allem in der Wirtschaft wichtige Konsequenzen haben, da durch Patente, Geschäftsgeheimnisse oder Fehler in der Koordination
Monopolstellungen erreicht oder ausgebaut
werden können. Für die Regierungen kann
es deshalb von Vorteil sein, Interoperabilität
zu unterstützen und zu fördern. Oftmals wird
auch zwischen verschiedenen Formen von
Interoperabilität unterschieden. So zum Beispiel zwischen semantischer und konzeptioneller Interoperabilität.“ (Wikipedia, Stand:
10.4.2018)
Thun und Dewenter beschreiben in Anlehnung an Ouksel und Shet (1999, S. 5) weitere
Formen der Interoperabilität:
• geistige Interoperabilität – der Wille, einen
Austausch zu gewährleisten mit einheitlichen Zielen, fachlichen Hintergründen und
Geschäftsmodellen,
• rechtliche Interoperabilität – einheitliche
Rechtsgrundlagen,
• organisatorische Interoperabilität – einheitliche Workflows,

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

63

THOMAS KLEEMANN

• semantische Interoperabilität – mit Bezug auf
verständlichen Informationsaustausch,
• syntaktische und strukturelle Interoperabilität – mit Bezug auf Informationsmodelle und
Datenformat,
• Systeminteroperabilität – mit Bezug auf Systeme.
Im Folgenden möchte ich aus den verschiedenen Bestimmungen der Interoperabilität einige
Thesen für die E-Health-Entwicklung in Deutschland aufstellen:
ZÜGIGE IMPLEMENTIERUNG BEWÄHRTER
TECHNOLOGIE
Wir brauchen keine neuen Standards – wir
brauchen eine zügige Implementierung bewährter Technologie. Das Internet, insbesondere das
Internet der Dinge (IoT), hält Einzug in unseren
Alltag. Wir sind umgeben von intelligenten Helfern, die unsere Leben angenehmer und komfortabel gestalten. Dienste wie IFTTT (If This Then
That) zeigen, wie sich über Regeln verschiedene
Informationen zu Aktionen verbinden lassen.
Millionen Menschen vertrauen auf die Funktionalität ihres Smartphones und machen sich keine
Gedanken über dessen Innenleben. „Bequemlichkeit schlägt alles, sogar deutsche Bedenken“,
schreibt Sascha Lobo in seiner Kolumne bei
Spiegel Online.
Diese vielen kleinen Helfer und Begleiter haben sich über ihre Unauffälligkeit in unser Leben
geschlichen. Apple z. B. integriert in iOS 11.3.
eine Schnittstelle für eine digitale Patientenakte
im iPhone. Die Welt um uns hat bereits ihre
notwendigen Standards. Auf der Ebene der
strukturellen Interoperabilität befinden sich die
bewährten Protokolle wie TCP / IP (Transmission Control Protocol / Internet Protocol), HTTP
(Hypertext Transfer Protocol), DNS (Domain
Name System) und DHCP (Dynamic Host Configuration Protocol), um nur einige zu nennen,
die der Treibstoff des Internets sind. Auf der
syntaktischen Ebene stehen XML (Extensible
Markup Language), HL7 (Health Level 7), CDA
(Clinical Document Architecture), FHIR (Fast
Healthcare Interoperable Resources), DICOM
(Digital Imaging and Communications in Medicine) u. a. für erfolgreiche Datenformate.

64

Was passiert in Deutschland? Seit 15 Jahren
experimentieren wir mit einer elektronischen
Gesundheitskarte (eGK) an Lesegeräten, Chipkarten, Notfalldatensätzen, TI-Konnektoren und
anderen zeit- und geldfressenden „Neu“-Erfindungen, für die man uns mehr belächelt als bewundert. Während berührungsloses Bezahlen
und E-Payment Einzug in unser Leben halten,
Block-Chain-Technologie und Sprachsteuerung
zur Alltagstauglichkeit reifen, verteilen wir Medikationspläne auf Papier. High-Speed-Connectoren zur Anbindung von Krankenhäusern an
die Telematikinfrastruktur befinden sich im
Jahr 2018 noch in der Erprobung. Hingegen versenden wir seit Jahren in der Telemedizin großvolumige Daten mit Gigabit-Geschwindigkeit in
Glasfasern um die Welt.

GEISTIGE INTEROPERABILITÄT BEGINNT IM
KOPF UND NICHT IM E-HEALTH-GESETZ
Die Bundesregierung muss eine zukunftsfähige, klare, aber auch visionäre Vorstellung der
Digitalisierung im Gesundheitswesen kommunizieren. Ist die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen inzwischen nicht stärker das Problem der
Digitalisierung als die bewährte, aber auch tradierte Lösung für die Herausforderungen der
alten, analogen Zeit? Auf den Seiten des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) findet sich
folgende Beschreibung:
„In Deutschland gilt das Prinzip der Selbstverwaltung: Der Staat gibt zwar die gesetzlichen
Rahmenbedingungen und Aufgaben vor, die
Versicherten und Beitragszahler sowie die Leistungserbringer organisieren sich jedoch selbst in
Verbänden, die in eigener Verantwortung die
medizinische Versorgung der Bevölkerung übernehmen.“
Wer verschreibt oder verabreicht sich schon
freiwillig und mit Überzeugung die bitterste
Medizin der Transparenz, Mitbestimmung und
grenzenloser Kooperation? Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (die fünf Wirtschaftsweisen)
wurde 1963 durch einen gesetzlichen Auftrag
eingeführt. Er befasst sich wissenschaftlich mit der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Ziel ist die periodische Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zur Erleich-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

INTEROPERABILITÄT – EINE FRAGE DES WOLLENS UND NICHT DES KÖNNENS

terung der Urteilsbildung aller wirtschaftspolitisch
verantwortlichen Instanzen sowie der Öffentlichkeit (Wikipedia).
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens
überlässt man der Selbstverwaltung und der gelegentlichen Begutachtung, welche eher in Kritik
vonseiten des Bundes der Steuerzahler, des Bundesrechnungshofes und des Deutschen Ärztetags
mündet.
Ich wünsche dem Gesundheitsminister einen
Sachverständigenbeirat für E-Health („E-HealthWeisen“) aus maximal zehn Experten, die innerhalb von 24 Monaten einen „Marshallplan“
erstellen, der uns allen die Hoffnung zurückgibt,
dass wir diese Herausforderung noch nicht an
die Großunternehmen der IT-Industrie verloren
haben.
Dieser Plan muss den Bürger in den Mittelpunkt stellen, E-Government und E-Health verbinden und in kleinen Schritten der Bevölkerung
die Machbarkeit von E-Health glaubhaft vermitteln, zum persönlichen Nutzen jedes einzelnen
Bürgers. Technik muss wieder als Hilfe empfunden werden.
ZENTRALE VORGABEN STATT WILDWUCHS IM
FREIEN SPIEL DER KRÄFTE AM MARKT
So redlich und berechtigt das Streben der
Krankenkassen nach dem Angebot von Patientenakten für ihre Kunden ist, so bedenklich
könnte die Menge der später verfügbaren Aktensysteme am deutschen Gesundheitsmarkt sein.
Jede Akte ist ein eigenes Ökosystem in sich.
Zwar werden einige Kassen sicherlich gemeinsam Anbieter beauftragen, doch die Unruhe im
Markt, sich richtig und frühzeitig zu positionieren, ist spürbar.
Ist die Telematikinfrastruktur Anreiz genug,
diese Akten zu bündeln und koordiniert zu vernetzen? Wer schert aus und baut seine eigenen
Wege zum Kunden – in die Praxis?
WIE INTEROPERABEL SIND PARALLELE
ÖKOSYSTEME?
Der Freistaat Bayern möchte seinen Bürgern
eine eigene Akte bieten – ein Ansatz, der sicherlich sehr schnell Wirkung bei den Bürgern zeigen
könnte. Noch gelten staatliche Einrichtungen
als vertrauenswürdig. In Zeiten der Datenskan-

dale von globalen Großunternehmen, für die die
Daten der Nutzer das Öl des Internetzeitalters
darstellen, ist dies von elementarer Bedeutung,
würde da nicht der Städte- und Gemeindebund
etwas zu laut über den Verkauf von kommunalen Daten an die Privatwirtschaft nachdenken.
Wem soll der Bürger noch vertrauen?
Dabei wäre eine stärkere Präsenz des Staates
im digitalen Gesundheitswesen sehr wünschenswert. Der Mut, auch ganze Marktsegmente mit
staatlichen Angeboten zu besetzen, anstatt nur
kleine Modellprojekte zu fördern, ist richtungsweisend und hatte indirekt einen standardisierenden Effekt.
Post, Energieversorgung, Verkehrswesen,
Eisenbahn waren oder sind staatliche Einrichtungen, die über Jahrzehnte hinweg Standards
gesetzt und Märkte bedient haben. Mit der Privatisierung und Öffnung für Unternehmen haben
sich die Märkte verändert, die Standards und
„Spielregeln“ besitzen jedoch heute noch Gültigkeit. Bei aller Liebe für den Marktliberalismus,
den freien Handel und die selbstregulierende
Wirtschaft: Die Strompreise wurden nicht billiger und der Deutsche zahlt immer noch zu viel
Mobilfunkgebühren. Gerade im Gesundheitswesen schaffen die Angebote des Staates Vertrauen
beim Bürger. Er fühlt sich wahrgenommen und
umsorgt.
Der Staat könnte über eine Patienten- / Bürgerakte seiner Pflicht zur Daseinsvorsorge gerecht
werden und diese Akte sukzessive öffnen für Erweiterungen durch privatwirtschaftliche Unternehmen.
So ist die Erweiterbarkeit eine Voraussetzung,
um langfristige Interoperabilität zu erreichen
(Benedict u. a. 2015). Langfristige Interoperabilität trägt wiederum zur technologischen Nachhaltigkeit bei.
ABGESTIMMT WIRD IM APPSTORE
Perfekt war gestern, heute zählt Schönheit,
Benutzererfahrung und vor allem Einfachheit.
Die App war vor Jahren die Antwort auf die
Komplexität der etablierten IT-Systeme. Schwergewichte, nur von Experten bedienbar, sollten
durch „leichte“ Apps abgelöst werden. Die Revolution hat funktioniert. Seit Apple sich dem
„User Experience Design“ widmet, kehrt Ästhetik in unseren digitalen Alltag ein.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

65

THOMAS KLEEMANN

Haben wir den Bürger und Patienten lange
Jahre mit endlos langen Formularen gequält, erwartet er jetzt einfache, griffige digitale Lösungen. Zweimal mit dem Finger getippt und mein
Blutzucker wird berührungslos digital gemessen –
selbstverständlich mit Aufzeichnung in meiner
Patientenakte. In meinem nächsten Reha-Antrag
sind dann schon die wichtigsten medizinischen
Daten eingearbeitet und mein Sachbearbeiter
kann mit mir per Video-App chatten – nach der
Nachtschicht zur Ferndiagnose, statt lange im
vollen Wartezimmer zu sitzen.
Utopie? Nein, greifbare Realität beim Warten
auf das Flugtaxi.

1. Interoperabilität kann nicht allein
durch Technik und Gesetz erreicht werden. Ein gemeinsames Ziel und der
Wille zur Kooperation ist ausschlaggebend.
2. Die Förderung von Interoperabilität
ist eine staatliche Aufgabe.
3. Die Bundesregierung muss eine zukunftsfähige, klare, aber auch visionäre Vorstellung der Digitalisierung
im Gesundheitswesen kommunizieren.
4. Gefordert wird die Gründung eines
Sachverständigenbeirats für E-Health
(„E-Health-Weisen“).
5. Eine Patientenakte muss Teil der staatlichen Daseinsvorsorge sein.

||

LITERATUR
Ouksel, A. M. / Shet, A.: Semantic interoperability
in global information systems – a brief introduction to
the research area and the special section, SIGMOD
Record 28(1) 1999, S. 5-12.
Thund, Silvia / Dewenter, Heike: E-Health-Ökonomie,
Heidelberg 2016, S. 670.
Lobo, Sascha: http://www.spiegel.de/netzwelt/
gadgets/sprachsteuerung-im-alltag-ohne-geht-es-nichtmehr-kolumne-a-1187056.html, Stand: 10.1.2018.
Städte- und Gemeindebund: „Kommunen sollen
Daten zu Geld machen“, https://www.tagesschau.de/in
land/kommunen-datenverkauf-101.html, Stand: 9.4.2018.
Benedict, M. / Schlieter, H. / Burwitz, M.: Certification of service-oriented eHealth platforms – derivation of
structured criteria for interoperability and expandability,
in: Proceedings of Healthcare Informatics 2015, SCITEPRESS, Lissabon.

THOMAS KLEEMANN
Leiter der Abteilung Informationstechnologie
und -strategie, Klinikum Ingolstadt

66

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

BIG DATA IM GESUNDHEITSWESEN
Potenziale nutzen und Daten schützen
VOLKER LODWIG || Das Potenzial der personalisierten Medizin ist unbestritten: Ärzte können auf
mehr Informationen für eine fundierte Therapieentscheidung zurückgreifen, Patienten individueller
versorgt und nicht zuletzt Kosten für das Gesundheitswesen eingespart werden. Die Voraussetzung
für die erfolgreiche Umsetzung der personalisierten Medizin hingegen ist in Deutschland nach wie
vor nicht gegeben. Es mangelt an einem geregelten Zugang zu Big Data bzw. Real World Data.

CHANCEN DER DIGITALISIERUNG FÜR
FORSCHUNG UND VERSORGUNG
Ein Vorreiter in der Nutzung von Real World
Data ist die Onkologie. In der Krebsforschung
hat sich die Erfassung, Zusammenführung und
Interpretation großer Datenmengen im Rahmen
des Krebsregisters bereits bewährt, um immer
wirksamere Therapien zu entwickeln. Darüber
hinaus gibt es bereits erste Vorstöße, Behandlungsergebnisse von Krebspatienten mit ihrer
Genomanalyse abzugleichen, um die individuelle
Wirksamkeit von Therapien zu erheben. Das
Ergebnis überzeugt: eine effektivere Versorgung
von Krebspatienten bei reduzierten Kosten.
In anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung, wie beispielsweise bei chronischen Erkrankungen, ist dieser Ansatz noch nicht angekommen. Hier könnte die Digitalisierung durch
eine bessere Erfassung und Verfügbarkeit relevanter Informationen voll zum Tragen kommen.
Am Körper getragene Sensoren und Gesundheit-Apps liefern kontinuierlich Daten, die die
Kommunikation zwischen Arzt, Patient und
Kostenträger erleichtern, schneller Aufschluss
über den Erfolg der Therapie geben, frühzeitigere Anpassungen in der Behandlung ermöglichen und die Adhärenz der Patienten steigern
können.

SPAGAT ZWISCHEN POTENZIAL UND
DATENSCHUTZ
Warum diese Daten bisher nicht gezielt genutzt werden und in Deutschland bisher nur
vereinzelt Patienten – meist Selbstzahler – von
der digitalen Medizin profitieren? So umfassend
die Möglichkeiten heute sind, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen, so
groß sind aktuell noch die Bedenken, wenn es
um den Zugang zu sensiblen Gesundheitsdaten
oder genetischen Informationen der Patienten
geht. Länder wie Großbritannien oder Japan
setzen bereits auf Open Data, einen öffentlich
zugänglichen Datenpool – in der Überzeugung,
dass so neue und kostengünstigere Versorgungsmodelle möglich werden, die der demografische
Wandel zunehmend erfordert.
Fakt ist: Die sehr viel schneller und in größerer Menge zugänglichen Patienteninformationen
aus der Diagnostik können neue Tore für Therapien und Forschung öffnen. Dagegen steht die
Befürchtung, dass diese Daten nicht nur für den
eigentlichen Zweck genutzt und stattdessen für
andere Analysen missbraucht werden könnten.
Der Ethikrat in Deutschland sieht zudem auch das
vertrauensvolle und persönliche Arzt-PatientenVerhältnis gefährdet. Das Resultat: Der Transfer
aus der Forschung und Entwicklung in den Ver-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

67

VOLKER LODWIG

sorgungsalltag der klassischen Leistungserbringer funktioniert noch nicht. So droht aktuell die
Gefahr, dass Deutschland trotz starker Innovationskraft international den Anschluss verliert.
NEUE DATENSCHUTZRICHTLINIEN FÜR
DIGITALE MEDIZIN
Der Datenschutz ist aktuell einer der größten
Hemmschuhe für die Entwicklung der digitalen
Medizin, die maßgeblich auf die Verarbeitung
von Patientendaten angewiesen ist, unter anderem zur Erkennung von Mustern im Rahmen von
Big Data-Anwendungen. Digitale Versorgungslösungen können so oft nicht ausreichend erprobt werden, um deren Nutzen und Wirksamkeit zu belegen. Hier ist dringend eine Überarbeitung der rechtlichen Rahmenbedingungen und
Datenschutzrichtlinien unter Berücksichtigung
der Besonderheiten digitaler Medizin gefragt.
Die im Mai 2018 in Kraft tretende europäische Datenschutzverordnung geht zwar einerseits mit verschärften Dokumentationspflichten
und einer erhöhten Strafandrohung einher, die
insbesondere Start-ups und Wachstumsunternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen. Andererseits sieht die Datenschutzgrundverordnung auch gerade im Gesundheitsbereich
erhebliche Öffnungsklauseln und damit gesetzgeberischen Spielraum vor. Dieser bietet die
Chance, einen verlässlichen Rechtsrahmen zu
schaffen, der einerseits die Haftung für Hersteller und Leistungserbringer so gestaltet, dass Innovation nicht behindert wird, aber andererseits
den Schutz des Patienten vorsieht. Diesen Spielraum gilt es zu nutzen, um sicherzustellen, dass
in Deutschland mehr innovative digitale Lösungen bis zur Marktreife gelangen.
Auch Investoren haben aktuell keine klaren
Perspektiven und wenig Anreize für große Investitionen. Es gibt bereits Akzeleratoren und Inkubatoren mit Fokus auf digitale Medizin – auch
Roche ist hier mit dem Digital Health Accelerator
in Kooperation mit WERK1 und Plug and Play
in München aktiv –, die es jedoch abzustimmen
und gezielt staatlich voranzutreiben gilt. Wichtig erscheint es dabei, die gesamte Innovationskette von der Forschung und Entwicklung, über
die Erprobung, Zertifizierung und Vergütung
bis hin zum Marktzugang und zur Evaluation zu
betrachten und finanziell zu fördern.

68

VON EINZELLÖSUNGEN HIN ZU OPEN DATA
Roche setzt bereits seit längerem auf Digitalisierung, um eine personalisierte Patientenversorgung in Deutschland voranzutreiben – und hat
damit sehr gute Erfahrungen gemacht: Real World
Data sorgen für eine effizientere Forschung und
ermöglichen die zielgerichtetere Entwicklung innovativer Produkte. Dafür setzt Roche nicht nur
auf eine enge Verzahnung der beiden Geschäftsbereiche Pharma und Diagnostics, sondern baut
auch kontinuierlich die Zusammenarbeit mit
Gesundheitsversorgern, Krankenkassen und Behörden aus. Denn mit Einzelaktivitäten einzelner Akteure, wie es bisher der Fall war, kann der
digitale Wandel in der Gesundheit nicht funktionieren.
Es gibt aktuell eine Flut an Daten in Einrichtungen wie Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Biobanken und Blutspendediensten. Diese liegen jedoch verstreut und – aufgrund
von Datenschutz – mit beschränktem bzw. blockiertem Zugriff bei den einzelnen Trägern. Diese
Daten gilt es, unter klar geregelten Rahmenbedingungen anonymisiert in einen öffentlich zugänglichen Datenpool zu überführen. So kann
das Potenzial dieser Daten gehoben und gemeinsam mit Erkenntnissen aus klassischen Studiendaten in die Entwicklung neuer Versorgungsansätze eingehen.
MIT PAY FOR PERFORMANCE ZUR
INDIVIDUALISIERTEN KOSTENBETRACHTUNG
Eine weitere Stärke der Digitalisierung liegt
darin, dass sie eine individualisierte Kostenbetrachtung ermöglicht. Diese bedeutet für die
Kostenträger eine höhere Transparenz ihrer Kosten-Nutzen-Bewertung sowie eine andere Motivation für Geldflüsse und Vergütungssysteme.
In der bisherigen Vergütung medizinischer Leistungen in Deutschland ist nicht beschrieben,
was die konkreten Ergebnisse dieser Leistungen
sein sollen – sei es ein Aufhalten des Fortschreitens einer Erkrankung, eine Verbesserung oder
eine Stabilisierung des Gesundheitszustands. So
findet die Vergütung unabhängig vom Ergebnis
der Behandlung statt.
Dadurch werden patientenzentrierte digitale
Lösungen gebremst, die helfen können, den
hohen medizinischen Versorgungsstandard in
Deutschland weiter aufrechtzuerhalten bzw.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

BIG DATA IM GESUNDHEITSWESEN

konsequent auszubauen. Durch einen Wechsel
hin zu einem entsprechenden ergebnisorientierten Ansatz der Vergütung könnte sowohl eine
systemeigene Innovationsförderung entstehen
als auch die Effizienz und Effektivität in der Gesundheitsversorgung gesteigert werden.

Damit validierte Geschäftsmodelle in diesen Feldern entstehen und der Transfer
aus der Forschung und Entwicklung in den
Versorgungsalltag gelingen kann, müssen
rechtliche Rahmenbedingungen, Datenschutzrichtlinien sowie Finanzierungsund Vergütungskonzepte geschaffen werden, die den Besonderheiten der digitalen
Medizin gerecht werden. Hierfür können
etablierte Herangehensweisen wie Modell-Konzepte und Test-Ökosysteme mit
erweiterten Rahmenbedingungen und erhöhter Risikobereitschaft aller Akteure,
die sich bereits für die Telemedizin in
Bayern bewährt haben, zum Einsatz kommen. Im Rahmen dieser Ökosysteme können innovative Lösungen beschleunigt
getestet und eingeführt sowie parallel
die Vergütungssysteme und regulativen
Rahmenbedingungen entwickelt bzw. angepasst werden.
Wenn wir heute diesen Schritt gehen, kann
Bayern erneut als Vorreiter für ein innovatives Versorgungsmodell auf höchstem
Niveau stehen, das finanzierbar bleibt.

FAZIT
Der digitale Wandel birgt enorme Chancen
für die Gesundheitsversorgung von morgen.
Wenn die verfügbaren Datenmengen richtig
genutzt werden, können Ressourcen effizienter
eingesetzt, die Forschung gezielt vorangetrieben
und die Therapie auf Basis der personalisierten
Medizin besser an die individuellen Bedürfnisse
des Patienten angepasst werden. Dies erscheint
nicht nur im Sinne einer verbesserten Gesundheitsversorgung, sondern auch angesichts der
demografischen Entwicklung und der damit
verbundenen rasant steigenden Nachfrage nach
Gesundheitsleistungen aus wirtschaftlicher Sicht
dringend notwendig.
Deutschland – und speziell Bayern – verfügt
über hohe Innovationskraft im Bereich Gesundheit und auch in den neuen Feldern E-Health und
Digitalisierung.

||

DR. VOLKER LODWIG
Head of Public Policy, Roche Diagnostics GmbH,
Mannheim

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

69

QUANTENSPRUNG IN MEDIZIN UND GESUNDHEIT
Integrierte sektorenübergreifende Versorgung mit
Datensouveränität der Patienten
HELMUT HILDEBRANDT / VOLKER LODWIG || Die entscheidenden Qualitätsprobleme im deutschen
Gesundheitswesen sind bekannt und in Gutachten des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen
der letzten Jahre vielfach dokumentiert: Es fehlt das Interesse an einem optimierten Gesamtprozess
im Gesundheitssystem und der Patient wird nicht genug in den Entwicklungsprozess seiner Gesundung eingebunden. Außerdem ist das Vergütungssystem nur auf Behandlung ausgerichtet und nicht
darauf, Gesundheit zu erhalten und zu fördern.

Mit den selektivvertraglichen Lösungen des
§ 140 a ff hat der Gesetzgeber schon im Jahre
2000 darauf reagiert und die Möglichkeit für innovative Lösungen geschaffen, die sich aus den
Fallstricken des gegenwärtigen Systems befreien.
Innovative Leistungserbringer und Krankenkassen können alternative Lösungen vereinbaren,
ob als Erprobung oder Dauerregelung. Roland
Berger Strategy Consultants hatten 2002 in einer
Studie prognostiziert, dass im Jahre 2020 rund
35 % der Versicherten und ca. 20 % des Gesamtvolumens des Gesundheitsmarktes transsektoral
integriert versorgt würden. Wir wissen heute,
dass dies bei weitem nicht so eingetreten ist.

VORREITER-PROJEKTE FÜR
PATIENTENZENTRIERTE LÖSUNGEN
Dennoch gibt es Beispiele, die patientenzentrierte und integrierte Lösungen für ganze Populationen entwickelt haben. Zwei solche Beispiele
sind:
a) die Gesellschaft „Gesundes Kinzigtal GmbH“
für die AOK und SVLFG-Versicherten der
ländlich geprägten Region Kinzigtal (Ortenaukreis, Südbaden) mit knapp 70.000 Einwohnern.

b) die Unternehmergesellschaft „Gesundheit für
Billstedt / Horn UG“ für die Versicherten der
AOK sowie in Vorbereitung auch der BARMER, DAK und weiterer Betriebskrankenkassen (BKK) der ca. 106.000 Einwohner umfassenden gleichnamigen Stadtteile im eher
durch prekäre Lebensbedingungen geprägten
Hamburger Osten.
In beiden Regionen konnten Vereinigungen
der lokalen Ärzteschaft als Gesellschafter gewonnen werden, die ihre individuellen Vergütungen
ausbalancieren durch ein Vergütungsmodell, das
sie an dem erzeugten Gesundheitsnutzen beteiligt. Dieses ökonomische Modell, im angloamerikanischen Sprachraum als „Accountable Care“
bzw. als „Value-based HealthCare“ intensiv diskutiert, hat sich in Kombination mit einem stark
gesundheitswissenschaftlich geprägten Management als zentral dafür herausgestellt, den Blick
der Ärzte von der individuellen Sicht auf die
akute Problematik eines Patienten hin zu einem
zielgerichteten Blick auf dessen gesundheitliche
Entwicklungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.
Entsprechend der sehr unterschiedlichen sozialen Lage (nahezu Vollbeschäftigung, geringer
Migrationshintergrund, relativ gute Versorgungs-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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HELMUT HILDEBRANDT / VOLKER LODWIG

lage im Kinzigtal und hohe Arbeitslosigkeit,
hoher Migrationshintergrund und überlastete
Arztpraxen in Billstedt / Horn) sind die konkreten Interventionen vor Ort durchaus unterschiedlich, einige Grundstrukturen sind jedoch
vergleichbar:
• Intensive Verknüpfung von Medizin und Prävention, Einführung von gemeinsamen Zielvereinbarungen zwischen Ärzten und Patienten
• Starke Einbeziehung von Beratungsstellen,
Pflegeheimen, Kindergärten, Schulen und Betrieben (Wiedereingliederung, betriebliches
Gesundheitsmanagement)
• Zusätzliche Unterstützungsangebote für
Patienten zugunsten von Selbsthilfe, Selbstmanagement und Förderung ihrer Gesundheitskompetenz
• Enge Zusammenarbeit mit Gesundheitsämtern und Kommunen
• Elektronische Vernetzung der Ärzte und der
lokalen Managementgesellschaft und ihrer
Mitarbeiter
Gesundes Kinzigtal konnte inzwischen im
zwölften Jahr in Folge zeigen, dass es durch
seine Investitionen in den Gesundheitszustand
und die Gesunderhaltung der Bewohner den
Krankenkassen Kosten ersparen und selber durch
einen Anteil an diesen Einsparungen einen für
die nachhaltige Fortsetzung der Investitionen
ausreichenden Return on Investment erzielen
kann. Billstedt / Horn kann dies aktuell noch
nicht, dort hat die Arbeit erst am 1. Januar 2017
begonnen, d. h. die ersten Ergebnisse sind nicht
vor 2019 zu erwarten.
In anderen Regionen, so die ambitionierte
Planung in der Metropolregion Rhein-Neckar,
soll mit einer Mischung aus öffentlichen und
privaten Mitteln das Startinvest für 2022 analog
große Regionen vollzogen werden und aus dem
Erfolg dann wieder zurückgezahlt werden. Die
Metropolregion Rhein-Neckar will damit flächendeckend ein innovatives sektorenübergreifendes
Versorgungsmanagement unter dem Titel „Health
Lab MRN 2025 – Integrierte Versorgung in einer
intelligent vernetzten Gesundheitsregion RheinNeckar“ einrichten.

72

Besondere Beachtung gilt dabei der Datensouveränität der Patienten. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, direkt auf die über sie gespeicherten Daten bei Ärzten und Krankenhäusern
zuzugreifen und selber eigene Daten hinzuzufügen und zu kommentieren. Eine solche aktive
Einbeziehung des Patienten – der Zugriff auf
Medikation, Befunde und Therapieplanung –
hat sich als sehr hilfreich für eine positive ArztPatienten-Interaktion erwiesen (Esch u. a. 2016).
Das erforderliche Investment soll wiederum aus
dem durch die Vernetzung erzielten Erfolg refinanziert werden. Hintergrund ist zum einen
eine schon in der Region entwickelte Grundkonzeption einer „persönlichen elektronischen
Patientenakte“ (PEPA), zum anderen die international zunehmend diskutierte Open-NotesBewegung. Das Open-Notes-Konzept wurde am
Beth Israel Deaconess Medical Center entwickelt. Hierbei handelt es sich um eine Erweiterung der Funktionalität von elektronischen
Patientenakten (ePA), um Patienten selbst den
Datenzugang im Anschluss sowie auch in Vorbereitung eines Arzttermins zu erleichtern. Dies
erlaubt dem Patienten ein besseres Verständnis
seiner Befunde, die Rückmeldung zu Therapieund Medikationsplänen und unterstützt das
Patienten-Empowerment.

POSITIVE INTERNATIONALE ERFAHRUNGEN
Erfahrungen aus den USA legen dar, dass das
Konzept von Patienten und Ärzten hervorragend angenommen wurde. Zwei Drittel der Patienten nutzten den Zugang und 20 % teilten die
Information auch mit ihrem Umfeld. Patienten
sahen den Nutzen in einem besseren Verständnis der Gesundheitsinformation, einer besseren
Kommunikation mit dem Arzt, einer besseren
Versorgungsqualität sowie einer Befähigung zum
Selbstmanagement. Zudem konnte eine deutlich verbesserte Adhärenz zum Therapieplan beobachtet werden. Auf der Ärzteseite gab es auch
überwiegend positive Erfahrungen, und trotz
anfänglicher Bedenken führten alle Ärzte das
Projekt nach der Testphase weiter.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

QUANTENSPRUNG IN MEDIZIN UND GESUNDHEIT

DEUTSCHER BEDARF NOCH UNGEDECKT
Auch in Deutschland besteht eine Nachfrage
nach einem solchen Zugang. Je nach Studie liegt
der Anteil der Versicherten, die sich eine digitale
Plattform für den elektronischen Daten- und Informationsaustausch mit ihrer Arztpraxis wünschen, zwischen 66 % und 87 %. Es ist für alle
Patienten, besonders aber für chronisch Kranke
durch die häufig komplexen Therapiepläne von
hoher Relevanz. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass bereits jetzt über 90 % der Patienten
direkt oder indirekt (z. B. über Verwandte) Zugang zum Internet haben – Tendenz weiter steigend.
Gerade bei chronischen Erkrankungen gewinnt das Selbstmanagement von Patienten an
Bedeutung. Im Vordergrund stehen dabei der Erwerb grundlegender Kenntnisse über Symptome,
Erkrankung, Therapieplan und Auswirkungen
auf Lebensbereiche, um den Patienten für eine
aktive Rolle im Management seiner Erkrankung
zu befähigen. Voraussetzung für ein erfolgreiches
Selbstmanagement ist der Zugang zu allgemeinen
und individuellen Gesundheitsdaten.
Allgemeine Gesundheitsinformationen stehen zunehmend auf einschlägigen Portalen wie
www.patienten-information.de zur Verfügung.
Der Patientenzugang zu Gesundheitsdaten ist
aber weiterhin beschränkt. Die Einsicht in die
Krankenakte ist zwar gesetzlich geregelt (§ 630 g
BGB), in der Praxis aber mit hohen Barrieren
(Zeitaufwand, Widerstand des Arztes aufgrund
evtl. juristischer Auseinandersetzungen, Angst
des Patienten vor Vertrauensverlust des Arztes)
verbunden. Dabei wäre diese Einsicht in vielerlei Hinsicht wichtig: zur besseren Erinnerung
des Gesagten in der Arztpraxis, zur Stärkung des
Selbstmanagements, zur Dokumentation wichtiger Informationen (z. B. Allergien), zum späteren
evtl. Austausch mit Angehörigen oder Gleichbetroffenen (z. B. in Selbsthilfegruppen).
Das häufig gegen eine solche Datentransparenz vorgebrachte Argument des Datenschutzes
kann nicht mehr überzeugen. So sieht der Deutsche Ethikrat die Frage nach der „Datensouveränität, verstanden als eine den Chancen und
Risiken von Big Data angemessene verantwortliche informationelle Freiheitsgestaltung“ als
zentrales Ziel.

Die Defragmentierung von Versorgung,
die aktive Einbeziehung des Patienten auf
Augenhöhe und die auf den hergestellten
Gesundheitsnutzen bezogene regionale
Vergütung wird den Quantensprung für
das patientenzentrierte Gesundheitssystem bringen, den wir brauchen, um den
Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.

||

DR. H.C. HELMUT HILDEBRANDT
Vorstandsvorsitzender OptiMedis AG, Hamburg

||

DR. VOLKER LODWIG
Head of Public Policy, Roche Diagnostics GmbH,
Mannheim

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

73

AUFRUF: DATENSCHUTZ – IM SINNE DES
PATIENTEN, IM SINNE ALLER PATIENTEN
DOMINIK PFÖRRINGER || Datenschutz ist völlig außer Frage der relevante Faktor in Bezug auf
Vertrauen, Zuversicht und Akzeptanz digitaler Ansätze im Gesundheitswesen. Ohne effizienten,
nachvollziehbaren und vollkommen vertrauenswürdigen Datenschutz kann und wird es keine erfolgreiche Digitalisierung geben.

Ja, Datenschutz ist relevant, Datenschutz ist
das oberste Gebot, wenn es um den Umgang mit
Patientendaten geht. Wie so oft bestimmt jedoch primär die Dosis den Unterschied zwischen
Heilmittel und Gift.
Die Tatsache, dass Datenschutz generell notwendig und relevant ist, steht außer Frage. Kein
Patient möchte seine Daten unerlaubt publik
gemacht wissen, keinem Menschen ist es recht,
wenn intimste Fakten und Zahlen ohne seine
Zustimmung öffentlich einsehbar sind.
Aber wir Menschen sind in dieser Hinsicht
wie so oft ein wenig bipolar, um nicht zu sagen
schizophren unterwegs. Einerseits herrscht die
Angst vor der Datenkrake, andererseits stellen
sich nicht wenige freiwillig ein Online-Abhörgerät dauerhaft in ihre privaten vier Wände unter
dem vermeintlichen Segen des virtuellen Butlers,
der Einkäufe bei einem Oligopol-Online-Händler
für sie bündelt.
Doch inwiefern hat ein Patient das Recht,
seine anonymisierten Daten der Welt vorzuenthalten, wenn damit z. B. Erkenntnisse zum Wohle
anderer Patienten mit ähnlichen Beschwerden generiert werden können? Inwiefern ist es sinnvoll,
auf den Schutz seiner Daten zu beharren, wenn
diese anderen zugutekommen könnten?
Der Datenschutz ist im Sinne des Patienten
bzw. aller Patienten zu verstehen. Der Schutz und
lediglich die sinnvoll zielgerichtete Weitergabe
von Daten sollte im Interesse aller Patienten
stattfinden.

Ja, Big-Data-Analysen können uns helfen,
Patienten schneller und effektiver bzw. zielgerichteter und zielführender zu behandeln. Es ist
aus meiner Sicht die Pflicht der Menschheit und
gerade der Heilberufler, sich moderner technischer Möglichkeiten zu befähigen, um ihr Wissen zu teilen und Erfolge sowie Misserfolge zu
dokumentieren. Was seit Jahrzehnten offline geschieht, die Berichterstattung über sogenannte
unerwünschte Nebenwirkungen, das kann, das
sollte und das wird in Zukunft online stattfinden
müssen.
Es bedarf also keineswegs höherer Datenschutzhürden, nein es bedarf der optimalen
Anonymisierung bei gleichzeitiger Sicherstellung
höchstmöglicher Datenintegrität. Was will der
Arzt damit sagen: ohne Klarnamen, ohne Rückverfolgbarkeit. Seien wir ehrlich mit uns: Jeder,
der eine Kreditkarte nutzt, jeder, der Location
Based Services am Mobiltelefon verwendet, produziert laufend nicht-anonymisierte bzw. sogar
personenbezogene Daten bei ihm unbekannten
Stellen / Einrichtungen / Organisationen. Sind
wir weiterhin ganz deutlich: Logischerweise
kennt jede Versicherung die Krankheitsbilder
ihrer Patienten. Wovor wir uns jetzt schützen
und wappnen sollten, ist eine ungleichmäßige
Verteilung des Profits aus den Daten. Bereits
jetzt leben die großen Datenkraken aus Übersee –
ebenso wie viele zahlreiche heimische Unternehmen – von der Monetarisierung verfügbarer
Kundendaten. Dem gilt es, Einhalt zu gebieten.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

75

DOMINIK PFÖRRINGER

Es ist an der Zeit, moderne Technologien wie
beispielsweise Blockchain zum Einsatz zu bringen, um nachvollziehbar die Patienten, die ihre
anonymisierten Daten zu teilen bereit sind, am
daraus generierten Mehrwert partizipieren zu
lassen. Konkret ausgedrückt: Wenn aufgrund
der Nutzung und der gewonnenen Erkenntnisse
Gesundheitsdaten von Herrn Meier das Pharmaunternehmen ABC Profit macht, dann hat
Herr Meier das gute Recht, daran zu partizipieren.
Man fühlt sich dieser Tage nahezu gezwungen, laut zu rufen: „Menschen, werdet endlich
wach! Eure Daten sind längst nicht mehr die
Eurigen, Ihr verschenkt und verschleudert sie.“
In Dystopien wie z. B. George Orwell‘s 1984 oktroyierte der Staat seinen Bürgern die Überwachung, doch realiter kam es völlig anders: Die
Bürger zwingen sich selbst in die Überwachung,
sie zahlen für diese sogar noch Geld. Dieses Verhalten wird sich nicht stoppen lassen, aber es
lässt sich kanalisieren. Also: Statt wahllos Likes
zu verteilen und an jedem Membership-BonusProgramm teilzunehmen, das wieder nur Daten
abgreift, heißt es Nachdenken! Überlegen Sie
sich, wem Sie welche Daten wann und warum
zur Verfügung stellen. Ein achtloser Haken hier,
ein Kreuzchen dort und schon gehören die Daten
dem Unternehmen, dessen Kunde man ist. Ich
warne noch einmal eindringlich davor, gerade
den größeren Playern aus Kalifornien die Daten
kostenfrei zu übereignen. Nutzen und teilen Sie
Ihre Daten weise. Und wenn Sie es nicht selbst
tun, dann lassen Sie sich fürstlich dafür entlohnen. Kein denkender Mensch nimmt an einer
anonymen Marktforschungsstudie teil, ohne sich
dafür bezahlen zu lassen. Gleiches empfehle ich
im Umgang mit den Daten. Lassen Sie sich vergüten und werden Sie damit zum obersten Hüter
und Beschützer Ihrer Daten. Im eigenen Sinne
sowie im Sinne aller Patienten. Moderne Technologien wie Blockchain lassen es zu, sämtliche
Daten und Zugriffe darauf zurückzuverfolgen
und zu begreifen, wer welche Daten wozu verwendet. Also: Werden Sie Ihrer Daten Herr und
nutzen Sie diesen Schatz. Lassen Sie sich nicht
enteignen.

76

Wir fordern:
• Sinnvolle Neuordnung des Datenschutzes mit konkreten Anpassungen und Neuformulierungen in Bezug auf digitale Ansätze
• Möglichkeit der nachvollziehbaren
Pseudo- und Anonymisierung der
eigenen Daten
• Einsatz innovativer Ansätze zur fairen Aufteilung potenzieller Profite
aus den Daten
• transparente Datengerechtigkeit

||

DR. DOMINIK PFÖRRINGER
Unfallchirurg im Klinikum rechts der Isar,
Leiter der AG Digitalisierung

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

OPT-IN ODER OPT-OUT?
Choice Architecture bei der Implementierung der
elektronischen Gesundheitskarte
MICHAEL DOWLING / STEFANIE STEINHAUSER || Sowohl die Zuspruchsregelung (Opt-in) als auch
die Widerspruchsregelung (Opt-out) haben im Rahmen der elektronischen Gesundheitskarte und des
Datentransfers unterscheidbare Vor- und Nachteile, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen.
In diesem Kontext kollidiert die Notwendigkeit der Health IT-Interoperabilität mit Datensicherheitsund Datenschutzbelangen.

ENTSCHEIDUNGSARCHITEKTUR
Die Verhaltensökonomie betont die Bedeutung der Choice Architecture (Entscheidungsarchitektur) für das Entscheidungsverhalten
von Individuen (z. B. Kahneman und Tversky,
1979; Thaler 1980; Thaler und Sunstein, 2008;
Tversky und Kahneman, 1991). Eine Vielzahl
von Studien hat sich sowohl im Gesundheitswesen als auch in anderen Bereichen mit der Bedeutung von Standards (defaults) beschäftigt:
Gesetzliche Richtlinien (policies), die Standards
verändern, haben in vielen Bereichen einen wesentlichen Einfluss auf wichtige Entscheidungen
gezeigt. In Ländern, in denen eine Zustimmung
zur Organspende als Standard angenommen
wird (Widerspruchsregelung, Opt-out), konnten
mehr als viermal höhere Organspende-Raten
nachgewiesen werden als in Ländern, in denen der
Organspende ausdrücklich zugestimmt werden
muss (Zustimmungsregelung, Opt-in) (Johnson
und Goldstein, 2003). Die Teilnahme an steuerbegünstigten Sparplänen war im Vergleich zu
Opt-in-Regelungen um 50 % höher, wenn Arbeitnehmer automatisch registriert wurden (Choi,
Laibson, Madrian und Metrick, 2002, 2003, 2004;
Madrian und Shea, 2001). Des Weiteren konnten Hinweise gefunden werden, dass die Wahl
von Lebensmitteln insgesamt gesünder ausfällt,

wenn als Standard kalorienärmere Inhaltsstoffe
zur Verfügung stehen (Downs, Loewenstein und
Wisdom, 2009). Dennoch muss die Entscheidung
über die Zuordnung von Personen zu ausgewählten Standardoptionen vorsichtig abgewogen
werden.
OPT-OUT-REGELUNG
Gesetzliche Opt-out-Richtlinien sind aus
verschiedenen Gründen sehr effektiv: Verlustaversion fördert das Festhalten an Standards, da
ein Abweichen vom Standard in der Regel sowohl Nutzen als auch Verluste umfasst, wobei
den Verlusten allerdings ein höheres Gewicht
beigemessen wird. Dieser Effekt wird noch durch
das Vorhandensein einer Status-quo-Voreingenommenheit (bias) verstärkt. Des Weiteren
schieben Individuen Entscheidungen gegen einen
Standard häufig auf, da sie eine aktive Reaktion
erfordern, die Zeitaufwand oder Unsicherheit
beinhaltet (z. B. Johnson und Goldstein, 2003;
Keller u. a., 2011; Park u. a., 2000; Samuelson
und Zeckhauser, 1988). Zu guter Letzt entscheiden sich Individuen häufig für die Standardoption, weil sie annehmen, dass diese aus einem
bestimmten Grund gewählt wurde und somit
eine implizite Handlungsempfehlung darstellt
(McKenzie, Liersch und Finkelstein, 2006).

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

77

MICHAEL DOWLING / STEFANIE STEINHAUSER

Andererseits beinhalten gesetzliche Opt-outRegelungen auch einige wichtige Limitationen.
Da die Entscheidung lediglich passiv durch Untätigkeit getroffen wurde, kann sie in Folge zu
geringerer Zufriedenheit und zu geringerem Commitment führen als eine aktive Wahl. Zudem
spiegeln derartige Opt-out-Optionen mit geringerer Wahrscheinlichkeit die tatsächliche Präferenz
des Individuums wider. Abschließend können
Opt-out-Regelungen kontraproduktiv sein, wenn
der politische Entscheidungsträger die Regelung
nur als Ersatz für andere substanziellere Interventionen sieht, wie beispielsweise Bildungsprogramme, die dem Individuum Informationen
vermittelt, die eine informierte Entscheidung
ermöglichen (Keller u. a., 2011; Payne, Bettman
und Johnson, 1993).
VOR- UND NACHTEILE
Sowohl Opt-in- als auch Opt-out-Regelungen haben im Rahmen der elektronischen Gesundheitskarte und des Datentransfers unterscheidbare Vor- und Nachteile, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen. In diesem
Kontext kollidiert die Notwendigkeit der Health
IT-Interoperabilität mit Datensicherheits- und
Datenschutzbelangen. Vor diesem Hintergrund
wird die Entscheidung zwischen einer Opt-inund Opt-out-Regelung von Experten intensiv
diskutiert. Die Information Governance steht im
Zentrum dieser Entscheidung (Accenture, 2011).
Im Falle einer Opt-in-Regelung bedarf es einer
expliziten verbalen oder schriftlichen Zustimmung des Patienten, welcher vor der Zustimmung über den Nutzen und die Risiken der Teilnahme aufgeklärt werden muss. Im Gegensatz
dazu geht die Opt-out-Regelung von einer impliziten Zustimmung des Patienten aus, es sei denn
dieser widerspricht explizit der Teilnahme.
Die Opt-in-Regelung erlegt dem Patienten
die Information Governance auf. Zudem kann
diese Option zu hohen Kosten durch die Aufklärung und Registrierung der Patienten führen.
Opt-in-Regelungen stärken jedoch den Schutz
der Gesundheitsdaten. Sie räumen dem Patienten das Recht ein, selbst zu entscheiden, welche
Speicherformen er oder sie als sicher genug für
die eigenen Daten erachtet und wer auf die Daten Zugriff hat. Dies ist vor dem Hintergrund
möglicher Verletzungen der Datensicherheit und

78

Angriffe auf Gesundheitsdatenbanken von großer Bedeutung. Des Weiteren stellen Opt-inStandards eine adäquate Patientenaufklärung
und -bildung sicher. Im Falle einer expliziten
Zustimmung ist es wahrscheinlicher, dass sich
Patienten sorgfältig über die Vorteile eines elektronischen Datenaustausches und die potenziellen Sicherheitsrisiken informieren. In Deutschland ist die Standardentscheidung für die Teilnahme an der elektronischen Gesundheitskarte
und am elektronischen Datenaustausch derzeit
als Opt-in determiniert. Diese Regelung gesteht
dem Patienten die Hoheit über seine Gesundheitsdaten zu. Dies kann jedoch auch bedingen,
dass das Erreichen einer kritischen Masse gehemmt wird. Infolgedessen werden viele Patienten nicht die Vorteile eines digitalen Gesundheitssystems nutzen können und Einrichtungen
im Gesundheitswesen werden nicht die notwendigen Daten zur Verfügung stehen, welche eine
umfangreiche Analyse sowie die Verbesserung
der Versorgung der Bevölkerung ermöglichen
würden.
Eine Opt-out-Regelung verlagert die Information Governance zu den Organisationen des
Gesundheitswesens. Sie müssen infolgedessen
in besonderem Maß sicherstellen, dass adäquate
Maßnahmen bezüglich Datenschutz, -vertraulichkeit, -qualität und -integrität getroffen werden. Da jedoch alle Patienten automatisch registriert sind, können die Vorteile im Sinne einer
besseren Gesundheitsversorgung zügiger genutzt
werden, weil die Daten zur Verbesserung der
Versorgungsqualität und -outcomes sowie zur
Senkung der Kosten unmittelbar zur Verfügung
stehen. Der Opt-out-Standard vermindert zudem
den Verwaltungsaufwand, da nicht jeder Patient
den Prozess der Zustimmung durchlaufen muss.
Opt-out-Regelungen erleichtern die Erreichung
einer kritischen Masse, die gerade im digitalen
Kontext aufgrund der bereits erwähnten Vorteile von besonderer Bedeutung ist.
FAZIT
Die vorangegangenen Ausführungen machen
deutlich, dass Opt-in- und Opt-out-Standards
sorgsam gegeneinander abgewogen werden sollten. Aus diesem Grund sollte der Gesetzgeber
prinzipiell beide Optionen für die elektronische
Gesundheitskarte und den elektronischen Daten-

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

OPT-IN ODER OPT-OUT?

austausch im Gesundheitswesen in Betracht ziehen und prüfen. Hierbei können gegebenenfalls
auch Erfahrungen aus anderen Ländern hilfreiche Inputs liefern. Keine der beiden Optionen
stellt eine Verpflichtung zur Teilnahme dar. Dennoch muss eine Lösung für Deutschland gefunden werden, die sowohl konsensfähig als auch
zukunftsweisend ist.

||

PROF. DR. MICHAEL DOWLING
Lehrstuhl für Innovations- und Technologiemanagement, Universität Regensburg

||

DR. STEFANIE STEINHAUSER
Lehrstuhl für Innovations- und Technologiemanagement, Universität Regensburg

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

79

DIGITALISIERUNG IST DER SCHLÜSSEL FÜR
EINE BESSERE GESUNDHEITSVERSORGUNG
ARTHUR KAINDL || Die heutige Zeit ist geprägt von einer Vielzahl an Veränderungen, die in verschiedenen Industrien eine Neuorientierung in bisherigen Aktivitäten, Vorgängen und Geschäftsmodellen
einleitet – die Digitalisierung zählt zweifellos zu den weitreichendsten.

Verbesserungen und Veränderungen durch
digitale Neuerungen werden sich im Gesundheitswesen besonders auf Leistungen auswirken,
die für Patienten erbracht werden. Allerdings
haben Industrien, die sich stärker an Kundenbedürfnissen ausrichten, im Vergleich zur Gesundheitsbranche einen Vorsprung was die Digitalisierung angeht. Ein Beispiel hierfür: Etwa 50 %
der Patienten geben an, dass Informationen, die
für eine Behandlung entscheidend sind, zum
relevanten Zeitpunkt nicht verfügbar waren. Ein
Blick zum Online-Shopping zeigt aber, dass es
technisch sehr wohl möglich ist, sämtliche, auch
jahrelang zurückliegende Einkäufe einzusehen –
inklusive aller Details der vorgenommenen Transaktionen. Für die Gesundheitsversorgung steckt
also noch immenses Potenzial in der Digitalisierung. Allerdings werden hier die beteiligten Akteure vor neue Herausforderungen gestellt.
Patienten werden am meisten von diesen Entwicklungen profitieren, und sie werden auch eine
entscheidende Rolle im Digitalisierungsprozess
der Gesundheitsbranche spielen. Beobachtet
man aktuelle Entwicklungen, so werden Patienten sowohl hinsichtlich der eigenen Gesundheit
als auch der damit verbundenen Gesundheitsversorgung in Zukunft viel mehr einbezogen.
Der Schwerpunkt, der bislang auf Diagnose und
Behandlung lag, wird sich auf individuell abgestimmte Prävention und Nachsorge ausweiten.
Eine wichtige Funktion hierbei kommt der Digitalisierung zu, die beispielsweise eine automatisierte Einbindung der Patienten ermöglicht,

oder auch auf spezifische Bedürfnisse angepasste
Online-Communities entstehen lässt.
Health-Apps auf Smartphones und andere
mobile Technologien wie Fitness-Armbänder
erleichtern Patienten, ihr eigenes Gesundheitsprofil mit essenziellen Informationen zu speisen. Wenn nun diese Daten mit jenen aus der
Patientenakte zusammengeführt werden, kann
das die Basis sein, um einerseits die Gesundheit
des Einzelnen zu optimieren. Andererseits werden so auch grundlegende Veränderungen eingeleitet, die die Zusammenarbeit von Gesundheitsdienstleistern und Kliniken betreffen.
Digitale Neuerungen befähigen Ärzte schon
beim Eintreffen eines Patienten in der Krankenhaus-Notaufnahme, die komplette Patientenakte
einzusehen und sich einen Überblick über die
individuelle Krankengeschichte zu verschaffen.
Effiziente, digitale Technik unterstützt den behandelnden Arzt bei der klinischen und operativen Entscheidungsfindung, damit zielgerichtet
die geeigneten Labor- und Bildgebungsuntersuchungen in Auftrag gegeben und das erforderliche Behandlungsprotokoll implementiert werden
kann. Zudem besteht für den Arzt die Möglichkeit, virtuelle Beratungsinstrumente einzusetzen,
um zügig und unkompliziert mit Kollegen in Kontakt zu treten. Einen weiteren wichtigen Beitrag
werden digitale Tools zum Home-Monitoring
leisten, indem sie insbesondere chronisch Kranke
auch von zu Hause in enger Verbindung mit dem
behandelnden Arzt halten. So kann, falls nötig,
zeitnah und individuell interveniert werden.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

81

ARTHUR KAINDL

Eine besondere Rolle bei der Digitalisierung
der Gesundheitsbranche wird voraussichtlich die
Künstliche Intelligenz (KI) spielen. Ihr wird zugetraut, eine Schlüsselfunktion zu übernehmen,
die darin besteht, aus der Vielfalt und Komplexität unstrukturierter medizinischer Daten die für
den Arzt essenziellen und verwertbaren Informationen zu generieren – durch Ordnen, Vergleichen, Filtern, Vorauswählen usw. Das kann
durchaus der Ausgangspunkt für bessere, effektivere, auf den Patienten individuell zugeschnittene Entscheidungen sein. Das Generieren effektiver und verwertbarer Informationen in der
Medizin ist im Vergleich zu anderen Industrien
sehr komplex und schwierig zu bewerkstelligen
und stellt gleichermaßen auch eine der Ursachen für die geringe Effizienz im Gesundheitssektor dar. Hier steht die Gesundheitsbranche vor
einer großen Aufgabe, bei der – so zeichnet es
sich bereits ab – die KI eine wesentliche Komponente sein wird.
Digitale Anwendungen und Angebote sind in
der Medizin bisher noch Insellösungen, limitiert
auf einzelne Applikationen, Abteilungen oder
Krankheitsbilder. So können die Vorzüge des
digitalen Umschwungs allerdings nicht genutzt
werden.

82

Ein Lösungsansatz besteht in dem Konzept eines Ökosystems, so wie es in anderen Industrien auch praktiziert wird.
Grundlage dafür ist eine digitale Plattform, auf der Akteure, Geräte, Daten und
Applikationen (Apps) miteinander verbunden werden, die eben jene Daten generieren bzw. nutzen. Der große Vorteil
besteht darin, dass Nutzer sich auf die
entsprechende Anwendung konzentrieren können und sich nicht mehr intensiv
mit der darunterliegenden vernetzenden
Infrastruktur befassen müssen. Und wie
auch in anderen Industrien werden sich
eine oder einige wenige Plattformen
durchsetzen, die maßgeblich für die erfolgreiche digitale Transformation der
Gesundheitsversorgung sein werden.

||

DR. ARTHUR KAINDL
Digital Health Services, Siemens Healthineers

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

VERANTWORTLICH
Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser
Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Hanns-Seidel-Stiftung, München;
er lehrt Internationale Politik an der Universität Regensburg.

HERAUSGEBER
Maximilian Th. L. Rückert
Referent für Digitalisierung und Politik, Medien
der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Hanns-Seidel-Stiftung, München
Dr. Dominik Pförringer
Unfallchirurg im Klinikum rechts der Isar, Leiter der AG Digitalisierung

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

83

Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen
Die „Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen“ werden ab Nr. 14 parallel zur
Druckfassung auch als PDF-Datei auf der Homepage der Hanns-Seidel-Stiftung angeboten:
https://www.hss.de/publikationen/. Ausgaben, die noch nicht vergriffen sind, können dort
kostenfrei bestellt werden.

Nr. 01

Berufsvorbereitende Programme für Studierende an deutschen Universitäten

Nr. 02

Zukunft sichern: Teilhabegesellschaft durch Vermögensbildung

Nr. 03

Start in die Zukunft – Das Future-Board

Nr. 04

Die Bundeswehr – Grundlagen, Rollen, Aufgaben

Nr. 05

„Stille Allianz“? Die deutsch-britischen Beziehungen im neuen Europa

Nr. 06

Neue Herausforderungen für die Sicherheit Europas

Nr. 07

Aspekte der Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union

Nr. 08

Möglichkeiten und Wege der Zusammenarbeit der Museen in Mittel- und Osteuropa

Nr. 09

Sicherheit in Zentral- und Südasien – Determinanten eines Krisenherdes

Nr. 10

Die gestaltende Rolle der Frau im 21. Jahrhundert

Nr. 11

Griechenland: Politik und Perspektiven

Nr. 12

Russland und der Westen

Nr. 13

Die neue Familie: Familienleitbilder – Familienrealitäten

Nr. 14

Kommunistische und postkommunistische Parteien in Osteuropa – Ausgewählte Fallstudien

Nr. 15

Doppelqualifikation: Berufsausbildung und Studienberechtigung –
Leistungsfähige in der beruflichen Erstausbildung

Nr. 16

Qualitätssteigerung im Bildungswesen: Innere Schulreform –
Auftrag für Schulleitungen und Kollegien

Nr. 17

Die Beziehungen der Volksrepublik China zu Westeuropa –
Bilanz und Ausblick am Beginn des 21. Jahrhunderts

Nr. 18

Auf der ewigen Suche nach dem Frieden – Neue und alte Bedingungen für die Friedenssicherung

Nr. 19

Die islamischen Staaten und ihr Verhältnis zur westlichen Welt – Ausgewählte Aspekte

Nr. 20

Die PDS: Zustand und Entwicklungsperspektiven

Nr. 21

Deutschland und Frankreich: Gemeinsame Zukunftsfragen

Nr. 22

Bessere Justiz durch dreigliedrigen Justizaufbau?

Nr. 23

Konservative Parteien in der Opposition – Ausgewählte Fallbeispiele

Nr. 24

Gesellschaftliche Herausforderungen aus westlicher und östlicher Perspektive –
Ein deutsch-koreanischer Dialog

Nr. 25

Chinas Rolle in der Weltpolitik

Nr. 26

Lernmodelle der Zukunft am Beispiel der Medizin

Nr. 27

Grundrechte – Grundpflichten: eine untrennbare Verbindung

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

85

Nr. 28

Gegen Völkermord und Vertreibung – Die Überwindung des zwanzigsten Jahrhunderts

Nr. 29

Spanien und Europa

Nr. 30

Elternverantwortung und Generationenethik in einer freiheitlichen Gesellschaft

Nr. 31

Die Clinton-Präsidentschaft – ein Rückblick

Nr. 32

Alte und neue Deutsche? Staatsangehörigkeits- und Integrationspolitik auf dem Prüfstand

Nr. 33

Perspektiven zur Regelung des Internetversandhandels von Arzneimitteln

Nr. 34

Die Zukunft der NATO

Nr. 35

Frankophonie – nationale und internationale Dimensionen

Nr. 36

Neue Wege in der Prävention

Nr. 37

Italien im Aufbruch – eine Zwischenbilanz

Nr. 38

Qualifizierung und Beschäftigung

Nr. 39

Moral im Kontext unternehmerischen Denkens und Handelns

Nr. 40

Terrorismus und Recht – Der wehrhafte Rechtsstaat

Nr. 41

Indien heute – Brennpunkte seiner Innenpolitik

Nr. 42

Deutschland und seine Partner im Osten – Gemeinsame Kulturarbeit im erweiterten Europa

Nr. 43

Herausforderung Europa – Die Christen im Spannungsfeld von nationaler Identität,
demokratischer Gesellschaft und politischer Kultur

Nr. 44

Die Universalität der Menschenrechte

Nr. 45

Reformfähigkeit und Reformstau – ein europäischer Vergleich

Nr. 46

Aktive Bürgergesellschaft durch bundesweite Volksentscheide?
Direkte Demokratie in der Diskussion

Nr. 47

Die Zukunft der Demokratie – Politische Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Nr. 48

Nachhaltige Zukunftsstrategien für Bayern –
Zum Stellenwert von Ökonomie, Ethik und Bürgerengagement

Nr. 49

Globalisierung und demografischer Wandel – Fakten und Konsequenzen zweier Megatrends

Nr. 50

Islamistischer Terrorismus und Massenvernichtungsmittel

Nr. 51

Rumänien und Bulgarien vor den Toren der EU

Nr. 52

Bürgerschaftliches Engagement im Sozialstaat

Nr. 53

Kinder philosophieren

Nr. 54

Perspektiven für die Agrarwirtschaft im Alpenraum

Nr. 55

Brasilien – Großmacht in Lateinamerika

Nr. 56

Rauschgift, Organisierte Kriminalität und Terrorismus

Nr. 57

Fröhlicher Patriotismus? Eine WM-Nachlese

Nr. 58

Bildung in Bestform – Welche Schule braucht Bayern?

Nr. 59

„Sie werden Euch hassen ...“ – Christenverfolgung weltweit

Nr. 60

Vergangenheitsbewältigung im Osten – Russland, Polen, Rumänien

86

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

Nr. 61

Die Ukraine – Partner der EU

Nr. 62

Der Weg Pakistans – Rückblick und Ausblick

Nr. 63

Von den Ideen zum Erfolg: Bildung im Wandel

Nr. 64

Religionsunterricht in offener Gesellschaft

Nr. 65

Vom christlichen Abendland zum christlichen Europa –
Perspektiven eines religiös geprägten Europabegriffs für das 21. Jahrhundert

Nr. 66

Frankreichs Außenpolitik

Nr. 67

Zum Schillerjahr 2009 – Schillers politische Dimension

Nr. 68

Ist jede Beratung eine gute Beratung? Qualität der staatlichen Schulberatung in Bayern

Nr. 69

Von Nizza nach Lissabon – neuer Aufschwung für die EU

Nr. 70

Frauen in der Politik

Nr. 71

Berufsgruppen in der beruflichen Erstausbildung

Nr. 72

Zukunftsfähig bleiben! Welche Werte sind hierfür unverzichtbar?

Nr. 73

Nationales Gedächtnis in Deutschland und Polen

Nr. 74

Die Dynamik der europäischen Institutionen

Nr. 75

Nationale Demokratie in der Ukraine

Nr. 76

Die Wirtschaftsschule von morgen

Nr. 77

Ist der Kommunismus wieder hoffähig?
Anmerkungen zur Diskussion um Sozialismus und Kommunismus in Deutschland

Nr. 78

Gerechtigkeit für alle Regionen in Bayern –
Nachdenkliches zur gleichwertigen Entwicklung von Stadt und Land

Nr. 79

Begegnen, Verstehen, Zukunft sichern –
Beiträge der Schule zu einem gelungenen kulturellen Miteinander

Nr. 80

Türkische Außenpolitik

Nr. 81

Die Wirtschaftsschule neu gedacht – Neukonzeption einer traditionsreichen Schulart

Nr. 82

Homo oecologicus – Menschenbilder im 21. Jahrhundert

Nr. 83

Bildung braucht Bindung

Nr. 84

Hochschulpolitik: Deutschland und Großbritannien im Vergleich

Nr. 85

Energie aus Biomasse – Ethik und Praxis

Nr. 86

Türkische Innenpolitik – Abschied vom Kemalismus?

Nr. 87

Homo neurobiologicus – Ist der Mensch nur sein Gehirn?

Nr. 88

Frauen im ländlichen Raum

Nr. 89

Kirche im ländlichen Raum – Resignation oder Aufbruch?

Nr. 90

Ohne Frauen ist kein Staat zu machen – Gleichstellung als Motor für nachhaltige Entwicklung

Nr. 91

Der Erste Weltkrieg – „In Europa gehen die Lichter aus!“

Nr. 92

Deutsch als Identitätssprache der deutschen Minderheiten

Nr. 93

Frankreichs Grandeur – Einst und Jetzt

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

87

Nr. 94

Alphabetisierung – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Nr. 95

Linksextremismus in Deutschland – Bestandsaufnahme und Perspektiven

Nr. 96

Ländliche Kultur – unterschätzt!

Nr. 97

Armut im ländlichen Raum? Analysen und Initiativen zu einem Tabu-Thema

Nr. 98

Gegen das große Unbehagen –
Strategien für mehr Datensicherheit in Deutschland und der Europäischen Union

Nr. 99

Wem gehört das Sterben? Sterbehilfe und assistierter Suizid

Nr. 100

Frankreich im Umbruch – Innerer Reformdruck und außenpolitische Herausforderungen

Nr. 101

Fachkräftesicherung im ländlichen Raum

Nr. 102

Brexit und Grexit – Voraussetzungen eines Austritts

Nr. 103

Energie- und Klimapolitik – Die Rolle der Kohle und der Energiemärkte

Nr. 104

Wandel und Kontinuität – Was bleibt von der DDR und vom Kalten Krieg?

Nr. 105

Heimat zwischen Tradition und Fortschritt

Nr. 106

Flüchtlinge aufs Land?

Nr. 107

Klima- und umweltbedingte Migration – Weltweit eine zunehmende Herausforderung

Nr. 108

Digitalisierung – Neue Plattformen für Beteiligung und Demokratie auf dem Land?

Nr. 109

Bei bester Gesundheit? Deutschlands E-Health im Check-up –
Zukunftsplattform Bayern: Digitales Gesundheitswesen 2020

88

ARGUMENTE UND MATERIALIEN ZUM ZEITGESCHEHEN 109

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