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Full text: Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

MINDESTSTANDARDS
zum Schutz von geflüchteten
Menschen in Flüchtlingsunterkünften

Oktober 2018
Titelbild:
© UNICEF/UN026299/Gilbertson VI

Kontakt:
Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend
Stabstelle Flüchtlingspolitik
Glinkastr. 24
10117 Berlin
stab-fluechtlingspolitik@bmfsfj.bund.de

United Nations Children’s Fund
(UNICEF)
Schumannstr. 18, 10117 Berlin,
Deutschland
Tel.: +49 30 2758079-10
Fax: +49 30 2758079-29

Vorbemerkung

In den vergangenen Jahren waren immer mehr
Menschen dazu gezwungen, aus ihrer Heimat zu
flüchten und in Deutschland Schutz zu suchen.
Dabei sind diese Menschen schon sowohl
aufgrund der Situation in ihrem Heimatland als
auch als Folge von etwaigen traumatisierenden
Erlebnissen vor, während und nach der Flucht
schutzbedürftig. Unsere Aufgabe in Deutschland
ist es, den Geflüchteten die ihnen zustehenden
Rechte zu gewährleisten. Hierzu gehört, sie auf
der Suche nach sicheren Orten zu unterstützen,
institutionellen Schutz in den Unterkünften zu
gewährleisten, ihr Wohlbefinden zu fördern, um
die Verarbeitung der Auswirkungen von Kriegsund Fluchtsituationen zu begünstigen und sie
schnellstmöglich in unsere Gesellschaft 		
zu integrieren.
Flüchtlingsunterkünfte sind für viele asylsuchende
Menschen, die nach Deutschland kommen, der zentrale
Lebensmittelpunkt. Trotz enormer Anstrengungen
von Politik, Behörden und Zivilgesellschaft werden die
Bedarfe und Rechte von geflüchteten Menschen in
den Unterkünften noch nicht ausreichend beachtet. Oft
leben die Geflüchteten über sehr lange Zeiträume in
einem wenig menschenwürdigen, nicht familien- und
kindgerechten Umfeld, in dem sie nicht immer vor
Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung geschützt sind
und in dem ihre gesellschaftliche Teilhabe sowie ihre
Entwicklungs- und Integrationsmöglichkeiten erheblich
eingeschränkt oder gar nicht vorhanden sind.
Um den Schutz von geflüchteten Menschen zu einem
integralen Bestandteil der vielseitigen Aufgaben von
Flüchtlingsunterkünften in Deutschland zu machen,
kooperiert das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit UNICEF
und startete im Frühjahr 2016 mit den folgenden
Partner_innen1 eine gemeinsame Initiative:
ƒƒ Arbeiterwohlfahrt (AWO) e. V.
ƒƒ Bundesweiter Koordinierungskreis gegen
Menschenhandel (KOK) e. V.
ƒƒ Der Paritätische Gesamtverband e. V.
ƒƒ Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gGmbH

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Deutscher Caritasverband e. V.
Deutsches Institut für Menschenrechte e. V.
Deutsches Rotes Kreuz e. V.
Diakonie Deutschland – Evangelischer
Bundesverband e. V.
Frauenhauskoordinierung e. V.
Plan International Deutschland e. V.
Save the Children Deutschland e. V.
Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention
Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen
Kindesmissbrauchs (UBSKM)

Als Ergebnis ihrer Arbeit haben die Mitglieder der
Initiative im Juli 2016 erstmals bundesweit einheitliche
„Mindeststandards zum Schutz von Kindern,
Jugendlichen und Frauen in Flüchtlingsunterkünften“
veröffentlicht. Es wurde vereinbart, die
Mindeststandards in einem regelmäßigen Turnus
zu überarbeiten, um die Erfahrungen aus der Praxis
einfließen zu lassen. Im Frühjahr 2017 wurde die
Initiative durch den Beitritt einer Vielzahl neuer
Partner_innen auf eine noch breitere Basis gestellt
und es wurden weitere Konsultationen zu den
Mindeststandards organisiert. Die Mindeststandards
durchliefen dann eine gemeinsame Überarbeitung, in
die sowohl die Erfahrungen der Mitglieder als auch die
von bereits tätigen Gewaltschutzkoordinator_innen
und Bewohner_innen von Flüchtlingsunterkünften
einflossen. Im Rahmen der Konsultationen zu
den Mindeststandards führte Plan International
Deutschland e. V. mehrere Gesprächsgruppen und
Workshops in Flüchtlingseinrichtungen durch, um die
Bewohner_innen in den Prozess der Überarbeitung
einzubeziehen. Insbesondere zum Thema Monitoring
und Evaluierung der Schutzkonzepte fanden
erweiterte Konsultationen mit verschiedenen
Bundesländern, Betreibern, Unterkunftsleitungen,
Gewaltschutzkoordinator_innen und Ombudsstellen für
Flüchtlinge statt.
Bei der Überarbeitung bemühten sich alle
beteiligten Partner_innen, den Fokus auf besonders
schutzbedürftige Personengruppen wie Kinder,
Jugendliche und Frauen durchgehend weiter

1. In diesem Text wird die bildsprachliche Form des sogenannten „Gender_Gap“ verwendet. Gap ist das Englische Wort für Lücke. Mit dem Gender_Gap
wird in Worten Raum für diejenigen geschaffen, die sich der Zweigeschlechtlichkeit, also der eindeutigen Zuordnung als männlich oder weiblich, entziehen
(wollen).

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

3

auszudifferenzieren. Aus diesem Grund wurden
auch jeweils ein Annex zur Umsetzung der
Mindeststandards für LSBTI* Geflüchtete sowie
ein Annex zur Umsetzung der Mindeststandards
für geflüchtete Menschen mit Behinderungen neu
entwickelt. Der Erweiterung und Inklusion weiterer
Personengruppen trägt auch der neue Titel der
Mindeststandards Rechnung.
Die vorliegenden Mindeststandards zum Schutz von
geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften sind
das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der Initiative
unter Federführung des BMFSFJ und UNICEF und mit
dem fachlichen Beitrag folgender Mitglieder		
der Initiative:
ƒƒ Arbeiterwohlfahrt (AWO) e. V.
ƒƒ Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer
Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e. V.
ƒƒ Bundesweiter Koordinierungskreis gegen
Menschenhandel (KOK) e. V.
ƒƒ Der Paritätische Gesamtverband e. V.
ƒƒ Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gGmbH
ƒƒ Deutscher Caritasverband e. V.
ƒƒ Deutsches Institut für Menschenrechte e. V.
ƒƒ Deutsches Rotes Kreuz e. V.
ƒƒ Diakonie Deutschland – Evangelischer
Bundesverband e. V.
ƒƒ Frauenhauskoordinierung e. V.
ƒƒ International Rescue Committee (IRC) Deutschland
gGmbH
ƒƒ medica mondiale e. V.
ƒƒ Plan International Deutschland e. V.
ƒƒ Save the Children Deutschland e. V.
ƒƒ Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention
ƒƒ TERRE DES FEMMES e. V.
ƒƒ Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen
Kindesmissbrauchs (UBSKM)
Zusätzliche fachliche Beratung in der Überarbeitung
der Mindeststandards erfolgte durch den Deutschen
Kinderschutzbund e. V., Schwulenberatung Berlin
gGmbH und Prof. Dr. Swantje Köbsell (Alice
Salomon Hochschule).

4

Der vorliegende Annex zur Umsetzung der
Mindeststandards für LSBTI* Geflüchtete ist
das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der
folgenden Organisationen unter Federführung des
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen 		
und Jugend:
ƒƒ Arbeiter-Samariter-Bund NRW e. V.
ƒƒ Arbeiterwohlfahrt (AWO) e. V.
ƒƒ Der Paritätische Gesamtverband e. V.
ƒƒ Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gGmbH
ƒƒ Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Personal
und Organisation, Beauftragte für sexuelle und
geschlechtliche Vielfalt
ƒƒ Lesben- und Schwulenbundesverband in
Deutschland (LSVD) e. V.
ƒƒ Migrationsrat Berlin/Brandenburg e. V.
ƒƒ Schwulenberatung Berlin gGmbH
Koordiniert und redaktionell betreut wurde
der Erstellungsprozess des Annexes durch die
Schwulenberatung Berlin gGmbH.
Der vorliegende Annex zur Umsetzung der
Mindeststandards für geflüchtete Menschen mit
Behinderungen ist das Ergebnis der gemeinsamen
Arbeit der folgenden Organisationen unter
Federführung von UNICEF:
ƒƒ Arbeiterwohlfahrt (AWO) e. V.
ƒƒ AWO Kreisverband Berlin-Mitte e. V., Refugium
für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, MarieSchlei-Haus
ƒƒ Beauftragte der Bundesregierung für die Belange
von Menschen mit Behinderungen
ƒƒ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend (BMFSFJ)
ƒƒ Der Paritätische Gesamtverband e. V.
ƒƒ Deutscher Caritasverband e. V.
ƒƒ Deutsches Institut für Menschenrechte e. V.,
Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention
ƒƒ Diakonie Michaelshoven e. V., Netzwerk für
Flüchtlinge mit Behinderung Köln
ƒƒ European Disability Forum
ƒƒ Handicap International e. V.

ƒƒ International Rescue Committee (IRC) Deutschland
gGmbH
ƒƒ Lebenshilfe Landesverband Hamburg e. V.
ƒƒ MINA-Leben in Vielfalt e. V.
ƒƒ Weibernetz e. V. Politische Interessenvertretung
behinderter Frauen

Die Initiative versteht die Mindeststandards als
ein fortzuschreibendes Dokument. Die Mitglieder
verpflichten sich, die Mindeststandards in einem
vereinbarten Turnus zu überarbeiten, damit die
Erfahrungen aus der Praxis weiterhin in diese
einfließen können.

Zusätzliche fachliche Beratung in der Entwicklung
des Annexes wurde von dem Bundesverband
Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe/Frauen
gegen Gewalt e. V. sowie von Prof. Dr. Swantje Köbsell
(Alice Salomon Hochschule) bereitet.

Weitere Informationen und Leitfäden zur konkreten
Umsetzung der Mindeststandards wurden zum
großen Teil von Initiativpartner_innen erarbeitet und
sind auf der Webseite der Initiative www.gewaltschutzgu.de verfügbar.

Beide Annexe sind integrale Bestandteile der
allgemeinen Mindeststandards.
2018 wurden die Mindeststandards um einen
dritten Annex erweitert. Der vorliegende Annex zur
Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete
Menschen mit Traumafolgestörungen ist das
Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der folgenden
Organisationen unter Federführung der Bundesweiten
Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für
Flüchtlinge und Folteropfer e.V. (BafF):
ƒƒ Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin,
Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e.V.)
ƒƒ Bundesverband Frauenberatungsstellen und
Frauennotrufe Frauen gegen Gewalt e.V (bff)
ƒƒ medica mondiale e.V.
ƒƒ Save the Children Deutschland e.V.
ƒƒ Verband Deutsch-Syrischer Hilfsvereine e.V. (VDSH)
Auch dieser Annex ist ein integraler Bestandteil der
allgemeinen Mindeststandards.
Die Situation von unbegleiteten minderjährigen
Geflüchteten findet in den Mindeststandards
zum Schutz von geflüchteten Menschen in
Flüchtlingsunterkünften keine gesonderte Betrachtung.
Sie müssen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe
untergebracht werden, womit der staatliche
Schutzauftrag zur Sicherung des Kindeswohls seine
Umsetzung findet.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

5

Inhalt

Vorbemerkung............................................................................................................................................................. 3
Einleitung..................................................................................................................................................................... 9
Mindeststandard 1: Einrichtungsinternes Schutzkonzept................................................................................ 11
Schutz und Unterstützung für alle Bewohner_innen, insbesondere besonders schutzbedürftige Personengruppen
11
Gültigkeit und Verpflichtung intern............................................................................................................................ 11
Gültigkeit und Verpflichtung extern........................................................................................................................... 11
Partizipative Risikoanalyse......................................................................................................................................... 12
Integrierend............................................................................................................................................................... 12
Partizipativ, transparent und offen zugänglich........................................................................................................... 12
Bekenntnis zum grenzachtenden Umgang und zur Gewaltfreiheit als Leitbild......................................................... 13
Vertraulichkeit und Privatsphäre schützen................................................................................................................ 13
Mindeststandard 2: Personal und Personalmanagement................................................................................. 14
Rollen und Verantwortlichkeiten................................................................................................................................ 14
Verhaltenskodex........................................................................................................................................................ 14
Personalgewinnung und -management.................................................................................................................... 14
Sensibilisierung und Weiterbildung........................................................................................................................... 15
Wohlbefinden des Personals .................................................................................................................................... 16
Mindeststandard 3: Interne Strukturen und externe Kooperation.................................................................. 17
Hausordnung............................................................................................................................................................. 17
Einrichtungsinterne, feste Ansprechpersonen ......................................................................................................... 17
Interne Beschwerdestelle......................................................................................................................................... 17
Externe, betreiberunabhängige Beschwerde- und Beratungsstelle.......................................................................... 18
Aktiv über Rechte und Hilfsangebote informieren.................................................................................................... 18
Informationen verständlich machen sowie Sprach- und Kommunikationsbarrieren überwinden............................. 19
Niedrigschwelliges Kurs- und Beratungsangebot..................................................................................................... 19
Kooperationspartner_innen einbinden....................................................................................................................... 20
Kooperation mit Schule und Kita............................................................................................................................... 20
Proaktive Nachbarschafts- und Öffentlichkeitsarbeit................................................................................................ 20
Mindeststandard 4: Prävention und Umgang mit Gewalt- und Gefährdungssituationen/..............................
Risikomanagement................................................................................................................................................. 21
Prävention.................................................................................................................................................................. 21
Standardisierte Verfahrensweise bei Verdacht auf Gewalt....................................................................................... 21
Standardisierte Verfahrensweise bei Gewaltvorfällen.............................................................................................. 21
Gefährdungslage nach Gewalt einschätzen.............................................................................................................. 23
Hinzuziehung der Polizei............................................................................................................................................ 23
Rechte der Opfer geltend machen............................................................................................................................ 24

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

7

Mindeststandard 5: Menschenwürdige, schützende und fördernde Rahmenbedingungen........................ 25
Bauliche Schutzmaßnahmen..................................................................................................................................... 25
Durchsetzung von Hygienestandards........................................................................................................................ 25
Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre garantieren.............................................................................................. 25
Kinderfreundliche Orte und Angebote...................................................................................................................... 26
Ausrichtung für Kinder .............................................................................................................................................. 26
Ausrichtung für Eltern ............................................................................................................................................... 27
Geschützte Gemeinschaftsräume, Mutter-Kind-Räume und allgemein zugängliche Ruheräume ........................... 27
Mindeststandard 6: Monitoring und Evaluierung des Schutzkonzepts.......................................................... 28
Verantwortung .......................................................................................................................................................... 28
Umfang und Zuständigkeiten.................................................................................................................................... 28
Stufenweise Entwicklung.......................................................................................................................................... 28
Partizipatives Monitoring .......................................................................................................................................... 28
Datenerhebung, -auswertung, -verwendung und -schutz......................................................................................... 29
Systematische Dokumentation................................................................................................................................. 29
Regelmäßige Evaluierung.......................................................................................................................................... 29
Glossar A.................................................................................................................................................................. 30
Annex 1: Umsetzung der Mindeststandards für LSBTI* Geflüchtete*.............................................................. 33
Annex 2: Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete Menschen mit Behinderungen...................... 38
Glossar B.................................................................................................................................................................. 45
Annex 3: Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete Menschen mit Traumafolgestörungen......... 47

8

Einleitung

Ziel aller Anstrengungen muss es sein, geflüchteten
Menschen ein Unterkommen in eigenen Wohnungen
zu ermöglichen. Gleichzeitig muss alles dafür getan
werden, den in den Flüchtlingsunterkünften lebenden
Menschen ein schützendes und förderndes Umfeld zu
bereiten.
Ziel der Mindeststandards zum Schutz von
geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften ist
die Sicherstellung von Schutz und Unterstützung für
alle geflüchteten Menschen in diesen Unterkünften.
Alle Geflüchteten haben Anspruch auf Schutz von
Leben, Gesundheit, freie Entfaltung der Persönlichkeit
und Schutz der Menschenwürde.
Dies gilt vor allem für Personengruppen, die
aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller
Orientierung oder Gender-Identität2, Behinderungen,
Religionszugehörigkeit, ethnischer, nationaler oder
sozialer Herkunft, politischer Überzeugung, ihres
Gesundheitszustands oder eines sonstigen Status
besonders schutzbedürftig sind. Zu diesen
besonders schutzbedürftigen Personengruppen
zählen unter anderem:
ƒƒ Frauen
ƒƒ Kinder
ƒƒ Jugendliche
ƒƒ LSBTI* Personen
ƒƒ Menschen mit Behinderungen
ƒƒ religiöse Minderheiten
ƒƒ Betroffene des Menschenhandels
ƒƒ Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen
ƒƒ Menschen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige
schwere Formen psychischer, physischer oder
sexualisierter Gewalt erlitten haben
Besonders zu beachten ist hierbei die erhöhte
Gefährdung, die sich aus der Überschneidung
einzelner Diskriminierungsmerkmale ergeben kann
(beispielsweise Geschlecht und Alter).
Das Recht auf eine menschenwürdige Unterbringung
und Schutz vor Gewalt folgt aus dem Grundgesetz,
nationalen Gesetzen und internationalen

Abkommen wie der UN-Kinderrechtskonvention,
der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW, der UNBehindertenrechtskonvention, der Europäischen
Charta für Menschenrechte, dem Übereinkommen
des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von
Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (sog.
Istanbul-Konvention), der Konvention zur Bekämpfung
des Menschenhandels sowie der EU-Aufnahmerichtlinie
(2013/33/EU), die Schutzmaßnahmen für besonders
schutzbedürftige Personengruppen vorsieht. Diese
Normen verpflichten Bund und Länder dazu,
ausreichende Maßnahmen zu ergreifen, um einen
angemessenen und wirksamen Schutz sicherzustellen.
Einen bestmöglichen Schutz vor Gewalt kann
man aber nur erreichen, wenn dieser als fester
Bestandteil des Wertekanons in Einrichtungen
und Organisationen der Flüchtlingshilfe strukturell
verankert und das jeweilige fachliche Handeln danach
ausgerichtet wird. Die Einführung und Umsetzung
von passgenauen Schutzkonzepten erfordert
insoweit einen Prozess der Qualitätsentwicklung,
sowohl innerhalb der einzelnen Einrichtung als auch
innerhalb der übergeordneten Organisationsstruktur.
Darüber hinaus müssen die zur Erreichung dieser
Qualität erforderlichen Mindeststandards gesetzlich
abgebildet werden, wenn sie in der Praxis wirklich
zur Umsetzung gelangen sollen. Geregelt werden
muss ebenfalls die Frage der Finanzierung der
Umsetzung von Gewaltschutzkonzepten. Wenn man
den Gewaltschutzauftrag ernst nehmen will, sind die
notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügungzu stellen.
Die im Folgenden benannten Mindeststandards gelten
als Leitlinien für die Erstellung, Umsetzung und das
Monitoring von einrichtungsinternen Schutzkonzepten
in jeder Form von Flüchtlingsunterkünften. Sie können
auch als Orientierung für die (Weiter-) Entwicklung von
länderspezifischen bzw. kommunalen Schutzkonzepten
dienen. Insgesamt gilt, dass die folgenden
Mindeststandards in ALLEN Flüchtlingsunterkünften
in Deutschland umgesetzt und eingehalten 		
werden sollen.

2. Unter „Geschlecht“ ist das biologische Geschlecht zu verstehen. Mit „Gender“ wird das psychische und das soziale Geschlecht beschrieben. Dies umfasst
zum einen die persönliche Geschlechtsidentifikation zum anderen Zuschreibungen, die als männlich oder als weiblich gewertet werden. Gesellschaftlichkulturell bedingt werden das biologische und das soziale Geschlecht binär, also als männlich oder weiblich, konstruiert.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

9

Die genannten Maßnahmen umfassen den Schutz
und die gesellschaftliche Teilhabe sowie Entwicklungsund Integrationsmöglichkeiten aller Bewohner_innen
von Flüchtlingsunterkünften. Dabei ist zu betonen,
dass diese Maßnahmen nicht in jedem Fall für alle
schutzbedürftigen Personengruppen ausreichend sind.
Um dies sicherzustellen, bedarf es gegebenenfalls
einer gesonderten und individuellen Bewertung und
Berücksichtigung der jeweiligen speziellen Schutzund Förderungsbedarfe. Die Mindeststandards sind
in Verbindung mit der Präambel und in der direkten
Verbindung zueinander zu lesen und zu verstehen.

10

Die Mindeststandards beziehen sich auf alle Formen
von Gewalt wie physische, sexualisierte und
psychische Gewalt, Vernachlässigung von Kindern,
Gewalt in Paarbeziehungen, geschlechtsspezifische
Gewalt, Zwangsheirat, Nachstellung/Stalking, weibliche
Genitalverstümmelung, Gewalt unter Kindern und
Menschenhandel. Die einzelnen Formen von Gewalt
sind gesondert im Glossar im Anhang benannt und
definiert. Im folgenden Text wird, um eine bessere
Lesbarkeit sicherzustellen, durchgängig von „Gewalt“
gesprochen.

Mindeststandard 1

Einrichtungsinternes
Schutzkonzept
Schutz und Unterstützung für alle
Bewohner_innen, insbesondere besonders
schutzbedürftige Personengruppen
Alle Flüchtlingsunterkünfte müssen über ein von der
Einrichtung erarbeitetes Schutzkonzept3 verfügen.
Dieses ist so konzipiert, dass der Schutz von allen
geflüchteten Menschen, die in der Unterkunft
leben – insbesondere besonders schutzbedürftiger
Personengruppen – innerhalb der Unterkunft in ALLEN
Bereichen durch Prävention, direkte Intervention und
Monitoring gewährleistet ist.
Einige Personengruppen sind aufgrund von Alter,
Geschlecht, sexueller Orientierung oder GenderIdentität, Behinderungen, Religionszugehörigkeit,
ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, politischer
Überzeugung, ihres Gesundheitszustands oder eines
sonstigen Status besonders schutzbedürftig. Zu diesen
besonders schutzbedürftigen Personengruppen zählen
unter anderem:
ƒƒ Frauen
ƒƒ Kinder
ƒƒ Jugendliche
ƒƒ LSBTI* Personen
ƒƒ Menschen mit Behinderungen
ƒƒ religiöse Minderheiten
ƒƒ Betroffene des Menschenhandels
ƒƒ Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen
ƒƒ Menschen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige
schwere Formen psychischer, physischer oder
sexualisierter Gewalt erlitten haben
Besonders zu beachten ist hierbei die erhöhte
Gefährdung, die sich aus der Überschneidung der
einzelnen Diskriminierungsmerkmale ergeben kann
(beispielsweise Geschlecht und Alter).

Gültigkeit und Verpflichtung intern
ALLE in einer Unterkunft tätigen Personen sind
verpflichtet, bei der Umsetzung des Schutzkonzepts
mitzuwirken. Dazu gehören z. B. die folgenden
Arbeitsbereiche und Mitarbeiter_innen:
ƒƒ Leitung der Flüchtlingsunterkunft und feste
Ansprechperson für das einrichtungsinterne
Schutzkonzept
ƒƒ Sozialpädagogische und erzieherische Betreuung
ƒƒ Sozialbetreuer_innen
ƒƒ Psychosoziale Beratung und Sozialberatung
ƒƒ Medizinische Versorgung
ƒƒ Asylverfahrensberatung
ƒƒ Dolmetscher_innen und Dolmetscher_innendienste
ƒƒ Wach-, Brandschutz- und Sicherheitsdienstleistungen
ƒƒ Hausmeisterservice
ƒƒ Reinigungskräfte, Versorgungs- und Cateringservice
ƒƒ Ehrenamtliche Unterstützer_innen
ƒƒ Mitarbeiter_innen sozialpädagogischer
Organisationen, die Kurse in der Einrichtung anbieten
Auch Mitarbeiter_innen anderer Dienste, die durch
ihre Tätigkeit erheblichen Einfluss auf das Wohl- und
Sicherheitsbefinden der geflüchteten Menschen in der
Unterkunft haben, müssen über das Schutzkonzept
informiert werden sowie darüber, ihren Möglichkeiten
entsprechend an der Umsetzung mitzuwirken
(z. B. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge,
Ausländerbehörden).

Gültigkeit und Verpflichtung extern
Das Schutzkonzept muss auch Bestandteil der Verträge
mit externen (Dienst-) Leister_innen und Zuliefer_innen
werden. Diese müssen zur Zusammenarbeit und
Einhaltung der im Schutzkonzept festgelegten Prinzipien
und Leitlinien vertraglich verpflichtet werden.

3. Ein einrichtungsinternes Schutzkonzept, so wie es in den vorliegenden sechs Mindeststandards dargestellt wird, ist ein Zusammenspiel aus Analyse,
strukturellen Veränderungen, Vereinbarungen und Absprachen und bildet Haltung und Kultur der Einrichtung ab.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

11

Partizipative Risikoanalyse
Dem Schutzkonzept liegt eine einrichtungsinterne,
partizipative Risikoanalyse zugrunde, die von der
jeweiligen Einrichtung erarbeitet wird und die
Risiken, bedingt durch Alter, Geschlecht, GenderIdentität, sexuelle Orientierung, Behinderungen,
Religionszugehörigkeit, ethnische, nationale
oder soziale Herkunft, politische Überzeugung,
Gesundheitszustand oder eines sonstigen
Status, einbezieht. Hierbei ist die erhöhte
Gefährdung, die die Überschneidung der einzelnen
Diskriminierungsmerkmale (beispielsweise Geschlecht
und Alter) mit sich bringen kann, besonders zu
beachten. Ebenso bestimmt die Risikoanalyse
Gegebenheiten, die zum Schutz beitragen können.
Analysiert werden Risiko- und Schutzfaktoren auf allen
Ebenen, mindestens aber auf den Ebenen
ƒƒ der Trägerschaft und Einrichtungsleitung
ƒƒ der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen
ƒƒ der Bewohner_innen
ƒƒ der einrichtungsspezifischen Arbeitsabläufe
ƒƒ der örtlichen Begebenheiten, die auch das Risiko
rassistisch und rechtsextrem motivierter Straftaten
gegen Flüchtlingsunterkünfte einschließt
Die Risikoanalyse benötigt eine_n Verantwortliche_n
und sollte durch eine Kombination von partizipativen
Ansätzen4 mit Vertreter_innen aller Arbeitsbereiche
sowie einer repräsentativen Auswahl von Bewohner_
innen aller Altersgruppen durchgeführt werden.
Auf Basis der Risikoanalyse müssen gezielte
Handlungsansätze zur Risikoverminderung,
zur Stärkung der Schutzfaktoren und zum
Risikomanagement entwickelt werden – konkret heißt
das: Zur Prävention und direkten Intervention, aber
auch zur Unterstützung für Betroffene von Gewalt und
Diskriminierung. Das Ziel ist, bestehende Risiken für
geflüchtete Menschen in der Flüchtlingsunterkunft zu
verringern und den Schutz zu erhöhen.

Integrierend
Das Schutzkonzept muss integraler Bestandteil bereits
vorhandener einrichtungsinterner Konzepte, laufender
Prozesse und täglicher Arbeit sein. Hierzu gehört
auch die Berücksichtigung von bereits bestehenden
(Gewalt-) Schutzkonzepten der Kommune und des
jeweiligen Bundeslandes.

Partizipativ, transparent und offen
zugänglich
Geflüchtete Menschen haben das Recht, an allen sie
betreffenden Entscheidungen beteiligt zu werden.
Um dieses Recht zu wahren und die Nachhaltigkeit
des Schutzkonzepts zu erhöhen, ist es unerlässlich,
Mitarbeiter_innen und Vertreter_innen aller Bewohner_
innen in die Risikoanalyse, die Entwicklung des
Schutzkonzepts, das Monitoring und die Evaluierung
der Umsetzung des Schutzkonzepts einzubeziehen.
Im Fall besonders schutzbedürftiger Personengruppen,
die sich zum Beispiel aufgrund des Gefahrenpotenzials
oder aufgrund von Kommunikationsbarrieren in
der Einrichtung nicht selbst vertreten können oder
wollen, müssen stellvertretend lokale, spezialisierte
Fachberatungs- und Unterstützungsstrukturen dieser
Personengruppen alternativ hinzugezogen werden.
Dies gilt insbesondere für LSBTI* Geflüchtete,
die sich nicht outen wollen, für die Belange von
(potenziell) von geschlechtsspezifischer Gewalt
betroffenen und/oder bedrohten Bewohner_innen,
Menschen mit Behinderungen sowie Angehörige
religiöser Minderheiten.
Bestehende Beteiligungsmechanismen der
Einrichtung, wie beispielsweise Bewohner_innenräte,
in denen sich die verschiedenen Gruppen der
Einrichtung hinsichtlich Ethnie, Religion, Geschlecht,
Behinderungen oder Familienstand widerspiegeln,
sind an der Entwicklung, Umsetzung sowie am
Monitoring und der Evaluierung des Schutzkonzepts
zu beteiligen. Dabei muss sichergestellt werden,
dass nicht mehr als die Hälfte der Beteiligten Männer
sind. In Erwägung gezogen werden kann auch ein
eigenständiger, mit entsprechenden Kompetenzen
ausgestatteter Frauenrat. Es müssen zudem
Möglichkeiten der altersgerechten Beteiligung von
Kindern und Jugendlichen in Betracht gezogen werden.
Wichtig ist, dass diese Beteiligungsmöglichkeiten
tatsächlich auch strukturell verankert sind. Sollte ein
Beteiligungsmechanismus innerhalb einer Einrichtung
noch nicht etabliert sein, so sind im Rahmen der
Entwicklung des Schutzkonzepts geeignete Verfahren
und Mechanismen in Kooperation mit den Beteiligten
zu entwickeln, zu testen und zu etablieren.
Die Leitung der Einrichtung hat dafür Sorge zu tragen,
dass ALLE Mitarbeiter_innen, Dienstleister_innen und
ehrenamtlich Tätige das Schutzkonzept kennen und in

4. Fokusgruppengespräche, bilaterale Gespräche, Diskussionen mit verschiedenen Akteuren, interne Diskussionen, Malen und Zeichnen mit Kindern usw.

12

ihrem Zuständigkeitsrahmen umsetzen können. Um
die Transparenz und Zugänglichkeit des Schutzkonzepts
zu gewährleisten, müssen, aufbauend auf der
Beteiligung von Bewohner_innen an der Entwicklung
des Schutzkonzepts, auch alle Bewohner_innen in
einer ihnen verständlichen Sprache nachvollziehbar und
barrierefrei sowie altersgerecht über den Inhalt des
Schutzkonzepts schriftlich sowie mündlich 		
informiert werden.

Bekenntnis zum grenzachtenden Umgang
und zur Gewaltfreiheit als Leitbild
Dem Schutzkonzept liegt ein von der Einrichtung
verfasstes Leitbild zugrunde. Dieses beinhaltet
die Einhaltung menschenwürdiger Standards für
den Aufenthalt und das eindeutige Bekenntnis, die
Grund- und Menschenrechte aller Bewohner_innen
zu achten. Der respektvolle, grenzachtende und
wertschätzende Umgang auf allen Ebenen ist
eine notwendige Voraussetzung für ein friedliches
Miteinander und fester Bestandteil der Arbeitshaltung
gegenüber den Bewohner_innen. Die Achtung der
Vielfalt sowie das Prinzip der Konfliktsensibilität sind
wesentlich, um Bewohner_innen ein respektvolles und
schützendes Umfeld zu bieten. Dies kann Vorurteilen,
Diskriminierung und Stigmatisierung entgegenwirken
und Konfliktpotenziale minimieren.

Vertraulichkeit und Privatsphäre schützen
Dem Schutzkonzept liegt das Prinzip der Vertraulichkeit
zugrunde. Alle Verdachtsmomente und Vorfälle werden
vertraulich behandelt und die berufliche Schweigepflicht
(gemäß §203 Strafgesetzbuch) eingehalten. Über
persönliche Informationen, von denen die Mitarbeiter_
innen, Ehrenamtlichen oder externen Dienstleister_
innen Kenntnis erhalten, wird Stillschweigen bewahrt.
Es gilt, die Würde und Privatsphäre aller Beteiligten
zu jeder Zeit zu schützen und Informationen über
personenbezogene Daten, Verdachtsmomente und
Vorfälle nur unter Zustimmung der Betroffenen
an zuständige Mitarbeiter_innen und Behörden
weiterzugeben. Die Grundsätze des Datenschutzes
sind zu beachten. Dies gilt auch hinsichtlich der
sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität.
Outings ohne die Einwilligung von LSBTI* Personen
müssen ausgeschlossen werden. Vertraulichkeit und
Datenschutz sind auch bei gesundheitsrelevanten
Daten zu beachten und Stigmatisierungen durch
nachlässiges Preisgeben von Diagnosen zu vermeiden.
Es muss beachtet und kommuniziert werden, dass es
bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a Sozialgesetzbuch
VIII (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung) eine
gesetzlich vorgeschriebene Grenze der Vertraulichkeit
gibt. Es gilt zu beachten, dass Mitarbeiter_innen nicht
per se ein Zeugnisverweigerungsrecht haben, sollte es
zu Gerichtverhandlungen/Strafverfahren kommen.

Jede in der Unterkunft tätige Person ist verpflichtet,
alle zumutbaren Anstrengungen zu unternehmen,
um zu vermeiden, dass die Bewohner_innen durch
die (Dienst-) Leistungsbereiche der Einrichtung oder
bestimmte Verhaltensweisen der Mitarbeiter_innen
oder auch durch Aktionen oder Personen von außen
weiteren Schaden erleiden („do no harm“-Prinzip5).
Alle Maßnahmen, Handlungen und Haltungen der
Mitarbeiter_innen haben das Potenzial, sich positiv
oder negativ auf das psychosoziale Wohlbefinden
der Bewohner_innen auszuwirken. Das Ziel muss
sein, dass alle von Mitarbeiter_innen durchgeführten
Aktionen das psychosoziale Wohlbefinden und die
Resilienz (Widerstandsfähigkeit) – besonders der
schutzbedürftigsten Personengruppen – stärken
können. Ein Bewusstsein hinsichtlich dieses Potenzials
muss in der Einrichtung geschaffen werden. Es sind
geeignete Methoden zu entwickeln, um die – positiven
oder negativen – Auswirkungen des eigenen Handelns
beurteilen zu können.

5. Vgl. Sphere Handbuch: Humanitäre Charta und Mindeststandards in der humanitären Hilfe, 2011. Englischsprachige Neuauflage zum Download unter:
http://www.sphereproject.org/.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

13

Mindeststandard 2

Personal und
Personalmanagement
Rollen und Verantwortlichkeiten
Die Leitung der Einrichtung trägt die
Hauptverantwortung für die Entwicklung,
die Umsetzung und das Monitoring des
Schutzkonzepts. Sie definiert die Rollen sowie feste
Verantwortungsbereiche aller Mitarbeiter_innen,
Ehrenamtlichen und Dienstleister_innen im Rahmen
der Umsetzung des Schutzkonzepts, u. a. in Aufgabenund Stellenbeschreibungen und Verträgen. Die
Verantwortungsbereiche und Zuständigkeiten werden
transparent innerhalb des Mitarbeiter_innenkreises
sowie des Bewohner_innenkreises dargestellt.
Zudem sollte es in der Einrichtung eine_n feste_n
Ansprechpartner_in für das Schutzkonzept geben, der_
die die Leitung bei der Entwicklung, Umsetzung sowie
beim Monitoring des Schutzkonzepts unterstützt.

Verhaltenskodex
Alle Mitarbeiter_innen, Dienstleister_innen und
Ehrenamtlichen der Einrichtung unterschreiben eine
Selbstverpflichtung zur Einhaltung des Verhaltenskodex
zur Prävention von und zum Schutz vor sowie der
Intervention bei jeder Form von Gewalt gegen die
Bewohner_innen der Unterkunft durch Mitarbeiter_
innen, Dienstleister_innen, Ehrenamtliche, andere
Bewohner_innen, Familienangehörige oder Besucher_
innen. Die Selbstverpflichtung stellt ein klares
Bekenntnis gegen jede Form von Gewalt innerhalb
der Einrichtung dar und ist integraler Bestandteil des
Schutzkonzepts. Sie definiert die Grundhaltung und
die Schutzaufgabe ALLER in der Unterkunft tätigen
Personen und fordert diese ein.

von Verträgen an externe Dienstleister_innen). Eine
umfassende Aufklärung darüber, welche Maßnahmen
bei Verstößen durch eine_n Mitarbeiter_in oder
eine_n externe_n Dienstleister_in ergriffen werden
und welche Konsequenzen dies für das Arbeits- bzw.
Vertragsverhältnis hat, ist durch die Einrichtung vor
Beginn eines Arbeits- bzw. Vertragsverhältnisses
sicherzustellen. Insbesondere auf die arbeitsrechtlichen
Folgen nach einem Verstoß wird deutlich hingewiesen.
Der Verhaltenskodex und die Selbstverpflichtung
sind somit verbindlicher Bestandteil vertraglicher
Vereinbarungen mit Mitarbeiter_innen und externen
Dienstleister_innen.
Die Leitung muss Qualitätsstandards sowohl bei
der Auswahl als auch beim Management von
hauptamtlichen Mitarbeiter_innen und Ehrenamtlichen
durchsetzen. Um dies zu gewährleisten, ermöglicht und
unterstützt die Leitung unter anderem eine fundierte
Einarbeitung zur Erkennung von und zum Umgang mit
besonders schutzbedürftigen Personen.
Eine weitere Grundvoraussetzung für die Tätigkeit
aller Mitarbeiter_innen, Dienstleister_innen und
ehrenamtlich Tätigen in der Einrichtung ist die Vorlage
eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses.
Darüber hinaus ist eine angemessene Anzahl an
weiblichen Fachkräften in der Einrichtung wichtig. Bei
dem für die Unterkunft zuständigen Sicherheitsdienst
sollte durch eine entsprechende Anzahl weiblicher
Mitarbeiterinnen sichergestellt sein, dass zu jeder
Zeit mindestens eine weibliche Mitarbeiterin in der
Einrichtung im Dienst ist.

Personalgewinnung und -management
Der Verhaltenskodex und die Selbstverpflichtung
werden bereits in Vorstellungsgesprächen gegenüber
potenziellen Mitarbeiter_innen und ehrenamtlich
Tätigen als verbindliche Voraussetzung für eine
Beschäftigung benannt (ebenso bei der Vergabe
14

Insgesamt sollen geflüchtete Menschen, Menschen
mit Migrationshintergrund, Frauen, Menschen mit
Behinderungen sowie LSBTI* Personen zu einer
Bewerbung ermutigt werden.

Die ehrenamtliche Arbeit in der Einrichtung wird
professionell koordiniert und unterstützt und sollte
auf vorhandenen Standards in der Arbeit mit
Ehrenamtlichen beruhen. Auch ist ein ehrenamtliches
Engagement der Bewohner_innen entsprechend zu
koordinieren und zu unterstützen.
Die Einhaltung des Schutzkonzepts ist Bestandteil
des Personal- und Qualitätsmanagements. Es
ist fester Tagesordnungspunkt bei regelmäßigen
Teamsitzungen und bei der Supervision des hauptund, soweit möglich, des ehrenamtlichen Personals
innerhalb der Einrichtung im Rahmen aller Bereiche
und Dienstleistungen. Der Sicherheitsdienst wird in
den Informationsfluss und in die Qualitätsentwicklung
eingebunden.

Sensibilisierung und Weiterbildung
Das Schutzkonzept lässt sich nur wirksam innerhalb
der Einrichtungsstruktur verankern, wenn ALLE
Mitarbeiter_innen, ehrenamtlich Tätigen und externen
Dienstleister_innen entsprechend sensibilisiert,
eingearbeitet, geschult und weitergebildet werden.
Zusätzlich ermöglicht die Leitung der Einrichtung auch
Supervisionen oder andere Austauschformate.
Zu diesem Zweck veranlasst oder führt die Leitung
regelmäßig Schulungen durch, in denen sowohl der
Verhaltenskodex als auch das einrichtungsinterne
Schutzkonzept vorgestellt werden. Zusätzlich sind alle
Mitarbeiter_innen und ehrenamtlich Tätigen sowie
externe Dienstleister_innen (auch der Sicherheitsdienst)
verpflichtet, an (zielgruppenbezogenen) Schulungen
zur Prävention von und direkter Intervention
bei Gewalt, und somit zur Umsetzung des
Schutzkonzepts, teilzunehmen. Die Schulungen
sollten in Zusammenarbeit und mit Unterstützung von
Mitarbeiter_innen spezialisierter Fachberatungsstellen
sowie anderen fachlich beteiligten Institutionen (Polizei,
Nichtregierungsorganisationen, Behörden, Vereine)
durchgeführt werden.
Je nach Zielgruppe sind folgende Inhalte und Themen
zu behandeln:
ƒƒ Achtung der Menschenwürde, der Grundsatz der
Nichtdiskriminierung und der Vermeidung weiteren
Schadens („do no harm“-Prinzip6) sowie des
Respekts für Vielfalt

ƒƒ interkulturelle und transkulturelle Fähigkeiten,
Konfliktsensibilität und Konfliktmanagement
ƒƒ der besondere Hintergrund, die Lebenssituation
und die geschlechts- sowie genderspezifischen
Fluchtgründe sowie Gefahren und mögliche
Gewalterfahrungen auf der Flucht bzw. in der
Unterkunft
ƒƒ Traumatisierung von geflüchteten Menschen im
Herkunftsland, auf der Flucht oder während ihres
Aufenthalts in Deutschland und die Gefahr der
Reaktualisierung von traumatischen Erlebnissen
ƒƒ kontextbezogene/inklusive/holistische Arbeitsansätze
zu einem trauma- und stresssensiblen Arbeitsansatz
im Umgang mit geflüchteten Menschen (z. B.
wie Mitarbeiter_innen Geflüchtete psychosozial
unterstützen können)
ƒƒ verschiedene Gewaltformen und -dynamiken7
sowie die Folgen von Gewalt, insbesondere die
spezielle Gefährdungssituation von besonders
schutzbedürftige Personengruppen
ƒƒ die besondere Gefährdung von Frauen und Kindern,
Frauen und Kindern mit Behinderungen sowie
LSBTI* Personen, Opfer sexualisierter Gewalt oder
Ausbeutung zu werden
ƒƒ wirkungsvolle Prävention und frühzeitiges Erkennen
von Gewalt und Ausbeutung
ƒƒ adäquate Intervention bei Verdacht auf Gewalt
und tatsächlich verübter Gewalt (insbesondere
Verweiswege und zum Teil in den Bundesländern
existierende Kooperationsvereinbarungen
für besonders Schutzbedürftige und für
Gewaltfälle müssen allen bekannt sein) sowie
Unterstützungsmöglichkeiten für gewaltbetroffene
und/oder ausgebeutete Personen und potenzielle
Täter_innen
ƒƒ Umgang mit Gewalt unter geflüchteten Kindern und
Jugendlichen sowie in Familien und Partnerschaften
ƒƒ Gestaltung bzw. Planung von kinderfreundlichen
Orten und Angeboten
ƒƒ Unterstützung und Einbindung von Eltern
ƒƒ Umgang mit Bewohner_innen, die sich radikalisieren
und eine Gefahr für andere Bewohner_innen
darstellen
ƒƒ die Rechte und die spezifische rechtliche Situation
von geflüchteten Menschen in Deutschland,
insbesondere von besonders schutzbedürftigen
Personengruppen
ƒƒ die Rechte von Opfern von Gewalttaten

6. Vgl. Sphere Handbuch: Humanitäre Charta und Mindeststandards in der humanitären Hilfe, 2011. Englischsprachige Neuauflage zum Download unter:
http://www.sphereproject.org/.
7. Physische Gewalt, psychische Gewalt, sexualisierte Gewalt und Vernachlässigung; siehe Glossar.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

15

ƒƒ das Hilfs- und Unterstützungssystem in
Deutschland generell und im Speziellen für
geflüchtete Menschen, insbesondere für besonders
schutzbedürftige Personengruppen
ƒƒ disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen für
Gewalttäter_innen
Gegebenenfalls sollte auch Wissen über
bundeslandspezifische Standards zum Schutz von
geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften in
der Einrichtung vermittelt werden.
Ziel der Schulungen ist es, die Handlungskompetenz
der Mitarbeiter_innen, Ehrenamtlichen und
Dienstleister_innen entsprechend ihrer jeweiligen
Verantwortung in der Prävention von und direkter
Intervention bei Gewalt zu stärken. Sie müssen mit den
lokalen Regelstrukturen und Ansprechpartner_innen
sowie den vorgegebenen Ablauf- und Notfallplänen der
Einrichtung vertraut sein.
Das Personal im Bereich der medizinischen
Versorgung in der Einrichtung bedarf zusätzlich einer
besonderen Sensibilisierung. Diese muss auf die
spezifischen Bedürfnisse und Problemlagen von
besonders schutzbedürftigen Personengruppen
ausgerichtet sein. Religiöse und kulturelle Aspekte
sowie Gewaltproblematiken sind ebenfalls zu
berücksichtigen. Auf diese Weise lässt sich
einschätzen, ob zusätzliche Betreuung oder eine
weitergehende Behandlung notwendig sind.

16

Spezifische medizinische, rechtliche und psychosoziale
Beratung und Betreuung für schwangere Frauen,
Menschen, die sexualisierte Gewalt, Folter und andere
schwere Menschenrechtsverletzungen erfahren
haben, Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen
durch Genitalverstümmelung, im Falle des
Menschenhandels, sowie chronisch Erkrankte und
trans* sowie inter* Personen müssen leicht zugänglich
sein. Das eingesetzte medizinische Personal sollte
in diesen Bereichen und in der Erkennung von
körperlichen Misshandlungen bzw. der Identifizierung
von physischen, seelischen oder geistigen
Beeinträchtigungen oder Bedarfen bei Kindern
geschult sein.

Wohlbefinden des Personals
Die Leitung trägt die Verantwortung, ein
nichtdiskriminierendes und inklusives Arbeitsumfeld, in
dem Vielfalt begrüßt wird, zu gestalten. Sie hat proaktiv
einer möglichen Überlastung oder eines drohenden
Erschöpfungszustands der Mitarbeiter_innen
entgegenzuwirken (beispielsweise durch regelmäßige,
externe Supervisions- und Peer-Mentoring-Angebote,
vor allem nach belastenden Situationen). Die Häufigkeit
der Supervision ist abhängig von der Frequenz der
Mitarbeit des Einzelnen und dessen Arbeitssituation.
Die Teilnahme an Supervision sollte für alle
Mitarbeiter_innen verbindlich sein. Zudem bezieht die
Leitung das Sicherheitsempfinden der Mitarbeiter_
innen in die Entwicklung und Umsetzung des
Schutzkonzepts mit ein.

Mindeststandard 3

Interne Strukturen und
externe Kooperation
Strukturelle Maßnahmen
Hausordnung

Eine Hausordnung, in der klare Grundregeln für
ein friedliches Zusammenleben und das Vorgehen
gegen Gewalttäter_innen festgelegt sind, wird in die
jeweiligen Sprachen der Bewohner_innen übersetzt,
ist leicht verständlich aufbereitet und zusätzlich
in kinderfreundlichen Versionen und in einfacher
Sprache oder mit Piktogrammen verfügbar. Sie wird
an einem zentralen Ort aufgehängt und zusätzlich
mündlich vermittelt. Sie gilt für ALLE Personen in der
Einrichtung und wird Bewohner_innen, internen und
externen Mitarbeiter_innen sowie ehrenamtlich Tätigen
vorgestellt und, ergänzt durch eine vorformulierte
schriftliche Erklärung (ggf. von Dolmetscher_
innen übersetzt), zur Unterschrift vorgelegt. Die
Unterzeichner_innen bekennen sich darin zur
Ablehnung jeder Form von Gewalt und Diskriminierung
und zur aktiven Förderung eines wertschätzenden
Umgangs. Mögliche Sanktionen als Konsequenzen
aus einem Verstoß gegen die Hausordnung, wie z. B.
Abmahnungen oder Hausverbote, werden klar benannt.

Einrichtungsinterne, feste
Ansprechpersonen
Betroffene von Gewalt brauchen speziell geschulte
weibliche und männliche Ansprechpersonen, die
sie beraten und begleiten. Es muss durch die
Betreiber der Unterkunft sichergestellt sein, dass
den Betroffenen jederzeit eine feste Ansprechperson
sowie unabhängige, qualifizierte Dolmetscher_innen
und Kultur- und Sprachmittler_innen zur Verfügung
stehen. Die jeweiligen Ansprechpersonen sind
allen Bewohner_innen bekannt. Sie sind geschult
und verfügen über Erfahrung in der angemessenen
Erkennung, sorgsamen und zügigen Analyse
sowie der Weitervermittlung von Betroffenen (oder
der Weiterleitung von Informationen nach einer
Schweigepflichtsentbindung) an zuständige Personen

oder Stellen, die angemessene und gegebenenfalls
spezialisierte Unterstützung bei Verdacht und
Hinweisen auf Gewalt und/oder Ausbeutung sowie
konkrete Gewaltvorfälle leisten können. Sie sind
des Weiteren in der Lage, auf die Bedürfnisse von
besonders schutzbedürftigen Personengruppen
eingehen zu können. Um ihre Handlungskompetenzen
weiter zu stärken, nehmen die Ansprechpersonen
regelmäßig an internen und/oder externen
Fortbildungen teil und erhalten kollegiale Beratung
sowie Supervision.
Jede_r Mitarbeiter_in und Ehrenamtliche ist über die
Ansprechpersonen für von Gewalt Betroffene informiert
und kann gegebenenfalls an diese verweisen.
Gleichzeitig sollten die festen Ansprechpersonen auch
für andere Beratungsbereiche zuständig sein, da es
für Betroffene stigmatisierend sein könnte, auf diese
Personen zuzugehen.

Interne Beschwerdestelle
Angesichts der vielfältigen Problemlagen, mit denen
geflüchtete Menschen in Flüchtlingsunterkünften
im Alltag konfrontiert sind, müssen Einrichtungen
geeignete niedrigschwellige und barrierefreie
Beschwerdeverfahren gemeinsam mit den
Bewohner_innen entwickeln, testen und etablieren.
Zur Errichtung einer internen Beschwerdestelle
sind die Bewohner_innen, einschließlich Kinder und
Jugendliche, mit einzubeziehen, damit Wege und
Möglichkeiten des Beschwerdeverfahrens gefunden
werden, die durch alle Bewohner_innen genutzt
werden können (beispielsweise zusätzlich zu einer
Beschwerdestelle auch Boxen oder Kästen, die in
den Räumen angebracht sind). Die Mechanismen und
Verfahren müssen niedrigschwellig, transparent und
allen verständlich sein und den Bewohnern_innen
die Sicherheit geben, dass sich ihre Beschwerden
nicht nachteilig auf ihre persönliche Situation und

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

17

Bleibeperspektive auswirken. Eine Rückmeldung an
Bewohner_innen über den Fortgang des Verfahrens
bzw. den hausinternen Umgang mit ihrer Beschwerde
(soweit nicht anonym) ist sicherzustellen.
Beschwerden werden unter Achtung des Prinzips
der Vertraulichkeit systematisch dokumentiert,
ausgewertet und im Monitoringsystem der Einrichtung
(siehe Mindeststandard 6) erfasst, da sie essenzielle
Daten für das Monitoring und die Evaluierung des
Schutzkonzepts liefern.

Externe, betreiberunabhängige
Beschwerde- und Beratungsstelle
Alle Bewohner_innen sowie Mitarbeiter_innen
müssen unabhängig von der Art der Unterkunft (in
öffentlicher, freier oder privater Trägerschaft) Zugang
zu einer externen, betreiberunabhängigen, neutralen
Beschwerde- und Beratungsstelle haben. Hiermit ist
keine von der Aufsichtsbehörde betriebene externe
Beschwerdestelle gemeint, sondern eine externe
Beschwerdestelle, die sowohl von Betreibern und
Trägerorganisationen als auch von Aufsichtsbehörden
fachlich unabhängig ist. Die betreiberunabhängige
Beschwerdestelle kann zu regelmäßigen Zeiten
von den Bewohner_innen und Mitarbeiter_innen
aufgesucht werden und verfügt über die Möglichkeit
der Beschwerde per Telefon, Brief oder Email.
Beschwerden müssen anonym und in eigener Sprache
geäußert werden können. Auch muss es Möglichkeiten
für Analphabet_innen geben, Beschwerden zu äußern,
ebenso für Kinder und Jugendliche. Mitarbeiter_innen
der Stelle müssen freien und ungehinderten Zutritt
zu der Unterkunft haben. Die Zusammensetzung,
Besetzung und detaillierte Aufgabenstellung, das
Beschwerdemanagement sowie die Einbindung in
das externe und interne Netzwerk der Einrichtung
werden in einem offenen Dialog zwischen der
Trägerorganisation, den Bewohner_innen, Mitarbeiter_
innen, Flüchtlingsinitiativen, den zuständigen Behörden
(z. B. Sozialamt, Jugendamt), Schulen, Kitas und
lokalen Beratungsstellen besprochen und vereinbart.
Sie sind Bestandteil des Schutzkonzepts.

Inhaltliche Maßnahmen
Aktiv über Rechte und Hilfsangebote
informieren

Alle Bewohner_innen müssen über ihre Rechte als
Mensch und Geflüchtete_r, sowie über die Rechte
besonders schutzbedürftiger Personengruppen im
Allgemeinen und speziell in Fällen von Gewalt und/oder
Ausbeutungssituationen informiert werden. Es muss
ihnen mitgeteilt werden, an wen sie sich bei Fragen
oder im Notfall wenden können.
Besonders wichtig ist es, alle Bewohner_innen
über die Schweigepflicht und die rechtlichen
Grenzen für Mitarbeiter_innen aufzuklären. Dabei ist
darauf hinzuweisen, dass jede_r Bewohner_in die
einrichtungsinternen Ansprechpersonen kontaktieren
sowie die interne Beschwerdestelle und externe
Beschwerde- und Beratungsstellen aufsuchen
und ein persönliches, vertrauliches Gespräch mit
entsprechend geschultem Personal wahrnehmen kann.
Den Bewohner_innen müssen das bestehende Hilfeund Unterstützungssystem sowie dessen konkrete
Leistungs- und gegebenenfalls auch Sprachangebote,
Öffnungszeiten und Kontaktmöglichkeiten für von
Gewalt Betroffene erläutert werden. Auch müssen
sie in den spezialisierten Fachberatungsstellen vor
Ort über die Möglichkeit, Schutz in einem Frauenhaus
oder in anderen Schutzwohnungen finden zu können,
informiert werden.8 Darüber hinaus sollte auf das
bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
aufmerksam gemacht werden.9 Diese Informationen
sollten durch Hinweise auf externe Beratungs- und
Leistungsangebote des Unterstützungssystems im
Aufnahmegespräch, durch das Auslegen von Flyern
sowie regelmäßige Informationsveranstaltungen
(zum Beispiel durch das Jugendamt vor Ort und/oder
spezialisierte Fachberatungsstellen) zur Verfügung
gestellt werden. Die Berater_innen der spezialisierten
Hilfe von Unterstützungseinrichtungen oder sonstigen
Beratungsstellen haben freien Zugang zu der
Unterkunft. Dabei sind Maßnahmen zu treffen, die
es Betroffenen ermöglichen, Beratungen diskret in
Anspruch zu nehmen. Es ist notwendig, dass auch
potenzielle Täter_innen Beratungsangebote erhalten.

8. Jede Frau in Deutschland hat ein Recht auf Schutz vor Gewalt. Dieses Recht haben alle Frauen in jeder Phase des Asylverfahrens bzw. auch Frauen ohne
festen Aufenthaltstitel. Auch ist es unerheblich, ob die gewaltbetroffene Frau in einer Landesaufnahmestelle oder einer kommunalen Unterkunft wohnt.
Es besteht für von Gewalt betroffene geflüchtete Frauen die Möglichkeit einer Kostenübernahme für einen Aufenthalt in einem Frauenhaus nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz (während des laufenden Asylverfahrens) bzw. SGB II und SGB XII (nach Beendigung des Asylverfahrens). Darüber hinaus
wird die Finanzierung im Einzelfall durch das Frauenhaus bzw. der Schutzunterkunft und den zuständigen Leistungsträgern (in der Regel die Kommune)
geklärt. Um einen möglichst schnellen und unkomplizierten Einzug ins Frauenhaus zu ermöglichen, sollten alle Beteiligten (Mitarbeiter_innen in den
Unterkünften und Frauenhäusern sowie örtliche Behörden) über die Abläufe und Zuständigkeiten vor Ort informiert sein.
9. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (08000 – 116 016) bietet eine kostenlose, anonyme telefonische und online-Beratung für alle Nationalitäten, 24
Stunden an 365 Tagen im Jahr, für 18 Sprachen, in Leichter Sprache und Gebärdensprache an. Nähere Informationen können unter www.hilfetelefon.de
abgerufen werden.

18

Informationen verständlich machen sowie
Sprach- und Kommunikationsbarrieren
überwinden
Die Informationen über Rechte, Vertraulichkeit,
Beratungsangebote und weiterführende Hilfen
müssen leicht zugänglich, verständlich, altersgerecht
und geschlechtsspezifisch sowie barrierefrei in allen
erforderlichen Sprachen sowie in Leichter Sprache
und in Piktogrammen kommuniziert werden. An
die Bewohner_innen gerichtete geschlechts- und
genderspezifische Informationen sind an geschützten
Orten sichtbar zu machen.10
Nicht selten sind Kommunikationsprobleme
mitverantwortlich für Konflikte. Eine gute
Zusammenarbeit mit Dolmetscher_innendiensten ist
unerlässlich. Weibliche sowie männliche Dolmetscher_
innen müssen regelmäßig zu festen Zeiten,
beispielsweise in Form von offenen Sprechstunden,
die Einrichtungen aufsuchen, um Verständigung zu
ermöglichen. Es sollte dabei Dolmetscher_innen
(beispielsweise Gebärdensprachdolmetscher_
innen) und Sprachmittler_innen für alle besonders
schutzbedürftigen Personengruppen sowie für
Sprachminderheiten geben. Für die Zeiten, in
denen die Beschwerdestelle geöffnet hat, sind
grundsätzlich qualifizierte, unabhängige, weibliche
wie männliche Sprachmittler_innen anwesend, die
bei Bedarf einbezogen werden können. Im Falle
eines gewalttätigen Übergriffs müssen Dolmetscher_
innen, denen der_die Betroffene vertraut, kurzfristig
hinzugezogen werden können. Keinesfalls ist das
Sicherheitspersonal mit Sprachmittlung zu betrauen, da
es sich hier um eine fachfremde Aufgabe handelt.

Niedrigschwelliges Kurs- und
Beratungsangebot
Kurse und andere Veranstaltungsformate für
Bewohner_innen zu Themenkomplexen wie
beispielsweise Formen von Gewalt und Ausbeutung,
Beratung bei Gewaltproblemen und Folgen von Gewalt,
Rechtsinformationen, Frauenrechte, Gleichstellung
von Frau und Mann, Gesundheit und Zugang zum
Gesundheitssystem, spezialisierte, psychosoziale
Versorgung, Frauengesundheit, gewaltfreie

Erziehung, präventive Elternarbeit, deutsche Kultur
und die Kulturen anderer Bewohner_innengruppen,
das deutsche Regel-, Hilfe-, und Sozialsystem,
Kinderrechte, die Arbeit und Leistungen des
Jugendamtes, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, die
Rechte von Menschen mit Behinderungen o. Ä. finden
regelmäßig statt und sind für alle Bewohner_innen
zugänglich oder es werden entsprechende externe
Angebote vermittelt.
Selbstverteidigungskurse und offene Beratungsstunden
werden genutzt, um über rechtlichen Schutz und
Unterstützungseinrichtungen zu informieren und dazu
beizutragen, dass alle Bewohner_innen sich ihrer
eigenen Rechte bewusst werden. Angebote dieser Art
können dazu beitragen, dass auch potenzielle Täter_
innen Mut fassen, über erlebte Gewalt zu sprechen
und Hilfe zu suchen. Die Einrichtung muss daher
entsprechende Kurse (für Kinder und Erwachsene) mit
geschultem Fachpersonal anbieten und sicherstellen,
dass Sprach- und Kommunikationsbarrieren
einer Teilnahme nicht im Wege stehen oder
entsprechende externe Angebote vermitteln. Um
Vertrauen aufzubauen, wird in den Kursen für eine
geschützte Atmosphäre und genügend Zeit gesorgt.
Beispielsweise haben sich Sprachkurse nur für Frauen
als sehr wichtig erwiesen, da solche Kurse oft der
erste oder einzige Ort sind, an dem Frauen den Mut
fassen, sich frei zu äußern. Insbesondere Müttern ist
die Teilnahme an Kurs- und Beratungsangeboten oft
aufgrund fehlender Kinderbetreuung nicht möglich.
Eine Kinderbetreuung sollte daher gestellt werden.
Angebote der frühkindlichen Bildung (Kita,
Kindertagespflege) und das Schulsystem sollten
Eltern in Informationsgesprächen erläutert und deren
Inanspruchnahme durch das Personal der Einrichtung
unterstützt werden. Gleiches gilt für spezifische und
integrative Angebote für Jugendliche.

10. So sollten Informationen zu Hilfetelefonen, Flyer, Broschüren und Adressen von Frauen-Beratungsstellen zum Beispiel in der Frauentoilette aufgehängt
werden und entsprechende Informationen für Kinder in den Kinderbetreuungsräumen oder an anderen für Kinder geschaffenen Orten zugänglich sein.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

19

Externe Kooperation

Kooperationspartner_innen einbinden
Um individuelle und bedarfsgerechte Hilfen einzuleiten
und sicherzustellen, müssen Betroffene bei der
Suche nach und Kontaktaufnahme zu fachkundigen
Ansprechpartner_innen und Stellen unterstützt
werden. Die Einrichtung muss – basierend auf einer
Analyse der Ressourcen der örtlichen Kommune – über
eine Adressdatenbank und Adresslisten geeigneter
Kontaktpersonen, Beratungsstellen und Institutionen
vor Ort verfügen, die für eine weiterführende
Unterstützung zur Verfügung stehen. Dazu zählen
z. B. Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen,
Frauennotrufe, spezialisierte Fachberatungsstellen (wie
beispielsweise für Betroffene von Menschenhandel),
Geflüchteten(selbst)organisationen, Migrant_
innen(selbst)organisationen, (Selbst-)Organisationen
von Menschen mit Behinderungen, LSBTI*Organisationen, Flüchtlingsberatungsstellen,
Schutz- und Kriminalpolizei, Einrichtungen der Täter_
innenarbeit, Justiz, Rechtsberatung, Behindertenhilfe,
Jugendamt, Jugendhilfeeinrichtungen,
Gesundheitswesen (auch HIV/Aids sowie
Beratungsstellen bei Suchterkrankten), psychosoziale
bzw. psychotherapeutische Beratungsstellen, insoweit
erfahrene Fachkräfte (Kinderschutzkräfte), Religionsund Glaubensgemeinschaften/-gemeinden (z. B.
Moscheegemeinden), Sprach- und Kulturmittler_innen
etc. Bei Bedarf begleiten entsprechend qualifizierte
Mitarbeiter_innen Betroffene zu Terminen und beraten
sie bei der Wahl der Unterstützungsangebote.

Kooperation mit Schule und Kita
Wesentlich ist auch die Kooperation mit
Kindertagesstätten und der Kindertagespflege sowie
Schulen (unter anderem Erzieher_innen, Lehrer_innen,
Sozialarbeiter_innen), um eine rasche Einschulung
und gute Integration in die frühkindliche Betreuung
bzw. den Schulalltag zu ermöglichen. In diesem
Rahmen kann gegebenenfalls festgestellt werden,
ob es besondere Hilfe- oder Unterstützungsbedarfe
gibt, die von Seiten der Sozialarbeiter_innen in der
Unterkunft beantragt werden könnten. Zudem sind
Kita-Erzieher_innen, Lehrer_innen und Sozialarbeiter_
innen wichtige Ansprechpartner_innen bei Verdacht auf
Kindeswohlgefährdung.

Proaktive Nachbarschafts- und
Öffentlichkeitsarbeit
Die frühzeitige Einbindung der Bevölkerung in den
Prozess der Unterbringung und späteren Integration ist
eine wichtige Voraussetzung dafür, etwaige Ängste und
Unsicherheiten auf beiden Seiten offen aufzugreifen
und so Spannungen zu vermeiden. Insofern ist eine
proaktive Nachbarschafts- und Öffentlichkeitsarbeit
seitens der Einrichtungsleitung wesentlich.

Die Adressdatenbank wird konsequent gepflegt und
die Einrichtung gestaltet aktiv die Zusammenarbeit mit
den örtlichen Kooperationspartner_innen. Dies dient
sowohl der wechselseitigen Information als auch der
Vorbereitung „kurzer Wege“ und persönlicher Kontakte,
um im Konflikt-, Verdachts- oder Gewaltfall passgenaue
Unterstützung zu erhalten oder Hilfsangebote
schnell an Betroffene vermitteln zu können. Als Teil
der Vernetzungsarbeit müssen ein standardisiertes
Verfahren und Ansprechpartner_innen des für den
Kinderschutz vor Ort zuständigen Jugendamtes
festgelegt werden. Zudem sollte es aktive,
regelmäßige Vernetzungstreffen mit Hilfsstrukturen vor
Ort geben.11

11. So könnte es eine örtliche Anti-Gewalt-Arbeitsgruppe geben, die zum Beispiel aus den folgenden Akteuren besteht: Frauenberatungsstellen,
Frauennotrufe, Frauenhäuser, Täter_innenarbeit, verantwortliche Person für häusliche Gewalt bei der Polizei, zuständige Person für Umverteilung bei der
Ausländerbehörde etc.

20

Mindeststandard 4

Prävention und Umgang mit Gewaltund Gefährdungssituationen/
Risikomanagement
Prävention
Wie bereits in Mindeststandard 1 (Einrichtungsinternes
Schutzkonzept) erwähnt, gilt es, basierend auf
einer partizipativen Risikoanalyse, unter anderem
durch präventive Maßnahmen den Schutz von allen
Bewohner_innen innerhalb der Einrichtung in allen
Bereichen zu gewährleisten. Zu diesen präventiven
Maßnahmen zählen u. a. die Sensibilisierung und
Weiterbildung der Mitarbeiter_innen, beispielsweise
zur Achtung von Vielfalt sowie zur psychosozialen
Unterstützung von Bewohner_innen (Mindeststandard
2), der Zugang von allen Bewohner_innen zu festen
Ansprechpersonen für Betroffene von Gewalt, und
zu internen/externen Beschwerdestellen und deren
Teilnahme an relevanten, niedrigschwelligen Kursund Beratungsangeboten. Darüber hinaus besteht
eine wesentliche präventive Maßnahme darin,
Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre innerhalb der
Unterkunft zu garantieren, aber auch interne Angebote
wie beispielsweise Elternarbeit oder kinderfreundliche
Orte und Angebote bereitzustellen (diese werden in
Mindeststandard 5 erläutert).

Standardisierte Verfahrensweise bei
Verdacht auf Gewalt
Grundsätzlich gilt es, potenziell von Gewalt Betroffene
angemessen zu schützen und ihnen die bestmögliche
Hilfe zu gewähren. Dies sollte basierend auf dem
Grundsatz der Nichtdiskriminierung geschehen, da
dieser eine zentrale Voraussetzung für Gewaltfreiheit
und somit auch Gewaltprävention darstellt.
Jeder Verdacht auf Gewalt und jeder Gewaltvorfall ist
ernst zu nehmen und zu verfolgen. Dazu sind jeweils
besondere einrichtungsspezifische Verfahrensweisen
für den Umgang mit und die Analyse von Verdacht und
Hinweisen auf Gewalt durch Mitarbeiter_innen (intern
und extern) durch Bewohner_innen und durch Dritte
von außerhalb zu entwickeln.

Standardisierte Verfahrensweise bei
Gewaltvorfällen
Hat in der Einrichtung eine Gewalttat stattgefunden,
müssen betroffene Personen sofort den notwendigen
Schutz und die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Dabei
sind die gesundheitliche Versorgung der Betroffenen,
die psychosoziale Stabilisierung sowie der Schutz
und die Wahrung ihrer Rechte zu gewährleisten,
beispielsweise durch die räumliche Trennung von dem_
der mutmaßlichen Täter_in. Hierbei müssen Lösungen
in Absprache mit Betroffenen gefunden, die Sicherheit
wirksam hergestellt und die Interessen und Wünsche
der von Gewalt betroffenen Personen, z. B. hinsichtlich
ihres Verbleibens in der Einrichtung, berücksichtigt
werden (siehe auch ‚Gefährdungslage nach Gewalt
einschätzen‘).
Die Leitung der Einrichtung und alle Mitarbeiter_innen
müssen die standardisierten Verfahren, einzuleitenden
Schritte und konkreten Ansprechpartner_innen kennen.
Bewohner_innen müssen über die schriftlich fixierten
internen Ablauf- und Notfallpläne informiert werden.
Diese sollten mit Piktogrammen verfügbar sein und
auch mündlich vermittelt werden.
Neben den einrichtungsspezifischen Verfahren und
Abläufen sollte mit dem zuständigen Jugendamt
eine Vereinbarung zur Kooperation im Kinderschutz
zwischen Jugendamt und Unterkunft gemäß § 8a
Abs. 4 SGB VIII entwickelt werden. Dies kann im
Rahmen der Einbindung von Kooperationspartner_
innen (Mindeststandard 3) geschehen und muss
unter anderem die verbindliche und schnelle
Erreichbarkeit bei notwendiger Krisenintervention
(feste Ansprechpersonen, Telefonnummern etc.)
sowie die Organisation eines rasch verfügbaren
Hilfenetzes (pädagogische und psychosoziale
Krisenberatung, medizinische und kinder-/
jugendpsychiatrische Versorgung etc.) berücksichtigen.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

21

Die regelmäßige Teilnahme einer benannten
Kinderschutzfachkraft an bezirklichen bzw. regionalen
Netzwerktreffen zum Kinderschutz ist durch die
Einrichtungsleitung sicherzustellen. Auch im Bereich
des Frauenschutzes sollten Kooperationen mit
Frauenhäusern, Frauenberatungsstellen, spezialisierten
Fachberatungsstellen, der Polizei und der Verwaltung
initiiert werden, um in Fällen von Gewalt und/oder
Ausbeutung schnelle und möglichst unbürokratische
Hilfe leisten zu können.
Es muss beachtet werden, dass alle Maßnahmen
im Sinne des Kindeswohls sind und in Absprache
mit allen volljährigen Betroffenen geschehen, d.h.,
dass sie mit eingebunden und gegebenenfalls auch
über verschiedene Möglichkeiten informiert werden.
Bei Minderjährigen müssen die Maßnahmen unter
Beachtung der Kinderrechte, insbesondere unter
Beteiligung der Kinder (Recht auf Mitsprache und
Beteiligung) und Einbeziehung der Eltern stattfinden.
Folgende im Einzelnen auszuformulierende Eckpunkte
sind als zentrale Bestandteile eines individuellen
Ablauf- und Notfallplans einzuhalten und bekannt
zu machen. Hierbei sind die Bedürfnisse von
besonders schutzbedürftigen Personengruppen zu
berücksichtigen:
ƒƒ Gefährdungseinschätzung im Zusammenwirken
mehrerer Mitarbeiter_innen vornehmen
ƒƒ Unmittelbarer Schutz vor weiterer Gewalt und
Hilfestellung für die betroffene Person, etwa durch
räumliche Trennung von dem_der Täter_in
ƒƒ Hinzuziehen von unabhängigen Dolmetscher_innen
ƒƒ Medizinische Versorgung (hierbei besteht auch die
Möglichkeit, sich die Verletzungen ärztlich attestieren
zu lassen)
ƒƒ Informieren einer besonders geschulten
Ansprechperson aus der Einrichtung und, im Falle
von Minderjährigen, der Erziehungsberechtigten
ƒƒ Beratung der von Gewalt betroffenen Person in
einer ungestörten, vertraulichen Atmosphäre (ohne
Anwesenheit der gefährdenden/gewaltausübenden
Person(en) oder, im Falle von Eltern, ohne
Anwesenheit von Kindern); die_der Berater_in
sollte je nach Wunsch der betroffenen Person
weiblich oder männlich sein, des Weiteren sollte die
betroffene Person je nach Wunsch Zugang zu einer_
einem Dolmetscher_in haben
ƒƒ Information und Aufklärung über die Möglichkeiten
und die Folgen der Anzeigenerstattung bei der
Polizei zum Zwecke der Strafverfolgung und
Gefahrenabwehr (z. B. Wegweisung)
22

ƒƒ Gewalt an Kindern: Verfahren gemäß der
Kooperationsvereinbarung mit dem Jugendamt nach
§ 8a Abs. 4 SGB VIII: Gefährdungseinschätzung
unter Hinzuziehung der Eltern und des Kindes, falls
dadurch der Schutz nicht gefährdet ist. Beratung
durch eine insoweit erfahrene Fachkraft (oder
Kinderschutzfachkraft) nach §§ 8a Abs. 4 oder 8b
Abs. 1 SGB VIII oder § 4 Gesetz zur Kooperation
und Information im Kinderschutz (KKG). Hinwirken
auf die Inanspruchnahme von Hilfen. Nur wenn
die Gefährdung nicht abgestellt werden kann
Informierung des Jugendamtes, wobei der
Kinderschutz in gemeinsamer Verantwortung der
Einrichtung und des Jugendamtes bleibt.
ƒƒ Schwere Gewalt an Erwachsenen: Droht eine akute
und hochgradige Gefahr für Leib, Leben und Freiheit
für die Person und/oder ihre Kinder oder stehen
besonders schwere Straftaten bevor, muss die
Einrichtung auch ohne Zustimmung der betroffenen
Person die Polizei rufen. Darüber ist die betroffene
Person zu informieren.
ƒƒ Konsultation von Ärzt_innen, Rechtsanwält_innen,
Fachberater_innen, Psycholog_innen/psychosozialen
Berater_innen etc.
ƒƒ Hinweise auf regionale Besonderheiten im
Gewaltschutz, falls gegeben, wie z. B. Hinweise
auf eine freiwillige vertrauliche Spurensicherung im
örtlichen Krankenhaus ohne Anzeige bei der
Polizei etc.
ƒƒ Interne systematische Dokumentation der einzelnen
Gewaltvorfälle, unabhängig von einer polizeilichen
Strafanzeige. Dies umfasst die schriftliche Fixierung
der Gewaltsituation und der Aussagen aller
Beteiligten. Darüber hinaus die Dokumentation
der Folgemaßnahmen und ihrer Wirkung sowie
eine regelmäßige Auswertung und Reflektion
aller Gewaltvorfälle innerhalb der Einrichtung im
Rahmen des Monitorings und der Evaluierung des
Schutzkonzepts (siehe Mindeststandard 6).
ƒƒ Psychosoziale Beratungsangebote für Betroffene:
Wenn beispielsweise die gewaltbetroffene Person
in der Einrichtung verbleibt, bietet das Fachpersonal
Gesprächsmöglichkeiten, Beratungsangebote und,
wenn verfügbar, psychologische Betreuung an.
ƒƒ Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen aber
auch bei anderen Personen, die innerhalb der
Flüchtlingsunterkunft Zeug_innen von Gewalt
wurden, ist eine ausreichende und angemessene
Unterstützung durch traumapädagogisch,
-therapeutisch qualifizierte Fachkräfte bereitzustellen
und eine insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen,
um eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu prüfen.

ƒƒ Potenziellen Täter_innen sind Hilfs-/
Beratungsangebote zu eröffnen, um weitere
Gewalttaten zu vermeiden.
Listen sämtlicher relevanter Ansprechpersonen,
Institutionen und Unterstützungsangebote liegen in
systematischer, leicht einsehbarer und regelmäßig
aktualisierter Form vor.

Gefährdungslage nach Gewalt einschätzen
Fachkräfte der Unterkunft, die unter die
Personengruppen nach § 4 KKG fallen („§ 4
Beratung und Übermittlung von Informationen durch
Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung“), haben
gemäß Abs. 2 gegenüber dem örtlichen Träger der
Jugendhilfe Anspruch auf Beratung durch eine insoweit
erfahrene Fachkraft. Des Weiteren haben alle Personen,
die beruflich im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen
sind, einen Anspruch auf Beratung durch eine insoweit
erfahrene Fachkraft nach § 8b Abs. 1 SGB VIII. Sie
sollten demzufolge bei Kindern und Jugendlichen
eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend zur
Gefährdungseinschätzung hinzuziehen.
Bei allen anderen Fällen muss die Leitung der
Einrichtung in Absprache mit den Betroffenen selbst
und gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit der
Polizei eine Einschätzung vornehmen, ob weiterhin
Gefahr für die betroffene(n) Person(en) besteht, ob
weitere Bewohner_innen gefährdet und welche
weitergehenden Maßnahmen zu treffen sind.
Handelt es sich bei dem_der Gewaltausübenden um
eine_n Bewohner_in, muss diese_r grundsätzlich und
im Rahmen des geltenden Rechts die Einrichtung
verlassen oder ist mindestens in einem anderen
Trakt unterzubringen. Im Falle eines Verweises aus
der Unterkunft muss die Einrichtungsleitung die
Möglichkeiten einer Anschlussunterbringung klären
und für die notwendige Informationsweitergabe
(nach Datenschutzrichtlinien) sorgen.12 Sollte die
gewaltbetroffene Person es vorziehen, selbst die
Unterkunft zu verlassen, dann muss diese Person in
eine andere geschützte Unterkunft gebracht werden
(beispielsweise ein Frauenhaus bei Frauen).

Die Aussagen der Betroffenen können eine wichtige
Informationsbasis über Art, Schwere und Ausmaß der
Gewalt sowie aktuelle Gefahren liefern. Zur Beurteilung
der Gefährdung und Identifizierung von Risikofaktoren
kann es hilfreich sein, eine Checkliste mit relevanten
Risikofaktoren zugrunde zu legen. In Fällen von Gewalt
in nahen sozialen Beziehungen müssen dem_der
betroffenen (Ehe-) Partner_in Möglichkeiten zum
Schutz nach dem Gewaltschutzgesetz (Wegweisung,
Schutzanordnung, Überlassung der gemeinsamen
Wohneinheit nach Gewaltschutzgesetz), aber auch
durch polizeiliche Maßnahmen in zugehender Beratung
erläutert werden. Ist ein Verbleib der gewaltbetroffenen
Personen in der Einrichtung aus Sicherheitsgründen
nicht vertretbar, müssen diese nach Absprache mit
den gewaltbetroffenen Personen in ein Frauenhaus
oder eine andere geschützte Unterkunft gebracht
werden.13 Um weitere Gewalt zu verhindern, ist der_die
Gewaltausübende über Hilfsangebote zur Beratung bei
Gewaltproblemen zu informieren.
Handelt es sich bei dem_der Gewaltausübenden
mutmaßlich um eine_n Mitarbeiter_in, dann sind je
nach Verdachtslage unterschiedliche arbeitsrechtliche
Maßnahmen durchzuführen. Kommen arbeitsrechtliche
Schritte in Betracht, sollte juristischer Rat durch
eine Anwältin oder einen Anwalt eingeholt werden.
Kommt der_die Täter_in von außerhalb, muss dafür
Sorge getragen werden, dass er_sie die Einrichtung
nicht mehr betreten darf. Es sollte in allen Fällen
ein Näherungsverbot beantragt, ein Hausverbot
ausgesprochen und dies erforderlichenfalls polizeilich
durchgesetzt werden.

Hinzuziehung der Polizei
Wenn sich das Risiko neuerlicher oder schwerer
Gewalt nicht einschätzen lässt und weiterhin
akute und unmittelbar bevorstehende Gefahren
für Leib, Leben oder Freiheit einer Person drohen,
ist die Polizei einzubeziehen, um die Sicherheit
und den Schutz der Betroffenen zu erhöhen und
die Gefahren weiterer Gewalttaten zu verringern
bzw. zu verhindern. Die Polizei kann eine fundierte,
systematische Risikoeinschätzung vornehmen
und weitere Sicherheitsmaßnahmen veranlassen.

12. Hierbei müssen gegebenenfalls die notwendigen Schritte unternommen werden, um die Residenzpflicht oder die Wohnsitzauflage zu ändern. Die
Heimleitung muss bei einem Hausverbot sicherstellen, dass der_die Täter_in nicht obdachlos wird. Die Leitung muss Alternativen für eine kurzfristige
Unterkunft aufzeigen und darauf hinweisen, sich sofort an die zuständige Ausländerbehörde zu wenden.
13. Gegebenenfalls müssen die für eine Änderung der Wohnsitzauflage notwendigen Schritte unternommen werden. Zudem muss die Frage der
Kostenübernahme für den Frauenhausaufenthalt geklärt werden.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

23

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Polizei
wegen des Legalitätsprinzips von Amts wegen ein
Ermittlungsverfahren unabhängig vom Willen der
Betroffenen einleiten wird, sobald sie Kenntnis von
Straftaten erlangt. Daher sollten im Rahmen des
Schutzkonzepts vorab durch Beratungen mit der Polizei
gemeinsame Handlungsabläufe erarbeitet werden.
Im Falle von Gewalt an Kindern ist vorrangig das
Jugendamt einzubeziehen.

Rechte der Opfer geltend machen
Für Betroffene von Gewalt ist die Durchsetzung ihrer
Rechte oft sehr belastend. Nach einer Gewalttat
ist es daher besonders wichtig, die Betroffenen an
entsprechend geschulte Fachberater_innen und
spezialisierte Fachberatungsstellen zu vermitteln
(oder diese hinzuzuziehen). Das Fachpersonal
kann vor allen Dingen besonders schutzbedürftige
Personengruppen zu rechtlichem Schutz, Opferrechten,
aufenthalts- und alimentierungsrechtlichen
Fragestellungen, gegebenenfalls zu Strafverfahren, zu
Entschädigungsansprüchen, insbesondere Ansprüchen
aus dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) sowie

24

polizeilichen Wegweisungsverfahren und Maßnahmen
nach dem Gewaltschutzgesetz (GewSchG) beraten
und begleiten. Ehepartner_innen werden umfassend
darüber informiert, welche Konsequenzen eine
etwaige Trennung von der_dem Partner_in hat und
welche Möglichkeiten bestehen, einen eigenen
Asylantrag oder ggf. weitere aufenthaltsrechtliche
Titel zu beantragen, sollte der Asylstatus vom Bestand
der Ehe abhängig sein. Auch werden insbesondere
Frauen proaktiv bei ihrer Ankunft in der Unterkunft
über die Möglichkeit des geschlechtsspezifischen
Asyls nach §3a Abs. 2 Nr. 6 des Asylgesetzes (AsylG)
informiert, sollten sie geschlechtsspezifische Gewalt
im Herkunftsland oder auf der Flucht erfahren haben
oder ihnen geschlechtsspezifische Gewalt drohen
wie Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung
und Kinderehen, Ehrenmord sowie Mädchen- und
Frauenhandel. Unabhängig von der Einleitung eines
Strafverfahrens sollen den potenziellen Täter_innen
Beratungs- und Hilfsangebote zur Bewältigung von
Gewaltproblemen nahegelegt werden, um weiteren
möglichen Taten entgegenzuwirken.

Mindeststandard 5

Menschenwürdige,
schützende und fördernde
Rahmenbedingungen
Menschenwürdige Rahmenbedingungen spielen
eine wichtige Rolle beim Schutz von geflüchteten
Menschen, die in Flüchtlingsunterkünften leben,
da durch die Lebenssituation und Unterbringung
Gewaltsituationen befördert werden können.

Bauliche Schutzmaßnahmen
Mindeststandards für bauliche Schutzmaßnahmen
in Flüchtlingsunterkünften sind für die Sicherheit
von allen Bewohner_innen, vor allem von besonders
schutzbedürftigen Personengruppen, unverzichtbar.
Sie müssen durch vertragliche Vorgaben und
Kontrollen garantiert werden. Diese Mindeststandards
reichen von der Gestaltung des Wohnumfeldes
(z. B. Beleuchtung, Wegeführung, Umfriedung) über
Gebäudeeingangstüren, abschließbare und sichere
Wohneinheiten (zum Beispiel Türen, Fenster),
Hausalarm mit Notknöpfen und beleuchteten Fluren bis
hin zum Bau geschlechtergetrennter, abschließbarer,
gut beleuchteter (auch in der Wegeführung dorthin)
Toiletten und Duschen, die sich innerhalb der
Unterkunft befinden sollten.

Durchsetzung von Hygienestandards
Existierende Hygienestandards müssen als Teil
des einrichtungsinternen Schutzkonzepts effektiv
durchgesetzt werden. Um dies zu gewährleisten, muss
die Leitung unter anderem einen Hygieneplan erstellen
und diesen überwachen und umsetzen.

Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre
garantieren
Beengte räumliche Verhältnisse können gewalttätige
Übergriffe befördern oder begünstigen. Ein Ziel
muss es daher sein, den Menschen eine möglichst
eigenständige und selbstbestimmte Lebensführung
zu ermöglichen und ihnen ein ausreichendes Maß
an Privatsphäre zur Verfügung zu stellen. Bei der
Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften

müssen abgeschlossene, abschließbare und
barrierefreie Wohneinheiten existieren. Bei der
Belegung sind familiäre Bedürfnisse genauso zu
berücksichtigen wie andere relevante Faktoren
(z. B. Geschlecht, herkunftsbedingte, kulturelle
oder religiöse Hintergründe, Gesundheitszustand
und Behinderungen). Sollten sanitäre Anlagen
gemeinschaftlich genutzt werden müssen, sind diese
streng nach Geschlechtern zu trennen. Sie müssen
abschließbar, gut beleuchtet und barrierefrei sein.
Es müssen Duschvorhänge angebracht oder andere
Maßnahmen für einen Sichtschutz ergriffen werden,
um die Intimsphäre wahren zu können. Auch sollten
geschlechtersensible und zielgruppenbezogene
grundlegende Hilfsgüter, sogenannte „non-food
items“, verfügbar gemacht werden, wie beispielsweise
Damen-Hygienekits, Trillerpfeifen und Taschenlampen.
Grundsätzlich müssen alle Frauen, die dies wünschen,
in separaten Frauenbereichen einer Einrichtung
untergebracht werden. Diese sind von weiblichem
Sicherheitspersonal zu überwachen. Es müssen
von Männern getrennte, abgeschlossene und
abschließbare Räumlichkeiten für allein reisende
Frauen und ihre Kinder sowie auf Wunsch für andere
besonders schutzbedürftige Personengruppen
existieren. Personen, die in der Vergangenheit oder im
Herkunftsland Opfer von Gewalt, Vergewaltigungen
oder sexuellen Übergriffen geworden sind, sollen
den notwendigen Schutzraum erhalten. Um zu
gewährleisten, dass es nicht zu einer erneuten
Konfrontation mit der erlebten Gewalt kommt, muss
bei der Aufteilung der Wohnungen oder Wohneinheiten
vor allem auf eine räumliche Trennung zu potenziellen
Gefährder_innen geachtet werden. Kann dies aufgrund
der strukturellen Rahmenbedingungen der Einrichtung
nicht ermöglicht werden, müssen betroffene
Personen mit besonderen Bedürfnissen in diesem
Sinne in geeigneten Wohnungen oder Unterkünften

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

25

untergebracht werden. Familiäre Bindungen werden
bei der Unterbringung aller Bewohner_innen
berücksichtigt.

Kinderfreundliche Orte und Angebote
müssen fester Bestandteil der Einrichtung
sein
Kinderfreundliche Orte und Angebote richten sich
an alle Kinder in der Flüchtlingsunterkunft (alle
Altersgruppen – in der Regel bis 18 Jahre alt).
Sie bieten ihnen einen sicheren und geschützten
Rückzugsort, in dem sie Stabilität und Halt erfahren,
sowie ein anregendes und förderndes Umfeld, in dem
sie spielen und lernen können. Kinderfreundliche Orte
und Angebote sollen das psychosoziale Wohlbefinden
stärken und dabei helfen, das Erlebte besser zu
verarbeiten und die innere Widerstandsfähigkeit zu
fördern. Kinderfreundliche Orte werden basierend
auf einer partizipativen Bedarfsanalyse entwickelt.
Diese richtet sich an die Unterkunftsleitung
und leitenden Mitarbeiter_innen der Unterkunft
sowie an die Bewohner_innen (insbesondere die
Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern). Die
Wohngemeinschaft ist auch in die Umsetzung
der Angebote eng eingebunden. Alle Angebote
sind barrierefrei zugänglich und alters-, kultur- und
geschlechtersensibel zu gestalten.
Das Konzept der kinderfreundlichen Orte impliziert
eine integrierte Raumplanung und -gestaltung
unter Einbeziehung von strukturierten Spiel- und
Lernangeboten, Erholung, Bildung und psychosozialer
Unterstützung für Kinder. Das Verhältnis von
Betreuungspersonal und Kindern sollte sich an dem
gesetzlich festgelegten KiTa-Betreuungsschlüssel
orientieren. Das eingesetzte Personal (einschließlich
Ehrenamtlicher) sollte über entsprechende (sozial-)
pädagogische Qualifikationen und Kenntnisse in den
Bereichen Kinderschutz, psychologische Ersthilfe
sowie kindliche Entwicklung verfügen. Der Einsatz von
Ehrenamtlichen sollte immer nur in Zusammenarbeit
mit Hauptamtlichen erfolgen.
Die Hauptverantwortung für die kinderfreundlichen
Orte und Angebote liegt bei qualifizierten
Fachkräften/Mitarbeiter_innen der Unterkunft. Es
muss innerhalb der Einrichtung mindestens eine_n
Hauptverantwortliche_n für die kinderfreundlichen Orte

geben. Unter anderem betreut diese_r Mitarbeiter_in
die in dem Bereich tätigen hauptamtlichen Mitarbeiter_
innen, Eltern und ehrenamtlich Tätigen. Diese Person
sorgt außerdem für die Instandhaltung der Einrichtung
und die Bereitstellung notwendiger Materialien. Um
sicherzustellen, dass die kinderfreundlichen Orte und
Angebote wie geplant und bedarfsgerecht umgesetzt
werden und zur Reduzierung von Gefährdungsrisiken
beitragen, müssen der Umsetzungsprozess und
schutzrelevante Daten regelmäßig erfasst werden.
Hierzu zählen beispielsweise Daten zur Registrierung,
Anwesenheit, durchgeführte Aktivitäten, Beschwerden
und Vorfälle, Verweisungen und Entwicklung der Kinder.
Diese Daten müssen in das Qualitätssicherungsund Monitoringsystem der Einrichtung
eingespielt, ausgewertet und in regelmäßigen
Treffen (z. B. Dienstbesprechungen, Mitarbeiter_
innenbesprechungen, Supervisionssitzungen, Treffen
von Beteiligungsstrukturen) diskutiert und anschließend
konkrete Handlungsbedarfe daraus abgeleitet werden.
Kinderfreundliche Orte ersetzen nicht die
Regelangebote für Kinder, Jugendliche und Familien,
sondern bieten wichtige Brückenangebote und
Übergangslösungen, solange Kinder, Jugendliche und
ihre Eltern relevante Regelangebote (insbesondere
KiTas und Schulen) aufgrund administrativer/rechtlicher
Sachverhalte (noch) nicht in Anspruch nehmen können.

Ausrichtung für Kinder
Im Allgemeinen werden Angebote für vier
Altersgruppen eingerichtet und dementsprechend
zu unterschiedlichen Nutzungszeiten bereitgestellt:
Säuglinge/Kleinkinder, Kinder im Vorschulalter (unter
sechs Jahre), Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren
und Jugendliche (13 bis 18 Jahre).14 Bei gewissen
Aktivitäten kann die Durchmischung der Altersgruppen
dann hilfreich sein, wenn ältere Kinder die
Betreuung und Förderung der Jüngeren unterstützen
(„Buddysystem“). Externe Angebote von Gemeinde,
Kommune und Zivilgesellschaft sollten genutzt werden,
um einrichtungsinterne Angebote zu ergänzen. Sie
fördern des Weiteren die Integration in die neue
Umgebung und Gesellschaft. Besonders Unterkünfte,
die aufgrund baulicher Einschränkungen keine
Möglichkeit haben, einen kinderfreundlichen Raum
einzurichten, müssen Kinder und ihre Eltern in der
Inanspruchnahme externer Angebote (auch Spielplätze,

14. Beispielhafte Angebote für die verschiedenen Altersgruppen sind Eltern-Baby-Gruppen, Spiel- und Lerngruppen, Sport, erholende/stabilisierende
Aktivitäten, strukturierte psychosoziale Aktivitäten, kulturelle und künstlerische Aktivitäten, Aktivitäten/Kurse zum Spracherwerb, zum Erwerb von
(Alltags-) Kompetenzen, Konfliktbewältigung und Friedenserziehung, Vorbereitung zur Einschulung, Hausaufgabenhilfe usw.

26

mobile Spiel- und Lernmöglichkeiten, Freiluftaktivitäten
etc.) unterstützen.
Kinderfreundliche Orte bieten u. a. die Möglichkeit,
besonders schutzbedürftige Kinder durch
Verdachtssymptome – geistige, emotionale oder
körperliche Charakteristika, Verhaltensauffälligkeiten
und Entwicklungsverzögerungen, die beispielsweise
auf ein Trauma, eine Krankheit oder auf Behinderungen
hinweisen – frühzeitig zu erkennen. Es wird an
Personen oder Stellen vermittelt, die angemessene
und/oder spezialisierte Unterstützung und
Hilfeleistungen bereitstellen können.

Ausrichtung für Eltern
Kinderfreundliche Orte bieten eine wichtige
Einstiegsmöglichkeit zur Zusammenarbeit mit
Eltern, zum Informationsaustausch und zur
Integrationsförderung. Zum einen soll die aktive
Teilnahme der Eltern an kinderfreundlichen Orten
die Bindung zwischen Eltern und Kind festigen und
Eltern in ihrer Elternrolle bestärken, zum anderen
soll die Kinderbetreuung die Eltern unterstützen
und entlasten. Elternberatung muss im Rahmen
von kinderfreundlichen Angeboten den positiven,
gewaltfreien Umgang der Eltern mit ihren Kindern
fördern. Des Weiteren sollten Elterngruppen
und Elterntreffen der Sensibilisierung und dem
Informationsaustausch dienen: Sie sollen dazu genutzt
werden, Eltern über ihre Rechte und die ihrer Kinder zu
informieren, interne und externe Angebote vorzustellen
sowie Leistungen und Regelstrukturen bekannt zu
machen und über wichtige Ämter und Behörden,
unterstützende Institutionen und Organisationen zu
informieren. (Interne) Hürden, die Eltern ggf. davon
abhalten, Regelangebote für ihre Kinder in Anspruch
zu nehmen, können dadurch abgebaut werden. Die
Zusammenarbeit mit Eltern soll außerdem dazu
beitragen, diese in ihrem Selbstbewusstsein zu
stärken und psychosozial zu unterstützen. Beides
kann sich positiv auf das Kindeswohl auswirken. Die
kinderfreundlichen Angebote sollten so gestaltet
sein, dass sich sowohl Väter als auch Mütter davon
angesprochen fühlen.

Geschützte Gemeinschaftsräume, MutterKind-Räume und allgemein zugängliche
Ruheräume müssen fester Bestandteil der
Einrichtung sein
Gemeinschaftsräume speziell für Jugendliche, Frauen
und Mütter mit Kindern sind altersgerecht und
geschlechtersensibel konzipiert sowie barrierefrei
zugänglich. Als Rückzugsorte stehen sie Jugendlichen,
Frauen und Müttern mit Kindern zu unterschiedlichen
Nutzungszeiten offen. Zu bestimmten Zeiten sollten
die Gemeinschaftsräume ausschließlich Frauen und
Mädchen zur Verfügung stehen.
Das Konzept der altersgerechten und
geschlechtersensiblen Gemeinschaftsräume impliziert
eine integrierte Raumplanung und -gestaltung unter
Einbeziehung von Erholung, Bildung, Gesundheit und
psychosozialer Unterstützung für Jugendliche, Frauen
und Mütter mit Kindern. Ergänzend dazu sollten in den
Gemeinschaftsräumen Informationen über Rechte,
Leistungen und Unterstützungsmöglichkeiten mit
Piktogrammen sowie Übersetzungen in die relevanten
Sprachen für die jeweilige Zielgruppe angeboten werden.
Die Räume sollten zu festen Zeiten ausschließlich
für bestimmte Gruppen, z. B. in Form eines Frauen-,
Männer- oder Jugendlichen-Cafés, nutzbar sein.
Ein besonderer Schutzraum, in dem sich Mutter
und Kind kurz nach der Geburt aufhalten können, ist
ebenfalls barrierefrei zu konzipieren und einzurichten.
Wenn es die baulichen/räumlichen Voraussetzungen
ermöglichen, sollte es zusätzlich für alle Bewohner_innen
einen allgemein zugänglichen Ruheraum geben, der
gegebenenfalls zu unterschiedlichen Öffnungszeiten
zur Verfügung gestellt werden kann. Dieser kann
beispielsweise zur Erledigung von Hausaufgaben oder
zur Vorbereitung auf die Deutschkurse genutzt werden.
Zudem ist es wünschenswert, einen Unterrichtsraum
zu haben, in dem Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe
stattfinden können.
Für die Bewohner_innen (Kinder, Jugendliche, Frauen und
Männer) werden unterschiedliche geschlechtersensible
und altersangemessene Freizeitgestaltungen und
Aktivitäten angeboten (z. B. Bewegungsangebote,
soziale Angebote, geschlechterhomogene Aktivitäten
für Mädchen und Frauen etc.). Insbesondere bei
nicht geschlechterhomogenen Aktivitäten ist auf eine
Beteiligung von Mädchen und Frauen zu achten sowie
den Gründen für deren Fortbleiben nachzugehen.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

27

Mindeststandard 6

Monitoring und Evaluierung
des Schutzkonzepts
Verantwortung
Die Verantwortung für und die Pflicht zum Beistand
und zum Schutz der geflüchteten Menschen in den
Flüchtlingsunterkünften liegt bei allen, die für ihre
Aufnahme, Unterbringung, Versorgung, Sicherheit und
Verteilung zuständig sind. Sie alle sind in der Pflicht,
kontinuierlich zu prüfen, inwiefern der Schutz, Beistand
und die Sicherheit der geflüchteten Menschen in den
Unterkünften gewährleistet ist und entsprechende
Qualitätsstandards, Schutzmaßnahmen und Verfahren
eingehalten werden und greifen oder ggf. aktualisiert
und optimiert werden müssen.

Umfang und Zuständigkeiten
Die zuständigen Aufsichtsbehörden müssen
ein standardisiertes Monitoring (Erfassung
schutzrelevanter Erkenntnisse und Daten), verbunden
mit einer regelmäßigen Evaluierung der Umsetzung
der Schutzkonzepte (Bewertung der Erkenntnisse
und Daten) in allen Flüchtlingsunterkünften, die in
ihren Zuständigkeitsbereich fallen, sicherstellen
und verbindlich machen. Werden beim Monitoring
und der Evaluierung Mängel bei der Umsetzung der
Schutzmaßnahmen in den Flüchtlingsunterkünften
festgestellt und die vereinbarten Qualitätsziele
nicht erfüllt, sollten die Aufsichtsbehörden
in Zusammenarbeit mit den Betreibern bzw.
Dienstleistern der Unterkünfte entsprechende
Interventions- und Unterstützungsmaßnahmen
veranlassen, um die Mängel zu beseitigen und die
Zielerfüllung zu gewährleisten. Nur so können die
vereinbarten Qualitätsstandards erfolgreich umgesetzt,
ihre Nachhaltigkeit gesichert und eine vergleichbare
Datenbasis für alle Unterkünfte geschaffen
werden. Diese Datenbasis dient als Grundlage
für die Weiterentwicklung der Qualitätsstandards
und Schutzkonzepte und kann kontinuierlich zur
Erzielung vergleichbarer Qualitätsstandards in allen
Einrichtungen beitragen.
28

Das Monitoring und die Evaluierung (M&E) der
Umsetzung der Schutzkonzepte dienen als Bausteine zur
Stärkung bestehender Qualitätsmanagementkonzepte
und -systeme der Aufsichtsbehörden sowie der
Betreiber bzw. Dienstleister der Unterkünfte. Sie dürfen
keine für sich alleinstehende Lösung sein. Bei der
Festlegung verbindlicher Verfahren und Instrumente für
das M&E sind die unterschiedlichen Gegebenheiten
in den Unterkünften und die verschiedenen
Unterkunftsarten zu berücksichtigen.

Stufenweise Entwicklung
Die Entwicklung und Verwirklichung des M&E
der Schutzkonzepte sollte stufenweise erfolgen.
Ausreichende Ressourcen (Personal, Finanzen, Technik)
für die Entwicklung und Umsetzung des M&E in
den Einrichtungen sollten von den dafür zuständigen
Behörden zur Verfügung gestellt werden. Hierbei sind
auch die Kosten für M&E-Schulungen von Mitarbeiter_
innen und ähnliche Aufbaumaßnahmen zu beachten.
Bei Bedarf sollten die Unterkünfte bei der Entwicklung
und Umsetzung des M&E für die Schutzkonzepte
fachlich von ihren Betreibern, Fachberatungsstellen,
der Aufsichtsbehörde oder anderen Stellen 		
unterstützt werden.

Partizipatives Monitoring
Die Einbindung der Mitarbeiter_innen, Dienstleister_
innen, Ehrenamtlichen und der Bewohner_innen
(inklusive Kinder und Jugendliche) sowie externer
Kooperationspartner_innen (z. B. das Jugendamt,
spezialisierte Fachberatungsstellen, psychosoziale
Zentren, Interessenvertretungen von Menschen mit
Behinderungen, Migrant_innenselbstorganisationen
und LSBTI*- sowie andere Organisationen) in die
Entwicklung und die Umsetzung des M&E der
Schutzkonzepte sollte von den Aufsichtsbehörden und
den Einrichtungen unbedingt sichergestellt werden
(siehe Mindeststandard 1).

Datenerhebung, -auswertung,
-verwendung und -schutz
Im Rahmen des M&E der Schutzkonzepte werden die
Flüchtlingsunterkünfte dazu verpflichtet, regelmäßig
a. mit der Aufsichtsbehörde vereinbarte quantitative
(z. B. wie viele Beschwerden pro Monat) und
qualitative (z. B. Inhalt der Beschwerden) Daten
und Informationen zu erheben, die Auskunft
darüber geben, inwieweit die vereinbarten
Qualitätsstandards, spezifischen Vorgaben und
Schutzmaßnahmen eingehalten und umgesetzt
werden, welche Maßnahmen sich bewährt haben,
welche nicht passend sind, wo noch Bedarfe
bestehen und wie sich die Veränderungen auf den
Schutz und die Sicherheit der Menschen in der
Unterkunft auswirken;
b. diese Daten und Informationen auszuwerten und sie
benutzer_innenfreundlich darzustellen (z. B. in Form
von regelmäßigen Monitoringberichten);
c. die Ergebnisse den an bzw. von der Umsetzung
des Schutzkonzepts beteiligten bzw. betroffenen
Personengruppen15 allgemein verständlich
zu kommunizieren und diese gemeinsam zu
diskutieren, zu bewerten und anschließend
konkrete Handlungsbedarfe daraus abzuleiten.
Ein solcher regelmäßiger Austausch kann bspw.
in bestehenden Arbeitsgruppen, Teamtreffen,
Supervisionssitzungen, Planungstreffen sowie
Treffen von Beteiligungsstrukturen (z. B.
Bewohner_innenräten) und mit externen Partner_
innen stattfinden. Ergebnisprotokolle helfen, die
Ergebnisse des Austauschs zu fixieren und über die
weitere Planung zu informieren.
Durch die regelmäßige Erfassung, Darstellung und
Kommunikation der Daten und Informationen müssen
der Prozess der Umsetzung der Schutzkonzepte
und die Ergebnisse der Schutzmaßnahmen für
alle beteiligten und betroffenen Personengruppen
transparent gemacht werden.
Für die Datenerhebung, -speicherung, -übermittlung
und -nutzung in den Einrichtungen muss der Schutz
der personenbezogenen Daten gewährleistet sein.
Dies sollte im Betreiber- bzw. Dienstleistungsvertrag
oder durch Nebenbestimmungen oder Ähnliches
sichergestellt werden. Datenschutzbeauftragte und
andere Fachleute können bei Bedarf die Einrichtungen
zum Datenschutz und Umgang mit Daten beraten und
unterstützen. Bei der Datenerhebung mit Kindern, aber

auch anderen besonders schutzbedürftigen
Personengruppen, müssen weitere rechtliche sowie
ethische Prinzipien und Richtlinien, die speziell hierfür
entwickelt wurden, zur Anwendung kommen.16

Systematische Dokumentation
Für die Datenerhebung im Rahmen des Monitorings in
den Unterkünften bedarf es einer nachvollziehbaren,
systematischen und standardisierten Dokumentation
aller schutzrelevanten Vorkommnisse, Abweichungen
von den vereinbarten Qualitätsstandards und anderer
relevanter Beobachtungen. Kernelemente einer solchen
Dokumentation sind:
ƒƒ die Dokumentation der Planung, Entwicklung und
Umsetzung der vereinbarten Schutzmaßnahmen
(Prozesse, laufende Ergebnisse, Kosten)
ƒƒ die anonyme Dokumentation schutzrelevanter
Beschwerden inklusive der Ergebnisse und
Wirkungen – dabei ist es notwendig, das
interne Beschwerdemanagement mit externen
Beschwerdestellen (z. B. einer unabhängigen
Ombudsstelle) zu verbinden, da Beschwerden
ein zentrales Qualitätsmerkmal sind (siehe
Mindeststandard 3)
ƒƒ die anonyme Dokumentation von Verdachtsfällen
und Gewaltvorfällen (Suizid (-versuche) inbegriffen)
inklusive der Ergebnisse und Wirkungen sowie
andere schutzrelevante Informationen und Daten.
Hierzu zählen insbesondere die Risikofaktoren
und die Bedarfe, die im Rahmen der partizipativen
Risikoanalyse (siehe Mindeststandard 1) und der
Bedarfsanalyse (siehe Mindeststandard 5)
erfasst werden.

Regelmäßige Evaluierung
Die Ergebnisse des Monitorings stellen eine wichtige
Datengrundlage für eine regelmäßige Evaluierung der
Schutzkonzepte dar. Im Rahmen der Evaluierung wird
nicht nur bewertet, inwiefern bisher festgelegte Ziele
und Maßnahmen eines Schutzkonzepts bereits wirken
oder ggf. optimiert und geändert werden müssen,
sondern es sollten auch weitere Qualitätsmerkmale
überprüft werden, wie zum Beispiel die Zufriedenheit
und das Sicherheitsgefühl aller in der Unterkunft
wohnenden und arbeitenden Personen. Am Ende einer
Evaluierung muss ein übersichtlicher und allgemein
verständlicher Evaluierungsbericht erstellt werden, der
als Grundlage für die weitere Planung und Entwicklung
der Schutzkonzepte genutzt wird.

15. Zu diesen Personengruppen zählen Mitarbeiter_innen, Dienstleister_innen, Ehrenamtliche, die Bewohner_innen und externe Kooperationspartner_innen.
16. Zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention oder das ABC der Kinderrechte des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

29

Glossar A

Formen von Gewalt

17

Physische Gewalt – jede bewusste Anwendung

Psychische Gewalt – jede Art nicht-physischer Gewalt

körperlicher Gewalt gegenüber einer betroffenen
Person, die zu Schaden, Verletzung, Behinderungen
oder zum Tod führen kann oder führt. Schubsen,
schlagen, boxen, ohrfeigen, schütteln, stoßen, werfen,
mit der Faust schlagen, kratzen, an den Haaren ziehen,
treten, grabschen, beißen, verbrennen, würgen,
vergiften oder die Verwendung eines Gegenstandes als
Waffe sind alles Formen physischer Gewalt.18

mit schädlichen Auswirkungen für die emotionale
Gesundheit und Entwicklung eines Menschen. Hierzu
zählen verbale Gewalt, Demütigungen, Zurückweisung
oder Ignorieren, Isolierung des Menschen von Freund_
innen und Familie, Vermitteln des Gefühls wertlos und
ungeliebt zu sein, bedrohen, erpressen, eine Person
bewusst in Verlegenheit zu bringen, zu verstören oder
sie zu schikanieren (sogenanntes „bullying“).20

Sexualisierte Gewalt – alle sexuellen Handlungen
an oder vor einer Person (jeden Geschlechts und
jeden Alters), die ohne Einverständnis oder ohne die
Möglichkeit des Einverständnisses vorgenommen
werden (z. B. bei Personen unterhalb des Schutzalters,
bei Personen, die geistig oder körperlich nicht
in sexuelle Handlungen einwilligen können, die
betrunken sind oder unter Drogeneinfluss stehen).
Sexualisierte Gewalt hat zahlreiche Formen.
Hierzu zählen z. B. Vergewaltigung, versuchte
Vergewaltigung, sexuelle Berührungen ohne
Einwilligung, anzügliche Bemerkungen, sexuelle
Belästigung, das Zeigen von pornografischen Filmen
oder Abbildungen, Masturbation im Beisein eines
Kindes oder einer nicht zum Eingreifen fähigen Person,
Zwangsprostitution, Menschenhandel zum Zweck der
sexuellen Ausbeutung sowie sexueller Missbrauch
und Ausbeutung über das Internet.19 Der Begriff
„sexualisierte“ Gewalt verdeutlicht dabei, dass sexuelle
Handlungen auch instrumentalisiert werden, um
Gewalt und Macht auszuüben.

Vernachlässigung von Kindern – „die andauernde
oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns
sorgeverantwortlicher Personen (Eltern oder andere
von ihnen autorisierte Betreuungspersonen), welches
zur Sicherstellung der physischen und psychischen
Versorgung des Kindes notwendig wäre“. Diese
Unterlassung kann aktiv oder passiv (unbewusst),
aufgrund unzureichender Einsicht oder unzureichenden
Wissens erfolgen. „Die durch Vernachlässigung
bewirkte chronische Unterversorgung des Kindes durch
die nachhaltige Nichtberücksichtigung, Missachtung
oder Versagung seiner Lebensbedürfnisse hemmt,
beeinträchtigt oder schädigt seine körperliche, geistige
und seelische Entwicklung und kann zu gravierenden
bleibenden Schäden oder gar zum Tode des Kindes
führen“.21

17. Dies ist keine umfassende Auflistung aller verschiedenen Formen von Gewalt. Auch treten verschiedene Formen von Gewalt häufig in verschränkter Form
und nicht isoliert voneinander auf.
18. Weltbericht Gewalt und Gesundheit, Weltgesundheitsorganisation, 2002; Fachausschuss für die Rechte des Kindes, Allgemeine Bemerkung Nr. 13, Das
Recht des Kindes auf Schutz vor allen Formen der Gewalt, Absatz 22, 2011.
19. Vgl. Weltbericht Gewalt und Gesundheit, Weltgesundheitsorganisation, 2002.
20. Vgl. https://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/262-lieber-ohne-gewalt/1207unterschiedliche-arten-der-gewalt, Stand: 22.5.2017; Fachausschuss für die Rechte des Kindes, Allgemeine Bemerkung Nr. 13, Das Recht des Kindes auf
Schutz vor allen Formen der Gewalt, Absatz 21, 2011.
21. Schone et al: Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven sozialer Arbeit. Münster, 1997, S. 21.

30

Gewalt in Paarbeziehungen – bezeichnet „alle

Zwangsheirat – Zwangsverheiratung liegt dann

Handlungen körperlicher, sexueller, psychischer oder
wirtschaftlicher Gewalt, die innerhalb der Familie oder
des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen
Eheleuten oder Partner_innen in allen geschlechtlichen
Konstellationen und in jedem Alter vorkommen,
unabhängig davon, ob der_die Täter_in denselben
Wohnsitz wie das Opfer hat oder hatte“.22 Synonym
oder überschneidend verwendete Begriffe sind unter
anderem häusliche Gewalt und Partnergewalt.

vor, wenn mindestens einer der Eheleute durch die
Ausübung von Gewalt oder durch Drohungen zum
Eingehen einer formellen oder informellen (also durch
eine religiöse oder soziale Zeremonie geschlossenen)
Ehe gezwungen wird. Eine mögliche Weigerung
einer der Ehepartner_innen hat entweder kein Gehör
gefunden oder der_die Betroffene hat es nicht
gewagt, sich zu widersetzen. Auch die Bedrohung
der Betroffenen mit existentiellen finanziellen oder
ausländerrechtlichen Konsequenzen kann zu einer
Zwangsverheiratung führen.25

Geschlechtsspezifische Gewalt – ein Oberbegriff
für jeden Gewaltakt, der sich gegen eine Person
aufgrund deren wahrgenommenen Geschlechts und/
oder sexuellen Orientierung richtet, oder Gewaltakte,
die sich unverhältnismäßig gegen eine bestimmte
Geschlechtsgruppe richten. Sexualisierte Gewalt,
häusliche Gewalt und Missbrauch sind Formen
geschlechtsspezifischer Gewalt. Der Wirtschaftsund Sozialrat der Vereinten Nationen definiert
geschlechtsspezifische Gewalt als „eine sozial
schädliche Handlung gegen den Willen einer Person,
der sozial zugeschriebene Unterschiede zwischen
Männern und Frauen zugrunde liegen. Solche Gewalt
basiert auf sozial zugeschriebenen Unterschieden(,) …
ist jedoch nicht auf sexualisierte Gewalt beschränkt.“23
Frauen und Mädchen sowie LSBTI* Personen sind
unverhältnismäßig stark von geschlechtsspezifischer
Gewalt betroffen, doch auch Männer und Jungen
sind dieser ausgesetzt. Auch Gewalt gegen trans*
Menschen ist sehr häufig geschlechtsspezifisch,
entweder wenn die Person auf Grund des Trans*seins
Gewalt erfährt oder wenn sie als Frau oder Mann
Gewalt erlebt.24

Nachstellung/‘Stalking‘ – beschreibt das
vorsätzliche und beharrliche Nachstellen und
Belästigen einer anderen Person in einer Weise, die
geeignet ist, deren Lebensführung schwerwiegend
zu beeinträchtigen. Die Stalker_innen suchen den
Kontakt zu den Opfern oft über einen längeren
Zeitraum, auch wenn diese durchgängig und eindeutig
den Kontakt ablehnen. Betroffene werden belästigt,
verfolgt, bedroht, genötigt und auch erpresst. Zu den
Belästigungen gehören unter anderem das Nachlaufen,
die ständige Präsenz in der Nähe des Opfers (z. B. zu
Hause oder am Arbeitsplatz), Telefonanrufe zu allen
Zeiten, massenhaftes Zusenden von Briefen, SMS,
E-Mails, Einträge in Internetforen, Veröffentlichen
privater Informationen über eine Person, das
Eindringen in die Wohnung, die Beschädigung von
Eigentum, das Hinterlassen ekelerregender Spuren,
Drohungen und körperliche Angriffe.26
Weibliche Genitalverstümmelung – alle Verfahren,
welche die teilweise oder vollständige Entfernung
der äußeren Genitalien oder andere Verletzungen
der weiblichen Genitalorgane zum Ziel haben, ob
aus kulturellen oder anderen nicht-therapeutischen
Gründen.27

22. Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, verabschiedet 2011, in Kraft getreten
2014.
23. Vgl. Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, Bereich für humanitäre Angelegenheiten 2006 – Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt
in humanitären Katastrophen.
24. Vgl. http://transrespect.org/en/research/trans-murder-monitoring/, Stand: 29.05.2017.
25. Vgl. http://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/gewalt-im-namen-der-ehre/begriffsdefinition, Stand: 22.5.2017.
26. Vgl. http://www.frauenhauskoordinierung.de/gewalt-an-frauen/stalking.html, Stand: 22.5.2017.
27. WHO, UNICEF, UNFPA (1997). Weibliche Genitalverstümmelung. Eine gemeinsame Erklärung - WHO / UNICEF / UNFPA. Genf, Weltgesundheitsorganisation.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

31

Gewalt unter Kindern - hierzu zählen physische,

Menschenhandel – bezeichnet die Anwerbung,

psychische (oft in Form von Mobbing) und sexuelle
Gewaltanwendungen, die von Kindern oder von
Gruppen von Kindern an anderen Kindern verübt
werden. Sie stellen nicht nur eine momentane
Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität
und eine Beeinträchtigung des Wohles des kindlichen
Opfers dar, sondern haben häufig mittelfristige oder
gar langfristige schädigende Auswirkungen auf
dessen persönliche Entwicklung, Bildung und soziale
Integration. Auch gewalttätige Handlungen von
Jugendbanden fordern einen hohen Preis von Kindern,
und zwar von den Opfern und von den Täter_innen.
Bei Gewalt unter Kindern sind Kinder die Täter_innen,
aber die für sie verantwortlichen Erwachsenen spielen
eine entscheidende Rolle bei den Bestrebungen, eine
angemessene Reaktion auf die Gewalttat zu finden,
Gewalt zu verhindern und sicherzustellen, dass die
Folgemaßnahmen die Gewalt nicht verschärfen (z. B.
indem ein strafender Ansatz gewählt oder Gewalt mit
Gewalt beantwortet wird).28

Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder
Aufnahme von Personen mit dem Ziel der Ausbeutung.
Der Definition nach muss dabei ein Zwangsmittel
angewandt werden. Dies beinhaltet z. B. die
Androhung oder Anwendung von Gewalt oder
anderen Formen der Nötigung. Auch erfasst sind
Fälle, in denen die betroffenen Personen u. a. durch
Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von
Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit in die
Ausbeutungssituation gebracht werden. Bei Personen
unter 18 Jahren ist kein Zwangsmittel notwendig.
Ausbeutung umfasst die Ausnutzung der Prostitution
anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung,
Zwangsarbeit und sklavereiähnliche Praktiken, Bettelei
sowie erzwungene Straftaten, Leibeigenschaft oder die
Entnahme von Organen.29

28. Fachausschuss für die Rechte des Kindes, Allgemeine Bemerkung Nr. 13, Das Recht des Kindes auf Schutz vor allen Formen der Gewalt, Absatz 27, 2011.
29. Vgl. Zusatzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels (Palermo-Protokoll), insbesondere des Frauen- und Kinderhandels,
Artikel 3, verabschiedet 2000, in Kraft getreten 2003.

32

Annex 1

Umsetzung der
Mindeststandards für LSBTI*
Geflüchtete*
Einleitung
LSBTI* steht für lesbische, schwule, bisexuelle,
transsexuelle bzw. -geschlechtliche und intersexuelle
bzw. -geschlechtliche Menschen. Das Sternchen steht
für die Vielfalt von Gender-Identitäten und sexueller
Orientierung, also für jene, die sich nicht unter diese
Kategorisierungen subsumieren lassen, jedoch auch
nicht heteronormativen Vorstellungen entsprechen
(wollen). Teilweise werden weitere Kategorisierungen,
vor allem ein „Q“ für „queer“, zur Umschreibung der
Personengruppe, mit der sich dieser Annex
befasst, verwendet.
LSBTI* und somit auch LSBTI* Geflüchtete stellen
keine homogene Gruppe dar. Die Bedarfe von
lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter*
Geflüchteten können sich deutlich voneinander
unterscheiden. Gemein haben LSBTI* Geflüchtete,
dass sie als besonders schutzbedürftig zu werten
sind. Der Begriff der besonderen Schutzbedürftigkeit
entstammt der EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33. Diese
zählt nicht abschließend Personengruppen auf, die
als besonders schutzbedürftig gelten. Hier werden
LSBTI* Geflüchtete nicht explizit genannt. Aufgrund
der erhöhten Vulnerabilität (Verletzbarkeit) von LSBTI*
Geflüchteten spricht vieles dafür, sie den im Wortlaut
der Richtlinie genannten Personengruppen in ihrer
Schutzbedürftigkeit gleichzustellen.
LSBTI* Geflüchtete machen Diskriminierungs- und
Gewalterfahrungen im Herkunftsland, auf der
Flucht und im Zielstaat, und damit u. a. auch in
den Unterkünften. Sie sind allerdings nicht allein
auf ihre sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche
Identität zu reduzieren. Diskriminierung erfolgt häufig

aufgrund einer Überschneidung von Merkmalen
(Intersektionalität). Bspw. kann eine Person in ihrem
Herkunftsland verfolgt werden, weil sie lesbisch,
eine Frau und politisch aktiv ist. Diskriminierungsund Gewalterfahrungen von LSBTI* Geflüchteten
haben zudem nicht zwingend einen homo- oder
transfeindlichen Hintergrund. Oft sind es auch die
spezifischen Belastungssituationen der Flucht oder der
Unterbringung selbst, die Diskriminierungen und Gewalt
durch andere Bewohner_innen einer
Unterkunft
begünstigen.
Mit der EU-Aufnahmerichtlinie werden die EUMitgliedsstaaten verpflichtet, geeignete Maßnahmen
zur Identifizierung besonders Schutzbedürftiger zu
ergreifen und den besonderen Bedürfnissen Rechnung
zu tragen. Dieser Anforderung wird bisher nur regional
und in den Ausführungen und Standards unterschiedlich
nachgekommen. Selbst hier zeigt sich: Geben sich
Geflüchtete nicht aktiv als LSBTI* zu erkennen, ist
eine Identifizierung schwierig bis unmöglich. Dies liegt
nicht nur daran, dass stereotypisierende Vorstellungen
von LSBTI* in der Regel an der Realität vorbeigehen,
sondern ist auch darin begründet, dass LSBTI*
Geflüchtete oftmals die Verheimlichung ihrer sexuellen
Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität tief
verinnerlicht haben. Um ihren besonderen Bedürfnissen
gerecht zu werden, ist es wichtig, LSBTI* Geflüchteten
auf verschiedene Weise und in unterschiedlicher
Ansprache die Möglichkeit zu geben, sich in einer
vertrauensvollen Atmosphäre zu erkennen zu geben.
Dies gilt insbesondere für LSBTI* Jugendliche und junge
Erwachsene, die sich ggf. noch in einer Findungsphase
befinden, für diejenigen, die gemeinsam mit ihren Eltern
und Geschwistern eingereist sind, und für heterosexuell
verheiratete LSBTI* Geflüchtete.

*Dieser Annex ist nicht mit der Gesamtinitiative abgestimmt. Er gibt nicht in allen Punkten Auffassung und Positionen des Deutschen Caritasverbandes
wieder.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

33

Das Recht, frei von Diskriminierungen zu leben,
erwächst aus mehreren Rechtsquellen. Der
Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat drei
Resolutionen zum Thema sexuelle Orientierung
und Gender-Identität verabschiedet, die letzte im
Sommer 2016. Die „Resolution zum Schutz gegen
Gewalt und Diskriminierung aufgrund von sexueller
Orientierung und Geschlechtsidentität“1 begreift
sexuelle Orientierung und Gender-Identität als ein
Menschenrecht. Die Bundesrepublik Deutschland
hat für die Resolutionen gestimmt. Das Allgemeine
Gleichbehandlungsgesetz (AGG) hat zum Ziel,
Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts oder der
sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.
Unter „sexueller Identität“ wird nach der amtlichen
Gesetzesbegründung sowohl die sexuelle Orientierung
als auch die Geschlechtsidentität verstanden.

Mindeststandard 1:

Einrichtungsinternes Schutzkonzept

Zielgruppenspezifisch und risikobewusst
Die in den allgemeinen Mindeststandards für das
Schutzkonzept zugrunde gelegte Risikoanalyse
ist nur aussagekräftig, wenn LSBTI* Personen
vorher identifiziert (zur Problematik siehe die
einleitenden Ausführungen) oder zumindest abstrakt
in die Überlegungen einbezogen wurden. Dabei ist
besonders zu beachten, dass die Gewalterfahrungen
von LSBTI* Personen sehr unterschiedlich sind, es
also einer differenzierten Analyse bedarf. Gleichzeitig
ist Sorge zu tragen, dass Handlungsmaßnahmen,
die aufgrund der Risikoanalyse umgesetzt werden,
nicht zur Stigmatisierung der Betroffenen führen und
womöglich das Risiko, von Gewalt betroffen zu werden,
noch weiter erhöhen.

Partizipativ, transparent und zugänglich
Die Beteiligung von Geflüchteten an dem
einrichtungsinternen Schutzkonzept ist
wünschenswert. Gleichzeitig bedeutet dies allerdings,
dass LSBTI* Geflüchtete für Personen, die in der
Unterkunft leben und arbeiten, so auch ggf. für die
eigene Familie, erkennbar werden. Eine Beteiligung
von LSBTI* Geflüchteten ist deshalb nur möglich
und erstrebenswert, wenn diese bereits offen als
LSBTI* leben oder ein Outing über die Mitarbeit an
dem Schutzkonzept gewünscht ist. Alternativ sollten
stellvertretend lokale LSBTI*-Beratungsstrukturen für

1. Vgl. http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/HRC/32/L.2/Rev.1.

34

die Entwicklung des Schutzkonzepts
hinzugezogen werden.

Bekenntnis zum grenzachtenden Umgang
und zur Gewaltfreiheit als Leitbild
Der respektvolle Umgang mit LSBTI* Geflüchteten
setzt voraus, dass alle in und für die Unterkunft
arbeitenden Personen homo-, trans*- und
inter*feindliche verbale und nonverbale Äußerungen
unterlassen und erkennbar zum Ausdruck bringen,
dass sie bei homo-, trans*- und inter*feindlichen
Diskriminierungen bzw. Übergriffen unterstützend
tätig werden.

Vertraulichkeit und Privatsphäre schützen
Aufgrund von homo-, trans*- bzw. inter*feindlichen
Verfolgungserfahrungen im Herkunftsland und
ggf. zusätzlichen Diskriminierungserfahrungen in
Deutschland fürchten viele LSBTI* Geflüchtete ein
Outing. Insofern ist es wichtig, transparent und
verständlich zu machen, dass jegliche Information,
auch jene über die sexuelle Orientierung und die
geschlechtliche Identität, vertraulich behandelt wird. Es
ist ausdrücklich zu betonen, dass auch Sprachmittler_
innen dem Vertraulichkeitsprinzip unterworfen sind.

Mindeststandard 2: Personal und
Personalmanagement

Verhaltenskodex und Selbstverpflichtung
Die zu unterschreibende Selbstverpflichtung hat
einen Passus zu LSBTI* zu enthalten, aus dem
hervorgeht, dass sich die Mitarbeiter_innen,
Ehrenamtlichen und Dienstleister_innen der
Unterkunft zu einem gendersensiblen Umgang
(v.a. trans* und inter* Personen betreffend, indem
beispielsweise die richtigen, nämlich von der Person
präferierten Pronomen verwendet werden) und zu
einer Nicht-Diskriminierung von LSBTI* bekennen.
Dies beinhaltet auch explizit die Verpflichtung zu
einer diskriminierungssensiblen Wortwahl, zu einem
Absehen von stereotypisierenden Unterstellungen 		
und sonstigen abschätzigen verbalen und 		
nonverbalen Äußerungen.
Aus der Selbstverpflichtung erwächst auch eine
Handlungspflicht bei Verletzungen des Verhaltenskodex,
wenn die betroffene Person selbst keine Aufklärung
bzw. die Ahndung nicht aktiv verfolgen möchte.

Sensibilisierung und Weiterbildung

Unabhängige Beschwerdestelle

Alle Personen, die in der Unterkunft tätig sind, vom
Leitungspersonal über die Sprachmittler_innen und
Ehrenamtlichen bis hin zum Sicherheitspersonal,
sollten für die Belange von LSBTI* Geflüchteten
sensibilisiert werden. Hier gilt es, besonders zu
beachten, dass viele der LSBTI* Geflüchteten ihre
sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität aus
Scham oder Angst während ihres ganzen bisherigen
Lebens verborgen haben. Die Angst vor Repressionen,
Abwertung und Demütigung ist tief verwurzelt.
Insofern genügt es nicht, allein formales Wissen über
die Lebenssituationen von LSBTI* Geflüchteten in
ihren Herkunftsstaaten zu vermitteln. Die Personen,
die in der Unterkunft tätig sind, sind angehalten, sich
die besondere Fragilität und spezielle Krisenhaftigkeit
der Lebensumstände von vielen LSBTI* Geflüchteten
bewusst zu machen.

Es muss deutlich werden, dass die Beschwerdestelle
unter Wahrung der Anonymität aufgesucht werden
kann, um die Angst vor Outings zu reduzieren. In
jedem Fall muss die Beschwerdestelle so zugänglich
sein, dass LSBTI* keine negativen Konsequenzen zu
fürchten haben.

Interne Strukturen
und externe Kooperation
Mindeststandard 3:

Aktiv über Rechte und Hilfsangebote
informieren
Bei der Information zu Beratungsangeboten für LSBTI*
Geflüchtete ist wichtig, dass die Geflüchteten diskret
an dieses Wissen gelangen können. In der Regel
sind themenspezifische Flyer nicht geeignet, weil
das Lesen/Greifen entsprechender Materialien einem
Outing gleichkommen kann. Deshalb sind Materialien
vorzuziehen, in denen die Angebote für LSBTI*
Geflüchtete nicht thematisch im Vordergrund stehen,
sondern in denen über mehrere, unterschiedliche
Beratungsangebote informiert wird, sprich wenn die
Beratungsangebote für LSBTI* Geflüchtete neben
anderen Angeboten präsentiert werden.

Hausordnung

Die Hausordnung enthält explizit einen Passus, nach
dem homo-, trans* bzw. inter*feindliche Äußerungen
und Verhaltensweisen zu unterlassen sind. Dabei
sollte eine belehrende Art und Weise der Vermittlung
vermieden werden.

Einrichtungsinterne, feste
Ansprechpersonen
In der Einrichtung ist eine festangestellte Person
für die Belange von LSBTI* Personen zuständig. Im
besten Fall, jedoch nicht zwingend, handelt es sich
um eine Person, die sich selbst als LSBTI* beschreibt.
Die Aufnahme des Kontakts zur Ansprechperson
muss diskret möglich sein. Hierfür sind mehrere
Modelle denkbar: Entweder lassen es die baulichen
Begebenheiten zu, das Gespräch unbemerkt zu
initiieren oder die Ansprechperson ist auch für andere
Belange zuständig. Der Grund der Kontaktaufnahme
lässt sich dann nicht erschließen.
Die Person hat die Möglichkeit zu regelmäßigen
Schulungen und kollegialem Austausch.

Informationen verständlich machen und
Sprachbarrieren überwinden
Viele LSBTI* Geflüchtete befürchten, gerade
durch Sprachmittler_innen diskriminiert oder
geoutet zu werden. Darüber hinaus haben selbst
Sprachmittler_innen, die für sich beanspruchen,
diskriminierungssensibel zu handeln, oftmals
Schwierigkeiten bei der Übersetzung, wenn
zentrale Begriffe nicht gekannt werden. Dies kann
zu falschen bzw. ungenauen Übersetzungen bis hin
zu Unsicherheiten bei den Geflüchteten führen, die
das Gefühl bekommen, sich nicht frei artikulieren
zu können. Bei der Auswahl und der Weiterbildung
von Sprachmittler_innen ist deshalb besondere
Sorgfalt geboten. Den Geflüchteten muss glaubhaft
und verbindlich versichert werden, dass auch die
Sprachmittler_innen der Schweigepflicht unterliegen.
Des Weiteren muss sichergestellt werden, dass
Sprachmittler_innen souverän Begriffe aus der
Lebenswelt von LSBTI* übersetzen können. Hierfür
eignen sich besonders Sprachmittler_innen, die selbst
LSBTI* sind. Andernfalls ist darauf zu achten, dass die
Sprachmittler_innen im Idealfall nicht aus dem gleichen
Land/der gleichen Community wie die zu beratenden
Geflüchteten stammen.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

35

Niedrigschwelliges Kurs- und
Beratungsangebot
LSBTI* Geflüchtete machen in vielen Fällen nicht „den
ersten Schritt“, sondern müssen über niedrigschwellige
Angebote angesprochen und erreicht werden. Ein
niedrigschwelliges Kurs- und Beratungsangebot
bietet sich analog zu den Formulierungen in den
allgemeinen Mindeststandards auch für die Beratung
von LSBTI* an. Um eine entsprechende Expertise
anbieten zu können, sind externe Beratungsstellen,
die aufsuchende Arbeit in Unterkünften leisten, als
Kooperationspartner_innen heranzuziehen. Da die
Teilnahme an einem unterkunftsinternen Angebot
einem Outing gleichkommen kann, ist ein weiterer
Schwerpunkt auf externe Angebote (siehe im
Folgenden) zu legen.

Kooperationspartner_innen einbinden
Beratungsstellen für LSBTI* müssen Teil des
Kooperationsnetzwerkes der Einrichtung sein und
entsprechend in der Datenbank geführt werden. Durch
die Unterkunft ist aktiv der Kontakt zu entsprechenden
Organisationen herzustellen. Bei fehlendem
Wissen über lokale Strukturen sind überregionale
Organisationen zu Rate zu ziehen. Besonders
erstrebenswert ist es, Kontakt zu Organisationen
mit eigenen Projekten zur Unterstützung von LSBTI*
Geflüchteten herzustellen. Diese verfügen über
eine Expertise zu Mehrfachdiskriminierungen. Diese
Beratungsangebote verfügen oftmals auch über
Kontakte zu LSBTI*sensiblen Sprachmittler_innen.
Gerade in ländlichen Regionen sind LSBTI*
Geflüchtete mittels individueller Lösungen dabei
zu unterstützen, externe Beratungsangebote von
LSBTI*- Organisationen wahrnehmen zu können.
Hierzu gehören auch niedrigschwellige Angebote wie
Café-Nachmittage oder Patenprogramme für LSBTI*
Geflüchtete.
Des Weiteren ist mit der zuständigen Behörde, die für
die Unterbringung von Geflüchteten zuständig ist, auch
die Möglichkeit eines Wechsels der Unterkunft wegen
Diskriminierungs- bzw. Gewalterfahrungen abzuklären.
Die Kooperation mit der Polizei muss auch die_den
dortige_n Beauftragte_n für LSBTI* einschließen.

36

Prävention,
Umgang mit Gewalt- und
Gefährdungssituationen/
Risikomanagement
Mindeststandard 4:

Standardisierte Verfahrensweise bei
Verdacht auf Gewalt
Es ist zu beachten, dass auch unterhalb der
Schwelle der physischen Gewalt LSBTI*
Geflüchtete aufgrund von Diskriminierungen,
abschätzigen verbalen oder nonverbalen Äußerungen
(Mobbing) oder sexualisiertem Entgegentreten
gewaltförmige Erfahrungen machen können. Auch
Ausschlusserfahrungen können als Gewalt erlebt
werden. Dies gilt erst recht, wenn die Geflüchteten
bereits im Herkunftsland oder auf der Flucht homo-,
trans*- bzw. inter*feindliche Gewalt erlebt haben.
Alle in der Unterkunft Beschäftigten müssen dafür
sensibilisiert werden, dass Menschen aufgrund
ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität
sexuellen Belästigungen, sexuellen Nötigungen und
auch Vergewaltigungen ausgesetzt sind. Konkret
erfahren lesbische Frauen Vergewaltigungen, für die
der Euphemismus „corrective rape“(„korrigierende
Vergewaltigung“) geläufig ist. Schwule Männer
und trans* Personen unterliegen der Gefahr der
Vergewaltigung zwecks Demütigung und Dominanz.

Standardisierte Verfahrensweise bei
Gewalt
Neben den in den allgemeinen Mindeststandards
genannten Punkten eines Notfallplans ist im Falle
von LSBTI* Geflüchteten, die Gewalterfahrungen in
der Unterkunft gemacht haben, insbesondere die
räumliche Trennung wichtig. Den LSBTI* Geflüchteten
ist unverzüglich ein Einzelzimmer anzubieten. Des
Weiteren muss sichergestellt sein, dass die betroffene
Person sicher und angstfrei die Sanitäranlagen, Küchen
und Gemeinschaftsräume aufsuchen kann.

Gefährdungslage nach Gewalt einschätzen
Sollte der Wunsch eines Umzugs in eine andere
Unterkunft bestehen, so ist nach Wegen zu suchen,
diesen zeitnah zu realisieren. Hierbei ist die Möglichkeit
einer Unterbringung in einer Einrichtung, die LSBTI*
Geflüchteten besonderen Schutz bieten kann, zu
prüfen. In jedem Fall ist die betroffene Person über
Rechte und Betreuungsmöglichkeiten für LSBTI* zu
informieren.

Hinzuziehung der Polizei
Aufgrund der mitunter traumatisierenden Erfahrungen
mit der Polizei ist diese, sofern es die Situation
zulässt, nur nach Abstimmung mit der betroffenen
Person hinzuzuziehen. Vorab sind jedoch die im
Mindeststandard 4 formulierten rechtlichen Grundlagen
der gesetzlichen Offenbarungsbefugnisse sowie
besondere Pflichten zur Anzeige von Straftaten zu
prüfen (u. a. §§ 34,138, 286 des Strafgesetzbuchs).
Ungeachtet der weiteren Maßnahmen, ist jeder Vorfall
intern anonym zu dokumentieren und der Leitung
zu melden. Bei der Kontaktaufnahme zur Polizei ist
die Hinzuziehung einer für LSBTI* zuständigen bzw.
geschulten Person zu erbitten.

Menschenwürdige,
schützende und fördernde
Rahmenbedingungen

Mindeststandard 5:

Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre
garantieren
Um für die LSBTI* Geflüchteten in der Unterkunft
ein Höchstmaß an Sicherheit in der Unterkunft zu
gewährleisten, ist auf die sanitären Einrichtungen
ein besonderes Augenmerk zu richten. Neben
den in den allgemeinen Mindeststandards
formulierten Anforderungen, vor allem hinsichtlich
der Abschließbarkeit, ist zu bedenken, dass streng
nach Geschlechtern getrennte Sanitäranlagen für
trans*, inter* oder queere Personen problematisch
sind. Sollten es die baulichen Voraussetzungen nicht
ermöglichen, auch Unisex-Sanitäranlagen zur
Verfügung zu stellen, muss eine individuelle Lösung
gefunden werden.

Wie in den allgemeinen Mindeststandards formuliert,
ist die Belegung der Unterkünfte an den familiären
Bedarfen auszurichten. Hierbei ist zu beachten, dass
gleichgeschlechtliche Paare auch als Familie zu werten
sind. Ihren Bedürfnissen nach Familienleben und
Privatheit ist bei der Belegung zu entsprechen.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

37

Annex 2

Umsetzung der Mindeststandards
für geflüchtete Menschen mit
Behinderungen
Einleitung
Zu Menschen mit Behinderungen zählen laut Artikel
1 des von allen EU-Mitgliedstaaten unterzeichneten
UN-Übereinkommens über die Rechte von Menschen
mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention)
Menschen, „die langfristige körperliche, seelische,
geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche
sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren
an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten
Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“. Dabei
ist zu beachten, dass Menschen mit Behinderungen
keine homogene Gruppe sind. Wie alle Menschen
haben sie unterschiedliche Fähigkeiten und Bedarfe
und tragen auf unterschiedliche Weise zur Gesellschaft
bei. Was sie gemein haben, ist, dass sie vor allem
in Krisensituationen ein größeres Risiko haben, von
Diskriminierung, Ausbeutung und Gewalt betroffen zu
sein. Fehlende Barrierefreiheit in Informationsmedien,
bei Beratungsstellen, Schutzeinrichtungen und
in Beratungen selbst erschwert den Zugang zu
Unterstützungsangeboten.
Das humanitäre Prinzip der Unparteilichkeit –
Unterstützung wird ausschließlich auf Bedarfsbasis
und ohne Diskriminierung bereitgestellt – erfordert,
dass in Krisensituationen Barrieren reduziert werden,
damit Menschen mit Behinderungen nicht gezielt
oder versehentlich von humanitärer Unterstützung
ausgeschlossen sind.1 Es ist festzuhalten, dass im
Artikel 21 der EU-Richtlinie 2013/33/EU Menschen
mit Behinderungen in der Aufzählung von
Personengruppen, die als besonders schutzbedürftig
gelten, explizit genannt werden. Mit der EUAufnahmerichtlinie werden die EU-Mitgliedsstaaten
verpflichtet, geeignete Maßnahmen zur Identifizierung

besonders Schutzbedürftiger zu ergreifen und
den besonderen Bedarfen Rechnung zu tragen
(Artikel 22). Jedoch werden die Behinderungen von
Geflüchteten im Rahmen des Asylverfahrens nicht
bundeseinheitlich erfragt und registriert. Daraus
resultiert, dass eine bedarfsgerechte Unterbringung in
Notunterkünften oder Erstaufnahmeeinrichtungen und
danach in kommunalen Gemeinschaftsunterkünften
oder dezentral in den Kommunen oft nicht realisiert
werden kann. Dies hat zur Folge, dass Geflüchtete
mit Behinderungen in vieler Hinsicht eine
„unsichtbare” Personengruppe sind. Es wird ihnen
in den Flüchtlingsunterkünften weitestgehend kein
bedarfsgerechtes schützendes und förderndes Umfeld
bereitgestellt, und aufgrund der fehlenden Erfassung
auch keine bedarfsgerechte Versorgung eingeleitet,
was zu menschenrechtswidrigen Lebenssituationen
und Isolation führen kann.
Bedarf besteht auch bei der Schulung und
Sensibilisierung des Personals in der Zusammenarbeit
mit Geflüchteten mit Behinderungen und dem
frühzeitigen Erkennen möglicher Gefährdungen bzw.
stattgefundener Gewalt und Diskriminierungen.
Insbesondere fehlt oft das Wissen um ein
erhöhtes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden,
wenn mehrere Faktoren wie Geschlecht, Alter und
Behinderungen zusammenkommen (intersektionale
Diskriminierungsformen). Zum Beispiel besteht für
Frauen und Mädchen mit Behinderungen ein erhöhtes
Risiko, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden.
Auch Frauen, Kinder, unbegleitete Minderjährige und
ältere Menschen mit Behinderungen sind stärker
gefährdet, diskriminiert oder ausgeschlossen 		
zu werden.

1. Vgl. Minimum Standards for Age and Disability Inclusion in Humanitarian Action, HelpAge International 2015 on behalf of the Age and Disability Consortium,
London, Seite 3.

38

Zudem sind die Unterkünfte selten barrierefrei und
die Wartezeit zur Unterbringung in Unterkünften für
besonders Schutzbedürftige aufgrund der begrenzten
Platzkapazität meist sehr lang. Hinzu kommen Sprachund Kommunikationsbarrieren, da häufig eine nicht
ausreichende Anzahl an geeigneten Dolmetscher_innen
zur Verfügung steht. Dies alles führt dazu, dass
Geflüchtete mit Behinderungen unzureichend über ihre
Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten informiert
werden. Bezüglich der Versorgung mit Heil- und
Hilfsmitteln gemäß §6 Asylbewerberleistungsgesetz
bewirkt die darin enthaltene Ermessensregelung,
dass Behörden vor Ort ihr Ermessen unterschiedlich
ausüben und es zu einer nicht bedarfsgerechten
Versorgung von Geflüchteten mit Behinderungen mit
Heil- und Hilfsmitteln kommt. Hiervon sind auch Kinder
mit Behinderungen betroffen.
Dazu ist anzumerken, dass der UN-Fachausschuss für
die Rechte von Menschen mit Behinderungen, der die
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in
Deutschland überprüft hat, bereits im Frühjahr 2015
seine Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht hat,
dass eine angemessene medizinische und soziale
Betreuung sowie die Versorgung mit den notwendigen
Hilfsmitteln in der Praxis für Asylsuchende und
Geflüchtete mit Behinderungen oftmals nicht
sichergestellt sind.2 3 Der Ausschuss hat sich zudem
hinsichtlich der Mehrfachdiskriminierung von
geflüchteten Frauen und Mädchen mit Behinderungen
geäußert sowie den ungleichen Zugang zu Behandlung
und Chancen von Kindern mit Behinderungen, deren
Eltern Geflüchtete sind, bemängelt.4
Um den Schutz von Geflüchteten mit Behinderungen
und die Bereitstellung eines fördernden Umfelds
zu einem integralen Bestandteil der Aufgaben von
Flüchtlingsunterkünften in Deutschland zu machen,
sollten diese Unterkünfte eine zweigleisige Strategie
verfolgen. Zum einen müssen die Rechte und Bedarfe
von Menschen mit Behinderungen durchgängig in
der Entwicklung, Umsetzung und im Monitoring von
einrichtungsinternen Schutzkonzepten berücksichtigt,
zum anderen aber auch spezifische Interventionen
unternommen werden, die darauf abzielen, die
Rechte von Menschen mit Behinderungen zu

schützen und deren spezifische Bedarfe zu decken
(„Besondere Vorkehrungen“ im Sinne der UNBehindertenrechtskonvention).
Konkrete Maßnahmen zur Durchführung dieser
Strategie und somit zur Umsetzung der allgemeinen
Mindeststandards für Geflüchtete mit Behinderungen
sind in dem vorliegenden Annex zusammengefasst.
Jeder der allgemeinen Mindeststandards wird aus der
Perspektive der Rechte und Bedarfe von Geflüchteten
mit Behinderungen erläutert.

Mindeststandard 1:

Einrichtungsinternes Schutzkonzept
Das in den allgemeinen Mindeststandards vorgestellte
einrichtungsinterne Schutzkonzept muss durchgehend
die Unterbringung und Unterstützung von Geflüchteten
mit Behinderungen berücksichtigen. Bestehende
Gewaltschutzkonzepte der Trägerorganisationen aus
dem Bereich Eingliederungshilfe (Einrichtungen für
Menschen mit Behinderungen) werden als Grundlage
für das einrichtungsinterne Schutzkonzept genutzt.
Zudem sollte das Schutzkonzept mit örtlichen
Selbsthilfe- und Selbstvertretungsorganisationen
sowie örtlichen Netzwerken von Menschen mit
Behinderungen besprochen und diese – zusätzlich
zu den Bewohner_innen mit Behinderungen – an der
Konzeptentwicklung beteiligt werden. In Abstimmung
mit Selbstvertretungsorganisationen sollte eine
Methodik für die Einbeziehung von Menschen mit
Behinderungen und deren Organisationen bei der
Entwicklung, Umsetzung und dem Monitoring des
Schutzkonzepts entwickelt werden.

Erfassung von Geflüchteten
mit Behinderungen und deren
Unterstützungsbedarfe
Wie in den allgemeinen Mindeststandards dargestellt,
ist die Einrichtung dazu verpflichtet, menschenwürdige
Standards für den Aufenthalt und die Grund- und
Menschenrechte aller Bewohner_innen zu achten
(diese beinhalten das Verbot von Diskriminierung und
das Menschenrecht auf angemessene Vorkehrungen5).
Die Einrichtungsleitung erfasst zu diesem Zweck
Geflüchtete mit Behinderungen und deren spezifische

2. Vgl. Abschließende Bemerkungen zum Staatenbericht Deutschland, 13. Mai 2015, Seite 11.
3. Vgl. Gemeinsame Erklärung des UN-Fachausschusses zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen und des UNFachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu Menschen mit Behinderungen im Kontext von Flucht und Migration, 2017, http://
www.ohchr.org/en/hrbodies/crpd/pages/crpdindex.aspx, Stand:26.05.17.
4. Vgl. Abschließende Bemerkungen zum Staatenbericht Deutschland, 13. Mai 2015, Seiten 4-5.
5. Artikel 2 der UN-Behindertenrechtskonvention.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

39

Bedarfe in der Einrichtung. Darüber hinaus bildet
die Einrichtung ihr Personal so fort, dass es für das
Erkennen von und den interkulturellen Umgang mit
Menschen mit Behinderungen sensibilisiert ist und
ihm die ersten Schritte in der Unterstützung von sowie
Hilfeleistungen für Menschen mit Behinderungen in
Deutschland bekannt sind.

Partizipative Risikoanalyse
Die in den allgemeinen Mindeststandards für das
Schutzkonzept zugrunde gelegte einrichtungsinterne
partizipative Risikoanalyse ist nur aussagekräftig,
wenn Menschen mit Behinderungen vorher erfasst
wurden und Maßnahmen zu ihrem Schutz sowie
angemessene Vorkehrungen und Unterstützung in das
Schutzkonzept aufgenommen werden. Dabei ist zu
beachten, dass Menschen mit Behinderungen keine
homogene Gruppe sind und es dementsprechend
einer differenzierten Analyse und verschiedener
Unterstützungen bedarf. Gegebenenfalls kann auch
eine besondere Risikoanalyse für Bewohner_innen
mit Behinderungen durchgeführt werden. In beiden
Fällen ist das besondere Risiko von Menschen
(insbesondere Mädchen und Frauen) mit kognitiven
Beeinträchtigungen, psychischen Erkrankungen
sowie gehörlose und blinde Mädchen und Frauen,
sexuell belästigt oder missbraucht zu werden, zu
beachten. Gleichzeitig ist dafür Sorge zu tragen, dass
Handlungsmaßnahmen und Dienstanweisungen,
die aufgrund der Risikoanalyse umgesetzt werden,
nicht zur Stigmatisierung der Betroffenen führen und
damit womöglich das Risiko, von Gewalt betroffen
zu werden, noch weiter erhöhen. Maßnahmen der
Förderung der Selbstbestimmung der Bewohner_innen
mit Behinderungen sind mit aufzunehmen.

Partizipativ, transparent und offen
zugänglich
Menschen mit Behinderungen werden in die
Risikoanalyse sowie die Umsetzung und das
Monitoring der Umsetzung des Schutzkonzepts
aktiv einbezogen. Es findet ein kultursensibler
Austausch mit ihnen zu ihren Schutz- und
Unterstützungsbedarfen sowie ihren Präferenzen
statt. Nur so können spezifische Risiken und
Barrieren, aber auch die Potenziale von Menschen
mit Behinderungen identifiziert werden, sich an der
Umsetzung und dem Monitoring des Schutzkonzepts

zu beteiligen. Bei Bedarf sollten zur Unterstützung
z. B. Gebärdensprachdolmetscher_innen oder
auch Sprach- oder Kulturdolmetscher_innen zur
Verfügung stehen. Gerade im Falle von Kindern mit
Behinderungen sollten kindgerechte, kreative Medien
(Kunst) und spielerische Methoden (die für Kinder mit
verschiedenen Formen von Behinderungen zugänglich
sind) genutzt werden, damit sie ihre Ansichten über
ihre Bedarfe und Präferenzen ausdrücken können. Des
Weiteren ist es wesentlich, dass die Betroffenen und
ihre Familien das deutsche Hilfesystem und die Idee
der Behindertenhilfe kennen. Aspekte wie Teilhabe an
der Gesellschaft und umfängliche Selbstbestimmung
trotz einer Behinderung sollten kultursensibel 		
übersetzt werden.
Das Schutzkonzept ist so zu formulieren
(beispielsweise in Leichter Sprache, in Piktogrammen,
durch die Verwendung der jeweiligen Gebärdensprache
oder Brailleschrift), dass Menschen mit Behinderungen
barrierefreien Zugang zu diesem haben. Es wird
zusätzlich auch mündlich vermittelt.6

Personal und
Personalmanagement
Mindeststandard 2:

Verhaltenskodex

Die von dem Personal zu unterschreibende
Selbstverpflichtung zur Einhaltung des Verhaltenskodex
zur Prävention von, dem Schutz vor und der
Intervention bei jeder Form von Gewalt enthält
einen Passus zu den Rechten von Menschen
mit Behinderungen, aus dem hervorgeht, dass
sich die Mitarbeiter_innen, Ehrenamtlichen
und Dienstleister_innen der Unterkunft zur
UN-Behindertenrechtskonvention sowie den
Leitprinzipien Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe
und Nichtdiskriminierung bekennen. Es wird zudem
ausdrücklich auf das Beteiligungsrecht von Menschen
mit Behinderungen in all ihren Belangen hingewiesen.

Personalgewinnung und -management
Die Leitung gestaltet ein nichtdiskriminierendes
und inklusives Arbeitsumfeld. Sie kommuniziert
bei der Auswahl von neuen Mitarbeiter_innen,
Dienstleister_innen und Ehrenamtlichen, dass eine
nichtdiskriminierende und wertschätzende Haltung
vorausgesetzt wird. Darüber hinaus wird gewährleistet,

6. Durch die verbale Vermittlung werden alle Bewohner_innen erreicht, d.h. auch die Gruppe der Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und der Menschen,
die Schwierigkeiten im Umgang mit offiziellen Schriftstücken haben. Zudem bietet eine mündliche Erklärung des Schutzkonzepts die Möglichkeit, Fragen
und Unsicherheiten aufzugreifen und zu klären.

40

dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigte
Chancen für eine Anstellung zur Beschäftigung und
Freiwilligenarbeit in der Flüchtlingsunterkunft haben.
Dies sollte, soweit Beschäftigungsmöglichkeiten in
der Unterkunft für Bewohner_innen der Unterkunft
bestehen, auch die Möglichkeiten der Beschäftigung
von Bewohner_innen mit Behinderungen in der
Unterkunft einschließen. Zudem stellt die Leitung
fest, welche Mitarbeiter_innen bereits Erfahrung in
der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen haben.7
Es sollte in Erwägung gezogen werden, eine_n
Mitarbeiter_in als feste Ansprechperson innerhalb der
Einrichtung für Bewohner_innen mit Behinderungen zu
benennen. Vorrang hat aber, das gesamte Personal zum
Thema Flucht und Behinderungen zu sensibilisieren
und in diesem Bereich weiterzubilden. Gegebenenfalls
wird eine entsprechend qualifizierte haupt- oder
ehrenamtliche Person als „Behindertenbeauftragte“
eingesetzt. Menschen mit Behinderungen werden
ermutigt, sich für dieses Amt aufzustellen.

Sensibilisierung und Weiterbildung
Die Leitung organisiert auf allen Ebenen und in
allen Bereichen Sensibilisierung und Weiterbildung
zur Zusammenarbeit mit und Einbeziehung von
Geflüchteten mit Behinderungen. Themen sind unter
anderem:
ƒƒ Flucht und Behinderungen (insbesondere die
mehrdimensionale Diskriminierung von geflüchteten
Mädchen und Frauen mit Behinderungen)
ƒƒ Erkennen von Behinderungen und erste Schritte
in der Unterstützung sowie Hilfeleistungen für
Menschen mit Behinderungen in Deutschland
(insbesondere das Konzept der unterstützten
Entscheidungsfindung) respektvoller und
kultursensibler Umgang, Kommunikation mit und
Unterstützung von Geflüchteten mit verschiedenen
Formen von Behinderungen
ƒƒ Erkennen von Missbrauch, Misshandlung und
Vernachlässigung bei Menschen mit Behinderungen
ƒƒ Machtstrukturen und Gefahr von Machtmissbrauch
ƒƒ UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere der
Behinderungsbegriff (menschenrechtliches Modell8).

Interne Strukturen
und externe Kooperation
Mindeststandard 3:

Hausordnung

Die Hausordnung hebt ausdrücklich ein
Diskriminierungs- und Gewaltverbot hervor und ist
so formuliert (beispielsweise in Leichter Sprache, in
Piktogrammen oder in Brailleschrift), dass Menschen
mit verschiedenen Formen von Behinderungen
Zugang zu diesen Informationen haben. Die
Hausordnung sowie die Konsequenzen eines Verstoßes
(Abmahnung, Hausverbot etc.) werden auch mündlich
und in der jeweiligen Gebärdensprache an alle
Bewohner_innen vermittelt.

Einrichtungsinterne, feste
Ansprechpersonen
Bewohner_innen mit Behinderungen sind den in den
allgemeinen Mindeststandards erwähnten festen
Ansprechpersonen für Betroffene von Gewalt bekannt
zu machen. Diese sind für sie barrierefrei erreichbar
und ansprechbar und gehen auf die spezifischen
Bedarfe von Bewohner_innen mit Behinderungen
ein. Bei Bedarf sollten zur Unterstützung
Gebärdensprachdolmetscher_innen, Sprach- oder
Kulturdolmetscher_innen zur Verfügung stehen.

Internes Beschwerdemanagement
und unabhängige Beschwerde- und
Beratungsstelle
Das interne Beschwerdemanagement sowie die
betreiberunabhängige, neutrale Beschwerde- und
Beratungsstelle sind barrierefrei für Bewohner_
innen mit Behinderungen zugänglich. Es werden
verschiedene Sprach- und Kommunikationskanäle
und Methoden, wie zum Beispiel Gebärdensprache,
verwendet, um sicherzustellen, dass alle Bewohner_
innen über diese Stellen informiert sind und diese
Mechanismen effektiv nutzen können.

Aktiv über Rechte und Hilfsangebote
informieren – Abbau von Sprach- und
Kommunikationsbarrieren
Alle Bewohner_innen werden für das Erkennen von
Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung
sensibilisiert. Insbesondere Bewohner_innen mit
Behinderungen werden über die Teilhabe- und
Unterstützungsleistungen, die es in Deutschland
für Menschen mit Behinderungen gibt, informiert

7. Heilpädagogische, rehabilitationspädagogische, physiotherapeutische, logopädische, psychotherapeutische, pflegerische oder medizinische Expertise/
Handlungskompetenzen oder Erfahrungen der Assistenz oder Unterstützung von Menschen mit Behinderungen sind wünschenswert.
8. Vgl. http://www.inklusion-als-menschenrecht.de/gegenwart/zusatzinformationen/die-un-behindertenrechtskonvention-als-inklusionsmotor/.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

41

sowie darüber, wer mit welchem Status Zugang
zu diesen Leistungen und/oder Hilfsmitteln hat.
Es werden auch generelle Informationen zu
den Rechten von Menschen mit Behinderungen
vermittelt.9 Dabei sind geeignete Maßnahmen zu
ergreifen, um nicht nur Sprachbarrieren, sondern
auch Kommunikationsbarrieren zu überwinden.10
Es ist u. a. sicherzustellen, dass es qualifizierte
Gebärdensprachdolmetscher_innen, Sprach- oder
Kulturdolmetscher_innen gibt, die für Menschen mit
Behinderungen übersetzen können.

Kooperationspartner_innen einbinden
Die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe und
Selbstvertretung sowie der Behindertenhilfe
ist sehr wichtig. Es werden entsprechende
Organisationen von Menschen mit Behinderungen,
Dienstleistungsanbieter_innen für Menschen
mit Behinderungen, Gesundheitsfachkräfte,
Reha- und Medizintechniker_innen und andere
fachkundige Ansprechpartner_innen und Stellen
identifiziert und mit in die von den allgemeinen
Mindeststandards vorgesehene Adressdatenbank
aufgenommen. Die Kooperation wird aktiv gestaltet.
Fachberatungsstellen zu Gewalt sowie Netzwerke von
Frauen mit Behinderungen werden eingebunden.11
Auch Migrant_innenselbsthilfeorganisationen,
fachkundige Anwält_innen und die Polizei werden
einbezogen und es werden entsprechend qualifizierte
Sozialarbeiter_innen, Pädagog_innen und Psycholog_
innen identifiziert, die geflüchtete Menschen mit
Behinderungen psychosozial unterstützen können.
Darüber hinaus sollen barrierefreie und inklusive
Integrationskurse und Selbsthilfegruppen für
Menschen mit Behinderungen identifiziert und
zugänglich gemacht werden. Sind diese vor Ort
nicht vorhanden, sollte mit einer Trägerorganisation,
die diese Kurse vor Ort anbieten kann, ein solches
Angebot entwickelt werden.12 Wesentlich ist auch die
Kooperation mit den Kindertagesstätten und Schulen,
die die Kinder mit Behinderungen besuchen. Zudem
sollte über die Einbindung von Kooperationspartner_
innen die Teilnahme von Bewohner_innen mit
Behinderungen an der Gesellschaft aktiv unterstützt
werden, beispielsweise über Freizeitaktivitäten und

Nachbarschaftshäuser. Die kommunalen Beauftragten
für die Belange von Menschen mit Behinderungen
werden regelmäßig über die Fortschritte in der
Einrichtung informiert.

Prävention,
Umgang mit Gewalt- und
Gefährdungssituationen/
Risikomanagement
Mindeststandard 4:

Erkennen von Gewalt

Das Personal wird hinsichtlich der besonderen
Gefährdung von geflüchteten Menschen mit
Behinderungen sensibilisiert. Auch wird es darin
geschult, die erhöhte Gefährdung wahrzunehmen,
die die Überschneidung von Geschlecht, Alter und
Behinderung mit sich bringen kann. Zum Beispiel
besteht ein erhöhtes Risiko für Frauen und Mädchen
mit Behinderungen, Opfer von sexualisierter Gewalt
zu werden.

Standardisierte Verfahrensweise bei
Gewaltvorfällen
Die Einrichtung stellt sicher, dass Fälle von Gewalt
gegen oder Missbrauch von Menschen mit
Behinderungen erkannt, in einem festgelegten
Verfahren gemeldet und die Betroffenen entsprechend
unterstützt und/oder an Hilfs- oder Beratungsstellen
vermittelt werden. Menschen mit Behinderungen
werden über ihre Rechte auf Schutz- und
Beratungsangebote angemessen, kultursensibel und
in zugänglichen Formaten aufmerksam gemacht.
Angehörige von Geflüchteten mit Behinderungen und
andere Bewohner_innen werden über das besondere
Risiko für Menschen mit Behinderungen, Betroffene
von Gewalt zu werden, informiert und sensibilisiert, so
dass sie Anzeichen von Gewalterfahrungen schneller
und besser erkennen und aktiv werden können.

Betreuung nach Gewalt und Rechte der
Opfer geltend machen
Es wird sichergestellt, dass Menschen mit
Behinderungen, die von Gewalt betroffen sind,
psychosoziale und bei Bedarf therapeutische,
kultursensible Unterstützung erhalten, sensibel und

9. mit Bezug auf die UN-Behindertenrechtskonvention, Nationaler Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, entscheidende
Sozialgesetzbücher, die EU-Aufnahmerichtlinie und das Asylbewerberleistungsgesetz etc.
10. Zum Beispiel sollten Informationen in Leichter Sprache, Gebärdensprache und durch Bilder und Piktogramme sowie in großer Schrift oder Brailleschrift
und durch akustische Signale für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen dargestellt werden.
11. Für weitere Informationen siehe Adressen unter www.weibernetz.de/links.html, www.frauen-gegen-gewalt.de und www.suse-hilft.de.
12. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat besondere Rahmenbedingungen für Integrationskurse für Menschen mit Behinderungen
veröffentlicht. Sollten sich vor Ort Schwierigkeiten bei der Genehmigung ergeben, wird empfohlen das BAMF darüber zu informieren. http://www.bamf.
de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Integrationskurse/Kurstraeger/Traegerrundschreiben/2016/traegerrundschreiben-18_20160908.html.

42

angemessen unterstützt und/oder an Hilfs- oder
Beratungsstellen vermittelt werden. Bei der Vermittlung
an externe Beratungs- und Unterstützungsdienste
(Fachberatungsstellen, Frauenhäuser,
Schutzwohnungen etc.) werden deren Barrierefreiheit
beachtet und die spezifischen Bedarfe von
Bewohner_innen mit Behinderungen berücksichtigt.
Empowerment von Menschen mit Behinderungen
ist wesentlich zur Ausübung des Rechts auf
Selbstbestimmung und zur Abwehr sexualisierter und
anderer Formen von Gewalt.

Mindeststandard 5: Menschenwürdige,
schützende und fördernde
Rahmenbedingungen

wenn dies nicht möglich ist, sie in eine barrierefreie
Einrichtung umziehen können. Dabei muss der Bedarf
an barrierearmer Folgeunterbringung beachtet werden.

Kinderfreundliche Orte und Angebote
Kinder mit Behinderungen haben häufig erschwerten
Zugang zu psychosozialen Angeboten, einschließlich
kinderfreundlicher Orte und Angebote. Häufig
gehen das Personal, die Familien von Kindern mit
Behinderungen und andere Kinder davon aus, dass
Kinder mit Behinderungen separate oder spezialisierte
Programme oder Angebote benötigen. Die Leitung
der Einrichtung und das Personal in kinderfreundlichen
Orten müssen daher deutlich machen, dass diese
Bereiche und Angebote an alle Kinder in der Unterkunft
gerichtet sind.

Barrierefreie Unterbringung

Es muss, unter Berücksichtigung der verschiedenen
Formen von Behinderungen, eine umfassende
barrierefreie Unterbringung von Geflüchteten mit
Behinderungen geben. Alle wichtigen Orte müssen
barrierefrei erreichbar sein, wie z. B. Sanitäranlagen,
Speisesaal, Küche, Beratungsangebote, Schutzraum,
kinderfreundliche Räume, Krankenstation
und Gemeinschaftsbereiche. Rettungswege
müssen barrierefrei sein. Um die Barrierefreiheit
der Unterbringung zu gewährleisten, sollten
Barrierefreiheitsprüfungen durchgeführt werden,
in denen zusammen mit Bewohner_innen mit
Behinderungen sowie gegebenenfalls ihren
Angehörigen und/oder Betreuer_innen die Einrichtung
begangen wird, um Barrieren zu ermitteln und von den
Betroffenen selbst Vorschläge dazu zu erhalten, wie
diese Barrieren abgebaut werden können.
Bei der Aufteilung von Wohneinheiten werden die
Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und
ihren Angehörigen/Betreuungspersonen berücksichtigt.
Beispielsweise wird darauf geachtet, dass Familien mit
Kindern oder Jugendlichen mit Behinderungen in der
Nähe von barrierefreien Sanitäranlagen untergebracht
sind. Maßgeblich für eine Unterbringung in
Familienstrukturen ist das Wunsch- und Wahlrecht der
geflüchteten Menschen mit Behinderungen und ihrer
Angehörigen. Familien dürfen nicht gegen ihren Willen
getrennt werden.
Wenn eine Einrichtung nicht barrierefrei ist, wird sich
darum bemüht, dass Geflüchteten mit Behinderungen
unter Berücksichtigung ihrer Bedarfe schnellstmöglich
entweder eine barrierefreie Wohnung auf dem
allgemeinen Wohnungsmarkt vermittelt wird, oder,

Kinderfreundliche Räume sind so zu konzipieren und
lokalisieren, dass sie für alle Kinder, einschließlich
Kinder mit Behinderungen, barrierefrei zugänglich
und nutzbar sind. Um die Barrierefreiheit der
kinderfreundlichen Räume zu gewährleisten, sollten im
Rahmen einer Bedarfsanalyse zu kinderfreundlichen
Orten und Angeboten, Barrierefreiheitsprüfungen
speziell dieser Orte durchgeführt werden. Kinder und
Jugendliche mit Behinderungen sowie gegebenenfalls
ihre Angehörigen und/oder Betreuer_innen werden
in diese Prüfungen miteinbezogen. Hierzu findet
zusammen mit den Kindern eine Begehung der
Einrichtung statt, um Barrieren zu ermitteln, und von
den Kindern selbst Vorschläge dazu zu erhalten, wie
diese Barrieren abgebaut werden können.
Kinder mit Behinderungen und ihre Eltern werden
über die Existenz dieser Räume in Kenntnis gesetzt.
Die Angebote werden in ihrer Organisation und
Durchführung inklusiv ausgerichtet. Spiele, Lieder
und andere Aktivitäten werden so gestaltet, dass
sie für alle Kinder zugänglich sind. Darüber hinaus
werden für kinderfreundliche Orte Spielsachen und
Spielmaterialien beschafft, die alle Sinne ansprechen.
Das Personal, welches in kinderfreundlichen Orten
tätig ist (auch ehrenamtlich Tätige), ist für das
Erkennen von und den interkulturellen Umgang mit
Kindern mit Behinderungen zu sensibilisieren sowie
für das Erkennen von Signalen von Gewalt und
Vernachlässigung bei Kindern mit Behinderungen. Es
ist überdies darüber informiert, welche Personen oder
Stellen dafür zuständig sind, angemessene und/oder
spezialisierte Unterstützung und Hilfeleistungen 		
zu vermitteln.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

43

Eltern von Kindern mit Behinderungen werden
verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten angeboten,
wie zum Beispiel der Zugang zu Elternselbsthilfeund anderen Gruppen und Vereinen. Über relevante
externe Aktivitäten und Unterstützungsangebote
wird informiert. Es wird sich bemüht, spezifische
Bedarfe von Müttern und Vätern von Kindern mit
Behinderungen zu erkennen und ihnen die jeweils
notwendige Unterstützung zu geben. Es findet ein
aktiver Austausch mit Eltern mit Behinderungen statt
und es wird ihnen bedarfsspezifische Unterstützung,
z. B. durch Elternassistenz, angeboten.

Geschützte Gemeinschaftsräume, MutterKind-Räume und Entspannungsangebote
Da Menschen mit Behinderungen in besonderer
Weise von Exklusion betroffen sein können, müssen
geschützte Gemeinschaftsräume – auch Mutter-KindRäume für Frauen unmittelbar nach der Geburt – für
Menschen mit Behinderungen zugänglich sein und
sie müssen über diese in Kenntnis gesetzt werden.
Zudem ist eine Rückzugs- und Austauschmöglichkeit
insbesondere für Menschen mit psychischen
Erkrankungen wichtig.

mit Behinderungen bestehen14 und inwiefern
Maßnahmen, um bestehende Barrieren zu reduzieren,
greifen. Erfolge bei der Erkennung und Erfüllung
von Schutzbedürfnissen von Bewohner_innen mit
Behinderungen werden dokumentiert.

Beteiligung von Bewohner_innen mit
Behinderungen und Organisationen von
Menschen mit Behinderungen
Bewohner_innen mit Behinderungen werden direkt
am Monitoring und der Evaluierung der Umsetzung
des Schutzkonzepts beteiligt. Darüber hinaus werden
Organisationen von Menschen mit Behinderungen
bei der Entwicklung und Umsetzung des Monitoringund Evaluierungskonzepts der Einrichtung beratend
hinzugezogen. Zudem wird diesen Organisationen
ermöglicht, selbst regelmäßige, unabhängige,
partizipative Überprüfungen durchzuführen. Über
Rückkoppelungsmechanismen, die für Menschen mit
Behinderungen zugänglich sind, sollten die Ergebnisse
dieser Überprüfungen in die Weiterentwicklung des
Schutzkonzepts der Unterkunft einfließen.

Monitoring und
Evaluierung des Schutzkonzepts
Mindeststandard 6:

Systematische Einbeziehung der Situation
von Menschen mit Behinderungen

Das regelmäßige Monitoring und die Evaluierung der
Umsetzung des Schutzkonzepts bezieht systematisch
die Situation von Menschen mit Behinderungen mit
ein.13 Daten werden nach Behinderungsarten, Alter
und Geschlecht unter Beachtung der geltenden
datenschutzrechtlichen Bestimmungen des Bundes
und der Länder erhoben und aufgeschlüsselt. Es wird
darauf geachtet, dass die Situation von Gruppen von
Menschen, die häufig im routinemäßigen Monitoring
und in der Evaluierung übersehen werden, mit
einbezogen werden, wie beispielsweise die Situation
von Menschen mit Mehrfachbehinderungen und
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und
psychischen Erkrankungen. Es werden über das
Monitoring und die Evaluierung Informationen darüber
gesammelt, welche Barrieren für Bewohner_innen

13. Dies ist in Übereinstimmung mit Artikel 31 (zu „Statistik und Datensammlung“) der UN-Behindertenrechtskonvention.
14. Kommunikationsbarrieren im Berichten von Missbrauch, diskriminierendes Verhalten des Personals, unzugängliche kinderfreundliche Orte usw.

44

Glossar B

Angemessene Vorkehrungen – Angemessene
Vorkehrungen sind gemäß der Definition in Artikel 2
der UN-Behindertenrechtskonvention „notwendige
und geeignete Änderungen und Anpassungen, die
keine unverhältnismäßige oder unbillige Belastung
darstellen und die, wenn sie in einem bestimmten
Fall erforderlich sind, vorgenommen werden, um zu
gewährleisten, dass Menschen mit Behinderungen
gleichberechtigt mit anderen alle Menschenrechte
und Grundfreiheiten genießen oder ausüben können“.
Das kann eine alltägliche Unterstützung, wie die
Bereitstellung von Strohhalmen, oder auch eine
umfangreiche bauliche Veränderung sein. Insbesondere
fällt darunter auch die Anpassung von Arbeits- und
Organisationsabläufen, beispielsweise Teilzeit-Arbeit
anzubieten oder Besprechungstermine nur in für die
betroffene Person günstige Zeiten zu legen.31

Bestandteil der von allen Mitgliedstaaten der EU
unterzeichneten UN-Behindertenrechtskonvention.33
Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne
Behinderungen von Anfang an gemeinsam in
allen Lebensbereichen selbstbestimmt leben und
zusammenleben.34

Empowerment – engl., wörtlich
„Selbstermächtigung“, besser: Selbstkompetenz oder
Ermöglichung von Mündigkeit. Der Begriff stammt
aus der Psychologie und Sozialpädagogik und wird in
der Regel nicht übersetzt. Empowerment zielt darauf,
dass sich Menschen in den Stand versetzen bzw.
durch Maßnahmen in den Stand versetzt werden, ein
mündiges, selbstbestimmtes Leben zu führen und ihre
Belange persönlich wie politisch zu artikulieren und zu
vertreten. Im Mittelpunkt steht dabei die Stärkung der
vorhandenen Potenziale der Menschen.35

Barrierefreiheit – Bezeichnet den umfassenden
Zugang und die uneingeschränkte Nutzungschance
aller gestalteten Lebensbereiche. Letztere sind alle
Bereiche, die von Menschen gestaltet werden, also
u. a. Gebäude, öffentliche Verkehrsmittel und befestigte
Wege, aber auch Informationen, z. B. in Form von
Texten, auf Hinweistafeln oder auf Internetseiten. Die
Menschen sollen ohne besondere Erschwernis und
grundsätzlich ohne fremde Hilfe ihren Alltag bewältigen
können.32

Einbeziehung/Inklusion – Der Begriff Inklusion
bezeichnet die gleichberechtigte Teilhabe aller
Menschen an der Gesellschaft. Dabei werden
Menschen bei der Inklusion nicht, wie noch bei der
Integration, gemäß ihren Unterschieden in Gruppen
unterteilt, sondern die Vielfalt aller Menschen wird
als Normalität angesehen. Inklusion kann z. B.
in der Schule durch Beschulung von Kindern und
Jugendlichen mit Behinderungen in Klassen an
Regelschulen erfolgen. Inklusion ist wesentlicher

Konvention über die Rechte von
Menschen mit Behinderungen (UNBehindertenrechtskonvention) – engl.: Convention
on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD).
Verabschiedet am 13. Dezember 2006, in Kraft
getreten am 3. Mai 2008. Zuständiges Vertragsorgan:
UN-Fachausschuss über die Rechte von Menschen
mit Behinderungen. Der Vertrag verpflichtet
Vertragsstaaten u. a., Diskriminierung aufgrund von
Behinderungen zu verbieten und Menschen mit
Behinderungen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung
zu gewährleisten.36

Leichte Sprache – Leichte Sprache ist ein
feststehender Begriff. Mensch zuerst – Netzwerk
People First Deutschland e. V., eine SelbstvertretungsVereinigung von Menschen mit Lernschwierigkeiten,
arbeitet seit über zehn Jahren mit Leichter Sprache und
engagiert sich für ein Recht auf Leichte Sprache. Die
Verwendung von Leichter Sprache kommt jedoch allen

31. Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte, Glossar, http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/service/glossar/#c915, Stand: 23.5.2017.
32. Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Glossar, http://www.bmas.de/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html?cms_lv2=75976, Stand:
23.5.2017.
33. Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Glossar, http://www.bmas.de/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html?cms_lv2=75820, Stand:
23.5.2017.
34. Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft, Der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention,
Bundesministerium für Arbeit und Soziales, September 2011, S. 24.
35. Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte, Glossar, http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/service/glossar/?tx_
contagged%5Bsource%5D=default&tx_contagged%5Buid%5D=593&cHash=54a48f9689ae4b35c2505002764b616d, Stand: 23.5.2017.
36. Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte, Glossar, http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/service/glossar/#c915, Stand: 23.5.2017.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

45

Leser_innen zugute, da die Texte leichter verständlich
sind. Für Leichte Sprache gibt es feststehende
Regeln: Kurze, bekannte Wörter verwenden, lange
Wörter trennen, schwere Wörter erklären, Aktiv statt
Passiv, Verben und positive Sprache nutzen, Genitiv,
Konjunktiv, Fachbegriffe, Fremdwörter, Abkürzungen
und Fragen im Text vermeiden, pro Satz nur eine
Aussage machen. Beim Übersetzen in Leichte
Sprache darf ein Text verändert werden (z. B. können
Erklärungen gegeben, Beispiele ergänzt und unwichtige
Textteile weggelassen werden). Oft wird eine
Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte eines Textes
übersetzt. Meist wird der Text durch erläuternde Bilder
ergänzt, es wird eine große Schrift verwendet. Weitere
Informationen zu Leichter Sprache: Website von
Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland
e. V.: www.people1.de/was_halt.html.37

Teilhabe – ist einer der Grundsätze der UNBehindertenrechtskonvention und meint das
gleichberechtige Einbezogensein ins gesellschaftliche,
politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben
sowie Chancengleichheit in der Bildung und
berufliche Integration. Auf Basis des Grundsatzes
gleichberechtigter Teilhabe werden für Menschen mit
Behinderungen die gleiche Qualität und der gleiche
Standard in den jeweiligen Lebensbereichen erwartet,
der auch für Menschen ohne Behinderungen gilt.38

Menschen mit Behinderungen – Zu Menschen
mit Behinderungen zählen laut Artikel 1 der UNBehindertenrechtskonvention Menschen, „die
langfristige körperliche, seelische, geistige oder
Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in
Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der
vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an
der Gesellschaft hindern können“.

37. Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte, Glossar, http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/service/glossar/#c915, Stand: 23.5.2017.
38. Siehe Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Glossar, http://www.bmas.de/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html?cms_lv2=75874, Stand:
23.5.2017; Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft, Der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention,
Bundesministerium für Arbeit und Soziales, September 2011, S. 10.

46

Annex 3

Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete Menschen
mit Traumafolgestörungen
Einleitung
Menschen mit Fluchterfahrung haben oftmals schwere
Menschenrechtsverletzungen, wie Folter, Krieg und
Menschenhandel erlebt, sexualisierte Gewalt erfahren,
wurden verfolgt oder vertrieben. Traumatische
Erfahrungen, wie sie ein großer Teil der Geflüchteten
erlitten hat, haben starken Einfluss auf ihre physische
und psychische Gesundheit. Je häufiger Menschen
vor oder auf der Flucht lebensbedrohlichen
Ereignissen ausgesetzt sind, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass sie im Laufe ihres Lebens
posttraumatische Belastungsstörungen oder
andere psychische Leiden entwickeln. Traumatische
Erfahrungen, verbunden mit dem Erleben von Angst,
Ohnmacht und Ent-Mächtigung, sind erschütternde
Erlebnisse und wirken sich oft nicht nur auf die
Individuen selbst aus, sondern z. B. auch auf deren
Familien oder nahestehende Personen. Obwohl diese
Menschen oft Orientierungshilfe und Unterstützung
brauchen, rückt vielmals in den Hintergrund, dass
die Überlebenden von Menschenrechtsverletzungen
gleichzeitig Menschen sind, die z. B. aktiv für
Gerechtigkeit oder Veränderung in der Gesellschaft
eingetreten sind und eintreten werden.
Die Reaktionen des Einzelnen auf traumatische
Erlebnisse, wie Folter oder Menschenrechtsverletzungen,
sind „normale“ Reaktionen auf „anormale“ Geschehnisse,
die in einem sozialen Kontext stattfinden, der oft
keinerlei Schutz bietet. Eine eindimensionale Sicht
auf die Traumafolgestörungen mit dem Fokus auf
das Individuum, die den Kontext oder die (psycho)
sozialen Rahmenbedingungen, sowie Ressourcen der
Betroffenen nicht berücksichtigt bzw. vernachlässigt,
ist daher zu kurz gegriffen. Denn, wenn wir von

Schutzkonzepten sprechen, kommt es darauf an,
dass das Umfeld den Aufbau von neuen konstruktiven
Beziehungen und positiven Erfahrungen ermöglicht und
die vorhandenen Selbstheilungskräfte und damit die
Genesung der Individuen unterstützt. Sogenannte „man
made disasters“, also bewusst durch Mitmenschen
zugefügte Leiden (und daraus resultierende
posttraumatische Belastungsstörungen) die, im
Gegensatz zu Naturkatastrophen, psychisch immer als
besonders schwerwiegend erlebt werden, erschüttern
verständlicherweise häufig das Sicherheitsgefühl in
sozialen Beziehungen und rütteln an den Grundfesten
der menschlichen Existenz. Für einen Großteil der Opfer
von Gewalterfahrungen sind leicht zugängliche Hilfsoder Orientierungsangebote und/oder die möglichst
schnelle aktive Einbindung in soziale Netzwerke zentral,
um die traumatischen Erlebnisse zu bewältigen oder,
um bspw. ein „ständiges Kreisen“ um die belastenden
Erinnerungen zu verhindern.
Menschen, die Traumatisches erlebt haben, können
sehr unterschiedlich auf diese psychische Belastung
reagieren. Häufig, aber nicht immer, entwickeln
Betroffene, die traumatischen Situationen ausgesetzt
waren, verschiedene Traumafolgestörungen. Unter
diesen Oberbegriff können mehrere Diagnosen fallen,
wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD),
aber auch Depressionen, körperliche Reaktionen
auf die psychische Belastung, Angst- oder auch
Suchterkrankungen. Bei Kindern und Jugendlichen kann
es außerdem zu extremen Trennungsängsten oder auch
zum Verlust bereits gelernter Fähigkeiten kommen: So
kann es passieren, dass Kinder auf einmal wieder eine
eher kleinkindliche Sprache sprechen oder, dass sie z. B.
wieder einnässen.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

47

Meist entwickeln Betroffene mehrere
Begleiterkrankungen, Komorbiditäten genannt.
Traumafolgestörungen, wie die PTSD, sind von
folgenden Symptomen gekennzeichnet:
ƒƒ Andauerndes Wiedererleben des traumatischen
Ereignisses (ungewollte „Erinnerungsattacken“,
Albträume)
ƒƒ Vermeidungsverhalten (Vermeidung von Gefühlen,
Gedanken, Personen, Orten, die an traumatische
Inhalte erinnern)
ƒƒ Übererregung (Schlaf- und Konzentrationsstörungen,
erhöhte Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit)
Posttraumatische Belastungsstörungen können
innerhalb weniger Wochen nach dem Erlebten oder,
mit Verzögerung, auch erst nach einigen Jahren
auftreten, und über eine längere Zeit andauern. Das
Risiko einer Traumafolgestörung ist bei Geflüchteten
deutlich erhöht. Studien zufolge sind zwischen 16 und
55 % der in Deutschland lebenden Geflüchteten von
einer PTSD betroffen15 – im Gegensatz zu 2,3 % der
Allgemeinbevölkerung16.
Psychische Belastungen wirken sich nicht nur auf die
Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf das
psychische Wohlbefinden enger Bezugspersonen und
vor allem auch auf das der eigenen Kinder17. Liegt eine
Traumafolgestörung bei einem Elternteil vor, fällt es
der Person oftmals schwer, dem Kind die Zuwendung
und Geborgenheit zu geben, die es braucht. Wie auch
Kinder nicht geflüchteter, psychisch belasteter Eltern,
erleben Kinder von Geflüchteten ihre Eltern über einen
längeren Zeitraum, oder immer wiederkehrend, in
extremen Gefühlszuständen, die sie verwirren oder
ängstigen können. Oft werden die Kinder entweder eng
in die Gefühlzustände mit einbezogen oder sie werden
komplett ausgeschlossen. Eltern wollen ihre Kinder
nicht belasten und sprechen deshalb oft nicht über
extreme oder lebensbedrohliche Situationen. Kinder
hören auf nachzufragen, weil sie merken, dass die Eltern
traurig werden oder verstummen. Themen werden
tabuisiert („Familiengeheimnis“) und beeinflussen so
die psychische Entwicklung der Kinder. Wenn Kinder das
Gefühl haben, Schuld an dem zu haben, was passiert
ist, sind Entwicklungsstörungen oder Krisen in Familien
nicht auszuschließen (die Schutzfunktion der Familie
wird brüchig). Andere Kinder, die ohne ihre Familie
angekommen sind, leiden oftmals massiv unter der

Trennung von ihrer Familie oder unter Schuldgefühlen und
stehen unter dem Druck, die Erwartungen ihrer Familie zu
erfüllen oder diese zu unterstützen.
Die Gruppe der Geflüchteten mit Traumafolgestörungen
stellt keine homogene Gruppe dar. Die Bedarfe der
Einzelnen unterscheiden sich oft massiv. Sie alle sind
jedoch in einem höheren Maße dem Risiko ausgesetzt,
insbesondere in Krisensituationen, physischer oder
psychischer Gewalt18 zum Opfer zu fallen. Eine erhöhte
Gefährdung kann sich durch die Überschneidung
einzelner Diskriminierungsmerkmale (z. B. Geschlecht,
politische oder religiöse Einstellung) ergeben.
Die Entwicklung von Traumafolgestörungen ist nicht
nur von der Art, der Schwere und der Häufigkeit
der traumatischen Erfahrungen abhängig, sondern
insbesondere von der Zeit danach, in der eigentlich
die Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen
beginnen könnte. Diese Zeit ist jedoch oftmals durch
weitere gewaltvolle Geschehnisse (Flucht) oder basale
Unsicherheiten (unsicherer Aufenthalt) geprägt. Auch
Zeugenschaft von Gewalt kann sich traumatisierend
auswirken. Ausschlaggebend für den Verlauf und
die Verarbeitung der Traumafolgestörung sind vor
diesem Hintergrund eine sichere Umgebung sowie
stabilisierende psychosoziale und psychotherapeutische
Unterstützungsangebote, die auch dazu beitragen
neue, sichere und vertrauensvolle soziale Beziehungen
aufzubauen.

Psychosoziale Bedingungen und
Belastungsfaktoren
Auch nach der Flucht wirken sich Belastungsfaktoren
weiter auf die Betroffenen aus und können durch
Ungewissheit darüber, ob zum Beispiel eine
Bleibeperspektive und der damit einhergehende Schutz
vor weiterer Bedrohung oder Entwurzelung gegeben ist,
noch erhöht werden.
Ängste um zurückgebliebene Familienangehörige im
Herkunftsland oder Herausforderungen und Probleme,
sich in einer neuen Sprache, in einer neuen Bildungs-,
Sozial- oder Beschäftigungsstruktur einzufinden, ein
Sich-Fremd-Fühlen oder auch, vom engen Umfeld als
anders, fremd bzw. nicht zugehörig wahrgenommen zu
werden, fehlende Selbstbestimmung und mangelnde
Möglichkeiten zur Alltagsstrukturierung, als auch das

15. Bozorgmehr et al. (2016). Systematische Übersicht und „Mapping“ empirischer Studien des Gesundheitszustands und der medizinischen Versorgung von
Flüchtlingen und Asylsuchenden in Deutschland (1990–2014). Bundesgesundheits-blatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 59(5), 599–620.
16. Jacobi et al. (2011). Zum Behandlungsbedarf an klinisch-psychologischen Interventionen. Report Psychologie, 36(3), 111–113.
17. Keilson, H. (2005). Sequentielle Traumatisierung bei Kindern: Untersuchung zum Schicksal jüdischer Kriegswaisen. Psychosozial-Verlag.
18. Im Glossar der Mindeststandards werden verschiedene Formen von Gewalt näher ausgeführt. Im Folgenden wird der Begriff „Gewalt“ genutzt,
der alle Formen von Gewalt miteinschließt

48

Fehlen von sinnstiftenden Tätigkeiten und Anerkennung,
können zu dauerhaften Belastungen führen, und erhöhen
oft das Risiko psychische Störungen zu entwickeln oder
diese zu verstärken.
Daher ist es besonders wichtig, auch in der Unterbringung
der Geflüchteten, deren psychische Belastungen und
Traumafolgestörungen, wie auch Risikofaktoren zu
erkennen. Menschen, die (sexualisierte) Gewalt oder
Übergriffe erleben mussten, benötigen zur eigenen
Stabilisierung schutzgebende Räume, in denen ihre
Privatsphäre gewahrt wird. Der Aufbau empowernder
Strukturen hilft dabei weiteren Ohnmachts- und
Gewalterfahrungen entgegen zu wirken und Sicherheit
und Kontrolle zu verstärken, um die Verarbeitung
traumatischer Erlebnisse zu ermöglichen19.

Rechtliche Verpflichtungen
Nach Art. 21 der EU-Aufnahmerichtlinie (2013/33/
EU) gehören zu den besonders schutzbedürftigen
Personengruppen u. a. auch Menschen mit psychischen
Störungen und Personen, die Folter, Vergewaltigung
oder sonstige schwere Formen psychischer oder
physischer Gewalt erlitten haben, wie z. B. Betroffene
von weiblicher Genitalverstümmelung.
Aufgrund der EU-Aufnahmerichtlinie sind Bund und Länder
verpflichtet, die besonderen Bedürfnisse schutzbedürftiger
Personen zu beurteilen und entsprechend zu berücksichtigen.
Hierunter fallen auch die erforderliche medizinische
Hilfe oder ggf. geeignete psychologische/psychosoziale
Angebote. Den Anforderungen wird in den Ausführungen
und Standards regional unterschiedlich entsprochen.
Derzeit wird die Richtlinie überarbeitet. Form und Höhe
von Gesundheitsleistungen für Asylsuchende in
Deutschland sind durch das Asylbewerberleistungsgesetz
festgelegt (§§ 4,6 AsylbLG)20.

Wie können Traumafolgestörungen erkannt
werden?
Da Menschen, die Traumatisches erlebt haben, sehr
unterschiedlich auf diese Belastung reagieren können,
ist es nicht immer leicht, Traumafolgestörungen zu
erkennen. Einige Personen wirken eher reizbar und
teilweise selbst- oder auch fremdaggressiv, und sind
möglicherweise auch häufiger in Konflikte in den
Unterkünften involviert.

Aber auch Rückzug und Isolation sind typische
Reaktionen. Der Unterstützungsbedarf wird dann
oftmals von Mitarbeitenden in den Unterkünften nicht
oder nicht rechtzeitig erkannt.
Psychische Störungen, Gewalt- oder Foltererfahrungen
werden oftmals weder im Aufnahmegespräch noch in
der Erstuntersuchung registriert und aus Scham oder
aufgrund von fehlendem Vertrauen nicht berichtet. Um
den Schutz von Geflüchteten mit Traumafolgestörungen
sicherzustellen, muss auch im alltäglichen Kontakt auf
Hinweise geachtet werden, damit die Bedarfe frühzeitig
erkannt werden und bedarfsgerechte Interventionen
darauf folgen.

Zugang zu Hilfsangeboten
Problematisch ist, dass ein gleichberechtigter
Zugang, unabhängig von Aufenthaltsstatus
und Aufenthaltsdauer, zu psychosozialer bzw.
psychotherapeutischer Versorgung nicht gewährleistet
ist. Bestehende Angebote oder Anlaufstellen
sind unübersichtlich und es liegt häufig wenig
Wissen darüber vor. Wichtig ist demnach, dass
u. a. Mitarbeitende in Unterkünften, aber auch
Geflüchtete selbst, gut über bestehende Hilfs- und
Unterstützungsangebote für geflüchtete Menschen
mit traumatischen Erfahrungen informiert sind.
Bestehende Hilfsangebote21 können den Bedarf
an sprachmittlungsgestützter psychosozialer
Unterstützung, sozialer und alltagspraktischer
Begleitung und psychotherapeutischer Betreuung
bisher nicht decken. Daher ist auch das Wissen über
Hürden (Sprachbarrieren, lange Wartezeiten, lange
Fahrtwege etc.) bei der bedarfsgerechten Versorgung
für die Mitarbeitenden bedeutsam, damit keine
falschen Hoffnungen bei den Betroffenen geweckt
werden und Strategien gefunden werden können,
diese Barrieren gemeinsam zu überwinden.

Sensibilisierung
Bedarf besteht daher bei der Schulung und
Sensibilisierung des Personals in den Unterkünften
zum kultur- und traumasensiblen Umgang mit
Betroffenen und dem Erkennen von Frühwarnzeichen,
um sowohl eine mögliche Gefährdung der geflüchteten
Person selbst als auch die Gefährdung anderer zu
vermeiden22. Hierzu zählen auch die Aufklärung
der Geflüchteten mit Traumafolgestörungen und

19. Mehr im Praxisleitfaden zum traumasensiblen und empowernden Umgang mit Geflüchteten der BAfF e.V.
20. Wer wann leistungsberechtigt ist und welche Leistungen (nicht) inbegriffen sind, wird im Praxisleitfaden zum trauma-sensiblen und empowernden Umgang
mit Geflüchteten der BAfF e.V. erläutert (S. 33ff.)
21 Bundesweite Übersicht an Hilfsangeboten und Ansprechpartnern im Praxisleitfaden zum traumasensiblen und em-powernden Umgang mit Geflüchteten der
BAfF e.V. (S. 78ff.)
22. Mehr im Praxisleitfaden zum traumasensiblen und empowernden Umgang mit Geflüchteten der BAfF e.V. (S. 11ff.)

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

49

ihrer Unterstützer_innen (Familie, Freund_innen,
Ehrenamtliche etc.) über Rechte, Angebote und
Unterstützungsmöglichkeiten. Die Bereitstellung
eines bedarfsgerechten, schützenden Umfelds in den
Unterkünften für Menschen mit Traumafolgestörungen,
und nicht zuletzt von besonderen Unterkünften für
besonders Schutzbedürftige, ist dabei eine zentrale
Rahmenbedingung.
Mithilfe dieses Annexes sollen die einzelnen
Mindeststandards um die Bedarfe und Besonderheiten
im Umgang mit traumatisierten Geflüchteten ergänzt
werden.

Einrichtungsinternes Schutzkonzept

Mindeststandard 1:

Das in den Mindeststandards festgelegte
einrichtungsinterne Schutzkonzept muss die
psychischen und physischen Belastungen von
traumatisierten Geflüchteten berücksichtigen
und die Bedarfe ermitteln. Hinweise müssen von
den Mitarbeitenden aufgenommen werden. Für
die Ermittlung der spezifischen Bedarfe sollten
die Einrichtungen mit spezialisierten Strukturen
(siehe unten) im Gesundheitswesen vernetzt
sein. Alle Mitarbeiter_innen, jedoch mindestens
ein_e Mitarbeiter_in, soll in jeder Einrichtung als
Ansprechpartner_in zur Verfügung stehen und
besonders für die Hinweisaufnahme geschult sein.

Erfassung von Geflüchteten mit
Traumafolgestörungen und deren
Unterstützungsbedarfe
Um der Verpflichtung nachzugehen, menschenwürdige
Standards für den Aufenthalt zu schaffen, sollte eine
Hinweisaufnahme und Einschätzung der besonderen
Bedarfe in den ersten Tagen nach der Aufnahme bis
maximal 14 Tage nach der Aufnahme erfolgen, bspw.
im Rahmen eines persönlichen Gesprächs oder ggf.
einer psychosozialen Sprechstunde. Die Einrichtung
bzw. Unterkunft sollte das für die Risikoanalyse und
Erfassung von Risiko- und Schutzfaktoren eingesetzte
Personal besonders für die Erkennung von Hinweisen
schulen. Hierzu zählen u. a. Berichte über Erfahrungen
von Folter, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung und
andere schwere Gewaltformen, Erscheinungsformen
psychischer Belastung und psychische Störungen.
Bei der Beurteilung der besonderen Bedarfe handelt
es sich nicht um einen einmalig durchgeführten und

dann abgeschlossenen Prozess. Daher sollte auch
zu jedem späteren Zeitpunkt eine solche Beurteilung
durchgeführt werden können. Des Weitern muss
die Kommunikation so gestaltet sein, dass sie eine
Hinweisaufnahme so leicht wie möglich macht: D. h.
Offenheit und Gesprächsbereitschaft signalisieren,
wenn nötig, Sprachmittlung mit einbeziehen oder
dass bei geschlechtsspezifischer Gewalt z. B. auf
eine weibliche Beratungsperson zurückgegriffen wird.
Wichtig ist auch die Grundprinzipien der kultursensiblen
Gesprächsführung und einen angemessenen Umgang
mit Krisensituationen23 zu gewährleisten. Die Standards
der Gesprächsführung müssen folglich beachtet bzw.
eingehalten werden, u. a. um eine Reaktivierung von
traumatischen Erinnerungen zu vermeiden. Auch eine
ggf. hinzugezogene sprachmittelnde Person sollte
hinsichtlich des traumasensiblen Umgangs geschult
sein und sorgfältig, je nach Bedarf der Person,
ausgewählt werden: So kann es z. B. für Frauen, die
eine Vergewaltigung erleiden mussten, unumgänglich
sein, dass die dolmetschende Person weiblich ist, um
überhaupt über den Vorfall berichten zu können.
Ziel ist, neben der Hinweisaufnahme, eine qualifizierte
Information, Beratung und Weitervermittlung
an entsprechende Strukturen nach freier Wahl
sicherzustellen. Die beratende Person hat somit eine
orientierende und koordinierende Rolle. Bei Bedarf
kann bei der ersten Hinweisaufnahme außerdem
externe Unterstützung herangezogen werden.
Nach der Hinweisaufnahme muss die fachspezifische
Feststellung von psychischen Erkrankungen
und anderen Unterstützungsbedarfen durch
entsprechende Fachstellen/Fachkräfte (Psychosoziale
Behandlungszentren, Ambulanzen, Kliniken,
niedergelassene Psychotherapeut_innen und
Ärzt_innen, spezialisierte Fachberatungsstellen z.
B. für geschlechtsspezifische Gewalt oder für Opfer
von Menschenhandel) durchgeführt werden, die
für die Feststellung der Bedarfe von besonders
schutzbedürftigen Flüchtlingen qualifiziert und
entsprechend ausgestattet sind.

Partizipativ, transparent und offen
zugänglich
Geflüchtete mit Traumafolgestörungen haben das
Recht, an allen für sie betreffenden Entscheidungen
teilzuhaben und sich einzubringen. Der Umgang mit

23. „Das Betreuungspersonal für Opfer von Folter, Vergewaltigung und anderen schweren Gewalttaten muss im Hinblick auf die Bedürfnisse der Opfer
adäquat ausgebildet sein und sich angemessen fortbilden.“ (Art. 25 Abs. 2 EU-Aufnahmerichtlinie).

50

Geflüchteten, die durch Traumafolgestörungen belastet
sind, ist oftmals defizitorientiert. Für die Risikoanalyse
ist es jedoch besonders wichtig, auch die Ressourcen
der Betroffen zu erfragen und zu erfassen. Um
Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht entgegen
zu wirken, hat die Förderung der Selbstbestimmung
der Geflüchteten mit Traumafolgestörungen eine
hohe Priorität. Nahestehende Personen, die
die Besonderheiten aufgrund der psychischen
Erkrankung gut kennen, können in Vertreterschaft/zur
Unterstützung in die Risikoanalyse mit einbezogen
werden. Hierbei bedarf es einer sorgfältigen Prüfung,
damit nicht etwa Täter_innen die Vertreterschaft
übernehmen (s. Mindeststandard 4). Ergänzend kann
mit entsprechend spezialisierten, lokalen Einrichtungen
und Netzwerken Rücksprache über das Schutzkonzept
gehalten werden.

Sensibilisierung und Weiterbildung
Alle Mitarbeitenden sollten für die Bedarfe von
Geflüchteten mit Traumafolgestörungen sensibilisiert
werden und Kenntnisse über deren möglichen Ängste
und Schamgefühle haben. Sie sollten psychische
Erkrankungen oder Gewalterfahrungen der Betroffenen
kommunizieren und Hilfen einfordern. Das Personal
sollte darüber hinaus über Deeskalationsstrategien
für selbst- und fremdaggressive Geflüchtete
mit Traumafolgestörungen verfügen bzw. darin
geschult werden. Es sollte des Weiteren Wissen zu
Frühwarnzeichen von Traumafolgestörungen, Techniken
zur beratenden Gesprächsführung und Stabilisierung
sowie Handlungssicherheit im Umgang mit
Krisensituationen und psychischen Zusammenbrüchen
aufweisen25.

Wohlbefinden des Personals
Vertraulichkeit und Privatsphäre schützen
Psychische Erkrankungen und das im allgemeinen
Sprachgebrauch „Verrückt-Sein“ sind oftmals
stark negativ oder schamvoll besetzt. Auch
Gewalterfahrungen werden von Betroffenen sehr oft
verschwiegen und als Schwäche ausgelegt, weswegen
die Angst groß sein kann, psychische Belastungen
auch im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis
auszusprechen. Die in der Risikoanalyse identifizierten
Merkmale und Schutzbedarfe dürfen nicht zur
weiteren Stigmatisierung und Ausgrenzung führen.
Vertraulichkeit muss garantiert sein. Dabei ist darauf zu
achten, dass den Betroffenen zu Beginn Informationen
über die Schweigepflicht und die Vertraulichkeit im
Umgang mit traumatischen Erfahrungen, Gewalt und
psychischen Belastungen auch unter Einschluss der
Sprachmittler_innen klar vermittelt werden24.

Mindeststandard 2: Personal und
Personalmanagement

Verhaltenskodex und Selbstverpflichtung
Im Verhaltenskodex ist verankert, dass alle in einer
Unterkunft tätigen Personen sich dazu verpflichten,
keine stereotypen Unterstellungen, abschätzigen
verbalen und/oder nonverbalen Äußerungen gegenüber
Personen mit Traumafolgestörungen und psychischen
Belastungen vorzunehmen (siehe Mindeststandards).

Durch Berichte über traumatische Erlebnisse, Verluste
und Gewalterfahrungen werden Mitarbeitende
in den Unterkünften stark belastet und zusätzlich
herausgefordert. Die wiederholte Konfrontation mit
Details über die traumatischen Ereignisse, kann zum
Auftreten von Symptomen einer Traumafolgestörung
bei den Beratenden führen. Angemessene und
unterstützende Arbeitsstrukturen tragen dazu
bei, traumaspezifischen Burnout-Erscheinungen
vorzubeugen. Daher sollten die Mitarbeitenden zur
regelmäßigen Teilnahme an Supervisionen ermutigt
und bei der Selbstfürsorge unterstützt werden,
sowie darin bestärkt werden, sich bei Bedarf externe
Unterstützung zu suchen, um so für Entlastung des
Personals zu sorgen.

Mindeststandard 3: Interne Strukturen
und externe Kooperation

Einrichtungsinterne, feste Ansprechpersonen

In der Einrichtung sollte eine fest angestellte
Ansprechperson speziell für die Bedarfe der
betroffenen Geflüchteten mit Traumafolgestörungen
und deren Angehörigen erreichbar sein. Die
Ansprechperson sollte allen Bewohner_innen bekannt
sein. Im Rahmen einer Sprechstunde soll es ermöglicht
werden, über Erfahrungen mit Gewalt zu sprechen.

24. „Das in den Unterbringungszentren eingesetzte Personal muss angemessen geschult sein und unterliegt in Bezug auf die Informationen, die es durch
seine Arbeit erhält, der Schweigepflicht, wie sie im einzelstaatlichen Recht vorgesehen ist.“ (Art. 18, Abs. 7 EU-Aufnahmerichtlinie)
25. Mehr im Praxisleitfaden zum traumasensiblen und empowernden Umgang mit Geflüchteten der BAfF e.V.
26. Mehr im Praxisleitfaden zum traumasensiblen und empowernden Umgang mit Geflüchteten der BAfF e.V. (S.42ff.)

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

51

Die Beratung sollte möglichst niedrigschwellig,
frei zugänglich und diskret sein. Es sollte je nach
Bedarf auch eine gleichgeschlechtliche Beratung
(inklusive Sprachmittlung) möglich sein. Gerade die
einrichtungsinterne Ansprechperson, der Bewohnende
möglicherweise Gewalterfahrungen berichten, sollte
darin geschult sein, im Gespräch mögliche Auslöser für
die Reaktualisierung von traumatischen Erfahrungen zu
erkennen und ggf. stabilisierend einzugreifen26.

Aktiv über Rechte und Hilfsangebote
informieren
Zusätzlich zur Aufklärung über die Rechte
besonders schutzbedürftiger Personen, sollten alle
Mitarbeitenden und Bewohner_innen über Rechte auf
gesundheitliche Versorgung informiert sein. Das heißt,
mit welchem Status welcher Zugang zu Angeboten
der gesundheitlichen und psychotherapeutischen
Versorgung besteht und welche Hilfs- und
Schutzsysteme konkret in Betracht kommen. Zudem
sollten die Betroffenen darauf vorbereitet werden,
dass oft ein hohes Durchhaltevermögen notwendig
ist, um ihre Ansprüche bei den Versorgungsstrukturen
durchzusetzen.

Niedrigschwelliges Kurs- und
Beratungsangebot
Die Durchführung des Beratungsangebots sollte
trauma- und gendersensibel erfolgen. Die mit der
Beratung befassten Mitarbeiter_innen müssen über
ausreichend Basiswissen verfügen, um ggf. mit
psychischen Zusammenbrüchen umgehen zu können
oder über einen Notfallplan verfügen, um so die
notwendigen Schritte zur Beratung zu veranlassen bzw.
eine Krisenintervention einzuleiten.

Kooperationspartner_innen einbinden
Die Zusammenarbeit mit psychosozialen
Beratungsstellen und psychotherapeutischen
Behandlungsstellen (darunter psychosoziale Zentren
für Flüchtlinge und Folteropfer oder spezialisierte
Fachberatungsstellen)27 ist für die Einrichtung essentiell
und die entsprechenden Kooperationspartner_innen
sollten in einer Datenbank aufgeführt werden. Der
Kontakt zu diesen Organisationen und Netzwerken
ist durch die Unterkunft zu initiieren und zu
pflegen. Die Expertise dieser Organisationen sollte
bei Risikoanalysen, aber auch bei Übergriffen

herangezogen werden. Zudem können Bewohner_
innen in diese Strukturen vermittelt werden, wo sie
dann adäquat behandelt oder beraten werden. Meist
verfügen diese Organisationen auch über einen
traumasensiblen Sprachmittler_innen-Pool, der ggf.
herangezogen werden kann. Um entsprechende
Netzwerke aufbauen zu können, sollte die Anzahl
von traumasensiblen Sprachmittler_innen, sowie
das Angebot an Therapieplätzen und geeigneten
Beratungsangeboten, ständig weiter ausgebaut
werden.

Aufbau und Nutzung von sozialen
Netzwerken
Soziale Beziehungen sind für die Stabilisierung
sowie für die Unterstützung von Bewältigungs- oder
Verarbeitungskompetenzen nach Traumata-Erfahrungen
äußerst wichtig. Außerdem können Behandlungen
so unterstützt oder Wartezeiten auf bedarfsgerechte
Unterstützung überbrückt werden. Wichtig ist,
hierfür ehrenamtliche Strukturen und GeflüchtetenSelbstorganisationen, die z. B. eine Peer-Beratung
anbieten, aufzubauen oder zu nutzen. In der Praxis hat
es sich gezeigt, dass diese Strukturen umso stabiler
sind, je professioneller sie unterstützt oder durch
Supervision assistiert werden. Die Unterstützer_
innen können auf die individuellen Bedürfnisse der
Betroffenen eingehen, eine professionelle Beratung
oder Therapie jedoch nicht ersetzen. Neben der
individuellen Begleitung von Geflüchteten können auch
Gruppenangebote zum Empowerment28 beitragen.

Kooperation mit Schule und Kita
Kitas stellen als frühkindliche Einrichtungen wichtige
Entlastungsmöglichkeiten und einen sicheren Rahmen
für betroffene Kinder, wie auch für belastete Eltern
dar. Auch der Schulbesuch bietet jungen Menschen
die Chance auf psychische und soziale Stabilisierung
durch Normalitätserleben und Alltagsstrukturen, sowie
gleichberechtigte Integrationsperspektiven. Daher
sollte das Personal darauf hinwirken, dass Kinder und
Jugendliche Kitas und Schulen besuchen.

27. Regionale Anlaufstellen finden Sie unter: www.baff-zentren.org; www.frauen-gegen-gewalt.de; www.kok-gegen-menschenhandel.de; www.
telefonseelsorge.de/; www.hilfetelefon.de/; www.verband-brg.de/; www.b-umf.de/; www.damigra.de/; www.queer-refugees.de/
28. Mehr dazu unter:
http://www.medicamondiale.org/fileadmin/redaktion/5_Service/Mediathek/Dokumente/Deutsch/Handbuecher/medica_mondiale_Handreichung_
Peer_to_Peer_Gruppen_3.pdf

52

Prävention
und Umgang mit Gewalt- und
Gefährdungssituationen/
Risikomanagement
Mindeststandard 4:

Standardisierte Verfahrensweise bei
Verdacht auf Gewalt
Besonders wichtig ist, dass die Betroffenen
darüber informiert sind, dass sie ein Anrecht auf
ein vertrauliches Gespräch haben, dass Hilfen auch
anonym in Anspruch genommen werden können und
was Schweigepflicht im Allgemeinen bedeutet. Viele
Geflüchtete kennen diese Schweigepflicht nicht. Es
muss darauf hingewiesen werden, dass auch die
Sprachmittler_innen besonders geschult sein sollten
und sich an die Schweigepflicht zu halten haben, damit
eine vertrauensvolle Atmosphäre entstehen kann.
Bei Menschen, die Gewalt erfahren oder selbst
ausgeübt haben, kann, in einzelnen Fällen, die
Schwelle sinken, gewalttätig zu werden oder erneut
unterschiedliche Formen von Gewalt zu erfahren.
Hierüber muss das Personal informiert werden, um in
geeigneter Weise präventiv tätig werden zu können.
Zu diesen Informationen gehören auch Hinweise
darauf, dass psychisch belastete Personen auch
gefährdet sind, Gewalt gegen sich selbst auszuüben
(autoaggressives Verhalten zu entwickeln). Dies
kann bis hin zu Suizidversuchen und Suizid reichen.
Suizidgedanken und die Äußerung von Suizidabsichten
sollten immer ernst genommen und prioritär behandelt
werden. Mitarbeiter_innen müssen in der Lage sein,
solche Situationen einzuschätzen und/oder sich Hilfe
bei der Risikoeinschätzung zu holen. In diesen Fällen
sollte eine psychiatrische Ambulanz, ein psychosoziales
Zentrum für Flüchtlinge und Folteropfer oder die
nächste psychiatrische Klinik kontaktiert und die
betroffene Person zu diesen Einrichtungen begleitet
werden.
Wenn bei starker psychischer Belastung und
Gefährdungssituationen die Unterbringungssituation
keinen adäquaten Schutz bieten kann, muss auf einen
Wechsel der Unterkunftssituation (bspw. in eine
private Unterbringung) hingewirkt werden, damit die
Betroffenen entlastet werden können.

Standardisierte Verfahrensweise bei
Gewaltvorfällen
Nach Gewaltvorfällen muss unmittelbar wieder ein
sicheres Umfeld hergestellt werden und ein angstfreies
Bewegen in der Unterkunft ermöglicht werden. Handelt
es sich bei dem/der mutmaßlichen Täter_in um eine_n
Mitbewohner_in, hat er oder sie sofort die Einrichtung
zu verlassen. Der oder die Täter_in muss in einer
verständlichen Sprache Informationen über kurz- oder
längerfristige alternative Übernachtungsmöglichkeiten
erhalten. Die Ausländer- und/oder Sozialbehörde
muss ggf. die Wohnsitzauflage umschreiben bzw.
eine neue Unterkunft zuweisen. Handelt es sich um
einen Mitarbeitenden der Einrichtung, ist er oder
sie unverzüglich freizustellen. Ist ein Verbleib in der
Unterkunft für die betroffene Person nicht vertretbar,
muss sofort eine sichere Alternative gefunden
werden (eine andere Flüchtlingsunterbringung,
ein Frauenhaus, Kindernotdienste). Hierfür sind
etablierte Kooperationsstrukturen mit regionalem
Gewaltschutzbereich und konkrete Ansprechpartner_
innen unerlässlich.
Bei Bedarf sollte therapeutische Unterstützung und
eine bedarfsgerechte Beratung ermöglicht werden und
die Betroffenen an entsprechende Stellen vermittelt
werden. Eine unverzügliche rechtsmedizinische
Dokumentation der Verletzungen, die gerichtsfest ist,
sollte eingeleitet werden, sodass Betroffene sich später
für ein Strafverfahren entscheiden können. Hierfür sind
Kooperationen mit Gewaltschutzambulanzen wichtig.
Es ist sinnvoll, Angehörige oder nahestehende Personen
von Menschen mit Traumafolgestörungen hinsichtlich
des erhöhten Gewaltrisikos zu sensibilisieren und zu
informieren, damit zukünftig präventiv Risikosituationen
von Außenstehenden schneller erkannt werden können.
Um dies zu gewährleisten, ist eine Kooperation mit
Fachstellen empfehlenswert.

Gefährdungslage nach Gewalt einschätzen
Für den Schutz der Betroffenen sollte ein Sicherheitsbzw. Risikomanagement auf den Weg gebracht
werden. Um den aktuellen Grad der Gefährdung der
Betroffenen zu ermitteln, sollte schnellstmöglich eine
erste Risikoidentifikation erfolgen. Dafür muss die
Einrichtung ein standardisiertes Verfahren entwickeln,
das auch die besonderen Bedarfe berücksichtigt29.

29. Orientierung an standardisierten Verfahren wie bspw. von Campbell, J.: Assessing Dangerousness: Violence by Sexual Offenders, Batterers, and
Child Abusers, Newbury Park, CA: Sage Publications, 1995. Bei häuslicher Gewalt kann das Düsseldorfer „Gefährdungseinschätzungsverfahren bei
häuslicher Gewalt“ (D-GEV) für eine ausführliche Erhebung genutzt werden.

Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften

53

Eine Gefährdungsanalyse sollte immer auch
berücksichtigen, welche Schritte nötig sind, um das
Leben und die Gesundheit der betreffenden Personen
zu schützen. Zum Teil sollte eine Einschätzung der
Gefährdungslage in enger Absprache mit der Polizei
erfolgen, um den notwendigen Schutz der Betroffenen
abzusichern. Das Hinzuziehen der Polizei sollte
allerdings nur nach Rücksprache mit der betroffenen
Person erfolgen.

Hinzuziehung der Polizei
Geflüchtete, die Folter oder Verfolgungssituationen
durch Militär, Milizen oder Sicherheitsorgane erlebt
haben, können sehr sensibel auf Menschen in Uniform
reagieren. Aufgrund der mitunter traumatischen
Erfahrungen ist die Polizei, sofern es die Situation
zulässt, nur nach Absprache mit der betroffenen
Person zu konsultieren. Vorab sind jedoch die im
Mindeststandard 4 formulierten rechtlichen Grundlagen
der gesetzlichen Offenbarungsbefugnisse sowie
besondere Pflichten zur Anzeige von Straftaten zu
prüfen (u. a. §§ 34,138, 286 des Strafgesetzbuchs).
Gewaltbetroffene Personen sollten dringend im Vorfeld
über die Folgen einer Strafanzeige informiert werden.
Ungeachtet der weiteren Maßnahmen, ist jeder Vorfall
intern anonym zu dokumentieren und der Leitung
zu melden. Bei Kontaktaufnahme mit der Polizei ist
das Hinzuziehen einer für traumatisierte Personen
zuständigen bzw. geschulten Person erforderlich.
Bei körperlicher und sexualisierter Gewalterfahrung
kann besonders geschultes Fachpersonal, z. B.
bei Strafverfahren, stabilisierend wirken. Hilfreich
hierfür ist eine gute Vernetzung mit ausgewiesenen
Fachberatungsstellen und Anwält_innen.

Rechte der Opfer geltend machen
Von Gewalt betroffene Personen sind auf
Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung
kann dazu beitragen, eine Chronifizierung von
Ohnmachtsgefühlen zu verhindern. Es gibt vielfältig
erprobte und bewährte Empowerment-Angebote30,
die gemeinsam mit Geflüchteten entwickelt
wurden und werden. Diese können den Austausch
und Zusammenhalt fördern, und einen Raum
dafür schaffen, diskriminierende Erlebnisse z. B.
in der Unterkunft, der Schule, oder bei Behörden
anzusprechen und Missstände nicht als individuelles
Problem der betroffenen Person, bzw. als persönliches

Versagen, sondern als Problem im gesellschaftlichen
Kontext zu verstehen. Diese Angebote können dazu
beitragen, dass Menschen mit Gewalterfahrungen
stabilisiert, gestärkt und wieder ermutigt werden.

Menschenwürdige,
schützende und fördernde
Rahmenbedingungen

Mindeststandard 5:

Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre
garantieren

Beengte räumliche Bedingungen und fehlende
Privatsphäre können die Symptome von
Traumafolgestörungen verstärken. Eine eigenständige,
selbstbestimmte Lebensführung ist wichtig, um
das Gefühl der Kontrolle über das Selbst nach
traumatischen Erlebnissen wieder zurückzuerlangen
und (neues) Selbstbewusstsein zu gewinnen. Es
müssen bedarfsgerechte Schutzräume zugänglich
sein. Grundsätzlich sollte eine separate Unterbringung
gewährleistet werden.

Mindeststandard 6: Monitoring und
Evaluierung des Schutzkonzepts

Systematische Dokumentation

Betroffene müssen in das Monitoring und die
Evaluierung des einrichtungsinternen Schutzkonzepts
miteinbezogen werden, um ihre spezifischen Risiken,
Bedarfe und die Wirksamkeit der zielgruppenspezifischen
Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen zu verstehen.
Dazu können Best Practice-Beispiele zählen, die speziell
mit/für Menschen mit traumatischen Erfahrungen in
der Unterbringungssituation gut funktionieren. Dabei
müssen geltende datenschutzrechtliche Bestimmungen
des Bundes und der Länder beachtet werden, so muss
z. B. die Vertraulichkeit und Anonymität gewährleistet
sein, und die Person selbst muss ihre Einwilligung
zur Datenerhebung geben. Auch ein erfolgreiches
Vorgehen bei der Hinweisaufnahme und der Erkennung
von besonderer Schutzbedürftigkeit (hier: psychische
Erkrankungen und Folter) sollten im Rahmen des
Monitorings und der Evaluierung festgehalten werden
und in die Weiterentwicklung des Schutzkonzepts
miteinbezogen werden.

30. Wie z. B. Anti-Rassismus/Diskriminierungs-Arbeit, Netzwerk- und Bündnisarbeit, ressourcenorientierte Arbeit, Theaterarbeit („Theater der Unterdrückten“);
mehr unter: http://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/perspektivwechsel-empowerment-2016_web.pdf

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gefördert von

in Kooperation mit

TERRE DES FEMMES
Menschenrechte für die Frau e.V.

Annex zur Umsetzung der Mindeststandards für LSBTI* Geflüchtete unter Federführung von

koordiniert und redaktionell betreut von

in Kooperation mit

Annex zur Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete Menschen mit Behinderungen unter Federführung von

in Kooperation mit

Kreisverband
Berlin-Mitte e. V.

Annex zur Umsetzung der Mindeststandards für geflüchtete Menschen mit Traumafolgestörungen
unter Federführung von

in Kooperation mit

MINDESTSTANDARDS
zum Schutz von geflüchteten
Menschen in Flüchtlingsunterkünften
        
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