Path:

Full text: Rote Saite

Ergänzung zur Partitur des öffentlichen Raums

Rote Saite
Einleitung
Vision
Analyse
Leitlinien

rung
Evaluie ten
au
der geb t
d
Seesta
Septem

b

er 2018

© D. Hawelka

VISION

ANALYSE

6 LEITLINIEN

vision

Rückblick - Die ursprüngliche Vision

Analyse - Fertige Maria Tusch Straße

Strategien - Lessons learned umgesetzt

Was gut funktioniert und

in sechs Leitlinien zur Realisierung

Was noch verbessert werden kann

der ursprünglichen Vision

EINLEITUNG

für die Rote Saite in der Partitur.

In den Jahren 2008 bis 2009 entwickelte Gehl das Handbuch
„Partitur des öffentlichen Raums“ (kurz: „Partitur“) für aspern
ZUKÜNFTIGE
Die Seestadt Wiens, welches auf
dem Masterplan von Tovatt
ENTWICKLUNG
Architects basierte.
Nun wurde Gehl erneut in die Seestadt eingeladen, um sowohl
eine Evaluierung der Nutzung des Handbuchs, als auch der
gebauten Seestadt vorzunehmen („Lessons Learned“). Diese
Evaluierung konzentriert sich auf die
wichtigsten öffentlichen
IN BAU BEFINDLICH
Räume, dieFERTIGGESTELLT
den Saiten der ursprünglichen Partitur entsprechen.

zukünftige Entwicklung

in Bau befindlich
fertiggestellt

Das vorliegende Dokument setzt den Schwerpunkt auf den
ersten Teil der Roten Saite – die Maria-Tusch-Straße.
Das Dokument ist in drei Kapitel gegliedert:
1. Die ursprüngliche Vision und die Checkliste der Partitur
wurden noch einmal aufgegriffen, um zu reflektieren, wie die
ursprünglichen Ideen umgesetzt wurden.
2. Eine Analyse der gebauten Roten Saite: Es wurde definiert,
was „gut funktioniert“ und was „noch verbessert werden kann“.
3. 6 Leitlinien zur zukünftigen Entwicklung der Roten Saite
wurden erarbeitet: Was sind die notwendigen Schwerpunkte, um
die Vision der Roten Saite, basierend auf den Erkenntnissen der
Analyse, umzusetzen?

1.

2.

3.

EINLEITUNG

ANALYSE

LEITLINIEN

Die fertige Maria-Tusch-Straße

Strategien - Lessons Learned umgesetzt

Was gut funktioniert und

in Leitlinien zur Realisierung

was noch verbessert werden kann

der ursprünglichen Vision

Rückblick - Die ursprüngliche Vision
für die Rote Saite in der Partitur

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

3

vision

URSPRÜNGLICHE VISION DER PARTITUR
In der „Partitur des öffentlichen Raums“ wurde die Rote Saite als die rund
um die Uhr pulsierende Lebenslinie beschrieben, die durch kommerzielle
und kulturelle Aktivitäten geprägt wird. Obwohl sie aus drei unterschiedlichen
Abschnitten besteht, sollten diese durch eine einheitliche Gestaltung als
zusammenhängender Stadtraum verstanden werden. Schon heute erfüllt die
Maria-Tusch-Straße viele Aspekte dieser Vision, während an anderen noch
gearbeitet werden muss. Die ursprüngliche Vision ist nach wie vor gültig und
sollte bei der zukünftigen Entwicklung stets berücksichtigt werden.

3 Identitäten – 1 Rote Saite
Die Rote Saite besteht aus drei Abschnitten mit unterschiedlichem Charakter; sie ist jedoch, in ihrer vollen
Länge betrachtet, ein zusammenhängend verlaufender
Stadtraum, der sich deutlich von der Grünen und der
Blauen Saite differenziert. Die PassantInnen sollen wie
selbstverständlich von einem zum nächsten Abschnitt
der Roten Saite geleitet werden. Die Rote Saite soll als
ein ununterbrochener Verlauf wahrgenommen werden.

Eine rund um die Uhr pulsierende Lebenslinie
Die Gebäude sehen eine Vielzahl von Aktivitäten entlang
der Roten Saite vor. Es ist sicherzustellen, dass von jedem
Grundstück aktive Funktionen ausgehen, die die Rote Saite
mit Leben und Aktivitäten bereichern können. Die Rote
Saite verbindet die zwei Hauptverkehrsknotenpunkte des
ÖPNV in aspern Seestadt. Erst wenn der ÖPNV von der
breiten Bevölkerung rund um die Uhr als ein sicheres und
bequemes Transportmittel angenommen wird, kann die
Rote Saite zu einer pulsierenden Lebenslinie werden.

4

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

Eine Handels- und Kulturachse
Die Rote Saite wird vorwiegend von kommerziellen
und kulturellen Aktivitäten geprägt. Die Aktivitäten
werden sich an bestimmten Orten entlang der Roten
Saite konzentrieren; gleichzeitig wird eine Überlagerung von unterschiedlichen Aktivitäten angestrebt.

Aktive und transparente Erdgeschoß-Bereiche
Entlang der Roten Saite sind aktive Erdgeschoßebenen ausschlaggebend, um Straßen und Plätze zu beleben.
Dort sind vorzugsweise Handels- und Gewerbeeinheiten
sowie andere aktive Funktionen zu platzieren. Handelsund Gewerbefunktionen können auch an anderen Orten
vorgesehen werden, sollen aber bei der Standortwahl erstrangig entlang der Roten Saite angeordnet werden. Es ist
von besonderer Bedeutung, die Rote Saite durch gewerbliche Aktivitäten zu beleben.

vision

EVALUIERUNG DER CHECKLISTE AUS DER PARTITUR
Die gesamte Partitur wurde nach Gehls Prinzip „Zuerst das Leben, dann der
Stadtraum und dann erst die Gebäude“ aufgebaut. Diesem Prinzip entsprechend,
wurde für jede Saite eine Checkliste erstellt, um bestimmte Qualitätskriterien zu
steuern. Mit Hilfe dieser Liste konnte nun die bereits gebaute Rote Saite evaluiert,
sowie Stärken und Schwächen identifiziert werden.

LEBEN
Wird die Rote Saite zu einer auf FußgängerInnen sowohl fesselnd
als auch ansprechend wirkenden Wegstrecke?
Trägt die Rote Saite in aspern Die Seestadt Wiens zur Bereicherung
an gewerblichen sowie kulturellen Aktivitäten bei?
Wird die Rote Saite als rund um die Uhr pulsierende „Lebens­linie”
durch aktive Funktionen und Nutzungsüberlagerung belebt?
Stellen sich die Wegeverbindungen zwischen den Wohngebäuden
zu den öffentlichen Transportmitteln als sicher dar, indem der
öffentliche Stadtraum in diesen Bereichen belebt ist?
Bietet die Rote Saite sowohl kommerzielle als auch gemeinnützige
Freizeitangebote?

STADTRAUM
Setzt sich die Rote Saite aus eleganten öffentlichen Stadträumen
zusammen, die den Charakter eines modernen und einladenden
Stadtteils verkörpern?
Ist die Rote Saite so organisiert, dass dort sowohl FussgängerInnen
als auch Autos und Busse des ÖPNV ausreichend Platz finden?
Wird das Motiv der rund um die Uhr pulsierenden „Lebenslinie“
durch das Beleuchtungskonzept unterstützt?
Stellt sich die Verbindung von Stadthaus und Park als ein
repräsentativer Stadtraum dar? (Noch relevant? Implementiert
wurde nämlich nur das temporär angesiedelte Stadtteilmanagement als einzige öffentliche Einrichtung in diesem Gebäude.)
Erstreckt sich der Park bis hin zu den angrenzenden Gebäudefassaden?
Weist die Schnittstelle von Roter Saite und Ringstraße den höchsten Grad an Vitalität auf?

GEBÄUDEKANTE* (DER ROTEN SAITE ZUGEWANDT)
„Ein Plus für aspern“ – sind die Gebäude der Roten Saite eine Bereicherung?
Berücksichtigt jedes Gebäude entlang der Hauptstraße, öffentlich
zugängliche Nutzungen in den Erdgeschoßebenen vorzusehen?
Treten die Fixpunkte entlang der Roten Saite ausreichend in
Erscheinung?
Bestimmt die Funktionsmischung das Erscheinungsbild der Roten
Saite? Lässt sich durch die der Roten Saite zugewandten
Wohnnutzungen die gewünschte soziale Überwachung erreichen?
Blank und geschlossen gestaltete Fassaden sind zu vermeiden.
Wird eine interessante Kopplung von den Aktivitäten im Freien
und im Inneren der Gebäude geschaffen?
Wird der Verkehrsknotenpunkt am Stationsvorplatz durch aktive Nutzungen im Erdgeschoßbereich mindestens 18 Stunden am Tag aktiviert?

* Maßgeblich für die Gebäude: J2b, J3, J4, J5, J6, J9, J10, J11, J12, J13, D5, D6, D9, D10, D12, D13
gehl

•

rote saite

-

lessons learned

5

a n a ly s e

LEBEN
In der Partitur wird die Rote Saite als eine pulsierende Lebenslinie, die sowohl
durch kommerzielle und kulturelle Aktivitäten geprägt wird als auch durch eine
Überlagerung unterschiedlicher Aktivitäten besonders lebendig ist, beschrieben.
Der gebaute Teil der Seestadt zeigt, dass die Rote Saite als Lebensachse gut
funktioniert, allerdings in Zukunft noch stärker belebt werden kann.

Was gut funktioniert...

Die Rote Saite ist die Lebenslinie der
Seestadt
Schon heute ist die Rote Saite abschnittsweise sehr lebendig und vielfältig. Zu unterschiedlichen Tageszeiten
begegnet man einer breiten Vielfalt an
Menschen. Die Maria-Tusch-Straße
bildet schon heute die Lebenslinie der
Seestadt. Das Nachbarschaftsgefühl
ist groß. Man grüßt sich und plaudert
miteinander, „die Seestadt kennt sich“.
Dies ist bemerkenswert, da diese Stadt
noch in den ersten Phasen ihrer Entwicklung steckt. Man kann also von
einer großartigen Leistung seitens Wien
3420 AG sprechen. Vor allem aus einer
internationalen Perspektive betrachtet,
ist es eine wirkliche Errungenschaft. Um
dies zu erreichen, wurde an einer klaren
Strategie gearbeitet.

Legend

A

Shopping
Bäckerei
Shopping
Gastronomie
Wohnen

Markt

Wohnen
Park

Spielplatz

Gymnasium

➤

Volksschule /
Kindergarten
© Google100
Earth
m

Sich überlagernde Aktivitäten beleben
den öffentlichen Raum
Der zentrale Bereich ist besonders lebendig, warum?
- Überlagerung von Funktionen und
Nutzergruppen (Park, Schulen, Kindergarten, Gastronomie, Handel, Bushaltestelle)
- Überlagerung von notwendigen und
optionalen Aktivitäten
- Gute und viele unterschiedliche Möglichkeiten zum Verweilen
- Öffentliche und private Funktionen
unterstützen einander.

6

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

N

Die sonnige Seite ist breit und großzügig
Der Gehsteig an der zur Sonne zugewandten Seite der Maria-Tusch-Straße
ist breiter gestaltet und beherbergt
Pflanzbeete, Bäume, rote Sitzmöblierung, sowie Flexzonen. Die Straßengestaltung reagiert also gut auf mikroklimatische Gegebenheiten und bietet
dem Leben eine tolle Bühne. Schon
heute wird diese Straßenseite von den
BewohnerInnen besonders gerne zum
Flanieren in Anspruch genommen.

Ein faires Mobilitätskonzept für alle Bevölkerungsgruppen
Die Rote Saite lädt durch ihre fußgängerfreundliche Gestaltung ein breites
Spektrum an Bevölkerungsgruppen mit
unterschiedlichen Bedürfnissen ein.
Die vielen Kinder auf Fahrrädern und
Scootern sind ein Beweis dafür, dass die
Rote Saite als sehr sicher empfunden
wird. Zudem ermöglicht die barrierefrei
gestaltete Straße, die besonders gut auf
Menschen mit Beeinträchtigung abgestimmt ist, ein erleichterndes Alltagserlebnis.

a n a ly s e

Was noch verbessert werden kann...

!
Schwache Verbindungen und inaktive
Randabschnitte
Momentan konzentriert sich das Leben
entlang der Roten Saite nur auf den
zentralen Abschnitt. Vor allem die Randbereiche, in Richtung Umland und zum
See hin, sind sehr inaktiv. Wie auch
andere Hauptstraßen in der Seestadt hat
die Rote Saite die wichtige Rolle, Menschen einzuladen und als Attraktionsort
zu fungieren – vor allem dort, wo sie
auf den See trifft. Daher ist den Randbereichen und Verbindungen besondere
Bedeutung beizumessen.

!
Breite Seite lädt kaum zum Verweilen ein
Die der Sonne zugewandte Seite der Seestadt ist zwar sehr großzügig und lädt
zum Spazieren ein, aber sie bietet kaum
und nur wenig vielfältige Möglichkeiten
zum Verweilen. Die Funktionen der Geschäfte und die Gestaltung des Freiraumes reagieren zu wenig auf die klimatischen und räumlichen Gegebenheiten.
Daher wird diese großzügige, sonnige
Zone heute noch zu wenig genutzt.

!
Das Potenzial der Alltagstreffpunkte
wird nicht ausgeschöpft
Es sind die alltäglichen Aktivitäten,
die die Seestadt lebendig machen – das
Warten auf den Bus oder ein spontanes
Plaudern mit dem Nachbarn auf der
Straße. Diese „notwendigen“ alltäglichen Aktivitäten sind der Katalysator
für die Aktivierung der Seestadt, das
ganze Jahr über und zu allen Tageszeiten. Treffpunkte, wie eine Bushaltestelle
oder eine Sitzbank, könnten besser gestaltet werden und somit das alltägliche
Leben noch besser unterstützen.

!
Schmale Seite bietet Fußgängern punktuell zu wenig Platz
Die der Sonne abgewandte Seite wurde, wie in der Partitur vorgeschlagen,
schmäler ausgeführt. Dies funktioniert
meist gut, allerdings kommt es an manchen Stellen zu Engpässen, zum Beispiel
dort, wo sich Bushaltestellen befinden.
Weiteres Straßeninventar und die notwendige Infrastruktur (Geländer) sowie
viele wartende Menschen bilden zusätzliche Hindernisse für FußgängerInnen.

!
Für eine Aktivierung der Flexzonen benötigt man mehr Menschen
Die Grundidee der Flexzonen ist sehr
gut, doch heute funktionieren sie nicht
so wie geplant. Dies hat unterschiedliche Gründe:
- Die Flexzonen sind in Anzahl und
Fläche zu groß.
- Es gibt nicht ausreichend programmierte Aktivitäten, die diese Zonen beleben.
- Die BewohnerInnen- und BesucherInnenanzahl in der Seestadt ist noch zu
gering, um aktive, belebte Flexzonen zu
generieren.

!
Die Positionierung der roten Sitzmöbel
ist nicht kommunikationsfördernd
Die roten Stühle schaffen zwar Identität, ihre Positionierung im Straßenraum
ist allerdings nicht kommunikationsfördernd, unterstützt die Funktionen
der Erdgeschoßzonen kaum und bietet
wenig interessante Blickbeziehungen.
In Zukunft sollten die Stühle so platziert werden, dass sie einen Austausch
fördern. Die Stühle wurden aus Angst
vor Diebstahl fixiert. Flexible Stühle,
die dynamischere Sitzgruppierungen
ermöglichen, könnten dennoch getestet
werden.

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

7

a n a ly s e

STADTRAUM
Der Freiraum der Roten Saite hat hohen Wiedererkennungswert. Die roten
Stühle, das aufeinander abgestimmte Bodenmaterial und die rot blühende,
saisonal variierende Bepflanzung tragen zu einem einheitlich geprägten
Erscheinungsbild bei. Charakteristisch ist außerdem die assymetrische
Gestaltung einer schmäleren und einer breiteren, der Sonne zugewandten Seite.
Letztere wird allerdings noch nicht genügend bespielt. Es gibt zwar Zonen für
flexible Nutzungen, diese werden aber noch wenig in Anspruch genommen.
Was gut funktioniert...

Einheitliche Identität
Eine Reihe urbaner, identitätsstiftender
Elemete wurde ursprünglich für die Partitur vorgeschlagen und auch umgesetzt.
Grundsätzlich funktioniert das Konzept.
Die Maria-Tusch-Straße besticht durch
ihren einzigartigen Charakter und bildet
durch ihre Lebendigkeit das momentane Zentrum der Seestadt. Der Gedanke
einer starken ablesbaren Identität ist
spürbar durch die Bodengestaltung, die
roten Stühle und das saisonal variierende Bepflanzungskonzept. In Zukunft können diese identitätsstiftenden
Elemente noch verstärkt und gezielter
eingesetzt werden, um die Rote Saite in
ihrer Einzigartigkeit zu bestärken.

photo?

© D. Hawelka

Flexibilitätsgedanke des
öffentlichen Freiraums
Der Gedanke, flexible Nutzungen zu
ermöglichen, ist grundsätzlich gut, denn
nicht alles muss programmiert sein.
Durch die nutzungsoffene Gestaltung
funktioniert zum Beispiel der HannahArendt-Platz, an dem auch ein Wochenmarkt stattfindet, gut. Die flexible
Nutzung der Flexzonen wird vor allem
ein paar Mal im Jahr in Anspruch genommen – wie z. B. beim Straßenfest.

8

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

Ansprechende Grünraumgestaltung
Die Grünraum-Qualitäten der Roten
Saite bieten ein gutes Pendant zur
Einkaufs­straße. Die begrünten Zonen
laden zum Verweilen ein und bieten
eine Bereicherung für die Sinne. Durch
einen hohen Anteil an Grünzonen kann
Hitzeinseln entgegengewirkt und ein
angenehmes Mikroklima geschaffen
werden. Die saisonale Variation der Bepflanzung macht die Jahreszeiten an der
Roten Saite unmittelbar erlebbar.

Bodenbelag und Stadtinventar sind gezielt ausgewählt
Die bewusste Auswahl eines hoch
qualitativen Bodenbelages für den
öffentlichen Raum wertet den gesamten
Straßenraum auf und macht diesen zu
einem besonderen Ort. Auch das Stadtinventar weist eine hohe Qualität auf
und verdeutlicht somit den NutzerInnen, dass sie hier im Mittelpunkt stehen.

a n a ly s e

Was noch verbessert werden kann...

© D. Hawelka

!
Öffentliche und private Bodenbeläge
sind nicht aufeinander abgestimmt
Der Übergang vom öffentlichen zum privaten Bereich ist nicht optimal gelöst.
Zwei Herausforderungen sind dabei
besonders auffällig:
- großer Unterschied des Bodenbelags
zwischen privatem und öffentlichem
Raum: Grundstücksgrenze ist genau
ablesbar
- oft ist der private Bodenbelag von geringerer Qualität, was das Erscheinungsbild der Roten Saite beeinträchtigt. Dies
wird oft noch verstärkt durch die vielen
Arten von Stadtinventar, die nicht einheitlich sind.

!
Radwege sind nicht großzügig genug
Die Ausführung des Radnetzwerks ist
generell als sehr positiv zu bewerten.
Dieses könnte jedoch zukünftig noch
breiter und großzügiger gestaltet werden, vor allem bei wichtigen Hauptverbindungen. Ein gutes und vor allem
sicheres Radwegenetz mit direkten Verbindungen innerhalb der Seestadt, aber
auch in die Innenstadt und zum umliegenden Bezirk, motiviert die BewohnerInnen und BesucherInnen, sich mit dem
Rad fortzubewegen und zunehmend auf
ein Auto zu verzichten.

!
Grüne Identität rückt in den Hintergrund
Die Grüne Identität, die ursprünglich als sehr wichtiger Teil der Roten
Saite vorgesehen war, ist zwar spürbar
und – wenn vorhanden – sehr positiv,
kommt generell aber etwas zu kurz. Die
gepflanzten Bäume sind zu klein und
die ursprünglich geplante Anzahl an
Pflanzbeeten wurde reduziert. Dadurch
trägt die Bepflanzung noch zu wenig zu
einem positiven Mikroklima bei (Schutz
vor Wind, Sonne oder Hitze). Natürlich
sollte berücksichtigt werden, dass die
Bäume noch wachsen und der Gesamteindruck sich dadurch noch deutlich
verbessern wird.

!
Inaktive flexible Zonen - brauchen
einen Plan B
Der Plan B einer flexiblen Nutzung, die
unabhängig von der Erdgeschoßzone
bestimmt wird, funktioniert nur bedingt. Strenge Regulierungen und die
Notwendigkeit von Genehmigungen
für eine flexible Nutzung behindern
die Möglichkeit, schnell auf die sich
ändernden Umstände zu reagieren. Das
Fehlen von Wasser- und Stromanschlüssen erschwert zusätzlich die spontane
Nutzung der Flexzonen.

!
Mülleimer und andere Elemente des
Straßeninventars dominieren
Die Zufahrt der Müllabfuhr bestimmt
die Positionierung der Mülleimer im
Straßenraum. Dadurch sind sowohl
Recycling-Stationen als auch Mülleimer sehr prominent im Straßenraum
angeordnet. Es wird somit nicht nur
an manchen Stellen ein Hindernis für
Fußgänger gebildet, sondern auch die
Blickachse und die Kontinuität der
Maria-Tusch-Straße unterbrochen.

!
Budgetmanagement als Herausforderung
Die wassergebundenen Decken beherbergen kaum Funktionen und werden
dadurch nur wenig genutzt. Als Konsequenz entsteht, in Kombination mit
den meist ungenutzten Flexzonen, eine
gewisse Leere im öffentlichen Raum
der Roten Saite. Das Budget wurde anfangs zurückgehalten, um später für die
wassergebundenen Decken verwendet
zu werden. Es wurde aber letzlich an
anderer Stelle benötigt. Eine Vollausstattung der Decken würde den öffentlichen
Raum nachhaltig aufwerten.
gehl

•

rote saite

-

lessons learned

9

a n a ly s e

GEBÄUDEKANTE
Das in der Partitur beschriebene Prinzip von aktiven und transparenten
Ergeschoßzonen sowie einer Konzentration von Handel und Gewerbe wurde
in der Roten Saite grundsätzlich gut umgesetzt. Die Gewerbefunktionen sind
in gemanagte und nicht-gemanagte Zonen unterteilt. Diese werden sehr klar
getrennt und könnten in Zukunft noch mehr voneinander profitieren.

Was gut funktioniert...

Aktive Erdgeschoße beleben die
Rote Saite
Der in der Partitur empfohlene Fokus
auf einer transparenten und aktiven
Gestaltung der Erdgeschoßzonen wurde
von vielen PlanerInnen verfolgt. Diese
Gebäudekanten funktionieren dann
besonders gut, wenn sie sich zum
Außenraum hin öffnen, den Vorbereich
beleben, Interaktion ermöglichen und
Blickbeziehungen zwischen Innen und
Außen schaffen.

Eine funktionierende Einkaufsstraße,
bereits in der Anfangsphase der Seestadt
Die Einkaufsstraße funktioniert schon
heute – die gemanagte Zone ist eine
gute Idee und ein wirklicher Erfolg.
Eine frühe Aktivierung war schon in der
ersten Phase des Projektes möglich. Die
Gastronomiebetriebe, die sich in der gemanagten Zone befinden, sind ein gutes
Beispiel, wie Funktionen in Gebäuden
das Leben im öffentlichen Raum unterstützen können.

10

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

Öffentliche und private
Funktionen bilden Synergien
Wie sich öffentliche und private Funktionen unterstützen können, sieht man
anhand der Schnittstelle beim Hannah-Arendt-Platz, wo Bäckerei, private
Treppenlandschaft und öffentlicher
Straßenraum aufeinander treffen und
eine Synergie bilden. Die Sitzstufen im
privaten Bereich schaffen einen lebendigen Treffpunkt auf der Maria-Tusch-Straße.

Transparente Gewerbe-Fassaden
Das auf dem Foto abgebildete Gebäude
hat eine Fassade (entlang der Roten Saite), die sich gut für kleine Gewerbeeinheiten eignet. Diese Gestaltung könnte
ein Vorbild für zukünftige Entwurfsplanungen sein. Leider haben die Geschäfte
etwas zu kämpfen – dies kann sowohl
an der Lage, als auch an deren Funktionen liegen.

a n a ly s e

Was noch verbessert werden kann...

!
Positionierung der Müllräume und deren Eingänge unterbricht die Kontinuität der Einkaufsstraße
Die aktiven Fassaden entlang der Maria-Tusch-Straße werden durch inaktive
Bereiche, wie Müllräume, unterbrochen.
So wird die Wahrnehmung als eine Einkaufsstraße geschwächt und die Randbereiche vom belebten, zentralen Teil der
Straße getrennt.

!
Fehlendes Gleichgewicht gemanagter
und nicht-gemanagter Zonen
Die nicht-gemanagten Zonen funktionieren momentan weniger gut. Die
aktiveren, gemanagten Zonen fehlen
besonders in den Randbereichen der
Maria-Tusch-Straße, wo sich eher die
kleinen, nicht-gemanagten, individuellen Einheiten befinden. Dieser Mangel
einer Durchmischung der beiden Zonen
fällt den kleinen ungemanagten Einheiten zur Last, die momentan einem
oftmaligen Betreiberwechsel ausgesetzt
sind.

!
Gestaltung der Erdgeschoße erschwert
die aktive Nutzung
Die Gestaltung der Erdgeschoßzonen
variiert sehr stark in Qualität: Während
einige sehr einladend und transparent
gestaltet sind, sind andere introvertiert
und durch Niveausprünge oder versetzte
Eingänge schwer nutzbar.

!
Inaktive Fassaden in bester Lage ohne
Bezug zum Außenraum
Die Funktionen in den Erdgeschoßen
werden nicht nicht mit dem öffentlichen
Raum abgestimmt. In der Bestimmung
der Funktionen wird der Außenbereich
(der breitere Gehsteig, die Flexzonen
und die Sonnenseite) kaum berücksichtigt. Dadurch befinden sich in bester
Lage oft sehr inaktive Fassaden, die sich
wenig nach Außen öffnen.

!
Rücksprünge der Fassaden machen die
Straße teilweise zu breit
Einige Gebäude entlang der MariaTusch-Straße springen zurück und
folgen nicht der Grundstücksgrenze. ­
Die Gesamtbreite der Straße ist erweitert, was sich negativ auf die Lebendigkeit der Straße auswirkt (dieser Effekt ist
entlang der Einkaufsstraße schwächer).
Eine große Anzahl an Menschen würde
benötigt, um den Straßenraum zu beleben. Ein schmälerer Straßenquerschnitt
würde der Nutzeranzahl daher entsprechen und der Straßenraum würde als
„stärker frequentiert“ wahrgenommen
werden.

!
Grundrisse wurden nicht entsprechend
möglicher Funktionen entworfen
Es erweist sich als Problem, dass die
Grundrisse der Erdgeschoße in der Planung nicht entsprechend der bestmöglichen Nutzungen entworfen wurden und
die Einteilung des Innenraums nicht in
Abstimmung mit dem öffentlichen Raum
geplant wurde – für einige Nutzungen
war daher viel Anpassung im Nachhinein notwendig.

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

11

leitlinien

6 LEITLINIEN
Um die ursprüngliche Vision der Roten Saite bestmöglich umzusetzen, wurden
6 Leitlinien entwickelt. Diese basieren auf den „Lessons learned“ der bereits
gebauten Maria-Tusch-Straße und liefern eine Hilfestellung für den zukünftigen
Umsetzungsprozess der restlichen Roten Saite.

1.

Die Identität stärken
•

•
•

•

2.

Zu Freizeitaktivitäten einladen
•

•

•

•

3.

Das größte Potenzial der Roten Saite sind die öffentlichen
Erholungsqualitäten, die diese bietet. Es sollte darauf geachtet werden, diese öffentlichen und kostenlosen Freizeitqualitäten auch in den dichteren Einkaufszonen anzubieten.
Die Idee der flexiblen Zonen entlang der Straße ist gut.
Jedoch reicht es aus, in Zukunft weniger dieser Zonen anzubieten. Außerdem wird empfohlen, ein unterstützendes
Veranstaltungsprogramm für diese flexiblen Bereiche zu
erarbeiten.
Entscheidungen auf das Mikroklima abstimmen: Es gilt
Erholungsqualitäten zu schaffen, die von den Vorzügen des
Mikroklimas profitieren und vor dessen Nachteilen schützen (Sonne, Schatten, Wind).
Platzierung der roten Möblierung: Die bereits bestehende
Möblierung hat sich als stark identitätsstiftend erwiesen,
der Wiedererkennungswert ist hoch. Daher sollte sie auch
ein Bestandteil der restlichen Roten Saite sein. Optimal
wären mobile Stühle, die eine regelmäßige Neuplatzierung
ermöglichen. Das neue Konzept könnte anfangs als temporäres Pilotprojekt umgesetzt, und sofern erfolgreich, später
generell implementiert werden.

Öffentliche Raumtypologien überlagern
•

12

Die Identität des öffentlichen Raums wird nicht nur durch
dessen Gestaltung, sondern auch durch das darin stattfindende Leben geprägt. Es gilt sicherzustellen, dass beide
Kriterien entlang der Roten Saite erfüllt werden.
Die Möblierung und Bepflanzung wirken identitätsstiftend
– dieses Potential sollte auch in Zukunft ausgeschöpft
werden.
Das ästhetische Raumerlebnis der Maria-Tusch-Straße
leidet unter dem „Patchwork-Effekt“ der unterschiedlichen
Pflasterung. Eine kritische Auswahl besserer und aufeinander abgestimmter Materialien (besonders an den kritischen
Schnittstellen zwischen öffentlichem und privatem Grund)
stärkt die Identität.
Maria-Tusch-Straße: „Plan B-Strategien“ sollten ausgearbeitet werden.

Der größte Erfolg der Maria-Tusch-Straße ist jener Ort, an dem
sich Straße, Platz und Park treffen. Die Überlagerung von
Raumtypologien und die daraus resultierenden Aktivitäten
schaffen einen multifunktionalen und lebendigen Treffpunkt.
Auch hier unterstützen sich Gebäude und Raum gegenseitig.
- Erstellen neuer Konzentrationspunkte durch sorgfältige
Planung von Orten, an denen unterschiedliche Typologien
aufeinander treffen.
- Konzentrationspunkte sollten so viele unterschiedliche
BenutzerInnengruppen wie möglich ansprechen (unterschiedliche Altersgruppen, tägliche NutzerInnen / Gäste, gewerbliche NutzerInnen / Freizeit-NutzerInnen etc.)
- Die unterschiedlichen Qualitäten jeder Raumtypologie sollten maximiert werden (ein Park wird wirklich grün gestaltet,
eine Straße soll sehr aktiv sein, usw.)
gehl

•

rote saite

-

lessons learned

leitlinien

5.

Den Alltag zelebrieren
•

•

4.

Die Rote Saite fungiert als Lebenslinie, denn dort spielen sich
viele Dinge gleichzeitig ab: Besonders der Alltag erweist sich als
ihre Stärke. Notwendige Aktivitäten wie Busfahren, Einkaufen,
von und zur Schule / Arbeit gehen usw. geben den grundlegenden Lebensrhythmus an der Straße vor. Auch in den neuen Teilen der Rote Saite sollte ein Schwerpunkt darauf gelegt werden,
diese Aktivitäten geschehen zu lassen und ihnen den entsprechenden Raum zu geben. So finden nicht nur „Zieleinkäufe“
einmal pro Woche oder Monat statt, sondern auch alltägliche
Aktivitäten, die den Stadtraum lebendig machen.
Entlang der Roten Saiten sollten genügend „Lebenskatalysatoren“ platziert werden (z. B. Bushaltestellen, Straßenbahnhaltestellen). Diese können als kleine „Alltagsoasen“ gestaltet werden und einen attraktiven Treffpunkt für alle bieten. Besonders
entlang der Einkaufsstraße und deren zukünftigen Sraßenbahnhaltestellen können solche Treffpunkte geschaffen werden.

Eine neue und starke Strategie für die Erdgeschoßzone

•

N
•

etzt

g

6.

Fortsetzung der bestehenden Einzelhandelsstrategie auch in
Zukunft, aber beachten, dass ein entsprechendes Gleichgewicht
zwischen gemanagten und nicht-gemanagten Geschäftszonen
besteht.
Der physische Grundriss (sowohl der Grundriss als auch die
Fassade) im Erdgeschoß der Gebäude muss besser funktionieren,
Empfehlungen:
- Eine neue Strategie für die Erdgeschoßzone erarbeiten, die
den Standort und die Größe von Einzelhandelseinheiten klar
definiert. Der Standort und die Funktion müssen auf die Potentiale des öffentlichen Raums (z. B. die Sonnenseite der Straße)
reagieren.
- Eine Fassadenstrategie für nicht-kommerzielle Erdgeschoßzonen erstellen und dabei auf eine qualitative Fassadengestaltung,
klar definierte Öffnungen und Eingangstüren, etc. achten.
- Eine neue Strategie für die Anordnung der Müllräume erstellen, um eine Orientierung der Müllräume in Richtung Hauptstraße zu vermeiden.
- Rücksprünge der Fassade an jenen Stellen, die ohnehin sehr
breit ausfallen, vermeiden, da der Straßenquerschnitt sonst zu
groß wird. Besonders am westlichen Ende der Maria-Tusch-Straße fällt der Straßenquerschnitt sehr breit aus.
- Einheitliche Pflasterung: Randzonen passend zum Straßenpflaster gestalten.

Den interdisziplinären Prozess erweitern
•

•

•

Maria-Tusch-Straße: Betrachtet man den Straßenschnitt, merkt
man, dass die beteiligten AkteurInnen gemeinsam gute Arbeit
geleistet haben. Ein guter interdisziplinärer Prozess zwischen Straßen- und Gebäudedesign erscheint auch für die Gebäudekante noch
notwendig
„Urban Floor Drawing“ zur besseren Übersicht und Integration im
zukünftigen Planungs- und Umsetzungsprozess von Innen- und
Außenraum der Roten Saite. Der städtische Boden deckt sowohl die
Außenräume als auch die Erdgeschoßflächen ab. Eine gesammelte
Zeichnungsdatei muss erstellt werden, in der alle Informationen
zum „Urban Floor“ gesammelt und aktualisiert werden.
aspern Seestadt als Ort, um neue Lösungen zu testen?
- Maria-Tusch-Straße weiter als neue Art von Straßenquerschnitt
testen
- neue Möglichkeiten der Regulierung temporärer Aktivitäten
testen: z. B. Aktivitäten / Veranstaltungen in den Flexzonen der
Roten Saite

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

13

leitlinien

14

gehl

•

rote saite

-

lessons learned

leitlinien

gehl

•

rote saite

-

© Daniel Hawelka
lessons learned

15

Juli 2018
Im Auftrag der Wien 3420 aspern Development AG
Gehl Team:
Lærke Jul Gagner— Projekt Managerin, Associate, Architect MAA
Karolina Petz — Architektin, Dipl.-Ing.
Lisa Müller — Architektin, Dipl.-Ing., M.Arch.
Gehl
Vesterbrogade 24, 5th floor
1620 Copenhagen V
Denmark
gehlpeople.com
mail@gehlpeople.com
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.