Path:
II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Von den Privatbühnen. Veränderungen. Wildenbruchs "Karolinger"

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

93 
selbe Antwort: „Wir können dem Publikum die Stücke, die 
es ablehnt, nicht aufdrängen. Wird in diesem Publikum 
der Sinn für die Tragödie wieder rege, so werden wir 
Tragödien geben." Darauf erfolgt dann wiederum die Gegen- 
antwort: „Eure Schuld ist es, daß unserem Publikum dieser 
Sinn abhanden gekommen ist: wenn ihr ihm Tag ein, Tag 
aus mir Stücke bietet, die dem leichten Geschmack fröhnen, 
eine flüchtige Belustigung gewähren und allenfalls einmal 
an die Nerven greifen, dann dürft ihr euch nicht wundern, 
daß es sich der schweren Tragödie gegenüber spröde und ab 
lehnend verhält!" Und so dreht sich in unmuthigem Wir 
belkreise Beschuldigung der Kritik und Entschuldigung der 
Directoren — nno cs bleibt beim Alten. 
Ter neue Director des Victoria-Theaters will es nun 
also allen! Anschein nach noch einmal auf einen Versuch an 
kommen lassen: er will feststellen, wer Recht hat: die Kritik, 
welche die Aufführung der modernen Tragödien fordert und 
die dem Theater die Fähigkeit zutraut, den Knnstgeschmack 
zu adeln nitd zu heben, oder die Directoren, die unter Be 
rufung auf die Ausweise der Casse die Tragödie einfach zu 
den Todten werfen. Er hat hintereinander zwei neue Tra 
gödien zur Aufführung gebracht: „Die Patricierin" von 
Richard Voß mit Clara Ziegler in der Hauptrolle und 
„Die Karolinger" von Ernst v. Wildenbruch. 
Diese hat einen entschieden durchschlagenden literarischen 
Erfolg errungen, der finanzielle scheint weniger bedeutend 
zu sein: aber das würde auch nichts beweisen, denn mit 
einem Schlage fällt der Baum nicht. Optimisten halten 
nach diesem Erfolge die Möglichkeit für durchaus nicht 
ausgeschlossen, das; das Victoria-Theater, wenn es nur un-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.