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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Von den Privatbühnen. Veränderungen. Wildenbruchs "Karolinger"

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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Das neue Victoria-Theater will aber auch nach allem 
Anschein noch eine andere Kunstgattung pflegen: die obdach 
lose deutsche Tragödie soll hier eine Heimstätte finden. Es 
wäre diesem edlen Stiefkinde des deutschen Theaters von 
Herzen zu gönnen! Wenn man einen Blick auf die Zu 
sammenstellungen wirft, welche die größten deutschen Bühnen 
alljährlich über ihre Leistungen veröffentlichen, so erschrickt 
man geradezu über die äußerste Lieblosigkeit, mit welcher 
die lebenden Tragödiendichter fast ohne Ausnahme behan 
delt werden. Nur Adolf Wilbrandt gegenüber hat das 
Burgtheater eine Ausnahme gemacht. Es hat den Muth 
gehabt, „Gajus Gracchus", „Arria und Messaliua" und 
„Nero" aufzuführen und es ist dafür belohnt worden. Im 
Allgemeinen aber erwirbt sich der Dichter, der eine Tragödie, 
womöglich in Versen, schreibt, die Anwartschaft darauf bei 
der Bewerbung um den Schillerpreis mit Auszeichnung ge 
nannt, von den Bühnenleitern aber so schlecht wie möglich 
behandelt zu werden. Tie Angst der Directoren vor den 
„nackten Beinen" ist sprichwörtlich. Es hilft nichts, daß 
alljährlich, namentlich um diese Zeit, wenn der Ausspruch 
über den Schillerpreis gefällt wird, in den Spalten der 
großen politischen und literarischen Blätter der ernste Mahn 
ruf ertönt: es sei doch ein Jammer, daß den Dichtern, 
welche die höchste und vornehmste Form der dramatischen 
Dichtkunst wählen und auf der von Shakespeare, Schiller 
und Kleist betretenen Bahn weiter schreiten wollen, bei jedem 
Schritte Hindernisse entgegengesetzt werden, daß ihnen Ent- 
muthigung als Wanderspruch auf den Weg mitgegeben wird 
und daß sic am Ziele ihrer unerquicklichen Bahn nur Un 
dank finden. Die Directoren haben darauf jedesmal die
        
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