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I. Lebende und Todte Reinhold Begas

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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durch. Dort lernte er, und zwar so gründlich wie nur einer, 
das Handwerk, und in der technischen Bildung des Mar 
mors und der Bronze ist er in der That ein unerreichter 
Meister geworden lind geblieben: das Beste aber, was man 
dem Knaben ja auch nicht sagen darf, hat er nicht von 
diesen Meistern erlernen können: das verdankt er dem liebe 
vollen Umgang mit der Antike und der Renaissance in 
Italien, der Anregung in dem befruchtenden srcundschaft- 
lichen Verkehr mit verwandten Kunstgenossen: mit den 
Malern Arnold Böcklin, Anselm Feuerbach uild Franz Len- 
bach, er verdankt es vor allem der Betrachtung und Beob 
achtung der lebendigen Schönheit. 
Von jenen Kunstlichtern, die den Künstler nur dann 
begreifen, wenn sie ihn in eines der bestehenden Fächer ein 
geordnet haben, wird Neinhold Begas, glaube ich, zu den 
„Realisten" gerechnet. Wenn unter diesem Realismus zu 
verstehen ist, daß die von Begas geschaffenen Gestalten tiefe 
Lebenswahrhcit und echte Lebenswärme besitzen, dann ist er 
allerdings ein Realist, eben in dem Sinne, wie es jeder 
schaffende Künstler sein soll. Aber er gehört keineswegs zu 
jenen Künstlern, die in der modernen Kunstrichtung Frank 
reichs als Realisten bezeichnet werden. Auch mit der Wahr 
heit kann Götzendienerei getrieben werden, und wir haben 
auf dem Gebiete der erzählenden Dichtung gesehen, zu welchen 
Verirrungen der Cultus der Wahrheit um jeden Preis 
führen kann und gerade in jenem Lande geführt hat, in 
dem die Volksweisheit den vernünftigen Spruch gefunden: 
„Toute verito n’est pas bonne ä dire“. In Frankreich ist 
eine gewisse Kunstrichtung durch merkwürdige Trugschlüsse 
zu der Folgerung gelangt, daß, weil auch das Ekelhaste und
        
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