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Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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gleichgültig geworden waren, die sich entfremdet und sogar 
in unverträglichem Widerspruch zu einander gestellt hatten, 
die Wiederherstellung der nöthigen Eintracht zwischen der 
sinnlichen Bedeutung der Dichtung und dem musikalischen 
Ausdruck — das war der Gedanke, der ihn von dem 
Augenblicke seiner Selbständigkeit aus leitete, der ihn in 
seinem künstlerischen Schassen fortan beherrschte und dem er, 
allen Ueberlieferungen zum Trotz, Geltung verschaffen wollte. 
Er war sich wohl bewußt, daß er da gewaltsam vor 
gehen müsse, daß er festgewurzelte Auffassungen unbarni 
herzig ausrotten, daß er zunächst kaum verstanden, erbitterte 
Feindschaften entfesseln würde. Aber er war von der Rich 
tigkeit seiner künstlerischen Mittel und Ziele so vollkommen 
durchdrungen, daß ihn nichts an sich irre zu machen ver 
mochte, und daß er in der klaren Vorhersicht eines endlichen 
gewissen Sieges die Mühsal des Kampfes nicht scheute. 
Wie Sieglindc Angesichts allen Jammers, der wider sie 
heranrückt, in begeistertes Frohlocken ausbricht, als sie ver 
nimmt, daß ihr ein Wälsnng im Schooße wächst, so jubelte 
auch der Dichtercomponist hell auf, als es ihm zur Er 
kenntniß kam, daß seinem mächtigen Schädel, ivie der Stirn 
des Zeus die gepanzerte Athene, das „Kunstwerk der 
Zukunft", das Musikdrama entspringen würde. Elend und 
Noth, Verkennung und Verfolgung schreckten ihn nicht. 
Mit Keulenschlägen zerschlug er jene Formen, die er für das 
Verderben unserer dramatischen Musik hielt. Er zertrüm 
merte die alte Oper mit ihren Arien, Romanzen, Duetten, 
Terzetten, Ensemblesätzen, kurz, den ganzen stattlichen, weise 
gegliederten Bau: das Buch — den „Text", das „Libretto", 
jenes armselige Ding, dem man sich geschämt hatte, einen ehr-
        
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