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Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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entscheidenden Augenblicke des Mordes, von den Stnnden 
und Tagen, die dem Verbrechen folgen, eine Vorstellung 
machen muß. 
Und nun naht die Stunde, in welcher der Briefträger 
den Rundgang beginnt. Der Erwartete kann jeden Augen 
blick kommen. Da hört der Mörder die schweren Schritte 
auf dem Gange, er läßt den Arglosen eintreten. Mit einem 
flüchtigen Blick macht er die Bekanntschaft des Armen, der 
im nächsten Augenblick durch seine Hand eine Leiche sein 
soll. Er muß den durch die Gepflogenheiten seines Berufes 
zum Mißtrauen gegen Fremde geneigten Beamten vertraulich 
machen, er muß mit ihm gemüthlich sprechen: „Kommt end 
lich das Geld aus Potsdam? Gott sei Dank! Ich habe 
lange genug daraus gewartet. Ach, bitte, machen Sie doch 
die Thüre zu, es zieht". 
Die Beiden sind allein. Der Eine nichtsahnend sein 
Geschäft erledigend, wie er tausende in der Woche zu erle 
digen hat im ruhigen Räderwerke seines geordneten Daseins: 
der Andere im Begriff, das Ungeheuerlichste zu thun, was 
ein Mensch begehen kann: ohne Haß, ohne Rache, ohne 
Leidenschaft einen braven Man», der ihm nie etwas zu 
Leide gethan hat, zu erschlagen und zu berauben. „Es ist 
kalt draußen. Sie nehmen vielleicht einen Schluck?" Er 
reicht ihm die Flasche. Er wendet sich, als wolle er den 
Schein unterschreiben: in demselben Augenblick greift er aber 
zum Hammer und schlägt den Unglücklichen mit wuchtigem 
Hiebe zu Boden. Der Betäubte, tödtlieh Getroffene röchelt 
noch; also noch einen Schlag, und noch einen. Nun ist 
Alles still. Tic Nachbarn haben nichts gehört. Keine un 
gewöhnliche Bewegung im Hause; aus der Straße der
        
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