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II. Planlose Wanderungen B. Durch die Kunstausstellungen Kunst und Kritik (Anton von Werner contra Frenzel). Schraders neuestes Gemälde

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

allermaßgebcndsten Kritikern hochgepriesen wurden, heute so 
gut ivic vergessen sind, das; andere, von denen man gar 
nichts oder wenig gehalten hat, erst nach ihrem Tode zur 
Höhe aufgestiegen sind. Würde Wolfgang Goethe, wenn er 
Metz und Sedan erlebt hatte, nicht in ein viel innigeres 
und wärmeres Verhältniß zu Heinrich Kleist getreten sein, 
als es ihm zu seiner Zeit vergönnt war? Und die Ver 
schiedenheit der Länder, die Verschiedenheit der Rassen — 
läßt sich das einfach abschütteln? Ist das nicht mitbestim 
mend bei der Anschauung, bei dem Empfinden, bei dem Ur 
theile des Individuums? 
Aber abgesehen von allen diesen Beeinflussungen, die 
das kritische Urtheil bedingen, kommen noch äußerliche Um- 
stände hinzu, welche es nothwendig machen, daß über 
dasselbe Kunstwerk von gleichberechtigten und gleich ehrlichen 
Richtern ganz verschiedene Urtheile abgegeben werden müssen. 
Das Kunstwerk wirkt ja nicht an sich; es bedarf auch der 
Mitwirkung anderer Factoren, über die der schaffende Künst 
ler nicht gebietet. Es ist keineswegs gleichgültig, ob ein 
Bild, das für einen kleinen Raum mit Seitenlicht gemalt 
ist, in einem großen Raume mit Oberlicht hängt, ob eine 
Oper gut oder schlecht aufgeführt wird, und in welcher 
architektonischen Umgebung ein Denkmal steht, und man 
braucht keineswegs Gehässigkeit oder Unkenntniß vorauszu 
setzen, wenn ein Kritiker über ein Kunstwerk, das er unter 
diesen Bedingungen sieht, ganz anders urtheilt, als ein an 
derer, dem cs unter anderen Bedingungen entgegentritt. 
Sv verbündet sich Alles, um die Forderung, daß die 
Kritik objectiv sein müsse, wenn sie überhaupt Anspruch auf 
Beachtung haben wolle, als eine Kindlichkeit, als eine
        
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