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Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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Schatten leuchtet etwas ans, glimmt etwas, — ein nüchter 
nes, ganz modernes und realistisches Irrlicht. Es ist ganz 
einfach die brennende Cigarre eines in der Finsternis; ver 
borgenen, kaum erkennbaren Herrn mit hohem Hute. Er 
wartet gemächlich gaffend ans das Opfer, das ihm die 
widerwärtige Alte zuführen wird. Im Halbschatten des 
Hintergrundes wird gespensterhast eine Riesen Hand, die sich 
dräuend gen Himmel erhebt, sichtbar, — eine nüchterne, 
ganz moderne und realistische Hand des Verhängnisses — 
das Schild eines Handschuhmachers. 
Das folgende Drama heißt: „Eine Mutter." Es ist 
ein Drama in drei Kunstblättern. Der Katalog erklärt die 
Handlung durch die trockene Meldung einer Criminalgeschichte 
aus dem Jahre 1881: „ Der Mann ist durch den Krach 
verarmt, Säufer geworden, mißhandelt Frau und Kind. 
Die Mutter stürzt sich in der Verzweiflung mit dem Kinde 
in's Wasser. Das Kind ertrinkt, sic wird gerettet, wegen 
Todtschlagcs vor Gericht gestellt und freigesprochen." Wir 
befinden uns in einem der alten und elenden Viertel unserer 
großen Stadt. Wir blicken von der Höhe ans die Dächer 
und oberen Stockwerke der schlecht gehaltenen unerfreulichen 
Hinterhäuser. Die beiden gegenüberliegenden sind durch eine 
Art bedeckter Brücke verbunden, eine Berliner Scuszcrbrücke. 
Aus dieser schreitet eine weibliche Gestalt, die unter der Last 
von Wäsche gebeugt ist, ruhig daher. Sie kümmert sich 
nicht um den traurigen Austritt i» dem Hause, das sie eben 
verläßt, — dessen oberes Stockwerk etwas zurückweicht und 
vor den Fenstern einen mit einem Gitter geschützten Gang freiläßt. 
Auf diesem langgezogenen elenden „Balkon" der Hoswohnung 
spielt sich der erste Act des Dramas ab: der angetrunkene Mann,
        
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